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Redlight Street #122: Gisa lässt den Playboy tanzen

2020 109 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gisa lässt den Playboy tanzen

Copyright

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Gisa lässt den Playboy tanzen

Redlight Street #122

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

 

Es ist Fasching und Dietmar ist pleite. Die Rechnungen stapeln sich auf seinem Tisch, und es gibt keinen Freund oder Verwandten, den er noch anpumpen könnte. Trotzdem geht er zum Fasching und trifft dort auch eine alte Freundin. Gisa kennt seine Situation noch nicht und glaubt ihm, als er behauptet seine Brieftasche im Auto vergessen zu haben. Sie bezahlt die Zeche und begleitet ihn nach Hause. Am nächsten Tag erkennt Gisa jedoch sehr schnell Dietmars Situation, aber anstatt die Flucht zu ergreifen, bleibt sie bei ihm und versucht zu helfen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Es gab keine Zweifel mehr, außerdem konnte er die Sache hin und herdrehen, sooft er nur wollte, es blieb immer beim alten, und das ärgerte ihn maßlos. Gewiss, er hatte das Unglück irgendwann heraufkommen sehen, aber Dietmar Hastig hatte sich noch nie viele Gedanken um lästige Sachen gemacht. Darum war er auch so mies gestimmt; denn nun musste er denken. Jetzt, wo alles zu spät war. Wirklich, es war gemein, das Schicksal hätte ihn eigentlich noch ein paar Mal warnen können. Dass sein Schicksal dies fast ununterbrochen getan hatte, daran erinnerte sich Dietmar ganz und gar nicht.

Mit einem Wort: er war pleite, blank, besaß keine Patte mehr, war im Augenblick nicht flüssig. Die Taschen waren leer, nicht mal mehr einen müden Groschen konnte er finden.

»Mist!«, knurrte er wütend vor sich hin. »Damit hätte es noch Zeit gehabt, jetzt mitten im Fasching, da soll man nicht wütend werden. Zu dumm!«

Da stand er nun am Fenster seiner sehr hübschen Wohnung, die er sich mal im Rausch eines Größenwahns zugelegt hatte. Sie war es auch, die ihn fast arm fraß. Aber man musste doch auf Äußerlichkeiten achten. Wie konnte er schnuckelige Mäuschen ranlocken, wenn man keine tolle Wohnung besaß?

Das muss auch noch gesagt werden: er war sehr darauf bedacht, nicht im Hafen einer Ehe zu landen. Dazu war ihm seine Freiheit viel zu kostbar. Um aber trotzdem flott leben zu können, sagte er sich, muss ich die Mädchen ziemlich oft wechseln, sagen wir mal, immer wenn sie diesen bestimmten Silberblick bekommen und nur noch von Aussteuer und Stückzahl reden, dann wird es höchste Zeit, ihnen den Laufpass zu geben und sich eine neue Biene zu suchen.

So war er also sechsunddreißig geworden. In Bayern würde man sagen: »Dös ist a gestandenes Mannsbild.«

Dabei sah er nicht mal wie ein Playboy aus, das war es ja eben, auf ihn fielen sämtliche Mädchen herein. Mittelgroß, schlank, ein hübsches Lausbubengesicht mit braunen Plüschteddyaugen, so sah er eigentlich wie ein Mann für die Ehe aus. Er konnte treu und harmlos blicken. Viele waren schon auf ihn hereingefallen, hatten wild seine Unschuld verteidigt, bis sie dann selbst daran glauben mussten.

Aber wie gesagt, im Augenblick war er etwas flügellahm; denn mit Geld ließ es sich leichter leben, und außerdem machte es auch viel mehr Spaß.

Fasching!

Alle Welt amüsierte sich köstlich, nur er stand hier oben am Fenster und sinnierte düster vor sich hin.

Zuerst ließ er einmal alle Freunde Revue passieren. Welchen konnte man noch anpumpen? Selbstverständlich wollte er sich das Geld nur für kurze Zeit ausleihen, er war schließlich ein Ehrenmann!

Bei längerem Nachdenken merkte er aber überrascht, dass er schon alle angepumpt hatte. Jetzt begriff er auch, warum sie ihm so geflissentlich aus dem Weg gingen.

»Saubande«, murmelte er vor sich hin. »Das wollen wahre Freunde sein, wirklich, ich werde nie mehr ein Wort mit ihnen reden, darauf können sie Gift nehmen.«

Dass sein jetziger Zustand schon fast notorisch war, das störte ihn nicht, also dachte er auch nicht weiter darüber nach, dass er möglicherweise selbst so handeln würde.

Also, die kamen schon mal nicht in Frage, verflixt, und er hatte sich so auf diese heutige Nacht gefreut, wo die ganze Stadt verrückt spielte, wo man sich an jeder Straßenecke ein wirklich schnuckeliges Mädchen an Land ziehen konnte. Denn heute war Rosenmontag! Aber diese Dinger wollten was trinken! Er übrigens auch! Seit vierundzwanzig Stunden hatte er schon keinen Drink mehr zu sich genommen.

Aber ohne Geld?

Er konnte unmöglich die Zukünftige anpumpen, bevor er sich ihr vorgestellt hatte. Nein, das ging wirklich nicht.

Jetzt ärgerte er sich maßlos, dass er so leichtfertig seiner letzten Freundin den Laufpass gegeben hatte. Sie war ziemlich hartnäckig gewesen und beinahe hätte sie es auch geschafft. Nur die wilde Lüge, er sei erblich belastet; denn sie wollte sogar Kinder haben, schreckte sie endlich ab. Der liebe Vater möge es ihm verzeihen! Aber über Fasching hätte er sich doch noch hinschleichen können. Ja ja, wenn man so impulsiv war, hatte man leider manchmal Pech.

Nun waren seine Gedanken schon wieder abgewandert und er wollte doch darüber nachdenken, woher er sich Geld pumpen konnte.

Der Großvater?

Aber bei dem war er schon so oft gewesen. Außerdem war er im Augenblick auch nicht sehr freundlich zu seiner Nachkommenschaft.

Die Mutter?

Freilich, das ging ihm gegen den Strich, sie würde ihm was geben, davon war er überzeugt. Sie war ja so sanft und glaubte noch felsenfest an ihren Jungen. Wenigstens ein Mensch, der gut von mir denkt, dachte er gerührt.

Also, warum nicht gleich? Natürlich werde ich ihr sagen, dass sie es am Ersten wiederbekommt. In der Freude wird sie dann gar nicht merken, dass ich nicht gesagt habe, zu welchem! Ich muss mir ja ein Hintertürchen offenhalten.

Hmhm, um wie viel kann ich sie mal erleichtern? Sagen wir mal dreihundert? Ach was, wenn ich schon pumpe, dann auch gründlich. Außerdem bis es das nächste Geld gibt, vergeht noch eine ziemlich lange Zeit.

Also fünfhundert! Ich frage mich sowieso, wie schafft sie die Pension eigentlich? Das Geld wird ja doch nur schimmelig, und bei den niedrigen Zinsen auf der Bank, wo es ihr Herzbubi im Augenblick so dringend braucht! Ich werde ihr außerdem versprechen, sie am Sonntag zu besuchen. Den ganzen Tag, Ehrenwort.

Dietmar war mit sich und der Welt wieder zufrieden. Er rieb sich die Hände und seine Plüschaugen blickten schon längst nicht mehr so grimmig.

Fast tänzelte er zum Telefon hinüber. Dabei sah er auch die längst überfällige Rechnung, schob sie schnell unter das Telefonbuch; denn heute wollte er sich nicht mehr ärgern. Heute wollte er ausgiebig feiern, lustig sollte es sein. Schnell mit dem Wagen zu Mamachen und das Geld holen, und dann wollte er sich in das lustige Gewühl auf den Straßen stürzen.

Er wählte!

Es dauerte eine ziemlich lange Zeit, bis endlich der Hörer abgenommen wurde. Die Putzfrau meldete sich.

»Dietmar hier, ich möchte meine Mutter sprechen.«

»Die ist nicht da!«, rief die Putzfrau barsch zurück.

»Wo ist sie denn?«

»Bei Großvaterchen, sie wollen nachher fort.«

Dietmars Hände begannen vor Enttäuschung zu zittern.

»Danke«, gurgelte er mit letzter Kraft.

Ganz langsam, im Zeitlupentempo sozusagen, wurde der Hörer wieder auf die Gabel zurückgelegt. Ein eiskalter Klumpen legte sich auf seinen Magen.

Damit hatte er wirklich nicht gerechnet!

Wieso konnte Mamachen ihn so im Stich lassen? Empörend! Aber alles Jammern nützte jetzt auch nichts mehr. Es verging dadurch höchstens kostbare Zeit.

Dietmar Hastig saß jetzt endgültig auf dem Trockenen!

Aber wenn er auch deprimiert war, so dachte er noch lange nicht daran, zu kapitulieren.

»Jetzt erst recht nicht! Die werden den Fasching nicht ohne mich feiern. Das wäre ja gelacht!«

Dietmar biss die Zähne zusammen.

Ich gehe jetzt runter auf die Straße, dachte er. Irgendwo werde ich einen der vielen Freunde treffen, und ich werde mich ihnen anschließen, oder ich pumpe sie schamlos an. Wenn sie in Damenbegleitung sind, werden sie einfach nicht wollen, dass man denkt, sie seien knauserig.

Gesagt, getan!

Die Schuhe angezogen, nachgeschaut, ob der Hemdkragen auch noch weiß war. Jäckchen an, fertig!

Die Hausschlüssel nicht vergessen!

Als er auf der Türschwelle stand, blickte er sich noch einmal um. Es war wirklich eine sehr hübsche Wohnung, und er betete inständig, dass ein holdes Wesen an seinem Arm baumelte, wenn er wiederkam.

Er brauchte ein Weib!

Jawohl!

 

 

2

Die Stadt war nicht wiederzuerkennen. Es herrschte ein toller Andrang. Alle lachten, sangen und tanzten mitten auf der Straße. Die Kneipen waren randvoll, und die Menschen quollen bis auf den Bordstein, aber das kümmerte sie keineswegs. Alle schienen sie auch genug Geld zu besitzen, denn keiner sah so traurig aus wie Dietmar.

Jetzt hatte er schon die Hauptstraßen zweimal abgeklappert, aber nicht ein Freund war ins Sichtfeld gelangt. Es ging wie mit dem Teufel zu. Einfach verrückt!

Aber dann sagte er sich, dass sie bestimmt in einer Kneipe oder Bar hockten. Ich täte das auch schon längst, wenn ich Geld besäße. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als sie alle abzuklappern.

So einfach war das aber gar nicht, sich in dem tollen Menschenhaufen durchzuwühlen. Aber Dietmar konnte ungeheuer zäh sein, wenn es darauf ankam.

Zwei Stunden später: Sieben Kneipen, zwei Bars abgesucht, keine Freunde gefunden! Fast wollte er schon nach Hause gehen; denn die Füße taten ihm weh. Er konnte sich ja nirgendwo niederlassen; denn dann würde gleich ein Kellner kommen und ihm was zu trinken bringen und wehe, wenn er dann nicht zahlen konnte, er würde in Untersuchungshaft landen, und das konnte er seinem guten Ruf wirklich nicht antun.

»So, das ist die letzte Kneipe, die ich ansteuere, und wenn ich hier niemanden finde, dann gehe ich heim, nehme Schlaftabletten, ziehe mir vier Kissen über die Ohren und vergesse die Welt, jawohl!«

Wieder stürzte er sich mutig in die Menschenmenge, flutschte wie ein Hering in jede Lücke, und so schaffte er es also, nach wenigen Augenblicken bis an die Theke vorzudringen. Von hier aus konnte man das Lokal so einigermaßen in Augenschein nehmen, ohne sich tottrampeln zu lassen.

Dabei stieß er mit einem Wesen zusammen, das träge und müde, wie eine schläfrige Miezekatze, auf dem Hocker saß und vor sich hinstarrte.

»Entschuldigung«, murmelte er. Höflich war er, in jeder Lage, das war sein Prinzip. Man konnte nie wissen, wann man die Menschen mal wieder brauchte.

»Macht nichts!«, sagte das Wesen.

Warum er hinblickte, konnte er später auch nicht mehr sagen. Jedenfalls tat er es. Seine Augen zogen sich sofort zusammen. Er kannte doch das Mädchen... Bei Gott, natürlich, wie hatte er sie nur nicht sofort bemerkt? Das war doch Gisa Gutermensch, eine alte Jugendliebe!

»Gisa!«, schrie er auf.

Das Wesen hob ein wenig die Augenlider, sah ihn träge an und grinste herablassend.

»Hallo!«

»Sag mal, altes Haus, kennst du mich denn nicht mehr?«

Er hätte nicht »altes Haus« sagen sollen; denn jetzt wurde sie putzmunter und hätte ihm womöglich etwas Böses angetan, wenn nur mehr Platz dazu vorhanden gewesen wäre.

»Hör mal, Bubi«, schnaufte sie, »ich glaube, bei dir sind ein paar Schrauben locker, wie?«

»Gisa, ich bin es doch, Dietmar Hastig! Mensch, dass ich dich in dem Gewühl treffe!«

Jetzt öffnete sie die Augen ganz weit, erkannte ihn tatsächlich und grinste ein wenig freundlicher.

»Da schau her«, meinte sie träge und stützte ihren Kopf in die rechte Hand.

Es wurde gerade der Hocker neben ihr frei und er schwang sich darauf. Freute sich riesig, denn jetzt hatte er einen Menschen gefunden, den er noch nicht angepumpt hatte. Dass es eine Frau war, bekümmerte ihn in seiner schlimmen Lage kein bisschen. Aber zugleich musste er sich eingestehen, dass es ihm doch ein wenig kalt den Rücken herunterrieselte. Gisa anpumpen, sich mit ihr einzulassen, war so, als ob ein Kaninchen sich, süß lächelnd, dazu bereit erklärte, einer Boa die Giftzähne zu lecken, weil sie es so wünschte und damit ihre Freundschaft kundtun wollte!

Ausgerechnet Gisa!

Verdammt, dachte er wütend, das Pech verfolgt mich heute aber wirklich.

Wann sie sich das letzte Mal getroffen hatten, daran konnte er sich nicht mehr erinnern. Aber das Geschöpf war anstrengend gewesen, bei Gott, an dieser Gisa konnte man sich die Zähne ausbeißen und war noch immer kein Stückchen weiter.

Sie waren dann wieder auseinandergegangen, in aller Freundschaft, das musste er ihr lassen, nett war sie ja, das Biest, aber ...

»Was machst du denn hier?«

»Ich?«, sagte er vorsichtig. »Nun ja, versuche mich zu amüsieren!«

»Allein?«, spöttelte sie.

»Jawohl«, sagte er traurig. »Ich bin allein.«

»Seit wie viel Minuten?«

Das Luder hatte nichts vergessen.

»Hör mal Gisa, müssen wir uns wieder zanken?«

»Eigentlich hast du recht, das ist langweilig. Du bist also nicht beweibt?«

»Ehrenwort!«

Die grauen Augen bekamen einen freundlichen Schimmer!

»Das freut mich«, sagte sie herzlich.

»Und du?«, fragte er vorsichtig zurück. Denn er hatte keine Lust, mitten beim Flirten von hinten erstochen zu werden.

»Ich auch nicht!«

»Das trifft sich ja fein!«, rief er strahlend. »Was hälst du davon, wenn wir Fasching zusammen feiern?«

Sie blickte auf die Uhr, nickte und sagte: »Wenn ich ihn jetzt irgendwo sehe, schlage ich ihm die Zähne ein.«

Man hatte sie also sitzenlassen.

Dietmar spielte den Kavalier, außerdem müssen Männer immer zusammenhalten, auch wenn sie sich nicht kennen.

»Hör mal, Mäuschen, bei dem Gewühl ist es unmöglich, pünktlich zu kommen.«

»Geschenkt! Trinken wir einen?«

»Gibst du einen aus?«

»Klärchen«, lachte sie ihn an. »Aus alter Freundschaft, Plüschauge.«

»Du hast also den Namen nicht vergessen?«

»Ich habe dich nie vergessen.«

»Ich fühle mich geschmeichelt.«

Sie prosteten sich zu.

Sein erster Drink, er war schon kurz vor dem Verdursten gewesen.

»Sag mal, du siehst irgendwie anders aus, ich kann es nicht so genau sagen, aber verdammt gut, ehrlich!«

»Sechs Kilochen abgehungert«, sagte sie strahlend. Sie freute sich, dass er es bemerkt hatte.

»Nein, wirklich? Ja, jetzt merk ich es auch, aber du hast nur da abgespeckt, wo es notwendig war, die andern Stellen sind noch immer hübsch.«

Dass sie nicht dagegen protestierte, zeigte ihm an, dass sie schon ein paar Drinks in sich hatte.

Während sie das nächste Getränk bestellte, betrachtete er sie eingehend. Sie sah wirklich nicht übel aus und hatte sich in der Tat ausgezeichnet gehalten. Sie musste die Dreißig schon überschritten haben. Wirklich, sie war umwerfend. Ob sie wohl noch ihre spitze Zunge hat, dachte er. Die war ihm damals auf die Nerven gegangen. Überhaupt, sie war so verdammt anstrengend, aber irgendwie hatte er sie doch nie vergessen können.

Egal, dachte er, ich hab jetzt ein Wesen mit Geld gefunden. Morgen werde ich weiterdenken, jetzt fällt es mir schwer.

Nach dem vierten Drink legte er den Arm um sie! Ein kleines Handküsschen konnte man auch mal riskieren, schließlich bezahlte sie ja die Zeche und da musste man schon ein wenig nett zu ihr sein.

Hmhm, dachte er, das Parfüm hat sie auch gewechselt, das Weib ist raffiniert!

Und wie sie mich angrinst: kühl, gelassen und doch voller Glut!

Zum Teufel, nun weiß ich’s wieder: ich hab nie mit ihr geschlafen! Ja, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, das war ja auch der Grund gewesen, warum ich dann getürmt bin.

Sie hielt sich für verdammt raffiniert, hat gedacht, sie würde mich dann fest an der Angel haben.

Nach dem fünften Drink fiel ihm ein, dass sie ihn gar nicht haben wollte!

So, dachte er grimmig, jetzt werde ich doch mal sehen, ob mein Charme bei ihr ankommt. So arg abgenutzt ist er ja auch wieder nicht. Außerdem, ich habe sie gefunden, so brauch ich nicht mehr Ausschau zu halten.

Zum Teufel noch mal, die setze ich mir heute zum Ziel. Ich werde sie schaffen. Dietmarchen, wenn du die rumkriegst, dann kannste dir selbst auf die Schulter klopfen, jawohl.

»Feiner Laden hier!«

»Ja, aber ziemlich voll.«

»Das ist heute überall so.«

Dietmar trank sein Glas leer und schob es dem Kellner wieder zu.

»Sag mal, was machst du eigentlich? Ich meine, beruflich?«

»Immer noch dasselbe: Sekretärin und außerdem ...«

»Was außerdem?«

»Wirst du mich auch nicht auslachen?«

»Ich lache nie junge hübsche Mädchen aus, das weißt du doch.«

Gisa grinste.

»Du bist immer noch der alte Schwerenöter, immer noch Süßholz und so.«

»Ist das nicht mehr gefragt? Sag bloß nicht, ich sei altmodisch.«

»Ach, weißt du, es ist hübsch, ehrlich, es macht doch Spaß.«

»Siehst du«, grinste er sie überlegen an. »Das hab ich mir auch gedacht. Das junge Gemüse ist immer so direkt und ohne Nettigkeit. Aber dabei macht es doch so viel Spaß, Prost!«

Sie lächelte ihn hintergründig an. Wenn er denkt, er kann mich schaffen, dachte sie, dann irrt er sich. Ich lass mich nur schaffen, wenn ich es will, so!

Er sieht wirklich noch ganz proper aus. Eigentlich schade, dass wir uns so lange nicht mehr gesehen haben. Und Köpfchen hat er auch! Zwar bin ich auch nicht ganz so dumm, aber na ja!

»Prost Dietmarchen!«

»He, ich glaube, du willst nur ablenken, Süße.«

»Wieso?«

»Du hast mir noch gar nicht gesagt, was außerdem bedeutet!«

»Nein? Wie vergesslich man doch wird. Aber ich frage mich, ob ich’s dir sagen soll.«

Die Drinks taten ihre Wirkung.

Dietmar beugte sich rüber und küsste sie, ohne vom Hocker zu fallen, und das war schon eine kleine Leistung.

»Du gehst aber ran«, grinste sie ihn an.

»Ich knüpfe nur dort an, wo ich damals aufgehört habe. Sozusagen noch altes Besitzerrecht.«

»Ach, du meine Güte!«

Wieder prosteten sie sich herzlich zu. Gisa hatte schon einen ganz weichen Blick. Er sah es mit Entzücken und dachte: Na, morgen wirst du baff sein.

Wenn Dietmarchen in Form war und alle seine Register zog, also wirklich, dann konnte man ganz hübsch staunen. Außerdem hatte er da so eine Taktik! Ei, jei, jei! Und küssen konnte er, wirklich, Gisa konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass er früher auch mal so gut gewesen war.

Vielleicht sind die anderen Qualitäten auch nicht zu verachten, dachte sie jetzt. Man sollte es darauf ankommen lassen. Aber wie komme ich mir dann vor? Er glaubt zwar, er habe mich rumbekommen, doch in Wirklichkeit ...

Soll ich ihm mal den Gefallen tun? Soll ich wirklich fünf gerade sein lassen?

Piet war für sie schon vor gut einer Stunde gestorben. Der kann mich mal, dachte sie ärgerlich. Vielleicht ist das so etwas wie eine Fügung Gottes, vielleicht sollten wir uns wiedersehen. Ja, und so arm ist der Bubi auch wieder nicht, und einen guten Ruf hat er auch in dieser Stadt. So übel ist er nicht, ich meine, wir kämen schon aus, und lustig, verflixt lustig würde es sein. Aber der liebe Junge wird sich sträuben, ach Gottchen, er wird sich das Herz aus dem Leibe schreien, wenn er erst einmal merkt, wie sehr er an meiner Angel hängt. Gottchen, dann ist es aus, oder, na ja, warum soll ich ihm die Flügel stutzen, ich bin doch nicht blöde! Also sagen wir mal, ein kleiner Vertrag unter Ehrenleuten, du meckerst bei mir nicht herum, ich dafür nicht bei dir, wir haben hin und wieder unseren Spaß, oder auch nicht, aber sonst machen wir uns ein lustiges Leben.

Dietmar ging zum Angriff über, doch Gisa lenkte ab und fragte: »Sag mal, wohnst du noch immer in der alten Bruchbude, wo deine Vermieterin mitgehört hat?«

»Was, du weißt noch nichts von meiner tollen Behausung, also wirklich, Gisa, du beleidigst mich langsam. Ich habe eine Wohnung, da wirst du dir die Finger lecken und neidisch sein, jawohl! Und einsame Spitze ist das Bad, zweischläfrig und im Boden eingelassen. Mit Dachgarten, alles da, ich sage dir, ein Traum.«

Der Junge hatte sie langsam neugierig gemacht.

Sie lachte herzlich auf.

»Zweischläfrige Wanne, also, das hab ich noch nicht gehört. Du flunkerst mal wieder.«

»Hör mal, wenn du nicht so prüde wärst, würde ich sie dir ja vorführen, aber...«

Sie streichelte seine Wange, er schnurrte wie ein Katerchen und himmelte sie an, ja, im Augenblick war sie für ihn das hübscheste und herrlichste Geschöpf auf Erden. Der Drink war aber auch nicht zu verachten.

»Hör mal, ich bin doch keine achtzehn mehr!«

»So lange ist das schon her?«, staunte er.

»Ja, und wir haben noch keine grauen Haare und am Stock gehen wir auch noch nicht.«

»Ich kann mich noch daran erinnern, dass du früher auf ältere Semester gestanden hast, meine Liebe. Ich war ganz schön eifersüchtig, jawohl.«

»Ach, du meinst den Ersten?«

»Wie? Hast du noch mehr gehabt?«

Sie seufzte und musste sich erst einmal trösten.

»Weißt du, er ist mir zu edel!«

»Wie bitte?«

»Stell dir mal vor, das ist der einzige Mann gewesen, dem ich gesagt habe, dass ich ihn liebe ...«

»Donnerwetter!«

»Er kann nichts damit anfangen, darum habe ich es jetzt endgültig aufgegeben, das heißt, ich bemühe mich.«

»Also sind da noch ein paar Wunden?«

»Ach, der ist manchmal komisch. Weißt du, dann ist er so nett, ich kann dir das gar nicht beschreiben, dann könnte man vor Freude in Tränen ausbrechen und einen Augenblick später kommt er mit seiner Holzhammerbehandlung. Nein, ich habe es aufgegeben, ich habe mich gewandelt.«

»Das ist ja ausgezeichnet, und ich hatte schon Angst, irgendwo ins Fettnäpfchen zu treten. Ich mag ihn nämlich auch gerne, aber unter Männern, weißt du, da respektiert man das halt.«

»Püh, püh, das soll ich dir glauben?«

Er umarmte sie, küsste sie leidenschaftlich und flüsterte ihr dann ins Ohr. »Soll ich dir mal meine Badewanne vorführen, Gisachen?«

Sie gab ihm einen Nasenstüber.

»Wirst du auch nicht rot?«

Er lachte.

»Seh ich so aus?«

»Ich weiß nicht! Strip vor mir, du, das wäre ein Ulk. Ja, das machen wir.«

»Ich habe eine Idee: wir nehmen eine Flasche mit und zockeln zu mir, und dann feiern wir. Vielleicht finden wir auch noch was Gescheites zum Essen im Kühlschrank.«

»Wieso, biste so lange nicht mehr in deiner Wohnung gewesen?«

»Arbeit, weißte ...«

Dietmar kannte sich mit den Getränken aus, und was er jetzt verlangte, war wirklich etwas Gutes. Dann tat er natürlich so, als suche er seine Brieftasche und sagte erschrocken: »Ach du meine Güte, die habe ich im Wagen liegenlassen. Hoffentlich hat die keiner geklaut. Du, ich lauf mal hin und hole sie.«

»Wo haste denn deine Bezinkutsche stehen?«

»Am Säuferpark!«

»Hör mal, ich bezahl die Rechnung, kannst es mir ja wiedergeben. Ich habe keine Lust, Stunden auf dich zu warten. Bei dem Gewühl auf der Straße, wirste nicht so schnell wieder zurück sein.«

Er nahm ihren Arm, sah sie grinsend an und meinte fröhlich: »Haste Angst, dass ich nicht wiederkomme?«

»Vielleicht«, sagte sie neckend.

Er war angeheitert, nicht betrunken, also wusste er noch ganz genau, was er sagte und tat, und so fragte er sich jetzt, ob es ihm gelingen würde, die harte Nuss zu knacken. Oder sollte er doch das Weite suchen?

Aber vielleicht braucht sie einen Mann, dachte er. Für eine Nacht, du liebe Güte, ich habe schon eine Menge geschafft. Nach dem Frühstück sage ich ihr dann, wo es langgeht. Wenn sie überhaupt so lange bleibt ...

Nicht verheiratet, die wird mir doch nicht sagen, dass sie die ganze Zeit wie eine Nonne gelebt hat.

Sie verließen das Lokal.

 

 

3

Bis zu seiner Wohnung, von der Innenstadt her gesehen, war es nicht sehr weit. Also gingen sie zu Fuß. Gisa besaß auch ein Auto, eines in Kleinausführung. Unterwegs erzählte sie dem staunenden Dietmar, dass sie verheiratet gewesen sei. Vielleicht sollte er sich doch verdünnisieren?

Sie standen vor dem mittelprächtigen Hochhaus. Oben auf dem Dach befand sich ein Bungalow mit allen Schikanen, für einen einzelnen Mann viel zu üppig, aber Dietmarchen brauchte das halt eben.

Während sie mit dem Fahrstuhl nach oben fuhren, küsste er sie leidenschaftlich. Langsam kam auch bei Gisa ein wenig Glut auf. Sie mochte ihn wirklich gern. Vielleicht, dachte sie, vielleicht ist er wirklich gut, dann könnte ich länger mit ihm zusammenbleiben. Aber zuerst muss er sich mal bewähren. Männer mit einer großen Klappe, die kenne ich zur Genüge.

Dietmar hatte wirklich nicht übertrieben. Es war wirklich schön hier, und was Gisa so sah, zeugte von Geschmack. Morgen würde sie ihn fragen, ob er das alles allein ausgesucht hatte. Heute wollte sie sich nicht die Stimmung verderben.

Das Wohnzimmer war einfach riesig und toll.

Dietmar kramte schon in der Barecke herum und suchte die Gläser. Im Vorbeigehen hatte er den Plattenspieler eingeschaltet und dezente Beleuchtung war auch vorhanden. Die Tür zum Schlafzimmer war nur angelehnt.

Gisa amüsierte sich im stillen.

So also geht ein Verführer vor, dachte sie heiter. Die Mädchen machen es ihm auch zu leicht, wirklich, er muss ein paar Federn lassen, sonst macht das keinen Spaß. Anstrengen wird sich das Bübchen müssen.

Das Lachen gluckerte in ihr hoch, aber sie beherrschte sich.

»Willkommen und auf herrliche Stunden«, sagte Dietmar anzüglich.

Er war selig, er hatte nicht nur ein Weib in seine Behausung gelockt, sondern auch noch das passende Getränk dazu.

»Und wo ist das Bad?«

»Komm mit!«

Wenig später stand sie vor dem Prachtstück: ringsum Spiegel, grüne Kachel mit einem exotisch wirkenden Dekor, die breite, runde Wanne, dezente Beleuchtung, flauschige, große Handtücher und dazu der verführerische Duft einer teuren Seife. Wirklich, das Bad war eine Wucht!

Gisa trug einen schwarzen Anzug mit breitem goldenen Gürtel. Sie machte sich sehr gut in dem Bad.

»So, ich lass schon mal das Wasser laufen, ja?«

Dietmar bekam fast Froschaugen.

»Wieso?«, stotterte er.

»Aber du hast mir doch im Lokal gesagt, du würdest mir das Bad richtig vorführen, dazu gehört auch, dass man ein Bad nimmt. Also, während ich das Wasser beaufsichtige, machst du einen Strip vor mir, ja?«

Dietmar hatte einen zugeschnürten Gänsehals und schielte sie schräg an.

»Das ist doch nicht dein Ernst? Hör mal, Gisa, wo wir uns nach so langer Zeit wiedergetroffen haben, könnten wir uns doch die Zeit wirklich anders vertreiben.«

»Ach, die Bettdecke ist auch schon aufgeschlagen?«

Er errötete sogar.

Dietmar hätte sich am liebsten selbst in den Hintern getreten, wenn das nur gegangen wäre. Also doch Mist, sie hatte nicht nur die spitze Zunge beibehalten, nein, sie war auch noch sadistisch geworden.

Das hatte er noch nie getan, sich vor einem Weib ausgezogen. Darin genierte er sich fürchterlich. Er ging immer ins Bad und kam dann mit Bademantel heraus. Erst später, na ja, dann ließ sich das nicht umgehen.

Aber fast stocknüchtern sollte er... ?

Ein Blick in die Augen der Frau und er wusste, wenn er es nicht tat, würde er für alle Zeiten als ein Waschlappen gelten, und seltsamerweise hatte er das wilde Bedürfnis, gerade in ihren Augen als ein toller Hecht zu gelten.

»Ich geh ins Schlafzimmer«, murmelte er.

Ihr spöttisches Lachen nagelte ihn fest.

»Darf ich wenigstens die Musik lauter stellen? Man hört sie hier so schlecht!«

Die Wanne war fast voll. Der Schaum bauschte sich mächtig auf. Gisa spielte mit den beiden Schiffchen. Dietmar errötete abermals. Warum nur hatte er sie nicht versteckt?

Er stürzte ins Wohnzimmer.

Mit Todesverachtung schüttelte er den halben Inhalt der Flasche in sich hinein. Wenige Augenblicke später merkte er schon die Wirkung.

»Biest«, murmelte er vor sich hin. »Wenn du meinst, du hast mich, dann irrst du dich gewaltig.«

Als er zurückkam, riss er sich buchstäblich die Sachen vom Leibe.

»Nicht so schnell, ich krieg ja nichts mit!«, schrie sie empört.

Aber da sprang er auch schon ins Wasser und grinste sie hämisch an.

»So, und du bist ein Feigling, wenn du es mir nicht nachmachst, Biest!«

Dieses Lächeln!

Er sah es schon fast doppelt und kämpfte gegen das heiße Wasser an, denn das förderte den Schwips noch mehr. Und dann traute er kaum seinen Augen.

In aufreizender Langsamkeit zog sie sich aus. Er hatte sie noch nie nackt gesehen, und jetzt legte sich so etwas wie ein lila Schleier vor seine Augen. Dann der Busen, nein, er durfte nicht mehr hinsehen, er wurde fast verrückt. Er hatte nur noch einen Gedanken: raus aus der Wanne, rein ins Bett!

Gisa stieg zu ihm in die Wanne!

Er fühlte ihren Körper, war fast besinnungslos wild nach ihr und jetzt handelte er nur noch instinktiv. Gefragt wurde gar nicht mehr lange.

Diese verdammte Schlange, dachte er nur immerzu, der werde ich es jetzt zeigen. Die hat mich schon so lange herausgefordert, jetzt zeige ich es ihr aber. Die wird noch Augen machen.

In der Tat, das machte sie dann wirklich.

»Du liebe Güte, doch nicht in der Wanne«, keuchte sie.

»Warum nicht, das mach ich immer, das ist ein umwerfendes Gefühl.«

Sie lachte glucksend.

Nein, das hatte sie auch noch nicht erlebt. Das Wasser geriet in Wallung und schwappte manchmal sogar über. Die Schiffchen landeten kopfüber irgendwo in den wilden Fluten. Gisa lachte und lachte.

Dietmar kämpfte wie ein Stier.

Er würde über sich selbst hinauswachsen, wie er noch nie gewesen war. Ja, so musste sich Gott Amor fühlen. Dietmar keuchte und stöhnte nicht schlecht.

Der arme Junge gab sich die größte Mühe, und sie spornte ihn an bis zum »Geht nicht mehr«!

Er war wirklich nicht schlecht, selbst Gisa musste sich das eingestehen. Ihre Augen bekamen einen weichen Glanz, und sie zerzauste ihm das Haar.

Er schnurrte wie eine Nähmaschine und arbeitete wie ein fabrikneuer Roboter, bis die Batterien verbraucht waren. Und die waren so schnell und schlagartig alle, dass er halb bewusstlos wurde, und wenn Gisa ihn nicht aufgefangen hätte, wäre er glatt nach diesem Glanzstück im eigenen Bad ersoffen!

Im ersten Augenblick hielt sie das für einen neuen Scherz, als er untertauchte, aber als er dann nicht wieder von alleine hochkam, wusste sie Bescheid.

Sie zerrte ihn hoch, stülpte ihn über den Beckenrand. Der Alkohol tat seine Wirkung. Er war zu nichts mehr allein fähig. So schleifte sie ihn durch das tolle Wohnzimmer in die Schlafstube. Doppeltes Bett und das als Junggeselle! Gisa schnaufte empört. Aber sie schaffte ihre Last ins Bett.

Von dieser Herkulesarbeit war selbst Gisa müde geworden. So legte sie sich gleich neben Dietmarchen Plüschauge, wie sie ihn noch immer nannte.

Dieser kuschelte sich selig an das Mädchen, legte seinen Wuschelkopf an ihren noch nassen Busen. So entschlummerte er, und nach ein paar Minuten begann er zu schnarchen.

Du liebe Güte, dachte das Mädchen, das kann ja heiter werden. Wie soll ich da ein Auge zutun? Sie wollte sich aus dem Bett fortschleichen. In diesem großen Kasten würde sich doch bestimmt ein zweites finden.

Aber er hielt sie auch noch im Schlaf fest. So seufzte sie nur auf und fügte sich ins Unvermeidliche. Es dauerte nicht lange, bis auch sie einschlief.

 

 

4

Natürlich hatten sie vergessen, die Vorhänge zuzuziehen. Die Sonne schien Dietmar mitten ins Gesicht. Seine innere Uhr sagte ihm, dass er heute nicht zur Arbeit musste, und außerdem hatte er das verdammte Gefühl, in seinem Kopf seien ein paar emsige Bienen mit Schmiedehämmern eingezogen.

Er wollte sich noch mal auf die andere Seite werfen und noch ein gründliches Nickerchen tun, um der bösen Welt wieder gerade in die Augen schauen zu können.

Doch mit dem Herumwerfen war das gar nicht so einfach, er stieß gegen etwas. Blitzschnell richtete er sich kerzengerade im Bett auf und starrte auf den Buckel unter der Bettdecke. Dabei merkte er, dass er vollkommen nackt war, aber das störte ihn nicht mehr viel. Aber um Gotteswillen, wer war das Bündel nebenan? Hatte er so schlimm gefeiert, dass er sich an nichts mehr erinnern konnte? Nein, im Augenblick konnte er das wirklich nicht. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als einen Blick unter die Decke zu riskieren. Das Weib war auch nackt! Na ja, warum auch nicht, schon wegen der Gleichberechtigung. Sie hatte dunkelblonde Haare, sah eigentlich nicht übel aus, aber sie hatte die Nase tief in das Kissen gesteckt. Und aus ihrem Rücken konnte er nicht schließen, wer sie war. Vielleicht sollte er vorsichtig aufstehen, nachsehen. Bestimmt hatte sie so etwas wie eine Tasche bei sich. Peinlich, Dietmar, dachte er, wenn sie gleich aufwacht und ich kann sie nicht anreden, weil ich ihren Namen nicht mehr weiß. Schön sauer wird sie sein.

Während er noch unentschlossen zögerte, rührte sich jetzt das Bündel, der Kopf wurde gehoben und zur Seite gedreht. Dietmar fielen die Augen bald aus den Höhlen. Natürlich kannte er sie sofort.

»Gisa!«

»Na, fröhlich klingt das keineswegs, Alterchen, wo ich dir in der Nacht sogar noch das Leben gerettet habe. Also, ein wenig Dankbarkeit bitte!«

»Leben gerettet?«, echote er verdutzt.

Sie setzte sich auf und grinste ihn an. Dietmar dachte: die sieht auch unausgeschlafen nicht übel aus. Außerdem hat sie eine Menge Humor, nicht nur eine spitze Zunge. Irgendwie fand er sich auf einmal pudelwohl. Warum, das konnte er sich auch nicht erklären.

»Deine Badewanne hielt dich umkrallt!«

»Badewanne?«

»Du bist wie ein Papagei, also wirklich, Plüschauge, so gesoffen haben wir auch wieder nicht.«

Jetzt dämmerte es ihm: das Bad, er hatte einen Strip hinlegen müssen.

»Du warst nicht schlecht und das im Bad, in der Wanne, Dietmarchen, ich glaube, es wurde höchste Zeit, dass ich aufgekreuzt bin, wirklich, sonst verlotterst du noch ganz, ich werde jetzt ein Auge auf dich halten, ja!«

Die nackte, kalte Angst rieselte ihm über den Rücken. Oh, mein Gott, was sollte das heißen? Aber dann hörte er sie sagen: »Ich werde jetzt aufstehen und uns ein zünftiges Frühstück machen. Ich glaube, auch dir wird das guttun. Kannst noch ein wenig liegenblieben, meinetwegen.«

Mein Gott, dachte Dietmar erschüttert, sonst muss ich immer raus und die Damen bewirten, das nennen sie dann Emanzipation. Merkwürdig, Gisa ist doch ein Biest, wirklich, dafür habe ich sie die ganze Zeit gehalten. Außerdem ist sie es bestimmt noch immer, aber dass sie auch so nett sein kann ...

Sie ließ ihn also mit seinen wilden Betrachtungen über die Zukunft allein und spazierte aus dem wundervollen Schlafzimmer. Zuerst ging sie ins Bad, dort sah es wüst aus, aber sie duschte sich nur kurz, fand noch eine neue Zahnbürste und einen hübschen Morgenrock. Er passte ihr sogar. Na ja, dachte sie, bei seiner Größe wird er sich immer die gleichen Mädchen angelacht haben.

Während sie die Küche suchte, entdeckte sie im Wohnzimmer, Esszimmer und der Diele viele aufgerissene Briefe, zum Teil lagen sie sogar auf dem Boden. Sie bückte sich danach und hob sie auf. Dabei stellte sie fest, ohne neugierig zu sein, dass es sich um lauter Rechnungen handelte. Nachdenklich stapelte sie die Briefe auf und ging dann in die Küche.

Wenig später wurde Dietmar vom Kaffeeduft und gebratenem Speck angelockt. Wie ein Heinzelmännchen deckte er den Tisch.

Als sie mit dem Tablett kam, lächelte sie ihn reizend an und bedankte sich sogar. Dietmar war erschüttert. Warum nur hatte er sich ein so falsches Bild von dem Mädchen gemacht?

Schon lange hatte er nicht mehr so ausgezeichnet gefrühstückt und bestimmt war sie auch eine gute Köchin. Um galant zu bleiben, sagte er herzlich: »Also, wegen deiner Kochkünste hat dich dein Mann bestimmt nicht verlassen.«

»Nein.«

Dietmar trank seinen Kaffee, und jetzt fielen ihm ihre Worte wieder ein. Er stellte die Tasse hin und sagte freundlich: »Gut, bleiben wir für eine Weile zusammen. Es wird amüsant sein, Gisa.«

»Du bist also der gleichen Meinung?«

»Ja!«

»Nun, dann können wir ja nachher damit anfangen.«

»Womit? «

»Mit dem Umzug«, sagte sie fröhlich.

Sein Unterkiefer klaffte herunter.

»Waas?«

»Habe ich dir denn nicht gesagt, dass ich jetzt zu dir ziehe? Ich habe nur eine schäbige Bude. Weißt du, nach der Scheidung konnte ich mich noch nicht viel darum kümmern. Du hast hier ja genügend Platz, und ich finde, wir sind alt genug, um uns keine Schwierigkeiten zu machen.«

»Was willst du damit sagen?«, fragte er mit heiserer Stimme.

Sie lächelte ihn glitzernd an.

Verdammt, ihm wurde ganz weich und flau im Magen. Dem Weib war er nicht gewachsen.

»Oh«, hörte er sie lustig sagen, »ich werde dich heiraten, Dietmarchen.«

»Nein«, röchelte er, »ich bleibe bis zum Schluss Junggeselle.«

»Schon wegen der Rente«, sagte sie stur. »Ja, deswegen ist es sehr wichtig. Ich hab nicht immer geklebt, weißt du. Es gab da so gewisse Schwierigkeiten.«

»Nein!«, kreischte er.

»Macht nichts«, meinte sie tröstend. »Es braucht ja noch nicht heute zu sein. Du wirst dich langsam an den Zustand gewöhnen, und dann werden wir heiraten!«

Im Bett hatte er sich noch vorgenommen, sie anzupumpen.

»Gisa«, sagte er mit letzter Kraft, »ich weiß nicht, du bist aber auf dem Holzweg, bei mir ist nichts zu holen, verdammt noch mal, gar nichts! Kapiert? Ich bin blank, ausgeblutet, hörst du. Wenn du denkst, du würdest hier wie eine Made im Speck leben können, dann irrst du dich wirklich.«

»Ach ja, richtig, gut, dass du mich daran erinnerst! Du hast vollkommen recht, wir befinden uns beide auf einem sinkenden Schiff«, sagte sie jetzt leichthin.

»Waaas?«

Sie sah ihn richtig mütterlich an, ihm ging es durch und durch.

»Verzeih«, meinte sie herzlich. »Ich wollte wirklich nicht neugierig sein, aber ich hab sie nur aufgehoben und aufgestapelt.«

»Wovon redest du eigentlich?« Er war totenblass geworden.

»Von den Rechnungen«, erklärte sie schlicht.

Ihn packte das Grauen. Sie hatte es gewusst, die ganze Zeit, und ...

Der letzte Rest Kaffee gab ihm ein wenig von seinem Rückgrat wieder.

»Gisa«, gurgelte er, »du kannst es nur im Scherz gesagt haben!«

»Was?«

»Dass du mich heiraten willst, trotz allem, das ist doch nicht dein Ernst!«

»Du brauchst jemanden der auf dich aufpasst, Dietmar, wirklich. Ich werde es tun, und es wird nicht mehr lange dauern, dann wirst du mir vor Dankbarkeit die Füße küssen, jawohl! Du wirst keine Schwierigkeiten mehr haben und als wirklich glücklicher Mensch leben können.«

»Wenn du mich glücklich sehen willst, gib mir ein wenig Geld und geh wieder«, sagte er mit versagender Stimme.

In diesem Augenblick machte es in der Diele plopp.

»Was ist das?«

»Briefkasten«, sagte er schaudernd.

»Willst du die Liebesschwüre nicht lesen?«

»Ich habe zur Zeit keine Freundin«, knurrte er sie an.

»Ach ja, richtig, du bist treu. Wie konnte ich das nur vergessen? Du bist immer einer treu, ja, das muss man dir lassen. Darum bist du ja auch ein so liebenswerter Bursche.«

»Danke«, würgte er mit der letzten Kraft seiner Würde hervor.

Gisa wollte sich erheben.

»Bleib sitzen, es sind doch nur Rechnungen.«

»Und du siehst sie dir noch nicht mal an? Also wirklich, das ist nicht nett von dir, wo sie sogar noch Porto für dich ausgeben, Dietmar.«

Er sah sie entschwinden.

Dies war sein schwärzester Tag im Leben und verzweifelt überlegte er, wie er das Biest wieder aus dem Haus bekam.

Gisa kam nur mit einem Brief zurück. »Er ist von deiner Bank, Dietmar!«

Er nahm das Butterbrotmesser und öffnete damit den Umschlag, weil er mittlerweile begriffen hatte, dass sie das von ihm erwartete. Jetzt würde der ganze Tag für ihn verdorben sein, und er hatte an eine niedliche, nette Nachfeier im Bett gedacht.

Gisa bestrich ein neues Brötchen und achtete also nicht auf Dietmar. Sie blickte erst wieder auf, als dieser zu gurgeln anfing und richtig grün im Gesicht wurde.

»Bring mir einen Schnaps!«, japste er.

Sie sprang auf und holte das Gewünschte. Danach saß er eine Weile ganz still, sah aber schrecklich mitgenommen aus.

»Ist es sehr schlimm?«

Er sah sie an.

Details

Seiten
109
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936858
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v518305
Schlagworte
redlight street gisa playboy

Autor

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Titel: Redlight Street #122: Gisa lässt den Playboy tanzen