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Donovans Fort

2020 108 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Donovans Fort

Copyright

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Donovans Fort

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Jeff Lorrimers kommt nach Jahren wieder nach Jessupville. Dort empfängt ihn der junge Doyle Jessup, der nach dem Tod seines Vaters das Sagen in der Stadt hat, und bietet ihm einen Job an. Jeff soll Big Bill Donovan töten, der sich mit seiner Enkelin verschanzt hat. Er nimmt zum Schein den Job an, denn er ahnt, dass Jessup ihn Blei schmecken lässt, würde er ablehnen.

Von Big Bill erfährt Jeff, was vorgefallen ist und macht sich auf den Weg, die Männer der alten Crew zu suchen, um gemeinsam Jessup und seinen Revolverschwinger das Handwerk zu legen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Harte Fäuste hoben den Gefangenen aufs Pferd. Ein Schwarzgekleideter streifte ihm die Hanfschlinge über den Kopf. Der Galgenbaum stand mitten auf der Plaza von Jessupville. Ein Kreis finster blickender Männer mit tiefgehalfterten Revolvern umgab ihn. Da und dort war ein bleiches Gesicht hinter einer Fensterscheibe zu sehen. Es war heiß und still. Kein Lufthauch bewegte die Blätter der knorrigen Steineiche. Schweiß perlte auf dem Gesicht des Gefesselten.

»Ihr verdammten Mörder ...«

»Halt die Klappe, McGill!«

Der Schwarzgekleidete gab dem Pferdehalter das Zeichen.

Da trieb Jeff Lorrimer seinen Rotfuchs aus dem Schatten.

»Lass bloß den Gaul nicht los, Compadre!«

Die Köpfe der Henker ruckten herum. Die Rechte des Anführers zuckte zur Hüfte, aber Jeffs Sechsschüsser hielt ihn in Schach.

Der Staub der Llano-Ausläufer lag auf Lorrimers einfacher Reitertracht. Jeff kam aus New Mexico, ein großer, breitschultriger Mann, dem ein Hauch von Einsamkeit und Ruhelosigkeit anhaftete. Das Coltholster hing so tief wie jener der Männer, die ihn nun schmaläugig belauerten.

Das Schaufeln der Hufe von Jeffs Rotfuchs war das einzige Geräusch. Zehn Schritte vor der Steineiche parierte er das Tier.

»Nehmt ihm das Seil ab!«

Keiner rührte sich. Der Schwarzgekleidete schob die Daumen hinter den Revolvergurt.

»Bist du ein Freund von ihm?«

»Ich kenne ihn überhaupt nicht.«

»Dann reite weiter, Mister. Es könnte sonst geschehen, dass du neben ihm auf dem Boothill landest. Ich bin Bruce Clinton, Mister Jessups Revolvermann-Boss, gleichzeitig Gesetzeshüter dieser hübschen nach Mister Jessup benannten Town.«

»Du trägst keinen Stern.«

Clintons dünne Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.

»Ich trag’ ’nen Revolver.«

»Ich weiß zwar nicht, was McGill ausgefressen hat, aber ich sehe keinem Lynchmord zu.«

Jeffs 44er deutete auf Clinton. Er musste diesen Hartgesottenen nicht erst erklären, dass es ihren Anführer zuerst erwischte, falls es zu einer Schießerei kam.

Der Gefangene starrte ihn aus fiebrig glänzenden Augen an. Mit den auf den Rücken gefesselten Händen war’s ihm unmöglich, sich selbst von der Schlinge zu befreien. Clinton spuckte aus.

»Du redest wie ein verkappter US-Marshal.«

»Mein Name ist Jeff Lorrimer, Satteltramp, Goldsucher, Wildpferdfänger und Spieler. Gelegentlich vermiete ich auch mein Eisen. Sag deinen Partnern, sie sollen dem Mann endlich das verdammte Seil abnehmen.«

»Auch wenn du mich erschießt, Lorrimer, verhinderst du nicht, dass er stirbt. Mister Jessup will das so. Sein Wort ist in diesem Teil von Texas das Gesetz.«

»Ein Verrückter!«, keuchte der Gefangene. »Lorrimer, wenn Sie ...«

Seine Augen weiteten sich. Jeff hörte das Sirren. Dann steckte ein Pfeil in der Brust des Mannes.

Das Pferd scheute. Der Mann, der die Zügel hielt, sprang zur Seite. Der schlaffe Körper drehte sich am Strick. Die Füße zuckten.

Jeff riss den Rotfuchs herum. Der Pfeil war über der Plaza abgeschossen worden. Und es war kein Indianerpfeil.

Jeff entdeckte eine schlanke Gestalt in einem Fenster im Obergeschoss eines palastähnlichen Gebäudes. Es besaß Erker, Bögen und einen schmiedeeisernen Balkon.

»Revolver weg!«, forderte eine scharfe Stimme.

Eine behandschuhte Faust umklammerte einen fast mannshohen Bogen. Eine Pfeilspitze blinkte.

Jeff erkannte nur die Umrisse des Bogenschützen. Der Pfeil hatte mitten ins Herz getroffen.

Jeff halfterte den 44er Colt. Sofort zogen Clinton und seine Kumpane die Waffen.

»Ich hab’ dich gewarnt«, höhnte Bruce Clinton.

»Wer ist der Mann?«, schallte es aus dem Fenster.

»Heißt Jeff Lorrimer, Mister Jessup.«

»Bringt ihn zu mir!«

 

 

2

Doyle Jessup war knapp zwanzig, ein schmales, blasses, nach Lavendel duftendes Bürschchen. Das dunkle, pomadisierte Haar war sorgfältig gescheitelt. Ein Bärtchen zierte die Oberlippe. Er trug ein weißes Rüschenhemd, eine enge schwarze Hose und Lackschuhe. An einer goldenen Halskette funkelte ein Medaillon. Ringe schmückten die gepflegten Hände.

Jessup wirkte auf den ersten Blick wie ein verweichlichter Dandy - bis seine stechenden Augen sich auf Jeff Lorrimer hefteten. Das waren die Augen eines Killers.

Er erwartete Jeff in einer großen Halle, deren Wände mit mittelalterlichen Waffen - Hellebarden, Spießen und Schwertern - verziert waren. Dazwischen standen Ritterrüstungen, einige mit Helmbüschen. An der fensterlosen Schmalseite hingen Zielscheiben. Strohpuppen in Hemd und Hose waren an einem Holzgerüst befestigt. In einer steckte ein armlanger Pfeil in dem die Herzgegend markierenden Kreis.

Der Eschenholzbogen lag auf dem Tisch. Es war ein englischer Langbogen, schlank geschweift, mit gedrilltem Strang. Es bedurfte sicherlich enormer Kraft, ihn zu spannen.

Jessup goss Wein aus einer Kristallkaraffe in ein Glas, trank und musterte den von seinen Schießern bewachten Fremden abschätzend. Er saß in einem protzigen Ledersessel. Die Füße ruhten auf einem gepolsterten Schemel.

»Ich verabscheue Feuerwaffen.« Jessups gezierte Sprechweise passte zu seinem Aussehen. Er tupfte sich mit einem weißen Tuch die Lippen ab. »Allerdings seh’ ich die zeitgemäße Notwendigkeit ein, vor allem wenn es darum geht, Widersacher aus dem Weg zu räumen. Meine Männer haben in dieser Hinsicht gute Arbeit geleistet. Nur noch ein Name steht auf meiner Schwarzen Liste: Big Bill Donovan. Der Alte macht mehr Scherereien als erwartet.«

Jeff verriet mit keinem Wimpernzucken, welchen Stich ihm die Auskunft versetzte. Jessups Revolverschwinger-Boss hob die Schultern.

»Auf die Dauer hat auch Donovan keine Chance. Wenn Sie mich fragen, Mister Jessup, Sir: Er ist so gut wie erledigt.«

»Lassen wir das.« Jessup winkte Jeff an den Tisch. »Was wollen Sie in meiner Stadt, Lorrimer?«

»Ich wusste nicht, dass es Ihre Stadt ist. Ich komme aus der Gegend um Santa Fe und such’ ’nen Job.«

»Mit dem Colt?« Ein Funkeln erschien in Doyle Jessups Augen. Der Mann aus New Mexico erwiderte ruhig: »Ich vermiete meinen Colt nicht an jeden, Sir.«

Jeff spuckte die Anrede aus wie einen Strahl Tabaksaft. Doch Jessup lachte. Es war ein Lachen, das Jeff an das Klirren von Eiswürfeln erinnerte.

»Sie meinen, Lorrimer: nicht einem Mann, der ’nen Wehrlosen tötet.«

Jeff zögerte. Der Name Big Bill Donovan klang ihm noch in den Ohren.

»Kommt drauf an«, log er.

»Auf die Bezahlung, wie? All right, Lorrimer, ein vernünftiger Standpunkt. Was halten Sie von ’nem Fünftausend Dollar-Job?«

Jeff pfiff anerkennend durch die Zähne.

»Allerdings ist ein Haken dabei.«

»Dacht’ ich mir fast.«

»Der Haken hat dem Mann vorhin das Leben gekostet.«

Jessup grinste. Er sah in diesem Moment nicht wie ein »Bürschchen«, sondern wie ein durchtriebener Dollargeier aus. Er sollte für die fünftausend Bucks Donovan erledigen. Doch Big Bill schickte ihn in ein Lasso gewickelt quer über dem Sattel zurück. Grund genug, ihn aufzuknüpfen. Er nannte sich Revolvermann, aber das war, verdammt noch mal, glatter Betrug.

Jeffs Kehle wurde trocken.

»Wer ist Donovan?«

»Ein sturer Büffel, der sich einbildet, dass er auf seine alten Tage noch die Hörner an mir und meinen Leuten wetzen kann. Die Pest an seinen Hals! Er hockt zusammen mit seiner Enkelin wie ein Stinktier in seinem Bau, einem nachgemachten Fort, und schießt auf alles, was ihm vor die Knarre kommt.«

»Ein einzelner Mann gegen Ihre Revolvercrew?«

Jeffs Stimme kratzte. Doch Jessup und seine Schießer schrieben es der Aufregung über die Aussicht zu, auf einen Schlag fünftausend Dollar zu machen.

Jessups Miene verfinsterte sich.

»Es heißt, dass Donovan früher mal der Boss einer gefährlichen Kampfmannschaft war. Fünfzehn Jahre ist das jetzt angeblich her. Doch der Bastard ist mit Colt und Winchester so gut wie eh und je. Nachdem Clinton und seine Jungs seine Ranch niederbrannten und die Rinder forttrieben, dachten wir, Donovan würde aufgeben wie alle anderen zuvor. Die Rechnung ging nicht auf. Big Bill hatte vorgesorgt, eine Hügelfestung gebaut. Seit zwei Wochen verschanzt er sich darin mit Clancy, seiner Enkelin. Sieht aus, als würde es noch mal so lange dauern, bis ihm endlich Proviant, Wasser und Munition ausgehen.«

»Wenn Sie seine Weide und die Rinder haben, was wollen Sie noch von ihm?«

»Den Skalp!« Sekundenlang verzerrte Hass Jessups Gesicht. »Der alte Teufel erschoss meinen Vater!«

»Nach allem, was Sie von Donovan berichteten, war es sicherlich ein fairer Kampf.«

»Irrtum.« Jessup grinste verkniffen. »Pa wollte Big Bill nämlich aus dem Hinterhalt erledigen. Der Mistkerl witterte was und erwischte ihn in dem Augenblick, da Pa abdrückte.

»Eins muss ich Ihnen lassen, Jessup: Sie vertuschen nicht, auf welcher Seite des Zauns Sie stehen.«

»Ich pfeif auf das Gesetz. Hier gilt mein eigenes. Hören Sie sich in der Stadt um, und Sie werden feststellen, dass sich alle danach richten. Mein Vater war ein Weidepirat, der sich sämtliches Land zwischen dem Colorado River und den Comanche Breaks unterwarf. Big Bill ist der letzte von ein paar Außenseitern, die sich Pas Plänen von einem Jessup-Rinderreich widersetzten. Nach Pas Tod hab’ ich sie mir einen nach dem anderen vorgenommen. Warum sollte ich abstreiten, dass ich in Pas Fußstapfen trete? Niemand wird mich je zur Rechenschaft ziehen. Denn ich will mehr als Pa. Geld, Rinder, Land alles gut und schön, aber das Wesentliche ist Macht, Lorrimer, verstehen Sie? Nicht das Gesetz befolgen, sondern Gesetz sein! Das ist es, was ich will!« Gelbe Lichtpunkte sprühten in Jessups Augen. Hastig griff er nach dem Weinglas und trank. »Außerdem«, fuhr er ruhiger fort, »interessiere ich mich für Big Bills Enkelin. Das ist der Grund, weshalb ich Donovans Fort bis zuletzt nicht stürmen ließ und Ihnen ’ne Chance biete. Mein Angebot lautet: Fünftausend Bucks für Clancy Donovan und Big Bills Skalp.«

»Und wenn’s schiefgeht, den Strick.«

»Das Risiko ist im Preis enthalten - vorausgesetzt, dass Big Bill Sie nicht vorher abserviert.«

»Meine Grandma prophezeite, dass ich als steinalter Mann im Bett sterbe. Zählen Sie die Bucks ruhig schon mal ab, Jessup!«

 

 

3

Clinton zügelte sein Pferd neben Jeff. Mürrisch deutete er auf den Hügel, der sich einen Steinwurf vom Owl Creek entfernt aus der Prärie erhob. Mannshohe Palisaden umschlossen die abgeflachte Kuppe. Von der Hütte war nur das Erdschollendach zu sehen. Eine verwaschene Fahne hing an einer in die flimmernde Luft ragenden Stange. Es war das Lakestar Banner der ehemals selbständigen Republik Texas.

»Donovans Fort. Du kannst dir’s noch überlegen, Lorrimer.«

Das Land um den Hügel war bretteben, ein Meer von silbrig schimmerndem Grammagras. Im Westen hoben sich die zerklüfteten Kämme der Comanche Breaks aus dem bleifarbenen Hitzedunst. Zwanzig Meilen weiter östlich floss der Colorado River, in den der Owl Creek mündete. Die Weide dazwischen gehörte Doyle Jessup - bis auf jenen Hügel. Im Norden, eine halbe Meile von der Hügelfestung entfernt, erspähte Jeff die verkohlten Trümmer von Big Bills Ranch.

Jeff spürte die lauernden Blicke seiner Begleiter. Sie verhehlten ihre Abneigung nicht. Weitere Gruppen von drei, vier Reitern waren um Donovans Fort verteilt, für den Fall, dass der Oldtimer und seine Enkelin einen Ausbruch wagten. Aussichtslos war das, dachte Jeff, während er die Winchester aus dem Scabbard zog und die Ladung prüfte.

»Du riskierst es also!«, stellte Clinton fest.

Jeff sah ihn an. Gleichzeitig hatte er wieder das Bild vor Augen, wie Clinton dem Gefangenen die Todesschlinge umlegte.

»Es geht immerhin um fünftausend Bucks.«

»Und deinen Skalp.« Ein Grinsen huschte über Clintons knochiges Gesicht. Jeffs Antwort war ein Achselzucken. Dann trieb er den Rotfuchs der Anhöhe entgegen.

Es war fünfzehn Jahre her, dass er in Big Bills Kampfmannschaft geritten war. Wenn Bill ihn nicht erkannte und mit der Winchester tatsächlich noch so gut wie früher umging, war Jeffs Leben, sobald er sich in Schussweite befand, keinen rostigen Hufnagel wert.

Jeff hielt das Gewehr vor sich auf dem Sattel. Jede Faser in ihm war gespannt. Die Sonne brannte. Das Pferd trampelte eine deutliche Fährte ins kniehohe Gras. Auf dem Hügel blieb alles still. Kein Gewehrlauf erschien.

Eine Strauchreihe zog sich an der Ostflanke der Anhöhe bis zu den Palisaden hinauf. Sie war Jeffs Ziel. Er wunderte sich, dass Big Bill die Büsche hatte stehen lassen.

Die Reiter auf der Ebene beobachteten ihn. Clinton streckte eine Hand aus.

»Gib mir die Sharps, Ed.«

Ein sichelbärtiger Bursche reichte ihm das langläufige, einschüssige Büffelgewehr. Ein guter Schütze konnte damit auf eine halbe Meile einen Bisonbullen erlegen.

»Zum Teufel, was hast du vor, Bruce?«

»Willst du, dass Lorrimer die Fünftausend kassiert?«

Clinton stieg ab, stützte sich auf ein Knie und visierte den Reiter an.

Jeff blickte nicht zurück. Er erwartete die Gefahr vom Hügel. In spitzem Winkel ritt er auf die Strauchreihe zu. Clintons Gewehr bewegte sich mit.

»Der Boss braucht nicht erfahren ...«

Zwischen den Palisaden blitzte es. Fluchend drückte auch Clinton ab. Die Sharps donnerte. Sekundenlang glaubten alle, dass beide Schüsse den Reiter verfehlt hatten.

Er riss das Pferd nach rechts.

»Knallt ihn ab!«, schrie Clinton.

Doch beim nächsten Satz, den der Rotfuchs machte, stürzte Jeff. Sein rechter Stiefel verfing sich im Steigbügel. Das zum Hügel galoppierende Pferd schleifte ihn mit. Gleich darauf durchbrach es die Sträucher. Als es wieder auftauchte, war der Steigbügel leer.

Clinton gab dem Sichelbärtigen die Sharps zurück.

 

 

4

Jeff schob die dicht belaubten Zweige auseinander. Ein zorniges Glänzen war in seinen Augen.

Clinton saß wieder im Sattel, von seinen Kumpanen umgeben. Er brannte sich eine Zigarette an. Ein Reiter, der Jeffs Rotfuchs am Owl Creek eingefangen hatte, hielt auf die Gruppe zu, darauf bedacht, dass er nicht in Schussweite der Palisaden geriet. Doch auf dem Hügel rührte sich nichts. Die Cottonwoods verdeckten eine sandgefüllte, wie für einen heimlichen Angriff auf das kleine Fort geschaffene Rinne.

Jeffs Verwunderung, dass Bill die Sträucher nicht beseitigt hatte, wuchs. Dann hörte er ein Rascheln weiter oben am Hang. Sand knirschte. Jeff rollte sich auf den Bauch, das Gesicht am Boden, einen Arm ausgestreckt. Er stellte sich tot. Leichte Schritte kamen die Rinne herab. Ein Gewehrschloss knackte.

»Ich weiß, dass Sie nicht mal verletzt sind, Mister«, sagte eine helle Stimme. »Clinton hat den Bruchteil einer Sekunde zu spät geschossen, und ich hab’ absichtlich daneben gezielt. Wenn Sie ’ne Dummheit vorhaben, beweis’ ich Ihnen, dass ich’s besser kann.«

»Nicht nötig, Ma’am.« Jeff drehte sich grinsend auf den Rücken. »Ich komme als Big Bills Freund.«

Eine Winchester bedrohte ihn. Sie lag in den Händen eines rotblonden Girls. Misstrauische graugrüne Augen funkelten in einem sommersprossigen Gesicht. Am Büffelledergurt hing ein Revolver. Das Mädchen trug einen knöchellangen Rock, eine luftige Bluse und weichsohlige Mokassins.

»Big Bill hat keine Freunde mehr in diesem Land.«

»Sie sind Clancy, seine Enkelin.«

»Und Sie wohl der große Wahrsager, eh?« Die Winchester berührte Jeffs Hals. »Keine falsche Bewegung!« Das Girl zog Jeffs Colt aus dem Holster und trat einen Schritt zurück. »Aufstehen!«

»Ich bin ...«

»Erzählen Sie’s Big Bill!« Das Gewehr ruckte. »Vorwärts!«

Die furchtlosen Augen faszinierten Jeff. Er schätzte Clancy Donovan auf knapp zwanzig, so alt wie Doyle Jessup. Sie besaß eine halb mädchenhafte, halb frauliche Figur, biegsam wie eine Gerte, dabei mit den richtigen Rundungen ausgestattet. Kein Wunder, dass Jessup ein Auge auf sie geworfen hatte.

»Worauf, zum Teufel, warten Sie, Mann?«

Jeff stieg vor ihr die Anhöhe hinauf. Die Cottonwoods verbargen sie. Stille lag auf der Ebene. Die Rinne mündete an einer Lücke in den Palisaden. Kein Luftzug bewegte die Lonestar-Flagge.

Die Hütte war aus Lehmziegeln erbaut. Ein Ziehbrunnen befand sich davor. An der entferntesten Stelle stand das Latrinenhäuschen.

Donovans Fort war nicht größer als der Grundriss eines mittleren Ranchgebäudes. Jeff fiel auf, dass es keinen Stall und keine Pferde gab. Big Bill und seine Enkelin waren hier wie Schiffbrüchige auf einer einsamen Insel gestrandet.

In der Hütte war es dämmrig und kühl. Big Bill saß in einem Lehnstuhl, ein grauhaariger Hüne mit zerfurchtem Gesicht. Eine schwarze Binde bedeckte die Augenpartie. Auf dem Tisch neben ihm lag ein schwerkalibriger Colt, derselbe, mit dem Bill Donovan vor langer Zeit seinen Gegnern das Fürchten gelehrt hatte.

Jeffs Herz schlug schneller.

Clancy verharrte mit schussbereiter Winchester in der offenen Tür.

»Besuch, Grandpa. Er behauptet ...«

»Hallo, Bill.«

Der Grauhaarige fuhr hoch.

»Unser Kleiner! Das Küken der Donovan Crew!«

»Grandpa, der Mann ist fast sechs Fuß groß und schätzungsweise fünfunddreißig Jahre alt.«

»Ich hab’ ihn vor fast zwanzig Jahren in Laredo aufgelesen und einen der gefährlichsten Revolverkämpfer in Texas aus ihm gemacht.« Der Hüne umarmte Jeff. Die Augenbinde schien ihn nicht zu behindern.

»Junge, als ich deinen Schritt hörte, wusste ich sofort Bescheid, wollte aber nicht glauben, dass du’s wirklich bist. Meinte, die Geier hätten dich längst gefressen, weil keiner von uns alten Burschen mehr auf dich aufpasste. Amigo, das ist ’ne Freude! Du schleichst noch immer wie ein Tiger in deinen Stiefeln mit den flachen Absätzen, was?«

»Meistens sitz’ ich im Sattel wie damals, als wir die Warner-Bande quer durch Texas jagten.«

»Da hörst du’s, Clancy! Wir waren ein verteufelt rauer Verein, Jeff Lorrimer mit Abstand der Jüngste unter ausgewachsenen, knochenharten Burschen wie Revolver-Dan Bliss, Poker-Slim Jones und Winchester-Jack Hays. Wie lange ist es her, dass wir die Warner-Bande zur Strecke brachten, Jeff, eh?«

»Ziemlich lange, Bill. Was ist mit deinen Augen?«

»Ein Brillen-Verkäufer kann kein Geschäft mit mir machen«, grinste Donovan gequält. »Ich hab’ nämlich keine mehr. Die Sache geschah, als Jessups Schießer die Ranch überfielen. Ich erwischte ’ne Ladung Schrot. Den Verband trag’ ich, um Clancy den Anblick zu ersparen.«

»Verdammt!«

»Jessups Revolverhaie dürfen es nicht erfahren, sonst sind wir erledigt. Sie halten mich noch immer für den Mann, der ’ner Fliege auf zehn Schritte den Kopf abschießt. Doch es ist Clancy, die uns bisher die Schufte vom Leib hält. Ich hab’ ihr das Schießen beigebracht, wie dir seinerzeit.«

»Wusste nicht, dass du je verheiratet warst.«

»War ich auch nicht.«

Donovan setzte sich wieder, nahm die auf dem Tisch stehende Flasche und trank. Seine Bewegungen wirkten völlig sicher.

»Schätze, dass es ein Dutzend Kinder und noch mehr Enkel von mir zwischen dem Old Man River und der Pazifikküste gibt. Ich hab’ nicht nur Banditen gejagt, Amigo. Doch nur Clancy und ihre Mutter hielten all die Jahre Kontakt zu mir. Clancy sollte die Ranch bekommen, aber du hast ja sicher mitbekommen, was davon übrig ist.«

»Grandpa, ich seh draußen nach dem Rechten.«

»Tu das, Kind.«

Clancy gab Jeff den Colt, ehe sie die Hütte verließ. Big Bill seufzte. Seine Schultern sanken herab.

»Ich hätte längst aufgegeben und sie fortgeschickt, wenn Jessup, dieser verkommene Bastard, nicht hinter ihr her wäre. Seit zwei Wochen sitzen wir hier in der Falle, ohne Aussicht, Jessups Killern zu entkommen. Wie hast du’s geschafft, durchzukommen, Junge?«

»Jessup bot mir fünftausend Dollar für deinen Skalp.«

»Sieht ihm ähnlich. Ich wünschte, er würde selbst kommen und es versuchen. Doch er hockt wie ’ne Spinne in seinem Stadtpalast und zieht die Fäden, an denen seine verdammten Killer zappeln. Ein Verwalter kümmert sich um die Ranch. Jessups Cowboys sind in Ordnung. Nur wagt keiner gegen Bruce Clinton und seine Schießer aufzumucken. Das sind die übelsten Kerle in ganz Texas, steckbrieflich gesuchte Galgenvögel, die noch Jessups Vater aus allen Himmelsrichtungen zusammenholte.«

»Die Donovan-Crew würde auch sie zum Laufen bringen.«

»Das war einmal, Junge. Sieh mich an: ein Blinder, der auf den Trümmern seines Lebenswerkes hockt. Wer weiß, was in den vergangenen fünfzehn Jahren aus Dan Bliss, Slim Jones und Jack Hayes wurde. Wahrscheinlich würde die Donovan-Crew keinen lumpigen Pferdedieb mehr in die Flucht schlagen.«

»Käme auf den Versuch an.«

»Außerdem weiß ich nur, dass Poker-Slim vor einiger Zeit in Amarillo hängenblieb. Von Revolver-Dan und Winchester-Jack hab’ ich all die Jahre nichts gehört. Wer weiß, vielleicht liegen sie längst auf dem Boothill. Wenn nicht, würde es Wochen dauern, sie aufzustöbern. So lange halten wir hier nicht durch - es sei denn, meine Männer bringen die Gatling durch, die ich vor zwei Monaten in San Angelo bestellte. Doch das würde an ein Wunder grenzen. Denn Jessups Revolverhaie schlafen nicht. Sie fangen die Jungs bestimmt ab.«

»Wann erwartest du sie?«

»Überhaupt nicht, weil ich nicht an Wunder glaub’«, knurrte der Blinde. »Als ich Parkman, Blaine und Whitney fortschickte, stand die Ranch noch. Wir rechneten, dass sie ’ne Woche nach San Angelo brauchen, dann eine zurück. Vergiss sie! Wie ich Jessups Schießer kenne, kriegen die Jungs nicht mal ein anständiges Grab.«

»Welchen Weg nehmen sie?«

»Mann, du bist verdammt hartnäckig. Es war abgemacht, dass sie der Route am Colorado River folgen und dann in zwei Nachtfahrten von der Grenze des Jessup-Landes den Owl Creek raufkommen.«

»Werd’ mich um sie kümmern. Anschließend hol’ ich Jack, Dan und Slim. Kann Clancy mit der Gatling umgehen?«

»Es gibt nicht viel, was sie nicht kann, Amigo ...«

»Wasser habt ihr. Wie steht’s mit Proviant? «

»Reicht für drei Wochen.«

»Ausgezeichnet. Was mich noch interessiert, Bill: Weshalb habt ihr die Sträucher an der Rinne stehen lassen?«

»Wenn Jessup die Geduld verliert, werden seine Revolverschwinger versuchen, den Hügel durch die Rinne zu stürmen. Sollen sie auch. Ich hab’ zwischen den Cottonwoods Dynamit vergraben. Ich kann die Lunte vom Sessel aus anzünden.«

»Und du behauptest, die Donovan-Crew könnte keinen Pferdedieb mehr schrecken! Solltest dich was schämen, Bill!«

 

 

5

Nach Einbruch der Dunkelheit loderten die Feuer auf der Ebene um Donovans Fort. Pechige Schwärze füllte die Abstände.

Jeff war überzeugt, dass Clintons Männer dort am schärfsten aufpassten, damit niemand durchschlüpfte. Grillen zirpten. Kein anderer Laut drang zum Hügel. Jeff verließ die Sträucher bei der Rinne und folgte der Pferdespur. Nach dreißig Schritten fand er die Winchester, die er beim Sturz verloren hatte. Das Röhrenmagazin fasste fünfzehn Schuss. Fünfzehn Trümpfe mehr, den Belagerern eine Abfuhr zu erteilen, falls sie ihn entdeckten. Doch darauf wollte Jeff es nicht ankommen lassen.

Er lauschte wieder, dann ging er entschlossen auf das Feuer südlich von Donovans Hügelfestung zu. Er brauchte ein Pferd. Wenn in einer Stunde der Mond über den Comanche Breaks aufging, musste er im Sattel sein - oder auch die fünfzehn Bleitrümpfe änderten nichts mehr an Big Bills düsterer Prophezeiung.

Seine Schritte wurden tastender, vorsichtiger. Er bewegte sich geduckt. Das Rascheln der Halme war nur wenige Yards weit zu hören. Ein Schatten verdunkelte das Feuer. Zweige fielen auf die Glut. Die Flammen loderten höher. Die Schattengestalt verschwand wieder. Die entfernteren Feuer waren rote Lichtflecken in der Nacht. Irgendwo schnaubte ein Pferd.'

Jeff kroch auf Händen und Knien weiter. Ein fahler Schimmer über den Kämmen der Comanche Breaks kündigte den bevorstehenden Mondaufgang an. Kojoten heulten jenseits des Owl Creek.

Das Gewehr behinderte Jeff. Trotzdem konnte er nicht darauf verzichten. Die Flammen schrumpften. Jeff entdeckte die beim Brennholzvorrat kauernde Gestalt. Ein Gewehrlauf blinkte. Der Rest von Clintons Truppe schien vom Erdboden verschluckt.

Das Schnauben wiederholte sich. Hufe stampften. Jeff erkannte eine undeutliche Bewegung in der Schwärze jenseits des Feuers. Eine plötzliche kühle Luftströmung trug ihm den Geruch der Tiere zu.

Am liebsten wäre Jeff mit der feuerspuckenden Winchester losgestürmt. Stattdessen schob er sich Zoll für Zoll auf dem Bauch der Lichtgrenze entgegen. Rechts von ihm raschelte es. Dann kratzte ein Streichholz.

»Bist du närrisch?«, zischte es. »Wenn Clinton dich beim Rauchen erwischt, bist du den Job los!«

»Hab’s sowieso satt, mir hier draußen für nichts und wieder nichts die Nächte um die Ohren zu schlagen.«

»Wenn’s weiter nichts ist. Für achtzig Bucks im Monat halt’ ich schon mal ein paar Nächte die Augen offen. Wenn dir der Job zu langweilig ist, dann geh doch und verdien dir die fünftausend Bucks für Donovans Skalp.«

»Rutsch mir den Buckel runter!«

Während ein spöttisches Lachen erklang, erreichte Jeff den Rand des Lichtkreises. Er blieb im Dunkeln, den Kopf unter den Halmspitzen. Der Stetson hing an der Windschnur auf dem Rücken. Mit dem Lauf der Winchester schob Jeff die Grasbüschel vor sich auseinander. Schlangengleich kroch er am Feuer vorbei, nur sechs Schritte von dem Wachtposten entfernt, der eben wieder einen Armvoll dürre Zweige in die Flammen warf.

Ein neuerliches Prusten und Stampfen wies Jeff die Richtung. Er sah nur die schwarzen, ineinanderfließenden Umrisse der fünf oder sechs Pferde. Sie waren angepflockt und witterten ihn.

Doch der Gedanke, dass sich ein Gegner in unmittelbarer Nähe befand, erschien Jessups Revolverschwingern wohl so abwegig, dass sie keinen Verdacht schöpften.

Geduckt richtete Jeff sich auf. Der Posten kehrte ihm den Rücken zu. Die Pferde bewegten sich.

Zehn Schritte noch.

Da löste sich eine dunkle Gestalt von den Gäulen.

»Weißt du, dass du ein verdammt gutes Ziel bietest, Amigo?«

Jeff stieß das Gewehr hoch. Im letzten Moment erkannte er, dass der Anruf dem Mann am Feuer galt. Da glitt Jeff nach rechts und federte auf den Pferdewächter zu.

»Pass auf, Hank! Da ist einer!«, schrie der Mann am Feuer. Sein Revolver flog hoch.

Jeff drehte sich, schoss und sah den Mann zusammenbrechen. Der Pferdewächter fluchte erschrocken. Sein Colt verhakte sich.

Jeffs Hieb mit dem Gewehrlauf warf ihn ins Gras. Blitzschnell band Jeff ein Pferd los. Zum Glück waren alle Tiere gesattelt. Jeff schwang sich hinauf.

Ringsum gellten Rufe. Männer hasteten heran.

Der Braune, den Jeff erwischte, scheute. Jeff stieß die Winchester ins Sattelfutteral, nahm die Zügel kurz und feuerte aus dem Sechsschüsser.

»Es ist Lorrimer!«, schrie Clinton, als der Mündungsblitz Jeffs kantiges Gesicht erhellte.

»Lorrimers Geist«, lachte der Reiter und jagte den nächsten Schuss in die Richtung, aus der Clintons Stimme kam.

Dann wendete er und sprengte von Kugeln umschwirrt nach Süden.

 

 

6

Nur noch einer von Big Bills Cowboys verteidigte den Wagen. Ein Kugelhagel hatte die beiden Kameraden samt den Gäulen niedergestreckt. Auch die Wagenpferde waren tot, die Plante zerfetzt, das Gefährt von Geschosseinschlägen übersät. Es stand vor den Klippen, an denen sich der Owl Creek vorbeischlängelte. Mündungsfeuer blitzten zwischen den Speichen des linken Vorderrads.

Der Mann unter dem Prärieschoner schoss auf jede Bewegung. Die Angreifer lauerten am Hang gegenüber. Felstrümmer und Wacholderbüsche schützten sie. Die Pferde standen in einem von Felsen verdeckten Einschnitt.

»He, Whitney, wenn du nur ein paar Gramm Hirn unter dem Skalp hast, verdrückst du dich. Wir wollen nur die Gatling.«

»Kommt doch und holt sie euch!«

Ein höhnisches Lachen antwortete. Der Wagen saß fest. Sobald es dunkelte, konnte der beste Gewehrschütze nicht verhindern, dass sich die Banditen heranarbeiteten. Die Sonne stand schon tief im Westen.

Lautlos tauchte ein Reiter auf dem Kamm über den Banditen auf. Die breitschultrige Gestalt hob sich wie ein Scherenschnitt vor dem flammenden Firmament ab. Die Metallteile an Sattel und Zaumzeug glänzten.

Jeff Lorrimers Rechte umspannte den 44er Colt. Der Geruch von verbranntem Schießpulver stieg ihm in die Nase. Schräg unter ihm lud einer von Jessups Banditen das eben abgefeuerte Gewehr. Zwei weitere kauerten rechts von ihm. Weiter unten am Hang entdeckte Jeff einen weiteren Heckenschützen. Der Schatten verbarg die anderen. Jeff vermutete, dass es sechs bis acht Mann waren. Er presste die Lippen zusammen. Der Hinterhalt war ein weiterer Beweis dafür, wie sicher der junge Spund in Jessupville sich auf seinem Thron fühlte. Wahrscheinlich würden sich sogar die Ranger an ihm die Zähne ausbeißen, falls sie sich je auf die Weide um Jessupville wagten.

Drüben beim Wagen blitzte es wieder. Jeff duckte sich. Die Kugel galt ihm. Der Braune wieherte. Da stellte Jeff sich in die Bügel und winkte.

»Big Bill schickt mich!«

Die Männer am Hang fuhren herum. Einer schoss aus der Drehung. Jeff drückte einen Sekundenbruchteil früher ab. Sein Blei schleuderte den Mann zu Boden. Gleichzeitig stieß Jeff dem Wallach die Fersen gegen die Flanken. Ein wildes Kampfgeschrei gellte. Wieder peitschte Jeffs Colt. Die Hufe hämmerten den Hang hinab. Flüche ertönten, Gewehre und Revolver krachten.

Jeff verschwand zwischen den Felsen, tauchte von Pulverqualm umweit wieder auf, ritt einen Heckenschützen, nieder und wurde abermals von den Quadern und verfilztem Gestrüpp verdeckt.

Männer sprangen schreiend aus der Deckung und ballerten wütend drauflos. Das Gewehr unter dem Planwagen schwieg.

Wie ein Ungewitter kam Jeff über die Banditen, ein blitzeschleuderndes Phantom, das einmal da, einmal dort zwischen den Felsen hervorbrach.

Jessups Schießer hätten ebenso versuchen können, mit ihren Kugeln einen Schatten zu löchern. Der Braune hatte sich an Jeff gewöhnt und gehorchte jedem Fersenstoß und Zügelruck. Zwischendurch schrillte Jeffs Comanchenschrei, der Kampfruf der ehemaligen Donovan-Crew.

Die Banditen bekamen den Eindruck, dass der kreuz und quer über den Hang sprengende Angreifer ein halbes Dutzend Doppelgänger besaß. Sie verloren die Nerven und flohen.

Dann fiel kein Schuss mehr. Nur das Trommeln der eilig davonstiebenden Hufe hing noch in der Luft. Wenig später trabte Jeff mit zwei reiterlosen Pferden im Schlepp auf den Planwagen zu. Der Schatten der Klippen lag auf dem Fahrzeug. Von dem Verteidiger war nur das auf den zerschrammten Speichen ruhende Gewehr zu sehen.

Acht Schritte davor hielt Jeff.

»Lebst du noch, Amigo?«

»Allerdings!« Schritte malmten hinter ihm. Klickend rastete ein Revolverhahn ein. »Wenn das Ganze nur ein fauler Trick war, Mister, ist deine Haut keinen Cent mehr wert.«

Jeff halfterte den Sechsschüsser, wendete und legte die Hände aufs Sattelhorn. Ein junger, wildäugiger Bursche bedrohte ihn mit einem 38er Remington. Schwarze Zotteln umstanden das schweiß- und staubverschmierte Gesicht. Blut sickerte aus einem Riß über dem linken Wangenknochen, sonst war er unverletzt. Er trug Cowboykluft. Dazu gehörten ein buntes Halstuch, dornenzerkratzte Chaps und hochhackige Texasboots.

Die Waffe zielte auf Jeffs Stirn.

»Nicht schlecht.« Jeff lächelte schmal. »Ich wette, du hast bisher nicht nur Big Bills Kühe gehütet ...«

Der Braune machte plötzlich einen Satz. Jeffs Tritt prellte dem Schwarzhaarigen den Revolver aus der Hand. Taumelnd fuhr der Bursche zurück. Wie hingezaubert lag der 44er wieder in Jeffs Faust.

»Wie heißt du, Amigo?«

»Tom Whitney.«

»Ich bin Jeff Lorrimer.« Die Waffe verschwand in Jeffs Holster.

»Das Küken!«, krächzte der Cowboy, noch bleich vom Schreck, den Jeff ihm eingejagt hatte.

Jeff grinste säuerlich.

»Das ist lange her. Nur Bill und seine Freunde durften mich so nennen.«

»Entschuldige, Lorrimer, ist mir rausgerutscht. Der Boss hat ’ne Menge von dir, Bliss, Jones und Hays erzählt.« Ein Anflug von Müdigkeit überschattete das Gesicht des jungen Mannes. »Du kommst zu spät, Lorrimer. Parkman und Blaine sind tot, wie räudige Hunde aus dem Hinterhalt abgeknallt. Auch mit den Pferden da haben wir keine Chance mehr, den Wagen durchzubringen.«

»Wir werden sehen.«

»Ich verdanke Big Bill mein Leben. Er bewahrte mich vor dem Strick, als ich nach ’nem Postkutschenüberfall bei Waco geschnappt wurde. Ich lasse Bill nicht im Stich.«

 

 

7

Jessups Revolverschwinger hielten das Grollen zuerst für den Auftakt des von Süden heraufziehenden Gewitters. Schwarze Wolkenberge türmten sich am Horizont. Dann und wann zerrte ein Windstoß an den Umhängen der um Donovans Fort verteilten Reiter. Die Ablösung aus Jessupville hatte einen Küchenwagen und Zelte mitgebracht.

Clinton war in die Stadt zurückgekehrt. Es war der Sichelbärtige mit der Sharps, der die über die Ebene heranwogende dunkle Masse entdeckte. Hastig fingerte er das Fernglas aus der Satteltasche.

»Donovans Herde!«, schrie er.

Die Pferde vor dem Küchenwagen stampften. Die beiden Männer, die die Zeltstangen abluden, hielten inne. Das Dröhnen schwoll an. Eine mächtige Walze aus Hornpaaren und Rinderrücken näherte sich von Süden.

»Stampede!«, gellte es.

Fluchend vertauschte der Sichelbärtige das Fernglas mit der langläufigen Sharps. Reiter galoppierten zu ihm.

»Verdammt, wie ist das möglich? Wir haben nach dem Überfall auf Donovans Ranch die Horde doch zur Owl Creek-Mündung gebracht.«

»Mike, Ben, bringt den Wagen weg! Dave, Sid, Luke, ihr kommt mit! Wir versuchen sie abzulenken.«

Der Sichelbärtige blickte zu Donovans Fort. Die Fahne flatterte. Nichts rührte sich sonst. Die Männer preschten den herandonnernden Rindern entgegen. Nach zweihundert Yard stoppten sie. Die Spitze der Herde war ebenso weit entfernt. Mehr als tausend halbwilde Texas-Longhorns stürmten vor der Gewitterfront dahin; eine alles niederwalzende Woge dicht gedrängter Tierleiber.

Inzwischen verschlangen düstere Wolkenmassen die Sonne. Diffuse Helligkeit lag über der Ebene. In immer kürzeren Abständen trieben Windböen Wellen über das Grasmeer.

Die Gewehre der Jessup-Reiter krachten. Blei hämmerte, Rinder stürzten. Jede Lücke wurde sofort von blindlings weitertrampelnden Longhorns gefüllt. Schaum troff von brüllenden Mäulern. Hörner stießen klappernd aneinander. Viertausend Rinderklauen zerstampften Gras und Sträucher zu einem staubvermischten Brei. Nicht mal eine Kanone würde sie derzeit aufhalten. Der Abstand schmolz. Hundertzwanzig Yard ... hundert ... achtzig ...

»Fort!«, schrie der Sichelbärtige. Sie brauchten nur den Pferden die Zügel freizugeben. In gestrecktem Galopp jagten sie zum Owl Creek. Schräg voraus schlingerte der Küchenwagen. Auch die übrigen, weiter entfernten Belagerer flohen nun. Keiner entdeckte in dem Staub, der die Herde einhüllte, den Conestoga-Schoner, auf dem Tom Whitney verbissen mit Zügel und Peitsche hantierte. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht. Keuchend stemmte er sich ein. Der Wagen hüpfte und schwankte, die Räder flirrten. Hornspitzen bohrten sich in die Seitenwände, rissen Fetzen aus der Plane.

Die beiden Pferde hatten sich dem Tempo der Herde angepasst. Ein Sturz oder Radbruch würde das Fahrzeug wie Treibholz im Gewoge der Stampede verschwinden lassen.

Whitneys brennende Augen starrten geradeaus. Die Hügelfestung ragte wie eine Insel vor ihm auf. Der Strom der Rinder teilte sich davor, drohte den Wagen jedoch mitzuschwemmen. Ein ohrenbetäubendes Brüllen und Dröhnen umgab ihn. Vorsichtig zog der Cowboy die Pferde nach rechts.

Sofort erschütterte ein wuchtiger Rammstoß das Fahrzeug. Die Kisten auf der Ladefläche polterten. Die Pferde drückten, schoben. Dann fegten die Räder durch eine Mulde. Der Wagen neigte sich.

Da klaffte plötzlich die Lücke in der lebendigen Mauer. Der Hang schwang dahinter empor.

Whitney krächzte einen Freudenschrei. Die Peitsche knallte. Am Hang stand eine schlanke, staubumnebelte Gestalt und winkte mit dem Gewehr.

»Tom!«, drang eine helle Stimme durch das Getöse. Auf halber Höhe blieb das Fahrzeug hängen.

Clancy und der Cowboy verkeilten die Räder und schirrten die erschöpften Gäule aus. Zehn Minuten später wehte außer der Texasflagge ein rotes Tuch an der Fahnenstange von Donovans Fort.

»Na also«, murmelte der Reiter, der auf einer den Comanche Breaks vorgelagerten Bodenwelle die sich verlaufende Stampede beobachtete. Obwohl Jeff nicht sicher war, dass Clancy und Tom ihn vom Fort aus sahen, winkte er. Dann wendete er das Pferd und ritt im jäh niederprasselnden Regen nach Norden.

Amarillo lag dort.

 

 

8

Der Betrunkene am Pokertisch im Dusty Dollar Saloon stieß die leere Flasche um. Seine spinnenfingrige Rechte senkte sich auf den Revolverknauf, der vorn aus dem aufgeknöpften, zerknitterten Prinz-Albert-Rock lugte. Fahle Strähnen hingen ihm in die Stirn. Das hohlwangige Gesicht war vom Alkohol gezeichnet. Schwankend stemmte er sich hoch.

»All right, ihr Gauner habt’s geschafft, dass ich die Postkutsche verpasste und der verdammte Whisky mir fast aus den Ohren schwappt. Aber ich bin noch lange nicht so besoffen, dass ich die Karten nicht sah, die ihr ins Spiel geschmuggelt habt.«

Das Grinsen seiner beiden Mitspieler gefror.

»Reg dich ab, Jones!«, knurrte der eine. »Wir wollen nur, dass du mit uns nach Amarillo zurückreitest. Die Queen macht uns sonst die Hölle heiß. Mann, wie du geladen hast, schaffst du keine halbe Meile. Und die nächste Stagecoach fährt erst in ’ner Woche.«

»Schert euch zum Teufel! Ich kann warten.«

»Auf bessere Zeiten, was?«, höhnte der wolfsäugige Kumpan des Narbenmannes. »Die hast du verpasst wie die Postkutsche. Mann, lass die Kanone stecken! Damit erschreckst du kein Kind mehr. Sei froh, dass du den Job bei der Queen hast. Spucknäpfe leeren, Fenster putzen und Treppen wischen ist immer noch besser als in der Grube liegen. Und wer sonst würde dir ab und zu ein Besäufnis spendieren?«

Die beiden lachten - bis Slim Jones ihnen den Sechsschüsser unter die Nase hielt.

»Die Queen sieht mich nie wieder!« Jones klammerte sich an den Stuhl. Die Waffe wackelte. »Reitet zurück und bestellt ihr das!«

Die beiden erhoben sich. Schwerkalibrige Revolver hingen an ihren Gürteln.

Der Keeper verzog sich in die angrenzende Küche. Außer dem Mann, der seit der Abfahrt der Wells-Fargo-Kutsche vor einem halb leeren Bierglas in der Ecke saß, befand sich niemand im dämmrigen Raum. Die Sonne brannte auf die Dächer. Ein Karren rumpelte vorbei. Auf der Veranda gegenüber döste der Posthalter im Schaukelstuhl. Der Narbige spuckte einen Strahl Tabaksaft auf den mit Sägemehl bestreuten Boden.

»Das richten wir der Queen lieber nicht aus, Jones. Könnte sonst geschehen, dass du wie kürzlich zwölf Tage lang bei Wasser und Brot im finstersten Kellerloch hocken musst. Das möchten wir dir ersparen, Amigo - vorausgesetzt, du wirst endlich vernünftig.«

»Rühr das Geld nicht an! Es gehört mir!«, zischte der Hagere, als der Narbenmann nach den Scheinen grabschte. Drohend stieß er die Faust mit dem Sechsschüsser über den Tisch. Dabei verlor er fast das Gleichgewicht.

»Mach keinen Unsinn, Jones! Das Ding ist womöglich geladen. Außerdem war es ein faires Spiel.«

Scheinbar erschrocken wich der Narbige einige Schritte zurück. Jones war viel zu betrunken, auch den zweiten Mann im Auge zu behalten.

Die Tischplatte hob sich plötzlich. Inmitten wirbelnder Spielkarten, Geldscheine und Glasscherben krachte Jones auf die Dielen. Sein Colt schlitterte davon.

»Die Queen bezahlt uns auch, wenn wir dich am Lasso nach Amarillo schleifen«, lachte Wolfsauge.

Der Betrunkene wälzte sich herum und spuckte Sägespäne.

»Dreckskerle!«

Dann fiel sein glasiger Blick auf den fünf Schritte entfernten Colt. Keuchend kroch er darauf zu.

»Mann, du träumst wohl von vergangenen Zeiten?« Ein derber Stiefel stellte sich auf die Waffe. »All right, Jones, du kannst es auch ’ne Nummer härter haben.«

Klobige Fäuste zerrten den ehemaligen Berufsspieler und Revolverkämpfer hoch. Jones sah das Narbengesicht wie durch eine Nebelwand. Verzweifelt schlug er zu, traf aber nur Luft. Dafür fegte ein Hieb ihn durch den Saloon. Es schepperte und polterte.

»In fünf Minuten reiten wir, Jones.«

Schwankend schälte Jones sich aus einem Gewirr umgeworfener Tische und Stühle.

»Ohne mich«, lallte er.

»He, er hat noch immer nicht genug«, rief Wolfsauge.

»Das lässt sich ändern.« Sein Kumpan krempelte die Ärmel hoch. Da kam ein Scharren aus der Ecke.

»Genug!«

Die beiden Schläger hatten den stillen Zuschauer vergessen. Ruckartig fuhren sie herum. Im selben Moment lagen ihre Hände an den Waffen. Der große, breitschultrige Fremde stand neben dem Ecktisch. Seine Hände hingen locker herab. Der rotbraune Walnussgriff des 44ers ragte aus dem am rechten Oberschenkel befestigten Holster. Die Stetsonkrempe verdeckte das Funkeln der grauen Augen.

»Halt dich da raus, Mister!«, drohte der Narbige. »Wir klären hier sozusagen ’nen Familienstreit.«

Details

Seiten
108
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936841
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v518304
Schlagworte
donovans fort

Autor

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Titel: Donovans Fort