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Veronika und die vergessene Schuld

2020 92 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Veronika und die vergessene Schuld

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Veronika und die vergessene Schuld

Heimat-Roman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 92 Taschenbuchseiten.

 

Veronika hatte vor Jahren ihr Glück gefunden und war mit ihrem Mann nach Wien gegangen. Doch das Blatt wendet sich. Ihr geliebter Mann stirbt bei einem Unfall und nun ist auch ihre Mutter sterbenskrank. Noch bevor sich ihre Augen für immer schließen, gibt Veronika ihr das Versprechen, den Tuxerhof nicht zu verkaufen.

Doch die Dorfbewohner meiden die junge Frau, denn sie meinen, dass sie nicht mehr hierher gehört …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Veronika Hanka - wird das Heimkommen schwergemacht.

Ellen Burgler - findet für ihren Sohn eine liebevolle Pflegestelle.

Bastian Burgler - fühlt sich auf dem Tuxerhof sehr wohl.

 

 

1

Nur ein kleines Licht brannte neben dem Lager der Sterbenden. Es leuchtete bis zu der wachenden Frau, und ein schwacher Schimmer drang auf das Bett der Frau. Seit Tagen wusste man, dass sie sterben, würde. Und sie machten sich auch nichts mehr vor.

Als Veronika dieses Haus betreten hatte, war die Mutter mit der Wahrheit herausgerückt.

»Es ist besser, wenn du gleich weißt, dass ich sterben muss und du nicht zu heucheln brauchst. Ich hab’ mein Leben gelebt, und ich brauche mir keine Vorwürfe zu machen. Die da oben werden mich gnädigst aufnehmen. Denn ich war rechtschaffen und gradlinig, so wie es sich gehört.«

Veronika hatte der sterbenden Mutter sprachlos in die müden Augen geschaut.

»Mutter«, hatte sie erschrocken gefragt, »warum hast du mir nicht früher Bescheid gegeben? Warum nicht? Jetzt ist es zu spät.«

Die Lippen der alten Frau kräuselten sich nur andeutungsweise.

»Hättest du dem Tod dann gesagt, er soll fortgehen, es wäre noch nicht Zeit? Oder was hättest du getan, Veronika?

Es tat so weh!

Auch jetzt, wo sie neben dem Bett saß und über dem unruhigen Schlaf der Mutter wachte, musste sie an diese erste Begegnung zurückdenken. Komisch, dachte sie, ich will immer noch nicht damit fertig werden. Ich kann mir dieses Haus einfach ohne meine Mutter nicht vorstellen. Sie wird mir fehlen. Wenn ich an die Heimat denken musste, dann sah ich immer im Geist die Mutter, wie sie hier wirtschaftet, durch die niedrigen Räume schreitet und nach dem Rechten sieht. Ihren Augen entging nie etwas. Als Kinder hatten sie sich oft gefürchtet.

»Sie schaut sogar mit dem Hinterkopf«, hatte der Bruder einmal geäußert.

Der Bruder! Auch diese Wunde war jetzt vernarbt. Lange hatte sie geblutet. Wieder blickte sie in das zerfurchte Gesicht der Mutter. Sie muss noch viel mehr gelitten haben, dachte sie unwillkürlich. Merkwürdig, so lange ich im Schmerz vergraben war, habe ich nie wirklich daran gedacht, wie sie es erträgt. Ich hatte ja Hans. Hans hat mir geholfen. Alle haben mir geholfen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Sie zuckte zusammen, als die Mutter sie leise ansprach: »Vater hat mit mir gesprochen - sie warten auf mich.«

Ein kalter Schauer rann der Tochter über den Rücken. War die Mutter schon mehr drüben als hier?

»Was ist?«

»Nichts«, stammelte sie leise.

»Du hast an deinen Mann gedacht, nicht wahr?«

Sie war noch immer so hellsichtig!

Veronika konnte noch nicht über Hans sprechen. Immer noch nicht! Obwohl es jetzt schon über ein Jahr her war, dass er durch einen Unfall sein Leben verlor. Ein Betrunkener hatte ihn überfahren.

»Soll ich ihn von dir grüßen?«

»O Mutter«, rief Veronika verzweifelt, »verlass mich nicht! Ich bitt’ dich, geh noch nicht. Ich brauche dich so sehr.«

»Kind«, sagte die Mutter leise, »ich hab’ dich auch gebraucht, du hast auch mein Flehen nicht gehört. Bist ihm nicht gefolgt. Ich kann jetzt auch nicht das tun, was du von mir wünschst.«

Sie griff nach den abgearbeiteten Händen. Vor drei Tagen hatte sie noch in der Küche gestanden und das Essen gerichtet. Veronika hatte ihr nicht dabei helfen dürfen. Und jetzt lag sie seit zwei Tagen, und sie durfte sie pflegen.

Veronika atmete schwer. War dies die Stunde der Abrechnung? Hatte sie den Tod so lange hinausgeschoben, bis sie sich fanden zu einer allerletzten Abrechnung? War es das, was sie noch am Leben erhielt? Würde es erlöschen, wenn sie der Tochter alles gesagt hatte? Oder hatte sie noch Wünsche? Sie war nur in den Ferien daheim gewesen. Und da war sie wie die Fremden viel gewandert und hatte sich eigentlich nicht viel um die Mutter gekümmert. Sie war jung, verliebt, dachte nur an sich.

»Was willst du von mir, Mutter?«

Die Mutter blickte zur Decke.

»Sie muss auch mal wieder geweißelt werden. Ich hab’ es nicht mehr schaffen können. Aber was soll’s, du wirst ihn ja doch verkaufen.«

»Den Hof verkaufen?«

Wieder lächelte die Mutter dünn.

»Sehr viel ist ja nicht davon übrig geblieben, Kind. Wir waren einst stark und groß, und man hörte auf unseren Rat. Aber das ist schon lange vorbei. Wir haben nichts mehr zu vermelden.«

»Mutter, hast du verkauft?«, fragte die Tochter verwirrt. »Ist es das, was du mir sagen willst?«

»Ich habe nichts verkauft. Wie kannst du nur so etwas annehmen? Was mir anvertraut wurde, das hab’ ich verwaltet. Ja, ich hab’ gewusst, auf welchen Platz man mich gestellt hat, dass ich auszuharren hab’. Nein, ich habe nichts verkauft, aber ich musste verpachten. Viel verpachten. Für mich war es ja zu viel. Und für Kräfte konnte ich mich nicht entscheiden. Außerdem bekommt man sie auch so schwer. Nein, ich hab’ nur wenig für mich behalten. Aber jetzt gehört alles dir, Kind. Du wirst es wohl verkaufen, nicht wahr? Du willst doch wohl nicht heimkommen?«

Bis zu diesem Augenblick hatte Veronika sich wirklich noch keine Gedanken gemacht, was werden sollte aus dem schönen Anwesen.

Die Mutter sprach schon weiter.

»Seit der Ferdl nicht mehr ist, ist alles so sinnlos geworden.«

Der Bruder war aus der Wand gestürzt. Noch vor seiner Hochzeit. Jetzt hatte der dreihundert Jahre alte Hof keinen männlichen Erben mehr. Auch sie, Veronika, hatte ja keine Kinder. Das war ein Tropfen Schmerz in ihrem Glück gewesen. Wie hatte sie sich auf eigene Kinder gefreut, und jetzt stand sie wie die Mutter mit leeren Händen da. Es war doch merkwürdig. Sollte wirklich ein Fluch darauf liegen, nur weil sie fortgelaufen war aus der Heimat?

»Mutter, hast du mich denn nie verstanden? Hast du es nie begriffen?«

Die stolze Bäuerin blickte die Tochter an. Ja, sie war auch jetzt mit ihren vierzig Jahren noch immer eine sehr schöne Frau. Anmutig und reizend, und so klug und auch herzlich. Ihr Lachen erwärmte die Herzen der Menschen. O ja, sie erinnerte sich noch so genau, wie der Mann traurig dagestanden hatte, als die Tochter den Hof verließ. »Nun hat uns für alle Zeiten der Sonnenschein verlassen«, hatte er gesagt. Sie war sein Liebling gewesen. Da erst hatte sie erkannt, was sie eigentlich getan hatten: Veronika fortgehen zu lassen nach Wien. Sie war eine Städterin geworden. Sie lebte in einem ganz anderen Kreis, wie man es hier im Gebirge gewöhnt war. Sie hatte einen höheren Beamten aus der Staatskanzlei zum Mann genommen. Hans Hanka hatte hier im Ort seine Ferien verbracht. Weil er abgearbeitet war, hatte er in den Bergen Ruhe finden wollen und hatte dann die reizende Bauerntochter Veronika kennengelernt. Bei beiden war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Veronika sollte diesen Schritt nie bereuen. Hans hatte nicht aufgehört, sie zu lieben und ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Ja, sie blühte noch mehr auf und wurde zu einer schönen, reifen Frau.

Im Dorf hatte man es einfach nicht verstanden. Mit einem Beamten! Mein Gott, lief ihr denn der Waldhöfer Sohn nicht nach? Mädchen im Ort renkten sich den Hals aus, wenn der schöne Tobias Waldhöfer vorbeischritt. Ja, das war wirklich ein Mannsbild! Auf dem letzten Talfest hatten die zwei da nicht die ganze Nacht zusammen getanzt? Was für ein schönes Paar waren sie doch gewesen! Tags darauf hatte man es an der Kirchtür hören können, die werden noch ein Paar, bevor das Jahr vorbei ist. Der wird jetzt um ihre Hand anhalten, und die Veronika hat mal wieder Glück gehabt. Na ja, wir gönnen es ihr. Wenn einer Glück verdient hat, dann die Veronika. Damals hatten sie alle das blitzsaubere und lustige Mädel gemocht. Überall, wo sie erschien, verbreitete sie Frohsinn und Lachen. Sie war ein richtiges Sonntagskind.

Aber dann hatte sie den Fremden genommen.

»Mutter, ich hab’ ihn liebgehabt, irrsinnig lieb. Und ich bin doch auch glücklich geworden.«

»Kurzes Glück«, röchelte die Mutter. Das Atmen fiel ihr langsam schwer. Sollte es, schon diese Nacht mit ihr zu Ende gehen? Veronika hatte ihr versprechen müssen, den Pfarrer erst kommen zu lassen, wenn alles vorbei war. »Er ist ein alter Schwätzer und nimmt es mit seinem Beruf auch nicht mehr so genau.«

Veronika wollte sich mit der Mutter nicht streiten, obwohl sie gern mal ihre Meinung gesagt hätte. Nur weil man nicht so an den alten Sitten hing, war man nicht mehr gut. Nein, im Ort würde sie auch kein Verständnis finden.

Ja, wollte sie denn bleiben?

Sie sah die Mutter an, dann glitt ihr Blick weiter durch den getäfelten Raum. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Wollte sie denn wirklich, dass hier andere Menschen zu wohnen kamen? Hatte das Schicksal alles so gewollt?

Wenn ihr Mann noch leben würde, dann hätte sie nicht einen Augenblick lang darüber nachdenken müssen. Und vor allen Dingen, dann hätte sie ja ihre Heimat besessen: in Wien, in der Stadtwohnung! Doch seit er tot war, war es einsam um sie geworden. Sehr einsam sogar. In einer Stadt lud man junge Frauen, die Witwe waren, nicht gern ein. Hatte man doch Angst, dass sie dem eigenen Mann schöne Augen machten. Und wenn sie dann so liebenswert wie Veronika Hanka waren! Ja, so war es nun mal im Leben.

Auf dem Land war es da schon ein wenig anders. Zumindest glaubte sie es.

»Ich werde bleiben, Mutter.«

»Du brauchst es mir nicht zu versprechen, wenn du denkst, dass du mir damit das Sterben erleichterst. Ich kann spüren, ob du es wirklich so meinst.«

»Ich komme zurück.«

Noch einmal glühten die Augen der alten Frau auf.

»Du willst den Hof behalten?«

»Ja.«

»O Gott, vielleicht wird doch noch alles gut, Kind. Vielleicht wirst ihn vererben können?«

»Mutter, ich habe keine Kinder. Hast du das vergessen?«

»Hast du dich untersuchen lassen?«

»Bitte, Mutter, es hat doch keinen Sinn mehr. Hans lebt nicht mehr. Ich hab’ ihn so liebgehabt. Nie werd’ ich einen anderen Mann nehmen. Versteh mich, ich werd’ mich auch so um den Hof kümmern. Du hast es doch auch all die Jahre getan. Ich hab’ ja meine Pension. Verstehst, Mutter, ich leb’ davon, und dann hab’ ich noch den Hof und die Pacht.«

»Aber später ...«

O Gott, dachte die Tochter, da steht sie vor dem Ende und ist noch so erdverbunden. Begreift sie denn immer noch nicht, dass jenseits aller Grenzen alles anders aufgewogen wird? Begreift sie es immer noch nicht? Mutter, Mutter, was ist denn schon so ein kleiner Hof für die Ewigkeit? Sie wollte es ihr zurufen, doch dann spürte sie, dass es ihr wesentlich schlechter ging und kaum noch hörte, wenn sie was sagte.

So blieb Veronika nichts anderes übrig, als ihr die Hand zu streicheln und ihr nahe zu sein. Und sie dachte, ach, wär’ doch mein Hans auch so gestorben und nicht so entwürdigend auf einer schmutzigen Straße. Und ich durfte nicht mal bei ihm sein. Zwei Stunden später erfuhr ich erst von seinem Tod. Wieder fühlte sie den wilden Schmerz in sich hochsteigen.

»Die vergessene Schuld«, keuchte die Mutter.

Veronika beugte sich weit nach vorn.

»Was willst du mir sagen?«

»Schuld, Schuld!« Sie schnappte nach Luft.

»Mutter, ich versteh’ dich nicht. Ich weiß nicht, was du mir sagen willst.«

Die Augen der Alten blickten sie beschwörend an. Aber sie begriff nichts. Dann brach ihr Blick.

Veronika wollte es noch nicht glauben. Nein, es durfte nicht sein. Eben noch hatten sie miteinander gesprochen.Und jetzt sollte sie für immer verstummt sein?

»Mutter!«

Die Hand fiel auf die Bettdecke. Sie regte sich nicht mehr.

»O Mutter!«

Veronika erhob sich. Merkwürdigerweise konnte sie jetzt nicht mal weinen. Es war so ein seltsamer Friede in diesem Augenblick um sie, obwohl sie doch wusste, dass sie mit der toten Mutter ganz allein in dem Haus war. Sie stand nur einfach da und blickte auf die alte, abgemagerte Gestalt der Mutter. Sie war nie schön gewesen. Ihr ganzes Leben hatte aus Arbeit bestanden. Ob sie je gewusst hatte, was wirkliche Liebe war?

Warum musste sie jetzt daran denken? Weshalb?

Sie beugte sich vor und schloss behutsam die starren Augen.

Die junge Frau fühlte sich ausgelaugt und total erschöpft. Mit letzter Kraft schwankte sie in ihr Schlafzimmer und fiel in einen tiefen Schlaf.

 

 

2

Der Pfarrer blickte Veronika durchdringend an.

»So sieht man sich also wieder. Na ja!«

Sie standen neben der Mutter. Die Nachbarn hatten es sich nicht nehmen lassen, die alte Frau aufzubahren. Das war so Tradition, auch wenn man mit der Tochter nicht viel im Sinn hatte. Ja, fast feindselig war sie angestarrt worden. Die alte Theres griff sie sogar hart an.

»Warum bist nicht früher gekommen? Vielleicht würde die Mutter jetzt noch leben. Doch sie hat sich bis zum letzten Augenblick abrackern müssen. Ich hab’ es ihr immer wieder gesagt, sie soll sich schonen. Doch ihre Antwort war nur, irgendeiner muss ja die Arbeit tun. Und ich kann nicht so unnütz dasitzen und sehen, wie alles verkommt. Das Vieh braucht mich.«

Veronika war tief erschrocken und versuchte, sich jetzt noch zu verteidigen, und das war ganz und gar falsch. Doch das sollte sie erst viel später begreifen.

»Ich hab’ es doch nicht gewusst«, stammelte sie. »Die Mutter hat es mich doch nicht wissen lassen.«

Die Alte blickte sie zornig an.

»Ja, ja, die Städter sind nicht auf den Mund gefallen. Und Ausreden haben sie auch stets zur Hand. Darin sind sie sehr flink.«

»Ich bin keine ...« Doch sie schwieg, denn was sollte sie antworten? War sie nicht Wienerin geworden? Hatte sie sich in den zwanzig Jahren denn nicht oft so gefühlt? Wenn sie nur in den Ferien daheim war, nein, sie hatte sich nicht mehr bodenständig verhalten.

Schüchtern verließ sie die Kammer und ging in die Küche. Sie richtete ein Essen für die Frauen. Daran entsann sie sich noch, dass sich das auch gehörte. Stumm werkelte sie herum. Kummer und Leid waren noch tief verdrängt. Ihr Herz war wie versteinert. Vielleicht war das auch ein Grund mit, warum die Frauen so böse auf sie waren. Sie konnte ihren Kummer nicht zeigen. Sie brachte es nicht über sich zu schauspielern. Die Mutter würde sie verstehen. Man konnte auch leiden, wenn man nicht weinte und stöhnte. Ganz tief im Herzen war doch die Liebe zur Mutter noch immer da.

Während sie das Brot strich, dachte sie, die alte Theres hat ja so recht. Ich hätte es einfach wissen müssen. Die Mutter war doch auch nicht mehr die Jüngste. Ich hätte es ahnen müssen, dass sie mir zu spät Bescheid sagen würde. Ich hätte einfach kommen müssen. Und dann hätte ich es gesehen. Mit eigenen Augen hätte ich ihre Hinfälligkeit gesehen und wäre dann geblieben.

Ihre Hände ruhten, und sie blickte mit starren Augen in die hohen Tannen. Vielleicht, dachte sie, wenn ich früher gekommen wäre, vielleicht hätten wir uns dann wieder gefunden. Viele Wochen hätten wir beisammenbleiben können und über alles reden. Und jetzt ist es vorbei, unwiederbringlich vorbei. Ich weiß nicht, was die Mutter wirklich von mir wollte. Ich weiß es einfach nicht!

Das zu wissen, tat schon so weh!

Sollte sie die Nachbarinnen fragen? Vielleicht hatte die Mutter Andeutungen gemacht?

Die Nachbarinnen!

Hastig machte sie das Mahl fertig, wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging hinüber. Bestürzt stellte sie dort fest, sie hatten sich aus der Hintertür geschlichen. Sie umklammerte den Sargdeckel und stöhnte wild auf.

»Mutter, Mutter, was soll ich tun? Ich hab’ doch nichts verbrochen. Mutter, wenn du mich hören kannst, gib mir doch ein Zeichen, ich fleh’ dich an! Mutter, ich bin doch so verlassen, so ...«

Jetzt kamen endlich die Tränen. Schluchzend barg sie ihren Kopf in die Schürze. Dass man mit vierzig Jahren so einsam und verzweifelt sein konnte! So schrecklich verwirrt!

Und jetzt stand sie vor dem Pfarrer. Würde er auch nur harte Worte für sie übrig haben?

»Ich kenne meine Schäfchen, Veronika, und ich sag’ es dir gleich, du wirst es nicht leicht haben. Also nimm es dir nicht so zu Herzen!«

»Was wollen Sie mir damit andeuten?«

»Man wird der Mutter das Geleit geben. Das ist nun mal so Brauch. Aber anschließend wirst du niemanden antreffen, du verstehst mich?«

»Aber ich hab’ doch den Leichenschmaus hergerichtet«, sagte sie erschrocken. »Ich hab’ an alles gedacht, Herr Pfarrer.«

»Ich würd’ dir ja gern den Gefallen tun und kommen, aber ich hab’ auch einen Termin, weißt. Tut mir so unendlich leid für dich!«

Veronika blickte ihn groß an.

Sogar du bist zu feige, dachte sie bei sich. Na ja, ich bin ja bloß eine Fremde.

»Danke schön! Ich hab’ es mir schon gemerkt.«

So brachte man die alte Tuxerin zu Grabe. Veronika fühlte die glühenden Blicke in ihrem Rücken. Aber sie hielt tapfer aus. Nein, dachte sie, ich bin auch eine Tuxerin. Das Blut spricht in mir. Ich lass’ mich nicht beugen. Jetzt erst recht nicht. Ich hab’ nichts Unrechtes getan, also kann ich auch den Kopf hochtragen. Wenn sie denken, dass ich mich gräme, o nein, sie sollen nicht ihre Freude daran haben. Ich hab’ meinen Stolz. Mutter, du hast recht, ich werde den Hof nicht veräußern. Jetzt erst recht nicht.

Der Pfarrer sprach ein paar Worte, und dann ließ man den Sarg in die Grube gleiten. Sie blickte mit starren Augen auf die Kreuze des Vaters und des Bruders. Im Geist sah sie auch das Grab ihres Mannes in Wien. Ihr Herzblut zerrann, und niemand merkte von diesem wilden Weh etwas.

Gefasst, fast gelassen, drehte sie sich anschließend herum. Man hatte eine Gasse gebildet. Totenstill war es auf dem kleinen Gottesacker geworden. Sie alle hatten sich in der Tat gefreut, wenn sie an das dumme Gesicht dachten, was sie machen würde, wenn sie von Mensch zu Mensch ging und bat, mitzukommen zum Leichenschmaus. Aber sie tat es nicht.

Welch eine Schande! Das war wirklich arg und böse. Nicht mal das hatte sie für die Mutter übrig. Schnell war man jetzt mit anderen bösen Gerüchten zur Hand. Bis die Buntschneiderin scharf sagte: »Sie hat genug Lebensmittel eingekauft. Aber sie tut klug daran, sie nicht an euch Natterngezücht zu vergeuden.«

Das war stark!

Die Buntschneiderin besaß das einzige Lebensmittelgeschäft am Ort. Alle mussten bei ihr einkaufen, wenn sie nicht den weiten Weg in die Kreisstadt machen wollten. Und alle standen mal bei ihr in der Kreide, wenn man noch nicht mit der Genossenschaft abgerechnet hatte oder auch mal aus anderen Gründen. Die Alte war auch keine Ortsansässige, und deswegen heulte sie auch nie mit den Hunden mit. Ach nein, das war es gar nicht. Sie konnte es nur einfach nicht haben, wenn sich ein paar alte Giftweiber ihr Schandmaul an anderen wetzten.

»Hast also dein gutes Stück Geld verdient«, giftete man sie jetzt an.

»Aber sicher!«

»Ich würd’ den Mund nicht so voll nehmen. Wir könnten es dir mal übelnehmen«, sagte ein Bauer böse.

Die Alte ließ sich aber nicht beirren.

»So? Ich hab’ genug für den Rest meiner Tage. Wenn ich keine Lust mehr hab’, schließ’ ich das Geschäft und zieh’ zu meiner Tochter nach Klagenfurt.«

Die Leute vom Dorf starrten sie an.

»Was? Du willst dein Geschäft schließen?«

»Warum nicht?« Dann schritt sie rüstig aus und holte bald die Veronika ein.

»Wenn es dir recht ist, möcht’ ich schon mit dir gehen. Ich hab’ für den Morgen mein Geschäft geschlossen.«

Veronika Hanka blieb stehen und sah sie erschrocken an.

»Brauchst dich meinetwegen nicht mit dem Dorf zu überwerfen, Buntschneiderin.«

»Meinen Namen kennst also noch? Erinnerst dich vielleicht auch noch an die vielen Zuckerle, die ich dir zugesteckt hab’, Veronika?«

Veronikas Lippen begannen zu zittern.

»Du bist die einzige, die ein freundliches Wort für mich übrig hat.«

Resolut nahm die Alte den Arm der Jüngeren.

»Komm, gehen wir heim!! Sie sollen deinen Schmerz nicht sehen. Wir haben noch sehr viel Zeit, über alles zu reden.«

So kam es, dass die alte Buntschneiderin fürstlich bewirtet wurde. Veronika war ihr so unendlich dankbar, und bald öffnete sich ihr Herz der alten Frau gegenüber.

»Was hab’ ich denn verbrochen, Buntschneiderin? Was denn nur?«

»Tja, du wirst es schwer begreifen, Veronika, aber man verzeiht es dir einfach nicht, dass du fort bist. Wo du doch und der Waldhöfer damals ...«

Veronika blickte die Alte groß an.

»Den Tobias? Meinst den?«

»Ja. Hast ihn so schnöde im Stich gelassen. Das kann man dir einfach nicht verzeihen, Veronika.«

Sie war aufgesprungen.

»Hat der Tobias Waldhöfer das erzählt?«

»Nein, nein, natürlich nicht. Das brauchte er auch nicht zu tun, verstehst, Veronika. Man wusste doch eh Bescheid über euch. Er ist ein Ehrenmann, wenn das meinst. Er hat nie ein böses Wort über dich gesagt. Und das hat sie eigentlich noch wilder gemacht.«

»Sie vergessen halt nicht, die Dörfler!«

»Die vergessene Schuld«, murmelte Veronika tonlos.

»Hast was gesagt?«

»Die Mutter sprach davon. Sie hat es also die ganze Zeit gewusst?«

»Ja, sie hat es natürlich gewusst.«

»Oh, mein Gott«, stammelte Veronika, »soll das heißen, die Eltern haben deswegen leiden müssen? Meinetwegen?«

»Ja, weißt denn wirklich nicht, warum dein Bruder gestorben ist?«

»Er ist doch aus der Wand gestürzt«, schluchzte Veronika auf.

»Wer hat dir das erzählt?«

»Die Eltern haben es mir gesagt.«

Die Alte nickte vor sich hin.

»Weißt, dein Vater war ein feiner Bursche. Als ich mal jung war, da hab’ ich ihn gemocht. Sogar recht gern. Er hat es also nicht wollen, dass du die Wahrheit erfährst. Ja, ja, der alte Ignaz war noch ein Bursch’ aus Schrot und Korn.«

»Buntschneiderin, jetzt will ich endlich die Wahrheit wissen.«

»Nun, sie sind ja alle tot, ich mein’, die um dich gelitten haben. Also, dein Bruder hat sich geschlagen mit dem Gustl, weil er so bös’ über dich sprach und dich so durch den Schmutz zog - Beamtenliebchen und vieles mehr. Nun, da haben sie sich geprügelt - ausgerechnet in den Bergen. Sie waren auf dem Weg zur Alm. Warum sie dann bei der Teufelsschlucht halt machten, niemand kennt die Wahrheit. Der Gustl ist ja dann wenig später auch gestorben.«

»Davon hab’ ich gehört.«

»Auch woran?«

»Nein!«

»Er hatte Wunden, Messerstiche! Eigentlich hat man ihn ja verhaften wollen wegen Mordes an deinem Bruder. Aber er war doch so bös’ zugerichtet, und niemand konnte die Wahrheit herausfinden, wer wen angegriffen hatte und wer sich verteidigen musste. Der Gustl konnte nicht mehr reden, und so hat niemand die Wahrheit erfahren. Ich meine, wer nun schuldig war. Sie haben alle zugewartet und sich gesagt, wenn der Gustl erst mal wieder richtig gesund ist, dann wird er sich äußern müssen. Aber dann ist er doch gestorben. Er hat nur noch die Stelle angeben können, wo dein Bruder liegen müsste. Da hat man ihn dann auch gefunden. Zerschmettert.«

»Buntschneiderin, ich versteh’ das alles nicht«, rief sie. »Warum hat man mir denn nicht die Wahrheit gesagt? Warum denn nicht? Was kann ich denn dafür? Oh, du mein Gott!« Sie rang die Hände.

»Dein Vater hat es nicht gewollt. Ich hab’ ihm gesagt, es ist nicht gut. Das wird nie gut ausgehen. Sie muss es erfahren, aber er hat mich nur ganz wild angesehen und gesagt: ,Davon wird, mein Bub auch nicht wieder lebendig. Er bleibt tot. Soll denn die Veronika auch noch unglücklich werden? Und das schwör’ ich dir, wenn einer der Veronika die Wahrheit sagt, dann kriegt er es mit mir zu tun!‘«

»All die vielen Jahre haben sie geschwiegen. So lange, und ich hab’ Schuld gehabt. Nur ich hab’ Schuld gehabt und hab’ es noch nicht einmal gewusst. Mein Gott, das ist ja furchtbar.«

»Du brauchst dich jetzt nicht mehr darüber zu grämen, Veronika. Ich hab’ es dir auch nur gesagt, damit du es nicht von den anderen erfährst. Jetzt, wo die Mutter tot ist, da wird sich so manches Schandmaul bereit erklären, dir alles brühwarm zu erzählen.«

Veronika ging in der Stube auf und ab.

»Jetzt versteh’ ich auch die Dörfler. Alles kann ich jetzt verstehen. Und ich kann ihnen noch nicht mal böse sein. Sie müssen ja so von mir denken. Aber Buntschneiderin, was hab’ ich denn getan? Ich hab’ nur geliebt, verstehst du mich denn überhaupt?«

»Ja, ich verstehe dich. Aber von den anderen kannst es schwerlich verlangen. Sie denken nur an Höfe und Geld und Land. Gefühle spielen bei uns doch nur ganz selten eine Rolle. Nur wer es sich leisten kann, der kann Gefühle zeigen. Sonst nimmer. Und vielleicht deswegen wirst es so schwer haben, Veronika. Weil du alles vom Leben bekommen hast. Das wird man dir nicht verzeihen. Die vergessene Schuld. Ja, daran wirst noch lange zu knacken haben. Weißt, damals bist du ja mit deinem Mann gleich fort. Da haben sie sich nicht mehr rächen können. Aber sie haben nichts vergessen.«

»In den Ferien war ich doch so oft hier!«

»Solange der Vater noch lebte, traute man sich nicht. Und mit deiner Mutter hatte man einfach Mitleid. Musste sie doch auch darunter leiden.«

»Man hat meine Mutter leiden lassen?«

»Kind, für deine Mutter war es unendlich schwer, ansehen zu müssen, dass du bei deinem Vater mehr galtest, als sie es je getan hatte.«

»O Gott!« Helle Tränen liefen über ihr Gesicht.

»Was wirst du jetzt tun?«

Veronika hob den Kopf.

»Was soll ich tun, Buntschneiderin? Ich bin so verzweifelt!«

»Trag es mit Fassung! Zeige denen nicht, wie es um dich steht. Biete ihnen die Stirn, dann werden sie auch aufhören, über dich zu tratschen.«

Veronika ging auf und ab.

»Am liebsten möchte ich wieder nach Wien flüchten, obwohl ich auch dort einsam bin. Aber hier ist mein Heim, der Hof meines Vaters. Ich hab’ doch der Mutter versprochen zu bleiben. Sie ist so glücklich gestorben.«

»Das freut mich zu hören. Ja, sie hatte schon ihre Bürde zu tragen. Weißt, als das damals mit dem Sohn geschah, da hat dein Vater die ganze Zeit gehofft, du würdest einen Sohn bekommen und der würde dann den Hof übernehmen. Von nichts anderem war die Rede. Immerzu sprach er davon, dass sie noch nicht am Ende wären. Voller Freude erzählte er es jedem, der es hören wollte. Doch dann ist er von Jahr zu Jahr stiller geworden. Und eines Tages hat er einfach keine Lust mehr am Leben gehabt. Einsam im Herzen ist er gestorben.«

»Hör auf, ich ertrag’ es nicht mehr!«

Die alte Frau blickte sie aufmerksam an.

»Hat dein Vater nie darüber gesprochen?«

»Einmal«, antwortete sie mit leiser Stimme. »Ja, einmal hat er mich gefragt und gesagt, er verstände es ja, in der Stadt habe man es nicht so eilig mit dem Kindersegen. Das wisse er schon.«

»Mehr nicht?«

»Nein.«

»Und du hast dir nix dabei gedacht?«

Veronika blickte sie müde an.

»Ich könnt’ es schwören, wirklich, ich hab’ es nicht gewusst. Vielleicht hat er sich auch schon gedacht, dass ich keine Kinder bekommen konnte und hat deswegen nie mehr mit mir darüber gesprochen.« Sinnend starrte sie aus dem Fenster und blickte auf die hohen Tannen, die sich leise im Wind wiegten. »Vielleicht ist das die Strafe für mich gewesen«, sagte sie mit leiser Stimme. »Vielleicht hat mich das Schicksal schon bestraft.«

»Veronika, versündige dich nicht!«

Sie lächelte verzerrt.

»Vielleicht sollte ich nicht fort. Und weil ich es tat, weil ich aus dem Tal fortging, darum bin ich so bestraft worden.«

»Jetzt bist aber hart zu dir, Kind!«

»Ach, Buntschneiderin, verstehst du das denn nicht? Warum konnte ich den Eltern keinen Segen bringen? Alles mussten sie hergeben, einfach alles, und ich hab’ es die ganze Zeit noch nicht mal gewusst. Ich war nur glücklich. So unendlich glücklich. Wie lieb war mein Mann zu mir, als er begriff, dass ich keine Kinder bekommen konnte und wie unglücklich ich darüber war. Er hat nur immer an mich gedacht. Ich war sein Ein und Alles. Ach, Buntschneiderin, wir haben eine so glückliche Ehe geführt. So voller Sonnenschein war sie. So heiter und süß!« Jetzt weinte sie bitterlich.

Die Alte wusste aus Erfahrung, dass man Menschen weinen lassen musste. Es war einfach nicht gut, wenn man all seinen wilden Schmerz runterschluckte. Dann wurde er mit der Zeit nur noch schlimmer. Ganz still saß sie da und wartete, bis Veronika sich ausgeweint hatte.

Veronika entschuldigte sich, aber davon wollte die alte Frau nichts wissen. Ächzend erhob sie sich.

»Ich muss jetzt wieder den Laden öffnen. Du weißt also jetzt, dass du immer mit mir rechnen kannst.«

»Ich bedank’ mich auch schön.«

»Halt die Ohren steif!«

»Ich werde mir Mühe geben.«

 

 

3

Die Buntschneiderin war keine Tratsche. So wusste man lange Zeit im Dorf gar nicht, was jetzt mit dem schönen Tuxerhof wurde.

Am nächsten Morgen war Veronika gleich mit ihrem Wagen davongefahren. Verstohlen hatte man hinter den Gardinen gestanden und ihr nachgeblickt. Aber als sie auch am Abend immer noch nicht auftauchte, war man des Wartens müde. Und als sie auch in den nächsten Tagen nicht erschien, taten sich ein paar schon zusammen und wollten zum Bürgermeister. Denn es ging ja nicht an, dass man den Hof sich allein überließ. Das würde dann sehr schnell ein Schandfleck des Dorfes werden. Und man hatte schließlich Rücksicht auf die Fremden zu nehmen.

Der Bürgermeister aber war da sehr vorsichtig. Er wollte sich einfach nicht in die Nesseln setzen. Wusste er doch, dass der Mann der Veronika ein höherer Beamter gewesen war. Man konnte ja nie wissen, vielleicht hatte sie noch immer Verbindungen zur Dienststelle. Wenn man ihr jetzt Steine in den Weg warf, dann konnte es gut möglich sein, dass man ihn deswegen zur Rechenschaft zog. Das wollte er nicht. Natürlich drückte er sich nicht so aus.

Er brummte nur: »Sie kann mit dem Hof tun und lassen, was sie will!«

»Und das Vieh?«

»Nun, ich hab’ mir sagen lassen, dass die Buntschneiderin sich darum kümmert.«

Da aber ein paar recht gern das Anwesen erwerben wollten, ließen sie noch immer nicht locker. Aber der Bürgermeister blieb stur.

Murrend zogen sie sich zurück. Sie sagten sich, irgendwann wird sie heimkommen. Wenn die alte Buntschneiderin das Vieh versorgt, dann hat sie bestimmt vor, sich nochmals hier blicken zu lassen. Vielleicht soll der Hof auch nur belebt erscheinen, falls sie ihn verkaufen will, damit er einen besseren Eindruck macht. Also wartete man ab.

Veronika war noch einmal nach Wien gefahren und hatte dort ihren Haushalt aufgelöst. Verzweifelt dachte sie: Jetzt bin ich ganz entwurzelt. Daheim ist die Hölle und hier ist ein Nichts!

Noch einmal besuchte sie das Grab ihres Mannes. Sie stand davor und dachte verzweifelt, was wäre aus mir geworden, wenn du vor zwanzig Jahren in einem anderen Tal deinen Urlaub verlebt hättest. Würden dann der Vater und der Bruder noch leben? Nein, sie durfte einfach nicht mehr so denken. Es brachte ihr nichts!

Wenn sie für die tote Mutter noch etwas tun konnte, dann war es das, ihr Versprechen einzuhalten. Sie hatte den Hof so sehr geliebt, weil sie ihr sogar die Liebe des Mannes abspenstig gemacht hatte.

»Ich werde lange nicht mehr kommen können«, flüsterte sie. Dann gab sie sich einen Ruck und ging mit hölzernen Schritten davon.

Mit ihrem Wagen war sie natürlich schneller am Ziel als der schwere Möbellaster. Sie hatte sich einfach nicht von den guten Möbeln trennen können. Außerdem hingen noch so viele Erinnerungen daran. Das Haus daheim war ja so groß. Sicher würde es auch noch ihren Hausrat aufnehmen. Obwohl sie sich jetzt sagte, wozu eigentlich dies alles! Für eine Person ein Riesenhaus! Ist das nicht unrecht?

O ja, die Dörfler staunten nicht schlecht, als sie mit ihren Möbeln heimkam. Damit hatte man überhaupt nicht gerechnet.

»Das ist ja was«, keuchten die Nachbarn. »dass die sich überhaupt noch traut, ins Dorf zu kommen. Ja mei, müssen wir uns denn alles gefallen lassen?«

»Sie wird schon wieder fortgehen. Wir brauchen nur ein wenig zu warten.«

Details

Seiten
92
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936827
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v516802
Schlagworte
veronika schuld

Autor

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Titel: Veronika und die vergessene Schuld