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Redlight Street #121: Renate - Geheimtipp der Manager

2020 111 Seiten

Leseprobe

Renate - Geheimtipp der Manager

Redlight Street #121

von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.


Renatchen wird sie von ihren Liebhabern zärtlich genannt, denn sie entspricht genau den Vorstellungen der Männer, wenn sie an Luxusdirnen, Luxustüllen oder Starbienen denken. Sie ist die Geheimadresse, der besondere Tipp!

Doch den Luden in Graz ist sie ein Dorn im Auge. Und so planen sie, wie sie Renate „überzeugen“ können, dass sie „freiwillig“ an die Luden zahlt.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Selbst Kenner der Branche waren der Ansicht, dass sie eigentlich gar keine Luxusdirne sein dürfte, sondern nur ein normales »Pferdchen«, eine »Rennmieze« für die Straße, eine »Asphaltantilope« oder dergleichen. Dagegen hätte man wirklich nichts. Auch in ein öffentliches Haus hätte sie lustig einziehen können. Das alles ließe man sich ja noch gefallen, darüber hätte man sich ganz bestimmt nicht geärgert. Aber gleich ein Luxusweibchen mit sagenhaftem Einkommen? Eine Stardirne, die alle Männer wie eine Spinne an sich zog und dann nicht mehr losließ? Sie pilgerten dann ausschließlich zu ihr, ja, waren richtiggehend süchtig nach diesem Mädchen geworden. Und das eben gab es nicht, durfte es nicht geben. Das war mit einem Wort - gemein.

Sämtliche Zuhälter im Umkreis von dreihundert Kilometern konnten nicht mehr friedlich schlafen. Sie bekamen graue Haare und Falten im Gesicht, und das war wirklich nicht schön.

Diejenige aber, deretwegen man so viele Sorgen und so großen Kummer hatte, die kümmerte sich überhaupt nicht darum. Im Gegenteil, sie pfiff fröhlich vor sich hin, nahm ein Sonnenbad auf ihrer unverschämt schönen Balkonwiese und genoss das Leben in vollen Zügen - obwohl sie das wusste.

Renatchen, wie sie von ihren Liebhabern zärtlich genannt wurde, war ein sehr schönes Mädchen. Sie entsprach genau den Vorstellungen der Männer, wenn sie an Luxusdirnen, Luxustüllen oder Starbienen denken. In diesem Fall wird nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert, sozusagen als Geheimadresse, als toller Tipp! Man denkt an ein Supergeschöpf mit rassigen Beinen und einem tollen Busen, und man ist dankbar für eine entsprechende Adresse.

Wie gesagt, wenn man so etwas als Mann zugeflüstert bekommt, dann wird einem heiß; man kann einfach nicht anders, man muss hingehen, muss das Gleiche erleben wie der Freund oder Geschäftspartner, der einem davon erzählt.

Und wo wohnte nun dieses wundervolle Geschöpf? Wo konnte man es besichtigen, das hieß, seinen Obolus auf ihren Tisch legen, um sie dann zu vernaschen?

Ja, das war nämlich auch so eine Sache. Wenn man die schwärmerischen Augen des Mannes betrachtete, der davon flüsterte, dann dachte man: Himmel, dieses Supergeschöpf wohnt bestimmt in Paris! Nein? In Berlin? Auch nicht? Aber dann Frankfurt, Köln, Hamburg oder München. Man ist ja auf dem Laufenden und weiß, wo solche Luxuskokotten leben. Man ist ja nicht von gestern, aber immer noch dankbar für eine gute Adresse.

Auch nicht?

Also dann kommt nur Schweden in Frage. Die heißen Nordländer! Von denen hat man schon so viel gehört. Richtig, warum ist man nicht gleich darauf gekommen!

Aber auch Fehlanzeige!

»Jetzt weiß ich nichts mehr: Also, sag schon! Wenn es nicht zu weit ist, dann nichts wie hin!«

»Sie wohnt in Graz!«

»Waas?« Der Mann verdrehte die Augen und bekam einen Hustenanfall. »Du willst mich doch wohl auf den Arm nehmen, wie? Graz! Zum Teufel noch einmal, das ...«

«... liegt in Österreich, ist die Hauptstadt der Steiermark, hat ungefähr 253 000 Einwohner, liegt am Alpenostrand zu beiden Seiten an der Mur und wird von vielen Parks verschönt.«

»Hör auf, oder bist du vielleicht dort Fremdenführer geworden?«, stöhnte der Freund.

Der andere grinste zurück.

»Nee, aber gar keine schlechte Idee.«

»Wieso? Steht deine Fabrik auf der Abschussliste?«

»Bist du verrückt? Nein, aber ich hab daran gedacht, dass ich dann immer in ihrer Nähe sein könnte. Du meine Güte, also ...« Und wieder glänzten seine Augen sehnsüchtig.

Der Freund kam noch näher; er neidete dem Freund das Glück.

»Hör zu - wirklich in Graz?«

»Seh ich etwa schon senil aus?«, kam die beleidigte Antwort.

Ein Lachen ertönte.

»Nun ja, bei so viel Glück kann man doch wohl mal was verwechseln, sogar den Stadtnamen. Ich meine doch nur - in Wien, also, in Wien gibt es Pferdchen, sage ich dir. Hübsche Mäuschen, also ...«

»Du kannst ja nach Wien reisen. Wenn ich nach Österreich muss, nur nach Graz.«

»Also wirklich Graz!«, stöhnte der Mann wieder auf. »Ich versteh die Welt nicht mehr. Wieso in der Provinz? Warum denn das? Warum denn nicht in Wien?«

»Weil sie das nicht nötig hat«, sagte er lächelnd. »Sie hat gesagt: Das Landleben ist hübsch, hier gefällt es mir, ich bleibe hier.«

»Wieso weißt du das so genau?«

Der Freund machte ein verlegenes Gesicht.

»Nun ja, ich hab gedacht, sie hat mich gern. Verstehst du, wirklich gern. Und da hab ich gedacht, sie käme mir entgegen.«

»Mit dem Preis?«

»Quatsch, nicht mit den Flöhen! Im Gegenteil, ich hab ihr sogar ein hübsches Sümmchen geboten, damit sie näherkommt, verstehst du? Du weißt doch, dass ich nicht oft nach Graz komme. Na ja, und dann hab ich sie gefragt - vielleicht München und so? Ich wollte ihr eine hübsche Wohnung einrichten, ehrlich ...«

Der Freund lachte entzückt auf. Als Mann ist man ja glücklich, wenn man hört, dass ein anderer Mann kein Glück gehabt hat.

»Hat sie nicht getan?«

»Nein«, gab er mürrisch zu.

»Nimm es nicht schwer! Hier gibt es auch nette Käfer.«

»Du brauchst mich nicht zu trösten«, sagte der Freund ärgerlich. »Die Käfer will ich nicht, kenne sie alle. Sie sind eben nicht Renatchen. Und außerdem, da war sogar ein Scheich - verstehst du, kein Kümmeltürke - ein Scheich, mit allem Drum und Dran. Ich glaube, der Prinz hat ihr was geboten, hat aber auch eine Abfuhr bekommen.«

»Du willst mir doch nicht sagen, dass die Biene unbestechlich ist?«

»Ja, sie ist ein Supergeschöpf!«

»Das haste mir jetzt schon hundertmal gesagt.«

»Und ich könnt es tausendmal sagen«, seufzte er.

»Du hast mich neugierig gemacht, Kumpel. Ich muss nächste Woche nach Österreich.«

»Du glücklicher Mensch!«

»Ihre Adresse, Freund und Kupferstecher. Ich werde dir auch alles berichten.«

»Sie wohnt in der Herrengasse 7!«

»Na, wenn das kein gutes Zeichen ist!«, grinste er zurück.

Renatchen hatte also wieder einen neuen Galan, sie wusste es nur noch nicht. Denn sie lag im Augenblick auf ihrem Balkon und ließ sich bräunen, nahtlos wohlverstanden.

In diesem Augenblick kam Miezerl, ihre »Perle«, auf den Balkon. Sie wurde nicht rot und auch sonst nicht verlegen, im Gegenteil, sie stemmte beide Arme in die Seiten und räsonierte: »Herrje, kriegst noch a Schnupfen, ehrlich!«

Renatchen dehnte sich, drehte sich um und lächelte sie an.

»Dann pflegst du mich wieder gesund.«

»Den Schmarren werd ich!«, schimpfte sie. »Nichts! Aber jetzt zieh dir einen Fummel über und komm rein. Das Essen ist fertig.«

Hei, jetzt wurde sogar das faule Renatchen munter wie noch nie. Denn sie aß für ihr Leben gern, das war eine Leidenschaft, die man sogar zu ihrem Kummer hin und wieder sah. Dann unterzog sie sich wieder einmal einer Abmagerungskur. Aber nicht, dass sie dann dünn wie eine Bohnenstange wurde, nein, nur so viel, bis die Hosen nicht mehr kniffen.

Miezerl war fast ein Original. Renate hatte sie gefunden, irgendwo in den verwinkelten Gassen dieser Stadt. Denn, um ehrlich zu sein, sie war keine Grazerin oder wie sich die weibliche Welt hier nannte. Nein, sie war Deutsche und kam aus Rastatt! Aus einem hübschen kleinen Städtchen am nördlichen Ende des Schwarzwaldes; aus einem Städtchen, in dem die Männer nicht einmal ahnten, dass es Dirnen oder käufliche Mädchen gab. Nein, sie waren solide, grundehrlich und treu! Sogar die Junggesellen! Und das sollte schon etwas heißen.

Renate war eines Tages in Urlaub gefahren. Als kleine Büroangestellte hatte sie sich drei Jahre lang jeden Pfennig vom Munde abgespart. Und als sie es dann geschafft hatte, war sie losgezogen in die große, weite Welt - nach Graz!

Renate war der Ansicht gewesen, hier befände sich der Bauchnabel der Welt. Sie fühlte sich pudelwohl und putzmunter. Nur die Geldbörse wurde ziemlich dünn. Das gab ihr zu denken, denn die Ferien waren noch nicht zu Ende. So bummelte sie denn über die Straßen, blieb hier und da stehen und musterte die Menschen, die an ihr vorübergingen. Dabei wurde sie von einem grauhaarigen Mann angesprochen.

»Sooo allein?«

»Wie merken Sie das nur?«, staunte sie, so naiv wie sie damals noch war.

»Einsame Herzen finden sich immer schnell.«

»Aha!«

Na ja, dachte der Mann, ein helles Licht ist sie nicht, aber sie ist ein tolles Weib. Er dachte an Busen, Beine und Bauch und bot ihr zuerst einmal eine Tasse Kaffee an. Renate, die aus Sparsamkeitsgründen an diesem Tag noch nichts zu sich genommen hatte, nickte erfreut über so nette Menschen in Graz. Sie ging fröhlich mit und fragte sogar noch schüchtern, ob sie sich auch ein Brötchen bestellen dürfte - vielleicht auch trocken, falls ein belegtes Brötchen zu teuer wäre.

Der Mann musste wider Willen lachen, bestellte vier Brötchen und sah nun zu, wie ihre reinweißen Zähne sich daran vergriffen und alles in Windeseile im Bauch verschwand. Er hörte ihren klugen Lebensweisheiten zu und amüsierte sich köstlich.

»Du bist mir ein lustiger Käfer«, sagte er lachend.

Binnen fünfzehn Minuten wusste er alles, besonders von ihrer schmalen Geldbörse. Dies hielt er nun für günstig. Er rückte ein wenig näher und erklärte ihr, wie sie das ändern könnte.

»Ja?«, sagte sie verblüfft. »Wie denn?«

Der Herr war mittleren Alters, gut gebaut; ein Geschäftsmann, der sich zufällig in Graz befand, weil er hier ein paar Tage ausspannen sollte. Er war zusammengebrochen von der vielen Arbeit, sozusagen am Boden zerstört. Er hatte sich drei Tage lang ausgeruht und fühlte sich jetzt einsam und unglücklich. Er klagte ihr sein Leid - wie liebelos er seinen Urlaub verbringen müsse und so weiter. Wenn sie, also Renatchen, so lieb wäre, ihm ein wenig das Bett wärme und so - er würde wirklich keine großen Ansprüche mehr stellen - also, dann würde er ihr für vier Tage tausend Mark schenken!

Renate fiel fast vom Stuhl. Tausend Mark - nur dafür? So viel Geld hatte sie für die ganzen vierzehn Tage nicht bei sich gehabt!

Sie schluckte.

Da sie nicht sofort antwortete, sagte der Mann: »Also, dreizehnhundert!«

Damals begriff sie noch nicht: Wenn sie nur noch ein klein wenig länger geschluckt hätte, dann wäre ihr erstes Liebesabenteuer bestimmt noch höher bezahlt worden. Aber sie verschluckte sich und hustete schrecklich. Er klopfte ihr auf den Rücken, befummelte bei dieser Gelegenheit ihren Busen und stellte befriedigt fest, dass dieser echt war und nicht ausgestopft.

»Dreizehnhundert?«, keuchte sie. »Ehrlich?«

Er zückte seine Brieftasche. »Willst du eine Anzahlung?«

»Nnnein«, stotterte sie. »Das tut man doch nicht.«

Ihr erster Kunde sah sie mit sehr eigenartigen Augen an, dann sagte er: »Wenn du so bleibst, wirst du es noch zu etwas bringen. Du bist ein seltenes Geschöpf. Eine Rarität!«

»Wie meinen Sie das? Bin ich nicht normal?«, fragte sie und legte den Kopf schief.

Er nickte lachend.

»So würde ich es nennen, denn du wirkst elegant und überlegen, und trotzdem bist du anscheinend noch ziemlich naiv. Das ist irgendwie nicht normal. Aber du wirst dich bestimmt noch mausern.«

»Das will ich hoffen!«, erwiderte Renate lachend, während sie das Lokal verließen.

Renate war nicht prüde, aber als sie jetzt stehenblieb, glaubte der Mann, sie hätte es sich anders überlegt.

»Müssen wir nicht vorher ein paar Verhüterlis kaufen?«

Gluckernd stieg das Lachen in ihm hoch.

»Die, die hab ich immer bei mir!«

»Das ist aber praktisch!«, meinte die resolute Renate.

Er war in einem noblen Hotel abgestiegen. Als sie eintrat, ahnte sie noch nicht, dass gerade dieses Hotel so etwas wie ein Meilenstein in ihrem Leben sein sollte. Aber dem war so. Dieses Hotel war die Ursache zu ihrem späteren Berufswechsel.

Es war so viel Betrieb in der Halle, dass niemand auf die beiden Menschen achtete. Sie befanden sich wenig später im Fahrstuhl und schwebten sanft dem Stockwerk entgegen, in dem sein Zimmer lag. Es war prachtvoll! Sie spazierte umher und dachte: Reich müsse man sein! Hui, das wär fein! Ich würd erst einmal einen ganzen Tag in so einem feinen Bad baden, ehrlich.

Der Mann bemerkte ihren begehrlichen Blick, außerdem war er für Reinlichkeit. So bot er ihr großzügig das Bad an. Renate hätte ihn am liebsten vor lauter Freude geküsst, so glücklich war sie. Wenig später planschte sie im Schaumbad, während der Mann rauchend auf seinem Bett lag. Sicher wäre er vor Langeweile eingeschlafen, wenn sie ihn nicht fröhlich unterhalten hätte.

Damals war Renatchen fünfundzwanzig Jahre alt gewesen und nicht verheiratet. Bisher hatte sie in ihrer kleinen Heimatstadt noch nicht oft Gelegenheit zu Bekanntschaften gefunden. Aber deswegen hatte sie den Humor nicht verloren und nahm das Leben so wie es war. In acht Tagen würde sie wieder brav am Schreibtisch hinter der Schreibmaschine sitzen und von diesem Bad träumen.

Sie war köstlich und ungekünstelt, und das mochte der Mann so gern an ihr.

Endlich aber trennte sie sich von ihrem Bad, wickelte ihren nackten, nassen Körper in ein Badelaken und tänzelte ins Zimmer.

»Das war eine feine Sache, nicht wahr!«

»O ja!«, sagte er heiter und schlug die Decke auf.

Aber da sah Renate neben dem Bett so einen seltsamen Schlitz und staunte darüber. Und weil sie alles wissen wollte, fragte sie gleich danach. Der Mann schaute nicht einmal hin, sondern sagte nur: »Das brauchen wir wohl heute nicht.«

»Wieso? Was ist das denn? Was macht man damit?«

»Man steckt fünf Schilling rein.«

»Kommt dann die Bedienung?«

»Nein«, sagte er lachend. »Das wiederum nicht. Aber ...«

»Was? Du machst mich richtig neugierig. Hör mal, gib mir doch mal fünf Schillinge, ja? Ich bin so neugierig. Nein, verrate es nicht, ich möchte es selbst herausfinden.«

Er gab ihr das Geld, erhob sich aber und sagte, sie solle sich jetzt auf das Bett legen. Sie steckte das Geld in den kleinen Schlitz. Einen Augenblick passierte gar nichts, aber dann begann das ganze Bett zu wackeln und zu rütteln. Sie riss die Augen weit auf und starrte den Mann an.

Das ging zehn Minuten so. Aber so lang hielt sie das gar nicht aus. Sie sprang vom Bett und keuchte: »Was soll das denn bedeuten?«

»Für müde Geschäftsmänner oder auch für solche, die sich kein Mädchen zur Entspannung nehmen, oder aber auch für jene, die mit ihrer Sekretärin reisen - und wenn man nun - also du weißt schon, wenn man es nicht mehr schafft, dann steckt man heimlich Geld in den Schlitz, und dann glaubt die Sekretärin, man wäre ein toller Hecht, verstehst du?«

Zuerst hatte sie puppenrunde Augen und verstand gar nichts. Aber dann lief ein Grinsen über ihr Gesicht; und dann lachte sie und lachte, bis ihr die Tränen übers Gesicht liefen.

Kichernd stieß sie hervor: »Nach dem Motto: und wieder schlug der Rüttler zu, hahaha ...!«

»Ja«, lachte auch der Mann.

Jetzt stand das Bett still

»Au«, sagte sie lachend, »das machen wir jetzt zusammen. Gib mir noch einmal Geld!«

»Aber ...«

»Doch, ja! Das müssen wir doch ausprobieren!«

Sie gaben in dieser Nacht für den Rüttler noch sehr viel Geld aus, amüsierten sich köstlich und kamen beide in Hochform. Sie waren so aktiv, dass ihnen kurz nach Mitternacht die Verhüterlis ausgingen. Sie hatten sich eine Flasche Sekt bringen lassen und jetzt einen kleinen Spitz. Renate wollte unbedingt dem Etagenkellner klingeln und ihn bitten, rasch in eine Apotheke zu gehen und eine Packung Verhüterlis besorgen.

»Oder vielleicht zwölf Dutzend?«

»Nein, nein!«, rief der Mann lachend. »Jetzt machen wir erst einmal Pause, sonst läuft der Rüttler womöglich noch heiß. Wir haben ja noch ein paar Tage vor uns.«

»Hast du auch recht«, sagte sie, schlüpfte wieder ins Bett, legte ihre weichen warmen Arme um ihn, schmiegte sich an ihn und seufzte: »War das hübsch!«

Er fuhr mit der Hand durch ihre Locken und hatte ein ganz eigenartiges Gefühl in der Herzgegend. Schade, dachte er nur, wenig später wird sie nicht mehr so köstlich sein. Wirklich schade!



2

Renate freute sich wie eine Schneekönigin. Noch nie hatte sie sich so wohlgefühlt, wie jetzt mit Werner. So hieß der Geschäftsmann; seinen Familiennamen erfuhr sie nie. Aber das war auch nicht wichtig. Er amüsierte sich eine Woche lang mit ihr und wurde noch gesund dabei. Zum ersten Mal hatte er ein Mädchen gefunden, dass neben Sex auch noch so etwas wie mütterliche Gefühle für den Mann ausstrahlte. Anders konnte er es nicht beschreiben. Sie war Kind, Sexweibchen und fürsorgende Mutter - alles in einem. Es gab keinen Augenblick, in dem er sich nicht köstlich mit ihr amüsierte.

Weil sie das Geld bekommen hatte und die ganze Zeit bei ihm im Hotel lebte und auch von ihm verköstigt wurde, war sie ganz erstaunt, als sie nach dieser gemeinsamen Woche noch immer die gefüllte Geldbörse bei sich hatte.

Eines Abends sagte Werner: »Also morgen muss ich fort. Es ist schade, dass wir uns nicht mehr wiedersehen werden. Wirklich, Renatchen, ich hab mich so an dich gewöhnt. Du wirst es nicht glauben, aber du bist erfrischend.«

»Ja«, meinte sie gedehnt, »ja, ich könnt ja jetzt noch eine Weile hierbleiben - jetzt, wo ich wieder Geld habe. Aber in zwei Wochen ist mein Urlaub dann wirklich vorbei. Ich meine, ich hab nur vierzehn Tage genommen, aber mir steht noch etwas zu. Das werd ich gleich den Leuten da im Büro schreiben.«

Werner sah sie von der Seite an, und dann kam ihm auf einmal ein Gedanke.

»Hör mal, Mädchen, nach Graz komm ich öfter. Was hältst du davon, wenn du hierbleibst?«

Renate riss ihre Augen auf.

»Wie?«

»Hör zu«, sagte Werner hastig, »bei deinen Qualitäten wäre es direkt schade, wenn du die hinter einer Schreibmaschine verkümmern ließest, nicht wahr? Und du sagst doch selbst, daheim lebst du wie eine Nonne!«

Sie lachte gemütlich auf.

»Das stimmt!«, sagte sie heiter. »Aber es stört mich nicht weiter.«

»Also, dein Gemüt möcht ich haben«, meinte er lustig auflachend.

»Das glaub ich. Aber jetzt sag mal, was soll ich denn tun, wenn ich hierbleibe? Die tausend Mark gehen doch schnell flöten.«

»Ich habe sehr viele Geschäftsfreunde, die immer wieder nach Graz kommen. Und wenn ich dich denen als Geheimtipp empfehle - also ich garantiere dir, so schnell wirst du dann nicht arbeitslos werden. Natürlich musst du dann ganz andere Preise nehmen.«

Der Mann dachte nur an sein Vergnügen. Es war ihm auch gleichgültig, dass er ihr soeben das Angebot machte, als Dirne ihr Geld zu verdienen. Aber vielleicht kam das auch daher, weil sie so unkompliziert war und ein Gemüt wie ein Pferd hatte. Sie war ja auch nicht mehr ganz jung. Renate wusste also sehr wohl von Anfang an, was da auf sie zukam.

Sie saß im Schaukelstuhl und wippte hin und her, nippte dazu an ihrem Sektglas und schaute den Mann an. Sie dachte: Es war furchtbar nett mit ihm, wirklich. Ich bin richtig aufgelebt. Und dieser Spaß im Bett! Komisch, bis jetzt hab ich immer gedacht, so etwas ließe mich kalt. Ich hab gar nicht gewusst, dass ich so heißblütig bin. Recht hat er schon. Da in Rastatt kann ich dann wieder ein ganzes Jahr warten, bis ich mal wieder ausbrechen kann. Graz gefällt mir. Und er hat gesagt, ich hätte Kundschaft genug für mich.

»Krieg ich denn keinen Ärger mit der Polizei?«

»Aber, aber! Du bist doch dann ein Luxusmädchen! Nur als solches hast du Chancen, meine Süße. Du wirst sehen: Es wird nicht lange dauern, dann bist du der Geheimtipp in der Fachwelt. Im Gegenteil, vielleicht wird die Regierung dich hin und wieder brauchen.«

»Die Regierung?«, echote sie verblüfft.

Er lachte auf.

»Nun ja, für ihre Gäste. Du weißt doch, wenn Männer ohne ihre Frauen reisen - nun ja, die wollen mal was erleben.«

»Und du meist, das schaffe ich?«, meinte sie zweifelnd.

»Du musst nur so bleiben, wie du bist. Und ich bin ja auch noch da. Also, einmal im Monat komm ich ganz bestimmt nach Graz.«

»Braucht man dazu nicht eine Wohnung? «

Er redete sich in Eifer.

»Ich würde dir dabei helfen, Renatchen. Wirklich, du wirst es nicht schlecht treffen. Also, pass mal auf, zum Einstand deines neuen Berufes darfst du dir etwas wünschen, das ich dir dann kaufe. Ist das ein Angebot?«

Sie klimperte aufgeregt mit den Wimpern, grinste ihn an und meinte fröhlich: »Du meinst das wirklich ernst?«

»Klar doch! Das bin ich dir schon für die herrlichen Stunden schuldig. Ich hatte nicht einen Augenblick das Gefühl, dass du es nur machst, weil ich dich bezahlt habe.«

»Es hat mir auch Spaß gemacht.«

»Also«, sagte er munter.

»Du wirst erschrecken«, sagte sie leise.

»Du meine Güte, solange du nicht ein Schloss von mir verlangst oder eine Villa, dann sag es ruhig.«

»Es ist nur ein Möbelstück«, sagte sie vorsichtig.

»Umso besser - also, ich werde nicht kleinlich sein.«

Sie zwinkerte ihm spitzbübisch zu und sagte dann fröhlich: »Ich wünsche mir so ein Rüttelbett!«

Absolute Verblüffung zeichnete das Gesicht des Mannes, dann lachte er schallend auf.

»Ist das nicht ein Clou?«

»Oh, du liebe Güte!«, kicherte er.

»Was hältst du davon? Wirst du es mir kaufen? «

Er wischte sich die Lachtränen vom Gesicht.

»Hör mal«, sagte er heiter, »ich hab gedacht, wenn man dich schon bezahlt, dann möchte man auch Handarbeit, verstehst du?«

»Aber ja doch! Ich sage dir, die Männer werden zufrieden sein - so wie du!«

Er kicherte.

»Unter dem Motto ,Renate schafft alle‘.«

Sie grinste zurück.

»Du wirst es mir kaufen?«

»Ja«, sagte er glucksend. »Aber zuerst suchen wir die Wohnung.«

»Schön«, sagte sie fröhlich, »und ich rufe jetzt meinen Chef an und sag ihm, dass ich nicht mehr komme. Der wird sauer sein!«

»Vielleicht gibst du ihm zum Trost deine neue Adresse?«

»Ich werde ganz nobel auftreten, mit Visitenkarte und so. Du wirst schon sehen. Ich hab mir schon immer gewünscht, Geschäftsfrau zu sein.«

»Aber das kannst du doch nicht!«

»Wieso nicht?«

»Du bist doch die Ware, ich meine ...« Er lachte wieder auf.

»Du meinst, eine Ware kann sich nicht selber verkaufen? Das muss ein anderer tun?«

»So ungefähr!«

Sie tänzelte um ihn herum.

»Dann lass dich belehren: Ich werde es können. Du wirst schon sehen.«

»Gehen wir erst die Wohnung suchen«, sagte er.



3

Nach vielem Suchen entdeckten sie dann die Wohnung in der Herrengasse, die direkt neben dem Rathaus beginnt. Die Nummer 3 war sozusagen das berühmte »gemalte Haus«. Daneben stand das Landhaus der steirischen Stände, erbaut um 1557. Sie hatte es wirklich ganz nobel getroffen. Und dann noch mitten in der Stadt, im alten Kern! Aber die Miete war auch nicht gering.

Renate blieb für einen Augenblick die Luft weg. Aber Werner versprach, ihr im ersten Monat finanziell unter die Arme zu greifen.

»Das kann ich wirklich nicht annehmen«, sagte sie verwirrt. »Es ist zu viel.«

»Als Darlehen. Später zahlst du es mir in Raten zurück.«

Sie bestand darauf, dieses Abkommen durch einen Vertrag zu regeln. So war sie nun einmal, die Luxusdirne Renate. Und so sollte sie auch bleiben, akkurat und sehr gewissenhaft.

Das war also geregelt. Jetzt musste nur noch das Bett besorgt werden. Dem Geschäftsmann blieb nichts anderes übrig, als im Hotel nachzufragen, wo man denn so ein Bett erwerben könnte. Man sagte es ihm, diskret grinsend. Aber das kümmerte ihn wenig. Von jetzt an würde er dieses Hotel nicht mehr brauchen. Er wusste, dass er in Zukunft bei Renate absteigen würde - es sei denn, seine Frau begleitete ihn. Aber dann würde er auch nicht in einem Hotel mit Rüttelbetten absteigen.

Das Bett wurde geliefert. Die Räume waren nackt und sahen noch nicht nach einem Liebesnest aus. Werner griff noch einmal recht tief in die Tasche. Noch ein Vertrag wurde aufgesetzt, diesmal über die schwindelerregende Summe von fünfzigtausend Mark. Renate hatte es nämlich noch nicht gelernt, in Schillingen zu rechnen.

»Ich werde im Schuldturm landen«, stöhnte sie auf.

»Aber nein! Wie ich dich kenne, wirst du in ein paar Monaten alles bezahlt haben«, versicherte er ihr immer wieder.

Renate hatte nicht nur einen prachtvollen Busen und tolle Schenkel, sondern auch einen guten, teuren Geschmack. Aber als alles an Ort und Stelle stand, war Werner verblüfft. Es sah wirklich umwerfend aus.

Die letzte Nacht verbrachten sie also in der Herrengasse, und am nächsten Morgen fiel dem armen Mann der Abschied sehr schwer. So war Renate zum Edelgewächs aufgestiegen.



4

In und um Graz bemerkten die Zuhälter nach genau acht Tagen, dass sich da ein fremdes Pferdchen eingenistet hatte. Umsonst bezahlten sie ihre Strichjungen nicht. Die Kunde sprach sich schnell herum. Jeder großartige Lude wollte dieses Luxuspferdchen in seinen »Stall« einreihen; ein regelrechtes Gedränge entstand um die Herrengasse Nr. 7. Man umlagerte das Haus. Als Renatchen dann aus der Haustür trat, glaubte man zunächst an einen bösen Scherz der Konkurrenz. Diese war hier jedoch auch vertreten, also musste es wahr sein. Die Zuhälter lachten hämisch auf. Diese Intelligenznulpe dachten sie, gleich Startülle! Na, die paar Flöhe, die sie verdient, die gönnen wir ihr. Der fehlen nur noch die Ärmelschoner, so ein richtiger Blaustrumpf. Die sieht doch nach nichts aus, die können wir nicht mal für den Autobahnstrich verwenden. Da machen wir uns ja nur lächerlich - und sie zogen ab.

Renate ahnte in ihrer Unschuld nicht, dass sie schon Zuhälter angelockt hatte. Zum Glück hatte sie an diesem Tag ihr einfachstes Bürofähnchen angezogen, das ihre Formen mehr verdeckte als enthüllte. Im Augenblick beschäftigte sie sich mit einem sehr seltsamen Gefühl, das vom Herzen bis zur Magengrube ausstrahlte. Eigentlich war ja alles so schnell gegangen, dass sie gar nicht richtig zu Verstand gekommen war. Als am Morgen der Einweihungsfeier ihr erster Freier heimfuhr, bekam sie doch ein banges Gefühl. Aber ein Blick in die Geldbörse sagte ihr: Wenn sie ziemlich sparsam war, würde sie den ersten Monat nicht verhungern. Außerdem hatte der Mann versprochen, all seine Freunde zu ihr zu schicken.

An diesem heiteren Morgen spazierte Renate durch die Straßen und nahm sich vor, das Glück zu zwingen. Und so stellte sie einen Schlachtplan auf. Sie hatte keine Ahnung von den Fähigkeiten und Tricks eines Callgirls. Werner hatte ihr nur immer wieder klargemacht, sie solle so bleiben wie sie war, dann würde sie Erfolg haben. Was so aufregend an ihr war, das wusste sie zwar auch nicht, aber dieser Werner war ein Mann von Welt und verstand etwas von Liebesdingen. Außerdem verließ sie sich ganz auf ihr Rüttelbett, auf das sie recht stolz war.

Sie ging zunächst einmal in eine Druckerei und bestellte Visitenkarten. Sie hatte ja gesagt, sie würde jetzt Geschäftsfrau. Und bei Gott, dachte sie, das werde ich auch! Ich werde das Kind schon schaukeln.

Sie hatte den Text zu Hause aufgeschrieben. Der Mann an der Annahme staunte nicht schlecht, schluckte ein paarmal und warf ihr einen verstohlenen Blick zu.

»Äh«, sagte er verblüfft.

Renate schaute ihn groß an.

»Können Sie das vielleicht nicht drucken?«

»Doch, doch!«, sagte er. »Natürlich. Wir können alles drucken.«

»Na also, worauf warten Sie denn noch? Ich habe nicht viel Zeit.«

Der Adamsapfel des Mannes hüpfte rauf und runter.

»Selbstverständlich! Warten Sie einen Augenblick! Ich gebe es weiter an unseren Meister. Der wird sich darum kümmern.«

Wenig später kam er zurück, grinste und meinte: »Wenn Sie eine halbe Stunde Zeit haben, dann können Sie die Karten gleich mitnehmen. Ich habe nur noch nicht gefragt, wieviel Sie gedruckt haben wollen.«

»Tausend«, sagte Renate und setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum.

Er grinste wieder und verschwand.

Dann hatte sie die Karten mit Goldrand in der Hand. Den Rand hatte sie unbedingt haben wollen. Das sah schick und vornehm aus. Sie nahm ein Kärtchen, hielt es in die Höhe und las mit Genuss: »Renate schafft alle! Wenn Sie es nicht glauben wollen, lassen Sie sich überzeugen. Kostprobe ist gratis.«

»Kkkann man vielleicht auch?«

Sie bemerkte wieder den Verkäufer, hob eine Augenbraue ein wenig und sagte sehr gönnerhaft: »Mein lieber junger Mann, Sie haben das doch nicht nötig, nicht wahr? In Ihrem Alter hat man eine Freundin oder eine reizende junge Frau zu Hause.«

Er wurde rot und verkrümelte sich in den Hintergrund.

Renate spazierte nach draußen. Die Sonne lag prickelnd auf ihrer Haut. Sie wollte es nicht dem Zufall überlassen. Ein zweites Glück hätte sie mit spontanem Ansprechen sicher nicht. Außerdem machte sie sich keine Illusionen. So schön, dass man hinter ihr herpfiff, so schön war sie nicht. Aber Werner hatte gesagt, sie strahle das gewisse Etwas aus. Und Werner war schließlich ein Kenner.

Also ging sie zu den großen Hotels und schrieb sich deren Adressen auf. Danach war sie so hungrig, dass sie an einer Straßenecke ein Würstchen aß. Dann spazierte sie wieder umher. Schließlich musste sie ja ihre neue Heimat kennenlernen. Dabei wurde es immer später, der Abend zog langsam ein. Sie ging nach Hause und zog das schicke Kostümchen an, das Werner ihr zum Abschied geschenkt hatte. Nun sah sie wie eine vornehme Dame aus. Sie nahm das Täschchen und ging hinaus - zu ihrem ersten großen, wundervollen Abenteuer.

Sie nahm ein anderes Hotel, nicht jenes, in dem sie mit Werner eine Zeitlang gelebt hatte. Sehr schnell stellte sie fest, dass alle Hotels ungefähr den gleichen Rahmen besaßen. Und so dauerte es auch nicht lange, bis sie die Bar gefunden hatte. Sie kletterte auf einen Hocker und ließ sich ein grünes Getränk geben. Aber sie nippte nur daran. Ihre flinken Äuglein machten die Runde.



5

Renate saß da wie eine Spinne, die auf ihr Opfer wartet. Und bald hatte sie es auch gesichtet: Ein kleiner unscheinbarer Mann betrat den Raum. Er wirkte nervös und abgespannt. Man sah ihm an, dass er in geschäftlichen Angelegenheiten hier war. Entweder hatte er ein Magengeschwür, oder die Verhandlungen hatten sich festgefahren. Auf alle Fälle versuchte er jetzt, mit Alkohol zu vergessen. Renate hatte von Werner viele Tipps über Männer dieser noblen Welt erfahren. Jetzt sondierte sie flink alles und kam zu dem Entschluss, dass dieser Mensch gerettet werden musste.

Wie eine geschmeidige Schlange glitt sie von ihrem Hocker und hinter ihm her. Plötzlich sah der Mann ein kleines weißes Kärtchen vor sich auf der Bartheke liegen. So betrunken war er noch nicht, dass er nicht mehr lesen konnte. Verblüfft nahm er die Karte mit zwei Fingerspitzen hoch, las, und seine Augen wurden kugelrund. Dann kroch leises Rot aus dem Hemdkragen und über sein Gesicht. Zuerst einmal schüttelte er sich wie ein Pudel, der nass geworden war. Dann schaute er vorsichtig nach allen Seiten und erblickte dabei Renate. Sie trank ihm fröhlich zu.

Der Kloß in seinem Magen schien zu explodieren. Er starrte sie an und dachte: Nun, das ist ja die Höhe! Was will die denn von mir? Er fixierte die dunklen Haare, den prachtvollen Busen, schluckte, sah weg und dachte wieder: Das ist ja toll, das ist doch nicht möglich! Er schaute an sich herunter, sah wieder weg und war schon in ihrem Bann. Oder vielleicht tat der Alkohol auch schon seine Wirkung? Auf alle Fälle hatte er keine Lust, in das einsame Zimmer raufzugehen. Und wohin sonst hier in Graz?

Er rutschte vom Hocker und näherte sich ihr. Dann räusperte er sich kurz und fragte: »Ist die Karte von Ihnen?«

»Ja«, sagte sie fröhlich.

»Äh - und das stimmt?«

»Ja!«

»Ich meine, wenn ich nicht zufrieden bin, dann brauche ich nicht zu bezahlen?«

»Ja. Aber dann müssen Sie auch innerhalb einer Viertelstunde meine Wohnung verlassen.«

»Sie haben eine Wohnung?«

»Selbstverständlich!«

Hmhm, dachte er, eigentlich kann mir nichts passieren. Es passt mir dann einfach nicht. Hmhm, ein kleines Abenteuer - also, sie sieht blendend aus. Ich könnte zumindest die Zeit in diesem Kaff ein wenig totschlagen. Für gewöhnliche Nutten bin ich nicht. Und spezielle Adressen? Also, sie ist also so eine - nun, das muss ich ausprobieren.

»Gut«, sagte er und grinste sie an. »Gehen wir also, Süße!«

»Einen Augenblick«, sagte Renate fröhlich.

»Was denn jetzt noch?«

»Zuerst muss ich meinen Drink bezahlen, und dann müssen wir den Preis vereinbaren.

»Ich denke, die Kostprobe ist gratis?«

»Natürlich - aber ich garantiere dir, dass du anschließend die ganze Nacht bleiben willst.«

»Waaas?«

»Tausend Mark!«

Er besaß Geld genug, das war es nicht. Er wollte nur nicht übers Ohr gehauen werden. Seine Zähne knirschten. Er dachte: Du bist also doch ein ganz ausgekochtes Luder. Aber du wirst mich kennenlernen. So dumm, wie du wieder denkst, Süße, bin ich wiederum nicht.

»In Ordnung«, sagte er nur und legte einen Geldschein auf den Tresen.

»Kommen Sie, ich habe Ihr Getränk auch bezahlt.«

Sie schüttelte den Kopf, kramte das Geld aus ihrer Tasche und sagte in aller Ruhe: »Ich bezahle es selbst, ja?«

Er war verblüfft. Geldgierige Weiber nutzten sonst jede Gelegenheit, um jemanden auszunehmen. Ja, sie erwarteten sogar, dass man so Kleinigkeiten für sie außer der Reihe bezahlte.

Sie verließen die Hotelbar.

»Es ist nicht sehr weit. Wir können zu Fuß gehen, mein Herr. Außerdem ist es eine schöne Nacht.«

»Nur zu!« Jetzt war er erst recht gefangen. Er kannte sich bald selbst nicht mehr.

Sie brauchten nur zwei Häuserblocks weiterzugehen und hatten die Wohnung schon erreicht. Als der Mann sich umsah, wusste er, dass er es wirklich mit einer Luxuskokotte zu tun hatte. Er staunte.

Renate schlüpfte aus ihrem Jäckchen und sagte heiter: »Wollen Sie sich mir anvertrauen, oder wollen Sie auf die Schnelle?«

Er sah sie an, lächelte weich und dachte: Komisch, ich habe das Gefühl, als würde ich sie schon lange kennen. Die betrügt mich nicht, nein, das ist eine Freundin von mir.

»Warten wir mal ab, wie es weitergeht. Ich lass mich treiben.«

»Das ist hübsch«, sagte Renate und lächelte ihn warm an. Für sie war er so etwas wie eine Ware; durch ihn wollte sie Geld verdienen. Obwohl er schon ein reiferes Alter hatte, dachte sie: Es ist doch nett, einen Menschen zu verwöhnen, ihm das Leben ein wenig leichter zu machen. Er sieht wirklich abgekämpft aus, der arme Mensch. Und so verkrampft. Ich muss ihn erst einmal entkrampfen, dann wird alles viel heiterer sein. Werner hat mir ja gesagt, wie man sich nach solchen Verhandlungen fühlt. Na ja, dann wollen wir mal anfangen.

Dem Mann war ganz seltsam zumute. Er fühlte sich eingelullt, umarmt, umgarnt. Er tauchte unter und fühlte nur noch das zitternde Glück - und dabei lagen sie noch nicht einmal im Bett. Das war ihr Vorspiel. Sie brachte ihn in ihrer liebenswürdigen Art so weit, sich völlig zu entspannen. Sie stellte sich vollkommen auf ihn ein, war rührend wie ein Kindermädchen und sprach pausenlos auf ihn ein.

Sie kniete sich vor ihm nieder, löste seine Schuhe, half ihm, den Anzug auszuziehen und fragte dann mit reizender Stimme: »Willst du nicht ein entspannendes Bad nehmen? Das beruhigt die Nerven, und nachher machen wir es uns wirklich gemütlich. Weißt du was? Während du in der Wanne planschst, mach ich uns eine Kleinigkeit zu essen.«

Er konnte nur nicken. Sie ließ für ihn das Wasser einlaufen, und viel Schaumbad. Er kletterte in die Wanne, sie verschwand in der Küche. Aber sie war eine flinke Arbeiterin; nach wenigen Augenblicken setzte sie sich an den Wannenrand und lächelte ihm heiter ins Gesicht. Sie nahm den großen Schwamm und rieb ihm den Rücken ab. Er schnurrte vor Vergnügen.

Dann schlüpfte er in Werners Bademantel, der ihm zwar ein wenig reichlich war - aber das machte sie beide nur lustig. Sie aßen die vorbereitete Kleinigkeit und tranken sich mit Sekt zu. Er fühlte sich wie neugeboren.

Irgendwann, irgendwie befanden sie sich dann im Schlafzimmer. Renate hatte eine Platte mit leiser, zärtlicher Musik aufgelegt. Nackt lag sie auf dem Bett, streichelte und umgarnte ihn und machte ihn fast besinnungslos.

Und dann kam er zum Höhepunkt - und das mit einer solchen Leichtigkeit, so heiter und schön, dass er selbst erstaunte und glaubte, um Jahre jünger zu sein.

Danach lagen sie eine Weile still, und die Glut ebbte langsam ab.

Renate erhob sich. Er küsste ihren Busen, streichelte sie und war einfach satt und zufrieden von Liebe.

»Soll ich dir mal was Hübsches vormachen?«

»Ach ja!«

Sie holte fünf Schillinge hervor und sagte zu ihm: »Steck die mal da hinein!«

»Was ist dann?«

»Wirst du schon sehen.«

Er war ein gehorsamer Schüler.

Wenige Augenblicke später begann das Bett zu rütteln. Er sah sie verwirrt an, dann lachte er schallend und fand es genauso köstlich wie Renate. Sie tobten auf der Spielwiese wie zwei Kinder. Sie kamen immer wieder zum Höhepunkt. Und weil das so lustig war, wurde viermal nachgesteckt.

Irgendwann schliefen sie selig aneinandergekuschelt ein.



6

Sie hatte vergessen, die Vorhänge zuzuziehen. Jetzt kitzelte die Sonne ihre Nasenspitze. Davon wurde sie wach. Sie sah den Kopf des Mannes neben sich und dachte: Nun hab ich gar nicht gefragt, wann er fortgehen muss. Sie weckte ihn.

Details

Seiten
111
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936803
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v516800
Schlagworte
redlight street renate geheimtipp manager

Autor

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Titel: Redlight Street #121: Renate - Geheimtipp der Manager