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Redlight Street #124: Liebesgeschäfte in Kuba

2020 94 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Liebesgeschäfte in Kuba

Copyright

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Liebesgeschäfte in Kuba

Redlight Street #124

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

 

Marita wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich aus dem Hurenmilieu zu entkommen. Wie ein rettender Engel erscheint Hugo und flieht mit ihr nach Kuba. Doch schon bald merkt sie, dass auch er sie nur ausnutzen will.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Sie musste tief geschlafen haben, fuhr hoch und blickte sich verstört um. Im ersten Augenblick konnte sie sich an nichts erinnern, und das bereitete ihr Unbehagen. Sie hatte es nicht gern, wenn sie erwachte und sogleich zu grübeln begann, weil sie ihre Umgebung nicht erkannte.

In letzter Zeit war das häufiger geschehen.

Ganz langsam stieg die Erinnerung jetzt in ihr hoch. Dieses Zimmer kannte sie doch. Sie spürte den Schmerz in ihrem Herzen, und für Sekunden hielt sie den Atem an.

»Es tut so weh«, flüsterte sie leise und fühlte Schweißbäche auf ihrem Rücken.

Das hatte ihr niemand gesagt, alle hatten ihr dazu geraten.

»Du bist wirklich verrückt, wenn du es nicht tust. Was willst du denn anfangen? Dir bleibt doch keine andere Wahl, verflucht noch mal. Ein paar Augenblicke und du hast es überstanden, klar? «

Sie erschrak.

»Woher wisst ihr das?«

Sie hatten sich nur angesehen und dumm gelacht.

»Meine Güte, du bist wohl von gestern. Das haben wir doch alle mal mitgemacht. Einige von uns schon ein paar Mal. Also, stell dich nicht so an. Du bist doch keine Memme.«

»Mehrmals? «

Sie war fassungslos.

»Und? Ein Betriebsunfall muss hingenommen werden. Seit wann weißt du denn Bescheid?«

»Ich war kürzlich beim Arzt.«

Da hatten sie nur entgeistert gestarrt.

»Das soll wohl ein Witz sein, wie?«, hatten sie gemeint. »Du machst wohl Spaß? Willst du uns auf den Arm nehmen, so ist es doch. Beinahe wäre ich ja auf den Leim gegangen.«

Ängstlich sah sie die Mädchen an.

»Warum soll ich Witze machen? Es ist die Wahrheit.«

Danach war es für lange Zeit still.

»Also«, sagte die Anführerin, »du müsstest von der Polizei verboten werden. Verdammt, wo hat dich dein Lude bloß aufgekratzt. Das geht ja auf keine Kuhhaut. Es ist ja fast kriminell.«

Sie hatte erschöpft gegen die Hauswand gelehnt. Um diese Zeit waren die Freier noch nicht unterwegs. Sie fühlte sich ausgelaugt, müde, unsicher und unsagbar traurig. In ihrer Verzweiflung dachte sie an die Eltern.

Hatte es sie einmal gegeben? Oder war das alles nur Einbildung?

»Ich will nicht«, schluchzte sie auf. »Ich will es nicht, versteht ihr.«

Die Tülle an ihrer Seite zuckte zusammen.

»Und dein Loddel? Was sagt er zu dieser Nachricht? Mensch, ich kann mir direkt den Paule vorstellen. Der muss doch im Dreieck gesprungen sein. Das gönn‘ ich ihm von Herzen. Der will ja immer alles besser wissen. Das muss ich nachher gleich meinem Macker erzählen. Hier auf den Strichstraßen wird er jetzt nichts zu lachen haben. So eine blöde Ziege wie du eine bist haben wir hier schon lange nicht mehr gehabt. Dich möchte ich mal in Aktion sehen. Es wundert mich, dass du überhaupt noch Kunden hast. Naja, ein paar abgemurkste Typen gibt es immer wieder. Die merken gar nicht, was ihnen verlorengeht. Denen möchte ich mal ein Licht aufstecken.«

»Warum kann ich es nicht?«

Die Tülle zuckte zusammen.

»Sag mal, du Schlampe, hast du mir überhaupt zugehört?«

»Ich glaube nicht«, sagte sie leise.

»Das hör sich einer an, ich quatsche pausenlos, will dir noch was beibringen, und du stehst blöd herum.«

»Mensch, reg dich nicht auf. Mit der stimmt doch was nicht.«

»Das ist der letzte Schrei. Lässt sich vom Arzt sagen, dass sie schwanger ist. Schade, dass wir nicht dabei waren. Dein dämliches Gesicht hätte ich mal sehen mögen. Weißte denn nicht, dass das verboten ist?«

»Ich weiß nicht«, rief Marita gequält. »Ich weiß gar nichts mehr.«

»Das Balg muss weg, verstehst du. Hier gibt es keine Nutten mit dickem Bauch. Und überhaupt, haste denn Geld für das Balg?«

»Ich verdiene doch eine Menge.«

»Na, Paule musste es ja sagen. Der wird dann wissen, was zu tun ist.«

Marita blickte die Dirnen nacheinander an. Verzweifelt dachte sie: Und ich hab geglaubt, sie könnten mir helfen, einen Tipp geben. Ich möchte das Kind behalten. Dann habe ich endlich etwas, wofür es sich lohnt, da zu sein. Mein Leben bekommt wieder einen Sinn. Ich will ja alles tun, wirklich, ich werde mich nicht mehr auflehnen. Er wird dann mit mir zufrieden sein, der Paule, aber er soll mir mein Kind lassen.

Langsam strömten die Kunden in das Sündenviertel.

»Na, dann rackere dich mal ab. Gestern hab ich doch mitbekommen, dass du dein Soll nicht voll hattest. Also, verärgere deinen Paule heute nicht wieder.«

Sie starrte in die Dunkelheit. Ihre Wirbelsäule krümmte sich, wenn sie nur daran dachte, dass sie gleich wieder ihren Körper verkaufen musste.

Die Schläge des Luden waren furchtbar. Er kannte keine Gnade. Das Schlimmste aber war, dass er sie vor allen Dirnen auf der Straße erniedrigte.

Sie stöhnte leise auf.

Das Soll würde sie nie schaffen! Sie konnte sich noch so sehr anstrengen, denn sie hatte keine Stammkunden. Einen ja, mit dem tat sie es sogar umsonst. Doch das durfte keiner erfahren.

Hugo!

Vielleicht war es sein Kind?

Sie presste die Lippen zusammen.

Wie sie diese Nacht überstanden hatte, wusste sie nicht mehr. Alles war ihr so gleichgültig. Hugo war auch nicht gekommen. Sie dachte an das Kind, die widerwärtigen Männer und an die schmutzigen Scheine, die sie ihr zusteckten, wenn man sie benutzt hatte.

Ekel stieg in ihr hoch.

Die Beine brachen ihr fast unter dem Körper zusammen, aber sie wagte nicht, oben zu bleiben. Die anderen würden sie verklatschen. Hier gab es keine Freundschaft, jeder hatte nur Feinde.

»Schluss für heute, gleich kommen die Besenhexen. Bin ich geschafft! Jetzt hau ich mich erst mal in die Falle, später geh ich einkaufen. Ich hab ganz schön rangeklotzt. Na Kleine, wie steht es mit dir?«

Marita war zu erschöpft um ihre Einnahmen zu zählen. Sie konnte einfach nicht mehr.

Plötzlich stand Paul auf der Straße.

Die älteste Tülle ging auf ihn zu.

»Da ist ja der glückliche Vater«, säuselte sie zuckersüß.

Die eiskalten Augen des Luden musterten sie höhnisch.

»Was willst du? Wohl schon lange keinen Tritt mehr bekommen, zisch ab.«

»Aber, aber, ich weiß doch, was sich gehört. Wenn deine Alte schwanger ist, dann darf ich dir doch gratulieren, oder? Na, ich hab doch schon immer gesagt, du hast einen goldenen Schuss mit der Kleinen getan.«

Er stieß sie brutal zur Seite.

»Ist das wahr?«

Marita fühlte die Todesangst.

»Paul«, sagte sie flüsternd, »kannst du für ein paar Minuten zuhören? Ich will dir alles erklären.«

»Ich will nur eins wissen. Ist es wahr, was die alte Vettel sagt?«

»Wie hast du mich genannt«, kreischte diese auf.

»Zieh Leine, du stinkst mir zu sehr.«

»Ich werd es Willi sagen, dann kannst du was erleben.«

Paul stieß seine Tülle gegen die Wand.

»Bist du schwanger?«

Sie nickte. Ihre Augen waren weit aufgerissen.

»Woher weißt du es?«

Die Alte wollte sich rächen und schrie aus der Ferne: »Der Arzt hat es ihr gesagt, haha.«

Marita glaubte zu wissen, was Angst bedeutet. Sie hatte Paul in allen Situationen kennengelernt. Als sie jetzt sein Gesicht sah, da fühlte sie, wie sich das Grab vor ihr öffnete.

»Das ist nicht wahr!«

Ihre Stimme war fort. Sie konnte gar nicht mehr antworten. Und dann kamen die Schläge. Wimmernd brach sie zusammen und wollte ihren Kopf schützen. Doch der Lude war erbarmungslos.

Vielleicht hätte er sie in diesen Minuten totgeschlagen, wenn nicht ein paar Zuhälter gekommen wären, um ihre Mädchen abzuholen.

Sie rissen ihn zurück.

»Was du mit deiner Alten machst, das ist uns völlig schnurz, nur eines merke dir, tu das nicht in diesem Viertel, hast du uns verstanden? Du kannst sie in den Wald schleppen und umbringen. Das steht dir zu.«

Sie kannten keine Gnade. Ein Menschenleben war nichts wert.

Rasend vor Wut riss er sie hoch und zog sie in den Wagen. Dann waren sie in dem armseligen Zimmer. Dort mäßigte er sich, da er merkte, dass sie tatsächlich am Ende war.

»Du wirst es abtreiben lassen.«

Marita flehte ihn an.

»Du bist verrückt, dämlich und blöd und deshalb werde ich mich darum kümmern. Und das schwöre ich dir, du Nutte, wenn das noch einmal passiert, wirst du mich richtig kennenlernen, hast du verstanden?«

»Paul, ich will dir doch alles erklären.«

Auf den Knien lag sie vor ihm, aber er hörte nicht mal zu. Dann ging er zur Tür und verschloss sie.

Sie fiel in tiefen Schlaf. Als sie erwachte, musste sie sofort an das Kind denken. Es würde nicht leben dürfen.

Die Tränen linderten nicht ihren Schmerz.

Spät am Nachmittag kam Paule zurück. Er hatte Essen mitgebracht.

»Morgen ist alles vorbei.«

»Was?«

»Die Abtreibung.«

Sie atmete heftig.

»Er ist gut. Ich hab eine Menge Zaster hinlegen müssen. Das wirst du mir wieder einbringen.«

»Ist es wirklich ein Arzt?«

»Sicher.«

»Aber …«

Er lachte rau auf.

»Du musst dir langsam merken, dass du mit Geld alles kaufen kannst.«

»Abtreibung.«

»Sei still und friss das auf. Du musst jetzt zu Kräften kommen, verstanden.«

Sie hatte keinen Hunger. Doch ihn verärgern, das durfte sie nicht.

»Denke bloß nicht, dass du heute nicht auf den Strich musst. Du gehst bis zum letzten Augenblick, ist das klar?«

Für sie war jetzt endgültig die Welt zusammengebrochen. Sie hatte verstanden. Es würde nie mehr ein Zurück geben. Alles war aus.

Eines Tages würde sie endgültig in der Gosse hegen, und alle trampelten auf ihr herum.

Sie konnte die Eltern noch immer nicht verstehen.

Ja, ja, sie war freiwillig davongelaufen, das stimmte. Als sie es bereute, da wollte sie zurück. Marita flehte sie demütig an. Doch sie hatten ihr gesagt: »Wir haben alles für dich getan. Uns für dich geopfert, dir eine gute Schulbildung gegeben, wir haben dich gewissenhaft erzogen. Doch du hast ja nie auf uns gehört und immer alles besser wissen wollen. Jetzt musst du zusehen, wie du mit deinem Leben zurecht kommst. Du darfst nicht mehr nach Haus, deine Geschwister sollen nichts von dir erfahren. Ist das klar? Du bist freiwillig mit diesem Kerl fort. Wir haben dich gewarnt, wir haben alles getan, aber du warst ja neunmalklug, hast du vergessen, wie weh du uns getan hast?«

Das stimmte.

Sie hatte stürmisches Blut und es einfach nicht erwarten können. Das kleinbürgerliche Leben machte sie fast verrückt. Schule, Beruf, nein, sie wollte nicht wie die andern sein.

Und das war sie jetzt wahrhaftig nicht.

Das Elternhaus gab es für sie nicht mehr. Die Schwestern und Brüder waren von ihr getrennt.

Sie hatte an Paul geglaubt, ihn geliebt. Niemand hatte ihr gesagt, dass er ein gemeiner Zuhälter war. Alles was er tat, geschah aus Berechnung. Die Mutter hatte besonders vor diesem Mann gewarnt.

»Warum hörst du nicht auf mich, Marita. Begreifst du das denn nicht? Was habe ich denn davon, wenn ich dir abrate? Überlege doch mal, gar nichts. Ich habe mehr Lebenserfahrung. So glaube mir doch. Ich will dich nicht an die Kette legen.«

Und sie hatte geantwortet: »Ich will meine eigenen Erfahrungen machen. Lass mich endlich mit deinen Reden in Frieden. Wir Jungen von heute sind klüger, du bist doch von gestern.«

Ja, das hatte sie gesagt und noch vieles mehr. Sie war sich sehr klug und schlau vorgekommen. Und es war auch so etwas wie Trotz dabei gewesen, als sie bald mit ihm fortging.

Wie bitter, schnell hatte sie die nackte Wirklichkeit erkennen müssen. Jetzt war nichts Aufsässiges mehr in ihr.

Er hatte sie vollkommen zerbrochen.

In dieser Nacht kam auch Hugo.

Wie üblich hatte er ein paar Kunden zur Strichstraße gebracht. Sein Nebenjob war Taxifahrer. Er studierte noch. Was, das wusste sie nicht so genau. Er war ein lieber Kerl und hatte Verständnis für sie.

Sie nahm ihn mit nach oben, und sie liebten sich leidenschaftlich.

Jetzt, wo sie schwanger war, brauchte sie sich nicht mehr vorzusehen. Als es vorbei war, , fragte er sie, da sie so bedrückt schien.

Da erzählte sie ihm alles.

Hugo zündete eine Zigarette an und stand am Fenster.

»Manchmal denke ich, das Kind ist von dir«, sagte sie leise. Sie hoffte inständig, durch dieses Geständnis könnte sie vielleicht noch etwas ändern.

Hugo blickte sie verdutzt an.

»Das soll wohl ein Witz sein, wie?«

Sie senkte den Kopf.

»Mädchen, das gibt es doch nicht. In deinem Beruf kannst du einfach nicht sagen, der oder ein anderer ist der Vater.«

»Ich verstehe.«

»Dein Lude ist ein Schwein.«

Leidenschaftlich antwortete sie: »Ich würde alles tun, wenn jemand mich aus seinen Klauen befreien könnte. Ich halte es einfach nicht mehr aus.«

Er ging zu ihr und streichelte sie. »Kleinchen, du musst tapfer sein.«

»Ich kann nicht mehr. Ich möchte mir am liebsten das Leben nehmen. Ich kann nicht ausbrechen, er wird mich immer wieder zurückholen. Allen geht das so. Er hat mir gesagt, es gäbe keinen Ort auf der Welt, den er nicht nach mir absuchen wird.«

Hugo verzog verächtlich das Gesicht.

»Das ist geprahlt.«

»Nein!«

»Doch, ich weiß noch Möglichkeiten, Marita.«

Sie wischte sich die Tränen ab.

»Du willst mich nur trösten. Das ist lieb von dir, aber ich weiß es besser. Wer einmal in die Hände eines Zuhälters gerät, der ist für immer verloren. Erst, wenn keiner mehr was von einem wissen will, wird man freigegeben. Bei mir dauert das noch eine Weile.

Es ist schrecklich, weiß du. Ich bin noch so jung und unglücklich dazu. Ich bin nicht anders als die anderen jungen Menschen. Alle machen mal einen Fehler. Doch ich muss schwer dafür büßen. Niemand will mich mehr haben.« Tränen stürzten ihr aus den Augen.

Hugo sah das Mädchen an.

Mit den roten Haaren und der schlanken Figur war sie hübsch zu nennen. Überhaupt wunderte er sich, dass der Lude sie hier auf der Straße verkommen ließ. Sie hätte in ein Haus gepasst. Ihre Zurückhaltung und ihr feines Wesen hätten ihr ganz andere Kunden eingebracht. Somit war sie hier die reinste Verschwendung.

Er hielt nicht viel von ihrem Luden. Als Gelegenheitstaxifahrer kam er ständig mit dem sündigen Leben dieser Stadt in Berührung. Sobald die Straßenbeleuchtung anging, wurde er von Männern aufgefordert, sie zum Tüllenviertel zu fahren. Mit der Zeit hatte er Kontakte aufgebaut und fuhr jetzt regelmäßig die Kunden zu ganz bestimmten Dirnen. Die waren sehr froh, weil sie keine Kunden auf der Straße aufreißen mussten. Als Fahrer bekam er dafür Geld. Es war zwar nicht üppig, aber es kam was zusammen.

Alles im Leben ist von zwei Seiten zu betrachten, fand Hugo. Man musste nur den Mut haben. Das war das ganze Geheimnis. Wer ängstlich hinter der Ofenecke hockte, der konnte höchstens steife Knochen bekommen. Mehr aber auch nicht.

»Dein Lude ist ein widerwärtiger Angeber, Marita. Du musst ihm nicht alles glauben. Es gibt immer Möglichkeiten. Wichtig für eine Nutte ist, dass sie die ersten drei vier Wochen nicht gefunden wird. Wenn ihre Spur sich sofort verläuft, dann hat selbst dein Trottellude gemerkt, dass es sinnlos ist, weiter nach dir zu suchen. Das erfordert nur Zeit und Geld, und inzwischen machen die andern das Geschäft. Er wird also aufhören mit der Sucherei und lieber ein neues Opfer ausmachen. So ist die Sache.«

Marita lächelte bitter, wischte die Tränen ab und sagte leise: »Das weiß ich schon, lange. Die älteren Huren haben mir das oft genug verklickert. Ich sage dir, der wird mich finden. Heim darf ich auch nicht mehr. Also, wo soll ich mich denn versteckt halten?«

Hugo packte sie bei den Schultern.

»Willst du wirklich weg?«

»Da fragst du?«

»Du würdest also eine ganze Menge tun, um von diesem Kerl loszukommen?«

»Alles!«

»Du würdest dich mir anvertrauen?«

Sie starrte ihn aus übergroßen Augen an.

»Hugo«, flüsterte sie leise, »Hugo, das ist nicht wahr. Du liebst mich?«

Der Gesichtsausdruck des Mannes war unergründlich.

Das kleine, käufliche Mädchen wollte sich ihm an den Hals werfen. Er hielt sie davon ab.

»Ich habe jetzt nicht viel Zeit, Marita, du weißt doch selbst, dass man dich beobachtet. Wir dürfen keinen Verdacht aufkommen lassen.«

»Du willst mir helfen?«

»Das sage ich doch die ganze Zeit. Hast du einen gültigen Pass?«

Sie nickte.

»Den musst du mir geben und dann zusehen, dass du dreitausend Piepen zusammenbekommst. Hast du begriffen, was ich sage?«

Wieder starrte sie ihn entgeistert an.

»Woher soll ich das Geld nehmen? Du weißt doch, dass ich alles abliefern muss.«

»Jede Nacht?«

Sie zuckte zusammen.

»Manchmal kommt er erst nach zwei Tagen. Ich weiß nicht, wo er in der Zwischenzeit ist.«

»Mensch, Mädchen, dann solltest du es dir besorgen. Du hast doch Kunden, du musst sie beklauen. Ohne die Piepen ist nichts zu machen. Du hast noch vier Wochen Zeit, dann brauch ich den Zaster.«

»Vier Wochen, und was dann?«

»Was dann?«

»Das Kind«, stöhnte sie, »er will mich doch morgen zu diesem Arzt bringen.«

Er lachte rau auf.

»Du hast wohl eine Schraube locker, Marita. Mit dem Kind! Das wär‘ ja noch schöner.«

Sie sackte zusammen. Da hatte sie die ganze Zeit angenommen, er würde es um des Kindes willen tun, und jetzt?

»Willst du fort?«

»Ja!«

»Überlass alles andere mir. Ich werde mich in Abständen melden. Das Beste wird sein, wenn du mir immer ein wenig Geld zusteckst. Dann kann er die Summe nicht bei dir finden.«

»Ja!«

»Kopf hoch, Mädchen. Wenn Hugo was in die Hand nimmt, dann klappt es auch.«

»Ja!«

»So, jetzt bringe mich nach unten.«

Als sie wieder auf der Straße stand, kam ihr Lude und wollte sehen, was sie eingenommen hatte. Zum ersten Male log sie ihn an.

»Ich mach es mit dem umsonst.«

»Was? Du willst dir wohl ein paar fangen, wie?«

»Der bringt uns doch Kunden. Und ich will ihm dafür kein Geld geben. Die ändern Tüllen stecken ihm was zu. Ich hatte im Augenblick sowieso keinen Kunden, also hab ich ihn auf meine Art und Weise bezahlt.«

»So, du scheinst dich ja langsam zu machen. Du bist in der Tat zu gebrauchen.«

Sie schluckte.

Wenn du wüsstest, dass wir uns lieben, dachte sie, dann wärst du jetzt nicht so friedlich. Doch ich werde es dir nie sagen. Dann sah sie zum Sternenhimmel auf und dachte daran, dass sie wieder hoffen durfte.

Wenn alles vorbei ist, werde ich wie verrückt ranklotzen. Für dreitausend kann ich mir die Freiheit kaufen, stellte sie sich vor.

»He, hast du es nicht mehr nötig?«

Sie fuhr zusammen.

Ein Kunde stand vor ihr.

Die Nacht nahm ihren üblichen Verlauf.

 

 

2

Der Zuhälter sagte in der Morgendämmerung. »Wasch dich und dann komm mit.«

Sie fror jämmerlich.

»Jetzt?«

»Los, der Kerl hat doch nicht ewig Zeit. Spute dich, ich muss auch noch woanders hin.«

Die Tüllen blickten ihr nach.

»Viel Spaß«, sagte eine alte Vettel.

Ich muss die Zähne zusammenbeißen, später ist dann alles anders. Ich werde es schaffen. Hugo liebt mich, für mich legt er sich sogar mit den Luden an. Er ist gut, er gibt mir die Freiheit wieder, dachte sie unablässig.

Als sie zu Paule in den Wagen stieg, fiel ihr ein, dass sie ganz vergessen hatte, Hugo zu fragen, wo denn dieses Stückchen Freiheit lag, das Zipfelchen Glück, wo die Luden sie nie finden konnten.

Warum hatte er ihren Pass mitgenommen?

In der Stadt begann nur zögernd der Alltag. Es war noch sehr früh. Sie fuhren durch Geschäftsstraßen. Im Elendsviertel hielten sie dann an. Das hätte sie sich eigentlich denken können. In einem verkommenen Haus stand sie dem betrunkenen Manne gegenüber. Er glotzte sie böse an.

»Hier ist die Ware. Ich habe bezahlt, also erwarte ich auch gute Arbeit«, sagte ihr Lude.

Man behandelte sie wie ein Stück Holz. Ihr wurde fast übel bei dem Gedanken, dass dieser Mann an ihr herumpfuschen würde. Er war total betrunken. Ihr Lude hatte sie gebracht, also kannte er auch keine Gnade.

»Komm mit. Du kannst sie in zwei Stunden abholen.«

Die Schäbigkeit seines Zimmers war einfach nicht zu beschreiben. Im Hintergrund erschien ein Weib, dann nahmen sie sich des jungen Mädchens an. Sie waren zum Glück so barmherzig, dass sie eine Narkose bekam, so konnte sie weder denken noch fühlen. Ein schwarzer Mantel legte sich über ihr Hirn und nahm alle Ängste fort.

Als sie wieder zu sich kam, war alles vorbei.

Totenblass und am ganzen Körper zitternd, hockte sie in der Ecke und wartete auf Paule, der sie abholen wollte. Endlich kam er.

»Alles gut gelaufen, in Ordnung. Sie braucht ein paar Tage Schonung. Und wenn ich dir einen Rat geben darf, so pass auf. Das kann man nicht alle Augenblick machen, verstanden.«

»Das soll dich doch einen Dreck angehen«, maulte der Lude. »Ich habe dich gut bezahlt, also halt deine Klappe. Fromme Sprüche kann ich mir in der Kirche anhören, wenn mir danach ist. Ich mag aber nicht.«

Der Arzt stand vor ihm. Sein Blick war unergründlich.

»Du bist ein Schwein«, sagte er leise. »Eines Tages wirst du die Rechnung bezahlen müssen. Pass nur auf, dann wirst du winseln.«

»Und was bist du?«

»Ich bin süchtig, aber ich habe mich nur selbst ruiniert, keinen anderen Menschen. Ich kenne noch Gnade und Barmherzigkeit. Also, pass auf die Kleine auf.«

»Und was ist, wenn ich es nicht tu?«

Lauernd standen sie sich gegenüber.

»Vergiss nicht, Süchtige sind unberechenbar«, sagte der Arzt mit tiefer Stimme.

Der Zuhälter starrte ihn böse an: »Wenn du Ärger machst, tun wir uns zusammen. Dann wirst du auf kleiner Flamme geschmort.«

Der Arzt kannte in seiner Sucht keine Angst mehr. Laut sagte er: »Ihr fühlt euch nur in der Menge stark. Dabei seid ihr die größten Feiglinge.«

Paule packte seine Hure und zerrte sie wütend in den Wagen. Er fuhr wie wild durch die Straßen und sagte keinen Ton zu ihr. Als sie in ihrem Zimmer war, herrschte er sie an, sich hinzulegen.

»Was das besoffene Stück von Arzt gesagt hat, ist Quatsch. Du wirst am Abend wieder stehen, hast du mich verstanden?«

Marita kam gar nicht dazu, ihm eine Antwort zu geben, denn er war schon gegangen.

 

 

3

Jetzt lag sie da und starrte die schmutzige Zimmerdecke an. Sie wunderte sich im Stillen, dass es hier noch nicht zu vielen Krankheiten gekommen war.

Dann zuckte sie wieder zusammen.

Die Schritte waren unüberhörbar.

Sie zog die Decke über den Kopf, Der Schmerz durchbohrte ihren Körper.

Die Tür wurde aufgerissen.

Der Lude stand auf der Schwelle. Sprachlos starrte er die Tülle an.

»Du bist noch nicht angezogen?«

Voller Wut riss er das Bettzeug fort. Da sah er, dass sie blutete.

»Anziehen, waschen, los, sofort«, brüllte er sie an.

Marita hatte längst gelernt, dass, wenn er sich in dieser Rage befand, es nur eins gab. Sie musste tun, was er von ihr verlangte. Zitternd sprang sie auf, taumelte gegen die Wand und sah rote Ringe vor ihren Augen.

Nach fünf Minuten war sie angezogen. Der Lude brachte sie in ein kleines Lokal, pumpte sie voll Alkohol und gab ihr zu essen.

»Und jetzt behaupte nicht, dass ich dich nicht anständig halte«, sagte er zornig.

Der Schmerz machte sie fast verrückt, ihr Atem ging stoßweise.

Nun befanden sie sich auf der Strichstraße. Er ließ sie allein.

Da stand sie, gegen die Hauswand gelehnt.

Nein, dachte sie verstört, das geht einfach nicht. Wenn jetzt ein Kerl kommt, bin ich übel dran. Das darf man doch nicht von mir verlangen. Sie bringen mich um. Ich kann nicht lachen, mich anbieten. Mein Kreuz bricht bald entzwei.

Die Straße drehte sich vor ihren Augen.

Marita merkte nicht mehr, wie sie zu Boden stürzte.

Als sie die Augen aufschlug, lag sie auf einem Sofa. Dirnen umstanden sie. Auch der Puffwirt war zur Stelle. Sie redeten alle durcheinander. Dann sah sie ein bekanntes Gesicht. Der Arzt stand vor ihr! Sie lag ganz flach da und wagte kaum zu atmen. Plötzlich fühlte sie sich leicht und unbeschwert.

Die Gesichter verschwammen, wurden zu weißen Flecken. Sie wollte sprechen, aber die Zunge gehorchte ihr nicht.

Musste sie sterben?

Geschrei erfüllte den Raum. Nur schwer konnte Marita verstehen, was sich um sie herum abspielte. Der Arzt kümmerte sich um sie. Die Dirnen waren furchtbar aufgeregt und zornig.

Marita dachte, jetzt sind sie alle böse auf mich, weil ich hier liege. Wessen Zimmer mag das wohl sein? Warum sind sie alle da?

Zu ihrer grenzenlosen Verblüffung sah sie dann ein paar Luden im Hintergrund. Und dann kam Paule. Man stieß ihn durch die Tür. Sie sah mit Erstaunen, dass die Dirnen sich auf ihren Luden stürzten. Sie hätten ihm bestimmt das Gesicht zerkratzt, wenn dieser nicht plötzlich seinen Ballermann in der Hand gehabt hätte.

Sie wichen zurück.

Die anderen Luden waren zornig auf Paule.

Mit finsteren Augen stand er nur da.

Der Arzt zog die Spritze aus ihrem Arm. Sie kam wieder zu sich und verstand jetzt jedes Wort.

Endlich begriff sie die Situation. Die ganze Straße war über die Rohheit des Luden aufgeregt, und die Dirnen ganz besonders. Sie war ohnmächtig geworden, und als man sie fand, lag sie in ihrem Blut. Nicht nur der Arzt war empört, alle waren es. Das gab es in der Tat nur selten.

Zum ersten Mal entdeckte Marita Teilnahme bei den Dirnen.

»Sie muss sofort wieder ins Bett. Und diese Tabletten nehmen«, hörte sie den Arzt sagen. »Wenn sie noch mal einen Blutsturz haben sollte, dann muss sie gleich ins Krankenhaus. Dann kann ich für sie nichts mehr tun.«

Helfende Hände hoben sie auf.

Die Tüllen umringten sie und strichen ihr unbeholfen über das Haar.

»Dann alles Gute. Kurier dich man gründlich aus. Jetzt wirste ja wohl ein wenig Ruhe haben. Wir werden dich auch besuchen, Kleinchen.«

»Danke.«

Tränen rollten über das Gesicht.

Irgendwann befand sie sich wieder in ihrem Zimmer.

 

 

4

Zehn Tage später.

Sie konnte schon wieder ein wenig rumgehen. Der Lude wagte nicht noch einmal, sie zu früh auf den Strich zu schicken. Die Dirnen auf der Straße hielten Wort und kamen regelmäßig. Immer brachten sie eine Kleinigkeit mit. Endlich hatte sie begriffen, was es bedeutete, in der Gemeinschaft aufzutreten. Dann hatte sie auch so etwas wie Macht.

Was mit Marita geschehen war, das hätte jeder passieren könne. Nun zeigten sie ihren Luden, dass sie doch nicht so wehrlos waren.

Marita war ihnen dankbar. Doch es gab auch die Angst.

Hugo!

Er hatte ihren Pass und liebte sie! Er wollte sie von dieser Straße holen: Sie musste doch Geld verdienen. Was war mit ihm? Durfte sie die Dirnen nach ihm ausfragen? Würde sie sich nicht verdächtig machen?

Sie hielt es nicht mehr aus.

Wenn sie das Zimmer verließ, dann war das für ihren Luden das Zeichen, dass sie wieder anschaffen konnte.

Sie nahm all ihren Mut zusammen und fragte nach dem Leben auf der Strichstraße.

»Du brauchst dich nicht zu sorgen, du hast doch noch keine Stammkunden gehabt. Also, was willst du! Das laufende Gemüse kommt doch alle Tage wieder. Außerdem hat es die letzten acht Tage mächtig geregnet, da konnten wir nicht viel in die Scheune einfahren. Dein Lude ist ganz schön sauer. Ich glaub, der sieht sich schon nach einer Neuen um. Mein Lude hat ihm aber verklickert, dass er nur eine hier stehen haben darf.«

Marita sagte leise: »Ich habe auch einen Stammkunden.«

»Tatsächlich?«

»Ja!«

»Mensch, das hab ich ja noch gar nicht gemerkt. Also, bis jetzt hat noch keiner nach dir gefragt.«

Ihr Herz wurde schwer.

Hugo hatte sie vergessen?

Er war ihre einzige Hoffnung, Hugo war Licht und Sonne. Sie bildete sich ein, dass sie ihn liebte, und er sie glücklich machen wollte.

»Wer ist es denn?«

»Die bildet sich das nur ein.«

»Nein.«

»Also, dann mal raus mit dem Namen.«

»Der Taxifahrer Hugo«, sagte sie leise.

Die Dirnen lachten auf.

»Mensch, da haste dir aber eine tolle Tüte als Stammkunden ausgesucht. Jetzt sag bloß, der zahlt gut. Du, der kriegt doch von uns ein paar Mäuse, wenn er uns Kundschaft bringt. Ich lach mich krank. Na ja, du bist ja noch nicht lange hier, also musste noch viel lernen. Der bootet dich bloß aus.«

»Nein«, sagte sie wild und wollte aufspringen.

»Schön ruhig, sonst fängt alles wieder von vorn an. Du musst noch still liegen bleiben.«

»Er bootet mich nicht aus«, verteidigte sie ihn leidenschaftlich.

Die alternde Dirne blickte sie aus schrägen Augen an.

»Tja, Kleinchen, Lebenserfahrung, die haste noch nicht. Ich will dir mal was sagen, das musste sehr schnell lernen, einen Kerl auf Anhieb taxieren. Wenn du das nicht kannst, dann biste verraten und verkauft. Der Hugo ist doch ein kleiner Spinner, oder.«

»Er ist Student.«

»Sicher, mag ja auch stimmen. Lass ich gelten. Trotzdem ist der nicht ganz sauber.«

»Er kommt immer zu mir und bringt mir gute Kunden. Es stimmt, was ich sage.«

»Natürlich besucht er dich oft. Ich hab mir auch sagen lassen, dass er bei dir umsonst bumsen kann.«

Ein tiefes Rot überzog ihre blassen Wangen. Fast hätte Marita sich verraten und den Dirnen gesagt, dass sie sich liebten. Das hätte bestimmt gleich ihr Lude erfahren. Für eine Dirne war die

Liebe meistens der Untergang. Wenn sie dann auch betrogen wurde, lief sie oft Amok.

»Ach, lass mich doch zufrieden.«

»Ich kann dem Hugo ja sagen, dass du bald wieder zur Stelle bist, wenn du das willst.«

Die alte Dirne musterte sie scharf.

»Ist mir egal.«

»Hör mal, eben haste dich noch ganz fuchtig aufgeregt.«

»Lasst mich doch in Ruhe.«

Sie erhoben sich sofort.

»Mädels, wir zischen wieder ab. Die ist noch nicht auf der Höhe.«

Als Marita wieder allein war, fühlte sie sich schrecklich. Sie nahm Tabletten und schlief ein.

 

 

5

Sie stand vor dem Spiegel und musterte sich. Sogar als ganz junges Mädchen war sie nicht so dürr gewesen wie jetzt. Sie kam sich vor wie eine Bohnenstange, hässlich und abstoßend.

Das rote Haar bedeckte ihren Rücken.

»Man sieht ja überall Knochen«, murmelte sie verzweifelt.

Ihr Lude lehnte im Hintergrund an der Wand.

»Musst eben dafür sorgen, dass sie dich nicht so genau ansehen. Aber einige ziehen ja magere Katzen vor.«

Sie gab keine Antwort.

»Du wirst jetzt wieder ranklotzen, verstanden.«

Drei Wochen Schonzeit waren vergangen. Jetzt musste sie wieder für ihn auf den Strich gehen.

Marita nahm ihr Täschchen und drehte sich um.

»Na ja, ich werd dir wohl neue Klamotten kaufen müssen. Du bist ja wirklich dürr geworden. Bis jetzt hab ich nur Ausfall gehabt. Also, wenn du das jetzt nicht schnellstens wieder reinbringt, kannst du was erleben.«

»Ich habe dir schon eine Menge Geld gebracht. Vergiss das nicht.«

»Ich zahl ja auch alles.«

Schweigend legten sie den Weg im teuren Wagen zurück. Er hatte eine schöne Wohnung, besaß alles, was er sich nur wünschen konnte, und sie musste sich dafür abrackern.

Dann stand sie wieder auf der Strichstraße.

Für sie war das wie ein Schock.

Während ihrer Krankheit hatte sie versucht, alles zu vergessen. Sie hatte sich fast wieder für normal gehalten.

»Na, dann man los.«

Zögernd ging sie auf und ab. Ein paar Dirnen waren schon draußen. Sie machten einen müden Eindruck, also mussten sie schon lange stehen. Wahrscheinlich zur Strafe für irgend etwas.

»Da bist du ja wieder.«

»Ja.«

Sie war an ihrem Standplatz angekommen.

Hinter ihrem Rücken befand sich das Haus. Im vierten Stock besaß sie ein kleines Zimmer. Dahin brachte sie ihre Kunden. Sie brauchte nicht den billigen Autostrich mitzumachen.

Ihre Nachbarin Lene war auch schon da.

»Willste ne Fluppe?«

»Nein.«

»Hättest das Kind wohl gern behalten, wie?«

Marita gab keine Antwort.

»Ich hab eins im Kinderheim.«

»Warum sagst du mir das?« Ihre Augen glühten.

Lene zuckte die Schultern. »Nur so, ich weiß auch nicht. Ich muss es manchmal, weißte.«

Marita fühlte den Kloß in ihrer Kehle.

Schon wollte sie anfangen zu heulen.

»Hugo!«

Er stand auf der anderen Straßenseite. Langsam kam er näher, grinste sie an.

»Da bist du ja wieder!«

»Hugo!«

Alles lag in diesem einen Wort.

»Können wir nach oben gehen?«

Hugo war der Erste! Er hatte sie nicht vergessen, er war wieder da.

»Sicher«, flüsterte sie.

Wenig später waren sie allein. Sie stürzte sich wie eine Ertrinkende auf den Mann.

»Ist alles in Ordnung?«

»Ich bin nicht mehr schwanger.«

»Ich hab gehört, es hat Schwierigkeiten gegeben?«

»Das ist vorbei! Ich hatte solche Angst, dass du mich vergessen könntest.«

»Ich habe die ganze Zeit Bescheid über dich gewusst. Jetzt musst du dich aber um das Geld kümmern. Wir haben nur noch eine Woche.«

»Du willst es wirklich wagen? Oh, Hugo, dafür will ich dich mein ganzes Leben lang lieben. Du wirst sehen, ich werde dir immer dankbar sein und alles für dich tun. Wenn du mich nur von hier fortbringst.«

»Lass uns lieber zu Bett gehen«, sagte er. »Sonst sind die wieder misstrauisch.«

»Ja, ja«, sagte sie eifrig. »Du hast ja so recht.«

»In einer Woche komme ich gegen Abend. Du wirst es so einrichten, dass du einen Auftrag außerhalb erhalten hast. Ich komme als Taxifahrer und hole dich ab. Dann muss alles sehr schnell gehen. Wenn sie merken, dass du nicht mehr auftauchst, sind wir schon über alle Berge.«

»Ich bewundere dich, du hast viel Mut. Hoffentlich kann ich das auch von mir sagen.«

»Keine Sorge, ich bin ja bei dir.«

Dann nahm er sich wieder das Recht und liebte sie, ohne zu bezahlen.

 

 

6

Wenig später stand sie mit glänzenden Augen auf der Straße. Plötzlich hatte sie keinen Ekel mehr vor der Arbeit.

Sie musste ja Geld herbeischaffen.

Hugo war schon lange fort, als ihr einfiel, dass sie ihn noch gar nicht gefragt hatte, wo er sie denn verstecken wollte. Ihr Herz klopfte rascher. Würde es auch wirklich gutgehen? Sie wusste zu genau, was ihr blühte, wenn ihr Zuhälter sie fand.

Lene stellte sich zu ihr.

»Na, da war ja wieder der kleine Vampir.«

»Was willst du?«, sagte sie schärfer als gewollt.

Die Alte fixierte sie.

»Er hat dich doch nicht eingewickelt?«

Marita atmete rascher. »Was willst du damit sagen?«

Lene zuckte die Schultern.

»Das merk ich doch, dass der nicht echt ist.«

Marita regte sich schrecklich auf. »Weil er nicht zu dir kommt, und dir auch keine Kunden zuführt, deshalb magst du ihn nicht. Meinst du, ich kenne dich nicht. Du bist ja nur neidisch.«

Die alte Tülle lachte rau auf.

»Da hör doch mal einer dieses Küken. Kann kaum krähen und schon legt es los. Mensch, ich könnte dich ohrfeigen.«

Details

Seiten
94
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936780
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v516672
Schlagworte
redlight street liebesgeschäfte kuba

Autor

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Titel: Redlight Street #124: Liebesgeschäfte in Kuba