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Florian, das Findelkind

2020 88 Seiten

Leseprobe

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Florian, das Findelkind

Copyright

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Florian, das Findelkind

Berg-Roman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 88 Taschenbuchseiten.

 

Margaretha Troller schafft es immer, ihren Willen durchzusetzen. Aber diesmal lässt der Vater sich nicht erweichen. Sie läuft von Zuhause fort, doch zu spät begreift sie, dass es ein großer Fehler war. Nach Jahren kehrt sie wieder heim, doch der Vater kann es nicht dulden, dass seine Tochter bleibt. Enttäuscht geht Margaretha wieder. Kurze Zeit später findet die Magd ein kleines wimmerndes Bündel auf dem Hof ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Während Johannes Troller unten im Laubengang stand und sein Pfeifchen rauchte, stand seine Frau, die Agnes, oben auf dem Söller und blickte ins Tal. Wieder einmal hatte sie die unbewohnten Stuben gelüftet. Manchmal hatte sie das Gefühl, das Haus sei eine Gruft, so still war es da drinnen. Und eine Gänsehaut lief ihr über den Körper. Sie geriet ins Nachdenken. Das war nicht gut, brachte Weh und Schmerz mit sich. Ihr Mann hatte recht, wenn er sagte, wir müssen vergessen. Alles was uns lieb ist, aus dem Herzen reißen. Damit meinte er Margaretha, sein einziges Kind. Nun war sie schon drei Jahre fort. Sein Herz war zu Stein geworden. Das Unglück hatte begonnen, als dieser Musiker unten im Färberhof ein Zimmer bezogen hatte. Ein Urlauber sei er, sagte er zu den Dörflern. Margaretha hatte ihn geliebt! So wie sie als Kind immer alles erhalten hatte, so glaubte sie, auch den Mann zu bekommen, den sie begehrte. Dem Mann schmeichelte es natürlich. Und Margaretha war ja schön. Ein wundervolles Paar waren sie, alle im Dorf sagten es. Und dann sah der Mann das viele Geld im Hintergrund. Das konnte man wirklich nicht ausschlagen. Und er brauchte nichts dafür zu tun, nur die Margaretha zur Frau nehmen.

Aber ihr Vater stellte ein hartes Nein davor. Einen Musiker könne er auf dem Hof nicht gebrauchen. Margaretha müsse einen Bauern heiraten. Und fremdes Blut, das würde nie gutgehen.

„Vater, ich will nur ihn, und sonst keinen anderen!“, hatte sie mit flammenden Augen gerufen. „Du kannst mich nicht umstimmen. Ich will ihn.“

„Nein!“, hatte er gedonnert. „Ich werde es nit zulassen, dass sich meine Tochter so wegwirft. Du bist jung und noch nicht volljährig. Ich werde das zu verhindern wissen. In deine Kammer werde ich dich einsperren. Du verlässt mir nicht mehr den Hof, und wenn, dann nur in Begleitung deiner Mutter.“

„Du kannst mich nicht zwingen“, hatte sie gesagt.

Er hatte sie nur böse angesehen. Und dann hatte sie es mit Schmeicheln versucht. So hatte sie ihn immer herumgekriegt. Aber diesmal war er hart geblieben. Und als sie das merkte, rief sie wild: „Wir gehen fort, Vater. Auch ohne deinen Segen, hörst du!“

Da hatte er sie angeblickt, lange und fest.

„Wenn du das tust, dann ist für immer meine Tür für dich verschlossen, Margaretha, dann habe ich keine Tochter mehr. Und du wirst auch keinen Pfennig von mir bekommen. Enterben werde ich dich auf der Stelle.“

Aber Margaretha hatte nur hell aufgelacht.

„Geh, Vaterl, so grausam bist du nicht zu deiner Tochter.“

„Wenn ich einmal nein sage, dann bleibt es dabei, Margaretha“, hatte er ernst geantwortet.

Am nächsten Morgen war dann ihre Kammer leer gewesen. Fort waren sie. Alle beide. Aus der Fremde hatte sie dann nach einem Jahr geschrieben und um Geld gebeten. Johannes hatte den Brief zerrissen und seiner Frau verboten, hinter seinem Rücken der Tochter zu schreiben oder Geld zu schicken.

Alle im Dorf wussten darum. Und heimlich war bei ihnen die Schadenfreude am Werk. Musste er sich jetzt nicht beugen? Der stolze Troller? Ein Mann ohne Erbe! Er wurde still und ein herber Zug lag um seine Lippen.

Agnes spürte, wie sehr er litt. Auch jetzt, nach all so vielen Jahren, litt er noch unter dem Weggang der Tochter. Vielleicht, wenn sie zum Schein nachgegeben hätte, und wenn sie nicht fortgelaufen wäre, vielleicht hätte er dann in eine Heirat eingewilligt. Aber dass sie das Vaterhaus wie eine Diebin verließ, um dem fremden Mann anzugehören, das konnte er ihr nicht vergessen.

Seither hörten sie auch nichts mehr von ihm. Nirgends wurde sein Name als Sänger erwähnt. Und die Tochter schrieb auch nicht mehr. Wahrscheinlich war sie schon gestorben. In der Fremde, allein, einsam.

 

 

2

Genau gegenüber dem Troller-Anwesen, auf der anderen Seite des Tales, lag der Achenbacherhof. Zwar auch prächtig und sehr stattlich, aber doch nicht so reich wie das Troller-Anwesen. Der Achenbauer hasste den Troller. Er konnte es nicht verwinden, dass dieser reicher war.

Es freute ihn sehr, als er hörte, dass dem Troller die Tochter davongelaufen war. Er hatte zwei Söhne. Der alte Achenbauer hatte einen Spass daran, den Troller immer, wo er konnte, scheinheilig nach der Tochter auszufragen.

Als sie sich am Sonntag zufällig vor der Kirche trafen, sagte er: „Nächste Woche ist bei mir Hochzeit. Ich lad dich ein, natürlich die Agnes auch. Mein Egbert heiratet die Veronika aus dem Nachbartal. Ihr Vater hat eine Mühle.“

Johannes Trollers Herz klopfte schmerzhaft. Für einen Augenblick fühlte er sich schwach und sehr alt.

Und der Alte mit seinem zahnlosen Mund kicherte.

„Weißt, früher, da hab ich davon geträumt, dass mein Egbert deine Margaretha heiratet. Dann hätten sich unsere Familien verschwägert. Wär doch eine feine Sache gewesen. Aber sie ist ja nun fort, deine Margaretha, und ewig warten kann der Egbert ja auch nit. Und wer weiß, wenn sie wiederkommt, was dann mit ihr ist? Verdorben wird sie sein, wirst ihre Laster nit mit Geld zudecken können.“

Dem Troller stieg das Blut in die Wangen. Sein Blick lag auf Egbert. Den kleinen hässlichen Zwerg sollte die Margaretha nehmen? Er lachte hart auf.

„Bist narrisch, Achenbauer. Meine Margaretha tät ich nie deinem Egbert geben. Ist das denn überhaupt ein Mannsbild?“

Egbert ballte die Hände. Die Worte des Trollers gruben sich tief in sein Herz ein. Der Achenbauer wurde fuchsteufelswild und schrie und beschimpfte den Troller und nannte seine Tochter eine gemeine Dirne. Johannes wollte sich auf ihn stürzen. Aber da stand Agnes, seine Frau, neben ihm und legte ihre zarte Hand auf die seine.

„Komm, Johannes! Das Mittagessen wartet auf uns!“

Er blickte zur Seite und in die Augen seiner Frau.

„Ja“, sagte er heiser. „Und du hast recht. An einem Sonntag soll man sich nicht versündigen. Und meine Hände mach ich mir an dem nit schmutzig.

 

 

3

Es war fünf Tage später. Um die Mittagsstunde kam der Postbus aus Innsbruck und hielt in Wörgl auf dem Marktplatz. Unter den Aussteigenden befand sich auch eine junge Frau. Sie mochte an die zweiundzwanzig Jahre sein. Die Gesichtszüge wirkten herb und irgendwie starr. Ihre Kleidung war sehr einfach. Langsam ging sie die Hauptstraße hinunter. Ihr Blick war verschleiert. Hier hatte sich nichts verändert. Wie gut konnte sie sich noch an alles erinnern. Aber wie lange war es schon her, als sie zuletzt durch die kleinen engen Gassen gelaufen war?

Vor dem Brunnen ging die Straße zum Hochtal der Wildschönau ab. Sie schlängelte sich um die Berge, und ihr Weg ging durch Niederau, Oberau nach Auffach, dem letzten Ort am Lampersberg.

Margaretha - denn keine andere war diese junge Frau - band ihr Kopftuch fester, nahm die kleine Tasche vom Brunnenrand und machte sich auf die Wanderung. Hin und wieder kam ihr ein Bauerngefährt entgegen. Sie durchschritt Schluchten und dunkle Wälder. Die Straße war eng und oft nicht ungefährlich. Aber sie blickte nicht zurück. Ihr Ziel lag vor ihr und dem strebte sie zu.

Dann lag das Dorf Niederau vor ihr, und sie machte eine kleine Rast. Was sie bei sich hatte, war schnell verzehrt. Doch Hunger hatte sie immer noch. Aber bald würde sie daheim sein, bei Vater und Mutter. Dort bekam sie frische Milch und Brot, soviel sie wollte. Ihre Augen schimmerten feucht.

Ein Leiterwagen kam vorbei, und sie fragte, ob sie aufsitzen dürfe.

„Ich fahr nur ein Stück“, sagte der Bauer. „Wo willst denn hin?“

„Nach Auffach“, antwortete sie leise.

„Ja, so weit fahr ich net. Bis zur Brücken und dort steht mein Hof. Musst dann schon zu Fuß weiter.“

„Das Stück genügt mir auch schon“, sagte sie dankbar lächelnd.

„Woher kommst denn?“

„Ach“, machte sie vage.

„Willst dich verdingen? Na, als Magd wirst nicht viel taugen, bist klapperdürr und viel schaffen kannst du auch wohl nicht, wie?“

Margaretha schwieg. Vor Jahren hätte sie aufbegehrt, wenn man sie da mit einer Magd verglichen hätte. Tochter des reichsten Bauern in der Umgebung. Nein, sie sagte nichts, sondern war froh, dass sie die müden Füße ein wenig schonen konnte.

Aber dann musste sie wieder absteigen und allein weitergehen. Als sie Oberau hinter sich hatte, ging es schon auf den Abend zu. Die Sonne versank hinter den Bergen, und es wurde merklich kühler. Lange Schatten lagen auf dem Weg. Ihr Gang wurde immer schwerfälliger. Kaum konnte sie sich noch aufrecht halten. Und der Hunger riss an ihren Nerven. Aber es war nicht das erste Mal, dass es so in ihr rumorte. Wie oft war sie hungrig schlafen gegangen!

Dann endlich sah sie das Ortsschild von Auffach. Heiß stieg es ihr in der Kehle auf. Sie war wieder daheim. Plötzlich begann sie an allen Gliedern zu zittern. Die heimatlichen Berge! Wie schön sie doch waren. Der kleine, stille Ort. Jeden Stein, jedes Haus kannte sie hier.

Als sie durch das kleine Dorf ging, war es schon fast dunkel. Dort oben lag ihr Elternhaus. Wie hatte sie nur fortlaufen können? Wieso hatte sie so verblendet sein können?

Sie schaffte die letzte Steigung.

„Heimat!“, flüsterte sie leise. „Ich bin wieder daheim. Gleich werde ich Vater und Mutter wiedersehen. Ich bin daheim, und alle Qual hat ein Ende.“

Agnes und Johannes saßen in der geräumigen Küche und verzehrten ihr Abendbrot.

Margaretha schritt über den weiten Hofplatz. Barry, der die längst Verschollene gleich erkannte, gebärdete sich wie verrückt und zog und zerrte an der Kette.

„Was ist denn mit dem Hund los?“, wunderte sich Agnes.

Johannes stand auf.

„Ich will mal nachsehen. Besuch wird es nicht sein, den kündigt er ganz anders an.“

Er trat in den Laubengang und sah eine Gestalt beim Hund stehen.

„Was ist los?“, rief er laut und kam näher.

Margaretha richtete sich auf und blickte ihm entgegen. Der Vater erkannte sie nicht gleich. Doch dann zuckte sein Herz zusammen. Sein erster Impuls war, die Arme nach ihr auszustrecken und sie an sein Herz zu ziehen. Seltsam, im gleichen Augenblick, als er diese Empfindung in sich verspürte, hörte er den alten Achenbauer sagen: „Eine Dirne wird sie sein, deine feine Tochter.“

„Du?“, sagte er rau.

Margaretha lächelte weich.

„Ja, Vater, ich bin es.“

„Was willst du hier?“, fragte er barsch.

Und sie hatte geglaubt, in dem Augenblick, wenn sie vor die Eltern trat, würde alles vergessen sein. Sie würden glücklich und froh sein, ihre Tochter bei sich zu haben. Ihr verzeihen und sie an ihre Herz drücken. Waren sie denn nicht ein Fleisch und Blut?

„Vater?“, sagte sie ganz zaghaft. „Ich bin es, deine Tochter.“

„Das sehe ich, noch bin ich nicht kurzsichtig. Du bist es wirklich. Und ich frage dich noch einmal: Was willst du hier?“

Sie hatte ihm die Hand entgegenstrecken wollen, aber jetzt fiel sie schlaff herunter.

Da der Mann nicht zurückkam, machte sich Agnes Sorgen und stand auf und ging auch in den Laubengang. Sie hörte Johannes reden.

„Johannes, ist jemand gekommen?“

„Ja“, sagte er mit rauer Stimme. „Margaretha ist gekommen.“

Wild zuckte ihr Herz auf. Für einen Augenblick musste sie sich an die Hauswand lehnen, so schwach fühlte sie sich. Die Tochter war wieder da.

Johannes kam in den Laubengang und sah Agnes mit blassem Gesicht an der Wand gelehnt stehen. Fürsorglich legte er den Arm um ihre Schulter.

„Ich hab sie gefragt, was sie will, Agnes.“

„Johannes“, flüsterte die Frau. Sie blickten sich einen Augenblick stumm in die Augen.

„Es ist dunkel, die Nacht steht vor der Tür. Einen Bettler würdest du jetzt auch nicht fortjagen, Johannes. Das kannst du nicht tun.“

„Ich weiß, was meine Christenpflicht ist“, sagte er brüchig. Und zu seiner Tochter gewandt: „Du kannst hereinkommen.“

Schwankend glitt sie an der Mutter vorbei. Diese hätte am liebsten ihre Arme ausgestreckt und sie an sich gezogen. Im Schein der Küchenlampe sahen sie erst, wie verändert sie war. Dem Johannes schnitt es tief ins Herz.

Margaretha sah das Essen auf dem Tisch und fühlte sich ganz elend.

„Stell ihr einen Teller hin, Agnes! Sie soll nicht sagen, wir hätten sie hungern lassen.“

„O Vater“, flüsterte Margaretha.

Zu Tode ermattet ließ sie sich auf die Eckbank unter dem Herrgottswinkel fallen. Ihre Hände zitterten, als sie das Milchglas an die Lippen führte.

Johannes Troller war erschüttert und sein Herz aufgewühlt. Das sollte seine Tochter sein? Seine anbetungswürdige Margaretha, einst das schönste Mädchen weit und breit? Nein, er hatte keine Tochter mehr. Alle im Dorf wussten sie es. Damals hatte er sie verstoßen. Sie hatte die Wahl, und sie war ihren Weg gegangen. Nun sollte sie sehen, wie sie in ihrem selbstgewählten Leben zurechtkam.

„Hast du uns besuchen wollen, um zu schauen, wie es uns geht?“, fragte er mit grollender Stimme.

Margaretha, die jetzt ein wenig gestärkt war, hob die Augen und sah den Vater an.

„Ich ...“, begann sie zögernd.

„So bist du also glücklich geworden? Das freut mich. Du hast dir ja dieses Leben gewählt. Warst alt genug, um zu wissen, was du tust. Es ehrt dich, dass du reingeschaut hast, aber du weißt doch auch, dass hier kein Bleiben für dich ist. Ich halte mein Wort.“

„Vater ...“, begann das Mädchen brüchig. „Wie kannst du nur so hart sein? Ich bin zurückgekommen, weil ich tief bereue. Lass mich bei euch bleiben!“

„Nein“, sagte er hart. „Nein, Margaretha, diese Tür ist für dich verschlossen. Soll ich vor den Dörflern als Wortbrüchiger stehen? Mit den Fingern werden sie auf mich und dich zeigen. Jawohl, das werden sie alle. Unser Leben wirst du zerstören. Hier ist für dich kein Platz mehr. Warum kommst du zurück? Wo ist dein Mann? Warum begleitet er dich denn nicht, der feine Musiker?“ Sie senkte demütig den Kopf. „Bist du vielleicht gar nicht seine Frau? Habt ihr gar nicht geheiratet?“

„An den Hals hast du dich ihm geworfen. Hast wohl ohne Segen mit ihm gelebt, nit wahr? So war es doch, hast dich fortgeworfen, deine Mädchenehre war dir nicht heilig genug. Konntest nicht warten, wolltest alles. Hast ihm mehr geglaubt als deinen guten Eltern. Wie eine Dirne hast dich benommen. Jawohl, schau mich nicht so entsetzt an! Der Achenbauer hat schon recht, wenn er es in aller Öffentlichkeit sagt. Du bist nicht mehr meine Tochter. Geh fort von hier, weit fort! Lass uns in Frieden!“

Das gequälte Mädchen schloss für einen Augenblick erschöpft die Augen. Die Worte trafen sie tief, aber sie hatte schon soviel erlitten, so unendlich viel leiden müssen unter den harten Worten des Mannes. Ja, so hatte er auch gesprochen, sie eine Dirne genannt mit rauschigem Blut, und sie sei ihm eine Bürde, er wolle frei sein. Und als er merkte, dass der Vater nichts schickte, keinen Pfennig, da wurde er sehr böse und machte ihr das Leben furchtbar schwer. Wie eine Magd hatte sie in der Fremde gearbeitet, um Geld für sich und den Mann zu verdienen. Und er hatte das meiste vertan und vertrunken.

Vor vier Tagen hatte er sie ganz plötzlich verlassen. Als die Not am größten war, als sie nicht mehr weiter wusste in ihrem Elend, da hatte sie an ihr Vaterhaus gedacht. All die Jahre hatte sie an die guten Eltern denken müssen. Doch als sie auf ihren Brief nicht geantwortet hatten, war sie zuerst zu stolz gewesen, um sich noch einmal zu melden, und ihnen ihre Lage zu schildern.

Und nun war sie hier und hatte noch nicht mal alle ihre Sünden gebeichtet. Vor dem harten Nein des Vaters schrak sie zurück. Ihre Lippen zitterten leicht.

Wenn die Eltern sie fortschickten, wohin sollte sie dann gehen?

Agnes’ Hände strichen unaufhörlich über die blütenweiße Schürze. Der Johannes sollte nicht so hart sein. Sah er denn nicht, wie das Kind in Armut lebte?

In diesem Augenblick stand er auf und verließ die Stube. Das Mädchen blickte die Mutter an. Sie begann leise zu weinen.

„Ich habe es bitter bereut, liebe Mutter. Warum ist der Vater so hart?“

„Damals hast du ihm das Herz gebrochen, mein Kind. Jetzt ist es versteinert. Er hat dir alles gesagt, er hat dich in deine Kammer eingeschlossen, aber du hast ihm nicht glauben wollen. Wir ahnten, dass dein Musiker ein Luftikus war, nicht für dich geschaffen. Du hast ihn nit geliebt, nein, das hast du nicht. Wir haben dir ja gesagt, wart ein Jahr, und wenn du ihn dann noch willst ...“

Margaretha blickte auf ihre Hände. Geliebt, dachte sie, nein, geliebt habe ich ihn keinen Augenblick lang. Ich war nur stolz und hochfahrend, dass er mich von allen Mädchen des Dorfes bewunderte. Er, der geheimnisvolle Fremde - war ich doch eine Närrin.

Johannes Troller kam zurück und warf einen kleinen Leinenbeutel auf den Tisch.

„Das wird für die erste Zeit genügen. Du brauchst nicht Not zu leiden. Wenn du klug bist und es ihm nicht zeigst, kannst du davon leben. Geh jetzt! Not sollst nicht leiden, ich hab kein Herz aus Stein. Schreib, und ich schick dir Geld! Aber komm nicht wieder, mach uns nicht das Leben schwer!“

Margarethas Hand legte sich um den Geldbeutel. War sie jetzt nicht eine Bettlerin geworden? Konnte man noch tiefer sinken? Langsam stand sie auf. Mit ihren mageren Händen zog sie das dünne Schultertuch zusammen. Schleppend war ihr Schritt, als sie sich zur Tür wandte.

Agnes weinte laut auf. Sie war ihren Blicken entschwunden.

„Johannes, Johannes, so ruf sie doch zurück! Es ist doch unser Kind. Unser einziges Kind!“ Sie klammerte sich an den Mann und schluchzte, wie sie noch nie in seiner Gegenwart geweint hatte.

„Frau, Agnes“, sagte er brüchig und legte seine starken Arme um ihre Schultern. „Meinst, mir bricht nit das Herz. Glaubst du, ich kann es ertragen, sie gehenzulassen?“

„Aber dann hol sie doch zurück! Sprich doch ein Wort! Weit kann sie doch noch nicht sein. O Johannes, denk doch nicht an die Dörfler; höre was dein Herz dir sagt!“

„Wenn ich sie ziehen lasse, dann doch nur, weil ich will, dass sie noch ein wenig Ruhe findet. Hier, in unserem Dorf wird sie nur angestarrt. Kennst doch die Leute da drunten. Mit dem Finger werden sie auf unsere Tochter zeigen. Öffentlich sie eine Dirne nennen, sie beschimpfen, verhöhnen. Sag, ist das noch ein Leben? Verkriechen muss sie sich, wie ein Tier. Nein, wenn sie leben will, dann kann sie es nur in der Fremde. Dort, wo man sie nicht kennt. Darum hab ich ihr das Geld gegeben, damit sie geht und nicht auch noch diese Schmach erleiden muss, Agnes.“

Sie stellten sich an das Fenster und blickten hinaus. Der Mond stand am Himmel und beschien den Hohlweg. Dort ging eine einsame Gestalt. Dann war sie aus ihren Blicken entschwunden. Agnes wandte sich zurück in die Stube. Dort hatte sie gesessen, dort stand noch das Glas, lag das Messer, das sie benutzte.

In diesem Augenblick klang vom Dorf her die Brandglocke. Johannes öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus. Der Wind trug den Klang hinauf in die Berge. Überall wurden Türen und Fenster auf gerissen.

„Das Schulhaus“. sagte Johannes. „Es scheint zu brennen. Ich muss hinunter und löschen helfen.“

In der Not standen sie alle zusammen. Agnes lief in den Winkel und holte seine Lodenjacke. Er setzte sich die Mütze auf.

„Sei vorsichtig!“, flüsterte sie.

Johannes strich ihr über das Haar. Der Brand war zur rechten Zeit gekommen. Jetzt musste er seine Kräfte und Gedanken auf anderes besinnen, sein Herz würde aufhören zu bluten.

„Wenn’s spät wird, geh schlafen“, sagte er mit weicher Stimme.

Agnes stand im Laubengang und hatte die Schürze vor die Augen gedrückt.

Der Knecht kam aus der Hinterkammer und ging mit dem Bauern hinunter ins Dorf. Dort war alles in Aufruhr. Das Spritzenhaus war von Jungen umlagert. Schläuche wurden ausgelegt. In diesem Wirrwarr sah und merkte man nicht, dass ein fremdes Fahrzeug ins Dorf fuhr und hielt. Eine junge Frau stieg aus und ging mit einem Bündel auf dem Arm den Berg hinauf. Es dauerte nicht lange, da war sie wieder unten, stieg ein, und sie fuhren weiter. Es mutete wie ein Spuk an.

Das Feuer tobte, und der Wind zerblies es nach allen Seiten. Die Männer des Dorfes hatten eine Kette gebildet. Aber soviel Wasser sie auch in das Feuer schütteten, es wurde nicht kleiner. Knackend und krachend fraß es sich bis in das Dach, und die Schindeln flogen durch die Luft. Das Schulhaus war nicht mehr zu retten. Jetzt musste man die danebenliegenden Häuser schützen.

Oben im Laubengang stand Agnes und betete. Sie sah den hellen Schein gegen den Himmel stehen. Sollte das vielleicht ein Gericht Gottes darstellen? Es kam so plötzlich.

Walburga, die Magd, kam aus dem Haus und stellte sich neben die Bäuerin. Ihre Augen waren weit aufgerissen.

„Jessas, welch ein Schauspiel. Da wird einem ja ganz angst und bange, Bäuerin. Und die Männer sind auch drunten.“

Sie hörte, wie der Kettenhund unruhig wurde. Er riss seine Kette verzweifelt hin und her. So hatte er sich noch nie verhalten. Ob die Kreatur auch das Feuer wahrnahm? Tiere waren ja oft viel klüger als Menschen. Sie spürten die Gefahr viel früher.

„Werd ihn mal beruhigen“, murmelte Walburga vor sich hin und ging über den dunklen Hofplatz.

Zu ihrer Verwunderung merkte sie dann, dass Barry nicht auf das Feuer blickte und deswegen so verrückt spielte, sondern der Magd war es, als suche er in der Nähe des Gartenzaunes etwas. Dorthin strebte er mit Macht. Als er die Magd kommen sah, sprang er an ihr hoch und begann zu jaulen in gar seltsamen Tönen.

„Was hast du denn? Es ist dort nichts, Barry. Nun gib doch endlich Ruhe. Der Bauer kommt gleich heim, du brauchst keine Angst zu haben. Bis hier oben hin kommt das Feuer nimmer.“ Aber Barry strebte von ihr fort und zog und zerrte an der Kette. Walburga schüttelte ärgerlich den Kopf. „Du kannst mich nicht necken, hörst du. Gib endlich Ruh!“

Der Hund legte sich gehorsam hin. Und ihm war, als wimmere er ganz leicht. Die Magd dachte, vielleicht ist er krank, und beugte sich über den Hund. Aber dann merkte sie zu ihrer Verwunderung, dass der Hund ganz still war. Aber sie hörte trotzdem ein Wimmern. Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu! Nun blickte sie in die Richtung, in die es Barry so sehr zog. Lag da nicht etwas? Verwundert stand sie auf und ging näher. Richtig, da lag doch wahrhaftig ein dickes weißes Stoffbündel. Aber wie war das dorthin gekommen? Jetzt wurde das Wimmern lauter, und ihr lief eine Gänsehaut über den Rücken. Mutig bückte sie sich und hob das seltsame Wäschestück auf. Da merkte sie, dass sie ein kleines Kind in Händen hielt.

„Du lieber Gott!“, keuchte sie. „Was ist denn das?“ Sie drückte das Kind an ihre Brust und rannte, so schnell sie konnte, zur Bäuerin zurück.

„Trollerin!“, schrie sie. „Ich hab was! Du meine Güte, du meine Güte ...“

Agnes wandte sich um und sah die Magd ganz aufgelöst.

„Ja, was hast du denn, Walburga? Was ist denn los? Du machst ja ein ganz erschrecktes Gesicht.“

„Da“, sagte Walburga und streckte Agnes Troller das Kind hin. „Ich hab es gefunden. Am Gartenzaun lag es.“

Nun war es an Agnes, erschrocken zu blicken.

„Ein Kind?“, stammelte sie leise.

„Ja, Bäuerin. Ein Findelkind, hier auf unserem Hof. So was!“

„Mein Gott, und der Bauer ist nicht da. Aber so komm doch, Walburga, gehen wir erst mal in die Küche! Ein Kind, ein richtiges Kind, mein Gott!“

Als das kleine Wesen den hellen Schein der Lampe sah, hörte es auf zu wimmern und blickte sich verwundert um. Die beiden Frauen beugten sich darüber und konnten nicht aufhören zu staunen. Nicht alle Tage fiel ein Kind vom Himmel.

„Es muss an die fünf bis sechs Monate alt sein“, sagte Agnes leise. „Sieh nur, es will mit den Händchen greifen.“

Walburga lächelte. Agnes sah, dass es ziemlich ärmlich gekleidet war.

„Wer mag es wohl ausgesetzt haben? Aus der Gegend wird es bestimmt nicht kommen. Aber wieso haben sie ausgerechnet uns ausgesucht?“

„Komisch ist das“, sagte auch Walburga. „Sonst legt man sie doch vor die Kirchentür.“

„Vielleicht ist der Brand daran schuld“, meinte Agnes. „Die Kirche liegt ja nicht weit vom Schulhaus.“

In diesem Augenblick steckte das Menschlein beide Händchen in den Mund und fing an, daran zu saugen. Doch es wurde nicht satt, und so begann es bitterlich zu weinen.

„Es hat Hunger, das arme Kind“, sagte die Magd mitleidig.

„Nun, so wärm’ doch schnell ein wenig Milch“, erklärte Agnes, „und tu Honig rein und vielleicht auch ein wenig Mondamin. Wir werden es doch nicht hungern lassen.“

Vorsichtig nahm sie das Kind an sich und schaukelte es hin und her. Walburga tat alles, wie ihr geheißen. Aber dann sahen sie sich doch ein wenig ratlos an. Ein Fläschchen hatten sie nicht im Haus.

„Gib mir die Milch“, sagte Agnes. „Wir machen es mit dem Löffel. Es wird schon gehen.“

Und es klappte prächtig. Als das Bäuchlein voll war, legte das Kind das Köpfchen zurück und war mit sich und der Welt ganz zufrieden.

„Oben in den Kästen liegen noch die Kindersachen von der Margaretha. Soll ich sie holen?“, fragte Walburga dann.

Details

Seiten
88
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936773
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v516671
Schlagworte
florian findelkind

Autor

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Titel: Florian, das Findelkind