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Alienwächter – Kompendium 1

2020 320 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

IMPRESSUM

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2. Stefan Hensch: DIE STUNDE DER NEOPHYTEN

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3. Stefan Hensch: PROJEKT MORPHEUS

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4. Alexander Naumann: WIDERSTAND GEGEN DIE AUSSERIRDISCHEN

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5. Alexander Naumann: DIE IRON RATTLESNAKES

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ALIENWÄCHTER – KOMPENDIUM 1

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Romane by Authors.

Cover: Christian Dörge.

Korrektorat: Christian Dörge.

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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KLAPPENTEXT

Das Universum ist belebt - und nicht alle Aliens sind der Menschheit wohlgesonnen. Ein Kampf um die Erde hat längst begonnen - mal offen, mal verdeckt. Und dieser Kampf wird in unzähligen Parallelwelten des Multiversums gleichzeitig geführt. In manchen von ihnen ist die Anwesenheit von Aliens auf der Erde schon eine Selbstverständlichkeit, in anderen steht der Erstkontakt noch bevor oder ist eine stille Unterwanderung im Gang.

Rex Gorman und seine Mitstreiter versuchen die Menschheit zu schützen. Ihr Erbgut enthält Alien-DNA, dass sie in die Lage versetzt, die verschiedenen Dimensionen des Multiversums wahrzunehmen und zwischen ihnen zu wechseln. Vor langer Zeit wurden die Träger dieser DNA als Wächter über die Erde eingesetzt. Ihre Aktivitäten tarnen sie als Ermittlungsbehörde, als Unternehmen, als Geheimgesellschaft, als Orden oder in anderer Form - je nach den jeweiligen Erfordernissen. Niemand weiß, wie viele Wächter der Erde es gibt. Niemand weiß, wer sie eingesetzt hat. Aber nur sie können die Erde vor den Bedrohungen aus dem Kosmos bewahren.

 

ALIENWÄCHTER – KOMPENDIUM 1 enthält die ersten fünf Bände der Science-Fiction-Serie ALIENWÄCHTER, ergänzt um ein Vorwort von Stefan Hensch.

 

 

 

 

Vorwort

 

Die Idee zu ALIENWÄCHTER schwirrt mir schon lange im Kopf herum. Als Kind der Achtziger bin ich mit den Science-Fiction-Stories aus dem Kalten Krieg aufgewachsen: Invasion vom Mars, Angriff der Körperfresser oder Heinleins The Puppet Masters. Mitte der 1990er Jahre wurden dann moderne TV-Serien wie Akte X und Dark Skies – Tödliche Bedrohung ausgestrahlt, die diese Themen aufgriffen und neu erzählten. Hinzu kamen neue Medien und neue Formen des Storytellings, wie z. B. das Computerspiel UFO: Enemy Unknown. Der kleinste gemeinsame Nenner dieser Geschichten lautet: Da draußen im Weltall ist jemand, und er ist uns Menschen nicht wohlgesonnen, ganz im Gegenteil!

Wir schreiben mittlerweile das Jahr 2020, und ich finde die Thematik vom Kampf der Menschheit gegen Außerirdische immer noch ausgesprochen reizvoll. Der Kalte Krieg wurde zumindest für eine gewisse Zeit unterbrochen, deshalb herrscht auch kein Szenario der kollektiven Paranoia mehr vor. Das verändert natürlich auch die Art, wie Autoren über mögliche Angriffe von kriegerischen Außerirdischen berichten. Neue Ideen kommen hinzu, während andere Ansätze verworfen werden. Im Kosmos von ALIENWÄCHTER ist aber prinzipiell alles möglich. Diese erzählerische Freiheit verdanken wir Autoren einem Kniff, den sich unsere Verleger Jörg Munsonius und Alfred Bekker ausgedacht haben. Vielleicht stoßen Sie ja beim Lesen selbst auf diesen Trick?

Auf Facebook können Sie uns über einen Kommentar mitteilen, ob Sie unserem Trick auf die Schliche gekommen sind: https://www.facebook.com/Alienwaechter

Im Namen aller Beteiligten wünsche ich Ihnen viel Lesevergnügen und würde mich freuen, wenn auch Sie unseren Kampf gegen die Außerirdischen unterstützen und Alienwächter auch an andere Leser weiterempfehlen!



Mit den allerbesten Grüßen

- Stefan Hensch

 

 

 

 

 

1. Stefan Hensch: OPERATION SUNDOWNER

 

 

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Somalia

Das Camp Adama war zu einem regelrechten Heerlager geworden. Neben den amerikanischen Streitkräften wurde es auch von europäischen und auch chinesischen Truppenkontingenten genutzt. Die Erfahrungen der Vergangenheit hatten gezeigt, dass dieses Land nur mit immensen Anstrengungen und dem dazu nötigen Willen befriedet werden konnte. Seit Anfang des Jahres hatten die Demokratisierungsmaßnahmen große Fortschritte gemacht, doch diese Erfolge wurden nun von General Jama und seiner Miliz gefährdet. Die ehemaligen Soldaten des somalischen Militärs hatten in den letzten Wochen vermehrt Gräueltaten unter der Zivilbevölkerung verübt. In der Nähe von Hargeysa war es zu Massenerschießungen gekommen. Fotos der Massengräber waren durch die Welt gegangen, die Völkergemeinschaft hatte handeln müssen.

So war auch ich nach Afrika gekommen. Unser Regiment sollte Teil der Operation Sundowner sein. Ziel dieser Mission war die Ausschaltung und Entwaffnung aller Rebellen und Milizen, die seit Jahrzehnten das Land und die Menschen terrorisiert hatten. Die Initialzündung dazu sollte in dieser Nacht stattfinden.

Ich saß zusammen mit anderen Offizieren der US-Truppen im großen Briefing-Zelt. Alle Plätze waren besetzt, im hinteren Teil standen außerdem zahlreiche Kameraden, die den Ausführungen von General Plissken folgen wollten.

Die Sonne brannte erbarmungslos auf das Zelte hinunter. Es roch nach Schweiß, Wäschestärke und Bohnerwachs. Ich war zwar ziemlich fit, bereute aber dennoch in diesem Moment jedes einzelne Gramm Fett an meinem Körper, denn es machte den Aufenthalt in der Hitze unangenehmer.

General Plissken, der ranghöchste amerikanische Offizier dieser Operation, stand in seinem Feldanzug am Pult und nickte uns zur Begrüßung zu. »Dieser Tag wird der letzte sein, in der General Jama noch an der Macht sein wird.« Plissken räusperte sich. »Lassen Sie mich aber bereits an dieser Stelle betonen, dass wir Jama und möglichst viele seiner Kämpfer lebend bekommen wollen. Dies ist definitiv keine Seek and Destroy-Mission. Auch als Militärs dürfen wir uns nicht länger erlauben, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu predigen, aber genau das Gegenteil zu leben. Das muss jetzt aufhören.«

Lautstarkes Gemurmel breitete sich aus. Verständnislosigkeit und Unwillen war in den Gesichtern meiner Kameraden abzulesen.

»Das Rad der Zeit bleibt eben nicht stehen, meine Damen und Herren. Die Erfahrungen unserer letzten Missionen haben gezeigt, dass wir einen nachhaltigen Change nur gemeinsam mit der Bevölkerung erreichen können. Dazu müssen wir uns authentisch verhalten, ansonsten können wir die Mission gleich beenden.«

Ich spürte einen Seitenblick. Andy Winter saß neben mir. Ich sah meinen Freund und Kollegen an und nickte.

»Das hilft mehr, als wenn man nur Schokolade an Kinder verteilt.«

Der Lieutenant hatte natürlich recht. Dennoch war das gerade ein ziemlicher Kulturschock. Bisher war es meist um Präzision und Effizienz gegangen, aber dennoch hatten wir in der Vergangenheit auch immer mit dem Unwillen und gelegentlich auch der Ablehnung der Bevölkerung zu kämpfen. Nicht zuletzt deshalb war auch eine der früheren Missionen in Somalia gescheitert und die USA hatte einen schrecklichen Blutzoll zahlen müssen.

»Nun zu den Details von Operation Sundowner.« Plissken drehte sich zu dem Videoschirm neben dem Pult. »General Jama hat mit seiner Miliz ein neues Lager nördlich von hier bezogen. Es handelt sich um ein Areal, auf dem die Übergangsregierung Probebohrungen zur Förderung von Bodenschätzen durchgeführt hat und das als Bergwerk genutzt werden sollte. Wahrscheinlich möchte auch Jama ein Stück vom Kuchen abhaben.«

Der General drückte einen Knopf auf seiner Fernbedienung und die Darstellung auf dem Videoschirm wurde um ein paar grafische Elemente ergänzt.

»Phase 1 von Operation Sundowner besteht aus mehreren Angriffswellen der Air Force. Dabei sollen vor allem Panzer, Geschützstellungen und auch die Helikopter der Miliz ausgeschaltet werden.« Plissken deutete mit seinem Zeigestab auf die schematische Darstellung des Angriffs. »Phase 2 besteht aus einem Frontalangriff der Kameraden des Marine Corps. Sie werden mit Chinooks und Blackhawks bis direkt ins Einsatzgebiet gebracht, lange Märsche fallen aus. Wir wollen schnell und entschieden durchgreifen. Bitte wenden Sie nur die absolut nötige Gewalt an, wir wollen ganz explizit Gefangene machen. Dennoch will ich einen taktisch sauberen Einsatz sehen und Sie bei der Nachbesprechung auf ein Bier einladen!«

Ich stieß Andy spielerisch in die Seite. »Deinen Flammenwerfer musst du heute also im Camp lassen. Weine also bitte leise...«

Er zuckte mit den Schultern. »Dann nehme ich nur meinen Tomahawk mit, den ich beim Pokern von diesem Army Ranger gewonnen habe.«

Beide grinsten wir leise vor uns hin. Flammenwerfer gehörten natürlich schon lange zu den verbotenen Waffen in unserem Arsenal. Dennoch waren wir noch an dieser Waffe ausgebildet worden. Dabei hatte sich besonders Andy sehr begeistert im Umgang mit dieser durchaus sehr effektiven Waffe gezeigt. Leider war dabei jedoch ein kleiner Geräteschuppen auf dem Übungsgelände etwas sehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Danach hatte die Kommandantin sich für einen Schuppen aus Blech entschieden, was natürlich keine schlechte Wahl war.

»Zeitgleich zum Zugriff der Marineinfanterie starten wir eine Luftlandeoperation der 82nd Airborne Division, um Jama und seinen Leuten die Rückzugsmöglichkeiten abzuschneiden. Auch hier gilt: Wir wollen keinen möglichst hohen Bodycount. Reduzieren Sie also unseren Verbrauch an Leichensäcken auf das absolut Notwendigste. Setzen Sie tödliche Gewalt nur dann ein, wenn es absolut alternativlos ist. Wir müssen den Menschen zeigen, dass wir die Guten sind!«

 

 

2

General Plissken hatte im Briefing unsere Mission kurz und klar umrissen. Dennoch sah die Realität natürlich etwas anders aus. Aber der General wusste das sehr wohl, denn er war selbst viele Jahre bei den Special Forces gewesen.

Eine so große Operation wie auch Sundowner musste extrem gut vorbereitet werden. Kein halbwegs vernünftiger Befehlshaber würde einen Schwarm Jets oder Helikopter ungeschützt und völlig blind in feindlich kontrolliertes Territorium schicken. Luftaufnahmen waren ein guter Anhaltspunkt, aber die Drecksarbeit musste von Leuten wie meiner Einheit erledigt werden. Dazu waren wir Fernaufklärer einfach da.

Im Gegensatz zu unseren Kameraden hatte uns kein Taxi bis direkt ins Operationsgebiet gebracht. Anstelle dessen hatten wir einen Absprung aus einem Flugzeug hinter uns und waren nur mit leichtem Gepäck unterwegs. Unser Job war die Infiltration des Zielgebiets und das Ausschalten der Luftabwehr. Erst danach kamen die Jets, die den den Weg freibombten.

Wir trugen allesamt Nachtsichtgeräte, die die somalische Nacht in ein Meer aus Grüntönen tauchten. Aus dem Ohrhörer in meinem rechten Ohr konnte ich die Statusmeldungen der anderen Teams und der Piloten hören. Bisher verlief die Mission völlig ohne irgendwelche Auffälligkeiten. Ich hatte sogar das Gefühl, dass wir zu schnell und zu tief in das feindliche Gebiet eindringen konnten. Erwartete man uns am Ende gar?

»Wir haben da einen Posten auf sechs Uhr«, hörte ich Sergeant Lexington und nickte. Ich hatte den schmalen Unterstand auch schon bemerkt. »Haben wir einen Kontakt?«

Es dauerte eine Weile, dann hörte ich die Antwort von Lexington. »Negativ. Visuell und auch auf Infrarot Fehlanzeige!«

Ich runzelte die Stirn. Das war jetzt langsam alles mehr als nur verdächtig. Wir waren bisher weder auf Posten, noch auf Patrouillen gestoßen und jetzt sollte auch noch dieser Unterstand leer sein?

»Was wird hier gespielt?«, gab ich zurück. »Vormarsch, aber achtet auf Sprengfallen und sonstige Gemeinheiten. Hier stimmt doch irgendetwas nicht!«

Mein Trupp fächerte auseinander und näherte sich dem hüttenartigen Unterstand. Ich drückte meinen M4 Karabiner fest gegen meine rechte Schulter. Wir hatten vollkommen freies Schussfeld. Wenn sich dort drinnen jemand verschanzt hatte, würde das schlecht für ihn ausgehen.

»Alpha Blau an Zentrale«, flüsterte ich in das Mikro vor meinem Mund.

»Leader Alpha Blue, hier Zentrale. Benötigen Sie Unterstützung?«, flötete eine weibliche Stimme in meinem Ohr.

Ich musste grinsen. Die Umgangsformen beim Militär hatten sich ziemlich geändert. Die Welt blieb eben nicht stehen.

»Gibt es irgendwelche Wärmesignaturen oder Stromquellen in einem Bereich etwa vierhundert Meter nördlich von unserer Position?«

Es dauerte einige Momente. Im Geiste stellte ich mir vor, dass die Operatorin eine Drohne hoch über unseren Köpfen zu meinen Fragen konsultierte.

»Negativ, Leader Alpha Blue. Keine Quellen für Elektromagnetismus und keine Wärmesignaturen. Sieht so aus, als wäre der Unterstand wirklich verlassen.«

Das war verdammt seltsam. Eigentlich sollte ich mich ja nicht darüber ärgern, wenn es zu keinem Feindkontakt kam, aber ich hatte da so ein echt mieses Gefühl!

Mein Team funktionierte wie ein Uhrwerk. Innerhalb kürzester Zeit war der Unterstand umstellt. Lexington und ich trafen uns an der Vorderseite.

»Checken Sie die Tür mit der Endoskopkamera auf Sprengfallen, Sergeant!«

»Wird gemacht, Lieutenant«, gab der kampferfahrene Mann zurück und begann mit der biegsamen Optik zu arbeiten.

»Die Tür ist sauber, Sir!«

Ich grinste. Dann war es Zeit für etwas Spaß. Und das bedeute, dass meine geliebte Remington 870 zum Einsatz kommen konnte! »Halten Sie mal kurz mein M4«, sagte ich einem Soldaten neben mir und drückte ihm den Karabiner in die Hand. Mit einer fließenden Bewegung nahm ich die Schrotflinte von der Schulter, lud sie durch und richtete ihren Lauf in Schlosshöhe auf die Tür.

Das infernalische Krachen des Schusses hallte durch die Nacht und die Waffe bockte in einem Griff. Holz splitterte, sie stanzte ein kinderkopfgroßes Loch in die Tür.

Wie automatisch lud ich das Gewehr erneut durch und trat mit meinem Stiefel gegen die Tür. Haltlos knallte sie gegen die Wand, aber dann war ich bereits im Unterstand. Lexington folgte mir, dann die anderen. Es dauerte aber nicht sehr lange, bis wir herausfanden, was hier los war. Der verdammte Unterstand war so leer wie das gesamte übrige Areal. Wo zum Teufel waren die Soldaten von General Jama und er selbst? Hatten Sie Wind von Operation Sundowner bekommen und sich bereits verzogen? Wenn das stimmte, hatten wir ein verdammtes Sicherheitsproblem!

 

 

3

Ich gab eine Statusmeldung ab, danach hatten wir keinen Grund bei dem verlassenen Verschlag zu bleiben. Unser Job war schließlich noch nicht beendet, es gab immer noch Flugabwehrstellungen in unserem Gebiet.

Bevor wir aufbrachen, konsultierte ich den kleinen Gefechtscomputer, den ich um meinen rechten Unterarm geschnallt hatte. Über das kleine Gerät hatte ich Zugriff auf alle relevanten Einsatzdaten. Als Fernspäher interessierte ich mich naturgemäß besonders für die taktische Karte, die in Echtzeit von der Einsatzleistung aktualisiert wurde. In unserer direkten Umgebung befanden sich noch drei SAM-Batterien, die für die Jungs von der Air Force zu einem ernsten Problem werden konnten. Also war unser nächstes Ziel ziemlich einfach zu definieren.

Der Himmel war aufgerissen und der Halbmond tauchte die nächtliche Landschaft in ein silbriges Zwielicht. Unter diesen Bedingungen half mir das Nachtsichtgerät nicht mehr besonders weiter, deshalb hatte ich es nach oben geklappt. Nun beobachtete ich die drei Trucks durch meinen Feldstecher. Die Boden-Luft-Raketen waren von ihren Besatzungen in Einsatzbereitschaft versetzt worden. Die ballistischen Flugkörper reckten sich so steil wie römische Obelisken in den Nachthimmel. Auf den Dächern der Trucks rotieren die Radarantennen, aber nirgends war eine Wache oder jemand von der Mannschaft der Flugabwehrraketen zu sehen. War ich bisher von einer Falle ausgegangen, geriet ich jetzt ins Zweifeln. Die Flugabwehrgeschütze waren ziemlich wertvolles Equipment, das ließ man nicht so unbeaufsichtigt irgendwo herum stehen.

»Wir fangen bei dem linken Fahrzeug an, dann arbeiten wir uns bis nach rechts durch«, befahl ich Lexington. Die SAMs standen in einer Dreiergruppe zusammen, was durchaus gängiger Praxis entsprach. Wenn wir diese drei Fahrzeuge gesichert hatten, war unser Job erledigt und die Operationszentrale konnte den Luftraum für unsere Jets freigeben.

Dieses Mal ließ ich Lexington den Vortritt. Erneut überprüfte er die Tür zum Gefechtsstand auf der Ladefläche des Trucks mit seiner Endoskopoptik. Wieder kam er zum gleichen Ergebnis, es gab auch hier keine versteckten Sprengfallen.

Private Lester riss die Tür auf, während Lexington den Gefechtsstand sicherte. Auch das Ergebnis war wie bei dem Unterstand. Der Truck war verlassen. Achselzucken ging der Sergeant zum Bedienpult und nahm die Systeme offline. Sofort hörten die Radarantennen auf zu rotieren. Dieses Flugabwehrsystem stellte nun keine Gefahr mehr für unseren Luftschlag dar.

Mit halbem Ohr hatte ich die Berichte meiner Kameraden auf dem allgemeinen Kanal verfolgt. Es schien überall gleich zu sein. Alles war verlassen, es gab keine Spur von den Männern der Miliz.

Leider bedeutete das aber nicht, dass die beiden Trucks neben uns mit absoluter Sicherheit ebenfalls verwaist waren. Davon mussten wir uns schon selbst überzeugen.

Ein paar Minuten später wussten wir es. Niemand war hier, der die SAMs bedienen konnte. In mir breitete sich ein mulmiges Gefühl aus, über das ich auch die Zentrale verständigte.

»Verstanden, Leader Alpha Blue. Rücken Sie bis zum Kern des Operationsgebiets vor.«

Kaum zehn Minuten später rasten die ersten Hornets und F-16 über unsere Köpfe hinweg. Operation Sundowner lief jetzt an. Für uns Fernaufklärer bedeutete das jetzt vor allem ein ordentlicher Marsch, bis wir da ankamen, wo die Musik spielte. Zumindest dachte ich das zu diesem Zeitpunkt noch. Dann sah ich das Inferno, dass unsere Piloten mit ihrem Bombardement anrichteten. Hätte ich das Nachtsichtgerät nicht schon vor einiger Zeit nach oben geklappt, hätte ich es spätestens jetzt getan. Das Licht der Explosionen überlastete die Fähigkeiten eines jeden Nachtsichtgeräts dieser Welt.

Dann knatterten die Blackhawks und Chinooks über uns hinweg.

»Die könnten uns ja ruhig mitnehmen«, maulte Private Lester. Ich sagte dazu nichts, der Junge hatte ja irgendwo recht.

Da knackte der Ohrhörer in meinem rechten Ohr. »Alpha Blue Leader, hier Operationszentrale. Einer der Piloten glaubt eine Signatur westlich von ihnen gesehen zu haben. Weichen Sie bitte von Route A3 ab und sichern Sie das Gebiet in gut zwei Meilen Distanz von Ihnen. Es ist wahrscheinlich nur ein Reflex gewesen, aber wir wollen ganz sichergehen.«

Mir war es gleich, ob wir uns an der eigentlichen Mission beteiligten, oder eine kleine Exkursion in die nähere Umgebung durchführten. Um mir einen Überblick zu verschaffen, sah ich auf meinen Gefechts-Computer. »Das aufzuklärende Gebiet befindet sich dann in diesem Fall aber sehr dicht an dem Areal, an dem auch die Probebohrungen durchgeführt wurden. Ist das korrekt, Zentrale?«

»Positiv Alpha Blue Leader. Überprüfen Sie dieses Gebiet auf mögliche Gefahrenquellen!«

 

 

4

»Es wäre ein ziemlich cleverer Schachzug von General Jama, wenn er sich mit seinen Männern in den Bergwerksstollen versteckt hat«, schlussfolgerte Lexington.

»Wir hätten dann aber gleichzeitig auch die Karte mit dem goldenen Buchstaben A gezogen«, sprach ich aus, was ich dachte. Wir waren zwar bestens ausgerüstet und trainiert, aber gegen eine Übermacht konnten wir rein gar nichts ausrichten. Wenn es dort denn überhaupt Menschen gab.

Aus der Ferne waren jede Menge schwere Fahrzeuge zu erkennen, die am Rande des Bergbaugebiets abgestellt worden waren. Da sich der Himmel wieder zuzog, wollte ich meinem Nachtsichtgerät noch eine Chance geben. Ich klappte es herunter. Augenblicklich verschwand die Schwärze der Nacht unzähligen Schattierungen von Grün. Aber das war nicht alles. Ich sah deutlich hellere Flecken, einige hatten noch eine leicht orangene Färbung. »Nachtsichtgeräte auf«, befahl ich meinen Männern. Sie sollten alle sehen, worauf wir uns zubewegten.

Der Weg war jetzt leicht abschüssig und führte in eine leichte Senke. Deshalb hatten wir einen guten Blick nach unten und damit auch auf die Wärmesignaturen. Ich sah eine etwa kreisrunde Fläche, die in den unterschiedlichsten Farben aufleuchtete. Bis jetzt konnte ich mir noch keinen Reim auf die Situation machen. Aber das änderte sich, als ich erneut das Nachtsichtgerät hochklappte, da die Szenerie nun wieder bestens von Luna ausgeleuchtet wurde.

»Oh shit«, entfuhrt es Lexington neben mir. Er hatte anscheinend die gleichen Schlussfolgerungen wie ich gezogen.

»Zentrale, hier Alpha Blue Leader. Wir scheinen hier ein Massengrab gefunden zu haben. Es sieht aus, als wären die Menschen einfach an Ort und Stelle massakriert worden.«

»Verstanden, sehen Sie sich das bitte aus der Nähe ab!«

 

*

 

Nun, es war kein Massengrab. Dennoch hatte irgendjemand Menschen einfach abgeschlachtet. Aufgrund ihrer Uniformen war ersichtlich, dass es sich um Männer der Miliz handelte. Einige von ihnen hatten sich noch mit ihren Waffen zu verteidigen versucht, sie hielten sie auch im Tod noch in den Händen. Ebenso lagen auch unzählige Patronenhülsen zwischen ihnen.

Was auch immer hier passiert war, musste furchtbar gewesen sein. Oder waren die Milizionäre am Ende auf sich selbst losgegangen?

Ich wollte Gewissheit haben. »Lampen einschalten«, befahl ich meinem Zug.

Die Lampen unter den Läufen unserer Sturmgewehre flammten auf und rissen das wahre Ausmaß des Schreckens aus der Nacht. Nein, ich hatte mich getäuscht. Die meisten der Toten hatten keine Schussverletzungen. Die leblosen Körper in meiner unmittelbaren Umgebung wiesen keinerlei Schussverletzungen auf. Einige waren regelrecht zerfetzt worden, es sah fast so aus, als wäre ein Trupp Kavallerie über sie hergefallen. Andere wiesen zudem starke Verbrennungen auf, was für mich so gar nicht recht ins Bild passen wollte. Um mich zu vergewissern, checkte ich die Vitalfunktionen einiger Körper. Nichts. Es waren nur noch Leichen, die über eine gewisse Restkörperwärme verfügten.

Ich schwenkte meine Waffe nach rechts und erstarrte in der Bewegung. Der Lichtschein hatte ein Gesicht erfasst, das ich kannte. Es konnte keinen Zweifel geben! Zuletzt hatte ich ein Foto davon während des Briefings von General Plissken gesehen. Vor mir auf der Erde lag General Abdul Jama, der Befehlshaber der Streitmacht, die wir in dieser Nacht besiegen sollten. Als ich den Schein meiner Lampe etwas weiter umherwandern ließ, sah ich einige seiner höchsten Offiziere um ihn herum auf der Erde liegen. Also hatte es scheinbar auch keine internen Machtstreitigkeiten gegeben.

Die neuen Informationen musste ich sofort an die Zentrale weitergeben.

»Verstanden, Alpha Blue Leader. Herzlichen Glückwunsch, Lieutenant!«

Ich konnte nur den Kopf schütteln. Also war ein toter Feind immer noch am besten, nur durften wir es nicht sein, die ihn ermordet hatten. Das war Heuchelei in ihrer höchsten Form, aber ich konnte nichts daran ändern. Gerade als ich mich an Lexington wenden wollte, sah ich etwas auf dem Boden neben dem General aufleuchten. Stirnrunzelnd bückte ich mich, um mir den Gegenstand genauer anzusehen. Das Objekt schien Jama aus der geöffneten Rechten gefallen zu sein. Es war ein breites Armband, das aus einem silbrig glänzenden Material bestand. Ein Schmuckstück?

Ich streckte meine Hand aus, um den Fund genauer zu begutachten. Gleichzeitig passierte etwas, das ich mir absolut nicht erklären konnte. Als meine Hand das Armband fast erreicht hatte, bewegte sich das Ding. Zuerst glaubte ich an eine optische Täuschung. Aber es passierte tatsächlich. Ich wollte zurückzucken, doch es war zu spät. Ansatzlos vollführte das Armband eine Bewegung nach oben und legte sich in einer fast schon anmutigen Bewegung um mein rechtes Handgelenk. Irritiert wollte ich das Ding abstreifen, doch der mysteriöse Vorgang war noch nicht zu Ende. Meine Finger glitten an dem glatten Material ab, das überraschend leicht war. Es war, als würde ich ein leises Sirren hören, dann wurde das Armband enger und legte sich wie eine zweite Haut um mein Handgelenk. Sofort spürte ich ein seltsames Kribbeln, das auch etwas von einem unangenehmen Jucken hatte. Ich befürchtete schon, es mit einer merkwürdigen Waffe zu tun zu haben. Aber dann verschwand die seltsame Missempfindung an meinem Handgelenk.

»Sir, die Bewegungsmelder schlagen an«, meldete einer meiner Männer über den Team-Kanal. Das bedeutete definitiv nichts Gutes.

»Sie sind überall«, meldete Private Lester.

Sofort meldete ich den Kontakt an die Zentrale, die uns Unterstützung zusicherte. Doch da hatte ich noch mit einem herkömmlichen Feind gerechnet. Als ich das Stöhnen hörte, wusste ich es besser. Die Bewegungen und die Geräusche stammten von den Menschen, die ich für tot gehalten hatte. Bisher waren sie es auch definitiv gewesen. Aber das schien sich jetzt zu ändern. Direkt vor mir begann General Jama sich wieder zu bewegen. Der Schein meiner Waffenleuchte traf sein Gesicht. Etwas packte mit einer eiskalten Klaue nach mir, mein Herz begann zu rasen.

Die Augen des Generals waren immer noch die eines Toten, aber das hinderte seinen Körper nicht daran, wieder aufzustehen.

»Rückzug!« Meine Stimme gellte auf. Wir mussten schleunigst weg von hier. Instinktiv fand ich den Sicherungshebel meines Colt M4 und legte ihn um. Die Dinge hatten sich gerade entschieden geändert, hier und jetzt mussten wir unsere Ärsche retten. Dem merkwürdigen Armband an meinem Handgelenk schenkte ich jetzt keine Aufmerksamkeit mehr, dass konnte warten. Doch auch in diesem Punkt sollte ich mich täuschen.

 

 

5

Über Kampfeinsätze wurde in den Medien schon immer viel Unsinn veröffentlicht. Die Realität des Krieges und des Kämpfens sah aber anders aus. Ein Zivilist unterscheidet sich von einem Zivilisten auf ziemlich prägnante Weise. Soldaten sind vor allem dressierte und gut trainierte Zirkuspferde. Wie sich das anfühlt, wissen aber auch normale Bürger. Wer einmal am Stück dreihundert Meilen in seinem Wagen hinter sich gebracht hat, kann sich meistens an einen einzigen Schaltvorgang oder Bremsen erinnern. Wozu sollte das auch gut sein? Der entscheidende Faktor ist die Kultivierung bestimmter Verhaltensweisen und deren kontinuierliches Training. In jeder militärischen Ausbildung gehört deshalb auch Stress als fester Bestandteil zum Alltagsgeschäft, denn jeder Kampfeinsatz bedeutete brutalen Stress. Soldaten werden dazu trainiert und programmiert, ihre Aufgaben zu erfüllen.

»Wir kämpfen uns den Weg frei, den wir auch gekommen sind«, befahl ich. Dann taten wir, wozu wir ausgebildet worden waren. Umzingelt von Gegnern bildeten wir eine kreisförmige Formation und sicherten uns auf diese Weise gegenseitig.

Zuerst dachte ich, wir wären schnell genug, um heil aus der ganzen Situation wieder herauszukommen. Doch irgendwann endete unsere Glückssträhne. Lester würde links von mir angegriffen. Sein Gegner griff ihn mit bloßen Händen an, anscheinend wusste der Angreifer nichts mehr mit den reichlich vorhandenen Waffen anzufangen. Das war Glück für den Private.

Lester reagierte nach Lehrbuch. Wie ein guter Verteidiger beim Football schubst er den Angreifer eine gutes Stück von sich weg. Doch der Mann bekam deshalb keinen klaren Kopf. Irgendwas hatte ihn massiv am Kopf getroffen, seine linke Gesichtshälfte war nur noch eine blutige Masse. Wieder setzte er zu einem Angriff an.

Lester kam dem zuvor, verpasste dem Angreifer einen harten Schlag mit dem Gewehrkolben auf die Nase. Es knackte unangenehm und ein Schwall Blut schoss hervor. Dies war aber immer noch kein Argument, um friedlicher zu werden.

Mir reichte es jetzt, also hob ich den Lauf meines M4, zielte auf das Knie des Angreifers und drückte ab. Der Kerl stöhnte schmerzhaft auf, knickt auf der getroffenen Seite ein. Doch das war es dann auch schon. Irgendwie kam der Angreifer wieder auf die Beine und schien immer noch ziemlich wütend auf Lester zu sein.

Vor ein paar Wochen hatte ich eine Dokumentation über eine neue Droge gesehen, die ihre Konsumenten in schmerzunempfindliche Irre verwandelte. Aber konnte eine Substanz die Vitalwerte eines Menschen so radikal unterdrücken, dass sie uns anfangs wie Leichen vorgekommen waren? Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was sonst eine mögliche Erklärung für die Geschehnisse hätte sein konnte. Was war mit Jama und seinen Männern von der Miliz passiert und wie passten ihre Verletzungen ins Bild?

Einerlei, dieser seltsame Angriff kostete uns vor allem Zeit. Wir mussten hier weg, bevor sich der Rest der Meute auf uns stürzen konnte. Also hob ich erneut den Karabiner und schoss dem Angreifer auch in sein anderes Knie. Damit würde er uns wohl nicht mehr folgen können. Zumindest hoffte ich das!

Einige Sekunden später lief mir der Schweiß eiskalt den Rücken hinunter. Gehen oder stehen konnte der Kerl definitiv nicht mehr, aber nun robbte er dann gezwungenermaßen weiter in die Richtung von Lester. Glücklicherweise konnte er jetzt aber nicht mehr unser Tempo halten und würde deshalb zwangsläufig abreißen lassen müssen.

»Wenn ihr angegriffen werdet, zielt auf vitale Zentren. Alles andere könnte bei dieser Übermacht fatale Folgen haben«, funkte ich meine Männer an. Dann begann die Hölle.

Ich wurde gleich von zwei Gegnern angegriffen. Anders als der Kandidat vorhin waren sie leider relativ schnell unterwegs. Im silbrigen Mondlicht wirkten ihre Laufbewegungen steif und erinnerten irgendwie an Roboter aus alten Science Fiction-Filmen. Ich riss das M4 hoch und zielte auf den Brustkorb des ersten Angreifers. Dann schwenkte ich zum anderen Angreifer herum und gab erneut einen kurzen Feuerstoß ab.

Ich konnte es kaum glauben, aber die Wirkung der kapitalen Treffer war vergleichsweise gering. Die Milizionäre trugen keine Körperpanzerung und ich konnte ihre verheerenden Verletzungen sehen, aber sie stürmten weiter. Also musste ich zum letzten Mittel greifen. Ich feuerte zweimal. Es waren zwei Kopfschüsse, direkt in die Stirn. Die Angreifer waren ausgeschaltet. Sofort brachen die Männer wie Marionetten, denen man die Fäden durchgeschnitten hatte, zusammen.

Unsere Formation war gerade dabei auseinanderzubrechen. »Freigabe für tödliche Gewalt«, befahl ich meinen Männern. »Zielt vorrangig auf die Köpfe dieser Irren!« Instinktiv musste ich an meine Lieblingsserie denken. Dort war es zu einer Zombie-Apokalypse gekommen und eine Gruppe Überlebender kämpfte sich durch eine postapokalyptische Welt. So ähnlich kam ich mir hier gerade auch vor...

 

 

6

Dwayne Slade hatte bis zu diesem Zeitpunkt einen ruhigen Abend verbracht. Er war aus der Transportmaschine gesprungen, hatte einen angenehme Landung im Zielgebiet hingelegt und sich dann mit den vier Mitgliedern seiner Einheit um ihr Humvee gekümmert, dass ganz in der Nähe gelandet war. Das Geländefahrzeug hatte den Abwurf gut überstanden, sie hatten es nur losmachen müssen.

Nun lehnten die Fallschirmjäger an der Karosserie des Wagens und verfolgten den Funkverkehr. Bis vor einigen Minuten hatte es ausgesehen, als wäre das Operationsgebiet völlig menschenleer gewesen. Nun war aber eine Einheit Fernaufklärer so richtig in die die Bredouille geraten.

Slade verfolgte die Situation auf seinem Gefechtscomputer. Die Fallschirmjäger standen an der äußersten Flanke und sollten die anderen Einheiten unterstützen, wenn vereinzelte Feinde einen Ausbruchsversuch wagen sollten. Doch weit und breit gab es keine Kontakte. Die Fernspäher schienen hingegen mitten in ein Wespennest gestochen zu haben und einer Übermacht gegenüber zu stehen. So wie es der Sergeant einschätzte, würde die Sache kaum ein gutes Ende nehmen. Luftunterstützung war momentan undenkbar, denn die Einheiten waren über dem zentralen Stützpunkt der Miliz im Einsatz.

»Du kannst mal wieder nicht die Füße stillhalten, oder Sarge?«, wollte Biloxi wissen.

Slade nickte. »Vor allem will ich nicht tatenlos rumstehen, während einige unserer Jungs dringend Hilfe gebrauchen könnten.«

Slade schaltete den Computer in den Standbye-Modus. Wenn sie mit dem Humvee über den Hügel abkürzten, wären es nur wenige Kilometer bis zu den Fernaufklärern.

»Zentrale, hier Delta Grey Leader.«

Es dauerte etwas, dann hörte Slade die Stimme eines Operators. »Ja, Delta Grey Leader?«

Wie immer war es eine Frage der Form, der muskulöse Sergeant musste seine nächsten Worte mit Bedacht wählen. »Bitte um Erlaubnis, die Fernaufklärer im Bereich der Probebohrungen zu unterstützen. Wenn wir über den Hügel fahren, sind wir schnell dort.«

Stille trat ein, Sekunden verrannen qualvoll. Slade konnte sich gut vorstellen, wie der Operator zuerst selbst die aktuellen Aufklärungsdaten der Drohnen checkte und dann mit seinem Vorgesetzten sprach. Für gewöhnlich war es kein gutes Zeichen, wenn eine Anfrage lange unbeantwortet blieb.

»Erlaubnis erteilt, Delta Grey Leader. Begeben Sie sich zu den gerade auf Ihrem Gefechts-Computer eingehenden Koordinaten. Besetzen Sie das Geschütz des Humvees. Die Fernaufklärer werden von einer ziemlich großen Meute verfolgt.«

Mit einem tiefen Brummen erwachte der Motor des Humvees zum Leben. Dwayne Slade gab Gas. Der Turbolader pfiff und beschleunigte den schweren Wagen und sie rasten durch die somalische Nacht.

 

 

7

Wenn wir schweres Gepäck auf den Schultern gehabt hätten, hätten wir es zurücklassen müssen. Wie durch ein Wunder war keinem meiner Männer etwas zugestoßen. Niemand hatte auch nur einen einzigen Kratzer davongetragen.

Meine Männer und ich hatten es tatsächlich aus dem Hexenkessel herausgeschafft. In Sicherheit waren wir deshalb aber immer noch nicht, ganz im Gegenteil. Unser Feind blieb uns dicht auf den Fersen, aber wir waren schneller. Lange konnten wir dieses Tempo aber nicht beibehalten, zumal unsere Kameraden im zentralen Einsatzgebiet noch einige Meilen weg waren. Außerdem wussten wir auch gar nicht, was uns dort erwartete.

Im Laufen sah ich immer zurück nach hinten, sah die zuckenden Leiber unserer Verfolger. Waren das überhaupt noch Menschen, oder schon etwas völlig anderes? Insgesamt kamen sie mir nicht mehr wie individuelle Personen, sondern wie ein einziges großes Lebewesen vor. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Außerdem kam ich nicht umhin, etwas anderes zuzugeben. Diese Typen kamen langsam aber sicher näher, verringerten den Abstand zu uns. Es war nicht dramatisch, aber gefühlt näherten sie sich mit jeder Sekunde einige Zentimeter. Hinzu kam, dass ich langsam immer heftiger pumpen musste. Meine Lunge begann bereits wehzutun, es sah also alles andere als gut für uns aus.

Da sah ich am Rande meines Blickfelds Scheinwerfer auftauchen. Lexington lief neben mir und hatte es ebenfalls bemerkt. »Hoffentlich Verstärkung«, zischte er.

Der Fahrer des Fahrzeugs nahm seinen Wagen hart ran. Schon aus dieser Entfernung hörte ich das hochtourige Röhren des Motors, dann prügelte der Fahrer den Wagen über eine steile Bodenwelle. Der Geländewagen machte einen Satz und hob kurz ab, um dann wieder krachend auf allen vier Reifen zu landen.

Endlich erkannte ich, um was für einen Wagen es sich handelte. Es war ein Humvee. Lexington hatte glücklicherweise Recht behalten. Das waren definitiv unsere Jungs!

Das Geschütz am Dach des Fahrzeugs brüllte auf und gab einige Feuerstöße über die Köpfe unserer Verfolger ab. Doch das blieb völlig ergebnislos, entweder verstanden diese Kerle die Warnung nicht, oder sie war ihnen auch völlig egal.

Meine Lungen brannten jetzt. Mir lief die Zeit weg, irgendetwas musste jetzt passieren, sonst war ich geliefert.

»Stehenbleiben! Die nächsten Schüsse sind keine Warnschüsse mehr. Bleiben Sie sofort stehen!« Erneut bellte zur Bekräftigung das Geschütz des Humvees auf, doch die Verfolger zuckten noch nicht einmal.

Was jetzt passieren würde, war mir klar. Ich freute mich keinesfalls darauf, aber dem Fahrer des Humvees blieb wohl keine andere Option mehr.

Wieder donnerte das Geschütz des Humvees auf. Dieses Mal waren es gezielte Feuerstöße und sie hieben brutal in die Menschenmenge unserer unfreiwilligen Fans hinter uns.

Der Vormarsch unserer Verfolger geriet dadurch mächtig durcheinander und verlangsamte sich deshalb deutlich. Wir machten wieder Boden gut, während der Bordschütze des Humvees ein echtes Massaker unter den Irren anrichtete. Ich musste an General Plissken denken, diese Entwicklung hier war sicher alles andere als nach seinem Geschmack. Aber wie sollte man mit einem beratungsresistenten und zudem auch noch scheinbar völlig schmerzunempfindlichen Feind umgehen?

Ich hob den Arm und stoppte meine Einheit damit. Im fahlen Mondlicht konnten wir sehen, dass von unserem Feind niemand mehr auf den Beinen war. Ähnlich wie bei Lester versuchten einige Schwerverletzte immer noch robbend weiter zu kommen. Damit war die Gefahr für uns aber vorerst ausgestanden.

Der Fahrer des Humvees sah das wohl genauso, denn er beschleunigte den Wagen und steuerte in unsere Richtung.

»Wer von Ihnen ist Lieutenant Rex Gorman?«, fragte der Fahrer beim Aussteigen.

Ich nickte und trat auf ihn zu. Es war ein wahrer Gigant von Mann, der deutlich sichtbar an der zwei Meter Marke kratzte. Auf seinem Gesicht lag ein freundliches Lächeln. »Ich bin Sergeant Dwayne Slater«, er reichte mir seine Pranke. Als ich sie ergriff, hatte ich das Gefühl, sie in einen Schraubstock gesteckt zu haben. »Sieht so aus, als hätten wir Ihnen so richtig den Arsch gerettet!«

»Sie haben verdammt recht und ich hätte es nicht schöner ausdrücken können«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Irritiert sah ich auf mein rechtes Handgelenk. Es fühlte sich plötzlich so an, als wäre der Armreif deutlich kälter geworden.

In diesem Moment raste etwas Großes dicht über unsere Köpfe hinweg. Ich zuckte zusammen und spürte die Druckwelle, auch das Humvee wurde durchgeschüttelt.

»Was zur Hölle war das?«, entführt es Slade.

Das hätte ich auch gerne gewusst, aber zuerst musste ich Meldung machen. »Zentrale, hier Alpha Blue Leader. Wir hatten hier gerade einen Überflug von einem unidentifizierten Flugobjekts in Richtung des zentralen Einsatzgebiets. Keine Positionsleuchten und es war völlig lautlos!«

»Hier Zentrale, Alpha Blue Leader. Ist das ihr ernst?«

Ja, das war mein verfluchter Ernst. Aber ich kam nicht zum Antworten, denn über dem zentralen Einsatzgebiet kam es jetzt zu zahlreichen Explosionen.

»Shit, sind das unsere Jets?«, fluchte Slade.

Ich nickte. »Das waren zumindest einige von ihnen!«

 

 

8

Im Funk brach jetzt das Chaos aus. Zahlreiche Kommandanten gaben Statusberichte darüber ab, was dort gerade passierte. Es schien, als würden unsere Einheiten gerade wirklich überall angegriffen.

Da spürte ich wieder etwas. Der seltsame Armreif an meinem rechten Handgelenk wurde erneut kalt. Instinktiv zog ich den Kopf etwas ein und sah nach oben. Keine Sekunde zu früh.

Erneut raste etwas über uns hinweg, aber dieses Mal war ich vorgewarnt gewesen. Das Ding hatte zwar keine Positionslichter, aber ich nahm es als schwarzes, nahezu völlig symmetrisches Dreieck wahr.

Dann war es verschwunden. Ich blickte nervös auf meinen Gefechts-Computer. Es kamen so schnell Updates herein, dass sich das Bild permanent neu aktualisierte. Die Situation schien außer Kontrolle zu geraten.

»Was machen Sie jetzt, Sergeant?«, wollte ich von Slade wissen.

Der Hüne mit dem kahlgeschorenen Schädel zuckte mit den Schultern. »Wir werden mit dem Humvee wieder unsere...«, weiter kam Slade nicht.

Mein Armreif begann zu pulsierend und ich spürte einen deutlichen Windhauch. Dann flammten neben uns grelle Scheinwerfer auf. Zumindest hielt ich das gnadenlos weiße Licht dafür. Das Ding von gerade eben war zurückgekommen, wir waren entdeckt worden!

Der Blick von Slade kreuzte meinen. Wir wussten beide, dass wir schnellstens hier weg mussten. Im Humvee gab es keinen Platz für uns. Also mussten wir zusehen, wie wir aus der Situation herauskamen. Weg so schnell es ging!

Ich warf mich herum und sprintete los. Gleichzeitig hörte ich ein Sirren. Es musste von diesem dreieckigen Flugobjekt stammen und verhieß sicherlich nichts Gutes. Und so war es auch. Ein hochfrequentes Kreischen erklang in rascher Abfolge, denn zischte irgendetwas durch die Luft. Jemand würde getroffen und schrie wie am Spieß, doch das Kreischen hörte nicht auf. Das Schreien stoppte aber auch nicht, ganz im Gegenteil. Es formierte sich jetzt sogar ein mehrstimmiger Chor aus Todesschreien.

Meine Füße hämmerten über den Boden. Ich musste weg von hier, wenn ich nicht sterben wollte. Aber ich gab nicht auf, ganz im Gegenteil. Ich brauchte eine Deckung, dann würde ich den Angriff aufnehmen.

Da hörte ich ein mir bekanntes Zischen. Jemand hatte eine Panzerabwehrrakete abgefeuert. Mitten im Lauf sah ich mich um und sah Lexington im flackernden Schein der startenden Rakete. Der Sergeant kniete auf dem Boden, wollte gerade Fersengeld geben. Da wurde sein Körper von irgendetwas getroffen und fiel in zwei Teilen zusammen. Mit was für Waffen bekamen wir es hier gerade zu tun?

Kaum zwei Sekunden später detonierte die Rakete an dem dreieckigen Flugobjekt. Augenblicklich knisterte es lautstark und eine bläulich Kugel rund um das Schiff herum wurde sichtbar. Eine Art Schutzschirm? Ich wusste es nicht. Fakt war jedoch, dass keine Beschädigung an diesem Ding zu erkennen war.

Da bemerkte ich neben mir eine weitere Person. Der Soldat hatte mich ebenfalls erst jetzt gesehen. Es war Lester!

In diesem Moment hörte ich das Röhren des Diesels. Wie aus dem Nichts tauchte das Humvee mit ausgeschalteten Scheinwerfern neben mir auf. Der Fahrer stieß von innen die Tür auf. »Kommen Sie rein, wir müssen weg von hier«, schrie Slade uns zu. Wer wäre ich, wenn ich dieses verführerische Angebot ausgeschlagen hätte?

 

 

9

Slade prügelte das Humvee über die steinige Piste. In meinem Leben hatte ich noch nie jemanden auf diese Weise mit dem schwerfälligen Fahrzeugtyp umgehen sehen. Die Fahrweise des Sergeants erinnerte mich irgendwie eher an die Formel 1, oder die Indy Car-Serie.

»Wo lernt man so Auto fahren?«, rief ich Slade zu.

»Im Stockcar von meinem Dad«, antwortete der Fahrer grinsend. Im Licht der Instrumentenbeleuchtung erkannte ich, dass einer seiner Vorfahren wohl aus Polynesien stammte. Ich nahm mir vor, Slade mal bei einem Bier darauf anzusprechen. Dazu müssten wir diese Episode hier nur noch überstehen. Die Betonung lag jedoch auf nur...

»Die sind direkt hinter uns«, rief Leser vom Geschützturm herunter und schwenkte das Geschütz herum. Augenblicke später donnerte das Geschütz los.

Ich sah aus dem Heckfenster und erschauerte. Lester hatte nicht die Unwahrheit gesagt. Das Ding war wirklich direkt hinter uns. Aber da war noch etwas anderes. Irgendwie schien das Flugzeug über einen aktiven Tarnmechanismus zu verfügen, denn seine Kanten wurden immer wieder unscharf, verschwanden fast. Noch nie zuvor hatte ich eine solche Technik gesehen. Wo kamen diese Jets plötzlich her und wer baute so etwas?

Kurz bevor ich mich wieder nach vorne Slade umdrehte, sah ich das Gleißen an der Spitze des Dreiecks. Mit offenem Mund beobachtete ich, wie sich etwas vom Jet löste und auf uns zu raste.

Innerhalb kürzester Zeit wurden wir getroffen. Die kinetische Energie reichte aus, um den Humvee durch die Luft zu wirbeln. Mein Kopf krachte gegen etwas. Blackout!

 

*

 

Stöhnend öffnete ich die Augen. Das Humvee lag auf der rechten Seite. Vom Fluchen und Stöhnen ausgehend, lebten sowohl Slade als auch Laster noch. Das war die positive Nachricht.

Als ich nach hinten sah, zuckte ich zusammen. Das dreieckige Flugzeug war hinter uns gelandet. Anscheinend verfügte es über Vertikalflugeigenschaften wie ein Senkrechtstarter. Der Tarnmechanismus war abgeschaltet, so dass ich das Schiff besser sehen konnte. Es war tatsächlich nachtschwarz und glich keinem Flugzeug, das ich jemals gesehen hatte. Doch das war nicht das eigentlich Erwähnenswerte. Aus dem Ding war nämlich jemand, oder besser etwas ausgestiegen und glitt jetzt auf zahlreichen Beinen auf uns zu. Die Kreatur besaß zwar grob eine humanoide Form, aber es glich eher einem gänzlich anderen Lebewesen. Was ich sah, erinnerte mich an einen mutierten Tausendfüßler in der Größe eines ausgewachsenen Menschen!

 

 

10

Der Armreifen an meinem rechten Handgelenk schien explodieren zu wollen. Impulsartig kühlte sich das Ding deutlich ab, erwärmte sich wieder leicht und kühlte dann wieder drastisch ab. Zusätzlich schien das Schmuckstück auch einen matten Schimmer abzustrahlen. Reagierte das Ding etwa auf die Kreatur, die auf unser Fahrzeug zukam?

Gehetzt blickte ich mich um. Ich saß ziemlich in der Falle, denn der Geländewagen lag auf der rechten Seite. Damit war auch meine Tür blockiert. Slade hing in seinem Gurt, hatte aber bereits sein Kampfmesser gezogen, um sich zu befreien. Wenn der muskulöse Sergeant frei war, würde er wahrscheinlich direkt auf mich stürzen. Also begann auch ich an meinem Gurt herum zu nesteln. Endlich bekam ich ihn auf und stieß mich von meinem Sitz weg. Fast gleichzeitig hörte ich ein reißendes Geräusch, als Slade den Gurt durchtrennt hatte. Der Sergeant landete genau dort, wo ich eben noch gesessen hatte.

Von unserem Kameraden Lester bekam ich nichts mit, außer dass er hektisch mit irgendetwas beschäftigt war. Vermutlich versuchte auch er sich hektisch zu befreien.

»Ach du Scheiße«, entfuhr es Slade und zog seine Pistole aus dem Halfter.

Der Tausendfüßler war jetzt fast bei uns, trat nach links aus meinem Sichtbereich heraus. »Lester! Pass auf, du bekommst Besuch!«

»Ihr müsst mir helfen, Jungs. Ich hänge am Turm fest und komme nicht an meine Waffe heran und die Hydraulik des Geschützes ist ausgefallen. Dieses Monster kommt direkt auf mich zu!«

«Die Heckklappe«, presste Slade hervor und quetschte sich zwischen den Sitzen nach hinten durch.

Ich fand die Idee gut und folgte dem Sergeant. In einem auf der Seite liegenden Fahrzeug klarzukommen, war gar nicht mal so einfach. Aber Slade machte einen verdammt guten Job und kaum eine halbe Minute später drückte er die Heckklappe auf. Frische Luft schlug uns entgegen und ich atmete tief durch.

Endlich hatten wir es geschafft und traten ins Freie. Gleichzeitig fing Lester an zu schreien. Blitzschnell umrundeten Slade und ich das Heck des Fahrzeugs. Der Anblick war grausig und traf uns wie ein Vorschlaghammer.

Aus der Rechten des Hybridwesens aus Insekt und Mensch ragte jetzt eine schwertartige Verlängerung hervor. Ob es sich wirklich um eine Waffe oder eine Klaue handelte, vermochte ich nicht zu sagen. Jedenfalls schlug das Monstrum damit gnadenlos auf Lester ein.

Ich fluchte. Mein M4 hatte ich in nach dem Unfall irgendwo im Wagen liegen lassen. Blieb mir nur meine Seitenwaffe. Fast zeitgleich feuerte ich zusammen mit Slade auf den Tausendfüßler. Wir trafen, aber unsere Kugeln spritzten von der Gestalt ab, als würde sie aus massivem Stahl bestehen.

Das Ding ließ sich von seinem widerlichen Treiben aber gar nicht abbringen. Im silbrigen Mondlicht holte es mit seinem Schlagwerkzeug aus und ließ es zischend auf Lester niederfahren.

Mit einem Mal musste ich an die Verletzungen von General Jama und seinen Männern denken. Die Miliz hatte also ebenfalls Kontakt mit diesem Monster gehabt. Aber was war dann passiert?

Als wenn dies das Stichwort gewesen war, öffnete das Vieh sein Maul und übergab sich über den nun vor Schmerzen nur noch wimmernden Lester. Es wollte ihn scheinbar in genau so einen Zombie verwandeln, wie die Leute von der Miliz. Ohne nachzudenken schoss ich, aber mein Ziel war dieses Mal nicht der mutierte Tausendfüßler. Mein Ziel war Lester, ich schuldete es meinem Kameraden einfach. Kein Mensch auf dieser Welt konnte ihm jetzt noch helfen, aber ich wollte ihm wenigstens ein Schicksal als willenloser Zombie ersparen. Der Blick von Slade traf mich. Zuerst dachte ich, er würde mich für diese Tat tadeln, doch das war nicht der Fall. Mit ernstem Gesichtsausdruck nickte er mir stumm zu.

Fauchend und zischend drehte sich der Tausendfüßler zu uns herum, deutete mit dem schwertähnlichen Fortsatz seiner Klaue auf uns. Nun waren wir die Nächsten, denn wir hatten ihn um seine Brutstätte gebracht.

»Ob er lebende Wirte für seine Brut braucht?«, fragte Slade genau das, was auch mir durch den Kopf ging.

Dann griff uns das Hybridwesen an. Dies geschah aber auf völlig andere Art, als ich und wahrscheinlich auch Slade sich das gedacht hatten. Anstelle sich auf uns zu stürzen, verharrte der widerliche Tausendfüßler an Ort und Stelle. Seine Facettenaugen musterten uns höhnisch glitzernd. Es war, als würde diese Kreatur mit unsichtbaren Fühlern nach meinem Geist tasten. Ich wollte mich gegen diesen Zugriff wehren, doch vergeblich. Da spürte ich die Reaktion meines Reifens. Es kribbelte auf meiner Haut, dann entstand um mich und Slade eine Art energetischer Kokon aus gelben Lichtstrahlen. Sofort war das Gefühl des Griffs nach meinem Bewusstsein verschwunden. Was zur Hölle passierte hier eigentlich?

Der Blick des Tausendfüßlers schien förmlich vor Wut aufzublitzen. Ich fühlte förmlich die Energie, die uns von dem Hybriden entgegenbrandete. Wieder reagierte mein Armreif, erneut anders als erwartet. Um mich herum wurde es schwarz und ich verlor das Bewusstsein.

 

*

 

Schnell hintereinander durchschnitten Laserpointer die Nacht und hefteten sich auf den Tausendfüßler. Hochfrequentes Knistern war zu hören und Strahlen zuckten durch die Nacht, dann war Ruhe. Aber nur kurz.

»Zielperson erledigt. Zugriff!« Die Stimme wurde vom Wind durch die Nacht geweht.

Das Monstrum existierte nicht mehr. Anstelle dessen war nur noch dampfende Biomasse zurückgeblieben. Der Tausendfüßler war von den Strahlenwaffen verdampft worden.

»Sir, zwei Überlebende. Ein infizierter Leichnam«, meldete ein Soldat seinem Offizier.

Der Oberst mit dem grauen Schnauzbart nickte. «Wir müssen sichergehen, Hawkins. Das letzte Mal hat man uns ziemlich reingelegt. Ich will einen vollständigen medizinischen Check der beiden Herren. Und zwar unter Isolationsbedingungen.«

 

 

11

Irgendwann wich die undurchdringliche Schwärze um mich herum einem diffusen Zwielicht. Sofort wusste ich aber, dass dies nicht die Wirklichkeit war. Ich träumte. Aber war das wirklich die Wahrheit? Oder war dieser Zustand nicht doch anderer Natur? Lag ich etwa im Koma?

So merkwürdig es war, ich erinnerte mich an jede einzelne Sekunde kurz vor meinem Blackout. Diese widerliche Fratze des Tausendfüßlers, blanke Mordlust hatte aus seinen Augen gesprochen. Er wollte Slade und mich ausschalten, koste es, was es wolle. Hatte dieses Ding Erfolg gehabt und war ich bereits zu einem seiner hirnlosen Zombies geworden?

Ich dachte an die Momente vor der Bewusstlosigkeit. Mein Armreif hatte irgendetwas getan, um mich und anscheinend auch Slade vor dem mentalen Angriff dieses verfluchten Hybriden aus Mensch und Insekt zu schützen. Dann waren die Lichter ausgegangen. Warum? Immer wieder hämmerte diese Frage durch meinen Geist und mein Verstand biss sich daran fest, wie an einer Endlosschleife.

 

*

 

Ich schlug die Augen auf. Fast schmerzhafte Helligkeit umgab mich. Instinktiv presste ich die Augen wieder zusammen. Doch das Licht flutete weiterhin auch durch meine geschlossenen Augenlider.

Plötzlich war da ein Schatten über mir. Ich zuckte instinktiv zusammen und musste an das Hybridwesen denken.

Aber dann erklang eine tiefe, kratzige Stimme. »Ich dimme das Licht etwas, entspannen Sie sich etwas, Lieutenant.«

Irritiert öffnete ich wieder die Augen, denn die Intensität des Lichts hatte tatsächlich nachgelassen.

Ich lag in einem Bett das verflucht nach Krankenhaus aussah. Daneben stand ein Mann mittleren Alters in einem betont unauffälligen grauen Anzug. Sein Haar hatte fast den gleichen Ton wie der Anzug, der sich auch irgendwie in seinem Gesicht zeigte. Der Kerl hatte in seinem Leben zweifellos viel mitgemacht.

An seinem Revers hing ein Sicherheitsausweis. Ich war also in keinem gewöhnlichen Krankenhaus. »Klären Sie mich bitte auf. Wo bin ich und wer sind Sie?«

Ein schmallippiges Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes mit dem ungesunden Teint. Ich sah in seine Augen und bemerkte dort eine tiefe Traurigkeit, der auch das flüchtige Lächeln nichts anhaben konnte. Er nickte kurz, ehe er antwortete.

»Sie befinden sich auf der medizinischen Abteilung der Ramstein Air Base in Deutschland. Sie leiden unter den Folgen eines akuten Schocks.« Den anderen Teil meiner Frage blieb er mir schuldig. Ich nahm mir vor, ihn später erneut nach seinem Namen zu fragen.

»Deutschland ist ziemlich weit weg von Afrika«, gab ich zurück.

Der Grauhaarige zog seine linke Augenbraue hoch. »Sie waren niemals in Afrika. Auch nicht im Rahmen der Operation Sundowner.« Er sah mich mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an.

So langsam wurde mir klar, in welche Richtung sich das Gespräch entwickeln würde. Dennoch brannten mir noch zwei weitere Fragen auf der Seele, auf die ich unbedingt Antworten haben wollte. Und zwar jetzt gleich!

»Wo ist Slade?«

Mein Gesprächspartner sah mich eine Weile ausdruckslos an. Ich befürchtete schon, dass er sich auch hier nicht wirklich auskunftsfreudig zeigen würde. Doch ich täuschte mich.

»Er liegt ein Zimmer weiter. Ihm geht es ähnlich wie Ihnen.«

Ich nickte. Das war die erste Frage gewesen. »Was ist das hier für ein Ding?« Ich hob meinen rechten Arm und hielt den Armreif in die Höhe.

Nun passierte etwas, was ich in einem Krankenzimmer am wenigsten erwartet hätte. Der Grauhaarige setzte sich auf einen der Stühle neben meinem Bett, kramte eine Packung Zigaretten hervor und machte sich in aller Ruhe eine Kippe an. Dabei starrte er vor sich, so als wenn es mich und meine Frage gar nicht gegeben hätte. Ich akzeptierte das und ließ ihn schmökern.

»Das Ding stammt von einer humanoiden Hochkultur, die diesen Planeten schon lange vor dem Menschen bewohnt hat.« Er sah mich unverwandt an, so als wolle er überprüfen, ob ich grinsen würde. Das tat ich nicht, denn was ich da in Somalia gesehen hatte, hätte ich vor einigen Tagen noch für einen Scherz gehalten. Aber jetzt war mir definitiv nicht zum Lachen zumute.

»Wir haben schon mehrere dieser Dinger gefunden. Sieht so aus, als wären General Jama und seine Männer bei den Ausgrabungen auf Dinge gestoßen, die sie besser nicht angefasst hätten.« Er schüttelte sachte den Kopf. »Grundsätzlich scheint es sich um hochentwickelte Schutz- und Ortungsausrüstung zu handeln. Wie diese Dinger genau funktionieren, haben wir jedoch noch nicht herausfinden können.«

»Was kann man denn damit orten?«, wollte ich wissen.

Der Grauhaarige zog lange an seiner Zigarette und sah mich dabei an. »Außerirdische, Lieutenant Gorman!«

So seltsam es sich auch anfühlte, ich konnte diese verrückte Erklärung in diesem Moment akzeptieren. Aber meine Begegnung mit dieser widerlichen Kreatur lag auch noch nicht lange zurück.

»Verraten Sie mir denn, wie ich das Ding wieder loswerden kann?«

Der Kerl schmunzelte. »Genau das ist das Problem. Diese Armbänder suchen sich ihren Träger aufgrund unbekannter Parameter aus und verlassen ihn so schnell nicht mehr. Sie scheinen über eine wie auch immer ausgeprägte Intelligenz zu verfügen. Bisher konnten unsere Techniker den Verschluss der Bänder nicht knacken.« Der Grauhaarige hob die Schultern. »Wenn Sie unbedingt darauf bestehen, könnte man ihnen natürlich den Arm mit einer Machete abhacken.«

Dann stand er auf und nickte mir zu. »Ich gehe mir gerade nur mal etwas die Beine vertreten, Gorman.«

Ohne eine Antwort von mir abzuwarten, verließ er das Krankenzimmer und kam nie wieder zurück. Ich wusste noch nicht einmal seinen Namen, er hatte ihn mir nicht verraten.

 

 

12

Gut eine Woche später

Das Pentagon war schon eine Welt für sich. Slade war genauso oft hier gewesen wie ich, nämlich exakt gar kein Mal. Beim ersten Mal war dann auch keine Führung für Touristen der Grund unseres Kommens, sondern ein Termin bei der Defense Intelligence Agency, kurz DIA. Dabei handelte es sich um den Militärischen Nachrichtendienst unseres Landes. Was man aber ausgerechnet von uns beiden wollte, konnten sich weder Slade, noch ich so recht erklären. Alleine hatten wir es bis zur Wartezone vor den Sicherheitsschleusen geschafft. Nun saßen wir auf bequemen Stühlen und warteten darauf, dass uns jemand abholte.

»Das ist garantiert wegen der Sache in Somalia«, sagte ich leise zu Slade. Aber ich machte mir keine Illusionen. Was wir hier zueinander sagten, wurde garantiert mitgeschnitten – egal wie leise wir es auch sagten.

Slade sah mich an und seine dunklen Augen signalisierten Zustimmung. Die letzten sieben Tage waren wir nicht mehr im aktiven Dienst gewesen, sondern waren von Ramstein nach Berlin und dann zurück nach Washington gebracht worden. Im Grunde war es wie ein Urlaub auf Staatskosten gewesen. Man hatte uns lediglich einen Maulkorb für unsere letzte Mission erteilt. Ansonsten durften wir uns frei bewegen und auch mit Freunden und Verwandten telefonieren. Wir durften nur niemandem gegenüber Operation Sundowner erwähnen. Ich vermutete, dass dies seine guten Gründe hatte.

Endlich öffnete sich die Sicherheitsschleuse und ein untersetzter Offizier der Navy trat heraus. Als er uns gesehen hatte, nickte er uns zu und kam in unsere Richtung.

»Ich hatte eher mit einer Sekretärin gerechnet«, flüsterte ich.

»War mir klar«, gab Slade grinsend zurück.

Der Offizier erreichte uns. Wir standen beide auf, um zu salutieren. Der Konteradmiral grüßte lässig zurück. »Ich bin Konteradmiral J. T. Sayers. Folgen Sie mir bitte.«

 

*

 

Minuten später saßen wir im fünften Direktorat der Defense Intelligence Agency. Konteradmiral Sayers war der Leiter dieser Abteilung. Sein Büro war verdammt großzügig und so wie die Dekoration aussah, dachte er immer noch wehmütig an die Zeit zurück, in der er noch selbst zur See gefahren war. Der Offizier saß hinter einem wuchtigen Schreibtisch der verdammt nach Antiquität aussah. Poliertes Rosenholz, wenn ich mich nicht täuschte.

»Gentlemen, Sie haben in Afrika mehr gesehen, als Sie hätten sehen sollen.« Er deutete mit einem Kopfnicken auf das Armband an meinem rechten Handgelenk. »Außerdem haben Sie ja auch ein interessantes Souvenir mitgebracht.«

Ich nickte, aber eine Sache brannte mir noch auf den Nägeln. »Was ist mit unseren Kameraden passiert?«

»Eigentlich darf ich es Ihnen nicht sagen, Lieutenant. Aber ich mache es trotzdem, sozusagen als Vertrauensvorschuss.« Sayers spielte mit seinem Stift. »Gut fünfzig Mann haben das Desaster überlebt. Die überwiegende Mehrheit unserer Leute befindet sich in psychiatrischer Behandlung, während wir sämtliche Jets verloren haben.« Der Konteradmiral hob den Blick und sah Slade und mich fest an. »Und genau deshalb sitzen Sie jetzt hier.«

Ich tauschte einen irritierten Blick mit Slade aus, schwieg aber. Sayers würde mit seinen Ausführungen fortfahren, da war ich mir sicher.

»Sie haben beide bemerkenswerte Leistungen in Somalia abgeliefert. Dabei hatten Sie direkten Feindkontakt und haben dennoch nicht den Verstand verloren. Außerdem macht Sie ihre bisherige berufliche Laufbahn sehr interessant für das Direktorat 5.«

»Sie wollen uns einen Job anbieten?«, fragte Slade ungläubig.

Der Offizier der Navy nickte lächelnd. »Wir brauchen dringend Männer mit mentaler Stärke und Kampferfahrung. Sie verfügen über beide Fähigkeiten. Bei der DIA können Sie ihrem Land einen großen Dienst erweisen. Auf diese Weise können Sie auch mit dazu beitragen, dass sich Katastrophen wie Sundowner nicht mehr wiederholen.«

Ich hob das rechte Handgelenk höher. Sofort rutschte meine Uniformjacke ein Stück herunter und das Armband kam zum Vorschein. »Ihr Angebot hat aber auch hiermit zu tun?«

»Sie scheinen einen, in gewisser Weise, sehr interessanten DNS-Code zu besitzen. Diese Armbänder wählen bewusst ihren Träger aus. Sie scheinen dabei einen Scan unseres genetischen Codes vorzunehmen. So wie es aussieht, scheinen bestimmte Sequenzen ihrer DNS aktiv zu sein, die beim Durchschnittsmenschen deaktiviert sind.« Der Offizier grinste. »Sie sind also wirklich etwas ganz Besonderes!«

Das Angebot lag immer noch unbeantwortet in der Luft des Büros. In mir war schon eine gewisse Neugierde. Durch Gespräche mit Dwayne wusste ich, dass es ihm nicht anders ging. Aber da war auch die Angst vor dem unglaublich Fremden, wie zum Beispiel überlebensgroßen Tausendfüßlern.

Dennoch nickte ich. Slade schloss sich mir an. »So langsam wird es Zeit für eine neue Herausforderung. Ich bin dabei!«

Ein zufriedener Gesichtsausdruck erschien auf dem Gesicht des Leiters des fünften Direktorats. »Dann darf ich Sie nun ganz offiziell beim BXA, dem Bureau of Extraterrestrial Affairs begrüßen. Dies ist eine absolut interne Bezeichnung dieses Direktorats, aber sie ist überaus zutreffend. Sie beide betreten nun eine Welt, die weit jenseits Ihre Vorstellungskraft liegt!«


 

ENDE

 

 

 

 

2. Stefan Hensch: DIE STUNDE DER NEOPHYTEN

 

 

 

1

Die Lagerhalle im Industriegebiet von Baltimore gehörte angeblich einer Spedition, zumindest laut der Beschriftung. Doch in Wirklichkeit war sie im Besitz des Bureau of Extraterrestrial Affairs, einer geheimen Abteilung des Pentagon Nachrichtendienstes.

Die Halle war eine der Trainingseinrichtungen, die den Feldagenten zur Verfügung standen. Von innen war sie massiv gedämmt worden, so dass auch mit automatischen Waffen geschossen werden konnte – ohne dass die Nachbarn gleich ein SWAT-Team riefen.

Heute war aber kein Training angesagt, sondern mein neuer Partner Dwayne Slade und ich mussten einen Test absolvieren. Slade war, genau wie ich, bis vor kurzem Soldat gewesen. Er mochte an die zwei Meter groß sein und wog sicherlich über einhundert Kilogramm. Dieses stattliche Gewicht bestand aber augenscheinlich nur aus beeindruckenden Muskelpaketen. Dwayne war fit, sogar verdammt fit. Hoffentlich würde ich bei dem Test mit ihm mithalten können.

Im Inneren des Lagerhauses waren mehrere Holzhäuser aufgebaut, die für unterschiedliche Trainings genutzt werden konnten. Unser Job heute war die Erstürmung des größten Gebäudes, während wir dabei gefilmt wurden.

Slade und ich waren so bereit, wie man es nur sein konnte. Wir trugen beide taktische Kampfanzüge und waren mit Glocks ausgerüstet. Jetzt konnte die Show eigentlich losgehen.

Der Verantwortliche des BXA hieß Captain Hartman. Er war ein altgedienter Haudegen, der noch an Operation Desert Storm teilgenommen hatte. Heute war er einige Jährchen älter und mindestens ebenso viele Kilos schwerer, hatte aber das Herzen am richtigen Fleck. Er trat auf uns zu und grinste. »Dann zeigt uns mal, wie zwei Jungs von den Special Forces ein solches Gebäude stürmen!«

Das ließen sich Dwayne und ich nicht zweimal sagen. Gelassen traten wir auf den geschlossenen Eingang des Gebäudes zu. Ich blickte zuerst zur Tür und sah dann fragend meinen Partner an.

»Alter vor Schönheit«, antwortete der Glatzkopf grinsend.

Ich atmete tief ein und aus. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass man Türen besser nicht eintrat, zumindest keine halbwegs massiven. Die Gefahr von Verletzungen war dabei viel zu groß. Anstelle dessen warf ich lieber mein ganzes Körpergewicht in die Waagschale, respektive gegen die Tür.

Es knirschte vernehmlich, aber die Tür hielt. Also nahm ich erneut etwas Anlauf und warf mich wieder mit meiner Schulter gegen die Tür. Das Ergebnis war ähnlich unbefriedigend. Das würde wahrscheinlich auch so bleiben, denn die Tür wollte einfach nicht nachgeben. Aber wozu hatte ich die Glock?

Ich richtete die Waffe auf die Höhe des Türschlosses und zog zweimal den Stecher durch. Die Pistole bellte in meinen Händen auf und bockte. Den Rest erledigte ich mit einem kräftigen Tritt gegen das Schloss.

Der Klügere gab immer noch nach, auch wenn er aus massivem Holz bestand. Krachend schlug die Tür nach innen.

Kaum war die Tür offen, ging die Action auch schon so richtig los. Hinter Schränken und anderem Mobiliar klappten Zielscheiben in die Höhe. Die meisten von ihnen zeigten Bewaffnete, auf anderen Schildern waren aber auch Unschuldige zu sehen.

Dwayne und ich verließen uns auf unsere jahrelang geschulten Reflexe, drangen in das Haus ein und produzierten mit unseren Schüssen jede Menge tote Pappkameraden.

»Eingangsbereich sauber«, meldete ich grinsend.

Uns gegenseitig sichernd stießen wir tiefer in das Haus vor. Als nächstes erwartete uns ein fast schon behaglich eingerichtetes Wohnzimmer. Sofas, zwei Sessel, ein Kamin und eine Standuhr. Ich rechnete jede Sekunde mit neuen Pappkameraden, aber das war ein Irrtum. Dafür passierte etwas völlig anderes.

In der Mitte des Raumes senkte sich eine Klappe ab und zum Vorschein kam eine Mini-Gatling Gun. Ihre Läufe begannen sirrend zu rotieren und niemand zweifelte daran, dass diese Gemeinheit mit scharfer Munition geladen war. Blitzschnell sah ich zu Dwayne, dann reagierten wir gleichzeitig und hechteten in entgegengesetzte Richtungen in Deckung. Mein Partner wählte die linke Seite und kam hinter einem Sofa zum Liegen, ich sprang nach rechts, suchte hinter einem Bücherregal Sichtschutz.

Die Gatling Gun eröffnete kreischend das Feuer und schoss den Fußboden in Fetzen, auf dem wir vor wenigen Sekunden noch gestanden hatten. Von dieser Gemeinheit hatte uns Captain Hartman natürlich nichts gesagt, wahrscheinlich hatte er es einfach »vergessen«!

Ich vermutete, dass es sich um ein Automatikgeschütz handelte, das mit einem Bewegungsmelder ausgestattet war. Alles was sich bewegte, wurde von dieser höllischen Maschine in Fetzen geschossen. Ich wollte aber noch etwas länger meine Form behalten.

Die Gatling Gun stellte das Feuer ein. Dafür war jetzt ein hochfrequentes Zirpen zu hören. Ich hatte also recht gehabt, sie war tatsächlich mit einem Bewegungsmelder ausgerüstet. Solange die Sensorik aktiv war, stellte die Waffe eine akute Gefahr für uns dar. An unseren momentanen Positionen konnte der Bewegungsmelder zwar nicht erfassen, aber sobald wir uns bewegten, änderte sich das. Die Gun würde blutiges Konfetti aus uns machen!

Ich sah gehetzt zu Dwayne. »Wirf etwas in hohem Bogen ganz nach links!«

Er nickte und zog seinen rechten Handschuh aus, knüllte ihn zusammen und warf ihn in Richtung des Fensters.

Der Servomotor der Gatling Gun surrte, um die entdeckte Bewegung nachzuvollziehen, dann brüllte sie wieder kugelspuckend auf.

Ich fasste meine Glock mit beiden Händen und spähte über das Buchregal hinweg. Entzückend, dachte ich. Der Bewegungssensor war in Richtung des Ablenkungsmanövers gerichtet, was mir zumindest etwas Zeit verschaffte. Zeit um vernünftig zu zielen. Und das tat ich!

Ich visierte den grünlichen Verschlussdeckel des Bewegungsmelders an und drückte ab. Insgesamt viermal, dann stoben Funken aus dem Sensor und das hochfrequente Geräusch erstarb.

»Gar kein schlechter Schuss für einen verfluchten Ledernacken«, meinte Dwayne grinsend.

Ich verzog empört das Gesicht. »Ein Force Recon Ledernacken, soviel Zeit muss sein!«

Auf Smalltalk hatten wir jetzt aber keine Lust mehr, schließlich lief bei unserem Job hier die Stoppuhr. Also machten wir weiter im Text.

Bei der Treppe in die oberen Stockwerke hatten nochmals Pappkameraden ihren großen Auftritt. Mein Partner und ich erledigten jeweils fünf von ihnen, zwei unschuldige Personen schonten wir. Dann war erst einmal Zeit zum Nachladen.

Instinktiv rechnete ich noch mit einer weiteren Gemeinheit, als ich die Treppe hochstieg. Als wir im oberen Stockwerk angekommen waren, wäre ich voll in die Falle gelaufen. Quer über den Gang war ein hauchdünner Draht gespannt. Eine Stolperfalle!

Es war Dwayne, der mich zurückhielt, als ich die verdammte Strippe bereits fast berührt hätte. »Danke Mann«, presste ich hervor. Ich war mir sicher, dass die Auslösung des Drahts eine verdammt unangenehme und vielleicht sogar tödliche Konsequenz nach sich gezogen hätte. Nach der Sache mit der Gatling Gun traute ich dem BXA einfach alles zur. Zumindest alles Schlechte...

Als wir das letzte Zimmer durchsuchten, fanden wir endlich unser ersehntes Ziel. Auf einem Nachtschränkchen war ein roter Button montiert. Ich machte eine einladende Geste in Dwaynes Richtung. Er trat an das Nachttischchen und hämmerte mit seiner riesigen Faust auf den roten Knopf. Momente später waren Klatschgeräusche zu hören. »Wer hätte gedacht, dass ein Junge von den Marines ein so gutes Team mit einem Jungen von der Army abgeben würde? Verdammt gute Zeit, Männer«, drang die Stimme von Captain Hartman aus einem versteckt angebrachten Lautsprecher.

 

 

2

Am nächsten Tag hatte ich einen Termin in der medizinischen Abteilung des Bureaus. Ich betrat die Abteilung und stellte mich an den Tresen, um mich anzumelden. Schon von weitem wirkte die Rezeptionistin wie ein Drachen, doch dieser Eindruck verfestigte sich, je näher ich mir die Frau ansah.

»Sie wünschen?«, fragte mich die Rothaarige in einem leiernden Tonfall.

»Gorman«, sagte ich. »Ich habe einen Termin.«

Die freundlichste Arzthelferin der Welt sah mich skeptisch an und klickte auf ihrem PC herum. Nach einer Weile nickte sie. »Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Gorman!«

Ich setzte mich auf einen der zahlreichen völlig unbesetzten Stühle und nahm mir ein Automagazin vom Tisch. Auf dem Titelbild war ein Foto der neuen Corvette. Wenigstens hatte man hier vernünftige Zeitschriften ausgelegt.

Kaum zwanzig Sekunden später wurde die Tür eines Sprechzimmers geöffnet und Dwayne kam heraus. Als er mich sah, verdrehte er genervt die Augen.

Bevor wir miteinander reden konnten, trat auch schon ein Arzt im weißen Kittel hervor und rief mich auf.

»Viel Spaß«, raunte Dwayne im Vorbeigehen und zwinkerte mir zu.

»Guten Tag Mr. Gorman, ich bin Dr. Collins«, begrüßte mich der Arzt und reichte mir seine Hand.

Ich erwiderte den Handschlag und nickte. »Schön, Sie kennenzulernen, Dr. Collins!« Dabei war das eine echte Lüge. Der Arzt wirkte völlig desinteressiert und war zudem hässlich wie die Nacht. Gut, für Letzteres konnte er nichts, aber sein Mund hatte etwas von einem Fischmaul. Ich musste mich zusammennehmen, um nicht permanent darauf zu starren.

»Nehmen Sie doch bitte Platz«, sagte Collins und deutete auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch.

»Genau wie bei Ihrem Vorgänger geht es auch bei Ihnen um das volle Programm, Mr. Gorman. Beginnen wir ganz von vorne. Hatten Sie eine Operation in den letzten vierundzwanzig Monaten?«

Es folgte Frage um Frage und ich versuchte sie alle so genau wie möglich zu beantworten. Irgendwann schienen wir dann aber mit dem Fragenkatalog durch zu sein. Collins klappte die Patientenakte zusammen und stand von seinem Platz auf. »Als nächstes steht ein EKG auf dem Programm. Machen Sie dazu bitte Ihren Oberkörper frei und legen sich auf die Liege dort drüben.«

Nach dem EKG ließ ich noch eine Ultraschalluntersuchung meines Herzens über mich ergehen. Als ich mich wieder anziehen wollte, schüttelte der Arzt den Kopf. »So weit sind wir noch nicht, Mr. Gorman. Ziehen Sie jetzt bitte auch Hose und Schuhe aus!«

Ich wurde gemessen und gewogen, dann wurden meine Reflexe mit einem kleinen Gummihammer getestet. Als auch das abgeschlossen war, glaubte ich für wenige Sekunden ein flüchtiges Lächeln auf dem Gesicht des Mediziners zu sehen. Doch dann war es so schnell verschwunden, wie es auch gekommen war. Dafür nahm Collins jetzt zwei Gummihandschuhe aus einer Box und zog sie sich fast genüsslich an.

»Jetzt folgt die rektale Untersuchung, Mr. Gorman. Ziehen Sie bitte Ihre Boxershorts herunter und beugen Sie den Oberkörper nach vorne«, ordnete Collins an.

Ich verengte die Augen zu Schlitzen. »Ist das wirklich nötig, Doc? Ich bin wirklich fit und habe keinerlei Probleme!«

»Das ist leider unumgänglich, Mr. Gorman. Ich verstehe natürlich, dass diese Untersuchung unangenehm für Sie ist«, erklärte der Mediziner. Aber ich glaubte ein Glitzern in den Augen des Mannes zu erkennen, das seine Worte Lügen strafte. Ich hatte wohl keine andere Wahl, als auch diese Untersuchung über mich ergehen zu lassen.

»Jetzt bitte einmal kräftig husten!«

Dann presste ich die Zähne aufeinander.

Abschließend musste ich noch eine Blutabnahme an mir vornehmen lassen. Das musste ich Collins jedenfalls lassen, die Blutabnahme beherrschte er wie ein Vollprofi, denn sie war nahezu schmerzlos. Röhrchen um Röhrchen füllte der Arzt mit meinem Blut und ich begann mich schon zu fragen, nach was für einem Blutverlust ein Mensch wohl kollabieren würde. Ich scheuchte die Gedanken beiseite und begann meinen Ärmel zuzuknöpfen, nachdem Collins die Einstichstelle versorgt hatte.

»Wonach untersuchen Sie die Blutproben eigentlich, Dr. Collins?«

Er zuckte mit den Schultern »Drogen, Krankheiten und auch ansonsten eigentlich auf fast alles Denkbare.«

Ich nickte stumm. Drogen waren nie mein Ding gewesen und ich wusste nichts von irgendwelchen Krankheiten. Also konnte ich die Ergebnisse doch einfach ganz gelassen auf mich zukommen lassen, oder?

 

 

3

Am nächsten Tag

Konteradmiral Jack T. Sayers hatte die Befunde der Blutuntersuchungen von Slade und Gorman vorliegen und blätterte sie ein ums andere Mal durch. Aber egal wie lange der Konteradmiral auch die Unterlagen studierte, ihr Inhalt würde sich nicht verändern. Die Anomalie ließ sich nicht wegdiskutieren. Aber wieso um alles in der Welt waren gleich beide Neuzugänge positiv? Konnte das noch Zufall sein?

Der Offizier spürte den Blick seines Sicherheitschefs auf sich ruhen. Captain Mike O´Farrel saß Sayers schweigend gegenüber und hatte einen ziemlich skeptischen Gesichtsausdruck. »Eigentlich ist die Lage doch völlig klar, oder siehst du das anders?«

Sayers sah von den Unterlagen auf und hielt dem schneidenden Blick seines Sicherheitschefs mühelos stand. »Zumindest bei Gorman wussten wir von einer partiellen Aktivierung einiger DNA-Sequenzen. Die Artefakte wählen ihren Träger schließlich nicht zufällig aus!«

O´Farrel wiegte den Kopf. »Zwei neue Agenten und beide sind positiv. Du kennst die Schätzungen der Eierköpfe, die sprechen von einer Rate von 1 : 100.000.« Der Captain schüttelte selbstbewusst den Kopf. »Das hört sich für mich nach etwas völlig anderem an. Unsere Analysten warnen schon lange vor Unterwanderungsversuchen. Wenn du mich fragst, ist das gerade nichts anders. Wir sollten die Kerle isolieren. Momentan stellen sie eine Gefahr für das BXA dar, schließlich müssen sie für ihre Arbeit die höchste Sicherheitsstufe besitzen. Willst du dafür den Kopf hinhalten?«

Sayers dachte angestrengt nach. Leider machten die Worte von O´Farrel absolut Sinn. Der Konteradmiral nickte deshalb zögerlich. »Dann isolieren wir die Männer.« Der Blick des Konteradmirals wanderte zum Fenster und dann noch weiter in die Ferne. »Ich will Gorman und Slade aber lebend auf der Medizinischen Abteilung ankommen sehen. Beruhige also bitte vorher deine Leute. Einige davon erscheinen mir in letzter Zeit einen mehr als nur nervösen Finger am Abzug zu haben.«

O`Farrel nickte lächelnd und stand dann von seinem Platz auf. »Du kannst dich auf mich verlassen, Jack. Aber ich will dich vorsorglich etwas desillusionieren. Neophyten sind selten, fast wie schwarze Schwäne. Eine solche Häufung ausgerechnet bei Neuzugängen ist mehr als besorgniserregend!«

Der Konteradmiral wusste, dass sein Sicherheitschef recht hatte. Aber es war nicht völlig ausgeschlossen, dass es doch ein Zufall war. Wenn der Verdacht zutraf, handelte es sich bei Gorman und Slade um genetisch erzeugte Doppelgänger der Männer. Sayers wollte sich gar nicht ausmalen, was in diesem Fall dann mit den echten Soldaten passiert war...

 

 

4

Ich war auf dem Heimweg, nachdem ich mir die Spätvorstellung im Kino angesehen hatte. Entgegen meiner Überzeugung war ich in das Sequels eines Film gegangen, der mir vor einigen Jahren sehr gut gefallen hatte. Dafür hatte ich teuer bezahlen müssen, denn die Fortsetzung war der pure Schrott gewesen.

Während ich mit meinem Mustang durch die leeren Straßen fuhr, dachte ich über meinen letzten Gedanken nach. Meine Sequel-Regel machte eigentlich Sinn, aber es gab zumindest ein Problem damit. Es existierte mindestens ein Fall, indem die Fortsetzung eines Films tatsächlich besser als der Erstling gelungen war. Ich dachte da im Speziellen an die Filmreihe Der Pate. Und wenn ich genau überlegte, war auch Das Imperium schlägt zurück ein deutlich besserer Film als Eine neue Hoffnung.

Die Ampel schaltete auf grün und ich gab Gas. Ich hatte schon immer ein Faible für einfache Regeln, deshalb irritierte mich das Versagen meiner Sequel-Regel auch umso mehr. Prompt musste ich an die Matrix Filme denken. Das war ein absolutes Paradebeispiel für das Funktionieren meiner Regel. Hier war es sogar so, dass jeder weitere Teil konsequent deutlich schlechter als sein Vorgänger war. Ich würde mir das mal etwas genauer ansehen müssen. Bis ich beim BXA anfing, blieben mir aber noch knapp zwei Wochen, da sollte ich also mehr als genug Zeit für so dermaßen wichtige Fragestellungen haben. Das war auch gut so, denn der Stapel meiner ungesehenen Filme wuchs stetig weiter.

Die Ampel direkt vor mir schaltete auf rot, scheinbar war ich mitten in die Rote Welle geraten, so etwas gab es also auch nachts.

Im Rückspiegel saß ich einen großen Wagen schnell näherkommen. Ich runzelte die Stirn. Hatte der Fahrer etwa die rote Ampel übersehen?

Doch meine Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem in Anspruch genommen. Als Gegenverkehr kam mir nur ein einzelner SUV entgegen. Von der Größe her musste es ein Caddy Escalade sein, genau sah ich es aber nicht. Nachdem der Fahrer die Kreuzung überquert hatte, riss er das Steuer herum und raste mit quietschenden Reifen direkt auf meinen Mustang zu. Instinktiv erkannte ich, was hier gerade passierte. Wer auch immer dahintersteckte, er wollte mich haben!

Während der SUV mit radierenden Reifen vor meinem Wagen zum Stehen kam und mich blockierte, versuchte der Fahrer des Wagens hinter mir das Gleiche. Doch dagegen hatte ich etwas und legte den Rückwärtsgang ein, um dann sofort Vollgas zu geben. Der Motor des Fords brüllte auf und die Hinterräder drehten durch, dann schoss ich nach hinten und krachte dem Wagen mit Schwung auf die Schnauze. Der Aufprall presste mich hart in den Sitz, aber ich grinste. Der SUV hatte vorne seinen Motor, vielleicht würde der Schaden ausreichen, um zumindest diesen Wagen auszuschalten!

Ich kurbelte das Lenkrad mit Kraft nach links und gab Vollgas. Erneut radierten meine Reifen über den Asphalt und ich nahm instinktiv wahr, dass die Türen des SUVs vor mir aufgestoßen wurden und dunkle Schemen ausstiegen.

Der Mustang schoss ein Stück nach vorne links, dann betätigte ich die Handbremse. Daraufhin brach das Heck meines Wagens aus und ich legte mit aufheulendem Motor eine saubere Wende hin. Doch das war es dann leider auch.

Als ich wieder Gas geben wollte, brüllte eine automatische Waffe auf und ich hörte kurz darauf zwei Knallgeräusche. Meine Reifen, dachte ich wütend.

Ohne Vorwarnung explodierte das Fenster auf der Fahrerseite und eine Welle von Splittern kam mir entgegen. Ein Gewehrkolben war als Schlagwaffe gegen die Scheibe eingesetzt worden. Es dauerte nur wenige Momente, dann richtete sich der Lauf der Waffe auf mich. Das war das Ende meiner Reise!

»Steigen Sie sofort aus, Gorman. Und machen Sie ja keine Schwierigkeiten!«

Natürlich kannten die Kerle meinen Namen! Ich schluckte, denn mir gingen die Optionen aus. Für alle Fälle hatte ich eine Maglite im Seitenfach der Tür, aber was würde mir das im Kampf gegen Sturmgewehre nutzen? Der Kerl hatte verdammt gute Argumente, also gehorchte ich seiner unnachahmlichen Aufforderung.

Als ich neben dem Wagen stand, wurde ich blitzschnell von Männern in dunklen Kampfanzügen umringt. Außerdem trugen sie Sturmhauben und Stahlhelme. Sofort stachen mir die Abzeichen ins Auge. Das waren unsere eigenen Leute!

»Was wird hier gespielt?«, begehrte ich auf.

»Maul halten!«, dröhnte eine Stimme, dann packten mich starke Hände und ich bekam Handschellen angelegt.

»Ich bin Agent des Pentagon Nachrichtendienstes«, unternahm ich einen weiteren Anlauf.

»Jetzt nicht mehr, halten Sie den Mund!«

Zwei Männer packten mich an meinen Ellenbogen und geleiteten mich ruppig zu dem SUV, der mich von vorne blockiert hatte. Ein anderer Vermummter öffnete die Tür. Grob wurde ich in den Wagen gezwängt, dann ging die Fahrt los. Zu meinem Bedauern sah ich, dass mein Unfallpartner leider immer noch fahrbereit war. Wirklich zu schade!

»Ich hoffe für Sie, dass Sie für diese Aktion eine gute Erklärung haben!«

Der Beifahrer nahm seinen Helm ab und drehte sich zu mir um. »Die Erklärung ist einfach. Wir handeln im direkten Auftrag von Konteradmiral Sayers!«

Etwas in mir zog sich schmerzhaft zusammen. Das durfte doch nicht wahr sein. Wie war dieser Schwachsinn zu erklären? Welchen Anlass hatte Sayers für diese Nummer?

Während ich nachdachte, rasten die beiden SUVs durch die Nacht. Beiläufig registrierte ich, dass die beiden Fahrzeuge ihre Signallichter eingeschaltet hatten. Man wollte mich also um jeden Preis so schnell wie möglich irgendwo hinbringen. Instinktiv musste ich daran denken, was der Soldat vorhin geantwortet hatte. Sie sind nicht mehr beim Pentagon Geheimdienst.

Mein Blick fiel auf meinen Armreif, der mich seit meinem Einsatz in Somalia wie eine Klette begleitete. Ich musste an den unbekannten Mann denken, der im Militärkrankenhaus aufgetaucht, und dann wieder unvermittelt verschwunden war. Was hatte er nochmal über den silbrig glänzenden Armreifen gesagt? Er wählt sich seinen Träger aufgrund unbekannter Parameter aus.

In diesem Moment ärgerte ich mich, dass ich bei Konteradmiral Sayers nicht intensiver nach der Identität dieses grauen Mannes nachgefragt hatte. Aber nun war es zu spät dafür, zumindest sah alles danach aus.

Da ich mir aber nichts zu Schulden hatte kommen lassen, musste es einen anderen Grund für diese Festnahme geben. Vielleicht waren ja die mysteriösen Parameter ausschlaggebend gewesen, die auch der Armreif bei der Auswahl seines Trägers berücksichtigt hatte?

 

 

5

Slade wusste, dass dies der letzte Spielzug sein würde. Sein Team lag ein paar Punkte hinter dem Gegner. Ein Touchdown konnte aber wieder alles auf den Kopf stellen. Theoretisch war es auch tatsächlich möglich, denn sein Team war im Ballbesitz.

Da flog der Football auch schon auf ihn zu. Dwayne fing den Lederball mit traumwandlerischer Sicherheit, musste aber blitzschnell einem Tackle-Versuch ausweichen. Der Versuch ging ins Leere, er behielt seinen Freund John im Auge und setzte zu einem Pass an.

Der Ball wurde durch seinen Spin stabilisiert und flog haargenau auf John zu, der sich genau an den vereinbarten Spielzug hielt. Doch in diesem Moment tauchte der gegnerische Verteidiger auf und warf sich Slades Teamkollegen entgegen.

Der drahtige Polizist setzte zu einem mühelos aussehenden Sprung an, segelte über den Verteidiger hinweg und rannte einfach weiter. Dann war er fast in der Endzone. Nur noch ein paar Yards!

»Touchdown«, brüllte Slade. Sie hatten es mal wieder geschafft!

Da es schon reichlich spät geworden war, klatschten sich die Spieler nur noch schnell ab und tranken ihre isotonischen Sportgetränke aus, die zum Großteil aus Bier bestanden, und machten sich auf den Heimweg.

Als Dwayne hinter dem Steuer saß, atmete er tief durch. Football. Das war immer sein Ding gewesen. Im College Football hatte er auf der Position eines Defensive Tackles gespielt und dabei beachtlichen Erfolg gehabt. Er war schon mit einem Bein im Kader der Oakland Raiders gewesen, da war die Sache mit dem World Trade Center passiert. Das hatte alles verändert. Nichts war mehr so, wie es davor gewesen war und wahrscheinlich würde es auch nie mehr so sein.

In Momenten wie diesem fragte sich Dwayne, was wohl gewesen wäre, wenn er doch Footballer geworden wäre. Wahrscheinlich wäre die Welt dennoch nicht untergegangen. Aber wäre er dann glücklicher als jetzt?

Die Zeit bei der Army hatte Slade zumindest ein Stück weit desillusioniert. Er hatte Kameraden sterben sehen, die wie Brüder für ihn gewesen waren. Seine Einheit musste Aufträge durchführen, die nur in den Augen eines neurotischen Bürohengstes irgendeinen Sinn machen konnten. Danach war er zu den Special Forces gekommen. Er war einer der Männer, die Osama bin Laden in Pakistan aufgespürt hatten. Die Navy Seals wollten dafür die Lorbeeren kassieren, hatten aber eine erschreckenden Preis dafür bezahlt. Was nach der Tötung des Terrorchefs passiert war, hatte Dwaynes Patriotismus stark belastet. Die Dinge waren eine graue Suppe und nicht so einfach in Begrifflichkeiten wie richtig und falsch zu unterscheiden. Aber so war es nun mal, damit musste er leben. Und dann hatte er an Operation Sundowner in Somalia teilgenommen. Was er dort erlebt hatte, stellte erneut alles infrage, woran er glaubte. Vielleicht reizte ihn deshalb auch so sehr die Arbeit für das BXA. Dort würde er einen ausführlichen Blick hinter die Fassade der angeblichen Realität werfen können und vielleicht würde das ja einige Dinge in ein besseres Licht rücken. Oder auch nicht, dachte der Hüne.

Der ehemalige Fallschirmjäger schaltete den Motor seines Dodge Ram ein. Brodelnd erwachte das Dieselaggregat zum Leben. Niemand war um diese Zeit noch unterwegs, seine Sportkameraden waren bereits nach Hause gefahren.

Dann überschlugen sich die Dinge. Slade hatte kaum rückwärts aus der Parklücke zurückgesetzt, als ein Wagen mit kreischenden Bremsen dicht an ihm vorbeischoss und vor seinem Pick-Up zum Stehen kam.

Die Lichter sind ausgeschaltet, schoss es dem muskulösen Soldaten durch den Kopf. Das ist kein Zufall! Er selbst hatte lange genug an ähnlichen Operationen teilgenommen, um das Muster zu erkennen. Deshalb wusste Dwayne, was zu tun war. Jetzt hieß es proaktiv zu reagieren!

Im Football und auf dem Schlachtfeld galt das Gleiche: Angriff war immer noch die beste Verteidigung. Wer aggressiv vorging, konnte sich die Initiative zurückholen. Genau das wollte Slade erreichen und hämmerte das Gaspedal gegen das Bodenblech.

Ohne Verzögerung brüllte der leistungsstarke Motor des Wagens auf und katapultierte den Pick-Up auf den SUV vor sich zu. Kurz vor dem Zusammenprall wurde die Hintertür geöffnet. Der Dodge rasierte sie einfach ab, als wäre sie aus Pappe. Dann krachte der Wagen im stumpfen Winkel in den Escalade. Der Aufprall war hart, aber nicht vernichtend. Dwayne hielt das Lenkrad fest und erwischte den SUV an einer günstigen Stelle, so dass der Dodge sich an dem anderen Wagen vorbeischieben konnte. Das dabei entstehende Schleifgeräusch würde der Soldat jedoch niemals vergessen, denn wenn Metall über Metall schleift, ist das nur noch mit einem brutalen Kreischen zu beschreiben. Aber egal was es kostete, er würde sich nicht wehrlos entführen lassen!

Slade grinste. Dieser Punkt ging an ihn, aber das Match war noch lange nicht beendet. Ganz im Gegenteil, der Tanz ging jetzt erst so richtig los.

Er sah in den Rückspiegel. Der SUV hatte natürlich die Verfolgung aufgenommen, außerdem musste Dwayne mit Verstärkung rechnen. Solche Missionen wurden schließlich niemals ohne Backup-Team durchgeführt. Also musste er weiterhin unberechenbar agieren, wenn er diese Auseinandersetzung für sich entscheiden wollte.

Deshalb trat Dwayne unvermittelt auf die Bremse und zwang den schweren Pick-Up in eine kleine Seitenstraße. Wenn er zu lange auf der Hauptstraße blieb, würde er von den Kollegen seines Verfolgers höchstwahrscheinlich den Weg abgeschnitten bekommen.

Im Rückspiegel sah er den Escalade ebenfalls in die Straße einbiegen. Der Fahrer musste dazu stark abbremsen, während Dwayne schon wieder Gas geben konnte. Genau so hatte er sich das vorgestellt!

Gleich bei der nächsten Gelegenheit bog er scharf nach links ab und steuerte wieder auf die Hauptstraße zu. Die Stadt war jetzt zu heiß für ihn geworden. Also musste er seinen Verfolger abschütteln und seinen Wagen irgendwo in der Peripherie verschwinden lassen.

Slade zermarterte sich den Kopf, wie der Verlauf der Straße war. Er macht gerade wertvolle Meter auf seinen Verfolger gut, der sich in diesem Moment ebenfalls wieder auf die Straße herausgearbeitet hatte. So konnte es aber nicht weitergehen, er musste den Wagen endgültig loswerden. Plötzlich wusste er, wie er es anstellen würde.

Mit hoher Geschwindigkeit prügelte Slade den Wagen erneut in eine Nebenstraße. Er war früher oft hiergewesen, kannte die Straße und kannte sich deshalb aus. Dwayne bremste stark ab und setzte mit blockierenden Reifen tief in die dunkle Einfahrt eines Hauses zurück. Die asphaltierte Einfahrt wurde von einer hohen Hecke vor neugierigen Blicken geschützt. Blitzschnell schaltete er die Scheinwerfer aus und wartete mit laufendem Motor.

Dicht vor ihm erschien jetzt auf der Straße der schwarze Escalade und fuhr an der Einfahrt vorbei, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Dwayne grinste. Danke Tamara, dachte der Hüne. Tamara Wilkens war einmal eine Affäre von ihm gewesen. Damals hatte sie einen anderen Nachnamen gehabt, doch das Haus in dessen Einfahrt er jetzt parkte, gehörte immer noch ihr. Tamara wohnte auch noch dort, mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern. Letzteres war das Thema gewesen, was die Beziehung hatte scheitern lassen. Dwayne presste die Lippen zusammen. Hier und jetzt musste er niemanden belügen, schon gar nicht sich selbst. In Wahrheit war es nämlich seine Angst vor Verantwortung gewesen. Egal, es war vorbei!

Er gab Gas und steuerte den Pick-Up mit ausgeschalteten Lampen zur Hauptstraße zurück und gab Vollgas.

Jetzt waren seine Chancen deutlich besser als zuvor. Meter um Meter gewann er an Vorsprung, immer noch sah er keine Spur von seinen Verfolgern.

Nach bangen Minuten erreichte er die Vororte und bog auf die Ausfallstraße ein. Er hatte es geschafft, zumindest fast. Ein Kumpel von Slade hatte weit draußen ein Wochenendhaus. Dort konnte er gefahrlos untertauchen, es war nur wenige Meilen entfernt.

Doch seine Hoffnung zerschlug sich schlagartig vom einen zum anderen Moment. Grelle Scheinwerfer erleuchteten die Nacht taghell. Das Dröhnen von Rotoren übertönte sogar noch das satte Brummen des Dieselaggregats, als der Helikopter dicht über den Dodge Ram hinweg raste. Es war ein Blackhawk Transporthubschrauber, sie hatten ihn wieder!

Der Pilot flog ein Stück weit die Straße entlang, wurde langsamer und drehte sich seitwärts zum Dodge. Die Seitentür wurde aufgerissen und ein Suchscheinwerfer blendete Dwayne kurz. Als er wieder klar sehen konnte, starrte er direkt auf das Bordgeschütz des Blackhawks. Das 20mm-Maschinengewehr würde den Dodge mühelos in Stücke schießen.

»Stoppen Sie sofort den Wagen«, dröhnte eine Stimme, die über Lautsprecher verstärkt wurde.

Dwayne hatte bereits den Fuß auf der Bremse und brachte den Wagen zum Stehen. »Rien ne va plus«, murmelte er.

 

 

6

Die beiden Escalades waren noch etwa eine Stunde mit mir durch die Dunkelheit gerast. Die Bebauung am Straßenrand war immer spärlicher geworden, bis wir irgendwann nur noch an Feldern, Wiesen und Bauernhöfen vorbeigekommen waren. Ich begann mir schon ernsthafte Sorgen darüber zu machen, ob man mich in Wirklichkeit in aller Abgeschiedenheit einfach exekutieren wollte. Dazu eignete sich diese gottverlassene Gegend nämlich wirklich hervorragend!

Doch dann war unvermittelt ein beleuchtetes Firmenschild aufgetaucht und die schweren Wagen waren auf die Zufahrt zu einem hypermodernen Gebäudekomplex abgebogen. Medicor, stand auf dem Schild. Vermutlich handelte es sich um ein hippes Biotech-Unternehmen. Aber was machte eine solche Einrichtung mitten auf dem platten Land? Das war ja fast schon lächerlich!

Die nächste Frage lautete dann auch gleich: Warum brachten mich Armeeangehörige ausgerechnet dorthin und nicht in eine Einrichtung des Militärs? Ich wusste es nicht, aber meine Fragen sollten in Kürze zumindest teilweise beantwortet werden.

Die Wagen steuerten eine Rampe hinunter, in die Tiefgarage unter dem Gebäudekomplex. Man hatte also weder Kosten noch Mühen gescheut. Die Tiefgarage bot Platz für zahlreiche Fahrzeuge, war aber um diese frühmorgendliche Stunde aber nahezu leer. Die Escalades steuerten um eine Kurve, dann sah ich den Eingang zum Gebäude. Dort wartete bereits ein Willkommenskommando in Form von einem hageren Mann in einem weißen Kittel und zwei ziemlich massiv wirkenden Kerlen in komplett weißer Arbeitskleidung. Zwischen den Gorillas stand eine rollbare Liege.

Ich atmete scharf durch die Nase ein. Gleichzeitig hielt der Wagen, und der Typ auf dem Beifahrersitz drehte sich zu mir um.

»Was soll die Liege? Ich bin ziemlich gut zu Fuß!«

Details

Seiten
320
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936667
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v515165
Schlagworte
alienwächter kompendium

Autoren

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Titel: Alienwächter – Kompendium 1