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Das Herz ist doch kein Tennisball

2020 78 Seiten

Zusammenfassung


- Der unerwartete Lottogewinn scheint der Familie Groß kein Glück zu bringen, denn jeder hat andere Vorstellungen, was mit dem vielen Geld geschehen soll. Schon bald hängt der Haussegen schief. Und dann taucht auch noch Tante Alwine auf …
- Gerlinde ist in ihren Tennislehrer verknallt, doch Heiko hat noch genügend andere Verehrerinnen. Wie kann sie diese nur aus dem Feld schlagen? Ihr Kollege Walter hat dafür einige Ideen, die schnell Wirkung zeigen. Endlich glaubt sich Gerlinde am Ziel. Doch sie glaubt es nur …
- An einem schweren Schicksalsschlag zerbricht Sarahs Ehe mit Wulf. Nach der Scheidung widmet sie sich verbissen ihrem Beruf und geht den Männern aus dem Weg. Auch ihrem Kollegen Volker, der aber hartnäckig bleibt …
- Die Ärztin Corinna freut sich auf ihre Arbeit in dem hübschen Dorf. Aber der rachsüchtige Großbauer Glockinger sorgt dafür, dass die Patienten ausbleiben. Ohne Einnahmen muss sie wohl kapitulieren …
- Dagmar patzt ständig bei der Orchesterprobe, weil sie an jenen denken muss, den sie vermutlich nie wiedersehen wird. Sie wird eben fleißig üben müssen. Doch wieder verhindert das der Unbekannte …

Fünf heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

Leseprobe

Table of Contents

Das Herz ist doch kein Tennisball

Copyright

Hilfe, wir werden reich!

Das Herz ist doch kein Tennisball

Liebe ist stärker als Leid

Erste Hilfe für Frau Doktor

Nur verliebte Geigen klingen

Das Herz ist doch kein Tennisball

Fünf heiter-romantische Erzählungen

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 78 Taschenbuchseiten.

 

- Der unerwartete Lottogewinn scheint der Familie Groß kein Glück zu bringen, denn jeder hat andere Vorstellungen, was mit dem vielen Geld geschehen soll. Schon bald hängt der Haussegen schief. Und dann taucht auch noch Tante Alwine auf …

- Gerlinde ist in ihren Tennislehrer verknallt, doch Heiko hat noch genügend andere Verehrerinnen. Wie kann sie diese nur aus dem Feld schlagen? Ihr Kollege Walter hat dafür einige Ideen, die schnell Wirkung zeigen. Endlich glaubt sich Gerlinde am Ziel. Doch sie glaubt es nur …

- An einem schweren Schicksalsschlag zerbricht Sarahs Ehe mit Wulf. Nach der Scheidung widmet sie sich verbissen ihrem Beruf und geht den Männern aus dem Weg. Auch ihrem Kollegen Volker, der aber hartnäckig bleibt …

 

Fünf heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Hilfe, wir werden reich!

"Unser Herr Sohn zieht ja wieder mal ein Gesicht, dass die Sonne Angst vor ihm bekommt", stellte Eberhard Groß schmunzelnd fest. Er trank hastig den Rest seines Kaffees und warf die Serviette auf den Tisch. "Soll ich dir eine Tube Strahlemann aus dem Kaufhaus mitbringen?"

Der achtzehnjährige Uwe blickte nur noch finsterer und blieb seinem Vater die Antwort schuldig.

Eberhard küsste seine Frau zärtlich.

"Eine Hetze ist das wieder", sagte er stöhnend. "Kein Wunder, wenn man nicht rechtzeitig fertig wird. Alle müssen zur gleichen Zeit ins Bad, und bei Ina habe ich meistens den Eindruck, als würde sie jedes Haar einzeln zu einer Locke drehen."

Veronika Groß lächelte beschwichtigend.

"Damit musst du dich wohl abfinden, wenn du eine heiratsfähige Tochter hast."

"Heiratslustig!", meldete sich Uwe nun doch. "Junge, wie kann man nur in so einen Typ wie Roland Wecker verknallt sein? Schlag ihn dir aus dem Kopf, Schwesterherz! Der hat ganz andere Eisen im Feuer und wartet nicht ausgerechnet auf eine Kosmetikverkäuferin."

"Du bist ja nur neidisch, weil du nicht so einen tollen Wagen fährst wie Roland", konterte Ina.

"Hör mal!", entrüstete sich Uwe. "Bin ich etwa schon ein Opa? Was soll ich mit ‘nem Auto? Ich kaufe mir ‘ne 750er Honda. Darauf fahren die Mädchen voll ab."

"Und wovon willst du die bezahlen?", erkundigte sich sein Vater, der sich im Flur bereits den Mantel überwarf. Uwes Gesicht umwölkte sich wieder.

"Das ist ja das Elend. Alle meine Freunde besitzen ein Motorrad. Nur ich nicht. Wenn die am Wochenende wegfahren, muss ich zu Hause hocken. Die nehmen mich schon gar nicht mehr für voll."

"Es gibt bestimmt Wichtigeres als ausgerechnet so eine schwere Maschine, bei der ich in tausend Ängsten schweben würde, wenn ich dich damit auf der Straße wüsste." Veronikas Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an. "Stellt euch vor, wir hätten ein Haus. Wäre das nicht herrlich? Es brauchte ja nur ein kleines zu sein. Aber einen hübschen Garten müsste es schon haben. Und vor allen Dingen zwei Bäder, damit die morgendliche Drängelei endlich aufhört."

"Ein Haus?" Ina und Uwe sahen nicht begeistert aus.

"Natürlich ein Haus", beharrte die Mutter. "Das ist etwas Wertbeständiges. Die ewigen Mieterhöhungen brauchten uns nicht mehr zu interessieren, und außerdem würdet ihr es später einmal erben."

"Erben kommt von sterben", maulte Uwe. "Ich mag es nicht, wenn du davon anfängst. Papa ist gerade fünfundvierzig. Bis wir die Hütte mal bekämen, wäre es nur noch eine baufällige Ruine. Wertbeständig! Da kann ich doch höchstens lachen."

Eberhard Groß kam noch einmal zurück.

"Ich muss den Kindern ausnahmsweise recht geben. Mit einem Haus würden wir uns bis an unser Lebensende an Breitwies binden. Wir würden immer nur zu Hause sitzen und kämen überhaupt nicht mehr raus. So alt sind wir wirklich noch nicht, dass wir an der Scholle kleben müssten. Was haben wir denn schon von der Welt gesehen?"

"Venedig, Mallorca, und vor zwei Jahren waren wir in Dänemark", erinnerte Veronika.

Eberhard winkte ab.

"Du hast noch die Lüneburger Heide vergessen", spottete er. "Nein, da schwebt mir schon etwas anderes vor. Brasilien, Thailand, Hawaii oder die Niagarafälle. Einmal rund um die Welt. Das wäre mein Traum. Natürlich nicht auf einem Motorrad."

"Wenn ich mit Roland auf Hochzeitsreise bin, schicken wir dir von allen diesen Plätzen eine Ansichtskarte", versprach Ina verschmitzt. Veronika Groß lachte.

"Also, man kann wirklich nicht sagen, dass es in unserer Familie an Wünschen mangelt."

Uwe seufzte abgrundtief: "Ein Jammer, dass keiner davon in Erfüllung gehen wird."

"Und warum nicht?", erkundigte sich Eberhard. In seinen dunklen Augen funkelte es fröhlich. "Habt ihr vergessen, dass eure Mutter die eifrigste Lottospielerin von ganz Breitwies ist? Der Sechser ist nur noch eine Frage der Zeit."

"Ha, ha, ha!", machten Ina und Uwe. "Deine Witze waren auch schon mal origineller. Mutti mit ihrem Lottotick. Acht Euro fünfundsechzig hat sie bis jetzt gewonnen. Mehr ist da nicht drin."

"Spottet nur!", sagte Veronika. "Eines schönen Tages werdet ihr euch wundern. Und jetzt beeilt euch! Sonst kommt ihr alle drei zu spät zur Arbeit, und dann reicht unser Geld nicht mal mehr für den Lottoschein. Apropos Lottoschein. Uwe, vergiss ja nicht, ihn abzugeben!"

"Das Vernünftigste wär’s", brummte Uwe. "Dann hätten wir wenigstens fünf Euro gespart."

Veronika hob drohend den Zeigefinger. Mahnend blickte sie auf die Uhr. Es wurde höchste Zeit.

Erleichtert atmete sie auf, als ihr Mann und die Kinder die Wohnung verlassen hatten. Sie trat ans Küchenfenster und schaute ihnen nach. Das Lächeln auf ihren weichen Lippen verschönte sie. Konnte sie nicht zufrieden sein?

Eberhard war ein herzensguter Mann und liebevoller Vater. Ina entwickelte sich immer mehr zu einem zauberhaft aussehenden Mädchen. Kein Wunder, dass sich die Jungen die Köpfe nach ihr verrenkten. Zu dumm, dass sie ausgerechnet Roland Wecker, diesen Windhund, auf ihre Wunschliste gesetzt hatte. Uwe wurde von seinem Chef als fleißig gelobt. Flausen hatten sie in seinem Alter wohl alle im Kopf. Das ging wieder vorbei.

Veronika kehrte zum Tisch zurück und räumte das Frühstücksgeschirr weg. Sie war rundherum glücklich und wusste nur zu gut, dass sie von vielen ihrer Nachbarinnen beneidet wurde.

 

*

 

Der Tag verging wie die meisten vorhergehenden, und auch am folgenden Sonnabend erschien keine gute Fee mit ihrem Füllhorn, aus dem sie ein Haus, ein Motorrad, ein Flugticket und Roland Wecker zog, um diese Gaben über der Familie Groß auszuschütten.

Am Abend waren Veronika und Eberhard allein. Uwe war irgendwo mit seinen Freunden unterwegs. Ina amüsierte sich in einer Discothek. Es war wie immer.

Eberhard sah sich den letzten Teil der spannenden Krimiserie an, der im Fernsehen lief, während seine hübsche Frau nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf den Bildschirm warf. Sie interessierte sich nicht für Kriminalfilme. Sie beobachtete heimlich ihren Mann und lächelte.

"Du bist so aufgeregt, als müsstest du selbst hinter dem Gangster herjagen. Ich möchte wissen, was daran so spannend ist. Schalte doch mal bitte um! Im Ersten kommen die Lottozahlen."

Eberhard reagierte erst nach der zweiten Aufforderung. Das Geschehen auf der Mattscheibe zog ihn völlig in seinen Bann.

"Entschuldige, Liebling, was hast du gesagt?"

"Ich möchte die Lottozahlen sehen. Die Ziehung fängt gerade an."

"Noch fünf Minuten, Schatz. Der Film ist gleich zu Ende. Ich wette, dass es der Geliebte der Frau war, die ihren Mann umgebracht hat."

"Du kannst ja gleich wieder zurückschalten", sagte Veronika mit leichter Ungeduld.

"Dann habe ich das Wichtigste verpasst. Die Lottozahlen erfährst du auch noch morgen aus der Zeitung." Eberhard Groß lehnte sich wieder in seinem Sessel zurück und verfolgte weiter das Geschehen, das seinem Höhepunkt zustrebte.

Veronika sah ihn ungläubig an. Sie tat das zwei Minuten lang.

Eberhard hob den Kopf. Sein Gesicht veränderte sich.

"Entschuldige, Liebling! Ich bin wirklich ein Egoist. Ich habe für einen Moment ganz vergessen, dass die Ziehung der Lottozahlen für dich spannender ist als jeder Thriller. Und das, obwohl du jeden Sonnabend genau weißt, wie es ausgeht."

"Ganz genau kann man es nie wissen. Sonst brauchte man nicht zu spielen."

Eberhard drückte auf den Knopf der Fernbedienung. Das Fernsehbild wechselte. Die Ziehung war bereits in vollem Gange.

"Da hast du es", schmollte Veronika. "Wir sind zu spät dran."

Sie notierte in fliegender Hast die letzten drei Zahlen auf dem bereitgelegten Zettel und bekam rosige Wangen.

"Zwei sind richtig", verkündete sie so stolz, als hätte sie soeben die Fahrprüfung bestanden. "Jetzt fehlt nur noch eine, und wir können wieder eine Woche umsonst spielen."

Augenblicke später, nachdem die Sprecherin die Zahlen wiederholt hatte, schrie Veronika auf: "Gewonnen! Wir haben gewonnen." Es hielt sie nicht länger in ihrem Sessel. Sie fiel Eberhard jubelnd um den Hals.

"Darf ich mir jetzt den Schluss des Krimis anschauen?", bat er. Die Euphorie seiner Frau löste bei ihm keine Hektik aus. Veronika küsste ihn stürmisch.

"Verstehst du nicht, Eberhard? Diesmal hat es geklappt. Die Glücksgöttin hatte endlich ein Einsehen."

"Ich fürchte, dass wir mit acht Euro fünfundsechzig keine großen Sprünge machen können." Eberhard bremste den Überschwang seiner Frau.

Veronika ließ nicht locker.

"Du begreifst noch immer nicht. Es ist diesmal nicht nur ein Dreier. Wir haben fünf Zahlen richtig und die Zusatzzahl obendrein. Wir sind reich."

Endlich zeigte der Mann Interesse.

"Du machst Witze, Liebes. Wir haben doch noch nie ..."

"Aber heute haben wir", unterbrach ihn Veronika. "Ich kenne doch meine Zahlen, die ich schon seit über sieben Jahren spiele. Warte! Ich hole den Zettel aus der Küche."

Sie verschwand und kam kurz darauf mit dem Lottoschein zurück, den sie wie ein Banner triumphierend schwenkte.

"Es ist zwar der von letzter Woche, aber ich kreuze immer dieselben Kästchen an. Ein Irrtum ist ausgeschlossen."

"Irrtümer sind nie ausgeschlossen." Eberhard Groß war zu sehr Realist, als an das Unfassbare glauben zu können, solange er noch eine Lücke sah, durch die sich die Glücksfee davonschleichen konnte. "Sieh lieber auf dem aktuellen Schein nach!"

"Den hat Uwe noch in der Tasche."

"Uwe?", vergewisserte sich Eberhard gedehnt. Veronikas Augenlider begannen zu flattern. "Warum sagst du das mit so merkwürdiger Betonung? Du willst doch nicht etwa behaupten, der Junge hätte vergessen, den Tipp abzugeben?"

"Vergessen oder in voller Absicht, was weiß ich. Du kennst doch seine Meinung zu deinen Gewinnaussichten."

"Das würde er nie tun." Veronika war blass geworden. "Das glaube ich einfach nicht."

"Ruf ihn an! Dann hast du Gewissheit. Er wollte bei Markus Platten anhören."

Bei Markus war Uwe nicht. Die beiden Jungen hatten es vorgezogen, durch die nächtlichen Straßen zu bummeln. Mit Sicherheit drückten sie sich jetzt wieder an den Schaufensterscheiben des Motorradhändlers die Nasen platt.

Veronika musste noch über zwei Stunden warten, ehe sich ein Schlüssel im Türschloss drehte. Sie stürzte in den Flur und überfiel ihren Sohn mit der Frage: "Hast du gestern den Lottoschein abgegeben, Uwe?"

Der Achtzehnjährige gähnte und schüttelte den Kopf.

"Hab' ich vergessen. Ich behalte den Fünfer gleich für die nächste Woche, okay?"

Veronika spürte, wie sie in einen bodenlosen Schacht stürzte. Uwe sah sie betroffen an.

"Was hast du denn?"

Eberhard legte den Arm um die Schultern seiner enttäuschten Frau und übernahm die Antwort: "Deine Mutter hat für ein paar Stunden geglaubt, einen Riesengewinn gelandet zu haben. Aber unser zuverlässiger Sohn hat ihr ja wenigstens die fünf Euro Einsatz gerettet."

"Riesengewinn? Du meinst ein paar Tausender?"

"Ich habe keine Ahnung, wieviel es für einen Fünfer mit Zusatzzahl gegeben hätte."

"Mindestens fünfzigtausend", flüsterte Veronika. Sie hatte Mühe, die aufsteigenden Tränen zurückzukämpfen.

"Ihr macht Witze", stammelte der Junge.

"Findest du, dass deine Mutter besonders lustig aussieht? Sie hatte schon angefangen, Pläne zu schmieden. Aber ich habe sie gewarnt. Ich kenne doch unseren Sohn."

"Willst du damit sagen, dass es wahr ist? Wir haben tatsächlich gewonnen?" Nun verlor auch Uwe seine Ruhe. Er fingerte in seiner Jackentasche herum und förderte ein leicht zerknülltes Stück Papier zutage. "Tut mir leid, Mama. Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich konnte ja nicht ahnen ... nein, ich glaube es einfach nicht."

Eberhard nahm seinem Sohn den Zettel aus der Hand. Es war der Lottoschein. Ordnungsgemäß abgestempelt. Auf dem dritten Kästchen waren tatsächlich sechs der notierten Zahlen angekreuzt.

Die drei fielen sich jubelnd um den Hals. Eberhard lief in die Küche und kam mit einer Flasche Sekt zurück.

"Wenn das kein Grund zum Feiern ist!", meinte er und streichelte Veronika, die sich nur schwer beruhigen konnte. "Wann erfahren wir nun eigentlich, wieviel wir gewonnen haben?"

"Am Dienstag stehen die Quoten in der Zeitung", wusste Veronika.

"Für ein Motorrad reicht es auf alle Fälle", vermutete Uwe. Er holte einen Packen Prospekte aus seinem Zimmer, um den Eltern die Maschine seiner Wahl zu zeigen.

"Erst machen wir alle zusammen eine Weltreise", schlug Eberhard vor und prostete seiner Frau zu. Veronika schüttelte entschieden den Kopf.

"Das Geld nehmen wir selbstverständlich als Anzahlung für unser Haus. Das wird nicht verkleckert."

Bevor die beiden Männer Gelegenheit zu lautstarkem Protest fanden, kam Ina nach Hause. Auch sie war lange nicht von dem unerwarteten Treffer zu überzeugen. Als sie sich jedoch bei einem Glas Sekt mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, stand für sie die Verwendung des Gewinns fest.

"Da wird Roland Augen machen", jubelte sie. "Kinder, ich bin ja so glücklich."

 

*

 

Am Dienstag stand fest, dass der Gewinn knapp einhundertundelftausend Euro betrug. Die ganze Familie war aus dem Häuschen. In einem Ort wie Breitwies blieb die Sensation nicht lange geheim. Dafür sorgten schon Ina und Uwe, die aus ihrem plötzlichen Reichtum kein Geheimnis machten.

Noch am Nachmittag kreuzte Roland Wecker auf. Er überschüttete Ina mit Liebenswürdigkeiten und lud sie fürs kommende Wochenende zu einer Spritztour mit seinem roten Porsche ein.

"Morgen bin ich zu einer Party bei den Sauers eingeladen", erklärte er und hielt die Hand des Mädchens fest. "Hast du nicht Lust mitzukommen? Es ist dann bestimmt nicht ganz so langweilig dort."

Und ob Ina Lust hatte. Ihre blauen Augen glänzten. Das Glück stand ihr auf der Nasenspitze.

Uwe machte allerdings eine abfällige Bemerkung.

"Wenn die Ratten den Speck riechen, kommen sie aus ihren Löchern."

Ina überhörte diese Anzüglichkeit. Jeder Mensch besaß seine Fehler. Wenn sie erst mit Roland verheiratet war, würde sie ihm schon die paar Unzulänglichkeiten abgewöhnen. Vor allem durfte er nicht mehr nach anderen Mädchen schauen. Junge, würden Uschi und ihre anderen Freundinnen Augen machen. Sie himmelten alle Roland an, aber von denen würde ihn keine bekommen.

Uwe ließ seine Schwester anschließend in Ruhe. Er hatte keine Zeit mehr. Markus wartete schon vor dem Haus. Sie wollten mit Herrn Bommer sprechen. Vielleicht ließ er mit sich handeln.

Herr Bommer war der Besitzer des Motorradhauses Bommer & Co. Natürlich war auch ihm schon die Kunde zu Ohren gekommen, dass es in Breitwies einen Lottokönig gab. Dass Uwe Groß die Maschine ausgerechnet bei ihm kaufen wollte, gefiel ihm außerordentlich. Eifrig zeigte er den beiden jungen Männern die blitzenden Maschinen, obwohl er sein Geschäft schon geschlossen hatte.

"Natürlich brauchen Sie auch noch das richtige Zubehör, Herr Groß", versicherte er. "Bei mir finden Sie alles am Lager. Sie brauchen auf nichts zu warten. Schauen Sie sich nur mal die Kombinationen an! Alles beste Qualität. Sie sollten sich gleich zwei verschiedene zulegen. Sie wissen ja, die Industrie hat das Problem bis heute noch nicht gelöst, ein Material gleichzeitig luftdurchlässig und wasserfest herzustellen. An dem Schutzhelm dürfen Sie keinesfalls sparen. Von seiner Güte kann Ihr Leben abhängen. Nun ja, und dann kommen noch so verschiedene Kleinigkeiten, wie Stiefel, Handschuhe, Werkzeug, Koffer. Am besten, wir schreiben das gleich alles auf, dann können Sie die Sachen morgen schon abholen. Ich kümmere mich inzwischen um die Zulassung."

Uwes Finger glitten über die Stufenbank der 750er Honda. Das war ein Gefühl! Schon morgen sollte ihm dieser Ofen gehören? Er biss sich auf die Lippe.

"Es gibt da ein Problem, Herr Bommer", bekannte er. "Ich habe das Geld noch nicht. Ich könnte allenfalls eine kleine Anzahlung leisten. Das sind aber höchstens fünfhundert Euro."

Herr Bommer lachte gutgelaunt.

"Aber, mein lieber, junger Freund! Das ist doch überhaupt keine Affäre. Sie sind doch ganz groß im Lotto rausgekommen, wie ich mir habe erzählen lassen."

"Das schon, aber der Gewinn wird frühestens in einer Woche ausgezahlt." Dass er dann erst noch schwierige Verhandlungen mit seiner Mutter würde führen müssen, verschwieg er vorsichtshalber. Das würde schon irgendwie klappen.

Herr Bommer winkte großzügig ab.

"Bei mir haben Sie immer Kredit, Herr Groß", beteuerte er. "Ich bin doch stolz, Sie zu meinem Kundenkreis zählen zu dürfen. Sie zahlen, sobald Sie das Geld haben. Lassen Sie sich deswegen keine grauen Haare wachsen!"

Nein, grau versprachen Uwes Haare noch lange nicht zu werden. Jetzt schon gar nicht. Ab morgen fing das Leben an, richtig prima zu werden. Die anderen würden Stielaugen kriegen. Die meisten fuhren nur eine 250er. Rolf besaß eine 500er Yamaha, aber die hatte er gebraucht gekauft. In Zukunft würde Uwe der King in der Clique sein.

Er versprach, am nächsten Tag wiederzukommen, um das Motorrad abzuholen. Es war bestimmt kein schlechter Schachzug, die Familie vor die vollendeten Tatsachen zu stellen.

Auf dem Heimweg fiel ihm auf, dass Markus ungewöhnlich schweigsam war. Er ahnte den Grund.

"Du bekommst auch deine Kawasaki, auf die du so abfährst", verkündete er.

Markus' Miene hellte sich nicht auf.

"Na klar, aber erst wenn ich alt bin und Rheuma habe. Mann, weißt du, wieviel ich von meinem kargen Lohn zu Hause abgeben muss? Das dauert Jahre, bis ich die Tausender zusammengespart habe."

Uwe wusste, dass Markus zum Unterhalt der Familie beitragen musste, seit sein Vater verunglückt war. Markus war sein bester Freund. Er wäre sich schäbig vorgekommen, wenn er ihm jetzt nicht geholfen hätte. Schließlich konnte er es sich leisten.

"Ich schieße dir den Betrag vor", versprach er. "Du zahlst ihn mir in kleinen Raten zurück. Es eilt nicht, und selbstverständlich verlange ich auch keine Zinsen von dir."

"Na, hör mal!", wunderte sich Markus. "Kannst du denn das alleine entscheiden?"

Uwe blähte sich auf.

"Wegen Geld haben wir zu Hause noch nie gestritten. Mein Vater betont immer, dass man seinen Freunden unter die Arme greifen muss, wenn man die Möglichkeit dazu hat."

Im Augenblick dachte Eberhard Groß weniger an die Arme irgendwelcher Freunde. Versonnen stand er vor dem Reisebüro an der Hauptstraße und betrachtete die Bikinischönen auf den Plakaten mit den lockenden Sprüchen.

"Barbados wäre auch nicht übel", murmelte er. "Ob die Frauen dort wirklich alle mit Idealmaßen herumlaufen?" Er nahm sich vor, sich morgen während seiner Mittagspause mit Reiseprospekten einzudecken. Die konnten sie dann am Abend gemeinsam sichten und eine Route zusammenstellen, die jedem in der Familie etwas Interessantes bot. Er war fest davon überzeugt, dass sogar seine häusliche Veronika begeistert sein würde, wenn sie erst einmal die bunten Fotos von den fernen, geheimnisvollen Kontinenten zu Gesicht bekam.

Veronikas Gesicht hob sich nur flüchtig, als Eberhard sie begrüßte. Auf dem großen Wohnzimmertisch, auf dem um diese Zeit normalerweise längst das Abendessen stand, häuften sich Unmengen von Papieren, auf denen aber weder sonnige Strände, noch goldschimmernde Tempel abgebildet waren.

"Wir essen heute ausnahmsweise in der Küche", murmelte sie verlegen. "Ich habe den Platz hier gebraucht. Du glaubst gar nicht, wie ungeheuer groß die Auswahl ist."

"Darf man erfahren, was du eigentlich treibst?" Eberhard Groß ahnte Schlimmes.

"Das weißt du doch, Eberhard. Ich war heute bei einem Makler. Er hat mir eine Menge Material mitgegeben. Es stehen überall die Preise drauf. Wie findest du diesen Bungalow? Er ist zum Ersten bezugsfertig. Zu dumm, dass ich das mit den Möbeln nicht so schnell schaffe. Das Wohnzimmer brauchen wir unbedingt neu. Ich ziehe keinesfalls mit der alten Polstergarnitur um, die an den Armlehnen schon ganz abgeschabt ist."

Eberhard hielt den Moment nicht für günstig, um mit seinen eigenen Plänen zu kommen. Wenn Veronika erst merkte, dass man für hundertundelftausend Euro kein Haus bekam, würde sie von selbst diesen Gedanken fallenlassen. Er bekam ohnehin frühestens in sechs Wochen Urlaub. Bis dahin hatte sich ihre Begeisterung gelegt.

Nach und nach traf der Rest der Familie ein, sodass das Abendessen gemeinsam eingenommen werden konnte. Die vier waren ungewöhnlich schweigsam. War es früher beim Essen stets zu einer fröhlichen Unterhaltung gekommen, so starrte diesmal jeder verbissen auf seinen Teller.

"Ich muss gleich wieder weg", ließ sich Ina endlich hören. "Roland erwartet mich."

Das war die ganze Konversation.

 

*

 

So still wie das Abendessen ging auch das Frühstück am nächsten Tag über die Bühne. Nur das Notwendigste wurde gesprochen, doch offenbar fiel das keinem auf. Jeder war mit sich selbst beschäftigt. Immerhin nahm sich Eberhard vor, Veronika am Abend mit einem hübschen Geschenk zu überraschen. Vor allem aber fieberte er der Mittagspause entgegen. In der vergangenen Nacht hatten seine Reisepläne konkrete Formen angenommen.

Die Zeit bis dahin verstrich im Schneckentempo, doch kaum ertönte im Betrieb das Pausenzeichen, als er auch schon aus dem Büro stürmte. Seine Kollegen sahen ihm verwundert nach.

"Mit uns spricht er wohl nicht mehr, seit er Lottokönig ist", meinte einer scherzhaft. Ernstlich glaubte er das allerdings nicht. Eberhard Groß war allseits beliebt und als überaus kollegial bekannt.

Eberhard kam außer Atem im Reisebüro an. Eine blutjunge Blondine schenkte ihm ihr zauberhaftestes, buchungsförderndes Lächeln.

"Sie suchen einen Aktivurlaub", vermutete sie. "Surfen, Tennis, vielleicht auch Golf?"

"Wie kommen Sie darauf?" Eberhard musste lachen. So hatte er in seiner Lausbubenzeit gelacht. Schon damals hatte es ansteckend gewirkt. Die Blondine lachte tatsächlich mit und warf ihm einen anerkennenden Blick zu.

"Sie sind der geborene Sportstyp", fand sie. "Oder täusche ich mich da?" Es klang lauernd. Offenbar waren Aktivreisen besonders teuer. Die Kleine dachte an ihre Provision.

Sollte sich Eberhard als unsportlich ausgeben? Das konnte ihm keiner zumuten.

"Nun ja", sagte er ausweichend. "Ich hatte eigentlich eher an eine Weltreise gedacht. Man muss endlich mal wieder fremde Länder sehen. Man kommt ja viel zu selten aus Deutschland heraus, finden Sie nicht auch, Frau Schröder?"

Sie trug ihren Namen in Form eines schmalen Schildes auf ihrer Bluse. Jeder, der dort hinsah, konnte behaupten, er wollte wirklich nur den Namen lesen. Eberhard fiel auf, dass die Kleine auch nicht hässlicher war als die braunen Schönen auf Barbados.

Frau Schröder hielt den Atem an, was zwangsläufig Einfluss auf ihre sehenswerten Proportionen nahm.

"Eine Weltreise?", flötete sie entzückt.

"Bieten Sie die etwa nicht an?" Eberhard hatte an diese Möglichkeit überhaupt noch nicht gedacht. So klein war Breitwies nun auch wieder nicht, dass noch keiner den Wunsch nach einer Erdumrundung geäußert hatte.

"Wir können Ihnen mehrere Arrangements vorschlagen", beeilte sich die Blondine zu versichern. "Wir arbeiten mit allen führenden Reiseunternehmen zusammen."

"Aber?"

"Sie sind mein erster Kunde, der sich dafür interessiert", gestand Frau Schröder aufgeregt. "Ich finde das wahnsinnig spannend. Sie sind wohl schon weit herumgekommen?"

Eberhard dachte an Mallorca und die Lüneburger Heide. Das konnte er doch unmöglich zugeben. Die Kleine war so begeistert und interessiert. Nein, er durfte sie nicht enttäuschen. Wie stand er sonst da?

"Ach, wissen Sie", sagte er kopfnickend, "es kommt schon etwas zusammen. Ich reise für mein Leben gern."

Details

Seiten
78
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936650
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Januar)
Schlagworte
herz tennisball

Autor

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Titel: Das Herz ist doch kein Tennisball