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Der Schießer-Doc

2020 144 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Schießer-Doc

Copyright

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Der Schießer-Doc

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 144 Taschenbuchseiten.

 

Der berüchtigte Bandit Flint Teggard wird bei seinem Ausbruch aus dem Gefängnis verletzt und versteckt sich mit seiner Bande in den Elk Mountains. Da die Banditen seine Brenda entführt haben, reitet Doc Jeff Clanton in die Berge, um sie aus den Klauen der kriminellen Männer zu befreien. Weil er sich dem Eid verpflichtet fühlt, holt er die Kugel aus Teggards Bein. Zu schnell erholt sich der Bandit, reitet mit seiner Crew nach Blue Valley Town und erschießt den Sheriff, Brendas Bruder. Brendas Hass trifft Jeff, und sie hetzt ihre Mannschaft der Scott-Ranch hinter ihm her. So wird aus Doc Jeff Clanton der Schießer-Doc, denn er ist nun Jäger und Gejagter zugleich ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Reglos blickte Doc Jeff Clanton auf die im Mondlicht silbern glänzenden Gewehrläufe. Die drei Männer vor der morschen Hütte grinsten verkniffen. Ihre grausamen Gesichter kannte der Doc von vielen Steckbriefen her. Jeder dieser gefährlich aussehenden Kerle war tausend Dollar wert — tot oder lebendig, wie es hieß.

„Da bist du ja endlich, Doc“, knurrte der stämmige Chad Kilhoe, der wegen dreifachen Raubmordes gesucht wurde. Mit seiner zotteligen Felljacke wirkte er wie ein Grizzly. „Steig nur gleich wieder aufs Pferd, Doc! Wir haben noch ’nen harten Ritt vor uns. Wenn du nicht spurst, helfe ich mit meiner Knarre nach!“

Kilhoes Kumpane waren in Colorado unter den Namen Arizona Jim und Shorty McLayne bekannt. Arizona Jim, ein sehniger blonder Mann mit eishellen Augen und geschmeidigen Händen und zwei 44ern, mit kerbenbedeckten Kolben, tief an seinen Seiten. Shorty McLayne dagegen sah wie ein Gnom aus, klein, schmächtig, krummbeinig. Sein spitzes Gesicht mit den tückischen Augen wurde von langem strähnigem Haar umrahmt.

„Teggard, euer Boss, ist also zurückgekommen“, murmelte Doc Jeff Clanton. „Er hat wieder die alte Bande. Ich habe gehört, dass er bei seiner Flucht aus dem Gefängnis angeschossen wurde. Ihr wollt, dass ich ihm helfe — obwohl Teggard nur hier ist, um seinen Freund Allan Scott zu töten.“

„Du wirst trotzdem mitkommen“, kicherte Shorty McLayne höhnisch. „Erstens bist du der einzige Doc auf hundert Meilen Umkreis. Zweitens haben wir ’nen hübschen kleinen Trumpf, der todsicher wirkt. Frag nur den Kuhtreiber!“

Der Doc drehte sein bleiches kantiges Gesicht dem hageren Cowboy von der Scott-Ranch zu, der ihn in einem Gewaltritt von der Stadt zu diesem entlegenen Weidecamp gelotst hatte. Dave Grawford saß mit verkrampft hochgezogenen Schultern im Sattel.

„Tut mir leid, Doc! Ich hatte keine andere Wahl, als Ihnen vorzuschwindeln, dass einer meiner Kameraden hier Ihre Hilfe braucht. Ich musste tun, was diese Schurken von mir verlangten. Sie haben Miss Brenda Scott in ihrer Gewalt. Sie wollen sie töten, wenn Teggard an seiner Verletzung stirbt.“

Jeff zuckte zusammen. Er starrte Grawford entsetzt an. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Wie aus weiter Ferne hörte er McLaynes erneutes rostiges Kichern.

„Du siehst, Doc, wir sind genauestens im Bilde. Allan Scotts Schwester und du, ihr seid doch so gut wie miteinander verlobt. Ich wette, du würdest sogar den Teufel kurieren, um zu verhindern, dass ihr nur ’n Haar gekrümmt wird, was?“

Jeff atmete schwer. Zum ersten Mal bedauerte er seinen Entschluss, nie eine Waffe bei sich zu tragen. Die grinsenden Gesichter der Banditen kamen ihm wie Teufelsmasken vor.

„Wo ist Brenda? Bringt mich zu ihr! Ich rühre keinen Finger für euren Anführer, wenn ihr nicht ...“

„Langsam, Knochenflicker!“, unterbrach ihn der blonde Arizona Jim schneidend. „Den Ton kann ich nicht leiden! Damit es von Anfang an klar ist, hier stellen nur wir die Bedingungen! Scotts Schwester ist bei Teggard gut aufgehoben. Was mit ihr geschieht, hängt ganz allein von dir ab. Los, steig auf! Teggard geht es nicht gut. Er wartet.“

Mit zusammengebissenen Zähnen trat der junge Arzt neben seinen Rehbraunen, an dessen Sattel eine schwarze Ledertasche hing. Der schmächtige McLayne fragte krächzend: „Und was geschieht mit dem Kuhtreiber? Wenn wir ihn laufenlassen, hetzt er uns diesen verdammten Sternträger Scott auf den Hals, der Teggard vor zwei Jahren hinter Schloss und Riegel gebracht hat.“

Der kleine Bandit musterte den Weidereiter mit schiefgelegtem Kopf. Ein gieriges Funkeln war in seinen Wieselaugen. Dave Grawford duckte sich. Seine lassovernarbte Rechte tastete fahrig zum Holster, obwohl er gegen die drei auf ihn zielenden Gewehre nicht die Spur einer Chance besaß.

„Einen von euch Hundesöhnen nehme ich bestimmt noch mit auf die lange Reise!“, keuchte er gehetzt.

Jeff rief hastig: „Grawford wird euch bestimmt nicht verraten, solange ihr seine Rancherin als Geisel in euren Händen habt.“

Eine Weile war die Szene wie erstarrt. Trotz seines schwarzen knielangen Umhangs fröstelte Jeff Clanton. Dann stieß Arizona Jim scharf hervor: „Also, gut, Cowboy, verschwinde! Wir haben hier genug Zeit vertrödelt. Shorty, bring die Pferde hier! Der Knochensäger kann es kaum erwarten, seine hübsche Freundin wiederzusehen.“

Vorsichtig und misstrauisch wendete der Scott-Ranch-Reiter sein struppiges Rinderpferd. Die drei Banditen vor der verlassenen Camphütte setzten sich sporenklirrend in Bewegung. Grawford blickte nochmals zurück, als er den Rand der Sträucher jenseits des freien Platzes vor der Hütte erreichte. Jähes Entsetzen verzerrte sein mondbeschienenes hageres Gesicht. Seine Faust war zwar noch um den Revolverkolben geschlossen, aber er brachte die Waffe nicht mehr heraus. Ehe der Doc herumwirbeln konnte, krachte der Schuss. In der Stille der lauen Frühsommernacht klang er, als würde eine Kanone abgefeuert.

Grawford fuhr in den Bügeln hoch. Seine Hände krallten sich in die Jacke, als wollte er sie sich herabreißen. Dann kippte er seitlich aus dem Sattel. Der Gaul rannte wiehernd zwischen den Sträuchern davon. Grawford lag als schlaffes dunkles Bündel im zertrampelten Gras — ein Anblick, bei dem sich Jeff Clantons Magen zusammenkrampfte.

„Ihr Teufel! Ihr verfluchten Mörder!“

Chad Kilhoe, der stämmige Bandit, hebelte gelassen eine neue Patrone in den Gewehrlauf und spuckte aus.

„Teggard hat uns eingeschärft, nichts zu riskieren. Du weißt jetzt hoffentlich, was dir blüht, wenn du irgendwelche Zicken machst, Doc.“

Jeff drehte sich ab und ging mit hölzernen Schritten zu dem Getroffenen. Hinter ihm lachte Kilhoe roh.

„Vergebliche Mühe! Wen ich aufs Korn nehme, dem hilft kein Knochenflicker mehr.“

Sein Lachen schmerzte in Jeffs Ohren. Jeder Nerv in ihm fieberte danach, sich auf diesen skrupellosen Halunken zu stürzen. Aber das hätte gewiss seinen sicheren Tod bedeutet. Der Doc zwang sich, ruhig neben dem Weidereiter niederzuknien. Er beugte sich über ihn. Ein Blick in das starre mondlichtüberflutete Gesicht genügte. Für Dave Grawford gab es nichts mehr zu tun.

Kilhoe hinter ihm kam sofort heran. Der Bandit stieß mit dem Gewehr nach dem zusammengesunkenen, erschöpft wirkenden Arzt.

„Verdammt, steig endlich auf deinen Klepper, Doc, damit wir ...“

Aber wie ein Blitz aus heiterem Himmel schnellte der Doc hoch, zuckte herum und schlug mit des toten Grawfords langläufigem altem Paterson Colt zu. Kilhoe wurde drei Yard zurückgeschleudert, krachte schwer auf den Rücken und rührte sich nicht mehr. Im nächsten Moment deutete die Patersonmündung bereits auf die beiden anderen Banditen.

„Fallen lassen!“ Doc Jeff Clantons Stimme klang verändert, wild und voll tödlicher Entschlossenheit.

Arizona Jim zischte: „Dich hat wohl der Blitz gestreift, Hombre, was? Wirf das verdammte Eisen weg, du Narr! Du kannst ja doch nicht damit ...“

Die Waffe in Doc Jeff Clantons nerviger Rechter spuckte Feuer und Rauch. Der sehnige blonde Desperado fluchte schrill, als ihm der Karabiner von unwiderstehlicher Gewalt aus den Fäusten gewirbelt wurde. Fassungslos starrten die Verbrecher den jungen schwarz gekleideten Doc an. Seine Miene glich einer Kreidemaske mit unheimlich glühenden Augen.

„Was kann ich nicht?“, fragte er klirrend. „Wolltest du nicht eben etwas sagen, du Lump?“

Shorty McLayne ließ sein Gewehr fallen.

„Hölle und Verdammnis!“, krächzte er. „Da sind wir an keinen Doc, sondern an ’nen waschechten Revolverschwinger geraten.“

Geduckt ging Jeff auf sie zu. Seine Bewegungen wirkten katzenhaft. So bewegte sich nur ein Mann, der in der Wildnis zu Hause war.

„Ich bin kein Greenhorn aus dem Osten, wie ihr vielleicht gedacht habt. Ich bin im Westen aufgewachsen und konnte mit einem Sixshooter bereits umgehen, ehe ich wusste, wie ein Skalpell aussah. Ihr habt sicher von dem Revolverschwinger Missouri-Blackjack gehört, der vor fünf Jahren in El Paso erschossen wurde. Jahrelang zählte er zu den schnellsten Schießern im Südwesten. Missouri-Blackjack hat mir beigebracht, wo bei einem Colt vorne und hinten ist. Er war mein Vater.“

„Ich werd’ verrückt!“, keuchte McLayne.

Der blonde Zwei-Revolver-Mann aus Arizona knurrte gepresst: „Du bist trotzdem ein Narr, wenn du glaubst, hier den starken Mann spielen zu können, Doc. Vergiss nicht, wir haben Brenda Scott!“

Jeff blieb dicht vor ihm stehen. „Wo ist sie?“

Arizona-Jim grinste gezwungen.

„Wirf die Kugelspritze weg, Muchacho, dann bringen wir dich zu ihr!“

„Ich reite ohne euch! Zum letzten Mal, wohin habt ihr die Schwester des Sheriffs gebracht?“ Jeffs Stimme klang rissig. Die Vorstellung, dass sich die Frau, die er liebte, in der Gewalt so gewissenloser Schurken befand, machte ihn fast krank. „Los, zum Teufel, heraus mit der Sprache!“

Arizona-Jim starrte ihn lauernd an. Sein Blick war wölfisch. Unaufgefordert hob er die Hände in Schulterhöhe.

„Dein Job ist es, Menschenleben zu retten. Du wirst nicht schießen, denn das wäre glatter Mord. Was meinst du, Shorty?“ Seine glitzernden Augen sandten McLayne ein Signal zu.

Jeff hörte das Schurren von Stahl auf Leder. Er reagierte blitzschnell, hart und mitleidlos. Sein hochzuckender Coltlauf warf Arizona-Jim wie ein Stoffbündel zu Boden. Dann, ehe der gnomenhafte McLayne die Waffe auf ihn richten konnte, schnellte der Doc mit einem Panthersatz zur Seite. Der klobige Paterson bäumte sich donnernd in seiner Rechten. Vor McLaynes Stiefelspitzen spritzten Erdbrocken in die Höhe.

„Die nächste Kugel trifft dich in den Kopf!“, drohte Jeff messerscharf.

McLayne warf den Revolver weg. Sein spitzes, verschlagenes Gesicht färbte sich grünlich. „Mach keinen Blödsinn, Doc! Deine Freundin hätte es auszubaden, wenn du ...“

„Ich will endlich wissen, wo Brenda ist!“

McLayne warf einen gehetzten Blick auf Arizona-Jim und Chad Kilhoe, aber die konnten ihm im Moment so rasch auch nicht helfen.

„Sie ist oben in den Bergen, in der seit Jahren verlassenen Colorado Queen Mine. Sie wird gut bewacht. Teggard ist nicht allein, Doc, sei nicht verrückt! Du riskierst Kopf und Kragen, wenn du versuchst ...“

„Halt den Mund! Da hinein mit dir!“ Jeff wies mit dem Colt auf die fensterlose Hütte, die kastenförmig halb im Hügel steckte. Fluchend stolperte der kleine Bandit vor ihm her. Der Doc hakte von außen die Tür zu, ohne sich um McLaynes Gekeife zu kümmern.

„Warte nur, du verdammter Knochensäger, das wird dir noch leidtun! Du hast diesmal nur Glück gehabt. Du wirst uns noch kennenlernen und dir wünschen, nie geboren worden zu sein, du verfluchter Bastard!“

Jeff nahm sich keine Zeit, die beiden anderen Kerle zu fesseln. Der Vorsprung, bis sie wieder aufwachten und ihren Kumpan aus der Hütte befreiten, musste ihm genügen. Nur Brenda zählte jetzt! Mit wallendem Mantel rannte Doc Clanton zu seinem Pferd, sprang geschmeidig in den Sattel und preschte in die mondhelle Nacht hinein.

 

 

2

Der sanfte Wind, der würzigen Harz- und Fichtennadelduft von den dunklen Berghängen herabwehte, drehte sich und trug den Pferden die Witterung des fremden Mannes zu. Eines der Tiere im Schatten eines halb verfallenen Bretterschuppens schnaubte laut und verräterisch. Sofort presste sich Jeff Clanton eng in eine Felsnische, die rechte Faust unter dem Umhang hart um den Kolben des 44er Colts gespannt. Nur noch ein halbes Dutzend Schritte trennten ihn vom Eingang des Minenstollens, aus dem matter gelber Lichtschein auf die verrosteten Gleise einer Feldbahn fiel.

Das von hohen Bergrücken umschlossene Minenplateau bot im Mondlicht einen trostlosen, beklemmenden Anblick. Morsche, baufällige Hütten, die aussahen, als könnte der nächste Windstoß sie umreißen, Abfallhaufen und umgestürzte rostbedeckte Feldbahnwagen.

Die Pferde prusteten nervös. Jeff lauschte auf die raue fremde Stimme im beleuchteten Stollen. „Sieh nach, was da draußen los ist, Billy Joe! Vielleicht treibt sich Raubzeug in der Nähe herum. Nimm die Winchester mit!“

Ein mürrisches Brummen antwortete. Dann näherten sich Tritte dem Ausgang. Gleichzeitig wurde der Docht der Lampe im Stollen tiefer gedreht, so dass das Lichtbündel schrumpfte. Jeff zog vorsichtig den Colt unter dem Mantel hervor. Dann wagte er keine Bewegung mehr. Sein Herz klopfte heftig bei dem Gedanken, dass ihn nur noch ein paar lächerliche Yard von dem Versteck trennten, in dem Brenda Scott gefangengehalten wurde. Der laue Nachtwind trocknete den Schweiß auf seinem angespannten glühenden Gesicht.

Knirschende Schritte kamen langsam die Felswand entlang. Ein kräftiger junger Mann in Cowboykleidung, mit einem Gewehr in den Fäusten, schob sich in Doc Jeffs Blickfeld. Sein kantiges sonnenverbranntes Gesicht war neu in Flint Teggards Banditencrew. Jeff kannte keinen Steckbrief von ihm. Der Bandit kam dicht an Jeffs Versteck vorbei. Offenbar wollte er sich dem windschiefen Brettergebäude in einem vorsichtigen Bogen nähern.

Der Doc wollte schon aufatmen, da stockten die Schritte plötzlich. Zuerst bückte sich der junge Bandit nur, dann ließ er sich lauernd auf ein Knie nieder. Der Kerl musste Augen wie ein Luchs besitzen.

Jeff glitt mit dem Colt in der Faust aus seiner Deckung. Im selben Moment richtete sich der junge Desperado dicht vor ihm hastig auf und drehte sich um. Sein Mund war schon zum Alarmruf geöffnet. Jeff war schneller. Seine Linke schloss sich wie eine Stahlklammer um die Kehle des Gegners. Zum dritten Mal in dieser Nacht gebrauchte der Doc den Paterson Colt als Hiebwaffe.

Der Bandit erschlaffte in seinem Griff. Jeff hielt ihn fest und lehnte ihn vorsichtig an die steile Felswand. Aber er konnte nicht verhindern, dass die Winchester des jungen Desperados hart über den felsigen Boden schrammte.

„Billy Joe, was gibt’s?“ Das war wieder die sonore, raue Stimme von zuvor. Im Stollen bewegte sich jemand.

Jeff Clanton verlor keine Sekunde mehr. Es war ihm jetzt egal, mit wie vielen Gegnern er es noch zu tun hatte. Die brennende Sorge um Brenda Scott peitschte ihn voran. Wie ein Spuk stand er plötzlich im fahl erhellten Viereck des Stolleneingangs.

„Niemand bewegt sich!“ Jeffs wildes Kommando brach sich hohl an den mit Brettern und Balken abgestützten rissigen Felswänden.

Zwei Männer, deren Hände an den Coltholstern lagen, starrten ihn geduckt an. Ihre Haltung, ihr flackernder Blick erinnerten an jäh in die Enge getriebene Raubtiere. Und genauso gefährlich und unberechenbar waren sie sicherlich auch.

Der eine - ein mittelgroßer, drahtiger Mexikaner, dessen dunkelbraunes Gesicht mit den hervorstehen den Wangenknochen seine indianische Abstammung verriet, hieß Ramon Vargas. Sein Steckbrief hing neben dem von Arizona-Jim in Blue Valley Town. Er trug einen spitzkronigen Sombrero an der Windschnur auf dem Rücken. Außer dem patronenschweren Waffengurt wand sich eine scharlachrote Schärpe um seine Hüften. Silberne Zierknöpfe funkelten an den Nähten seiner engen Chivarra-Hose.

Den anderen Mami kannte Jeff nicht. Er war groß, hager, besaß graues kurz geschnittenes Haar und trug einfache Reitertracht. Sein markantes Gesicht war von mehreren auffälligen Narben gezeichnet, die ihm einen wenn auch nicht unbedingt häßlichen, so doch wilden, gefährlichen Ausdruck verliehen. Dieses Gesicht konnte man nicht mehr vergessen, wenn man es einmal gesehen hatte.

Neben diesem Mann lag Flint Teggard auf einem Deckenlager: ein großer, breitschultriger Kerl mit eckigem Gesicht, das nun grau, eingefallen und mit Schweißperlen bedeckt war. Teggards Augen waren geschlossen, sein rechtes Hosenbein bis zur Hüfte mit einem Messer aufgeschlitzt. Ein blutverkrusteter, verschmutzter Verband war um seinen Oberschenkel gewickelt. Jeff hatte den berüchtigten Verbrecher als einen kraftstrotzenden Klotz von Mann in Erinnerung. Jetzt wirkte der Bandenboss mehr tot als lebendig. Aber auch in der Bewusstlosigkeit spiegelte seine Miene jene Härte, mit der es dieser Mann geschafft hatte, seinen Verfolgern trotz der Verletzung zu entkommen und in diesen einsamen Teil der Elk Mountains zurückzukehren, wie er es vor zwei Jahren geschworen hatte.

Dann sah der Doc Brenda Scott. Er musste sich zusammenreißen, um nicht einfach zu ihr zu laufen. Brenda war an einen runden Stützpfeiler gefesselt, erschöpft und kreidebleich - ein Bild des Jammers. Nur die Stricke, mit denen sie festgebunden war, schienen sie aufrecht zu halten. Ihre grüne Bluse und der geteilte Reitrock waren zerknittert, dornenzerkratzt und staubbedeckt. Das tizianrote Haar, das sie sonst hochgesteckt trug, fiel auf ihre schmalen weichgerundeten Schultern. Aber selbst in Lumpen hätte diese junge gertenschlanke Frau jeden Mann beeindruckt. Ihre Figur war makellos. Die festen, spitzen Brüste zeichneten sich deutlich unter der durchgeschwitzten Bluse ab. Brendas meergrüne Augen starrten Jeff erst ungläubig, dann in freudigem Schreck an.

„Jeff!“, stöhnte sie. „Dem Himmel sei Dank! Ich hatte schon keine Hoffnung mehr ...“

Der Mexikaner sah aus, als würde er im nächsten Moment wie ein Puma auf den Doc losspringen. Jeff trat in den Stollen und richtete die Waffe auf ihn.

„Abschnallen! Du zuerst, Vargas, dann dein Partner.“

Die dunklen, etwas schrägstehenden Augen des Bravados funkelten hasserfüllt. Der Narbige sagte mit jener sonoren Stimme, die Jeff bereits draußen gehört hatte: „Tu, was er verlangt, Ramon! Er sieht nicht sehr geduldig aus. Mister, was hast du mit Billy Joe angestellt?“

„Er schläft tief und fest. Aber ihr werdet gleich noch viel tiefer schlafen, wenn ihr nicht tut, was ich verlange. Ich bin Doc Clanton aus Blue Valley Town. Die Tatsache, dass ich ohne eure Freunde Kilhoe, Arizona-Jim und Shorty McLayne gekommen bin, sollte euch von Dummheiten abhalten. Wie heißt du, Bandit?“

„Man nennt mich Scarface Tom, Narbengesicht-Tom. Meinen wirklichen Namen habe ich schon lange vergessen.“ Die stahlgrauen Augen des Hageren starrten Jeff durchdringend an. Dann schnallte der Mann achselzuckend seinen Revolvergurt ab. Vargas’ Colt lag bereits auf dem sandigen Boden. Der braunhäutige Bandit fluchte leise auf mexikanisch. Jeff blickte ihn an und wies mit der Waffe auf die Gefangene.

„Binde sie los!“

Zögernd wandte sich Vargas um. Teggard bewegte sich stöhnend und mit noch immer geschlossenen Augen auf seinem Lager. Gleich darauf lag er wieder still. Scarface Tom murmelte rau: „Die Kugel steckt noch in seinem Bein. Wenn sie heute Nacht nicht herausgeholt wird, bekommt er todsicher den Brand, und dann ist es aus mit ihm.“

Sekundenlang war Jeff ab gelenkt. Als er wieder auf Vargas schaute, blitzte ein Messer in der Faust des Mexikaners. Die Klinge war nur eine Handbreit von Brendas weißem Hals entfernt. Vargas’ Zähne leuchteten in dem braunen scharfgeschnittenen Gesicht.

„Es wäre verdammt schade um die reizende Chica, meinst du nicht auch, Doc?“

Brenda presste die Lippen zusammen. Das Zucken ihrer Mundwinkel verriet, dass sie nahe daran war, die so lange und so mühsam bewahrte Fassung zu verlieren.

Jeff keuchte: „Meine Kugel wird schneller sein, Vargas.“

Das wilde Grinsen des Mexikaners erlosch.

„Meinst du? Ich lasse es darauf ankommen, Gringo Doc!“

Scarface Tom war mit einem Satz bei ihm, riss ihn halb herum und knallte ihm die geballte Rechte ans Kinn. Hinter diesem blitzschnellen, präzisen Schlag steckte die Wucht eines Dampfhammers. Vargas flog quer durch den Stollen. Lautlos rutschte er an der Felswand nieder, fiel auf die Seite und rührte sich nicht mehr. Scarface ließ die Fäuste sinken. Sein zerfurchtes Gesicht war ausdruckslos.

„Spar dir die Kugel, Doc! Ich hasse unnötiges Blutvergießen, auch wenn ich in deinen Augen nur ein lausiger Bandit bin.“

Jeff fragte sich, wem der Narbige eben das Leben gerettet hatte, Brenda oder dem Mexikaner. Der Desperado bückte sich nach Vargas’ Messer. Er lächelte nur spöttisch, als Jeffs Waffe drohend ruckte. Ruhig ging er zu der jungen rothaarigen Frau und schnitt sie los. Dann warf er das Messer weg und trat an die Wand des Stollens zurück. „Zufrieden, Doc?“

Brenda schwankte und sah aus, als würde sie gleich zusammenbrechen. Jeff lief zu ihr und hielt sie fest. Sein Paterson blieb dabei auf den großen narbengesichtigen Banditen gerichtet.

„Gib ihr was zu trinken, Scarface! - Brenda, mein Schatz, nur ruhig, es ist alles überstanden!“

Die Frau klammerte sich wie eine Ertrinkende an ihn. Jeff spürte, wie sie zitterte.

„O Jeff, es war alles so schrecklich ...“

Scarface Tom brachte ihr eine runde lederüberzogene Wasserflasche. Als Brenda getrunken hatte, wurde sie ruhiger. Jeff gab ihr den Colt.

„Pass auf ihn auf!“, sagte er mit einem Blick auf Scarface. „Ich werde ihn fesseln. Schaffst du’s?“

Die junge Ranchbesitzerin nickte krampfhaft. Ihre grünen Augen blitzten.

„Nach allem, was ich ausgestanden habe, wird es mir nichts ausmachen, abzudrücken, wenn er sich wehrt.“

Scarface Tom grinste säuerlich.

„Keine Sorge, ich bin kein Selbstmörder. Tu, was du nicht lassen kannst, Doc!“

Jeff fand in den Satteltaschen der Banditen genug Lederriemen. Er fesselte Scarface erst die Hände auf den Rücken. Dann befahl er ihm, sich zu setzen und band ihm auch die Fußgelenke zusammen. Anschließend kam Vargas an die Reihe, der langsam erwachte und abermals zu fluchen begann. Jeff vergaß auch den jungen Billy Joe nicht. Er schleifte ihn herein, legte ihn neben die anderen und verschnürte ihn ebenfalls. Scarface Tom beobachtete ihn stumm und mit unerschütterlicher Ruhe.

„Und was wird aus Teggard?“

Brenda reichte dem Doc den Colt zurück. Ihr warmer Atem streifte seine Wange.

„Lass uns verschwinden, Jeff! Ich halte es keine Minute länger hier aus. Wir müssen sofort Allan benachrichtigen.“

Jeffs Blick ruhte nachdenklich auf der hünenhaften Gestalt des verwundeten Bandenführers. Teggard bewegte sich wieder. Schmerzen zerwühlten sein aschfahles, schweißbedecktes Gesicht. Seine Hände krallten sich in die Decken.

„Chad!“, keuchte er. „Verdammt noch mal, schneidet mir endlich die Kugel raus! Das ist ja nicht mehr auszuhalten. Das brennt wie die Hölle.“ Seine Lider flatterten. Er schlug die fiebrig glänzenden Augen auf. „Chad, he, wo steckst du? Wo ...“ Sein Blick fiel auf Jeff. Er starrte ihn trübe an. „Bist du’s, Scott? Bist du wieder da, um mich nochmals ins Jail zu stecken?“

„Ich bin Clanton, der Doc. Ich bin hier, um dir die Kugel rauszuholen, Teggard.“

„Clanton?“, wiederholte Teggard benommen. Er versuchte sich aufzustützen, sank jedoch kraftlos aufs Lager zurück. Seine Brust hob und senkte sich heftig. „Verdammte Schmerzen!“, ächzte er. „Wo ist Tom? Ich habe Durst, Tom. Ich verbrenne. Zum Teufel, kümmert sich denn keiner mehr um mich, ihr verdammten ...“ Seine Stimme erlosch. Er lag still wie zuvor.

Erschrocken blickte Brenda Scott in Jeffs Gesicht hoch.

„Das ist doch nicht dein Ernst! Du willst doch nicht wirklich ...?“

„Brenda, er stirbt, wenn ich es nicht tue. Er bekommt den Brand ins Bein. Dann ist er verloren.“

Jeff wollte zu Teggard, aber die junge Frau hielt ihn am Arm fest. Ihre grünen Augen brannten sich an ihm fest. Ihre Stimme klang herb.

„Weißt du, warum er hier ist? Er will nach Blue Valley Town, um Allan zu töten.“

„Er braucht dennoch meine Hilfe. Brenda, vergiss nicht, ich bin Arzt! Es ist meine Pflicht ...“

Sie unterbrach ihn heftig: „Deine Pflicht ist es, meinen Bruder vor diesen zweibeinigen Bestien zu beschützen! Allan hat keine Ahnung, dass Flint Teggard bereits in den Elk Mountains ist. Wir müssen zu ihm.“

„Teggard kann ihm so schnell nicht gefährlich werden.“

„Und was ist mit Kilhoe, Arizona-Jim und dieser Ratte McLayne?“ Als Jeff schwieg, griff Brenda auch nach seinem anderen Arm. Ihre Stimme wurde schrill. „Sie sind also noch auf freiem Fuß. Sie können bald zurückkehren. Und trotzdem willst du bleiben und ...“

„Reite allein, Brenda! Sag Allan Bescheid! Ich werde nachkommen. Auch wenn du es nicht verstehst — ich kann in Teggard jetzt nicht nur den steckbrieflich gesuchten Verbrecher sehen. Ich habe einen Eid darauf abgelegt, jedem Kranken und Verwundeten zu helfen, ohne Unterschied.“

„Teggards Killer werden dich mit einer Kugel belohnen, Jeff. Um Himmels willen, sei vernünftig!“

Jeff löste sich von ihr, verließ die Mine und holte sein Pferd übers mondbeschienene Plateau. Brenda lief ihm entgegen. Im Mondlicht wirkte ihr fein geschnittenes Gesicht wie aus Marmor gemeißelt. Sie schlang ihre weichen Arme um ihn.

„Du hast es dir also doch anders überlegt, Jeff? Du kommst mit?“

Der Doc schnallte die schwarze Ledertasche vom Sattel los.

„Ich habe als Sohn eines Revolvermannes viel Leid und Tod gesehen. Ich bin Arzt geworden, weil ich das Gegenteil von dem tun wollte, was mein Vater tat. Mein Beruf ist es, Menschenleben zu retten. Das ist mehr als nur ein Job, der ohnedies manchmal recht schlecht bezahlt wird. Nimm mein Pferd, Brenda, es kennt dich. Reite und pass auf, dass du Kilhoe und seinen Kumpanen nicht begegnet.“

Schwer atmend trat Brenda von ihm zurück. Sie schien nach Worten zu suchen, aber die steinerne Entschlossenheit seiner Miene ließ sie schweigen. Die Art, wie sie sich in den Sattel schwang, verriet die geübte Reiterin. Mit verschlossener Miene blickte sie auf den sehnigen Mann im schwarzen Umhang hinab.

„Hoffentlich wirst du es nie bereuen, Jeff“, sagte sie leise und gepresst. Dann riss sie heftig den Rehbraunen herum. Im Galopp stob sie übers steinige Plateau davon.

 

 

3

Mit der Arzttasche unter dem Arm kehrte Jeff in den Stollen zurück. Teggards Augen waren offen, sein Blick klarer als vorhin. Als sich Jeff über ihn beugte, zog ihm der Verwundete blitzschnell den Paterson Colt aus dem Hosenbund. Ein fahles Grinsen geisterte über Teggards graues hohlwangiges Gesicht.

„Hallo, Doc, mach schnell und hol mir die verdammte Kugel aus dem Bein! Streng dich an, damit alles klappt! Wenn ich zur Hölle sause, begleitest du mich garantiert.“

Jeff blickte kalt auf ihn nieder.

„Du hast dich nicht verändert, Teggard.“ Ohne die Waffe des Verbrechers weiter zu beachten, wandte er sich um und legte den Umhang ab.

Die Banditen hatten in ihrem Versteck reichlich Brennholz gesammelt. Außerdem besaßen sie einen gusseisernen Kochkessel und genug Wasser in den Lederflaschen. Schnell und geübt wie ein echter Westler fachte Jeff ein Feuer an. Er setzte den wassergefüllten Topf auf einige kreisförmig geschichtete Felsbrocken darüber. Dann schnitt er Streifen Verbandsmaterial zurecht. Auf einer sauberen Decke breitete er seine Arztinstrumente aus. Er sterilisierte Skalpell, Pinzetten und Aderklammern im siedenden Wasser. Ehe er bei Teggard niederkniete, drehte er den Docht der Petroleumlampe höher. Vorsichtig nahm er dem Desperado den verschmutzten Verband ab. Jeff biss unwillkürlich die Zähne zusammen, als er die grässlich verfärbte, eiternde Wunde sah. Scarface Tom hatte recht gehabt, es war wirklich allerhöchste Zeit.

„Wirst du’s schaffen, Doc?“, keuchte Teggard.

Jeff blickte ihn kalt an.

„Bestimmt nicht, wenn du dauernd mit dem Schießeisen vor meiner Nase rumfuchtelst.“

Zähneknirschend legte Flint Teggard den Colt neben sich auf den sandigen Stollenboden.

„Glaub ja nicht, ich lasse mich hinterher von dir zu deinem Freund, dem Sheriff, schleppen. Well, verdammt noch mal, fang endlich an.“

Jeff zögerte.

„Hör zu, Teggard, deine Leute haben einen Fehler gemacht. Ich wurde unter dem Vorwand aus Blue Valley Town fortgelockt, um einen Scott-Ranch-Cowboy auf Typhusverdacht zu untersuchen. Ich habe nichts dabei, um dich zu betäuben.“

„So ein Spaß!“, grinste der Bandit verzerrt. „Aber freu dich nicht zu früh, ich werde nicht schreien. Los, du sollst anfangen, Mann, sonst helfe ich doch mit der Kugelspritze nach!“

Scarface Tom rief: „Binde mich los, Doc, dann werde ich dir helfen. Ich verspreche dir ...“

Jeff blickte kurz über die Schulter.

„Wieviel ist das Wort eines Banditen und Kidnappers wert?“, fragte er eisig. „Gib dir keine Mühe, Scarface, ich traue keinem von euch! Ich komme schon allein zurecht.“

„Wenn nicht, Doc“, knirschte Teggard, „dann weißt du hoffentlich, was dir blüht.“ Seine Rechte tastete nach dem 44er.

Doc Clanton säuberte sorgfältig die Wunde mit einem Lappen und heißem Wasser. Seine nervigen, schlanken Hände tasteten Teggards Oberschenkel ab, um herauszufinden, wie tief die Kugel steckte. Teggard presste die Lippen zu einem messerscharfen dunklen Strich zusammen. Jeff griff zum Skalpell. Er wusste, dass ihn keine leichte Arbeit erwartete. Aber er war jetzt ganz ruhig und konzentriert, wie immer in solchen Augenblicken. Jetzt war er nur noch Arzt, bis in die letzte Faser seines Körpers.

Beim ersten tiefen Schnitt knirschten Teggards Zähne aufeinander. Aber kein Laut kam aus seiner Kehle. Blut floss auf die Decken. Jeffs Hände bewegten sich schnell und geschickt. Mit einem weiteren Schnitt öffnete er die Wunde. Rasch klemmte er die Adern ab. Die Kugel war noch nicht zu sehen. Teggards Miene war schrecklich verzerrt, sein muskulöser Oberkörper durchgebogen. Seine Fäuste waren so hart, dass die weiße Haut über den Knöcheln zu platzen drohte. Jeder andere, weniger harte Mann hätte längst die Besinnung verloren. Scarface Tom, Vargas und auch Billy Joe, der inzwischen erwacht war, starrten gebannt auf ihn und den Doc.

Erst als Jeff den Bleiklumpen in Teggards Oberschenkel mit einer Wundsonde ertastete, rang sich ein heiseres, tierisches Stöhnen aus Teggards Kehle. Aber da erschlaffte er auch schon. Seine massige Gestalt lag da wie tot. Nochmals brauchte der Doc das Skalpell, dann konnte er die Kugel mit einer Pinzette herausholen. Er entfernte die Klammern, verödete die Adern mit einer glühenden Messerspitze und legte hastig einen straffen Verband an.

Während er noch flink hantierte, wehte jähes Hufgeklapper übers Plateau. Einen Moment hielt Jeff inne und hob lauschend den Kopf. Alles war wieder still. Jeff überlegte, ob er sich getäuscht hatte. Aber ein Blick in die angespannten Gesichter der gefesselten Desperados verriet ihm, dass auch sie es gehört hatten. Ein lauerndes Funkeln war in ihren Augen. Jeff arbeitete schnell weiter. Teggards Gesicht war wachsbleich, mit einem öligen Schweißfilm überzogen. Teggard atmete flach und stoßweise. Für ihn kam es darauf an, ob er die nächsten vierundzwanzig Stunden überlebte. Wenn ja, dann würde dieser eisenharte Kerl bald wieder auf den Beinen sein.

Jeff zog den letzten Knoten des Verbandes fest, ergriff den Colt und sprang auf. Das sanfte Raunen des Windes auf dem Minenplateau war verstummt, die Fichten auf den umliegenden Hängen rauschten nicht mehr. Verschwommene Geräusche sickerten in den Stollen. Jeff spürte die unsichtbare Gefahr, die draußen lauerte wie einen Eishauch. Kilhoe und seine Kumpane waren früher da, als er gerechnet hatte. Nur sie konnten dort draußen sein.

Jeff ließ die Colttrommel rotieren. Dann löschte er die Petroleumlampe. In der pechigen Dunkelheit murmelte Scarface Tom rau: „Gib lieber auf, Doc! Du schaffst es ja doch nicht mehr!“

Auf Zehenspitzen schlich Doc Clanton zum Stollenausgang. Das halbe Plateau war in Finsternis getaucht, nur von einem schmalen Mondlichtstreifen unterbrochen. Ein leises Wiehern klang durch die Nacht. Nichts rührte sich. Jeff lächelte grimmig. Todsicher warteten die Halunken bei den Pferden auf ihn.

Jeff jagte aufs Geratewohl einen Schuss zum Schuppen hinüber. Donnerndes Echo antwortete. Die Gäule wieherten schrill, Hufe polterten gegen Bretterwände.

Jeff schrie entschlossen: „Von mir aus warten wir gemeinsam auf den Sheriff und sein Aufgebot. Ich habe es nicht eilig, nach Blue Valley Town zurückzukehren.“

Flüche antworteten, dann blitzten Mündungsfeuer. Jeff duckte sich hinter einen Felsvorsprung. Kalte Ruhe erfüllte ihn. Er verzichtete darauf, zurückzuschießen. Wenn die Schurken zum Mineneingang wollten, mussten sie den Streifen mondheller Fläche überqueren, auf dem sie ein deutliches Ziel bieten würden. Jeff wartete gelassen. Aber mit seiner Ruhe war es aus, als eine schrille, verzweifelte Stimme aus der Dunkelheit gellte.

„Flieh, Jeff! Sie wollen ...“ Der Schrei wurde von einer Hand erstickt. Wieder hörte Jeff einen Fluch. Sekundenlang war er wie gelähmt. Der Klang dieser Stimme hatte ihn ins Innerste getroffen. Brenda!, dröhnte es in seinem Kopf. Sie war also doch Kilhoe, Arizona-Jim und McLayne in die Hände gefallen. Damit war alles aus.

Ein scharrendes Geräusch war hinter ihm. Er zuckte herum, schwang den 44er hoch und war doch nicht schnell genug. Ein Schlag traf ihn quer über die Stirn. Die schattenhafte Gestalt vor ihm löste sich in einem Funkenwirbel auf.

„Ich hatte recht, Jungs, der Kerl wusste nichts von dem versteckten zweiten Zugang zum Stollen ...“ Chad Kilhoes dröhnendes Hohngelächter schien sich zu entfernen. Plötzlich war alles wie ausgelöscht.

 

 

4

Zwei Tage später trieb rasendes Hufgetrappel die faul auf ihren Decken und Sätteln lungernden Desperados hoch. Kilhoe riss seinen Gaul vor dem Mineneingang brutal auf die Hanken, sprang fluchend aus dem Sattel und stürmte wie ein angeschossener Grizzly herein. Seine zottelige Felljacke war staubbedeckt. Ein dünnes verkrustetes Blutrinnsal lief von der Schläfe über seine rechte Gesichtshälfte.

„Indianer!“, keuchte er. „Beinahe hätten sie mich erwischt. Verdammt, ich hatte keine Zeit mehr, die Spuren zu verwischen. In zehn Minuten sind sie hier.“

Die anderen starrten ihn halb ungläubig, halb erschrocken an. Der kaltäugige blonde Arizona-Jim spuckte dem stämmigen Kilhoe gezielt einen Strahl Tabakssaft vor die Füße.

„Der arme Chad! Ich habe schon lange darauf gewartet, dass er eines Tages überschnappt.“

„Quatsch!“, fauchte Kilhoe. „Es sind mindestens ein Dutzend Rothäute, alle schwer bewaffnet! Ute-Indianer, die aus der Reservation ausgebrochen sind. Sie ritten genau vor meine Winchester. Da habe ich einen von den roten Hunden aus dem Sattel geschossen. Ich rechnete nicht damit, dass sie so verflucht zäh auf meiner Fährte kleben würden ...“

„Lernst du denn nie deine Schießwut zu bezähmen, du verdammter Idiot!“, stieß Scarface Tom zornig hervor.

„Pass auf, was du redest, Scarface!“ Mit wild glitzernden Augen fuhr Kilhoe zu ihm herum. Seine haarige Pranke glitt zum abgewetzten Revolverkolben.

„Das fehlte noch, dass ihr euch gegenseitig über den Haufen knallt!“, klang Teggards schneidende Stimme durch die Höhle. „Ich schätze, zehn Minuten Vorsprung genügen. Wir verschwinden. Wir reiten nach Blue Valley Town. Es wird sowieso höchste Zeit, dass ich mit dem Sternträger abrechne.“

Alle blickten ihn überrascht an. Vor zwölf Stunden war Flint Teggard noch fiebernd und stöhnend auf seinem Lager gelegen, hatte nur Unmengen getrunken und keinen Bissen zu sich genommen. Jetzt lehnte er sitzend an der Felswand, das verwundete Bein ausgestreckt, und sein eckiges Gesicht wirkte so hart und entschlossen wie eh und je. Seine steingrauen Augen blickten kalt von einem zum anderen.

„Los, zum Teufel, worauf wartet ihr noch? Beeilt euch, sattelt die Pferde! Es geht endlich wieder los!“ Er tastete nach der Winchester, die neben ihm lag, benutzte sie als Krückstock und stemmte sich hoch. Jeff Clanton, der gefesselt neben der jungen Rancherin kauerte, traute seinen Augen kaum. Teggard schaffte es tatsächlich. Seine Wangenmuskeln traten knotig hervor, einen Moment schwankte er gefährlich. Aber dann stand er groß und massig im Stollen, ein Bulle von einem Mann, so dass man fürchtete, der Karabiner könnte sein Gewicht nicht aushalten. Schweiß glänzte auf Teggards Stirn, und seine unrasierten Wangen waren noch immer tief eingesunken. Doch sein Blick glühte wieder genauso wölfisch wie damals, als er dem Sheriff von Blue Valley Town tödliche Rache geschworen hatte.

Brenda, die in den zwei Tagen der Gefangenschaft kein Wort gesprochen und nur das Nötigste gegessen hatte, begann plötzlich heftig an den Fesseln zu zerren.

„Teggard, Sie Schuft, bleiben Sie von der Stadt weg! Lassen Sie Allan in Ruhe, sonst hetze ich meine ganze Cowboymannschaft hinter Ihnen her!“

Der hünenhafte BandenBoss lachte grollend.

„Wie willst du das denn anstellen, Puppe?“ Schwankend drehte er sich herum. Sein kantiges Gesicht mit den mitleidlosen Augen sah plötzlich zum Fürchten aus. „Du kannst mir meinetwegen mit sämtlichen Sheriffs und Marshals der Vereinigten Staaten drohen, Herzchen“, zischte er wild. „Dein Bruder bekommt dennoch, was er verdient, nämlich eine Kugel zwischen die Augen, wie ich es ihm versprochen habe. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie mich vor zwei Jahren gehängt. Leider reichten die Beweise nur aus, um mich lebenslänglich hinter Gittern zu schicken. Zwei Jahre in der Hölle des Zuchthauses von Colorado - mir genügte das! Zwei Jahre eingesperrt wie ein Tier, geschunden, verhöhnt, geschlagen! Zwei volle Jahre meines Lebens! Du ahnst nicht, was das für mich bedeutet, sonst würdest du den Mund halten und dem Himmel danken, dass du überhaupt noch lebst.“

Unter Teggards sengendem Blick erstarrte die junge Frau.

Jeff stieß hervor: „Du übernimmst dich, Teggard. Du solltest lieber an deine Verletzung denken, nicht an einen Ritt nach Blue Valley Town. Wenn du jetzt schon reitest, machst du dich nur selber kaputt. Du bist noch lange nicht so auf der Höhe, dass du ...“

„Zerbrich dir nicht meinen Kopf!“, fuhr ihn der Desperado an. „Du kennst mich noch immer nicht richtig, Clanton. Ihr alle in der verdammten Stadt wisst noch nicht richtig über mich Bescheid. Ich werde es nicht nur schaffen, Allan Scott ’ne Kugel zu verpassen. Ich werde hinterher auch ungeschoren aus Colorado verduften. Mich steckt keiner mehr ins Jail, und am Galgen werdet ihr verfluchten Pfeffersäcke mich erst recht nicht sehen!“

Plötzlich lachte er wieder.

„Oder hast du geglaubt, zum Dank dafür, dass du mir die Kugel rausgepflückt hast, verschone ich deinen Freund, den Sternträger? Da kann ich nur lachen, Doc!“ Jäh fuhr er herum und herrschte die anderen an: „Was steht ihr noch da und glotzt? Ihr sollt euren Krempel zusammenpacken und die Pferde herbringen. Oder ...“ Seine Augen verengten sich. Er beugte, noch immer auf das Gewehr gestützt, seinen massigen Oberkörper vor. „Oder ist da etwa einer, dem es nicht mehr passt, dass ich hier kommandiere, he? Der etwa meint, dass ich nur noch ’n halber Mann bin, seit ich die Kugel einfing?“

Scarface Tom räusperte sich: „Vielleicht hat der Doc recht, Flint. Vielleicht solltest du noch ein paar Tage warten, ehe du wieder auf ein Pferd steigst. Wir könnten uns schließlich hier verschanzen und den Indsmen ’nen heißen Empfang bereiten, wenn sie ...“

„Nichts da!“ Teggards Rechte klatschte drohend auf den Kolben des Colts, den er seit einem Tag wieder am Gürtel trug. „Wir reiten nach Blue Valley Town, basta! So dicht vorm Ziel riskiere ich nicht, von den Utes massakriert zu werden.“

Der junge blauäugige Billy Joe Baxter und Vargas, der Mexikaner, liefen nach den Pferden. Die anderen rollten die Decken zusammen und verstauten Proviant und Ausrüstungsgegenstände in den Satteltaschen. Teggard schaute reglos und hoch aufgerichtet zu. Es war fast unglaublich, dass dieser Mann vor zwei Tagen noch auf Leben und Tod dagelegen hatte. Sein Hass, seine wilde Gier nach Rache, für die zwei Jahre hinter Zuchthausmauern - das waren die Triebfedern für seine Energie und Zähigkeit. Der Hüne war nicht nur hart und grausam gegen andere, sondern auch gegen sich selber, wenn es darum ging, ein gestecktes Ziel zu erreichen.

Müde drehte Brenda Scott ihr bleiches Gesicht dem Doc zu. Die dumpfe Hoffnungslosigkeit in ihren Augen schmerzte Jeff.

„Begreifst du jetzt, welchen Fehler du gemacht hast?“, flüsterte sie tonlos.

Hufe klapperten vor dem Mineneingang. Schwitzend richtete sich Kilhoe auf.

„Schneller, schneller! Die roten Teufel können jeden Augenblick hier sein.“

Der kaltäugige blonde Arizona-Jim wies mit einer lässigen Kopfbewegung auf die Gefangenen. „Nehmen wir sie mit?“

„Wir brauchen sie nicht mehr“, entschied Teggard hart. „Wir lassen sie hier. Die Roten werden sich mit ihnen beschäftigen, vor allem mit der Frau. Das verschafft uns einen größeren Vorsprung.“

Kilhoe grinste breit.

„Prima Idee, Flint! Da soll nur jemand behaupten, dass du nicht mehr der alte bist!“

„Du bist ein Teufel, Teggard!“, knirschte Jeff. Jetzt zerrte auch er an den Riemen, mit dem ihm die Hände auf den Rücken geschnürt waren. Es nützte nichts.

Jeff konnte sich nicht einmal aufrichten, weil auch seine Füße zusammengebunden waren. Teggard lächelte höhnisch auf ihn hinab.

„Ich werde deinen Freund Scott von dir grüßen, Doc.“

Scarface Tom wuchtete sich seinen schweren blank gescheuerten Texassattel auf die Schulter.

„Ich weiß nicht, Flint, vielleicht brauchen wir die beiden noch. Vielleicht ist der Sheriff nicht so ahnungslos, wie du denkst.“

Teggard blickte ihn stechend an.

„Für einen Hombre, der neu in meiner Crew ist, redest du verteufelt viel, Scarface. Schwache Nerven, he? Gefällt es dir nicht, wenn wir den Doc und die Lady den Rothäuten überlassen, oder bist du ganz einfach darauf aus, mir das Kommando streitig zu machen?“

„Flint, das ...“

„Schluss, verdammt noch mal! Wenn wir noch mehr Zeit verlieren, nageln uns die Utes vielleicht doch noch hier fest. Und wer garantiert uns dann, dass sie sich nicht Verstärkung besorgen? Scarface, ich hab’ allmählich genug von deinem Gerede. Halt lieber den Mund! Das ist gesünder für dich!“ Teggards Rechte schwang hoch. Der langläufige Sixshooter lag wie hingezaubert in ihr.

Der grauhaarige, narbengesichtige Desperado wandte sich achselzuckend den Pferden vor dem Stollen zu. Mit geübten Griffen sattelte er sein Tier. Die anderen folgten seinem Beispiel. Billy Joe Baxter, der jüngste Mann der Bande, kümmerte sich um Teggards Gaul. Der gnomenhafte Shorty McLayne konnte es sich nicht verkneifen, nochmals in den Felsschlund zurückzuhasten und Jeff einen brutalen Fußtritt zu versetzen. Er kicherte hämisch.

„Ich wusste ja gleich, dass es ein böses Ende mit dir nimmt, Schießer-Doc! Lass dir was Hübsches einfallen, wenn die Utes kommen! Viel Zeit bleibt dir nicht mehr.“

Kichernd trat er Jeff nochmals gegen die Rippen. Als er sah, dass die anderen bereits aufsaßen, wieselte er davon. Nur noch Teggards massige Gestalt verdunkelte den Eingang. Brenda hob mühsam den Kopf und starrte ihn an.

„Ich besitze die größte Ranch im Blue Valley. Ich zahle Ihnen jeden geforderten Preis, wenn Sie keinen Schuss auf Allan abfeuern.“ Es war ihr allerletzter, verzweifelter Versuch. Aber Teggard schüttelte nur eisig lächelnd den Kopf.

„Wenn ich dein Geld will, Puppe, dann hole ich es mir sowieso, ohne dass mich jemand daran hindern kann. Aber erst ist der Sheriff an der Reihe.“

Sand knirschte, Hufe stampften. Dann war auch Teggard verschwunden. Ermattet sank die junge Frau zurück.

 

 

5

Ein krächzender, gespenstischer Schrei zerriss die hitzeflimmernde Stille über dem einsamen Minenplateau - der Ruf eines Hähers. Er wiederholte sich zweimal, dann war alles wieder so ruhig und reglos wie zuvor. Brenda hatte den Kopf gehoben.

„Sie kommen!“, flüsterte sie entsetzt.

Ihr Blick suchte Jeff, aber der Platz neben ihr war leer. Der junge Doc kroch auf dem Bauch wie ein angeschossenes Tier auf seine schwarze lederne Arzttasche zu, die die Banditen zurückgelassen hatten. Ein Mann, der nicht im Westen aufgewachsen war, hätte sich vielleicht von dem Häherruf täuschen lassen. Aber Jeff wusste nur zu gut, dass er aus einer menschlichen Kehle stammte, von einem Ute-Indianer. Alte Erinnerungen wurden in ihm wach: ein von heulenden, federgeschmückten Reitern umringtes Blockhaus, Pulverdampfschwaden im grellen Sonnenglast und er selber - ein knapp vierzehnjähriger Junge -, mit einem Gewehr an der Schulter an einer Fensterluke, wenige Schritte neben ihm sein Vater, der aus zwei Revolvern, gleichzeitig sein heißes, tödliches Blei in die Reihen der brüllenden Angreifer hineinjagte.

In Schweiß gebadet erreichte Jeff die Tasche. Sein dunkler Anzug war zerknittert und staubbedeckt. Die Lederschnüre schnitten tief in seine wund gescheuerten Handgelenke. Aber der Doc spürte jetzt keinen Schmerz. Die Sekunden rasten dahin, und jede von ihnen konnte über Leben und Tod entscheiden. Keuchend vor Anstrengung richtete sich Doc Clanton auf die Knie. Es gelang ihm endlich, mit den auf den Rücken gefesselten Händen die Tasche zu öffnen. Brenda beobachtete ihn gespannt. Ein hoffnungsvolles und zugleich verzweifeltes Begreifen stand in ihren geweiteten Augen. Ihre Lippen bewegten sich wie im lautlosen Gebet.

Jeff tastete in die Tasche, fühlte Mullbinden, Fläschchen, Dosen - und berührte plötzlich kaltes Metall. Es war sein Colt, ein 44er Paterson. Einen Moment war er selber überrascht darüber, die Waffe hier zu finden. Aber solange er nicht frei war, nützte sie ihm nichts. Er suchte etwas anderes. Er fand es auch. Beinahe schnitt er sich an dem rasiermesserscharfen Skalpell die Finger blutig. Vorsichtig zog er es heraus.

Brenda stöhnte: „Jeff, um Himmels willen, beeil dich!“

Der Häher krächzte wieder, viel näher als zuvor. Ein schlurfendes Geräusch war auf dem hitzeversengten Plateau. Jeff blickte gehetzt zum Stolleneingang, während er mit dem Skalpell die Riemen an seinen Handgelenken zu zerschneiden versuchte. Jeden Augenblick konnte ein Rudel schreiender, tomahawkschwingender Rothäute hereinstürmen. Indianer, die aus Hunger und Hass die Reservationen verließen, um auf den Kriegspfad zu gehen, waren für ihre Wildheit berüchtigt. Hinzu kam Kilhoes unbedachter Schuss aus dem Hinterhalt, der die Wut der Utes auf alle Weißen ins Maßlose gesteigert haben musste.

Es dauerte Jeff viel zu lange, bis sich endlich ein Riemen lockerte. Blut tropfte von seinen Händen — das Skalpell war einige Male abgeglitten. Doch Jeff gönnte sich keine Pause. Im selben Moment, als die Fesseln fielen, stieß Brenda einen leisen Schrei aus.

Jeffs Kopf flog herum. Eine bronzehäutige gedrungene Gestalt stand geduckt im Stolleneingang. Der Krieger war nur mit Lendenschurz und kniehohen Mokassins bekleidet. Über seinen dicken schwarzen Zöpfen thronte ein verbeulter, mit einer Feder geschmückter Topfhut. Ein schwerkalibriges Sharpsbüffelgewehr ruhte in seinen braunen Fäusten. Die Mündung deutete auf den Doc, der wie erstarrt neben seiner Ledertasche kniete.

Ein gieriges Blitzen erschien in den dunklen Augen des Indianers, als sein Blick über Brenda streifte. Sein braunes breitflächiges Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Er wandte halb den Kopf und rief lachend ein paar gutturale, abgehackt klingende Worte ins Freie. Draußen war ein Huschen und Schleichen, unbeschlagene Hufe stampften im Sand. Eine kehlige Stimme antwortete.

Jeffs Rechte stieß in die schwarze Arzttasche und schwang mit dem klobigen alten Paterson hoch. Gleichzeitig hechtete sich der Doc zu Brenda hinüber. Sein Schuss vermischte sich mit dem Donnern der Sharps. Der ohrenbetäubende Knall drohte die Trommelfelle zu sprengen. Jeff hätte sich nicht gewundert, wenn der Stollen eingestürzt wäre. Sand und Felsbrocken prasselten herab. Hinter den beißenden Pulverdampfschwaden krümmte sich die Gestalt des Indianers zusammen. Lautlos fiel der Ute über sein Gewehr.

Für einen Moment war Jeffs Kehle wie zugeschnürt. Aber Jeff, dessen Beruf es war, Menschenleben zu retten, hatte keine andere Wahl, als nochmals zu schießen. Wieder war ein Roter in dem von Sonnenschein ausgefüllten Mineneingang aufgetaucht. Ein heiserer Schrei antwortete. Hastig zerschnitt Jeff die Fesseln der jungen Frau und half ihr hoch. Ihr Atem flog. Gehetzt starrte sie zu der Öffnung im Fels.

Die Pulverrauchschleier zogen träge ins Freie ab. Kein Gegner zeigte sich. Gutturale Stimmen schwirrten draußen durcheinander. Jeff raffte seine für ihn so wertvolle Tasche und den schwarzen Umhang an sich. „Komm!“, raunte er Brenda zu.

Sie rannten tiefer in den dämmrigen Felsschlund hinein. Der Boden war uneben, überall lag herabgebrochenes Gestein. Brenda stolperte und klammerte sich an Jeff fest. Hinter ihnen krachte es abermals, dass sie meinten, der ganze Berg würde gleich über ihnen zusammenstürzen. Eine Kugel schmetterte neben ihnen in einen dicken hölzernen Stützpfosten.

Jeff wirbelte herum, deckte die blasse junge Frau mit seinem Körper und jagte die letzten Kugeln aus seiner Waffe auf die in den Stollen huschenden Krieger. Schreie gellten, heftiges Durcheinander entstand. Jeff und Brenda nutzten die kurze Spanne und bogen um eine Felsecke. Hinter dem Knick blieb nur ein matter Abglanz des gleißenden Tageslichts. Mit jedem Schritt wurde es dunkler und enger. Brenda schauderte.

„Wir stecken in der Falle! Wir entkommen ihnen nicht!“

Jeffs brennender Blick tastete die rissigen Felswände ab.

„Es gibt hier irgendwo einen zweiten versteckten Ausgang. Durch ihn ist Kilhoe neulich hereingekommen und hat mich von hinten überwältigt.“

Sie hörten die Verfolger hinter sich: raue, gedämpfte Stimmen, das Knirschen von Sand und Steinen unter Mokassins, metallisch klirrende Gewehrschlösser. Die Rothäute waren nun vorsichtig und ließen sich Zeit. Sie waren sich ihrer Sache sicher. Der Felsengang beschrieb eine neue Biegung, und Jeff hatte plötzlich Angst, dass er die rettende Abzweigung in der Hast der Flucht verfehlt haben könnte. Es war jetzt so finster, dass man keine drei Schritte weit richtig sehen konnte. Jeff musste sich bücken, um nicht mit dem Kopf anzustoßen. Schweiß lief in Bächen über sein Gesicht. Neben sich hörte er Brendas heftiges, stoßweises Atmen. Sie konnten sich nur noch mühsam vorantasten.

Plötzlich stockte Jeff. „Da!“, stieß er heiser hervor.

Der Spalt im Fels war gerade breit genug, dass sich ein Mann hindurchzwängen konnte. Brenda schaute den Doc zweifelnd an. „Und wenn es die falsche Stelle ist?“

Jeff lauschte auf die Verfolger. Jeden Augenblick konnten sie als tödliche Schatten hinter der Biegung hervorgleiten.

„Wir haben keine andere Wahl“, murmelte er gepresst. „Bleib dicht hinter mir!“

Details

Seiten
144
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936643
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v515025
Schlagworte
schießer-doc

Autor

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Titel: Der Schießer-Doc