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Auf jede Nacht folgt ein Morgen

©2020 72 Seiten

Zusammenfassung


- Für die Beule an ihrem neuen Auto kommen gleich zwei Männer in Frage. Reinhold sieht das locker und beginnt mit Sigrid einen Flirt. Erwin hat dagegen nur einen Berg Probleme zu bieten.
- Um mit ihrem neuen Freund auch einmal ein paar ungestörte Stunden verbringen zu können, sucht Cordula einen gelegentlichen Babysitter für die kleine Melanie, wodurch sie allerdings einige Überraschungen erlebt…
- Dennis erwartet den Besuch der aufregenden Silvia. Aber wohin mit dem fremden Baby, das er plötzlich vor seiner Tür findet? Er versucht es mit Lügen, doch die gehen gründlich daneben…
- Mehrere Schicksalsschläge treiben Claudia zu einer Verzweiflungstat, die ein kleines Mädchen ahnungslos verhindert. Trotzdem sieht Claudia in ihrem Leben keinen Sinn mehr, sucht diesmal aber einen anderen Ausweg…
- Margit arbeitet als Aushilfsbedienung und lernt einen Traumtyp kennen, der sich aber leider nicht für sie interessiert. Da muss sie schon tief in die Trickkiste greifen, um auf sich aufmerksam zu machen – auch wenn es noch so weh tut…
Fünf neue heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

Leseprobe

Table of Contents

Auf jede Nacht folgt ein Morgen

Copyright

Liebe macht keine Beulen

Melanie weiß, was sie will

Rendezvous mit Hindernissen

Auf jede Nacht folgt ein Morgen

Schlittenfahrt ins Glück

Auf jede Nacht folgt ein Morgen

Fünf heiter-romantische Erzählungen

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 72 Taschenbuchseiten.

 

- Für die Beule an ihrem neuen Auto kommen gleich zwei Männer in Frage. Reinhold sieht das locker und beginnt mit Sigrid einen Flirt. Erwin hat dagegen nur einen Berg Probleme zu bieten.

- Um mit ihrem neuen Freund auch einmal ein paar ungestörte Stunden verbringen zu können, sucht Cordula einen gelegentlichen Babysitter für die kleine Melanie, wodurch sie allerdings einige Überraschungen erlebt…

- Dennis erwartet den Besuch der aufregenden Silvia. Aber wohin mit dem fremden Baby, das er plötzlich vor seiner Tür findet? Er versucht es mit Lügen, doch die gehen gründlich daneben…

- Mehrere Schicksalsschläge treiben Claudia zu einer Verzweiflungstat, die ein kleines Mädchen ahnungslos verhindert. Trotzdem sieht Claudia in ihrem Leben keinen Sinn mehr, sucht diesmal aber einen anderen Ausweg…

- Margit arbeitet als Aushilfsbedienung und lernt einen Traumtyp kennen, der sich aber leider nicht für sie interessiert. Da muss sie schon tief in die Trickkiste greifen, um auf sich aufmerksam zu machen – auch wenn es noch so weh tut…

Fünf neue heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Liebe macht keine Beulen

Sigrids Lippen zitterten vor Empörung. Drei Wochen war ihr Auto erst alt, auf vieles hatte sie verzichtet, um es sich endlich kaufen zu können und nun wurde der linke, hintere Kotflügel durch eine hässliche Beule verunstaltet.

Der Schuldige, der den Schaden vermutlich beim Ausparken verursacht hatte, war einfach fortgefahren, ohne ihr wenigstens Name und Adresse zu hinterlassen. Was gab es nur für gemeine Menschen!

Sie dachte angestrengt nach. Stand nicht der Protzschlitten von Reinhold Arndt aus der Entwicklungsabteilung neben ihrem Kleinwagen? Jetzt war er fort. Na, den Burschen wollte sie sich kaufen.

Ihre Freundin Mona riet ihr zu einer Anzeige, als sie von der Fahrerflucht erfuhr, aber Sigrid hoffte, sich mit dem Mann zu einigen, ohne die Polizei einschalten zu müssen.

So rief sie ihn am folgenden Tag vom Büro aus an und erklärte ihm den Sachverhalt. „Das Auto war so gut wie neu“, betonte sie.

„Na, hören Sie mal!“, trumpfte der Beschuldigte auf. „Ich bin schon Rallyes gefahren. Solche Sachen passieren mir nicht.“

„Der Firmenparkplatz ist keine Rennpiste“, hielt Sigrid aufgebracht dagegen. „Vielleicht haben Sie es wirklich nicht gemerkt. Auf jeden Fall muss Ihr Fahrzeug auch ein paar Kratzer abbekommen haben.“

Reinhold Arndt erklärte sich zu einer gemeinsamen Besichtigung während der Mittagspause bereit und ein paar Stunden später standen sie vor einem blitzenden Sportcoupé.

„Das ist doch nicht Ihr Wagen“, zürnte Sigrid. Die überhebliche Gelassenheit des Mannes, dessen granitgraue Augen sie fast belustigt musterten, ärgerte sie.

„Ach, Sie meinen die Limousine. Die habe ich ganz günstig verkauft. Unser Vertreter für den süddeutschen Raum wollte sie unbedingt haben. Zu dumm! Er ist schon wieder nach Regensburg unterwegs.“

„Und wer bezahlt mir jetzt die Reparatur?“

„Ich jedenfalls nicht.“ Der Entwicklungsingenieur grinste sie an. „Da müssen Sie sich schon einen Dümmeren suchen.“

„Den soll die Polizei finden“, konterte Sigrid und wandte sich ab. Tränen stiegen ihr in die Augen. Das brauchte der eingebildete Kerl nicht zu sehen.

Reinhold Arndt fasste sie bei der Schulter. „Nun lassen Sie doch den Kopf nicht hängen“, sagte er überraschend verständnisvoll. „Irgendwie finden wir schon eine Lösung. Dazu brauchen wir doch keine Polizei. Ich schlage vor, wir besprechen alles bei einem guten Essen. Einverstanden?“

Das hörte sich nicht mehr so an, als wäre er von seiner Unschuld restlos überzeugt. Sigrid willigte ein. Hauptsache, ihr wurde der Schaden ersetzt.

Tatsächlich verblüffte Reinhold Arndt sie am Abend mit der Bereitschaft, ihr die Reparaturkosten zu ersetzen. „Ich bin zwar absolut sicher, nicht der Übeltäter gewesen zu sein, Frau Wessel, doch Ihre Freundschaft ist mir mehr wert als die paar Euro.“ Er schenkte Sigrid einen Blick, der sie ganz eigenartig durchrieselte. Als er ihr das Weinglas entgegen hob und mit der Linken nach ihrer freien Hand griff, wusste sie, er wollte mehr als nur ihre Freundschaft.

„Du, der meint es ernst“, war Mona am nächsten Tag sicher. „Es wird gemunkelt, dass Reinhold Arndt seine wilden Junggesellenjahre satt hat und auf der Suche nach einer dauerhaften Verbindung ist. Da hast du in den Glückstopf gegriffen. Weißt du, was der verdient?“

Die Freundin nannte keine Zahlen. Das war ihr als Angestellte in der Lohnbuchhaltung streng verboten. Doch ihre Andeutungen waren aufschlussreich genug.

„Quatsch!“, protestierte Sigrid heftig. „Er hat nicht einmal versucht, mich zu küssen.“

„Das kommt noch“, war Mona überzeugt. „Dieser Mann weiß genau, was er will.“

Ob sich die Freundin täuschte, ließ sich vorläufig nicht feststellen, denn Reinhold Arndt wurde von der Firma für ein paar Tage nach Belgien geschickt. Das kam Sigrid durchaus gelegen. Ihr ging das alles ein bisschen zu rasch. Schließlich hatte sie diesen Mann noch bis vor kurzem nicht sonderlich geschätzt. Was sie jetzt für ihn empfand, musste sie erst noch herausfinden.

Diese Frage beschäftigte sie besonders dann, wenn sie auf dem Parkplatz an den Auslöser für ihre überraschende Bekanntschaft dachte. Auch heute überlegte sie, während sie auf ihren Wagen zusteuerte, ob Reinhold Arndt und sie überhaupt zueinander passten? Setzte er nicht zu hohe Erwartungen in sie? Wie sie von Mona erfahren hatte, war er bisher meistens in Begleitung auffallend attraktiver, nach dem letzten Schick gekleideter Supergirls gesehen worden.

„Frau Wessel?“

Sigrid schnellte herum und sah sich einem Mann gegenüber, den sie nur flüchtig vom Sehen kannte. Er arbeitete noch nicht lange in der Firma. „Ja, bitte?“

„Ich muss Sie um Entschuldigung bitten. Natürlich hätte ich mich längst bei Ihnen melden müssen, aber ich habe erst gestern davon erfahren. Das müssen Sie mir glauben.“ Er blickte sie treuherzig und doch auf beunruhigende Weise verstört an.

„Gerne“, antwortete Sigrid lächelnd. „Sie müssen mir nur verraten, wovon Sie eigentlich reden.“

„Na, von Ihrer Beule, äh, ich meine natürlich die Beule an Ihrem Auto. Ich hatte wirklich keine Ahnung davon, bis ich hörte, dass Sie mich suchen.“

„Sie?“ Sigrid schüttelte ungläubig den Kopf. „Sie wollen den Kotflügel verbogen haben?“

Jetzt lächelte auch er. „Gewollt habe ich es natürlich nicht. Ich war so schrecklich aufgeregt, als ich den Anruf meiner Schwester erhielt. Ich glaube, ich hätte nicht einmal gemerkt, wenn ich mit einem Elefanten kollidiert wäre.“

Der Mann hieß Erwin Haider und war seit ein paar Wochen als Betriebselektriker beschäftigt. Er deutete auf sein Auto, dass mit seinen zahlreichen Spachtelflecken abenteuerlich wirkte. „Ein neues kann ich mir momentan nicht leisten“, erklärte er, als müsste er sich dafür rechtfertigen. „Die Scheidung hat mich eine Stange Geld gekostet.“

„Und deshalb waren Sie so aufgeregt“, zeigte Sigrid Verständnis für seine Situation.

Erwin Haider winkte ab. „Die Trennung von Evelyn berührt mich längst nicht mehr. Aber wenn es um Birgit geht, verstehe ich keinen Spaß. Birgit wurde mir zugesprochen. Ich lasse sie mir nicht wegnehmen. Auch nicht von ihrer Mutter, die das Kind schließlich im Stich gelassen hat.“

Sigrid war es peinlich, dass der Mann seine privaten Probleme vor ihr ausbreitete. Mit der Bemerkung: „Wenn Sie das Sorgerecht haben, wird sich Ihre geschiedene Frau damit abfinden müssen“, glaubte sie, das Thema ausreichend kommentiert zu haben.

Doch der Mann packte sie so impulsiv am Arm, dass es wehtat. „Da kennen Sie Evelyn schlecht“, stieß er hervor. „Sie benutzt Birgit als Waffe gegen mich. Ihre Mutterliebe hat sich schon in früheren Jahren nur sporadisch gezeigt.“ Er ließ Sigrid los und entnahm seiner Brieftasche ein Foto, das ein ungefähr 5jähriges Mädchen zeigte. „Das ist Birgit“, erklärte er mit liebevollem Stolz.

„Sie sieht Ihnen ähnlich“, fand Sigrid.

„Glauben Sie wirklich? Die Kleine hängt natürlich an uns beiden, aber ich hole sie mir zurück. Im Augenblick hat Evelyn sie allerdings auf eine Reise mit ihrem Freund mitgenommen. Dazu besaß sie kein Recht.“

Trotz ihrer festen Absicht, sich nicht in fremde Angelegenheiten einzumischen, konnte sich Sigrid nicht der Frage enthalten: „Sie haben doch tagsüber gar keine Möglichkeit, sich um Ihre Tochter zu kümmern.“

„Das besorgt meine Schwester. Sie ist nach der Scheidung zu mir gezogen. Als sie mich anrief, dass Evelyn sie aufgesucht und das Kind mit der Drohung mitgenommen habe, es für immer bei sich zu behalten, bin ich natürlich sofort zu ihr gefahren, doch sie war bereits abgereist. Aber ich rede die ganze Zeit von meinen Sorgen und vergesse völlig den Schaden, den ich an Ihrem Auto angerichtet habe. Haben Sie Anzeige erstattet?“

Jetzt war Sigrid froh, es nicht getan zu haben. Erwin Haider hatte wahrlich genug Kummer.

„Das Jugendamt wird Ihnen zu Ihrem Recht verhelfen“, sprach sie dem verzweifelten Vater Mut zu, erreichte aber das Gegenteil.

„Das ist ja das Schlimme“, seufzte Erwin Haider. „Käthe, meine Schwester, hat sich über die Hinterlist so aufgeregt, dass sie einen Herzanfall erlitten hat. Mit einem Kind wäre sie momentan überfordert. Wenn ich mich jetzt ans Amt wende, wird diesmal womöglich gegen mich entschieden.“

Diese Befürchtung war sicher nicht unbegründet. Sigrid grübelte, wie sie dem Mann aus der Zwickmühle helfen könnte, ihr kam aber keine rettende Idee.

Sie trennten sich schließlich und als sie später Mona um Rat fragte, widmete diese ihr nur einen ungläubigen Blick. „Was ist mit dir los? Der Typ fährt deinen neuen Wagen fast zu Schrott und du bemitleidest ihn auch noch. Ein Kind gehört zur Mutter. Du sagst doch selbst, dass er für das Mädchen keine Betreuung hat.“

„Der Kindergarten wäre eine Möglichkeit“, überlegte Sigrid laut.

Mona zog sie vor die Auslage einer Boutique. „Na also, damit wäre das Problem gelöst. Wie findest du das korallrote Kleid dort hinten? Es steht dir bestimmt prima.“

„Mir?“ Sigrid wusste nicht, worauf die Freundin hinauswollte.

„Übermorgen kommt dein Reinhold Arndt von der Dienstreise zurück“, erinnerte diese. „Du solltest auf seinen verwöhnten Geschmack Rücksicht nehmen und dir ruhig einmal etwas Besonderes leisten. Das macht sich bezahlt.“

Sigrid ließ sich zwar überreden, das Modell anzuprobieren, doch 498 Euro war ihr dieser Knüller in Rohseide nicht wert, selbst wenn dieser die einzige Chance wäre, sich die Traumpartie zu angeln, wie Mona den Entwicklungsingenieur bezeichnete. „Wenn ich ihm nicht so gefalle, wie ich bin, hat es ohnehin keinen Sinn.“

Diese Befürchtung war offenbar überflüssig, denn Reinhold Arndt rief jeden Tag von Brüssel aus bei ihr an und traf fürs Wochenende eine Verabredung mit ihr. Auch den Rechnungsbetrag für die Autoreparatur hatte er bereits auf ihr Konto überwiesen.

Sekundenlang schwankte Sigrid. Wenn sie den Betrag nahm, wurde Erwin Haider bei seiner Versicherung nicht in der Schadenfreiheitsklasse zurückgestuft. Das wäre bares Geld für ihn, das er dringender benötigte als Reinhold Arndt. Doch mit einem Betrug wollte sie ihr Gewissen nicht belasten.

Erwin Haider lief ihr erneut über den Weg. Sie traf ihn vor einem Blumengeschäft mit einem großen Strauß. Aha! Von seiner Freundin hatte er ihr nichts erzählt.

„Für meine Schwester“, sagte er, als erriete er Sigrids Vermutung. „Der Arzt hat sie gestern ins Krankenhaus eingewiesen. Ihr Zustand hat sich verschlechtert.“

„Das tut mir leid. Wer kocht denn jetzt für Sie?“

Seine Grimasse gab Aufschluss. „Ich kann Spaghetti kochen“, meinte er betont heiter. „Außerdem habe ich mir ein Kochbuch zugelegt. Es scheint allerdings eher für Fortgeschrittene gedacht zu sein.“

Sigrid musste lachen. „Sie Ärmster! Ihnen bleibt aber auch nichts erspart.“

„Halb so schlimm“, widersprach er. „Ich bin nicht sehr anspruchsvoll. Viel mehr bedrückt mich, dass ich mit keinem Menschen über meine Schwierigkeiten reden kann. Käthe ist krank. Sie würde das nur belasten.“

„Ich würde Ihnen ja gerne helfen“, entfuhr es Sigrid.

In seinem Blick lag keine Überraschung. „Wissen Sie, irgendwie habe ich das gespürt, Frau Wessel. Wie Sie auf mein Geständnis mit dem Unfall reagiert haben, hat mich mächtig beeindruckt. Meine Ehemalige zum Beispiel wäre an Ihrer Stelle explodiert und hätte mit Schmerzensgeld und Gefängnis gedroht.“ Er zögerte, bevor er fortfuhr: „Sie könnten mir tatsächlich helfen. Jetzt muss ich ins Krankenhaus, aber danach würde ich gerne eine Ladung Seelenmüll bei Ihnen abladen. Doch Sie haben wahrscheinlich keine Zeit.“

Sigrid zerstreute seine Bedenken und so trafen sie sich in einem Café, wo sie ihre Lebensgeschichten austauschten.

„Jetzt fühle ich mich viel wohler“, behauptete Erwin Haider. „Ich hatte unheimliches Glück, dass ich ausgerechnet Ihr Auto ankratzte. Treffen wir uns morgen wieder?“

Sie wollte schon einwilligen, als ihr einfiel, dass sie ja mit Reinhold Arndt verabredet war. „Morgen klappt es leider nicht, aber ein andermal bestimmt wieder.“

Seine enttäuschte Miene weckte Sigrids schlechtes Gewissen. Doch bei allem Verständnis für seine Probleme musste er ihr schließlich auch ein eigenes Privatleben zugestehen. Einen Mann wie Reinhold Arndt fand man nicht an jeder Straßenecke und mit ihren 29 Jahren wurde es langsam Zeit, an die Ehe zu denken.

Reinhold Arndt staunte, als Sigrid ihm das Geld zurückgab. „Sie haben sich also doch geirrt“, triumphierte er. „Dafür sind Sie mir etwas schuldig.“

„Nämlich?“

„Darf ich Sie Sigrid nennen? In meinen Gedanken nenne ich Sie nämlich schon längst so.“

„Das erscheint mir als Buße nicht unangemessen“, willigte Sigrid ein.

Darauf nahm er sie in den Arm und gab ihr einen Kuss, dass ihr die Luft wegblieb. „Ordnung muss sein“, meinte er dazu.

Sigrid dachte an Monas Prophezeiung. Reinhold suchte anscheinend tatsächlich mehr als nur einen weiteren Flirt.

Sie besuchten am Sonntag eine Galerie und gingen abends ins Theater. Bei einem Glas Wein danach sprach Reinhold zum ersten Mal von Liebe.

Sigrid lachte gezwungen. “Liebe? Das sagst du doch zu jeder.“

“Stimmt“, gab Reinhold unumwunden zu, “aber bei dir ist es mir ernst damit. Das werde ich dir schon noch beweisen.“

Die Arbeitswoche begann und der Stress ließ Sigrid wenig Zeit, über eine Zukunft an Reinholds Seite nachzugrübeln. Ein Kurzschluss im Büro machte das Chaos perfekt. Überstunden waren angesagt, sobald der Schaden behoben war.

Dafür war Erwin Haider zuständig. „Ach, hier arbeiten Sie!“, begrüßte er Sigrid, die fand, dass er schlecht aussah.

„Ein eintöniger Job“, seufzte sie, „aber er ernährt seine Frau.“

„Ja, ja, das liebe Geld“, meinte der Elektriker grimmig. „Es reicht hinten und vorn nicht. Evelyn stellt neue Unterhaltsforderungen an mich.“

„Ist sie von ihrer Reise wieder zurück?“

Der Mann nickte. „Und sie hat natürlich sofort herausbekommen, dass Käthe im Krankenhaus liegt. Sie will sich um das Sorgerecht für Birgit bemühen.“

Es funkte und Erwin Haider ließ einen Schraubenzieher fallen. „Verflixt!“ Er schüttelte seine Hand. „Das kommt davon, wenn man mit den Gedanken nicht bei der Arbeit ist.“

Sigrid schaute ihn erschrocken an. „Sind Sie in Ordnung?“

Er erwiderte ernst ihren Blick. „Nein“, gestand er, „aber das hat nichts mit dem Stromschlag zu tun.“

„Möchten Sie wieder reden?“ Sie dachte daran, dass Reinhold nach Dienstschluss mit ihr zu einer Vernissage gehen wollte, aber für diese modernen Maler besaß sie ohnehin keine Ader.

Seine Miene hellte sich merklich auf. „Das wäre nett. Darf ich Sie heute Abend zum Essen einladen?“

Sie wollte einwilligen, doch dann fiel ihr ein, dass der Mann momentan sparen musste. „Ich habe noch Gulasch eingefroren“, sagte sie. „Das reicht für zwei und ich brauche den Platz. Mögen Sie Gulasch?“

Sein Mund zog sich in die Breite. „Ich mag alles, was nicht wie Spaghetti aussieht.“

„Dann also heute Abend um sieben? Meine Adresse kennen Sie ja.“

Kurz bevor er kam, schaute Mona auf einen Sprung bei Sigrid herein und bemerkte den für zwei Personen gedeckten Tisch. Ihr Blick wurde listig, als sie sagte: „Dann darf man wohl bald gratulieren?“

Sigrid klärte den Irrtum auf.

„Was denn?“ Mona schüttelte den Kopf. „Du lädst dir wildfremde Männer in die Wohnung? Hoffentlich erfährt das Reinhold nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er darüber begeistert wäre.“

„Ich werde es nicht vor ihm verheimlichen“, versicherte Sigrid ungehalten. „Erwin Haider stellt keine Gefahr dar. Bei ihm hat das Schicksal in letzter Zeit reichlich dick zugeschlagen. Ein Teller Gulasch ist dafür nur ein mäßiger Ausgleich.“

„Ich bin nicht sicher, ob Reinhold das genauso sieht.“

Als es an der Tür läutete, verabschiedete sich Mona hastig und drängte sich mit einem Blick an dem Besucher vorbei, der ausdrücken sollte: das ist doch kein Mann, sondern ein Bündel Komplikationen.

Später rief Reinhold an und räumte ein, dass sie bei der Ausstellung nichts versäumt habe. Gleichzeitig bedauerte er, die morgige Verabredung nicht einhalten zu können. Einen Grund nannte er nicht.

Nachdenklich legte Sigrid den Hörer zurück. Sollte sich Monas Vermutung so rasch erfüllen? War Reinhold sauer, weil sie heute abgesagt hatte.

„Ärger?“, erkundigte sich Erwin Haider, der sich gerade ihrer Schallplattensammlung widmete.

„Nicht der Rede wert“, behauptete Sigrid, war sich dessen aber keineswegs sicher.

Am folgenden Abend läutete ihr Telefon. Sigrid stellte das Bügeleisen ab. Da sie erst vor einer halben Stunde ein längeres Gespräch mit Mona beendet hatte, konnte das nur Reinhold sein. Demnach wog seine Verstimmung nicht allzu schwer.

„Ach, Sie sind es“, platzte sie heraus, als sie Erwin Haiders Stimme erkannte. „Was ist denn passiert? Sie klingen so aufgeregt.“ Sie dachte an seine herzkranke Schwester.

„Stellen Sie sich vor, Evelyn sucht für Birgit per Annonce einen Babysitter. Ich habe es eben erfahren.“

„Vielleicht hat sie etwas Wichtiges zu erledigen“, mutmaßte Sigrid.

„Nein, nein, sie will das Kind regelmäßig beaufsichtigen lassen. An den Abenden und am Wochenende. Die Kleine ist ihr schon längst wieder lästig, aber sie wird alles daransetzen, sie mir wegzunehmen.“

„Dann sollten Sie zum Jugendamt gehen“, riet Sigrid, die beim besten Willen nicht wusste, wie sie dem verzweifelten Vater helfen sollte.

„Mögen Sie eigentlich Kinder?“, platzte er heraus.

„Natürlich! Wenn ich einmal heirate, möchte ich möglichst zwei haben.“

„So habe ich Sie eingeschätzt. Mit Birgit hätten Sie auch keinen Ärger und es wäre bestimmt nur für kurze Zeit.“

Sigrid begriff sofort. „Sie erwarten doch nicht etwa, dass ich mich auf die Anzeige melde?“

„Der Gedanke, Birgit bei fremden Leuten zu wissen, wäre mir unerträglich. Die meisten tun so etwas doch nur des Geldes wegen.“

„Und bei mir hätten Sie diese Befürchtung nicht?“

„Nein, denn Sie besitzen ein Herz.“

„So, so“, grollte Sigrid, „und weil ich so butterweich bin, bilden Sie sich ein, ich würde mitspielen und Ihnen Birgit zurückbringen.“

Erwin Haider beteuerte, nicht daran zu denken, das Kind auf diese Weise zu sich zu holen. „Das könnte ich erst riskieren, wenn meine Schwester wieder gesund ist. Aber bei Ihnen wüsste ich Birgit gut aufgehoben und ich könnte sie auch manchmal sehen.“

„Seien Sie doch vernünftig“, mahnte Sigrid. „Das Mädchen würde das seiner Mutter erzählen und ich wäre den Job sofort wieder los. Außerdem hätte ich gar keine Zeit.“

„Sie haben mir doch erzählt, dass Sie abends meistens daheim sind“, erinnerte Erwin Haider.

„So etwas ändert sich manchmal schnell. Nein, es geht wirklich nicht. Das müssen Sie einsehen.“

„Es war auch nur so eine Idee“, klang es enttäuscht aus dem Hörer.

Sigrid fühlte sich entsetzlich mies. Ach was! Das fehlte noch, dass er ihr ein schlechtes Gewissen einredete. Außerdem war der Job bestimmt schon vergeben.

Anrufen konnte sie ja einmal. Damit würde sie ihren guten Willen beweisen, ohne sich zu verpflichten.

Evelyn Haiders Stimme klang nicht unsympathisch, als sie Sigrid zu einem persönlichen Gespräch bat. Sollte man sich nicht immer beide Seiten anhören? Natürlich gab jeder dem anderen die Schuld für das Scheitern einer Ehe. Was wusste sie schon von Erwin Haiders Fehlern?

Noch am selben Abend lernte sie Birgit kennen und als sie sich verabschiedete, war sie mit deren Mutter übereinkommen, die Kleine am kommenden Wochenende zu betreuen.

Es war ein Fehler hinzufahren, sagte sie sich auf dem Heimweg. Dem Drängen der Frau hätte sie ja mühelos widerstanden, doch den großen Kinderaugen, in denen sie soviel Hilflosigkeit gelesen hatte, war sie einfach nicht gewachsen gewesen.

Zum Glück hatte Reinhold am Wochenende wieder keine Zeit und sonst brauchte niemand zu erfahren, dass sie für zwei Tage Ersatzmutter spielte. Vor allem Mona nicht.

Es klappte überraschend gut. Vor allem konnte Sigrid das Kind mit ihren Kochkünsten begeistern. Als sie auch noch wunderschöne Spiele wusste, verschwand aus Birgits Augen für eine Weile der traurige Schimmer.

Leider wurden sie durch das Klingeln an der Wohnungstür gestört. Sigrid warf ihrem kleinen Gast einen unsicheren Blick zu. „Du darfst dich verstecken“, sagte sie, „und ich muss dich nachher suchen.“

Vor der Tür stand Erwin Haider, der wieder einmal auf einen verständnisvollen Zuhörer hoffte. „Zu wem soll ich denn sonst gehen?“, verteidigte er sich und erwartete anscheinend eine Einladung zum Kaffee.

„Ich habe Besuch“, verriet Sigrid.

„Ach so!“, kam es gedehnt. „Und morgen?“

Details

Seiten
72
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936636
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Januar)
Schlagworte
nacht morgen

Autor

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Titel: Auf jede Nacht folgt ein Morgen