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GONDAR #10: Die Prophezeiung erfüllt sich

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Prophezeiung erfüllt sich

Copyright

Personenregister:

Kapitel 1: Die Nordfront

Kapitel 2: Die Südfront

Kapitel 3: Mykos

Kapitel 4: Soas

Kapitel 5: Die Südfront

Kapitel 6: Die Nordfront

Kapitel 7: Gondar

Kapitel 8: Novad

Kapitel 9: Venner

Kapitel 10: Grettir

Kapitel 11: Gondar

Die Prophezeiung erfüllt sich

GONDAR – die Götter der Urzeit

Band 10

Fantasy von Roland Heller

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Vor zwanzig Jahren prophezeite der Seher Barrak den Untergang der Stadt Mo durch die Mächtigen. Die Mächtigen, die von den Menschen als Götter bezeichnet wurden und diese als solche einst verehrt hatten, ehe der Glaube an ihre Übermacht verloren ging, haben nun den Feldzug gegen Mo begonnen. Ihr Werkzeug der Rache ist Gondar, ein junger Gott, der über unheimliche Kräfte verfügt. In einem ersten Feldzug befreien die Mächtigen das Land Borea, die Geburtsstätte von Gondar. Danach folgt Cerzha, der Hafenstadt von Mo. Nun strebt das Heer auf Mo zu, die gleichnamige Hauptstadt des Reiches von Mykos.

Auch unter den Göttern herrscht keine Einigkeit. Soas vertritt das Prinzip der Ordnung, Grettir das Prinzip des Chaos. Beide Weltanschauungen ringen um die Vorherrschaft. Der Krieg gegen die Menschen soll auch diese Frage der Götter entscheiden: setzt sich die Ordnung oder das Chaos durch?

Roland Hellers zehnbändige Saga – mit diesem Roman findet nach einem fulminanten Höhepunkt die Reihe einen würdigen Abschluss.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/ Titelbild: Stefan Keller mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Personenregister:

Soas, Fellahrd, Isis, Algoli: Sie sind die Mächtigen, die von den Menschen einst als Götter verehrt wurden.

Gondar: Der junge Gott ist das Werkzeug der Rache.

Grettir: Er ist der Herr des Chaos'.

Ellinor, Orac und Ordnung: Sie sind Geschöpfe Grettirs

Mykos: Herrscher von Mo

Revrend: Hauptmann der Stadtwache vob Mo

Barrak: Er hat als Seher den Untergang von Mo prophezeit

Komet: ein Gnom

Ursan: Wolfsmensch

Venner: Sie ist die Königin der Amazonen

Andra: eine Amazone – sie hat Macht über die Pespen

Aurona: Amazonenführerin

Muran: Hauptmann von Mo

Hurdon: Er ist ein Körperwechsler

Novad: Er führt die Kämpfer von Arathen nach Mo

 

 

 

Kapitel 1: Die Nordfront

Komet musterte beim ersten Licht des Morgens die Stadtmauer, die sich wie eine riesige Wand vor ihm erhob. In den ersten Sonnenstrahlen des Morgens mochten die Soldaten noch nicht so aufmerksam sein und verhielten sich weniger vorsichtig, vielleicht weil sie knapp vor der Ablöse standen oder erst ihren Dienst angetreten hatten. Die Sonnenstrahlen trafen auf die Waffenspitzen und reflektierten das Licht. Anhand der Lichtblitze konnte er die Anzahl der Verteidiger schätzen.

Auf diese Weise hatte er bereits herausgefunden, dass es Abschnitte gab, die kaum verteidigt wurden, und andere, die so stark besetzt waren, dass er sich fragte, wie die Verteidiger sich in dem Getümmel, das auf der Mauer herrschen musste, bewegen konnten.

Er machte sich seine Gedanken darüber, weshalb manche Stellen so schwach besetzt waren, dass sie direkt zu einem Angriff einluden.

Komet war ein Gnom.

Er war einer der Waldmenschen aus der Armee von Isis.

Als die Sonne höher stieg, dauerte es nicht lange, bis die Temperaturen ebenfalls stiegen. Der Großteil der Wachsoldaten flüchtete in den Schatten und legte vermutlich die Waffen an der Mauer ab, wo sie sie im Ernstfall rasch ergreifen konnten, überlegte Komet. Seine Spähertätigkeit vor der Mauer konnte er damit einstellen. Jetzt galt es, irgendwie in die Stadt zu gelangen.

Der Zuzug in die Stadt war in den letzten Tagen immer spärlicher geworden. Es hatte sich herumgesprochen, dass ein Feind anrückte, um die Stadt zu vernichten. Wer sein Leben bewahren wollte, suchte also nicht unbedingt Zuflucht in der Stadt. Für Komet stellte sich dies als bedauerlich heraus, denn nun konnte er sich nicht in der Menge der Bauern, die ihre Waren in der Stadt absetzen wollten, verstecken.

Ein spärlich anzusehender Strom von Wagen rollte Richtung Stadt. Fünf Stück waren es. Begleitet wurden sie von vielleicht zehn bis zwölf Bauern, welche die Wagen zu Fuß flankierten und ihre Waren in Rucksäcken auf dem Rücken mitführten.

Für Komet gab es so gut wie keine Chance, sich diesem Zug anzuschließen. Zwischen all diesen Menschen musste er auffallen und das Interesse der Wachen sofort auf sich ziehen. Gerade das musste er aber vermeiden.

Aber vielleicht konnte er sich unter einem der Wagen verstecken.

Wenn nur so wenige Menschen in die Stadt wollten, gab es zwei Möglichkeiten, überlegte Komet. Entweder sie wurden sehr genau kontrolliert – oder überhaupt nicht. Fünf Wagen und insgesamt zwanzig Menschen – zu Fuß und auf den Fuhrwerken - stellten eine überschaubare Menge dar – und absolut keine Gefahr, die etwa die Stadt hätte erobern können.

Er musste sich schnell entscheiden, bevor die Wagen an ihm vorbei waren und er nur mehr das Nachsehen hatte.

Er beschloss, das Risiko auf sich zu nehmen.

Seine Kalkulation ging auf.

Die Wachsoldaten scherzten sogar mit den Bauern. Drei junge Mägde gab es in diesem Tross. Die Aufmerksamkeit der Soldaten galt hauptsächlich ihnen, wobei sich diese Aufmerksamkeit nicht nur auf die Augen beschränkte und zwei der Wachen sogar mit ihren Händen kräftig zulangten. Die Mägde wehrten sich nur halbherzig. Offensichtlich waren sie Situationen wie diese in ihrem jungen Leben bereits gewohnt.

Auf jedem Fall gelang es Komet, sich unbemerkt in die Stadt zu schleichen. Eine Äußerung, die er während der Durchsuchung vernahm, interessierte ihn natürlich besonders.

Ein Soldat warnte die Bauern, den neu errichteten Häusern vor dem Tor nicht zu nahe zu kommen.

Weshalb, erläuterte er nicht.

Das Misstrauen von Komet war aber geweckt.

In der Stadt hielt er sich anfangs im Schatten. Man musste ihn nicht gleich entdecken, zumal es in Mo hauptsächlich Menschen geben dürfte.

Der Markt, dem die Bauern zustrebten, befand sich unweit des Tores – offensichtlich war nie daran gedacht gewesen, die Bauern weiter in die Stadt hineinzulassen.

Der Markt war bereits zu dieser frühen Morgenstunde recht belebt. Komet entdeckte neben den Menschen weder Zwerge noch Gnome.

Also hielt er sich besser im Hintergrund.

Zwei weitere Stunden schlich er durch die Stadt und gewann eine Reihe von Eindrücken, vor allem die Kenntnis von mehreren Fallen, welche die Verteidiger der Stadt für die Angreifer vorbereitet hatten.

 

*

 

In den letzten Tagen erschien Mykos immer öfter auf der Stadtmauer und warf einen Blick auf das weite Land, als wollte er sich selbst davon überzeugen, dass seine Wachen auch nichts übersahen.

Revrend, der Führer der Wachgarde, begleitete wie üblich seinen König.

Je öfter Mykos auf der Stadtmauer erschien, um so unbehaglicher fühlte sich Revrend, da er unwillkürlich annehmen musste, dass er überwacht wurde, weil Mykos mit seiner Leistung nicht mehr zufrieden war. Dabei hatte er alles Menschenmögliche unternommen, um die Sicherheit der Stadt zu gewährleisten. Die Mauern waren an allen empfindlichen Punkten verstärkt worden. Und er hatte zahlreiche Fallen eingebaut, welche eine Einnahme nicht so leicht machten. Allerdings – und das gestand er sich ein: Er kämpfte gegen Götter. Da mochten seine menschlichen Fähigkeiten nicht genügen.

Mykos zog sich nach einem kurzen Rundgang, bei dem er sich überzeugt hatte, dass die Feinde ihren Belagerungsring um die Stadt noch nicht geschlossen hatten, in seinen Turm zurück, den er besonders befestigen hatte lassen und den ein doppelter Kordon von Wachen umgab. Im obersten Stockwerk dieses Turms hatte er seine Befehlsstelle errichtet. Ein Modell der Stadt und der Umgebung war auf einem Tisch aufgebaut. Wie Spielzeugfiguren muteten die feindlichen und eigenen Armeen an, die möglichst ortsgetreu aufgebaut worden waren. Bunte Steine standen für jeweils eine Armee, wobei die Größe der Steine die Stärke anzeigte.

Mykos und Revrend traten hinzu.

„Sie ziehen ihre Armeen immer enger um die Stadt“, murrte Mykos.

„Sie lassen sich Zeit“, schränkte Revrend ein.

„Wieso greifen sie nicht endlich an?“

„Es stehen noch nicht alle feindlichen Kräfte vor der Stadt. Gewaltige Armeen marschieren noch auf Mo zu.“

Mykos sah zu, wie Revrend zwei weitere Spielsteine im Süden der Stadt platzierte. Jeder dieser Steine stand stellvertretend für eine Armee. Schon längst konnte man nicht mehr von einem ausgeglichenen Kräfteverhältnis sprechen.

„Der Hauptangriff erfolgt aus dem Süden“, sagte Mykos. „Dort konzentriert sich mehr als die Hälfte der Streiter der Götter.“

„Vielleicht wollen sie uns gerade dies glauben machen“, wandte Revrend ein. „Wir sollen unsere Kräfte ebenfalls im Süden konzentrieren – und dann greifen sie aus dem Norden an.“

„Hast du keine Spione ausgesandt?“

„Natürlich. Ich habe es versucht. Aber diese verfluchten Hexen, die zu ihnen übergelaufen sind, enttarnen sie alle. Wir hätten sie in unserer Armee ...“

„Höre ich da eine Kritik?“, unterbrach Mykos in scharfem Ton.

„Nein, nein“, beeilte sich Revrend zu versichern. „Nur manchmal ist es nicht schlecht, sich der gleichen Kräfte wie der Feind zu bedienen.“

Mykos ging um das Modell herum, dann deutete er auf das Gebiet nördlich der Stadt.

„Welche Armeen lagern hier?“, erkundigte er sich.

„Die Amazonen. Sie sind einen guten Tagesritt von der Stadt entfernt.“

„Keine Zauberer, keine Götter dort?“, fragte Mykos.

Revrend schüttelte den Kopf. „Die Kriegerinnen verlassen sich auf ihre Körperkraft.“

„Dann greifen wir im Norden an!“, bestimmte Mykos.

„Wir sollten uns auf das Verteidigen beschränken“, wandte Revrend ein. „Wir müssten zahlreiche Krieger von den Mauern abziehen, wenn wir jetzt einen Angriff starten.“

„Der Feind wartet noch ab, bis er alle Krieger hier versammelt hat. Du hast es selber gesagt. Sollen wir warten, bis er seine volle Stärke erreicht hat? Nein!“ Mykos deutete auf das angezeigte Heerlager der Amazonen. „Hier starten wir einen Überraschungsangriff“, bestimmte er.

„Wir sind fast einen Tag unterwegs, bis wir dort sind“, wandte Revrend ein.

„Dann müssen wir sie näher heranlocken. Denk dir etwas aus.“

Mykos versank einen Augenblick in Schweigen. Er dachte nach. „Es wäre schön, wenn wir die Nordfront loswürden. Wenn wir die Amazonen besiegen und die Götter keine weitere Armee nach Norden verschieben, ist der Norden frei von Feinden. Das verschafft uns eine Rückzugsmöglichkeit.“

„Die Götter werden nicht so dumm sein, diese Lücke zu übersehen.“

„Versuchen müssen wir es!“

Mykos winkte mit der rechten Hand Richtung Tür. Für Revrend war es das deutliche Zeichen, dass er jetzt Mykos allein zu lassen hatte.

Gedankenverloren verließ er den Turm und kehrte in die Unterkünfte der Offiziere zurück.

Das, was Mykos vorhatte, grenzte in ihrer Situation nahezu an Selbstmord. Es war Wahnsinn, die Stadt von auch nur hundert Soldaten zu entblößen. Mit weniger Mann die Amazonen anzugreifen, war ebenso ein Todeskommando.

Revrend besprach den Wunsch des Königs mit mehreren Offizieren und schließlich einigten sie sich auf einen Kompromiss.

 

*

 

Spitzer kehrte in seinen eigenen Körper zurück.

Auch diesmal lähmte ihn ein Schock, doch im Gegensatz zum letzten Mal empfand er ihn diesmal nicht als Katastrophe. Nachdem die Anfangspanik überwunden war, zwang er sich zum klaren Überlegen. Bis er die Herrschaft über seine Muskeln zurück erhielt, konnte er ohnehin nicht viel anderes anfangen.

Der Bote war tatsächlich von den Göttern gekommen, das wusste er jetzt. Und er ahnte, dass sowohl die Lade wie auch das Ei entwendet worden waren.

Er verfluchte Leon. Ihm gab Spitzer die Schuld. Hätte er, wie versprochen, dem Tempel bereits errichtet, wäre das ganze Chaos ausgeblieben. Wenn ein Gott Hilfe benötigte, war er der Letzte, der diese Hilfe verweigerte.

Diese Einsicht kam ihm allerdings zu spät. Aber da war er nicht allein.

Nachdem auch Leon in seinen Körper zurückgekehrt war, haderte auch er mit dem Schicksal.

Schließlich aber raffte er sich auf und unternahm erneut den Weg in den Palast zu Spitzer. Vielleicht besaß der König diesmal ein Einsehen und empfing ihn.

In der Tat wurde Leon anstandslos vorgelassen.

„Die Götterboten haben beide Kleinodien mitgenommen!“, stellte er als Tatsache fest. „Was gedenkst du nun zu tun, König.“

„Die Götter ziehen in den Krieg“, sagte Spitzer. „Da gehört es sich, dass die Menschen an ihrer Seite ebenfalls in den Krieg ziehen. Ich werde meinen Bruder Novad und seine Krieger nach Mo ziehen lassen.“

„Sie werden zu spät kommen“, meinte Leon.

„Das ist in diesem Fall nicht zu ändern, da sie uns erst so spät über ihre Pläne informiert haben. Und es ist bei Gott nicht das schlimmste Drama, wenn es keine Feindberührung gibt. Was hier zählt, ist allein der gute Wille. Verstehst du das?“

Leon nickte eifrig. „Du willst dir dir Götter gefügig machen.“

„Sprich nicht von Gefügig. So versessen bin ich nicht, dass ich mir das zutraue. Es genügt mir, wenn sie mir wohlgesonnen sind.“

„Verzeih, ich habe vielleicht das falsche Wort verwendet“, machte Leon einen Rückzieher.

„In der Tat, das hast du. Ich habe Gondar einen Tempel versprochen, und den soll er auch bekommen. Das bedeutet für dich, dass du dich jetzt unverzüglich daran machst, den Tempel erbauen zu lassen. Deine Schatztruhe ist gefüllt, wie ich annehme. Wenn sie die Kleinodien zurückbringen, müssen die Götter einen geeigneten Ort für sie vorfinden.“

Erst jetzt bemerkte Spitzer den Falken, der am Fensterbrett saß und interessiert zu ihnen herüberblickte. Im ersten Moment wollte er ihn verscheuchen, doch dann bekam er plötzlich eine Ahnung, dass es mit diesem Falken etwas Bestimmtes auf sich haben konnte.

Diese Erkenntnis traf ihn im ersten Moment wie einen Schock, doch dann fing er sich. Wer es mit Göttern zu hatte, musste mit allem Möglichen rechnen. Dazu gehörte auch, dass man mit Tieren reden konnte.

„Du verstehst meine Worte?“, fragte er deshalb direkt an den Falken gewandt.

Anstelle einer Antwort kam der Greifvogel in den Raum geflogen und ließ sich in Augenhöhe vor Spitzer auf einer Vase nieder.

„Das ist der Bote der Götter?“, rief Leon.

„Das ist der Körperwechsler“, vermutete Spitzer. „Die Boten der Götter sind längst davon. Ist meine Annahme korrekt?“, wandte er sich wieder an den Vogel.

Der nickte. Langsam und deutlich hob und senkte sich der Kopf, bis die Augen wieder direkt in Spitzers Gesicht blickten.

Dieses letzten Beweises hätte es eigentlich nicht mehr bedurft, dennoch breitete sich in Spitzer ein Gefühl der Erleichterung aus.

„Ich stelle ein Heer auf. Wenn du morgen in der Früh zurückkehrst, kannst du es zu den Göttern führen.“

 

*

 

Ursan hatte mit den ihm verbliebenen Kämpfern der Wolfsmenschen unweit der Amazonen ein Lager bezogen.

Die Wolfsmenschen hatten sich dem Wunsch Ellinors widersetzt, erneut den Weg in den Südosten der Stadt zurückzulegen, um sich sich dort mit den Geschöpfen Grettirs zu vereinigen. Ellinor fügte sich anstandslos diesem Wunsch. Zwei Fakten erleichterten ihr diese Entscheidung. Zum einen hatte sich Ursan bereit erklärt, sich dem Heer der Amazonen unter Venner und Aurona anzuschließen, zum anderen hatte der unnötige Kampf zwischen den Wolfsmenschen und den Amazonen die Zahl der kampffähigen Krieger der Wolfsmenschen so dezimiert, dass die Verbliebenen höchstens noch als Hilfstruppe eingesetzt werden konnten.

Ellinor erschien Venner einerseits zwar unheimlich, doch ihre Andersartigkeit wog andererseits soviel wie ein Beweisstück, dass sie nicht aus dem Lager der Menschen stammen konnte, sondern ein Geschöpf der Götter war.

Seither beobachtete Ursan ständig die Vorgänge im Lager der Amazonen. Dort herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Die Amazonen behielten die Umgebung ständig unter Beobachtung.

Ursan und die Seinen hatten sich bereits darauf eingestellt, einen ruhigen Tag und eine ebensolche Nacht in dem Lager verbringen zu können, ruhig deshalb, weil die Amazonen ihr Lager scharf bewachen ließen und dieser Schutz sich auch auf die Wolfsmenschen ausdehnte, als Aurona persönlich in das Lager geritten kam.

„Sammle deine Kämpfer, Wolfsmann!“, sagte Aurona. „Der Krieg hat endgültig begonnen.“

Sie hielt es anscheinend nicht für notwendig, eine formelle Begrüßung oder eine Anredeformel zu verwenden, sie erklärte weiter: „Eine Truppe Soldaten aus Mo befindet sich im Anmarsch auf unser Lager.“

Mit der Hand deutete sie die Richtung an, aus der die Soldaten kommen mussten. „Ihr seid zu Fuß. Also mach dich auf den Weg. Meine Reiterinnen folgen dir demnächst. Sie sind schneller und werden dich rechtzeitig einholen.“

„Wie weit?“, wollte Ursan wissen.

„Wenn du schnell gehst, triffst du in drei Stunden auf sie. Die Menschen halten euch für leichte Beute. Sie werden stets leichtsinnig, wenn sie glauben, leichtes Spiel zu haben. Bevor sie auf deine Krieger treffen, sind wir zur Stelle. Du wirst nicht zu kämpfen brauchen.“

„Du brauchst uns als Köder?“

„Das hast du richtig erkannt, Wolfsmann. Aber keine Angst, wir halten unser Wort.“

„Die Frauen?“ Ursan deutete auf das Lager.

„Sie können hierbleiben. Hier sind sie in Sicherheit.“

Ursan versorgte sich und seine Männer noch mit Proviant, dann machten sie sich gleich auf den Weg. Essen konnten sie während des Marsches.

 

*

 

Muran hieß der Hauptmann von Mo, der im Auftrag Revrends die Amazonen aus ihrem Lager locken sollte. Ihm behagte dieser Sonderauftrag von Mykos ebenso wenig, aber was sollte er dagegen unternehmen? Nichts. Hauptmänner gab es in der Armee von Mykos wie Sand am Meer. Jeder, der auch nur zehn Soldaten unter sich hatte, nannte sich bereits Hauptmann. Da galt seine Meinung überhaupt nichts.

Muran fügte sich und ritt in gemächlichem Tempo dem Lager der Amazonen entgegen. Wenn er auf den Feind traf, durften ihre Reittiere nicht erschöpft sein, denn zu diesem Zeitpunkt hatten sie ihre Qualität zu beweisen. Ihre Hauptaufgabe bestand ja nicht darin, die Armee der Amazonen zu dezimieren, indem sie möglichst viele Kriegerinnen töteten, sondern darin, sie aus der Sicherheit ihres weit entfernten Lagers näher an die Stadt zu locken.

Brütende Hitze begleitete die Soldaten auf ihrem Weg, obwohl es bereits später Nachmittag war. Da es in den letzten Tagen kaum einen nennenswerten Niederschlag gegeben hatte, war der Boden extrem trocken. Die Hufe ihrer Tiere wirbelten Staub vom Boden auf. Eine Wolke trockenen Staubes begleitete sie und machten ihre Ankunft schon weithin sichtbar.

Muran machte sich deswegen allerdings keine Sorgen, denn er war nicht so naiv zu glauben, dass sie die Amazonen überraschen könnten. Ihre Späherinnen mussten sie längst entdeckt haben.

Das Land lag flach und eintönig vor ihnen. Hier gab es nirgends eine Möglichkeit für einen Hinterhalt.

Auch den Marsch der Wolfsmenschen begleitete eine Staubwolke.

Muran entdeckte sie zeitig genug, um zu überlegen, wie er diesem Trupp begegnen sollte. Zahlenmäßig war dieser Trupp seinen Soldaten unterlegen, außerdem bewegten sie sich allem Anschein nach zu Fuß, soweit er es aus der Ferne feststellen konnte.

Ihn lockte der Angriff. Es musste doch möglich sein, so eine an Zahl gering gehaltene Einheit der Amazonen zu besiegen.

Der Staubwolke, welche die Wolfsmenschen begleitete, folgte in einiger Entfernung eine zweite. Muran nahm diese zwar wahr, schenkte ihr vorerst aber keine Beachtung, er kam auch nicht auf die Idee, dass es sich bei dem ersten Trupp lediglich um eine Vorhut handeln könnte, auf die er nun direkt zuritt.

Sein Entschluss war schnell gefasst. Zu schnell vielleicht.

Die Entfernung zwischen den beiden Trupps schrumpfte zusehends. Je näher sie einander kamen, desto mehr Einzelheiten waren auszumachen.

„Das sind keine Menschen“, rief plötzlich einer von Murans Soldaten, der ganz in seiner Nähe ritt. Deshalb konnte Muran ihn verstehen.

Der Hauptmann fühlte sich bemüßigt, die Truppe nun ebenfalls näher in Augenschein zu nehmen, und tatsächlich fielen ihm gleich einige Einzelheiten auf. Zuerst fiel ihm die Art auf, wie diese Wesen gingen, und allein daraus schloss er, dass ihnen ein Trupp Wolfsmenschen entgegen kommen musste.

„Das sind Wolfsmenschen“, schrie er. „Los Männer, die kaufen wir uns. Die vernichten wir restlos!“

Obwohl sie noch eine gehörige Entfernung trennte, zog der Hauptmann bereits seine Waffe und schwang sie über dem Kopf. Er gab das Zeichen zum Sturm auf den Gegner.

 

*

 

Ursan hatte die gegnerischen Soldaten natürlich ebenfalls längst entdeckt. Er wusste genau, was auf sie zukam und wie es um ihre Chancen stand, wenn sie allein gelassen wurden. Deshalb warf er immer wieder einen Blick zurück, wo er die Amazonen wusste. Sie kamen. Ob sie ihn jedoch erreichen konnten, bevor die Soldaten auf sie stießen,dessen war er sich nicht sicher.

Ursan blieb stehen und mit ihm kam auch der Rest seiner Truppe zum Stehen.

„Wir erwarten den Feind hier!“, bestimmte er und blickte sich um. Das Land rings um sie herum zeigte sich genau so eintönig und eben wie an jener Stelle, an der sie gerade standen. Also konnten sie gleich hier bleiben.

„Haltet die Schilde und Waffen bereit! Vierergruppen bilden!“, befahl Ursan. „Achtet nur auf die unmittelbaren Nachbarn. Was in den anderen Gruppen geschieht, interessiert niemanden“, schärfte er seinen Kriegern noch ein, „vergesst das nicht. Auf diese Weise haben wir immer die größten Erfolge gehabt.“

In wenigen Augenblicken hatten die Wolfsmenschen jene Verteidigungsstellung eingenommen, welche die größten Erfolgsaussichten bot.

Das Hufgetrappel der heranstürmenden Soldaten dröhnte bereits laut in ihren Ohren, als plötzlich fünf Amazonen mitten unter ihnen standen.

„Verhaltet Euch absolut ruhig und bleibt in dieser Position!“, riet ihnen eine Stimme.

Diese Stimme gehörte Andra, die zusammen mit vier weiteren Amazonen fünf Pespennester mit sich führte.

Andra kannte die Gewohnheiten dieser gefährlichen Insekten bestens – und sie wusste vor allem sie zu ihrem eigenen Nutzen anzuwenden. Sie besaß die fast unheimlich anmutende Fähigkeit, die Nester mit den Königinnen von ihren Standorten zu entfernen und als Waffen umzubauen. An langen Schnüren trugen die Amazonen jeweils ein Nest. Sie trugen es vorsichtig, damit es nicht frühzeitig beschädigt wurde.

„Wir werden den Soldaten von Mo einen Denkzettel verpassen, den sie ihr Leben lang nie mehr vergessen werden“, erklärte sie.

„Wenn überhaupt einer von ihnen überlebt“, warf eine weitere Amazone ein.

„Dann finden sie die Leichen und können sich ausrechnen, was sich hier abgespielt hat.“

„Was habt Ihr vor?“, fragte Ursan noch schnell.

„Wir lassen die Pespen auf sie los. Also bewegt Euch nicht!“

Für ein längeres Gespräch blieb keine Zeit mehr.

Die Soldaten waren heran.

Mit einem wilden Schrei, den man dieser blonden zart gebauten, aber durchtrainierten Amazone nie zugetraut hätte, stand sie plötzlich aufrecht und schwang das Pespennest, das sie an einer langen Schnur befestigt hatte, um ihren Kopf.

Inmitten des Rudels der Wolfsmenschen taten es ihr ihre vier Gefährtinnen gleich.

Das Singen der Schnüre erfüllte für einen Augenblick die Luft, dann flogen die Nester wie Geschosse mitten in die anstürmenden Soldaten.

Die Amazonen brauchten nicht einmal genau zu zielen.

Im Reflex hoben die Soldaten ihre Schwerter, um die Geschosse abzuwehren.

Das erste Nest wurde durchschnitten. Die Königin verlor ihren schützenden Panzer. Das war das Zeichen für die mehr als tausend Pespen ihres Nestes, sich in den Kampf zu stürzen. Mit Todesverachtung befolgten sie den Befehl ihrer Königin.

Das zweite Nest ereilte ein ähnliches Schicksal und das dritte wurde schließlich unter dem Huf eines Pferdes zerstört. Drei Nester genügten, diese Hundertschaft von Soldaten zu beschäftigen. Im Laufe des Kampfes gingen wahrscheinlich auch noch die verbliebenen zwei Nester zu Bruch.

Was sich nun abspielte, hätte sich Hauptmann Muran vermutlich nicht einmal in seinem ärgsten Alptraum vorstellen können.

Anstatt die Wolfsmenschen anzugreifen, waren seine Soldaten beschäftigt, verrückt gewordene Pespen abzuwehren. Mit Todesverachtung warfen sich die Insekten auf die Menschen. Manche von ihnen warfen gleich ihre Waffen fort und versuchten mit den bloßen Händen die Insekten abzustreifen, doch das war ein hoffnungsloses Unterfangen. Sie drangen unter die Rüstung und krabbelten überall dorthin, wo sie ungeschützte Haut erreichen konnten. Wenn sie einmal ein Eintrittsloch unter die Rüstung gefunden hatten, summierte sich die Zahl ihrer Stiche und ihr Gift lähmte die Bewegungen der Menschen zusehends.

Aurona behielt recht.

Die Wolfsmenschen mussten nicht in den Kampf eingreifen.

Andra und ihre vier Begleiterinnen hatten sich dem Verteidigungsmuster der Wolfsmenschen angepasst und warteten das Ergebnis der Pespenattacke ab.

Von einer geordneten Schlachtordnung konnte schon längst keine Rede mehr sein, als die Kämpferinnen unter Aurona schließlich das Schlachtfeld erreichten. Auch sie griffen nicht mehr aktiv in die Schlacht ein, sie beschränkten sich darauf, den fliehenden Soldaten nachzujagen und sie zur Strecke zu bringen.

Fünf Minuten später war alles vorbei.

Die Pespenköniginnen hatten ebenfalls den Tod gefunden. Andernfalls hätten die Pespen sie in Sicherheit gebracht oder weitere Angriffe auf ihren Befehl geflogen. Führungslos surrten die Insekten ziellos herum. Nun waren sie ungefährlich. Spätestens in zwei Tagen hatte sich auch ihr Schicksal erfüllt.

Von den Soldaten lebten vielleicht noch vier oder fünf, doch auch diese würden die heutige Nacht nicht überleben. Die Pespen hatten zu viel Gift in ihre Körper gepumpt.

Ursan war tief beeindruckt.

Nie hätte er sich vorstellen können, dass so etwas möglich war. Er wäre nie auf den Gedanken gekommen, ein Insekt als Kampfwaffe einzusetzen.

„Wir kehren zurück!“, bestimmte Aurona.

 

 

Kapitel 2: Die Südfront

Die Sonne stand am nächsten Tag bereits eine Handbreit über dem Horizont, als Tilor von seinem Überwachungsflug zurückkehrte.

Der Adler stand im Rapport mit Fellahrd und übermittelte ihm das Geschehen rund um die Hauptstadt Mo, das er aus einer Flughöhe übersah, die es auch Fellahrd erlaubte, noch Einzelheiten zu erkennen.

Den ersten Kampf der Amazonen bekamen auch die Götter auf diese Weise mit.

„Mykos verliert langsam die Geduld“, stellte Soas fest, als Fellahrd auch ihn über die neuesten Ergebnisse informierte.

„Es wird Zeit, dass wir den Belagerungsring schließen“, stimmte Fellahrd zu.

„Ist Gondar auch bereit?“, erkundigte sich Algoli.

„Er strotzt vor Kraft“, behauptete Isis. „Wenn ihr mich fragt, er hat fast zu viel Energie geladen. Hoffentlich geht das gut.“

„Irgendwann muss er vernünftig werden“, meinte Soas.

„Wir brechen auf?“, meinte wieder Isis. Sie blickte in jene Richtung, in der die Waldmenschen sich zusammengefunden hatten und die ihr Lager bereits abgebrochen hatten.

Die Waldmenschen drängten zum Aufbruch. Für sie machte es keinen Sinn, länger einen Tagesmarsch entfernt von der Stadt zu verweilen. Es gehörte für sie zur psychologischen Kriegsführung, dass man sich dem Feind zeigte.

„Meine Leute werden langsam ungeduldig. Es drängt sie, sich dem Belagerungsring um Mo anzuschließen.“

Soas gab ihr mit einem Zeichen zu verstehen, dass sie mit ihrer Truppe jederzeit losmarschieren konnte, wenn diese zum Aufbruch fertig war.

Ihr Plan war abgesprochen. Die Waldmenschen sollten jenen Abschnitt des Belagerungsringes übernehmen, der sich links an die Geschöpfe Grettirs anschloss. Eine gewisse Pikanterie lag in dieser Planung. Immerhin standen die Waldmenschen und die Geschöpfe Grettirs seit etwa zwanzig Jahren, seit die Geschöpfe Grettirs von Borea in das Gebiet der Waldmenschen geflohen waren, als Gondar Grettirs Welt zerstört hatte, im permanenten Kriegszustand. Und jetzt sollten sie nicht nur zusammenarbeiten, sondern jegliche feindliche Aktivitäten von vorneherein unterlassen und sich sogar gegenseitig unterstützen.

Isis vertraute der Disziplin ihrer Truppe.

Wie es um jene der Geschöpfe Grettirs stand, wusste sie nicht.

Gleich neben den Waldmenschen befand sich das Lager der Hexen.

Die Frauen hatten sich dem Befehl der Götter unterstellt, galten aber als selbstständige Einheit, und diese Selbstständigkeit nützten sie aus.

 

*

 

„Wir werden die Kleinode mitnehmen müssen“, sagte Gondar.

„Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dich erneut der Gefahr aussetzen möchte, plötzlich hilflos neben uns stehen zu müssen?“, gab Soas zurück. „Wir hüten das Ei wie unseren eigenen Augapfel, zumindest solange wir den Krieg nicht gewonnen haben.“

Soas bestimmte gleich darauf die nächsten zwei Soldaten, die zufällig an ihnen vorbei kamen und die sie seit Borea begleiteten, als Wache für die beiden Kleinodien.

„Ihr bleibt fortan ständig in meiner Nähe und haltet Euch von jeglichem Kampfgeschehen fern“, befahl er ihnen. „Holt Eure Ausrüstung, dann meldet Euch zurück. Wir brechen in einer halben Stunde auf!“

Die beiden Soldaten hatten ihre anfängliche Überraschung bald überwunden und kamen dem Befehl nach. Erst als sie zehn Minuten später gerüstet wieder vor Soas standen, klärte sie der Gott über ihre Aufgabe auf.

„Jeder von Euch beschützt fortan eines der Kleinodien von Isis. Ich allein bin derjenige, der Euch Befehle gibt! Einzig Gondar darf das Kristallei berühren. Anweisungen aller anderen Vorgesetzten, auch der anderen Götter, braucht ihr nicht zu folgen, ja, Ihr ignoriert sie sogar.

Ja, und noch eines. Ihr entfernt Euch künftig nie mehr weiter als zehn Meter von mir, es sei denn, wir befinden uns gerade in einer Schlacht oder einem Sturmangriff. Dann sucht eine Deckung auf und wartet das Ende der Schlacht ab. Habt Ihr alles verstanden?“

Die beiden Soldaten bestätigten, die Anweisung verstanden zu haben, dann nahmen sie fast ehrfurchtsvoll die beiden wertvollen Gegenstände entgegen. Sorgfältig verstauten sie sie in ihrem Gepäck, das sie dann vor sich auf dem Sattel festzurrten.

Sie hielten ihre Pferde am Zügel und richteten sich auf eine Wartezeit ein, bis auch die Götter und ihre Gehilfen ihr Lager abgebaut hatten.

 

*

 

Eine Stunde später waren sie unterwegs.

Zum ersten Zwischenfall kam es relativ bald.

Den Spitze der Reiterkolonne bildeten Soas und Gondar. Beide führten die erste Kampfeinheit. Gleich hinter ihnen folgten die beiden Soldaten mit dem Ei und der Lade von Isis. Einer der Soldaten, es war jener, der die Lade trug, die aufgrund ihrer Größe mehrmals bereits gegen sein Knie geschlagen hatte und der deshalb eine andere, nicht ganz so bequeme Sitzposition suchte, indem er das linke Bein über seinen Gepäcksbeutel legte, verfluchte im Stillen Gondar und starrte deswegen auf den Rücken des Gottes und wünschte ihm im Geheimen alles mögliche Unheil. Dabei fiel ihm auf, dass der Gott, was seine Größe betraf, nicht immer stabil blieb.

Manchmal spannte sich seine Oberbekleidung so, dass er glaubte, sie müsste jetzt und jetzt reißen, dann schrumpfte der Rücken wieder auf Normalgröße zurück und das Gewand legte sich sogar in Falten.

Er machte seinen Nachbarn darauf aufmerksam.

„Kümmere dich nicht darum“, sagte dieser. „Misch' dich nicht in die Angelegenheiten der Götter ein, du ziehst nur den Kürzeren, heißt es.“

„Ja, aber vielleicht fällt es ihm gar nicht auf.“

„Selbst dann. Außerdem kann es ja nicht so schlimm sein, wenn es ihm nicht auffällt.“

Tatsächlich bekam Gondar anfangs gar nicht mit, was mit seinem Körper vorging. Die Veränderungen waren außerdem nicht gleich so gravierend, dass er sie mitbekommen musste. Erst als sein Obergewand zu reißen drohte – und da musterten ihn die beiden Soldaten hinter ihm bereits seit fast zehn Minuten -, hielt er plötzlich inne.

Mit einem Ausruf informierte er Soas, der darauf ebenfalls sein Pferd zum Stillstand brachte – und mit ihnen kam der gesamte Heertross zum Stillstand.

Gondar entledigte sich seines Obergewandes.

„Verdammt!“, fluchte er, „es scheint, als wachse ich schon wieder!“

Er schwang sich von seinem Pferd und war gleichzeitig erstaunt, wie sehr er bereits in die Höhe geschossen war, denn er überragte das Tier bereits ein ganzes Stück.

Kaum hatte sich Gondar von seinem Tier geschwungen, als Soas ganz ungewohnt einen Fluch ausstieß.

„Ich fluche die Zwischenwelt!“, stieß er heftig hervor.

Auch er stieg von seinem Tier ab und nahm den Zügel des Tieres in die Hand, das Gondar getragen hatte. Dann blickte er den jungen Gott an. Er sah die Kraft, die in dem jungen Gott steckte.

„Bereite uns keine weiteren Schwierigkeiten, Gondar. Spar' dir deine Kraft für Mo auf. Such dir ein Ziel und entledige dich deiner überschüssigen Energien!“

Was Soas damit meinte, war Gondar natürlich klar. Er blickte umher, aber die Umgebung bot absolut keinen Anreiz, sich näher damit zu beschäftigen. Dennoch, er musste es versuchen. Er hob seinen rechten Arm und visierte eine Stelle in einiger Entfernung an. Dann schoss ein Blitz aus seinen Fingern. Der Blitz traf kurzes, verdorrtes Gras, das kurz aufloderte, aber für weitere Zerstörungen reichte es nicht.

Jeder der Götter besaß einen sogenannten Blitzableiter, ein Wappentier, das sie begleitete und ihre Kräfte lenkte. Soas' Wappentier war Oby, der Treiter. Seine überschüssigen Kräfte lenkte Soas zu Oby, der sie aufnahm und verwaltete. Da Oby mit diesen Kräften bewusst nichts anfangen konnte, speicherte er sie wie eine Batterie, ohne dass dies ihm selbst bewusst wurde. Im Bedarfsfall, wenn der Gott diese Kraft benötigte, gab das Wappentier diese gespeicherte Energie frei. Gondars Wappentier war bei seiner Geburt gestorben. Daraus ergab sich, dass Gondar einerseits über seine gesamte Energie verfügen konnte, wenn er sie benötigte, andererseits er aber keinen Zugang zu einer Reserve besaß. Und natürlich die Tatsache, dass er überschüssige Energien nicht ableiten konnte.

Mit diesem Manko musste Gondar leben.

Der Energieabfluss reichte auch nicht, dass sich Gondars Körper wieder in seinen Normalzustand verwandelte.

Keiner der Mächtigen wusste tatsächlich, was geschehen würde, wenn ein Körper mit Energien überladen war, denn dieser Fall war bislang noch nie eingetreten.

„Geht alleine weiter“, sagte Gondar.

„Du kommst zurecht?“, vergewisserte sich Soas.

„Es muss gehen!“, meinte Gondar. „Lasst mich alleine. Ich kann nicht inmitten der Armee zu experimentieren beginnen, wie ich meine überschüssigen Energien loswerde.“

„Das verstehe ich“, meinte Soas, „dennoch mache ich mir Sorgen.“

 

*

 

Es ging auf den Abend zu, als Isis und die Waldmenschen ihren endgültigen Lagerplatz erreichten.

In Sichtweite der Mauern von Mo, aber außerhalb der Reichweite ihrer Katapulte, errichteten sie ihre Stellung. Nebenan schloss sich das Lager der Geschöpfe Grettirs an. Eine Entfernung von knapp hundert Metern trennte sie.

„Ich traue ihnen nicht“, meinte Ketan. „Weshalb müssen wir unser Lager so eng neben dem ihrem anlegen?“

„Sieh es anders herum“, sagte Isis.“So sind wir nicht weit von ihnen entfernt, wenn es darum geht, sie zu besiegen.“

„Verdammt!“, setzte Ketan seiner Meinung noch hinzu, dann kümmerte er sich darum, dass die mitgeführten Katapulte aufgebaut wurden. Drei Katapulte hatten sie mitgebracht, jeweils zu tragbaren Stücken geteilt. Ihm oblag es nun, die Einzelteile zu einem Ganzen zusammenzufügen. Damit war er zumindest beschäftigt und besaß keine Zeit, sich über die Chaoswesen Gedanken zu machen.

Die Katapulte standen auf einer mit Rädern bestückten Grundfläche. Ketan schätzte, dass die Waldmenschen und er nahezu einen Tag benötigen würden, um die Waffen funktionsbereit zu machen. Bis dahin waren sie auf den Schutz der restlichen Truppe angewiesen, sollte es zu einem Angriff kommen.

Isis überließ die Arbeit an den Katapulten Ketan. Sie vertraute ihm. Sie erledigte inzwischen die restlichen organisatorischen Aufgaben. Dennoch schweiften ihre Blicke immer wieder in das Lager der Geschöpfe Grettirs hinüber. Irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, dass diese Wesen so viel Disziplin aufbrachten, dass sie in Ruhe den Angriffsbefehl abwarteten.

Bis zur Abenddämmerung tat sich tatsächlich nichts.

Dann erblickte Isis eine einzelne Gestalt, die sich ihrem Lager näherte.

Ellinor.

Kaum hatte Isis sie erspäht, als sie bereits aufsprang und ihrerseits der Grenze ihres Lager zustrebte.

Dort erwartete sie das Geschöpf Grettirs.

„Willst du uns etwa einen Höflichkeitsbesuch abstatten?“, empfing sie die Schlangenfrau spöttisch.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936612
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Januar)
Schlagworte
gondar prophezeiung

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Titel: GONDAR #10: Die Prophezeiung erfüllt sich