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Der Liebe entfliehst du nicht!

2020 66 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Liebe entfliehst du nicht!

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Der Liebe entfliehst du nicht

Die Kandidatin ist durchgefallen

Ein Mann mit zärtlichen Händen

Ersatz für Vati

Der Liebe entfliehst du nicht!

Heiter-romantische Erzählungen

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 66 Taschenbuchseiten.

 

- Als Martinas Freund überraschend einen Job in Guyana annimmt, reist sie ihm nach, um dort ein Praktikum für ihr Medizinstudium anzutreten. Auf dem Weg zur Krankenstation stürzt der Helikopter im Urwald ab, und sie muss an ihre Grenzen gehen, um sich und den schwer verletzten Piloten in Sicherheit zu bringen…

- Eigentlich wollte Andrea mit ihrem Wagen verreisen, aber ohne Führerschein? Daran ist nur dieser ekelhafte Fahrprüfer schuld. Und dann taucht er auch noch an ihrem Urlaubsort auf. Zum Glück gibt es hier noch sympathischere Männer…

- Auf den Masseur, von dem alle Frauen schwärmen, ist Antje neugierig, wird aber leider nicht von ihm behandelt. Sie führt aber doch ein Kennenlernen herbei und erlebt schon bald eine Überraschung

- Die alleinerziehende Marianne ist in großer Sorge. Ihre Tochter Pia schreibt glühende Liebesbriefe an ihren Lehrer und benimmt sich unmöglich gegenüber Mariannes Bekanntschaften. Und eines Tages ist sie verschwunden…

 

Vier neue heiter-romantische Geschichten von Wolf G. Rahn

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Der Liebe entfliehst du nicht

"Sehen wir uns am Wochenende?" Martina warf ihrem Freund Patrick einen prüfenden Blick zu. Sie fand, dass er in letzter Zeit bedrückt wirkte, wenn er auch immer wieder versicherte, dass ihn keine Sorgen quälten. Sie würde ihm so gerne helfen.

Patrick wich ihrem Blick nervös aus. "Sicher", versprach er. "Ich rufe dich an."

Am Sonnabend läutete tatsächlich das Telefon. Die Hintergrundgeräusche, die Martina aus dem Hörer vernahm, verunsicherten sie. "Rufst du vom Flughafen aus an?"

"In einer halben Stunde geht meine Maschine. Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte. Ich werde in Guyana an einem Straßenbauprojekt mitarbeiten. Sobald ich in Georgetown gelandet bin, melde ich mich bei dir."

"Guyana?", wiederholte Martina ungläubig. "Du machst Witze. Wie lange willst du bleiben?"

"Ich rechne mit ungefähr drei Jahren."

"Aber wir hatten doch Zukunftspläne", erinnerte Martina. "Gemeinsame Pläne."

"So verstehe mich doch. Ich bin einfach noch nicht so weit, Verantwortung für eine Familie zu übernehmen. Zuerst muss ich etwas leisten. In Südamerika werde ich herausfinden, wie belastbar ich bin."

"Und wie belastbar ist unsere Liebe?", fragte Martina tonlos. "Ich will nicht drei Jahre mit gelegentlichen Briefen von dir leben. Wir hätten das besprechen müssen. Irgendetwas verheimlichst du mir."

"Unsinn!", hörte sie ihn beteuern. "Auch für dich ist diese vorübergehende Trennung von Vorteil. Du kannst dein Medizinstudium in Ruhe zu Ende bringen. Zwischen uns ändert sich nichts."

Während der folgenden Tage fieberte Martina einem Brief oder Telefonanruf entgegen, doch selbst nach einem Monat erhielt sie noch kein Lebenszeichen von Patrick. Ihre Sorge um ihn wuchs. Warum meldete er sich nicht? Er hatte es fest versprochen. Es musste etwas passiert sein, was ihn daran hinderte.

Einige Zeit später schockte sie ihre Eltern mit der Mitteilung, dass sie ihr Studium unterbrechen wolle, um für ein paar Jahre in einer Krankenstation in Guyana zu arbeiten.

"Ich will bei Patrick sein", betonte sie entschlossen. "Es handelt sich um ein Entwicklungshilfeprojekt in den Sumpfwäldern, durch die er die Straße baut. Für meinen Beruf kann ich aus diesem Praktikum großen Nutzen ziehen."

Sie ließ sich ihren Plan nicht ausreden, zumal sie schon sämtliche Vorbereitungen getroffen hatte. Ein paar Wochen darauf trat sie die große Reise an, für die sie ihre gesamten Ersparnisse opfern musste.

Als sie auf dem kleinen Flughafen von Georgetown landete, empfing sie schwüle Hitze. Sie hatte gehofft, abgeholt zu werden, doch niemand kümmerte sich um sie und ihr Gepäck.

Endlich näherte sich ihr ein stoppelbärtiger Mann und grinste sie an. "Taxi gefällig, Miss?" Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter, wo Martina kein einziges Auto entdeckte.

"Sie meinen den Hubschrauber?", ahnte sie schaudernd. Die letzte Flugetappe mit der vorsintflutlichen Maschine steckte ihr noch in allen Knochen. "Ich möchte zur Klinik St. Elizabeth."

Sein Grinsen vertiefte sich. "Dann könnten Sie auch ein Boot nehmen, falls sie drei Tage unterwegs sein wollen. Eine Straße wird erst gebaut."

"Ich weiß. Ein Bekannter ist dort als Ingenieur beschäftigt."

Dass sich Patrick die ganze Zeit nicht gemeldet hatte, erschien ihr plötzlich begreiflich. Briefkasten und Telefon gehörten wohl zu den Errungenschaften moderner Zivilisation, die in den Sumpfgebieten Guyanas noch unbekannt waren. Langsam begann sie zu ahnen, unter welchen Bedingungen sie hier würde arbeiten müssen.

Aus der Nähe sah der Helikopter geradezu abenteuerlich aus. "Der fliegt wirklich?", zweifelte Martina. "In St. Elizabeth rechnet man fest mit meinem Kommen."

Der Mann musterte sie neugierig. "Sie sprechen das Englisch mit merkwürdigem Akzent. Sie kommen wohl nicht von der Insel."

"Ich bin Deutsche."

"Nicht möglich. Ich stamme aus Klagenfurt."

"Was hat denn einen Österreicher in die Wildnis verschlagen?", wunderte sich Martina, während der Pilot den Rotor auf Touren brachte.

"Das ist eine lange Geschichte", wich der Mann aus, und Martina fragte sich, ob womöglich eine Frau der Grund gewesen war.

Sie tauschten ihre Namen aus. Unerwartet auf einen Beinahelandsmann gestoßen zu sein, gab Martina ein heimatliches Gefühl. Sicher würde ihr dieser Mann gelegentlich wieder begegnen, denn er versorgte St. Elizabeth mit Medikamenten und spielte auch bei Krankentransporten eine Rolle.

"Hoffentlich sind Sie nicht enttäuscht", warnte Florian Seitinger sie, während sie ein undurchdringliches Mangrovegebiet überflogen. "Mit einer Klinik verbinden Sie zweifellos andere Vorstellungen. St. Elizabeth ist nur eine armselige..." Er stockte und drückte einige Knöpfe.

Martina warf ihm einen misstrauischen Blick zu. "Es ist doch alles in Ordnung, oder?"

Er nickte, aber seine Lippen pressten sich aufeinander, bis sie in seinem gebräunten Gesicht weiß leuchteten.

Kurz darauf erkannte auch Martina das unregelmäßige Rotorengeräusch. Es war, als setzte der Antrieb für Augenblicke aus, um sich seiner Pflicht wieder zu besinnen.

"Machen Sie mir nichts vor", sagte sie erschrocken. "Wir befinden uns in Schwierigkeiten."

"Jedenfalls werde ich vorsichtshalber landen."

Martina blickte auf das endlose Grün unter sich. "Landen? Ich sehe nirgends eine Möglichkeit."

"Ich auch nicht", gab ihr der Mann recht. "Aber wenn wir noch zehn Meilen schaffen, haben wir eine reelle Chance. Drehen Sie bloß nicht durch!"

Durchdrehen? Was würde das ändern? Sie dachte an Patrick und war plötzlich überzeugt, dass in diesem schrecklichen Land kein Fremder überleben konnte.

Sie schloss die Augen. Erst als das Motorengeräusch völlig verstummte, riss sie sie wieder auf. "Was ist los?"

"Arme vor den Kopf!", schrie der Pilot.

Dann krachte es...

 

*

 

Irgendwann öffnete Martina die Augen und sah nichts. Vorsichtig versuchte sie, Arme und Beine zu bewegen. Es klappte, also schien sie leidlich unverletzt zu sein.

Langsam gewöhnte sie sich an die Dunkelheit. Offenbar war es bereits Nacht. Sie erinnerte sich an Florian Seitinger und rief atemlos seinen Namen. Keine Antwort. Der Platz neben ihr war leer.

Panik überfiel sie. Der Pilot musste aus der Kanzel geschleudert worden sein. Wenn er nun tot war! Wie sollte sie aus eigener Kraft jemals aus der Wildnis herausfinden? Wahrscheinlich vermisste man sie in St. Elizabeth nicht einmal. Man würde glauben, sie habe es sich anders überlegt. Es wäre nur zu begreiflich.

Ungelenk kletterte sie ins Freie. "Florian?" Sie rief seinen Vornamen, wollte sich an etwas Vertrautes klammern, um nicht zu verzweifeln.

Der Mann antwortete auch diesmal nicht. Angst drohte Martina zu ersticken. Sie tastete sich um den Hubschrauber herum, der eine Bresche zwischen die Baumriesen geschlagen hatte. Es gelang ihr, Einzelheiten zu erkennen, und sie wusste, dass dieser Apparat nie wieder fliegen würde.

Unter einem Gewirr von zersplittertem Holz fand sie ein Bein. Sie zerrte daran, um den Verunglückten zu bergen. Ein markerschütternder Schrei war die Antwort, worauf sich in nächster Nähe eine Vielzahl kreischender Vogelstimmen meldete.

Er lebte, aber er schien verletzt zu sein. Verbissen wuchtete sie das Geäst beiseite. Dabei sprach sie unaufhörlich zu dem Mann, der verhalten stöhnte.

"Ich fürchte", ächzte er, "in meinem Körper findet sich kein heiler Knochen mehr. Aber zum Glück sind Sie wenigstens glimpflich davongekommen."

Martina lachte gereizt. "Dieses Glück ist in meinem Sprachgebrauch eine Katastrophe. Wie lange kann man in dieser Hölle überleben?"

"Sie schaffen es, Martina", betonte Florian und verlangte im nächstem Atemzug nach seinem Rum. "Die Flasche finden Sie hinter meinem Sitz. Hoffentlich ist sie nicht zerbrochen."

Als sie das Gewünschte brachte, forderte er sie auf, ebenfalls einen kräftigen Schluck zu nehmen. "Den werden Sie brauchen, denn Sie müssen sich zu Fuß bis St. Elizabeth durchschlagen."

"Und Sie?"

"Ich warte, bis Sie mit Hilfe zurückkommen. Wenn Sie den Fluss im Südwesten erreichen, können Sie die Station nicht mehr verfehlen."

Martina untersuchte ihn und stellte fest, dass beide Beine, der rechte Arm und sicher auch einige Rippen gebrochen waren. Beine und Arm mussten geschient werden. Damit brachte sie bis zum Morgengrauen zu. Danach fühlte sie sich restlos erschöpft und schlief ein.

Als sie zu sich kam, regnete es in Strömen. Unter dem demolierten Hubschrauber lagen Florian und sie leidlich trocken. Martina spürte heftigen Hunger und vor allem Durst.

"Sicherheitshalber nehme ich immer ein paar Vorräte mit", eröffnete der Mann, "aber wir müssen sparsam damit umgehen. Sobald der Regen nachlässt, müssen Sie sich auf den Weg machen."

"Wie weit wird es bis zum Fluss sein?"

"Schätzungsweise sechs Meilen."

"Gut", antwortete Martina und erhob sich.

Florian sah ihr eine Weile zu, wie sie zwei kräftige, gerade Äste gleicher Länge suchte und sie mit Kleidungsstücken aus ihrem Gepäck verband. "Was soll das werden?"

"Ein Travois. Damit transportierten die Indianer früher ihre Lasten. Anders bringe ich Sie nicht zum Fluss."

Er erhob energisch Einspruch. "Wissen Sie, was ich wiege?"

"Ich werde es erleben, Florian. Zufällig bin ich hergekommen, um Patienten zu versorgen. Sie sind momentan mein einziger Patient. Dafür besitzen Sie die Erfahrung, die wir fürs Überleben brauchen. Wir können es nur gemeinsam schaffen."

Sie nahmen das Allernotwendigste mit. Florian wurde auf das Travois gebunden, und Martina packte die beiden Aststangen und schleifte sie über den aufgeweichten Boden.

Als ihre Hände zu bluten begannen, umwickelte sie sie mit Stoffetzen. Schweiß rann ihr in Bächen über den Körper. Es flimmerte vor ihren Augen, und sie musste in immer kürzeren Abständen eine Verschnaufpause einlegen.

Die Nacht verbrachten sie unter einem dichten Blätterdach. Es blieb warm. Trotzdem suchte Martina die Nähe des Mannes, denn sie fürchtete sich entsetzlich, was sie aber mit keiner Bemerkung zugab.

Am Morgen ging es nach einem kärglichen Frühstück weiter. Bei dem mäßigen Tempo, das Martina mit ihrer Last bewältigte, verloren sie das Gefühl für Entfernungen. Vielleicht hatten sie erst eine Meile zurückgelegt. Oder gar erst eine halbe.

"Sie bringen uns beide um, wenn Sie mich nicht hier liegenlassen", beschwor Florian seine Begleiterin immer wieder. "Ohne mich könnten Sie schon fast in St. Elizabeth sein."

"Und wie sollte ich Sie wiederfinden?", wandte Martina ein. "Am Fluss werden sie mir beibringen müssen, ein Floß zu bauen. Wir brauchen uns gegenseitig, auch wenn Ihnen das vielleicht nicht gefällt."

"Natürlich gefällt es mir nicht", brauste der Verletzte auf. "Wir spielen beide die verkehrte Rolle. Ich müsste Sie tragen, denn ich bin der Mann."

"Und ich nur eine dumme Frau", ergänzte Martina bissig. "Wussten Sie noch nicht, dass Frauen mit dem Kopf durch die Wand gehen können, um ihren Willen durchzusetzen?"

"Diese Art Frauen mochte ich bisher nicht besonders", gab er zu. "Aber vielleicht habe ich mich geirrt."

Es wurde Abend, ehe sie endlich das Gewässer erreichten, das Florian Fluss nannte. Es handelte sich um eine von Moskitos überschwärmte Brühe, die wenig einladend wirkte.

Florian versicherte, dass es hier weder Alligatoren noch Piranhas gab. "Doch wir werden ein paarmal auf unerwartete Strömungen stoßen. Es wäre ungefährlicher für Sie, am Ufer entlangzumarschieren."

"Sie wissen genau, dass ich das mit Ihnen nicht schaffen kann. Unsere einzige Hoffnung ist das Wasser."

Während Martina nach einer kurzen Rast mit dem Floßbau begann, sagte Florian bewundernd: "Sie müssen ihn sehr lieben, sonst könnten Sie diese Strapazen nicht auf sich nehmen."

Sie hatte ihm von Patrick erzählt, den sie auf seiner Baustelle möglichst bald aufsuchen wollte.

Martina schwieg. Sie wollte jetzt nicht über die Gründe nachdenken, die sie nach Guyana geführt hatten. War es nicht verrückt, ihr Praktikum ausgerechnet hier zu absolvieren? Für die Approbation würde es nicht anerkannt werden.

Normalerweise hätte sie sich einem derart lebensgefährlichem Fahrzeug niemals anvertraut, doch jetzt erschien ihr das mit blutenden Händen gebaute Floß wie ein sicheres Gefährt.

Sie half Florian, auf das Floß zu kriechen. Seine Schmerzen konnte sie nur ahnen. Ob er jemals wieder würde richtig laufen können?

Mit verhältnismäßig geringem Kraftaufwand bewegte sie das primitive Boot vorwärts. Nur die tückischen Strömungen verlangten ihr ganzes Geschick. Trotzdem kenterte das Floß einmal und ging beinahe verloren.

Längst war jede ihrer Körperpartien von Moskitos zerstochen. Im Wasser erkannte Martina ihr geschwollenes Gesicht. Wie würde Patrick reagieren, könnte er sie so sehen?

"Sie sind die erstaunlichste Frau, die ich in meinem Leben kennengelernt habe", beteuerte Florian am dritten Abend. "Im Grunde besitzen Sie nur einen einzigen Fehler."

"Und zwar?"

"Diesen Patrick", war die überraschende Antwort, die Martina einigermaßen verwirrte.

Am Morgen wurde sie von Fieber geschüttelt. Sie fühlte sich schlapp. Nur das Bewusstsein, mit keiner fremden Hilfe rechnen zu können, gab ihr erneut die Kraft, das Floß ins Wasser zu stemmen und die Fahrt ins Ungewisse fortzusetzen.

Inzwischen wusste sie, dass Florian tatsächlich aus Enttäuschung wegen einer Frau in die Einöde geflüchtet war. "Unter diesen noch natürlichen Menschen habe ich zu mir selbst zurückgefunden. Guyana ist ein wunderbares Land."

Es fiel ihr schwer, das zu glauben. Sie spürte, dass sie höchstens noch ein paar Stunden durchhielt.

"Ruhen Sie sich eine Weile aus", beschwor der Mann sie. "Es kann nicht mehr allzu weit sein."

Irgendwann machte der Fluss eine Biegung, und hinter der Biegung entdeckten sie flache Boote mit Menschen darauf. Da fiel Martina in Ohnmacht und kam erst in einer Hütte unter einer Decke zu sich.

Eine dunkelhäutige Frau schaute herein und erklärte der Fiebernden, dass sie sich in St. Elizabeth befinde. "Wir werden Sie gesund pflegen, denn wir brauchen Sie dringend."

"Wie geht es Mister Seitinger?", wollte Martina schwach wissen.

"Er hat Ihnen zu verdanken, dass er lebt und eines Tages wieder so einen verrückten Vogel wird fliegen können. Er spricht die ganze Zeit nur von Ihnen."

Als Martina das Fieber überwunden hatte, suchte sie Florians Hütte auf, in der er mit drei weiteren Kranken lag. Mit der Linken ergriff er spontan ihre Hand und drückte sie fest. "Ich danke Ihnen, Martina. Ich wollte, ich könnte mich auf irgendeine Weise revanchieren."

"Auf das Vergnügen, von Ihnen eines Tages aus dem Sumpf geschleppt zu werden, verzichte ich gerne", betonte Martina mit wiedergewonnenem Humor. "Doch vielleicht können Sie mir helfen, Patrick zu finden."

"Kein Problem. In St. Elizabeth liegen zwei Arbeiter, die beim Straßenbau verunglückten. Sie beherrschen die englische Sprache nicht, aber ich werde versuchen, mit ihnen zu sprechen."

Die Gespräche verliefen ohne Erfolg. Die beiden wussten nichts von einem Ingenieur aus Europa.

"Das hat überhaupt nichts zu bedeuten", beruhigte Florian die Enttäuschte. "Ihr Freund kann sich noch an zwei weiteren Stellen aufhalten. Hier ist eine genaue Lageskizze. Mit dem Boot wären Sie für eine Tour ungefähr eine Woche unterwegs."

Martina kannte inzwischen das Elend in den Krankenhütten von St. Elizabeth. Sie arbeitete sechzehn Stunden am Tag und hatte für eine solche Reise keine Zeit. Sie konnte nur hoffen, eines Tages Kranke von den bewussten Baustellen versorgen zu müssen.

Florian erwies sich als ausgesprochen ungeduldiger Patient. Martina konnte ihn begreifen. Immerhin hatte er mit seinem Hubschrauber seine einzige Einnahmequelle eingebüßt. Natürlich machte er sich Gedanken, wie es nun mit ihm weitergehen sollte.

"Ich hole mir die Mühle aus dem Wald", erklärte er verbissen. "Wozu hätten Sie mir sonst beigebracht, nie aufzugeben?" Er blickte sie mit solcher Bewunderung an, dass sich Martina verlegen abwandte.

Eines Tages war Florian verschwunden. Ohne ein Wort des Abschieds.

Martina war sicher, dass er vor Einbruch der Dunkelheit zurückkommen würde, aber sie irrte sich. Auch am nächsten Tag brachte er das von ihm gestohlene Boot nicht nach St. Elizabeth zurück.

"Er ist verrückt", urteilte Dr. Watts, der die Station leitete. "Mit nur einem gesunden Arm schafft er es unmöglich bis Georgetown."

Martina fühlte eine namenlose Enttäuschung in sich. Ihr war, als hätte sie mit diesem Mann eine kraftspendende Batterie verloren.

Nach einer Woche gab sie die Hoffnung auf, ihn jemals wiederzusehen. Umso verbissener widmete sie sich ihren vielfältigen Aufgaben.

Ein Monat verging. Dann legte plötzlich ein Boot am Steg an. In ihm saß Florian.

Martina erkannte ihn kaum wieder. Er sah aus, als hätte er sämtliche Wälder Guyanas allein abgeholzt. Sie half ihm aus dem Boot und wartete auf seine Erklärung.

"Ich war bei den Baustellen", begann er. "Mit mindestens hundert Männern habe ich gesprochen, darunter mit Verantwortlichen, die wissen müssen, wer an diesem Straßenprojekt arbeitet. Es befindet sich kein einziger Deutscher darunter. Es gab auch keine entsprechenden Verhandlungen."

"Aber Patrick hat doch..."

Er legte sanft seine gesunde Hand auf ihren Arm. "Er hat Sie angelogen, Martina", stellte er fest. "Vielleicht fürchtete er sich vor der Ehe und war zu feige für die Wahrheit. Da er nicht damit rechnete, dass Sie ihm folgen würden, erfand er dieses Märchen, damit Sie nicht nach ihm suchten. Ich wette, er amüsiert sich jetzt irgendwo in Deutschland mit einer anderen Frau."

In Martinas Augen schossen Tränen. Sie trat einen Schritt zurück und ballte die Fäuste. "Ich hatte Sie nicht gebeten, das herauszufinden", schrie sie Florian an. "Sie bringen mir nur Unglück." Schluchzend eilte sie in ihre Hütte.

Details

Seiten
66
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936605
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v515020
Schlagworte
liebe

Autor

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Titel: Der Liebe entfliehst du nicht!