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In Sachen Liebe: Verurteilt!

2020 72 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

In Sachen Liebe: Verurteilt!

Copyright

Amor schießt auf Bahnsteig 3

Glück am Wegesrand

Zur Liebe verurteilt

Schlechte Karten für die Liebe

Na dann, Prost Neujahr!

Frau am Steuer

In Sachen Liebe: Verurteilt!

Sechs heiter-romantische Erzählungen

von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 72 Taschenbuchseiten.

 

- Als er die Fremde im gegenüber stehenden Zug entdeckt, durchzuckt es Oswald wie ein Blitz. Auf diese Frau hat er ein Leben lang gewartet. Leider fährt der Zug ab, bevor er sie erreicht, und seine anschließende Suche verläuft ergebnislos. Da kann nur noch ein Wunder helfen…

- Während einer Bergwanderung stößt Kerstin unerwartet auf eine Stierherde. Da ist es ihr ganz recht, dass sie kurz zuvor den mutigen Ralf kennengelernt hat. Leider scheint er in Liebesdingen nicht besonders mutig zu sein.

- Sebastian ist entschlossen, seinen Prozess gegen Caroline Wendlinger zu gewinnen. Und deren attraktive Anwältin hätte er gerne als Zugabe. Diese ist aber leider gegen seinen Charme immun. Das sollen die beiden Frauen bereuen…

- Corinna liebt es nicht, ausgetrickst zu werden. Aber genau das hat Dietmar offensichtlich vor, als er ihr eine Partie Poker vorschlägt. Strip-Poker natürlich. Er weiß ja, dass sie von diesem Spiel keine Ahnung hat. Aber das lässt sich ja ändern…

- Das alte Jahr hat sich bei Frauke mit lauter Pech und Pannen verabschiedet, aber das neue scheint auch nicht besser zu werden. Sich zwischen drei Männern entscheiden zu sollen, erscheint ihr nicht als Glücksfall…

- Bei Alberts Taxifahrt zu seinem wichtigen Geschäftstermin kommt es zu mehreren Zwischenfällen. Kein Wunder, denn seine Fahrerin ist eine Frau, die dazu noch eine ziemlich spitze Zunge hat. Und dann muss er auch noch mit ihr zurückfahren…

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover by Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Amor schießt auf Bahnsteig 3

"Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich das Fenster für einen Moment öffne?", fragte Oswald Braun die Mitreisenden in seinem Abteil.

Niemand erhob Einspruch, also zog er das Fenster nach unten und lehnte sich hinaus. Der Zug fuhr in den Ostbahnhof ein. Türen wurden aufgerissen. Eine Lautsprecherstimme quäkte gelangweilt: "...auf Bahnsteig 2 der ICC nach Rom..."

Eine lange Fahrt lag vor ihm, aber er hasste Flugzeuge, seit sein Bruder vor zwei Jahren mit einer Sportmaschine verunglückt war. Außerdem fand er auf diese Weise Gelegenheit, die Kalkulationen zu überprüfen, die er seinen Geschäftspartnern vorlegen wollte. Der erhoffte Großauftrag sollte nicht an einem Kommafehler scheitern.

Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig stand ein zweiter Zug. Oswald blickte direkt in ein Abteil, in dem nur eine Frau saß. In diesem Moment erhob sie sich, um eine Reisetasche von der Gepäckablage zu heben. Sie wandte ihren Kopf und schaute ihn an.

Oswald hatte das Gefühl, als würde er von einem Blitz durchbohrt. Dieser Blick aus ausdrucksstarken, dunkelblauen Augen, dazu ein paar weich geschwungene Lippen und das goldblonde Haar als wirkungsvoller Rahmen für ein bezauberndes Gesicht. Er war fasziniert.

Mit angedeuteter Verbeugung schickte er ein Lächeln hinüber, und das Wunder nahm seinen Fortgang: die schöne Fremde lächelte zurück. Behutsam nur, kaum merklich. Aber sie lächelte.

Um Oswalds Fassung war es geschehen. "Entschuldigen Sie, bitte!", murmelte er, während er Reisetasche und Aktenkoffer an sich riss und über fremde Beine stieg.

Auf dem Gang zwängte er sich an einem beleibten Herrn vorbei und erreichte den Ausgang. Im Laufschritt hetzte er zur Treppe, hastete durch die Unterführung und stürmte auf der anderen Seite wieder nach oben.Als er den Bahnsteig 3 keuchend erreichte, rollten gerade die letzten beiden Waggons an ihm vorbei.

Das Gefühl, das ihn überwältigte, ließ sich nur schwer beschreiben. Ihm war, als hätte er den allerletzten Zug in seinem Leben verpasst.

Mit seinen 42 Jahren hatte er schon einige Liebesabenteuer hinter sich. Aber es waren eben stets nur Abenteuer gewesen. Nie etwas Ernstes, Bleibendes, etwas, das ihn wie ein Sturm gleichzeitig entwurzelt und an einem neuen Platz wieder eingepflanzt hatte. Die Trennung hatte jeweils flüchtiges Bedauern hervorgerufen. Mehr nicht.

Diesmal war es anders. Der einzige Blick, dieses zaghafte Lächeln hatte genügt, um ihn etwas begreifen zu lassen: Du hast sie endlich getroffen und doch wieder verloren. Du musst sie wiederfinden.

In der Ferne fraß sich der Zug nach München hinein. In wenigen Minuten stieg die schöne Unbekannte am Hauptbahnhof aus und verschwand für immer aus seinem Leben.

Diese Vorstellung entsetzte Oswald. Hals über Kopf verließ er den Bahnhof und rief vor der Eingangshalle verzweifelt nach einem Taxi, obwohl es genau vor ihm stand.

"Zum Hauptbahnhof!", ächzte er. "Aber schnell. Ich muss meinen Zug erreichen."

"Der kommt doch hier sowieso vorbei", wandte der Chauffeur ein.

Oswald drückte ihm einen Hunderteuroschein in die Hand. Da argumentierte der Mann nicht mehr, sondern gab Gas.

Am Hauptbahnhof wiederholte sich Oswalds Enttäuschung. Er hatte erneut das Nachsehen. Der Zug war schon vor Minuten eingefahren, sämtliche Reisende längst ausgestiegen.

Zum Glück hatte er sich die Abfahrtzeit am Ostbahnhof gemerkt. Dadurch ließ sich ermitteln, dass es sich um den Zug aus Wien gehandelt haben musste.

Eine Österreicherin also? Kein Wunder, dass er ihrem Charme verfallen war.

Nachdem er eine Zeitlang vergeblich nach der Verschwundenen Ausschau gehalten hatte, wandte er sich dem Bahnhofsvorplatz zu. Am Taxistand beschrieb er die Frau und fragte: "Haben Sie gesehen, dass sie bei einem Ihrer Kollegen einstieg?"

Die Fahrer hatten nur ein mitleidiges Kopfschütteln. Die Beschreibung war allzu dürftig.

An den umliegenden Bushaltestellen entdeckte er sie nicht, und bei der S-Bahn hatte er ebenfalls keinen Erfolg. Damit war auch nicht mehr zu rechnen, denn inzwischen war über eine halbe Stunde vergangen.

Erschöpft schloss Oswald sekundenlang die Augen, und sofort sah er ihr Bild vor sich. Ein wenig scheu, wenn auch durch und durch weiblich. Eine Traumfrau.

Flüchtig dachte er an das Geschäft in Rom, das er zum Abschluss bringen wollte. Es konnte nicht warten. Aber um die Fremde aufzuspüren, nahm er sogar in Kauf, sich in ein Flugzeug zu setzen und damit die verlorene Zeit wieder einzuholen.

Doch wo sollte er sie suchen? München war eine Großstadt, und er wusste nicht einmal ihren Vornamen, geschweige denn Angaben, die eine eindeutige Identifizierung ermöglicht hätten.

Oswald stand vor dem Bahnhof. Sein Blick fiel auf das riesige Hotel schräg gegenüber. Natürlich! Sie musste schließlich irgendwo wohnen. Entsprechend ihrem überwältigenden Äußeren stieg sie sicher nicht in einer drittklassigen Pension, sondern in einem guten Hotel im Zentrum ab.

Mit neuer Hoffnung ausgestattet, überquerte er die Straße und betrat die Hotelhalle. An der Rezeption erkundigte er sich nach der Gesuchten.

"Sie ist bildhübsch, blondes, schulterlanges Haar, blaue Augen und trägt ein dunkelrotes Kostüm. Wahrscheinlich spricht sie Wiener Dialekt."

Der Hotelangestellte lächelte verständnisvoll, konnte ihm aber nicht helfen.

"Bedaure, mein Herr! Während der letzten Stunde ist keine Dame, auf die Ihre Beschreibung passen würde, bei uns angekommen. Es liegt auch für heute keine Buchung aus Wien vor."

"Vielleicht kommt sie ja auch aus Salzburg", hielt Oswald für möglich, doch das nützte ihm auch nichts.

Nun gut, er konnte schließlich nicht damit rechnen, sie bereits im ersten Hotel zu finden. Er musste eben auch in allen anderen in Bahnhofsnähe nachfragen.

Das tat er. Er marschierte über zwei Stunden von Tür zu Tür und holte sich überall eine Absage. Es wohnten zwar viele hübsche Blondinen in den Hotels, aber keine war gerade erst eingetroffen.

Es war zum Verzweifeln.

Sie wird doch nicht in einen anderen Zug umgestiegen und weitergefahren sein?, sagte er sich. Vielleicht nach Paris oder Kopenhagen.

Sollte er deshalb aufgeben? Auf keinen Fall. Noch hatte er längst nicht sämtliche Möglichkeiten ausgeschöpft. Zur Not versuchte er es mit einer Suchanzeige in der Zeitung.

Zunächst aber musste er das Treffen in Rom verschieben. Er rief in seinem Büro an und diktierte ein Fernschreiben. Seiner Sekretärin erzählte er, er habe einen Fehler in der Kalkulation gefunden und müsse sie noch überarbeiten.

Anschließend fiel ihm ein, dass er außer einer Tasse Kaffee am Morgen noch nichts zu sich genommen hatte. Er suchte ein Restaurant auf und bestellte ein Schnitzel.

Gerade wollte er ohne sonderlichen Appetit zu essen anfangen, als ein Mann an seinen Tisch trat und sich für die Störung entschuldigte.

"Sind Sie nicht der Herr, der sich vorhin im "Metropol" nach einer Blondine erkundigt hat? Ich hörte es zufällig."

Oswald legte das Besteck beiseite. "Wissen Sie etwas Näheres?", fragte er atemlos.

"Ich denke schon. Sie betrat nämlich eine halbe Stunde später den "Bürgerhof". Hübsch, blond, blauäugig, große Reisetasche."

"Das muss sie sein", war Oswald sicher. "Wissen Sie ihren Namen?"

Der Mann grinste stolz. "Vorsichtshalber habe ich mich danach erkundigt. Die Dame heißt Elvira Hagen und ist Designerin. Hoffentlich konnte ich Ihnen helfen."

Oswald zückte einen Schein und bat: "Nehmen Sie das für Ihre Mühe. Sie ahnen gar nicht, was diese Mitteilung für mich bedeutet."

Er ließ das Schnitzel stehen, zahlte und verließ das Restaurant.

Der "Bürgerhof", befand sich in der Nähe. Es handelte sich um ein einfaches, aber ordentliches Hotel.

An der Rezeption nannte Oswald seinen Namen und verlangte, Frau Hagen zu sprechen.

Frau?, dachte er erschrocken. Vielleicht ist sie schon verheiratet. Er schätzte sie auf knapp dreißig. Eine Frau mit ihren Vorzügen blieb bestimmt nicht so lange allein.

Mit dem Lift fuhr er zur zweiten Etage und klopfte erwartungsvoll an die Tür mit der Nummer 206.

"Herein!", hauchte eine Frauenstimme.

Oswald öffnete die Tür. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er gar nicht wusste, wie er sein Hiersein erklären sollte. Ob sie ihn überhaupt wiedererkannte?

Die Frau erhob sich, lächelte und kam ihm entgegen. Sie hatte platinblondes Haar, veilchenblaue Augen und einen verführerischen Mund. Man konnte sie durchaus attraktiv nennen - aber es handelte sich nicht um die Unbekannte aus dem Wiener Zug.

Oswald war sicher, dass sie ihm seine Enttäuschung ansah. Er murmelte eine Entschuldigung und beteuerte, dass es sich um ein bedauerliches Missverständnis handele.

"Bedauerlich?", gurrte Elvira Hagen und schenkte ihm einen glutvollen Blick. "Nicht für mich. Wollen Sie mir nicht verraten, mit wem ich das Vergnügen habe?"

Er stellte sich vor und versuchte, die Zusammenhänge zu erklären.

Die Blondine, die ihn genötigt hatte, doch wenigstens einen Augenblick Platz zu nehmen, lauschte gebannt.

"Nein, wie romantisch!", rief sie schließlich begeistert. "Das ist ja wie im Märchen. Und Sie haben wegen dieser Frau tatsächlich einen wichtigen Termin in Rom platzen lassen? Sie müssen es sich leisten können."

"Mir gehört eine kleine Fabrik für Hochleistungsmikrofone", gab Oswald Auskunft. "Im Übrigen hoffe ich, den Termin zu einem etwas späteren Zeitpunkt wahrnehmen zu können. Es tut mir leid, Sie belästigt zu haben. Der Mann schien seiner Sache ganz sicher zu sein, und nach seiner Beschreibung hätten Sie es ja durchaus sein können."

"Und nun sind Sie sehr enttäuscht von mir", schmollte Elvira Hagen.

Oswald wollte nicht unhöflich sein. Schließlich konnte sie nichts dafür, dass sie die Falsche war.

"Nicht von Ihnen, Frau Hagen", versicherte er.

"Dann nennen Sie mich doch einfach Elvira. Haben Sie auch einen Vornamen?"

Ehe Oswald es sich versah, standen eine Kognakflasche und zwei Gläser auf dem Tisch. "Ich finde, eine solche Begegnung muss man begießen", flötete Elvira. "Und anschließend begeben wir uns gemeinsam auf die Suche. Einverstanden?"

Ob einverstanden oder nicht, Elvira war entschlossen, eine Rolle in diesem Märchen zu spielen. Warum sollte er also ihre Hilfe ablehnen?

"Vor allem müssen wir heute Abend die Bars in Augenschein nehmen", schlug sie vor. "Als Fremde in unserer Stadt interessiert sie sich zweifellos für das Münchner Nachtleben."

Oswald schätzte seine Traumfrau völlig anders ein. Falls sie nicht aus beruflichen Gründen gekommen war, würden eher Kirchen und Museen auf ihrem Terminplan stehen. Vielleicht auch Hellabrunn und der Englische Garten. Aber Nachtlokale?

Elvira ließ sich überzeugen. "Also gut. Dann eben vorher Elefanten und Nymphenburger Porzellan. Nach neun Uhr übernehme ich die Regie."

In der Alten Pinakothek brach sie vor dem Bildnis einer prallen Marktfrau in schrilles Gelächter aus. Die übrigen Besucher im Saal wandten bestürzt die Köpfe.

Oswald wäre am liebsten im Erdboden versunken. "Was haben Sie denn?", erkundigte er sich und zog sie rasch durch eine Tür.

Die Frau kicherte noch immer albern. "Wie kann man so ein hässliches Weib malen?", japste sie. "Mich hat noch nie jemand porträtiert. Oder finden Sie mich nicht attraktiv?" Sie rückte auf eine für diese ehrwürdige Galerie völlig unangemessene Tuchfühlung.

"Meister Murillo wäre zweifellos Ihrer Meinung gewesen", bestätigte Oswald gedämpft, "hätte er drei Jahrhunderte später gelebt." Von diesem Augenblick an ging ihm seine Begleiterin auf die Nerven.

Elvira vertrat die Ansicht, dass die Gesuchte in einem der besseren Restaurants zu Abend aß. Aus diesem Grunde entschieden sie sich für das "Capriccio".

Oswalds Appetit war bis jetzt nicht wieder zurückgekehrt. Er war noch keinen Schritt vorangekommen, und seine Sehnsucht nach der Schönen aus dem Zug war eher noch gewachsen. Nie hätte er für möglich gehalten, dass er sich in seinem Alter noch einmal so bedingungslos verliebte.

Mit umso größerem Heißhunger sprach Elvira den erlesenen Spezialitäten zu und trank den teuren Wein, als handelte es sich um Limonade.

Auch sonst war sie in ihren Tischmanieren nicht gerade zimperlich. Oswald spürte, dass sie von den Nebentischen aus verstohlen beobachtet wurden.

Er war froh, als Elvira zum Angriff auf die Nachtbars blies, wenn er auch den Erfolg dieser strapaziösen Tour bezweifelte.

Schon im ersten Lokal geriet Elvira auf einen Barhocker, der mit Leim bestrichen sein musste. Sie konnte sich nicht von ihm trennen.

"Kommen Sie!", drängte Oswald ungeduldig. "Sie ist nicht hier."

"Nur noch ein Glas Champagner, Oswald", bettelte Elvira und schaute ihm tief in die Augen. "Ich muss Ihnen etwas gestehen. Ich habe mich bis über beide Ohren in Sie verliebt."

Auch das noch! Oswald wehrte die Blondine, die plötzlich ein unglaubliches Temperament entwickelte, mit höflicher Bestimmtheit ab.

"Das liegt nur am Alkohol", war er sicher. "Sie sollten nicht so viel trinken."

"Bist du mir böse, Ossi?", schmeichelte sie. "Deine kleine Elvira will auch immer ganz lieb zu dir sein."

Elvira? Ein anhänglicher Virus war sie. Sie machte ihn krank. Es wurde Zeit, dass er sie ins Hotel zurückbrachte.

Davon wollte die Frau nichts wissen. "Heute machen wir durch bis morgen früh. Du wirst doch hoffentlich nicht auf die paar Euro schauen?"

Die paar Euro hatten sich innerhalb kürzester Zeit bereits auf sechs stattliche Hunderter summiert. Doch die wollte Oswald gerne verschmerzen, wenn er dafür die zauberhafte Wienerin fand. Leider sprach nicht das Geringste für einen Erfolg, und dass Elvira daran interessiert war, bezweifelte er inzwischen entschieden.

Spät in der Nacht gab sie ihren Widerstand auf. Der reichlich konsumierte Alkohol tat seine Schuldigkeit. Gehorsam ließ sie sich ins Hotel bringen und schmollte nur ein wenig, als Oswald sich an der Tür von ihr verabschiedete und sich für ihre Hilfe bedankte.

Danach atmete er auf. Elvira war er los. Morgen würde er die Suche auf eigene Faust fortsetzen.

 

*

 

Frau Dörfler, seine Sekretärin, bedachte ihn mit vorwurfsvollem Blick. "Da!", sagte sie knapp und hielt ihm ein Telex unter die Nase.

Oswald überflog den Text. Er war klar und prägnant. Die Leute in Rom bedauerten, nun den Auftrag anderweitig vergeben zu müssen. Sie könnten nicht warten, da sie unter Termindruck stünden. Immerhin stellten sie ein weiteres Geschäft in Aussicht, das aber spätestens bis zum Ende der Woche besprochen werden müsse.

Bis dahin musste er die Frau finden, der jeder seiner Gedanken gewidmet war.

"Wollen Sie etwa schon wieder gehen?", entrüstete sich Frau Dörfler, als er die Türklinke in der Hand hielt.

"Zu Hause habe ich mehr Ruhe, um die Verhandlungen vorzubereiten", behauptete Oswald. "Rufen Sie mich nur in äußerst dringenden Fällen an."

Die Sekretärin war beleidigt. "Es meldet sich ja doch nur wieder Ihr Anrufbeantworter", meinte sie spitz.

Oswald fuhr zum Verlagsgebäude der meistgelesenen Tageszeitung und gab eine Suchanzeige auf. Den Wortlaut hatte er sich während der restlichen Nacht überlegt, die er schlaflos in seinem Bett zugebracht hatte. Am folgenden Tag würde die Annonce erscheinen. Von da an wollte er an seinem Telefon Wache halten.

Die Chance, dass sich die Unbekannte bei ihm meldete, schätzte er allerdings nicht sehr hoch ein. Was besagte schon ein unverbindliches Lächeln?

Er wollte seine Suche in den kleineren Hotels in Bahnhofsnähe fortsetzen. Da er jedoch keine Fotografie zum Vorzeigen besaß, konnte er die Fragen auch telefonisch stellen.

Er suchte seine Penthouse-Wohnung auf und starrte die Frau vor seiner Tür fassungslos an.

"Elvira, Sie? Woher haben Sie meine Adresse?"

Die Blondine gab sich gekränkt. "Warum bist du denn so förmlich, Ossy. Wir sind per du. Erinnerst du dich nicht mehr?"

Und ob er sich erinnerte. Nur zu gut. Doch wollte er den gestrigen Abend lieber ganz schnell vergessen. Nur mit Mühe hatte er Elvira davon abhalten können, sich mit einem Bauchtanz zu produzieren. Seine Anschrift hatte er ihr aber aus gutem Grund nicht preisgegeben, und im Telefonbuch war nur die Firmenadresse vermerkt.

Elvira klapperte mit den Wimpern und gab ihm seinen Kraftfahrzeugschein zurück, den sie, von ihm unbemerkt, an sich gebracht hatte. Darin war seine Anschrift angegeben. So ein Luder!

"Was wollen - was willst du?", fragte er widerwillig.

"Mit dir frühstücken."

"Ich frühstücke nur einmal am Tag", entgegnete Oswald unwirsch. Dabei war sein Magen noch leer.

Elvira blieb hartnäckig. Ihre schrille Stimme erfüllte das Treppenhaus. Um nicht die Aufmerksamkeit der übrigen Mieter auf sich zu lenken, nahm er sie mit in die Wohnung. Hier wollte er ihr in Ruhe erklären, dass er auf ihre weitere Hilfe keinen Wert legte.

Die Frau hörte ihm geduldig zu, bevor sie dicht an ihn herantrat und schmeichelte: "Du jagst einem Phantom hinterher, Ossy. Selbst wenn du die Frau findest, wirst du von ihr enttäuscht sein. Wunschvorstellungen erfüllen sich fast nie. Lass uns diesen Tag gemeinsam verbringen. Diesen Tag und vielleicht auch noch mehr." Ihr für die frühe Stunde viel zu schweres Parfüm unterstrich ihr Angebot. Lockend öffneten sich ihre Lippen dicht vor ihm.

Das Telefon rettete ihn. Diesen Anruf verzieh er der Dörfler gerne.

Es meldete sich aber nicht seine Sekretärin, sondern Gernot Falk, ein Freund, mit dem er schon die verrücktesten Abenteuer erlebt hatte. Kein Wunder, Gernot war Künstler.

"Aber natürlich habe ich Zeit für dich", versicherte Oswald und warf Elvira einen triumphierenden Blick zu. "Kannst du gleich vorbeikommen?"

Elvira ließ sich in einen weichen Sessel fallen und schlug die Beine übereinander. Damit demonstrierte sie ihre Absicht hierzubleiben, bis sich der Besuch wieder verabschiedet hatte.

Gernot Falk sah genauso aus, wie man es von einem modernen Kunstmaler erwartete. Sein fülliges Haar trug er ausschließlich am Kinn. Auf korrekte Kleidung legte er keinen Wert.

"Kannst du ein Frauenportrait malen?", fragte Oswald ihn, nachdem er ihn mit Elvira bekannt gemacht hatte. Ihm war eine Idee gekommen.

Gernot grinste genüsslich. "Nicht nur ein Portrait, mein Lieber." Er betrachte die Blondine mit mehr als nur beruflichem Interesse.

Oswald klärte den Irrtum auf. "Du sollst nicht Elvira malen, sondern eine Frau, die ich dir beschreiben werde."

"Also eine Art Phantombild", antwortete Gernot begreifend.

Oswald erzählte ihm, was er tags zuvor im Zug erlebt hatte, und ließ auch nicht unerwähnt, dass Elvira keineswegs jene Rolle spielte, die sein Freund offensichtlich vermutete. "Das Bild soll mir bei der Suche nach der Verschwundenen helfen."

Gernot holte seine Malutensilien aus dem Wagen und begann mit der Arbeit, während Oswald die Augen schloss und ihm das Bild schilderte, das er vor sich sah.

Elvira schaute dem Maler über die Schulter und sparte nicht mit überflüssigen Bemerkungen.

Oswald hoffte, dass sie sich nun mehr zur Kunst hingezogen fühlte. Mit dem Portrait war er erst nach drei Stunden zufrieden.

"Ja, so sieht sie aus", bestätigte er versonnen. "Davon lasse ich jetzt einige Drucke herstellen und zeige sie jedem Hotelportier."

Gernot schüttelte verwundert den Kopf. "Dich hat es aber sauber erwischt. Und ich dachte, dich könnte überhaupt keine Frau mehr aus der Fassung bringen."

Details

Seiten
72
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936599
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514998
Schlagworte
sachen liebe verurteilt

Autor

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Titel: In Sachen Liebe: Verurteilt!