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Der Baron #14 Lass die Puppen tanzen

2020 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #14 Lass die Puppen tanzen

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten

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Der Baron #14 Lass die Puppen tanzen

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Eigentlich sind Baron Strehlitz und die Polizistin Jane Gilbert zu einer Verlobung eingeladen. Doch aus der Freude wird blankes Entsetzen, als die Mutter der Braut verschwindet und später tot aufgefunden wird. Alexander und Jane machen sich mit der örtlichen Polizei daran, den Fall aufzuklären, doch statt Erfolg zu haben gibt es eine weitere Leiche.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

1

Ein böiger Wind vertrieb die schweren Wolken, die vom Atlantik herüberwehten und Regenschauer auf Meer und Felsen peitschen ließen. Fast binnen Sekunden folgte strahlender, ein wenig greller Sonnenschein. Der eben noch vom Regen dunkle Strand wurde in kurzer Zeit wieder zum weißen Streifen vor den urigen, drohend aufregenden Felsen. Der Wind fächelte das messerscharfe Dünengras und ließ Fontänen des feinen Sandes hochwehen und gegen die dunklen Felsen stieben.

Oben auf dem Felsen stand ein Mädchen. Der Rock flatterte in der Bö, das Haar wehte wie eine goldene Fahne. Im grellen Licht dieser weißen Sonne erschien die Haut der Arme und der Beine glänzend wie Bronze.

Das Mädchen kam über einen schmalen Serpentinenpfad zum Strand hinab. Mit wiegenden, schwingenden Schritten näherte es sich dann dem schäumenden Meer, das Woge um Woge am Strand anrollte. Ein prüfender Blick der blauen Augen zum Himmel, an dem die schweren Wolkenberge zogen, dann wandte sich das Mädchen wieder dem Wasser zu, kauerte sich, dass ihr gestreiftes Schürzenkleid sich teilte und die herrlich geformten Oberschenkel sichtbar wurden.

Sie war hübsch, und ihr Körper hatte alles mitbekommen, was zu einer schönen Frau gehörte.

Und sie war nicht allein, obgleich sie das sicherlich glaubte. Der Mann stand hinter einem weit in den Strand ragenden Felsvorsprung. Und von da aus beobachtete er sie mit dem Fernglas. Wie sie sich erhob, wie sie zu einer Sandwelle schritt, sich dort niederließ, das Kleid öffnete, den nur durch BH und Slip bekleideten Körper der Sonne zuwandte.

Sie war schön, jetzt noch deutlicher zu erkennen. Der Mann leckte sich über die Lippen, atmete schärfer. Dann steckte er das Glas weg, ließ das Futteral an einer Felszacke hängen und ging nahezu lautlos auf das Mädchen zu.

Es lag reglos. Der Wind wehte dem Manne entgegen und blies ihm feinen Sand ins Gesicht, aber das focht ihn nicht an. Er sah nur sie. Sah ihre bronzefarbenen Schenkel, ihren ebenmäßigen Körper, ihr hübsches Gesicht. Wildes Begehren überkam ihn. Er ging schneller, immer noch lautlos. Doch selbst wenn er Geräusche verursacht hätte, sie wären vom Wind fortgetragen worden. Das Mädchen, aus dessen Richtung der Wind kam, hörte nichts.

Dann stand er plötzlich hinter ihr. Sein Schatten fiel auf ihr Gesicht. Und da zuckte sie zusammen, riss in einer ersten Reaktion das gestreifte Schürzenkleid über dem Leib zusammen. Aber er blieb nicht stehen, wartete nicht länger. Plötzlich sprang er über sie, packte ihre Arme, die sie ihm schützend entgegenstreckte, kniete neben ihr, und seine Kraft war stark genug, sie zu halten, als sie sich befreien wollte. Er presste sie in den Sand. Hielt ihre beiden Handgelenke in seiner Linken und riss ihr mit der Rechten das Kleid wieder auf. Seine behaarten Finger erfassten ihren BH und fetzten ihn mit einem Ruck von ihrem Körper. Ihre jungen festen Brüste leuchteten wie Alabaster neben der sonnengebräunten Haut ihres übrigen Leibes.

Sie schrie, sie biss nach ihm, aber seine Kraft war zu gewaltig für sie.

„Warum wehrst du dich jetzt?“, keuchte er. „Warum?“

„Lass mich los!“, keuchte sie.

Er war viel stärker, als man ihm ansah. Vielleicht gab sie deshalb auf, vielleicht gab es einen anderen Grund. Sie ließ sich plötzlich erschlaffen. „Also gut, aber nur dieses Mal noch! Nur dieses Mal! Versprich es!“

„Du bekommst ihn nicht! Du hast mich!“, keuchte der Mann.

Sie antwortete nicht, sondern beugte den Kopf in den Nacken, ließ es geschehen, dass er ihr den Slip abstreifte, dass seine Hände rau und doch wieder sanft über ihre Schenkel strichen. Sie schloss die Augen und versuchte sich einen anderen vorzustellen. Wie sie sich immer einen anderen vorgestellt hatte. Einen anderen, den es nur in ihrer Phantasie gab.

Und als er kam, als er sein Gesicht dem ihren näherte und sein heißer Atem ihr Ohr streifte, da hörte sie ihn raunen „Ich bin auf dieser Insel König, ich, und keiner macht es mir streitig. Du gehörst mir allein. Mir, hörst du?“

Sie antwortete nicht, sondern dachte, er möchte doch aufhören, jetzt zu reden. Sie wollte ihr Bild träumen, wollte vergessen, wer da wirklich in ihre Phantasie getreten war. Er schwieg wirklich, und sie ließ sich von seinem Ansturm mitreißen. Nein, ein Stümper war er nicht. Sie wurde mit bebender Befriedigung erfüllt, als er sich von ihr löste. Aber dann, als sie die Augen öffnete, sah sie wieder sein Gesicht, was ihren Traum sofort auslöschte. Und sie hörte ihn heiser keuchen „Ich bin der König hier. Auf dieser Insel lasse ich die Puppen tanzen. Ich allein!“ Dann erhob er sich. Er sah sie noch einmal an, wie sie da so bloß vor ihm lag. „Es ist nicht unser letztes Mal. Es wird noch viele Male geben. Du wirst sehen. Und du wirst auch merken, dass ich keinen Spaß mache. Du wirst keinem anderen gehören. Nur mir! Oder keinem!“

Dann ging er.

 

 

2

Die Frau stand nackt vorm Spiegel. Als sie die Schritte vor der Tür hörte, nahm sie rasch ein Badetuch und schlang es um den noch feuchten Leib.

Sie sah den Mann eintreten, der sie am Strand überwältigt hatte, nicht ganz gegen ihren Willen. Zuletzt jedenfalls nicht. Und sie bemerkte, wie er sie lüstern, noch immer verlangend ansah.

Spöttisch sagte sie „Noch nicht genug, John?“

„Helen, du gehörst mir! Nur mir!“

Sie lachte verächtlich, „Dein Ton hat sich merkbar gewandelt. Vorhin wolltest du die Puppen noch tanzen lassen. O ja, ich weiß, du hast es hier wirklich so gemacht. Aber mit mir nicht, nein, mit mir nicht.“

„Auf der Insel bin ich so lange, wie dein Vater nicht da ist, das Gesetz. Und selbst wenn er hier ist, muss er tun, was ich verlange. Er hat nie bemerkt, dass ich ihn auf meine Art lenke, auch wenn er mein Chef ist. Auch Robert Keith folgte meinem Rat.“

„Keith war dein Chef?“

„Nein, aber zuletzt, als dein Vater das Schloss auf dieser Insel kaufte, da habe ich auch Mr. Keith näher kennengelernt.“

„Ich habe gehört, dass du mit seiner Geliebten geschlafen haben sollst.“

„Wirst du eifersüchtig?“, fragte er hoffend.

Sie machte eine abwertende Handbewegung. „Nein, das ist vorbei. Ich finde, dass du gut bist, sehr gut. Im Bett. Aber sonst passen wir nicht zusammen. Denk doch mal darüber nach. Und jetzt lass mich allein. Ich muss mich umziehen. Die Maschine nach London.“

„Sie wird ohne dich fliegen. Ich bin hier.“

„Ich will nicht, geh weg! Lass mich los!“ Sie stieß ihn weg, als er nach ihr griff.

Er stand hechelnd wie ein geschlagener Hund. „Helen, ich bringe dich um, wenn du diesen Bastard heiratest!“

Sie lachte geringschätzig. „Von wegen! Womit du nur drohst? Am Ende wirst du dir wieder eine andere Puppe suchen. Ja, dann lass sie tanzen. Aber mich lass in Ruhe. Und denke dran, mein Lieber, es gibt eine Polizei. Wenn ich nur ein Wort sage, bist du reif. Meine gesellschaftliche Stellung bedeutet da einiges.“

Er lachte wild und böse. „Auf dieser Insel ist die Polizei ein Nichts. Hier herrschen andere Gesetze. Hier herrsche ich.“ Und dann hatte er sie wieder gepackt. Sie biss und kratzte, und diesmal wollte sie wirklich um keinen Preis. Doch er hatte nahezu unmenschliche Kräfte, zwang sie auf den Teppichboden des feudalen Bades, wischte ihr das Badetuch davon und zwang sie, sich ihm zu fügen. Ihr Widerstand erlahmte und wandelte sich in panische Angst, als er seine Hand in ihren Hals krallte.

„Gehorche! Ich bin dein Herr, sonst keiner!“

Als er sie endlich freigab, war ihr, als sei sie getreten und geschlagen worden. Ein Gefühl sexueller Freude oder Genugtuung empfand sie überhaupt nicht. Er ging, und sie erhob sich wie besudelt. Dann aber, als er draußen war, lachte sie bitter auf und zog einen Vorhang beiseite, hinter dem ein Tonbandgerät stand. Sie schaltete es aus, lachte abermals voller Schadenfreude und ging erneut unter die Dusche.

„Du wagst nicht mehr! Nie mehr!“, flüsterte sie drohend.

 

 

3

Der Baron klappte die Kladde mit dem Manuskript zu und rief „Herein!“ Ein paar Strahlen der bleichen Sonne fielen auf sein dunkles Haar und die grauen Schläfen.

Es war Jane Gilbert, die hereinkam. Schlank, blond, hübsch, ein Bild für eine Modezeitschrift. Die Scotland-Yard-Beamtin hätte jedenfalls keiner in ihr vermutet.

„Fertig?“, fragte sie mit dunkler, wohltönender Stimme.

„Sie und Ihre Kollegen vom Yard waren mir eine große Hilfe. Eine Dokumentation über den Yard zu schreiben, hatte ich mir anfangs nicht halb so schwierig vorgestellt. – Haben Sie Urlaub bekommen?“

Sie nickte. „Übrigens lässt Mr. Colbert durch mich nochmals seinen Dank ausrichten, dass Sie dem Yard so geholfen haben.“

„Eine Hand wäscht eben die andere. – Vier Tage, Jane?“

Sie nickte. „Vier Tage Urlaub. Aber wie man beim Yard so veranlagt ist, will man gleich eine Gegenleistung. Gestern wurde ein gewisser Robert Keith ermordet. Man hat erst Raubmord vermutet, aber es fehlt offenbar kein Geld und kein Wertstück. Er wurde erstochen – ein Fall für die Mordkommission. Immerhin aber wurde der Tresor geöffnet. Es fehlt aber nichts. Man denkt, der, Mörder wurde überrascht.“

„Und was hat das mit unserer Einladung meines alten Bekannten Dirk Chanel zur Verlobung seiner Tochter Helene zu tun?“

„Ganz einfach. Das Schloss auf der Scilly-Insel, wo die Verlobung gefeiert wird, hat früher diesem Keith gehört. Er hat es Chanel erst vor Kurzem verkauft. Ich soll mal ein bisschen hören, was man dort über Keith und seinen Umgang weiß. Vielleicht gibt es dort noch Hauspersonal von Keiths Zeit oder Nachbarn.“

„Komisch“, murmelte der Baron. „Wissen Sie überhaupt, Jane, wieso mich Chanel eingeladen hat?“

„Sie deuteten an, weil Sie vor Jahren seine Frau aus Erpresserhänden befreiten.“

„Stimmt. Aber er sagte etwas von seiner Tochter, die mir etwas berichten wollte, was mich sehr interessieren würde.“

„Na, hoffentlich artet diese Feierlichkeit nicht in Arbeit für uns beide aus, wie?“, lächelte Jane ahnungsvoll.

 

 

4

Mit tiefem Brummen zog die zwölfsitzige Maschine am Himmel dahin. Manchmal tauchte sie in ein graues Wolkenfeld und kam auf der anderen Seite wieder zum Vorschein.

Jane saß am Fenster und blickte nach unten. Sie flogen in tausend Meter Höhe.

„Herrlich“, sagte sie. „Ich hätte mir mehr Urlaub geben lassen sollen. – Die Verlobte, was ist das für eine Tochter?“, wollte Jane plötzlich wissen.

„Chanels Tochter?“

„Ja.“

„Ein hübsches Kind. Sie heißt Helene und ist dreiundzwanzig Jahre alt. Sie sieht ihrer Mutter übrigens zum Verwechseln ähnlich. Nur ist Maureen Chanel neunzehn Jahre älter.“

„Und der Bräutigam?“

„Keine Ahnung. Aber das werden wir noch erfahren.“

Jane lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Unten tauchten die Scilly-Inseln auf.

Die Maschine flog eine weite Schleife aus, ging immer tiefer und setzte zur Landung an. Weich kam das Fahrwerk auf der Betonpiste auf.

Die Fahrgäste befreiten sich von den Gurten.

Der Baron ging mit Jane hinunter, und sie stiegen in den kleinen Bus, der sie zum Flughafengebäude brachte. Und hier wartete bereits ein Mann auf sie.

„Baron von Strehlitz?“, fragte er und verneigte sich wie ein Höfling.

Der Chauffeur führte sie zu einem Buick, der viel Ähnlichkeit mit einem fahrbaren Salon besaß.

Sie stiegen in den Wagen. Der Schlag klappte zu. Der Fahrer stieg vorn ein und fuhr ohne ein weiteres Wort an. Der Wagen bewegte sich eine lange Allee hinunter und umging den Ort Romney in einem eleganten Bogen.

Der Wagen wurde auf der schmalen Straße schneller. Sie zog sich eine ganze Zeit an der Küste dahin, dann traten kahle Felsen dazwischen.

Jane blickte zum Himmel.

„Es braut sich etwas zusammen“, sagte sie. „Sieht wie ein Gewitter aus.“

Der Baron nickte. Er sah, wie die Sonne hinter den dunklen Wolken verschwand. Die ganze Gegend sah plötzlich düster aus.

Eine Stunde später bog der Wagen um eine scharfe Kurve. Die Straße führte höher, ging über eine kahle Höhe hinweg, schlängelte sich zwischen zwei grauen Felsen hindurch und endete vor einem kleinen Portal, hinter dem ein mächtiges Haus stand, das von weitästigen, alten Bäumen umgeben war.

Jane stieg aus und blickte auf das große Haus, das seine zwei bis dreihundert Jahre alt sein mochte, jedoch deutliche Spuren einer Renovierung zeigte.

 

 

5

Sie wurden an der Tür des Hauses von Dirk Chanel empfangen. Der Bankier war ein Mann von fünfzig Jahren. Er war von mittelgroßer Gestalt, sah sehr gepflegt aus, hatte schwarzes Haar und graumelierte Schläfen. Er war gewissermaßen der Prototyp des englischen Geschäftsmannes in den besten Jahren. Seine steingrauen Augen blickten schnell und freundlich auf Jane. Er verneigte sich in einer Art, die sicher auch im Buckingham Palast ihresgleichen gesucht hätte.

Dann wurde Jane der Frau des Hauses vorgestellt, die der Baron äußerst herzlich begrüßte, verdankte sie ihm ja die Freiheit, was sie nicht vergessen hatte. Maureen Chanel war groß und schlank. Ihre zweiundvierzig Jahre waren ihr nicht anzusehen. Sie sah strahlend aus, und Dirk Chanels Blicke hingen mit sichtlicher Freude an ihrem Bild. Ihr Haar war fast weizenblond und sehr lang.

Mit ihr war Helene Chanel in die Diele gekommen. Sie war genauso groß wie ihre Mutter, genauso schlank, genauso blond und ihr Haar ebenso lang. Einzig der Altersunterschied zwischen ihnen wurde sichtbar, und nur daran konnte man sie unterscheiden. Helene trug ein Kostüm aus dem gleichen Stoff, aus dem auch das Kleid ihrer Mutter angefertigt war.

Dirk Chanel führte seine Gäste in einen großen Salon, der nach zwei Seiten Fenster hatte. Säulen trugen die Decke. Der Parkettboden war mit dicken Teppichen abgedeckt. Die Einrichtung war altenglisch, und dazu passte auch der große Flügel, der zwischen zwei Fenstern an der Wand stand.

Ein Mann von knapp dreißig Jahren kam ihnen entgegen. Er war groß, hatte breite Schultern und wirkte energiegeladen. Sein Haar war schwarz, so wie das von Chanel selbst.

Dirk Chanel legte dem jungen Mann die Hand jovial auf die Schulter und blickte den Baron lächelnd an.

„Das ist Mr. Anthony Tooney, lieber Freund“, sagte er. „Mein zukünftiger Schwiegersohn. Er ist Abteilungsleiter in meiner Bank in der Oxford Street.“ Chanel wandte sich dem jungen Mann zu und fuhr fort „Darf ich dich mit Baron von Strehlitz bekannt machen. Ein alter Freund von mir. Ich lernte ihn vor Jahren auf der Rennbahn kennen.“

Der Baron gab dem Mann die Hand, dann schob er Jane in den Vordergrund.

„Anthony?“, rief Helene von der Diele her mit ihrer hellen Stimme.

„Sie entschuldigen“, verneigte sich der junge Mann und entfernte sich.

Chanel lächelte versonnen hinter ihm her.

„Ein tüchtiger Mann“, sagte er leise. „Darauf muss man schließlich achten, wenn man seine einzige Tochter unter die Haube bringt.“

„Gewiss.“

„Ich habe niemandem etwas verraten, Baron. Ich hoffe, Sie sind mit mir zufrieden.“

„Sehr zufrieden. Kommen noch mehr Gäste?“

„Sie sind schon alle da. Auf ihren Zimmern. Da ist noch Mr. Arthur Darvas, ein wunderbarer Pianist. Er ist mit Aline Vessel verlobt, die ebenfalls anwesend ist. Es handelt sich um die Schwester meiner Frau. Ferner noch ein Studienfreund von Mr. Tooney Charles O‘Connor.“

Dirk Chanel führte seine Gäste in die Diele zurück. Laut rief er nach dem Butler.

Der Mann kam lautlos wie ein Geist aus einem Nebenraum.

„Das ist McGraw“, erklärte der Hausherr. „Er besitzt mein vollstes Vertrauen und ist fast immer allein hier draußen. Er gestand mir kürzlich, dass er sich bisweilen einsam fühlt.“

Dirk Chanel klopfte dem kräftig gebauten, etwa vierzigjährigen Mann auf die Schulter und lachte leise dazu.

Der Butler stand wie eine Statue.

„Darf ich den Herrschaften die Zimmer zeigen?“, fragte er tönern.

Der Baron blickte den Mann kurz an. McGraw wirkte etwas blass. Er mochte vierzig Jahre alt sein. Der Baron wandte sich Chanel zu.

„Wie lange geht so eine Feier bei Ihnen?“, erkundigte er sich.

„Es wird sich lohnen, dass Sie die Zimmer beziehen“, lächelte Chanel, „Zwei Tage dauert es bestimmt. Schließlich denke ich, dass sich meine Tochter nicht jedes Jahr verlobt. Es muss gebührend gefeiert werden.“

Der Butler hatte sich schon abgewandt.

Der Baron nahm Jane am Arm und zog sie mit sich.

„Wir werden versuchen, Ihre Vorräte schnell zu vertilgen“, sagte er lächelnd über die Schulter.

Der Butler führte sie durch einen Gang, den ein endloser Läufer bedeckte Dahinter schloss sich eine Treppe an. Auf ihr lag ein breiter Teppich, der bei jeder Stufe von einer Messingstange gehalten wurde.

Die Wand des Aufganges war mit einer dunklen Ledertapete bedeckt. Am ersten Absatz standen exotische Blumen am Fenster. An der Decke hing ein alter Lüster.

Der Butler war schon im ersten Stock. Die Treppe führte noch weiter. Der Baron hatte von außen gesehen, dass es ein zweigeschossiges Haus war. Der Butler wartete mit einem Ausdruck des Missfallens, doch wie alle englischen Diener sprach er kein Wort.

Der Butler ging weiter, sobald Jane und der Baron ihn fast erreichten. Er führte sie nun durch einen Flur und öffnete eine hohe Tür. Er sagte „Das Zimmer der Dame.“

Jane blickte den Baron an, zuckte die Schultern und ging an dem Mann vorbei.

Hinter ihr schloss der Butler die Tür, wandte sich um und ging weiter. Er öffnete die nächste Tür und verneigte sich abermals.

„Das Zimmer des Herrn“, flötete er.

Der Baron betrat das Zimmer und hörte die Tür hinter sich zufallen. Er schloss die Tür und ging zum Fenster. Er schob die Gardine zurück und blickte hinaus. Sein Blick reichte über die Klippe hinweg bis auf das Wasser ohne Ende. Wie er sah, lag die Steinklippe gut einhundert Meter Über dem Meeresspiegel. Hier hinten standen nur wenige Bäume. Ein schmiedeeiserner Zaun schloss das Anwesen dicht am Saum der Felsen entlang ab.

Er schaute zum Himmel. Die Sonne war noch nicht untergegangen, doch sie war auch nicht mehr zu sehen. Dichte graue Wolken hingen tief am Himmel. In der Ferne sah er schwarze Wolken heranwehen. Es würde ein Gewitter geben, wie Jane schon vermutet hatte; die letzten Tage waren schon fast heiß gewesen.

Ein Summen ließ ihn herumfahren. Er musste eine Weile suchen, bis er das Telefon entdeckte. Es stand in einem Zwischenfach neben dem Nachttisch. Er nahm den Hörer ab und meldete sich.

„Darf ich Sie in einer halben Stunde im Salon erwarten, Baron?“, hörte er Dirk Chanel fragen.

„Gewiss, ich werde pünktlich sein.“ Dabei fiel ihm sein Koffer ein, den der Chauffeur am Flughafen in den Wagen gelegt hatte. Er musste noch unten sein. Der Baron wollte schon zum Telefon greifen, da sah er den Koffer auf einem Hocker liegen.

Hier wurde an alles gedacht. Er holte den Kaffer, ließ die Verschlüsse aufschnappen und holte seinen Smoking heraus.

 

 

6

Sie hatten sich alle in der Diele versammelt, als würde die Königin einen Empfang geben. Der Baron lernte Aline Vessel kennen, die ihren Verlobten am Arm hielt.

Aline Vessel war fünfunddreißig Jahre alt. Sie war mittelgroß, zierlich und brünett. Genauso unscheinbar wie sie selbst wirkte auch Arthur Darvas. Er war ein kleiner, drahtiger Mann mit wieselflinken Bewegungen, der genau das gleiche Alter hatte wie seine Verlobte Aline.

Charles O‘Connor, Anthony Tooneys Studienfreund, war etwa dreißig Jahre. Er war schmal, groß, rotblond und sommersprossig.

„Ich glaube, ich habe schon von Ihnen gehört, Sir“, sagte er mit einem Lächeln.

Dann taten sich die beiden Flügel der Salontür auf, und der Butler McGraw verneigte sich. Seine weiß behandschuhte Hand wies in den Salon.

Das Brautpaar Helene Chanel und Anthony Tooney stand neben dem Kamin, als wären sie für eine Magazinaufnahme so hingestellt worden.

Dirk Chanel ließ den Arm seiner Frau los und räusperte sich, wonach er mit umständlichen Worten die Verlobung verkündete.

Er war damit gerade zu Ende, als ein Donnerschlag über die Steilklippe und das Haus krachte. Draußen vor den Fenstern an der Südwand war das Zucken eines Blitzes zu sehen.

„Ein Gewitter“, sagte er. „Nichts von Bedeutung. Dieses Haus hat schon viele Gewitter überstanden. Meine Frau liebt solches Wetter.“

Er blickte seine Frau an, die ihm lächelnd zunickte.

Dann wurde die ganze Kavalkade der Gäste an einen langen Tisch zitiert.

Regen prasselte gegen die Scheiben. Im Kamin knisterten die Buchenscheite. Von nun an sollte jede Bewegung der Menschen hier von Bedeutung sein. Aber niemand von ihnen ahnte das.

Der Butler servierte mit der ihm eigenen Ruhe und verharrte dann abwartend und sprungbereit im Hintergrund. Zwei Hausmädchen liefen lautlos über die dicken Teppiche.

Der Chauffeur zeigte sich kurz. Er brachte einen Armvoll Holz herein. Er lud ihn vor dem Kamin ab und entfernte sich wieder.

Der Baron blickte auf Helene Chanel. Sie saß ihm direkt gegenüber. Er verglich sie noch einmal mit ihrer Mutter.

Ja, diese beiden Frauen sahen in der Tat wie Zwillinge aus. Nur Maureens höheres Alter ließ sich nicht ganz verbergen. Aber vielleicht war das nur hier in der grellen Beleuchtung genau zu sehen.

Dirk Chanel brachte mit erhobenem Glas noch eine Tischrede an. Er wurde schließlich vom Donnergrollen unterbrochen und beendete seine Ansprache. Er sah etwas weiß um die Nase aus. Ganz so sorglos, wie er sich gern geben wollte, schien er nicht zu sein.

Auch die Gäste saßen etwas zusammengeduckt, und der Rehbraten schien keinem so recht zu schmecken. Die Begleitmusik irritierte alle etwas.

Der Baron und Jane bildeten eine Ausnahme. Auch Maureen Chanel schien sich nicht zu fürchten. Sie lächelte mehrmals verstohlen über den Tisch.

Arthur Darvas zuckte jedes Mal zusammen, wenn draußen vor den Fenstern die blendende Helligkeit aufsprang. Dann formten seine Lippen jedes Mal lautlose Worte, bis das Krachen des Donners ihn erneut zusammenzucken ließ.

Plötzlich ließ er sein Besteck auf den Teller fallen.

„Jetzt ist das Gewitter nur noch eine Meile entfernt“, sagte er flach. „Es kommt immer näher.“

„Wir haben einen guten und hohen Blitzableiter“, erwiderte Chanel rau. „Er ist doch in Ordnung, McGraw?“

Der Butler nickte. „Es ist alles in bester Ordnung, Sir“, schnarrte er.

„Also. Niemand braucht sich zu beunruhigen“, stellte der Bankier fest.

Arthur Darvas wollte nach seinem Besteck greifen, als wieder ein Blitz zur Erde zuckte. Er wollte zählen, aber da krachte es schon. Leise klirrten die Fensterscheiben.

„Jetzt ist es gleich über uns“, murmelte er gepresst.

Aline Vessel ließ ihre Gabel los und strich über seinen Arm. Sie nickte ihm aufmunternd zu, was er mit einem verzerrten Lächeln zur Kenntnis nahm.

Der nächste Blitz zeichnete eine Schlangenlinie vor eines der Fenster. Der Donner krachte gleichzeitig mit elementarer Gewalt, und Arthur Darvas wurde förmlich von seinem Sitz gerissen.

„Das … das …“, hauchte er und brach wieder ab.

Auch der Hausherr war aufgestanden. Die Angst Darvas‘ schien auch ihn um die mühsam erhaltene Beherrschung zu bringen.

Der Baron lächelte in sich hinein. Eine nette Gesellschaft, fand er, in die sie da geraten waren. Er sah, dass sie alle bleich waren und das Kauen eingestellt hatten. Nur Maureen Chanel nicht. Sie aß mit großem Appetit weiter.

Der Butler stand mit stoischer Ruhe hinter Aline Vessel. Der Baron beobachtete, dass der Mann kaum mit einer Wimper zuckte, als es wieder krachte und das Haus in seinen Grundfesten zu zittern schien.

„Wenn nun schon ein Blitz in den Ableiter gefahren ist und ihn ausglühte?“, fragte Arthur Darvas bleich in die Runde. „Der nächste würde unweigerlich – ah, das kann ich nicht zu Ende denken!“

„McGraw, kann das passieren?“, erkundigte sich der Hausherr.

„Ich weiß nicht …“

„Dann sehen Sie bitte nach, McGraw!“

„Yes, Sir.“

Der Butler entfernte sich mit steifen, fast hölzern wirkenden Bewegungen.

Chanel blickte den Baron an.

„Befürchten Sie auch, dass uns das Gewitter etwas anhaben kann?“, fragte er.

Der Baron schüttelte den Kopf.

„Ich fürchte nur, dass es uns die Laune verdorben hat.“

„Ja, das mag stimmen“, lächelte der Bankier schief und strich sich über die Wange. „Ich denke, wir heben die Tafel auf.“

Seine Frau zuckte die Schultern und legte ihr Besteck weg.

„Vielleicht sollte McGraw einen starken Whisky holen“, schlug sie vor. „Das hebt den Mut bekanntlich.“

„McGraw ist jetzt vielleicht schon auf dem Dachboden“, murmelte der Bankier.

„Dann geh‘ ich eben in den Keller“, gab sie zurück.

„Ich komme mit“, erbot sich Charles O‘Connor sofort und schob seinen Stuhl zurück. Er zog seine Jacke mit einem heftigen Ruck nach unten, als wollte er unterstreichen, was er für ein schneidiger Kerl sei, der bei einem Gewitter bis in den Keller geht.

„Ich werde meine Zigarren holen“, sagte Anthony Tooney zu seiner Verlobten. Auch er war etwas weiß um die Nase geworden, aber vielleicht war es mehr die Angst der anderen, die ihn angesteckt hatte. Er erhob sich ebenfalls.

Nun standen sie alle auf.

Maureen ging schon zur Tür.

„Bleib doch hier, Darling“, sagte Chanel. „John kann doch in den Keller gehen. Er muss ja gleich zurückkommen.“

Die beiden Hausmädchen kamen ins Zimmer und räumten das Geschirr auf dem Tisch zusammen.

„Ich gehe schon“, sagte Maureen. „Mr. O‘Connor ist mir ein guter Schutz.“ Sie drehte sich halb um und lächelte dem jungen Mann zu, der direkt etwas größer wurde.

Anthony Tooney hatte das Zimmer schon verlassen. Maureen ging mit O‘Connor.

Der Baron trat ans Fenster und blickte hinaus. Eben zuckte wieder ein Blitz hernieder und schien hinter der Klippe ins Wasser zu fahren. Man konnte das Toben der Elemente hören. Das Meer schien erst langsam in Wallung zu kommen. Aber schon hob sein Brausen an, und an der Klippe waren die anbrandenden Wogen zu hören, die dort zerschellten und hohe, weiße Schaumkämme aufspritzten und auf das Wasser zurückwarfen. Aber das hörte er nur.

Er wandte sich um und sah, dass er mit Jane und den beiden Hausmädchen allein war.

Dirk Chanel verließ das Zimmer eben.

Hinter ihm wurde es hell. Der Donnerschlag erfüllte den Raum.

Plötzlich erlosch das Licht.

Die beiden Hausmädchen schrien auf.

„Beruhigen Sie sich“, sagte der Baron leise. „Irgendein Defekt.“

„Maureen!“, war Dirk Chanels Ruf draußen in der Diele zu hören.

Es erfolgte keine Antwort.

„Was ist denn mit dem Licht?“, rief irgendwo eine Stimme.

Der Baron blickte ins Kaminfeuer, das einen rötlichen Schein im Salon verbreitete. Er sah die langen Schatten der beiden Hausgehilfinnen, die leise schluchzten und zitterten. Er sah auch Jane, die misstrauisch nach draußen schaute.

„Ich fürchte, dieser Urlaub wird die Superpleite des Jahres“, sagte sie.

 

 

7

Maureen hatte das Ende des Flures noch nicht erreicht. Sie war stehengeblieben.

„Holen Sie doch bitte in der Küche eine Kerze, Mr. O‘Connor“, sagte sie über die Schulter.

„Ja, Madam“, erwiderte der junge Mann und wandte sich um. Die dicken Läufer verschluckten seine Schritte.

„Mama?“, schallte es durch den Flur.

„Ihre Mutter ist da vorn, Miss Chanel“, sagte O‘Connor im Halbdunkel.

„Danke.“

Maureen machte einen Schritt zurück. Sie wandte sich dabei um und wollte ihrer Tochter entgegengehen. Doch sie blieb nach zwei Schritten stehen.

„Geh zu den anderen, Helene“, rief sie. „In der Küche sind noch Kerzen.“

Es kam keine Antwort.

Maureen ging weiter auf ihre Tochter zu.

Ein Blitz, der vom Himmel raste, schickte sein bläuliches Licht durch ein Fenster am Ende des Flures. Maureen sah Helene, deren Schultern zuckten. Sie griff nach ihr und strich über ihr Haar.

„Bleib hier, mein Kind“, sagte sie leise. „Stell dich dort an die Wand, ich werde gehen.“

Sie lief weiter den langen Flur nach vorn. Da blitzte es wieder, und gleich darauf grollte der Himmel lauter als zuvor. Im gleichen Moment gab unter Maureens Füßen der Boden nach. Sie wollte zurückspringen, aber der nachgebende Fußboden verlieh ihr keinen Halt zum Sprung. Die unerschrockene Frau spürte in Sekundenschnelle, wie sie das Grauen ansprang, und gellend schrie sie auf.

Aber der gewaltige Donnerschlag rollte noch immer grollend durch das Haus und übertönte jeden anderen Laut.

Maureen sauste in die Tiefe. Unsichtbar hob sich die Falltür wieder und rastete knackend in den Falz. Auch dieses Geräusch ging unter.

Plötzlich flammte das Licht wieder auf.

Charles O‘Connor blies die lange Kerze aus, mit der er von der Küche kam. Er blieb verwirrt vor Helene stehen.

„Wo – wo ist Ihre Mutter, Helene?“, fragte er stotternd.

Helene hob den Kopf und blickte ihn furchtsam an.

„Sie ist in die Küche gegangen.“

„Aber von dort komme ich doch!“

„Dann muss sie in ein anderes Zimmer gegangen sein, um Kerzen zu holen.“ Helene sagte es ganz leise.

Die Treppe herunter kamen Schritte, die der Teppich dämpfte. Nach dem letzten Donnerschlag war es überraschend still geworden. Selbst das Trommeln des Regens gegen die Fensterscheiben hatte aufgehört.

Plötzlich stand der Butler im Flur. Seine Augen hingen fragend an Helene.

„Haben Sie meine Mutter gesehen, John?“, fragte das Mädchen.

„Nein, Miss Helene.“ Der Butler schüttelte den Kopf. „Oben ist sie nicht.“

„Dann muss sie hier unten irgendwo sein.“

O‘Connor öffnete schon das nächste Zimmer und blickte hinein. Er schaltete das Licht ein.

„Nichts“, sagte er.

Da kam Mr. Chanel um die Ecke des Flures.

„Mama ist verschwunden!“, rief ihm Helene entgegen.

„Ich suche sie auch schon. Aber sie wird im Keller sein.“

„Nein“, sagte Helene schwach. „Sie ging an mir vorbei und zurück. Erst sagte sie, ich solle zu den anderen gehen. Aber ich hatte Angst. Da ging sie selbst zurück. O‘Connor schien ihr zu lange zu bleiben.“

Die Treppe herunter kam Anthony Tooney. Er blieb hinter dem Butler stehen.

„Maureen!“, rief der Bankier. und die Tiefe des Flures verschluckte seinen Schrei.

Aus der Ferne war das Donnergrollen wieder zu hören.

„John, durchsuchen Sie alle Zimmer“, bestimmte der Hausherr.

„Sehr wohl, Sir“, verneigte sich der Butler und überquerte den Flur.

Chanel drehte sich um und blickte den Baron an, der mit Jane Gilbert vom Salon kam.

„Meine Frau – sie ist verschwunden“, sagte der Mann fahrig. „Seltsam, sie wollte in die Küche gehen.“

In diesem Moment kamen Aline Vessel und Arthur Darvas die Treppe herunter. Sie blieben neben Tooney Stehen und blickten die anderen an.

„Das Gewitter ist weitergezogen“, sagte Darvas mit seiner ausdruckslosen Stimme. „Hoffentlich dreht der Wind nicht und bringt es wieder zurück.“

Ein Luftzug wehte durch den Flur und eine Tür klappte. Dann zeigte sich der Fahrer Bill Ronwell. Er war durch die Hintertür gekommen.

„Haben Sie meine Frau gesehen, Ronwell?“, fragte Chanel.

Der Fahrer schüttelte den Kopf.

„Nein, Sir. Wo soll sie denn sein?“ Er schüttelte den Regen von seiner Jacke und blickte seinen Chef fragend an.

Der Butler kam von der Küche her durch den Flur. Er war durch alle Zimmer gegangen.

„Madam ist nicht zu finden“, sagte er und verneigte sich.

Chanel schluckte.

„Meine Herrschaften, meine Frau kann doch nicht spurlos verschwunden sein!“, empörte er sich. „Das ist doch unmöglich. Sie war schon so oft in diesem Haus, wo sie jedes Zimmer kennt.“ Sein Blick blieb auf Baron Strehlitz haften.

Der Baron trat einen Schritt vor und sah sie alle der Reihe nach an.

„Wo kamen Sie eben her, Mr. Ronwell?“

„Aus der Garage“, sagte der Fahrer sofort.

„Aus der Garage, mitten in der Nacht?“, wunderte sich der Baron.

„Das dürfte übertrieben sein. Es ist gerade sieben Uhr fünfzig.“

„Sie gingen durch den Steingarten hinter dem Haus, Ronwell?“

„Ja.“

„War die Sicht gut?“

„Es ging.“

Und Sie haben Ihre Chefin nicht gesehen?“

„Nein. Aber sie kann hinter einer der Buchen stehen, die seitlich das Haus flankieren.“

Der Baron ging an dem Mann vorbei zur Hintertür. Dort drehte er sich um.

„Mr. Chanel, teilen Sie die Leute ein, dass jeder ein paar Zimmer durchsucht. Jane, kommen Sie mit mir!“

Sie gingen hinaus. Ein heftiger Wind strich von See her und zerrte an ihrer Kleidung. Es regnete nicht mehr. Die Wolken am Himmel waren dunkel, aber die schwarzen Gewitterwolken waren hinaus auf den Kanal getrieben. Sie mussten jedoch zurückkommen, wenn der Wind weiter aus dieser Richtung blies. Wahrscheinlich hatte er gerade eben erst gedreht.

Der Baron durchsuchte mit Jane den Garten. Sie gingen von Baum zu Baum und ließen nichts aus.

„Eine seltsame Verlobung“, sagte Jane belegt. „Mir ist es, als wäre unsere Suche nutzlos.“

„Wieso?“, fragte der Baron betroffen und sah sie scharf an.

Jane zuckte die Schultern. „Ich habe so eine Ahnung. – Wollte nicht die Tochter mit Ihnen reden?“

„Bis jetzt hat sie außer belanglosen Worten keinerlei Anstalten gemacht.“

Als sie wieder an der Hintertür standen, sahen sie, dass die dicken schwarzen Wolken wieder näher gekommen waren. Ein Blitz fuhr ins hoch schäumende Wasser. Entferntes Donnergrollen rollte schwach heran und brach sich an dem alten Gemäuer, um vom Winde verschluckt zu werden.

Sie gingen ins Haus zurück. Im Flur trafen sie den Bankier, um den sich die Gäste und seine Tochter, sowie der Butler, der Fahrer und die beiden weinenden Hausmädchen versammelt hatten.

Dirk Chanel war kreideweiß im Gesicht.

„Wir haben alle Zimmer durchsucht“, sagte er. „Nichts.“

„Draußen ist sie auch nicht“, erwiderte der Baron. „Wir haben genau nachgesehen.“ Er musterte die Anwesenden wieder der Reihe nach und schüttelte den Kopf. Er fand selber keine Erklärung für das Verschwinden der Hausfrau.

„Sie ist schon einmal verschleppt worden, Dad“, sagte Helene mit zitternder Stimme.

Chanel blickte auf den Baron.

„Das wäre immerhin eine Erklärung“, nickte der Baron. „Gleichzeitig würde sich die Unterbrechung der Stromversorgung damit erklären lassen. Ist es so, müssen sich zwei Leute ins Haus geschlichen haben. Einer, der Ihre Frau überfiel, hier im Flur, und einer, der danach wieder den Strom einschaltete. Wo ist der Hauptschalter?“

„Da vorn“, sagte der Butler und zeigte auf einen hölzernen Kasten weiter vorn im Flur.

Der Baron blickte in die angegebene Richtung.

„Unmöglich“, meinte er. „Meine Theorie hat ein Loch. Miss Helene, Sie standen doch hier im Flur?“

„Ja.“

„Hätten Sie es gesehen, wenn ein Mann vom Lichtschalter zur Hintertür gelaufen wäre?“

„Ja, das hätte ich gesehen. Hier war niemand. Der Mann hätte direkt an mir vorbeigehen müssen. Das hätte ich bemerkt.“

Anthony Tooney blickte auf den Lichtkasten. Dort, wo er hing, bog der Gang nach rechts ab, und zwar in einem Winkel von neunzig Grad.

„Er kann durch die Vordertür gegangen sein“, sagte er.

Der Baron schüttelte den Kopf.

„Ausgeschlossen“, versetzte er. „Dann hätte er an Mr. O‘Connor und Mr. Chanel vorbeigehen müssen. Er konnte auch nicht die Treppe hinaufspringen, denn von dort oben kam John McGraw, und Anthony Tooney folgte ihm.“

„Dann … dann muss er sich in Luft aufgelöst haben“, schnarrte der Fahrer.

„Das können bekanntlich nur Geister, an die hoffentlich keiner von uns glaubt“, sagte der Baron hart. „Mit anderen Worten, eine Verschleppung dieser Art scheidet aus. Besteht noch die Möglichkeit, dass Mrs. Chanel doch in den Garten ging und dort erwartet und verschleppt wurde.“

„Sie wollte doch in die Küche“, sagte Helene. „Hätte sie ihre Absicht geändert, würde sie es mir gesagt haben. Außerdem wehte der Wind herein, als Mr. Ronwell durch die Tür kam. Vorher habe ich davon nichts bemerkt.“

„Der Wind hatte gedreht“, gab der Baron au bedenken.

In dieser Sekunde zuckte wieder ein Blitz hernieder, und der Donnerschlag folgte dichtauf.

Die Anwesenden zuckten furchtsam zusammen und sahen einander scheu an. Schlagartig setzte der Regen wieder ein und trommelte gegen die Scheiben.

 

 

Details

Seiten
110
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936582
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514997
Schlagworte
baron lass puppen

Autor

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Titel: Der Baron #14 Lass die Puppen tanzen