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Redlight Street #120: Pia auf der Flucht

2020 112 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Pia auf der Flucht

Copyright

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Pia auf der Flucht

Redlight Street #120

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

 

Zuhälter gibt es in jeder Stadt und wenn Pia genug von ihrem Derzeitigen hat, setzt sie sich in den Zug und fährt in eine andere Stadt. Nun ist sie in einer Kleinstadt gelandet und der neue Beschützer heißt Tibor. Er hat ihr auf die Schnelle eine Bude in einem großen Block besorgt und damit hat sie erst mal eine Bleibe. Wirklich gefallen tut es ihr nicht in dem Haus, aber ihre Geschäfte laufen gut und so nimmt sie die neue Behausung in Kauf. Bis sie früh am Morgen Kindergeschrei aus dem Schlaf reißt. Wütend beschwert sie sich. Als sie das kleine Mädchen dann aber kennenlernt, versteht sie sehr schnell, warum das Kind so oft weint.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

»Diese alten verdammten Gipsköpfe, man sollte denen eine Fuhre Mist vor die Türe karren«, fluchte das zierliche Mädchen vor sich hin und zog dabei mit einem Ruck den Stöckelabsatz aus der Rille.

Sie humpelte weiter zur Straßenlaterne und besah sich den Schaden.

»Da soll man nicht wild werden, da soll man nicht...«

»He, hältst du hier eine Straßenpredigt, oder was ist los?«, wurde sie in diesem Augenblick von einem anderen Mädchen angesprochen.

Pia drehte sich um und sagte: »Ach, du bist es, Lina. Guck dir diesen Mist mal an. Jetzt ist der Schuh schon wieder hin. Und ich hab ihn noch keinen Monat. Wenn man da nicht sauer werden soll, dann weiß ich auch nicht mehr weiter.«

»Mensch, was haste denn damit angestellt?«, fragte Lina. »Also, der Absatz ist ja ganz schön vermackelt.«

»Das sag ich doch die ganze Zeit.«

Pia ließ ihren Fuß wieder los und stöckelte hin und her. »Dran ist er zum Glück noch. Also das hätte mir noch passieren müssen, zurück und neue Leisetreter holen. Tibor wär dann unter die Decke gesprungen.«

Lina grinste sie an.

»Ärger?«

»Ach, lass mich doch, ist doch alles Mist. Aber diese verdammten Gipsköpfe, eines Tages räche ich mich noch.«

Sie waren beide Straßenamseln, wie sie sich selbst nannten, und auf dem Weg zur Anschaffe. Es war nach neun Uhr, also die richtige Zeit. Jetzt würden sie bis gegen drei Uhr nachts ihrem Gewerbe nachgehen und das lange Geld machen, um es dann ihren Zuhältern abzuliefern.

Wenn sie ihre Luden auch oft hassten, so konnten die meisten Dirnen doch nicht ohne Zuhälter auskommen. Der Lude war es auch, der die Mädchen antrieb. Wenn der nicht gewesen wäre, so wären sie bei schlechtem Wetter erst gar nicht auf die Straße gegangen. Die Dirnen an und für sich waren ja recht faul. Das brachte der Beruf so mit sich. Solange sie genügend Geld hatten, lebten sie vergnügt in den Tag hinein, hatten sie keines mehr, so gingen sie wieder auf den Strich und verdienten etwas.

Aber ein Lude, der wollte jeden Morgen handwarm das Geld bekommen, und wehe, man erreichte das Soll nicht, dann konnte es schon vorkommen, dass man verprügelt wurde.

Eine Nutte war auch an Prügel gewöhnt. Sie gewöhnte sich überhaupt an so vieles. Vor allen Dingen daran, dass sie ein Mensch zweiter Klasse geworden war. Zu Anfang war es für sie meistens sehr schwer, das zu begreifen. Ganz junge Nutten muckten immer wieder auf, legten sich mit den Leuten an, aber die Älteren im Viertel, die hielten sie davon ab.

»Holst dir nur Beulen, sonst nichts. Lass doch den Quatsch.«

»Nein, ich will es ihnen zeigen, sagen, das gibt es doch nicht. Wieso können die sich so erdreisten . . .«

Wie gesagt, zum Schluss waren sie dann auch lammfromm.

Pia war zu Anfang auch so gewesen. Jung, ungestüm, sie hatte die ganze Welt erobern wollen. Überhaupt war sie ein seltsames Geschöpf. Die Mädchen, die mit ihr unter der Laterne standen, wunderten sich immer wieder über ihre Ruhe und Gelassenheit.

»Mich kann nichts erschüttern«, das war ihr Lieblingssatz.

Und in der Tat, darum war Lina jetzt auch ein wenig verdutzt, weil sie sich wegen des verdorbenen Schuhs so sehr aufregte.

»Sag mal, wem willste eigentlich Mist vor die Tür karren, Pia?«

»Mensch, den Herrschaften daneben im Rathaus. Die sind doch für die Straßen zuständig.«

Lina kicherte.

»Na, du hast lustige Wünsche, das kann ich dir flüstern. Vielleicht willste noch ’ne gepolsterte Bank unter der Laterne?«

»Warum nicht?«, grinste Pia zurück. »Wäre doch Arbeitserleichterung. Die latschen doch immer so herum und begucken sich die Arbeitsplätze, wo man was ändern kann und so. Die sollen mal zu uns kommen, dann werd ich denen mal flüstern, wie wir uns hier die ganze Nacht die Beine in den Bauch stehen. Also das sind doch bestimmt nicht die besten Arbeitsbedingungen.«

»Warum willste nicht gleich einen Diwan?«

»Hör mal, wenn du mich verulken willst, dann musste schon viel früher aufstehen.«

»Komm schon«, sagte Lina. »Wir können uns auch unterwegs weiter unterhalten. Wir sind schon spät dran, und wenn wir nicht da sind, dann glaubt die Grete wohl, sie könnte heute allein die Freier abkassieren.«

»Hast auch wieder recht«, brummelte Pia. Sie ging neben ihrer Kollegin her und hatte für einen Augenblick ihren lädierten Absatz wieder vergessen.

Sie standen beide in einer kleinen Stadt. Hier gab es kein öffentliches Haus. Pia war ein Zugvogel und hatte schon in vielen Städten getingelt. Es machte ihr einfach Spaß. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren hatte sie schon sieben Zuhälter gehabt. Aber irgendwie waren sie ihr immer wieder abhanden gekommen. Wenn man sie danach fragte, grinste sie nur hämisch und meinte: »Wenn die so betorft sind und nicht auf Muttern hören wollen, dann müssen sie eben gesiebte Luft einatmen.«

»Mensch, jetzt sag bloß nicht, du hast sie an die Bullen verpfiffen?«

»Seh ich vielleicht so betorft aus? Ich bin doch nicht von gestern, ich möchte nicht auf der Müllkippe landen. Und mit einem Stein um den Hals lässt es sich auch nicht grad amüsant schwimmen. Nee, die haben ganz allein dafür gesorgt. Müssen ja immer noch mehr Geld haben, können sich nicht mit dem zufriedengeben, was ich anschaffe, und ich sage euch, das ist wirklich nicht wenig. Aber nein, sie müssen krumme Sachen machen, sich mit Typen abgeben, bei denen man schon auf hundert Kilometer merkt, dass die nichts anderes wollen als Geld und dann verpfeifen. Aber ich blöde Kuh, ich hab immer solchen Dusel und krieg grad so bezockte Kerle, tja, und dann sind sie weg. Gesiebte Luft einatmen, weil das vielleicht gesünder ist. Ich weiß es nicht, war noch nicht drin.«

»Haste die Jünglinge nie besucht?«

»Bin ich blöde, damit die Bullen vielleicht noch denken, ich sei mit von der Partie? Nee, ich hab dann ganz sauber eine Fliege gemacht. Karte, Züglein und ab die Post. Irgendwohin. Du, ich hab einfach nachgesehen, so viel Kleingeld haste noch, also leg ich das aufs Zahlbrettchen und sag zu dem Kompottjünger hinter der Scheibe: >Bubi<, sage ich zu ihm, >sieh mal nach, wofür reichen diese Flöhe! < Der guckt mich dann an, als wäre ich lila und käme direkt vom Mars. >Flott, flott, kannst mir doch wohl noch sagen, wohin das reicht. <

Sein Adamsapfel geht rauf und runter, und manchmal fallen ihm bald die Augen aus dem Kopf. Da war mal einer, der schluckte und schluckte, wohl die Suppe vom letzten Sonntag, und als er sie dann endlich runter hatte, sagte er sehr feierlich: >Gnädiges Fräulein, dürfte ich vielleicht wissen, wohin Sie möchten? < Das war vielleicht ein Angeber!«

»Hat der wirklich gnädiges Fräulein gesagt?«

»Na klar«, kicherte Pia, »ich wäre ja bald vor Lachen geplatzt damals, ehrlich. «

»Wat haste dann gemacht?«

»Ich hab meinen treuen Madonnenblick rausgekramt, mit dem ich ausseh, als könnte ich nicht bis drei zählen, und hab dann zuckersüß gelispelt: >Also mein lieber Mann, ich möchte dorthin, wofür das Geld noch reicht. < Manchmal werden sie grob, manchmal auch so nervös, dass sie wegrennen, und dann kommt ein Kollege.«

»Sag mal, Pia, warum machste das eigentlich?«

»Och, Lotteriespiel, wisst ihr. Ist richtig lustig.«

»Wieso?«

»Ich überlass es dem Schicksal, wo ich hinkomme, dann brauch ich nicht lange zu überlegen, klar?«

Die beiden Dirnen bogen sich vor Lachen.

»Also, du bist wirklich eine Nulpe. Wo warste denn zuletzt?«

»Zuletzt, och, da muss ich mal gründlich nachdenken, das kann ich auch nicht so sagen. Das ist ja so, die meiste Zeit hängt man auf den Strichstraßen herum, und dann in so einer tristen Bude oder in Bars und Kneipen. Und da reden die ja auch nicht pausenlos von der Stadt, in der man gerade ist, nicht?«

»Sag mal«, wollte Grete wissen, »hast du nie in einem Haus gearbeitet?«

»O doch«, meinte sie eifrig, »klar hab ich das auch. Ich glaub, das war in Hamburg, ja, daran kann ich mich noch ganz genau erinnern.«

»Warum?«

»Warum? Weil neben mir so eine blöde Kuh wohnte, die aß leidenschaftlich gern Unmengen von Zwiebeln und Knoblauch.«

»Und das hat dich gestört?«, staunten die beiden kleinen Dirnen.

»Der Puffwirt war so geizig und wollte doppeltes Geld machen, also hat er die Zimmer mit Sperrholz durchgeteilt. Das war aber nur provisorisch, und richtig dicht war das auch nicht. Wenn die mal wieder kiloweise Zwiebeln und Knoblauch verdrückt hatte, stank es nicht nur in ihrer Bude danach, nein, auch im Flur und in meinem Zimmer. Also ich kann euch sagen, das war richtiggehend geschäftsschädigend.«

Die beiden kleinen Dirnen grinsten sich an.

»Und was haste da gemacht?«, fragte Grete.

»Was ich gemacht hab, ich hab mich beschwert. Aber das Luder hat nur noch mehr Zwiebeln gefressen.«

»Und seither stehst du also draußen?«

»Ja, wegen der frischen Luft, und man braucht keine Besenhexe zu bezahlen, keine Bettwäsche und all den Kram. Man steigt ins Autochen, und ab geht es, und wenig später hat man seinen Zaster, fein gefaltet im Täschchen. Unkosten: Schwimmwesten und ein paar Kleenex, mehr nicht.«

»Schwimmweste?«, keuchte Lina.

»Mensch, seid ihr von gestern, macht ihr es vielleicht barfuß? Also das kann fies ins Auge gehen, nee, dafür bin ich nicht zu haben. Ich streif die Dinger höchstpersönlich über, verstanden. Den Liebesdienst lass ich mir nicht nehmen, sag ich dem Freier immer. Der ist dann ganz weg und direkt gebügelt. Extrabehandlung, gratis.« Sie lachte laut auf.

Der Heiterkeitsausbruch hielt eine Weile an.

»Warum sagst du denn bloß Schwimmwesten dazu?«, stammelte Lina mit letzter Kraft.

»Och«, grinste Pia, »ich hab mal in einer Stadt gearbeitet, da lag der Strich an einem Kanal. Ich kann mich noch genau dran erinnern. Im Sommer ist das ja eine feine Sache. Also, habt ihr es schon mal in einem Paddelboot gemacht? «

»Nein«, flüsterte Lina.

Pia lachte aus der Erinnerung heraus. »Das war was, meine Güte, ich dachte, das geht nie. Der Kunde war wirklich ein komischer Knilch. Aber dann ging es doch.«

»Ehrlich?«

»Klar, vorher war alles in Butter, wir durften nur nicht den Rhythmus verlieren. Aber dann, beim Höhepunkt, kenterte das Boot doch, und heidi lagen wir im Wasser.«

Wieder mussten die beiden Dirnen heftig lachen.

»Ich habe anschließend Gefahrenzulage verlangt«, sagte sie todernst.

»Hör auf«, kicherte Grete. »Ich kann nicht mehr, ich hab schon Bauchschmerzen.«

Lina sagte: »Du hast uns noch gar nicht gesagt, warum du sie Schwimmwesten getauft hast.«

»Ach so; ja, das hab ich vergessen. Ist doch klar wie Brühe. Manchmal, wenn es uns langweilig war, weil das Geschäft noch nicht so richtig angelaufen war, hab ich so’n Ding aufgeblasen wie einen Luftballon und in den Kanal geworfen. Dort schwamm das dann so lustig rum. Und den anderen hab ich dann ein kleines Spielchen vorgeschlagen.«

»Nein!«, flüsterte Grete und war schon ganz rot im Gesicht.

»Doch«, grinste Pia. »Wir haben immer Wetten abgeschlossen, war eine feine Sache.«

»Wetten?«

»Ja, wir haben alle eines reingeworfen und abgewartet, welches zuerst aus unserem Blickfeld verschwinden würde.«

» Ohohohohohooo!«

»Und wer hat am meisten gewonnen?«, wollte Grete wissen.

»Ich natürlich«, meinte sie fröhlich.

»Meine Güte, wie kommst du bloß auf solche Ideen?«

»Weiß ich auch nicht«, meinte sie lachend. »Auf einmal sind sie da!«

»Was hast du denn bloß früher gemacht, Pia?«

»Früher?«

»Du bist doch nicht gleich als Luxusbiene auf die Welt gekommen, oder?«

»Bei der ist alles möglich«, meinte Grete lachend.

»Ach so, nee, früher war ich ein ganz braves Kind, ehrlich. Mit Fleißkärtchen und so, und ich war sogar Klassenbeste, ehrlich. Und meine Zeugnisse konnten sich sehen lassen. Da hab ich immer fein abgesahnt. Ja ha, als Schulmädchen hab ich ziemlich viel Geld gemacht.«

»Sag bloß, du hast schon in der Blüte deiner Jugend . ..?«, keuchte Lina.

»Bist du verrückt, nein, mit Nachhilfestunden. Ich war nämlich ein kluges Mädchen, ja!«

»Du liebe Güte!«

»Ich glaube, ich war sogar auf der Penne.« Sie tat, als dächte sie angestrengt nach und legte dabei die Stirn in Falten. »Ja, muss wohl so sein, ich kann ja ein paar Sprachen.«

»He du, jetzt spinnste aber?«

»Nee, wenn ich sauer bin auf einen Knilch, dann fang ich mit Latein an, das hat eine durchschlagende Wirkung. Besonders bei so Pinkeln, die ja alles können wollen.«

»Ehrlich?«

»Ich sollte ja sogar studieren.«

»Und warum haste das nicht gemacht?«

»Also, ich weiß auch nicht, ich war zu gutmütig, ja, das muss es wohl gewesen sein. Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass ich einen Freund hatte, mit Froschaugen und feuchten Händen. Ich hab mich immer ein wenig geschüttelt, wenn der mich anfasste. Aber er war so traurig, und die anderen Mädchen, die mochten ihn doch nicht leiden. Ja, und da hatte ich halt Mitleid.«

»Aus Mitleid bist du dann Nutte geworden?«

»Nee, da war noch so eine Sache mit einem Auto.«

»Was denn?«

»Wir hatten das von seinem alten Herrn stibitzt. Der war in Urlaub, und wir beide wollten eben ein wenig üben. Wollten uns gegenseitig vormachen, wie fein wir schon fahren könnten. Er konnte es überhaupt nicht, ich konnte es viel besser, aber dann kam so ein Dussel mitten auf der Straße daher, und ich wich aus und landete an einer Gartenmauer. Mann, war der Wagen zerdetscht, und der Junge hat dann wie ein kleines Kind geheult und hatte furchtbare Angst vor seinem Erzeuger.

Ich hab ihm gesagt: »Mensch, schließ deine Schleusen, den lassen wir reparieren, und dann merkt dein Alter nix. Er bleibt ja noch eine Weile weg. Ich kenne da eine Werkstatt, also, die macht das für mich.«

Wir hin, es war zwar schon ziemlich spät, aber das kümmerte uns nicht.

Peter, der Mechaniker, hat uns bald erwürgt. Lag mit seiner frischen Puppe im Bett.

Er hat sich dann den Wagen angesehen. Einen Braunen würde das kosten, hat er gesagt. Damals wusste ich noch nicht, was ein Brauner ist. Fünfhundert Eier!

Da wurde selbst ich wieder nüchtern. Keiner von uns hatte so viel Zaster. Das heißt, ich hatte wohl ein Sparbuch, davon durfte ich aber erst was abheben, wenn ich einundzwanzig Jahre alt war. Da war nicht dran zu rütteln.

Ja, und da hat er wieder zu heulen angefangen.

Da hat dann dieser Typ von Mechaniker gesagt: >Also, Pia, dann raus, dann verdien dir mal das Geld. Hast ‘es kaputtgemacht, musst es jetzt auch bezahlen. Also, wenn du einmal mit mir, dann kostet er nur noch vierhundertfünfzig. < Ich hab ihn ganz dumm angeguckt.«

Lina grinste.

»Zuerst hab ich nur Bahnhof verstanden, aber dann hab ich begriffen, mir das durch den Kopf gehen lassen und gemeint, wenn man das Geld so schnell zusammenkriegt, warum dann nicht? Dann bin ich den Typ los. Also dann nie mehr feuchte Hände und Froschaugen.

>In Ordnung< , hab ich gesagt. Dieser Peter war ein Luder. Aber das hab ich erst später gemerkt. Plötzlich hatte er seine Maus da oben vergessen. Zuerst hat er mich vernascht, und dann ist er mit mir zur Strichstraße gegondelt. Später hab ich dann erst gemerkt, dass er da bekannt war. Als ich erst mal wusste, wie so ein Ding läuft, da sind mir auch die Augen übergegangen. Aber damals hab ich tatsächlich gedacht, da brauchste dich bloß hinzustellen und zu warten, und schon haste den Zaster.

Dieser Pinselaffe hat dann auch dafür gesorgt, dass die Bullen kamen, und ehe ich mich versah, hatte ich eine Strichkarte und war registriert. Ich hab immer noch nicht gewusst, dass ich von da an eine Dirne mit Knopf im Ohr war, erst viel später.«

»Wieso Knopf im Ohr?«, fragte Lina verdutzt.

»Na ja, gibt doch so Plüschtiere, und die von Qualität, die haben doch einen Knopf im Ohr. Dirne von Qualität, so hat der Hund mich immer angepriesen. Ehrlich!«

»Hahahahaaa, und das ist dir nicht aufgefallen?«

»Zuerst ja nicht. Ich blöde Ziege war ihm sogar noch dankbar dafür. Ich dachte, dann hab ich schnell die Flöhe zusammen. War verflixt anstrengend, wisst ihr.«

»Aber wieso das denn?«

»Mensch, ich hab doch gesagt, am Tage musste ich zur Penne und dann den Kram von Schularbeiten. Manchmal hab ich sogar ein paar Hefte mit auf den Strich genommen.«

»Waaas hast du?« Die beiden Dirnen glaubten sich verhört zu haben. »Was hast du gemacht?«

»Hefte mitgenommen«, wiederholte sie, »zum Lernen. Ihr wisst doch selbst, wie oft es Leerlauf bei uns gibt. Ja, da hab ich dann unter der Laterne gestanden und gebüffelt.«

»O nein, hör endlich auf, das wird ja immer schlimmer«, schrie Lina. »Du willst uns nur auf den Arm nehmen.«

»Aber nein, ging ganz prima.«

Grete meinte, nachdem sie sich die Lachtränen vom Gesicht gewischt hatte:

»Und wie ist es dann weitergegangen?«

»Ja, lasst mich mal überlegen. Wie war das denn? Ach so, die Strichkarte, die hatte ich ja schon. Also, ich hatte endlich mit Mühe den Zaster zusammen, ja, und da wollte ich Schluss machen, denn es war verflixt anstrengend. Aber da hättet ihr mal diesen Autofritzen sehen müssen. Grün und blau hat der mich geschlagen, das Luder. Der ist ganz hübsch fies geworden. Da erst merkte ich, wohin ich geraten war.

Der lauerte mir überall auf. Und dann hat er mir gedroht, er wolle es in der ganzen Stadt erzählen, dass ich eine Nutte sei. Na ja, meine alten Herrschaften, die waren damals schon ziemlich klapprig. Ihr müsst wissen, ich bin ein Kind alter Eltern. Also, das konnte ich denen wirklich nicht antun. Und dann starb auch noch mein Vater. Mann, war das eine Zeit; und dann hatten wir außerdem auch nicht mehr so viel Geld und mussten uns zur Decke strecken. Ja, und dann bin ich zu diesem Mops hingegangen und hab ihm gesagt: >0. K., ich mach das, ich tippel weiter, aber dann machen wir jetzt halbehalbe, verstanden?

>Und wenn mir das nicht passt?<, hat der blöde Ochse mich noch gefragt. >Was willste dann machen? <

Na, mittlerweile war ich nicht mehr so betorft. Ich hab ihn mir gründlich angesehen und ihm dann feixend gesagt, dann würde ich der Polizei stecken, was für ein gemeiner Lude er sei. Und das war er ja nun wirklich.

Damals hab ich gedacht, der Knilch platzt mir auf der Stelle, so wütend ist der geworden. Vermöbeln wollte er mich auch wieder, aber ich war fixer, und außerdem hatte ich von einem Schulfreund ein wenig Judo gelernt. Der lag jetzt schneller unten auf dem Bürgersteig, als er es sich hätte träumen lassen. Zuerst hat er gedacht, es hätte ihn jemand von hinten angehauen, und ging wieder auf mich los. Gleich darauf lag er zum zweiten Mal unten und guckte blöd aus der Wäsche, bis er begriffen hat, dass ich ihn dorthin befördert hatte.

Tja, da hat er dann klein beigegeben, und wir haben halbehalbe gemacht. Das hat mir mächtig gestunken. All das feine Geld, das ich verdiente, wurde immer durch zwei geteilt. Wofür denn, habe ich mir die ganze Zeit gesagt, das ist ja unnütz. Clever war das ja wohl, ich meine von seiner Seite gesehen, aber nicht von meiner. Ja, und nach einiger Zeit ist meine alte Dame auch noch gestorben. Verwandte wollten sich dann um mich kümmern. Aber der Onkel stand auf meinen Sex-Appeal, und das hatte die Tante nicht so gerne, und so haben sie mich gefeuert.

Mit der Schule wurde das auch immer anstrengender. Wenn man die ganze Nacht auf den Strich geht, schläft man halt mal ein, besonders wenn es sich um langweilige Stunden handelt. Vielleicht hätte ich das noch geschafft, aber dann hat mich ein Lehrer gesehen. Mann, hat das Stunk gegeben.

Er behauptete, er sei nur zufällig auf dem Strich gewesen, aber das hab ich ihm nie abgenommen. Der wollte mal so einen hübschen kleinen Seitensprung machen, und da bin ich ihm in die Quere gekommen.

Der war nicht mehr gut auf mich zu sprechen, er hat mich überall mies gemacht, und so haben sie mich dann von der Schule gejagt. Ja, und ich hatte jetzt die Nase voll. Ich sagte mir, den Blutsauger, den werd ich jetzt erst mal los, und dann lern ich die Welt kennen, jawohl! Ich hab mein Köfferchen gepackt, und dann ab durch die Mitte, bis runter nach Spanien.«

»Wieso das denn?«, fragte Lina.

»Ich wollte auch mal so knackig braun aussehen. Und da hab ich dann auch feinen Urlaub gemacht, hab gleich so einen tollen Adonis kennen gelernt. Liebe auf den ersten Blick, hat er mir zugeflüstert. Mochte es vielleicht auch gewesen sein, sie hielt aber nur zehn Tage, da musste ich schon für ihn auf Anschaffe gehen, weil man ihm angeblich sein ganzes Geld gestohlen hatte.«

»Und was hast du gemacht?«

»Och«, sagte Pia und zuckte die Schultern. »War ganz hübsch. Habt ihr es schon mal am Strand gemacht, richtig nackig, im Sand? Hei, man muss nur aufpassen, dass man sich nicht auf eine Muschel legt. Einmal ist so ein Gockelhahn auf eine Qualle getreten. Ich wollte mich totlachen, aber der war so wütend. Und einmal, da war ich wieder mal zur Abwechslung an der Nordsee, haben wir’s im Strandkorb versucht. Der Mann war ganz wild auf mich, mit ins Hotel wollte er nicht. Ich schlug ihm vor, er solle die Dämmerung abwarten.

> Schätzchen <, sagte er zu mir, >wir hängen das Badetuch davor, und dann geht das schon. < Na ja, da haben wir es eben so gemacht.«

»Und?«, fragte Grete mit glitzernden Augen.

»Wir sind mitsamt dem Strandkorb umgekippt. Das war ein toller Hengst.«

»Au Backe«, lachte Lina.

»Ach, die haben sich halbkrank gelacht, die Leute, nur seine Alte war mies, aber ich konnte ihr noch nicht mal böse sein.«

»Nein?«

»Nee, wir sind nämlich grad auf ihre Füße gefallen, und das soll ja auch kein schönes Gefühl sein.«

Wieder brachen die Dirnen in ein helles Gelächter aus.

Unten auf der Straße, wo die anderen Dirnen standen, wurden schon Rufe laut, sie sollten nicht wie Hühner gackern. Aber es war eine laue Stunde. Bis jetzt war noch kein Auto um die Ecke gebogen.

»Also, erzähl weiter. Und der Bubi?«

»Du meinst meinen spanischen Luden?«

»Ja?«

»Ersoffen«, sagte sie ruhig.

»Wie? Was?«, fragten beide Nutten zugleich.

»Das war so ein Angebertyp, wollte Wasserski machen und so. Ich hab ihn gewarnt. Na ja, und dann passierte es, er kippte von den Brettern, der Fahrer im Motorboot merkte es ja nicht sofort. Und als sie an Land waren, war es zu spät. Er konnte nämlich nicht schwimmen.«

»Du hast wohl einen mächtigen Ludenverschleiß, wie?«

»Ich bin dann rüber getingelt, nach Afrika. Da hatte ich einen baumlangen Neger. Mochte ich ziemlich gern leiden. War wirklich ein sehr netter Mensch. Wir haben herrliche Zeiten verbracht.«

»Und warum hast du ihn nicht behalten?«

»Der war von der Armee ausgerissen. Wusste ich nicht, sonst hätte ich ihn besser versteckt. Schade, ich hab viel versucht, aber er musste erst mal in den Bunker. Tja, und da war ich so traurig und bin rüber nach Europa.

Zuerst blieb ich in Italien, dann ging’s nach Holland. Da passierte die Geschichte mit dem Strandkorb. Meinen holländischen Luden hat die Polizei kassiert. Hatte seine Finger beim Rauschgifthandel verbrannt. Zum Glück war ich ahnungslos wie ein neugeborenes Baby. Von da aus bin ich nach England gesegelt. War ganz hübsch, aber ziemlich kalt.«

»Und jedes mal einen anderen Luden?«

»Na, klar doch. Ist wichtig, ich meine im Ausland. Ja, aber wie gesagt, irgendwie kam immer etwas dazwischen, und dann war ich wieder allein.«

»Seit wann biste denn jetzt wieder hier?«

»Och, seit ein paar Wochen. Meine Eltern hatten mir doch ein Haus vererbt, ja, und jetzt wollte es jemand kaufen, und da musste ich alles unterschreiben. So bin ich hier gelandet.«

»Und wie biste an den Tibor gekommen?«

»Den?«

»Ja, das ist doch dein Derzeitiger, nicht?«

»Ja. Den hab ich in einer Pizzastube aufgegabelt. Er hat mir eine Cola spendiert, weil ich mein Geld vergessen hatte, ja, und dann haben wir einen Zug durch die Gemeinde gemacht, und als ich wieder nüchtern war, lag er neben mir in meiner Heia. Na ja, hab ich mir gesagt, du brauchst einen Beschützer. Der sieht gut aus, versuch es mal mit dem.«

»Wie lange kennste den schon?«

»Wieso? Zehn Tage.«

»Und wie lange haste bis jetzt deine Luden gehabt?«

»Och, also vier Wochen schon.«

»Na, dann gibt es ja bald wieder Tapetenwechsel, wie?«, lachte Lina.

»Ach so«, sagte Pia gleichgültig.

In diesem Augenblick kamen die ersten Autos um die Ecke. Die Dirnen brachen sofort ihr Gespräch ab und stellten sich in Position.

 

 

2

Im Gegensatz zu Lina und Grete, die ein wenig deftig und gemein wirkten, war Pia doch ein lustiger knackiger Käfer, wie sie sich selbst oft nannte.

Da stand sie nun, mittelgroß, schlank. Sie hatte lange Beine, und das brachte sie gut zur Geltung. Sie trug ein zitronengelbes Faltenröckchen, das bei jedem Schritt wippte, eine knappe Bluse und darüber eine ärmellose Lederjacke. Ganz hell und frech. Die Kleidung zeigte genau ihre Figur. Sie hatte blondes Haar, schulterlang und leicht gelockt. Die Freier konnten ruhig mit Genuss darin herumwühlen, anschließend sah sie noch immer niedlich aus.

Sie schminkte sich auch kaum. Eben nur so viel, dass man die Lippen in der Dunkelheit erkennen konnte. Sie hatte einen vollen aufreizenden Schmollmund.

Seit Pia hier in dieser Stadt auf den Straßenstrich ging, war allerhand los. Es sprach sich immer schnell herum, wenn eine neue Dirne kam.

Tibor war ein Zuhälter und hatte Pia wie gesagt in einer Pizzastube aufgegabelt. Er war auf der Suche nach einer neuen Dirne gewesen. Sein letztes Mädchen hatte die Polizei aus dem Verkehr gezogen. Sie war ein paarmal nicht beim Arzt gewesen. Ja, und jetzt hatte sie die Folgen zu tragen. Er hatte sie schon lange im Verdacht gehabt, dass sie ohne Schutz arbeitete. Jetzt konnte sie es selbst ausbaden. Hätte die Polizei ihm noch ein wenig Zeit gelassen, dann hätte er ihr erst einmal auf seine Weise klargemacht, wie er über diese Sache dachte. So schnell änderte sich das Leben. Er wusste ja nicht, dass die Kleine ohne Schutz gearbeitet hatte, nur um immer ihr Soll vorzeigen zu können. Mit der Zeit wurde das immer schwieriger, aber dann hatte sie es den Kunden zugeflüstert, und die waren auf ihren Vorschlag eingegangen, ohne sich etwas dabei zu denken. Dass sie auch krank werden konnten, wenn eine Nutte ohne Schutz arbeitete, daran dachten in diesem Augenblick die wenigsten.

Tibor hatte also die Kleine in der Pizzastube entdeckt. Er hatte so etwas wie eine Spürnase. Zwar war ihm nicht eingefallen, sie für eine Dirne zu halten. Dazu war sie halt zu schick, zu natürlich. Er glaubte eher, sie sei aus einer bürgerlichen Familie ausgebrochen und versuche jetzt, irgendwie das Leben zu meistern. Als sie dann auch noch erschrocken sagte, sie habe ihr Geld vergessen, und der Kellner schon ungeduldig wurde, bloß weil sie ihre Cola nicht bezahlen konnte, da war er gleich eingesprungen, dem Schicksal dankbar, dass er sich als Gentleman zeigen konnte. Sie hatte ihm mit einem reizenden Lächeln gedankt, und als er sie noch einlud, mit ihm essen zu gehen, hatte sie sofort zugesagt. Er glaubte, sie wäre hungrig, Pia aber dachte: Na ja, dann hab ich schon einen Menschen, den ich in dieser Stadt kenne.

Am Morgen nach ihrer Tour durch die Kneipen hatte er dann gemerkt, dass sie ein klasse Mädchen war. Zur Vorsicht hatte er sie noch gefragt, ob sie zur Zeit einen Luden hätte. Wenn sie nämlich schon einen Beschützer besaß, und er mischte sich nun ein, dann konnte es sein, dass er bei diesem Unternehmen ein paar Zähne verlor. Aber sie hatte keinen. Vor lauter Freude rieb er sich die Hände und sagte dann gleich freundlich:

» Es ist wirklich schönes Wetter, Süße, willst du heute nicht so zur Probe stehen? Ich meine, um das Gebiet zu sondieren. Natürlich wirst du es am Anfang nicht leicht haben.«

»Zuerst muss ich mir eine Bude besorgen, und zum anderen muss ich erst mal sehen, ob die mich stehen lassen«, sagte sie ruhig.

»Ein Zimmer kann ich dir beschaffen. Ich hab grad eines bei der Hand.«

Sie blickte ihn lachend an.

»Wohl von deiner Verflossenen, wie?«

»Klar, das Luder kommt nicht mehr wieder.«

»Na schön, dann hab ich das eine erledigt. Sehen wir es uns gleich an?«

»Du gefällst mir, du bist eine von der schnellen Truppe, Mädchen.«

»Das kann man wohl sagen. Und um gleich klare Verhältnisse zu schaffen, Tibor, wenn du als mein Beschützer arbeiten willst, gut, ich bin damit einverstanden. Ich bin nicht so blöde und versuche es allein. Aber wir machen halbehalbe, mehr ist bei mir nicht drin. Wenn es dir nicht passt, sage es mir gleich, ja?«

Sie hatte es ganz ruhig gesagt. Der Mann hatte für einen Augenblick kurz geschluckt. Halbehalbe, dachte er, die hat wohl ein paar Schrauben locker. Hält sie mich für einen Hilu? Na, der werde ich schon Flötentöne beibringen, die wird recht bald tun, was ich will. Aber im Augenblick sagte er sich: Bloß keine Pferde scheu machen, dazu ist sie mir zu neu. Nun ja, die ersten vierzehn Tage können wir die Regel beibehalten. Sie soll etwas auf die hohe Kante legen können.

Das macht ihr Spaß, dann arbeitet sie nachher um so flotter.

»In Ordnung«, grinste er sie an.

Pia hatte ihn nicht aus den Augen gelassen. Sie wusste ganz genau, was ihm durch den Kopf gegangen war, und lächelte hintergründig. Bei sich dachte sie: Wenn du glaubst, du kriegst mich herum, dann irrst du dich, Bübchen. Ich bin mit allen Wassern gewaschen.

»Das ist ja prächtig«, sagte sie heiter. »Ich glaube, wir werden ein feines Gespann. Und jetzt zeig mir mal die Bude, mal sehen, ob sie etwas taugt.«

»Nun ja, im besten Viertel liegt sie gerade nicht. Aber das kennst du doch bestimmt, Pia. Für den Anfang reicht sie. Ich meine, wenn wir länger beisammen bleiben, dann könnten wir uns ja auch eine richtige Wohnung nehmen.«

Sie dachte: Wie oft mag er das wohl schon gesagt haben? Aber es stört mich nicht. Ich brauche ihn vorläufig.

Er hält mir den Platz unter der Laterne frei, alles andere ist Nebensache.

»Weiß ich. Klopf jetzt keine Sprüche, sondern bring mich zu der Wohnung.«

»Sie hat auch einen großen Vorteil, sie liegt sehr nahe an der Strichstraße. Du brauchst weder ein Taxi noch sonst etwas, um hinzugelangen.«

Sie trippelte neben ihm her, langbeinig, süß lächelnd und mit lustigen Puppenaugen, die im Augenblick aussahen, als könne sie nicht bis drei zählen.

Tibor hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, sie nach ihrem Vorleben auszufragen. Hätte er nämlich gewusst, dass sie schon so viel erlebt hatte, hätte er wissen müssen, wie ausgekocht und gerissen sie war, denn eine normale Nutte schaffte das nicht, so zu leben wie Pia.

Als sie dann vor dem Wohnsilo standen, bekam sie doch ganz weiche Knie. Und als sie sich dann auch noch die Umgebung ansah, da zog sich ihre Kopfhaut zusammen.

Der Wohnsilo mochte vor dem Krieg erbaut worden sein, womöglich noch vor dem ersten Weltkrieg, und hier wohnten nun all die Menschen, die gestrauchelt waren, die sich im Leben nicht zurechtfanden, und die Verbrecher kleinen Stils. Die Gebäude und die Höfe wimmelten nur so von Kindern und Halbwüchsigen. Und der Schmutz war unbeschreiblich. Als sie den Flur betraten, roch es nach Kohl. Welch ein Elend, dachte sie entsetzt und klammerte sich an das Treppengeländer.

Im dritten Stock lag das Zimmer. Tibor hatte sie von der Seite beobachtet und auch gesehen, wie sie die Nase gerümpft hatte.

So ein Sumpfloch bot er ihr an. Das war ja einfach lachhaft, das war... Sie, die schon in vornehmen Hotels gewohnt hatte, die schon prachtvolle Wohnungen gehabt hatte. Aber leider eben nur kurze Zeit.

Er öffnete die Tür. Als sie eintrat, war sie dann doch überrascht.

»Ich hab dir ja gesagt, für die Umgebung kann ich nix. Dies ist im Augenblick der einzige Ort in diesem Kaff, wo ich dir ein Zimmer bieten kann. Du glaubst ja gar nicht, wie prüde die hier noch sind. Aber ich hab wirklich alles getan, um eine anständige Bleibe daraus zu machen. Sieh dich um.«

Die Wohnung bestand aus einem kleinen Vorflur, winziger Küche und ebensolchem Bad. Aber es war alles da. Der Hauptraum war zum Wohnen und Schlafen gedacht. Die Wände waren frisch tapeziert worden. Und auch die Möbel sahen recht nett aus. Zwar waren sie von der billigsten Sorte. Aber sie passten zusammen und das Zimmer wirkte sogar gemütlich. In der Küche befanden sich sogar ein neuer Kühlschrank, ein Herd, alles war vorhanden.

»Ich weiß doch, wenn sich meine Mädchen nicht wohl fühlen, das ist nichts. Ich hab ’ne Menge hier investiert, das musst du mir glauben, Süße.«

»Das hat die andere dir schon längst eingebracht«, sagte sie kalt. »Komm mir ja nicht mit Sprüchen von vorgestern.«

Der Zuhälter schwieg verblüfft. Das war ihm noch nie passiert, dass er mundtot gemacht wurde.

Pia spazierte hin und her, blickte aus dem Fenster und schauderte zusammen. Na ja, sie würde eben nicht rausblicken.

»Und wo ist der Fernseher?«, fragte sie kalt.

Er blickte sie sprachlos an. »Was willste denn damit anfangen?«

»Was wohl? Zum Spiegeleier braten brauch ich ihn ganz bestimmt nicht.«

»Herrje, Pia, du bist ja gar nicht da, ich meine, das ist doch überflüssig.«

»Nein, ich will eine Flimmerkiste, Farbe, verstanden. Sonst zieh ich nicht ein.«

Wieder hüpfte sein Adamsapfel auf und ab. Er blickte das Mädchen an, wie es vor ihm stand, flott gekleidet, niedliche Schuhe, süßes Gesicht. Er dachte an die Nacht und wusste, sie war eine Goldgrube. Und jetzt sollte vielleicht alles an so einer Kiste scheitern?

»Gut«, sagte er, »du sollst sie bekommen. Du sollst wirklich nicht das Gefühl haben, ich wäre nicht nett zu dir. Obwohl ich nicht weiß, woher ich das Geld nehmen soll...« Das war eine Anspielung auf ihre Ersparnisse. Er wollte unbedingt wissen, wie viel sie schon hatte. Aber wie gesagt: Pia war gerissen. Sie sah ihn nur lächelnd an und meinte zuckersüß:»Du kannst ja einen auf Raten kaufen, Tibor. Da schmerzt es dann nicht so, weißt du. Geht ganz flott.«

Er hätte sie am liebsten geohrfeigt. Aber etwas in ihrem Blick hielt ihn davon ab.

»Wie du willst. Wirst du dann heute Abend stehen?«

»Du hast es wohl verdammt eilig, wie?«

»Hör mal, ich sagte dir doch schon, ich sitze auf dem Trockenen. Meine Alte haben doch die Bullen aus dem Verkehr gezogen.«

»Armer Tibor, was hättest du nur gemacht, wenn ich nicht gekommen wäre?«

Er schwieg, da er merkte, dass er gegen sie nicht ankam; und noch mehr Boden wollte er auch nicht verlieren.

»Worauf wartest du denn noch?«

»Was denn jetzt schon wieder?«

»Die Flimmerkiste, hoppchen, so geh doch endlich. Ich bleib so lange hier und pack mein Köfferchen aus.« Ihr Gepäck hatten sie im Vorbeigehen vom Bahnhof abgeholt.

Tibor ging.

So hatte sie also Besitz von ihrer neuen Behausung genommen. Tibor war dann nach Stunden wirklich mit einem Fernsehapparat angerückt. Sie sah sofort, dass es kein neues Stück war, und hatte ihn im Verdacht, dass er ihr seinen eigenen gebracht hatte, während er sich bestimmt einen neuen gekauft hatte. Aber sie dachte:

Man darf die Pferde nicht scheu machen. Hauptsache, ich habe einen Kasten.

Dann aßen sie zu Abend, sie sah sich in aller Ruhe die Nachrichten an und den ersten Kurzfilm. Tibor saß wie auf heißen Kohlen. Wollte sie sich denn noch immer nicht auf den Weg machen?

»Bildung«, sagte sie lächelnd. »Du weißt gar nicht, wie wichtig das für eine Nutte ist. Sie muss sich mit ihren Kunden unterhalten können.«

Er lachte auf.

»Ich weiß ganz genau, worüber sich die Kunden mit den Nutten unterhalten.«

»Wirklich? Woher willst du das wissen? Du bist doch keine Nutte.«

»Das brauch ich nicht zu sein, ich weiß das auch so. Und jetzt komm endlich.«

Sie ging erst noch ins Bad, wusch sich gründlich und machte sich dann zurecht. Auf naiv. Ihm fielen bald die Augen aus dem Kopf. Jetzt sah sie wie ein niedliches junges Mädchen aus. Damit wollte sie Kunden angeln?

Was hatte er sich da nur aufgehalst?

Sie zockelten ab zur Strichstraße. Es stimmte wirklich, sie brauchten nur die Straße hinunterzugehen, dann um die Ecke, und da fing auch schon das Industrieviertel an. Hier trieben sich nachts die Dirnen herum. Darüber bestand ein stillschweigendes Abkommen mit der Polizei. Wenn sie sich hier aufhielten, ließ man sie auch in Ruhe. Das heißt, man ließ sie stehen, aber Kontrollen wurden regelmäßig unternommen, damit es keinen Ärger gab. Wurden die Nutten zu aufsässig, würde man sie vertreiben. Aber davor hüteten sich die Nutten sehr. Sie waren ja froh, dass sie hier stehen durften.

Tibor erschien. Er war ein bekanntes Gesicht auf der Straße. Die anderen Zuhälter waren mittlerer Klasse und taten, was er sagte. Er war so etwas wie ihr Anführer.

»Sie wird hier stehen, verstanden!«

Aus den Augenwinkeln heraus sah Pia gleich, dass es sich um den besten Platz handelte. Etwas anderes hatte sie auch gar nicht erwartet. Zwei Dirnen standen schon unter der Laterne. Sie mussten zur Seite rücken. Sie blickten die Neue scheel an, sagten aber nichts aus Angst vor Tibor.

»Also, hier ist dein Platz, Liebling, und jetzt geh ich unten in die Eckkneipe. Sollte etwas sein, dann kannst du mich jederzeit dort erreichen.«

Sie nickte nur, klemmte sich das Täschchen unter den Arm und lehnte sich an die Laterne.

Tibor ging nicht in die Kneipe. Im Gegenteil, er ging über die Straße, stellte sich im Schatten eines Lasters auf und beobachtete so sein neues Mädchen. Pia konnte ihn nicht sehen und die Kunden auch nicht. Aber Pia wusste, dass er irgendwo in der Dunkelheit stand. Sie hatte ihn sehr schnell durchschaut.

Pia schloss gleich Bekanntschaft mit den beiden Dirnen Lina und Grete. Diese zeigten ihren Widerwillen gegen die Neue, konnten aber sonst nicht viel tun. Pia ließ auch das über sich ergehen. Morgen würde sie ihnen Konfekt mitbringen, um sie versöhnlicher zu stimmen.

In der ersten Nacht hatte sie eine recht ansehnliche Einnahme. Denn alle alten Kunden wollten die Neue ausprobieren. Sie standen schon buchstäblich Schlange, und daher konnte sie es sich leisten, die Kunden auf Lina und Grete aufmerksam zu machen. So kam es dann, dass diese von den Brosamen, die von ihrem Tisch fielen, nicht schlecht lebten, und sie mussten sich noch nicht mal dafür anstrengen.

Die Kunden waren hingerissen von der Neuen, und jeder versprach ihr, ganz bestimmt wiederzukommen oder einem Kollegen Bescheid zu sagen. Sie sei große Klasse, das As unter den Dirnen in dieser Straße, versicherte man ihr. Sie lächelte bescheiden, war nett und höflich und sehr freundlich.

In der ersten Nacht verdiente sie achthundert Mark. Als sie todmüde in ihre kleine Wohnung wankte, stand Tibor schon da und wartete auf das Geld. Gewissenhaft zählte sie vier Scheine ab.

»Jetzt hau ab, lass mich zufrieden, ich will pennen.«

Er dachte an das Geld, das sie zurückbehielt, und machte noch einen verzweifelten Vorstoß.

»Soll ich es nicht für dich auf die Bank bringen?«

Sie drehte sich um, blickte ihn an und sagte ruhig: »Hältst du mich für so bescheuert, dass ich dir das glaube? Komm, Tibor, du hast deine Mäuse, jetzt lass mich allein, ich bin müde.« Sprach’s und schlug ihm die Tür vor der Nase zu.

Zähneknirschend musste er gehen.

Das war also ihr Einstand. Aber jede Nacht wiederholte sich das gleiche, obwohl sie sogar etwas später als die anderen auf Anschaffe ging, denn sie musste sich ja bilden, wie sie sich ausdrückte. Tibor sagte jetzt nichts mehr, es wurmte ihn nur, dass sie so viel Geld für sich behielt. Mit hundert Mark pro Nacht konnte sie doch zufrieden sein, davon konnte sie die Miete zahlen, Kleidung und alles übrige kaufen. Vier blaue Scheine, und das jede Nacht. Das machte in einer Woche ... nein, er durfte gar nicht so weit denken, sonst sah er noch rot.

 

 

Details

Seiten
112
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936520
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514733
Schlagworte
redlight street flucht

Autor

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Titel: Redlight Street #120: Pia auf der Flucht