Lade Inhalt...

Der verhinderte Hochzeiter

2020 111 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der verhinderte Hochzeiter

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Der verhinderte Hochzeiter

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

Lorenz und Georg Müllner leben sorgenfrei auf dem großen Hof ihrer Eltern, genießen ihr Junggesellenleben und lassen nichts bei der Damenwelt anbrennen. Heiraten wollen sie beide nicht, warum auch. Die Jahre vergehen, ihre alte Haushälterin stirbt und nun merken sie beide, dass sie eigentlich doch heiraten sollten – zumindest einer von ihnen. Durch eine Wette entscheiden sie sich, wer auf Brautschau gehen soll. Allerdings ist es einfacher gesagt als getan, weil die meisten Mädchen in ihrem Alter schon vergeben sind. Durch Zufall trifft der Pfeil von Amor doch einen der Brüder, doch das führt zum Streit zwischen den Brüdern kommt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Man nannte sie der Einfachheit halber die Müllnerbuben. Dabei waren sie nicht mal Zwillinge und unterscheiden konnte man sie auch sehr gut. Aber sie waren sich in ihrer Handlungsweise so ähnlich, dass das Dorf sie deswegen so getauft hatte.

Lorenz und Georg schmunzelten nur immer, wenn sie diesen Namen hörten. Sie nahmen es den Dörflern nicht übel. Im Gegenteil, waren sie dadurch nicht schon so etwas wie eine Berühmtheit geworden? Wenn man freilich den Pfarrer nach seiner Meinung über die Müllnerbuben ausfragte, dann bekam man gleich zur Antwort: »Also, ich will mich ja nicht versündigen und unserem Herrgott ins Handwerk pfuschen, aber es wird sicher da droben eine Gerechtigkeit geben. Weil ich so fest daran glaube, bin ich auch davon überzeugt, dass sie nun ja, sagen wir mal, nicht grad in die Hölle werden sausen, aber ein extra Fegefeuer wird ihnen der Herrgott schon zuweisen.«

Sonst war es ein sehr sanfter Pfarrer und ein paar alte Betschwestern, die diesen Ausspruch mitbekommen hatten, bekreuzigten sich denn auch gleich.

»Aber, Herr Pfarrer!«, stammelten sie entsetzt.

»Man darf ja wohl noch mal seine Meinung sagen oder?«

»Freilich, freilich.«

Er ließ die Betschwestern stehen und ging ins Pfarrhaus, um sich von der Haushälterin ein paar Knödel vorsetzen zu lassen. Und der Braten war auch nicht zu verachten. Für ihn waren die Müllnerbuben schwarze Schafe!

Fragte man aber den Bürgermeister, dann zwirbelte dieser seinen Schnurrbart, schaute sich vorsichtig nach allen Seiten um, ob auch sein Ehegespinst nicht zuhörte, und meinte dann: »Also, ich sag euch was, die machen es richtig. Mut haben sie. Ich zieh den Hut vor den Buben. Wenn ich ein wenig jünger wär und wenn ich...« Aber da tauchte die Josefa auf und er machte einen krummen Rücken, fuchtelte ein wenig mit den Armen hin und her und war verschwunden.

Aber man wusste auch so, was der Herr Bürgermeister ausdrücken wollte. Nun, bei der Josefa, da hatte man sogar großes Verständnis für seine Wunschträume.

Und doch!

Manche fragten sich mit Recht, wie hat das eigentlich alles angefangen? Warum sind sie eigentlich so aus der Art geschlagen? Warum machen sie nicht alles genau so, wie es die übrigen Dorf- und Talbewohner tun?

Vielleicht musste man droben in der Mühle die Antwort suchen gehen!

Die Mühle! Sie war schon ein hübsches Anwesen und schlau war der Josef Müllner immer gewesen. Die Wassermühle, die all den Strom für die Sägerei brachte, und darüber hinaus konnte er auch noch dem Dorf etwas abgeben. Er hatte einen hellen Kopf besessen und war immer modern eingestellt gewesen. Nun sein Vater hatte es sich ja auch leisten können, ihn auf eine bessere Schule zu schicken. Vor dem Krieg war das noch gewesen. Also hatte er mit dem neumodischen Zeug angefangen und selber Strom erzeugt und sich dadurch vieles erleichtern können in der Sägerei.

Sie hatten sich also gesundgestoßen. Dann hatte er auch noch die Ursula gefreit. Nun sie hatte auch ordentlich was an den Füßen, wie man es hier so ausdrückte. Sie war ein sanftes und sehr hübsches Mädchen gewesen. Der Josef hatte sich gleich in sie verliebt. Geld war ihm damals in gewisser Weise schon gleichgültig gewesen. Er hatte nur an die Liebe gedacht, was ja auch etwas ganz Neues im Dorf war.

Neidisch waren sie gewesen, die Dörfler! Und wie! Dann erschien auch noch die Xenia. Ursula nannte sie Haushälterin! Das war denn wirklich die Höhe. Sie war damals ein junges nettes Mädchen gewesen, aber mit Haaren auf den Zähnen. Im Laufe der vielen Jahre wurden diese immer borstiger. Aber die Ursula liebte sie trotzdem. Die Eltern hatten sie ihr mitgegeben, da sie doch so zart sei und nicht so viel in der Hauswirtschaft tun sollte.

»Sie lebt wie eine Prinzessin«, murrten die Dörfler. »Die gehört nicht zu uns. Auch wenn ihr Vater hinterm Berg ein Großbauer ist. Nein, sie ist hier nicht recht am Platze. Hochmütig wird sie sein und kalt. Passt nur auf.«

Aber das war sie ganz und gar nicht, die feine Ursula und sie hatte im Kriege dem Dorf in vielem helfen können. Der Josef vergötterte sein Weib und ließ es alle wissen, wie lieb sie sich hatten.

Diese Liebe veränderte sich auch nicht, als sich kein Kindersegen einstellen wollte. Der Josef war auch so glücklich und meinte zu diesem Problem: »Wenn der Herrgott es nicht will, dann soll man nicht murren und sich dagegen auflehnen. Das ist Sünde. Wir leben auch so gut und wenn ich mal nicht mehr bin, werden wir schon Erben zu finden wissen. Die Frau hat ja Brüder und eine Schwester und da wimmelt es nur so von Nachkommenschaft. Wir werden uns dann schon was Rechtes aussuchen.«

Für die Bauern im Tal und im Dorf war das eine Ungeheuerlichkeit. Hatte es ringsherum auf den Höfen in den vielen Jahren schon so manches Leid gegeben, weil eben der ersehnte Hoferbe sich nicht einstellte. Ja, da war so manches Frauenherz zerbrochen und sie waren in Gram und Einsamkeit gestorben, weil die Männer kalt und hartherzig waren.

Dem Josef verziehen die Dörfler diese Einstellung lange nicht.

Vielleicht war es sein steter Wandel zum Guten, dass der Herrgott dann doch noch ein Einsehen mit ihm hatte. Zehn Jahre waren sie verheiratet, als sich eines Tages Nachwuchs bei den Müllners anmeldete. Ursula war so erschrocken, dass sie gar nicht glauben konnte, dass es Wirklichkeit war. Aber an einem schönen Frühlingstag lag denn wirklich ein strammer Bub in der Wiege unter dem Apfelbaum.

Xenia, die noch schmaler und bissiger geworden war, blickte mit blanken Augen auf den kleinen Erdenbürger und lächelte ihn an. Nun hatte sie auch endlich was zum Liebhaben und zum Streicheln. Sie war hoch vernarrter als die Eltern des Buben.

Die Dörfler nahmen diese Nachricht ziemlich grämlich auf, aber dann kamen sie doch alle zum großen Tauffest. Sie erzählen noch heute hin und wieder von dieser großartigen Sache. Drei Tage sollen die Mannsbilder nicht mehr nüchtern geworden sein.

Georg entwickelte sich also zu einem strammen und hübschen Buben mit wachen Augen und einem gewinnenden Lächeln. Er hatte viel von der Schönheit seiner Mutter geerbt und die stramme Figur des Vaters. Jeder wünschte sich von Herzen so einen strammen Erben für den Hof,

Lange glaubte der kleine Georg, Xenia sei seine Mutter, also wuchs er zwischen diesen drei Menschen heran und war mit sich und dem Leben recht zufrieden. Zumal ihm ja praktisch jeder Wunsch erfüllt wurde.

Die sanfte Ursula war noch immer ganz verwundert darüber, dass sie wirklich einen Buben hatte. Als sie dann abermals schwanger wurde, war sie richtig erschrocken. Doch Josef lachte nur dazu: »So wird also unser Haus doch noch voll. Sollen sie ruhig kommen. Wir können ihnen Speise und Kleidung geben und später einmal erhalten sie ein ansehnliches Erbe.«

Als Georg fünf Jahre alt war, wurde sein Bruder Lorenz geboren. Er stand dem größeren Bruder nicht nach. Er war genauso hübsch und stramm und klug wie Georg. Dieser war nur enttäuscht über die Mickrigkeit des kleinen Bruders. Hatte man ihm doch erzählt, was man alles mit einem Bruder anfangen könne! Und jetzt lag er nur da und plärrte und mochte noch nicht mal einen Regenwurm essen, den er ihm heimlich zugesteckt hatte. Schließlich hatte er ja noch keine Zähne und konnte keine Nüsse knacken.

Georg führte lange Zeit seine Streiche allein aus und manchmal vergaß er sogar das plärrende Bündel vollkommen. Bis dieser eines Tages in der Stube herumkrabbeln konnte und ihn zu ärgern begann. Er war lästig, dieser Bruder. Vor allen Dingen, wenn man sich schon recht erwachsen fühlte, da man ja schon seit einiger Zeit die Schule besuchte. Dieses Gefühl hielt noch ziemlich lange an.

Georg besuchte die Landwirtschaftsschule und der Bruder ging noch im Dorf zur Schule. In den Ferien traf man sich dann wieder und endlich war er so weit, dass man mit ihm in die Berge steigen konnte. Manchmal maßen sie auch im Scherz ihre Kräfte miteinander. Da sie beide gleich stark waren und sich auch mochten, kam es nie zu einer bösen Rauferei. Außerdem war ja Georg viel zu alt dazu.

Beide recht hell und flink im Wesen und hübsch dazu, sagte man ihnen eine goldene Zukunft voraus. Mit den Jahren hatte sich das Anwesen der Eltern so vergrößert und der Vater kaufte immer noch hinzu, wenn sich ein Bauer lieber auf den Fremdenverkehr verließ und keine Landwirtschaft mehr wollte. Der Vater pflanzte sogleich einen Wald an, aber man hätte jederzeit das große Anwesen teilen können. Also würde jeder in Zukunft eine sehr gute Bleibe haben.

Xenia war der bärbeißige Drache im Heim und sorgte für Essen und dass man saubere Hemden vorfand und die Schuhe geputzt waren. Überhaupt war es viel besser, man stellte sich gut mit ihr, denn sonst riss sie einem womöglich noch ein Ohr ab. Selbst die starken Buben hatten Respekt vor Xenia, mehr als vor den Eltern.

Inzwischen waren sie herangewachsen, Lorenz war zwanzig und der Bruder fünfundzwanzig und beide arbeiteten sie unter dem Vater und waren damit zufrieden. Er war klug genug und hatte ihnen sehr früh ein eigenes Reich zum Regieren überlassen und sie waren sehr gut in ihrer Arbeit. Also bekamen sie recht früh einen guten Blick für das Geschäft.

Wenn sie dann am Abend mit den Eltern in der guten Stube vor dem Kachelofen saßen, wurde oft von der Zukunft gesprochen.

»Habt ihr euch denn schon überlegt, wie es weitergehen soll?«

Die jungen Burschen blickten sich vergnügt an und meinten treuherzig: »Warum denn? Es fehlt uns doch an nix. Wir haben alles, was wir brauchen. Wieso sollen wir das denn ändern?«

Josef blickte seine Buben verdutzt an.

»Da versteh einer die Jugend. Unten im Gemeinderat hör ich immer wieder, wie die Alten stöhnen, dass die Jungen vorwärts drängen und es schier nicht abwarten können, dass man ihnen das Anwesen überschreibt. Und ihr sagt, ihr habt keine Eile.«

»Vater, die haben wir auch wirklich nicht.«

Ursula mischte sich jetzt ein.

»Aber sicher wollt ihr doch bald heiraten? Burschen in eurem Alter haben doch schon längst ein Madl im Auge.«

Georg blickte den Lorenz an und der Lorenz den Georg.

Sie schüttelten beide den Kopf.

»Damit pressiert es nicht«, sagten sie vergnügt. »Wir sind jung und wollen das Leben erst einmal genießen, bevor wir uns binden. Denn dann ist es nämlich aus, weißt Vater, dann ist es aus mit der Freiheit.«

Der Vater lachte dröhnend.

»Ihr seid mir ja die rechten Schlawiner. Nun an mir soll es nicht liegen. Wenn ihr es euch anders überlegt habt, dann kommt zu mir. Ich bin gern bereit, auf alles zu verzichten und überlasse euch gern die Verantwortung.«

»Ist schon recht, Vater, aber wir möchten noch recht viel von dir lernen.«

Die Buben hatten nämlich sehr schnell begriffen, dass sie bei der Damenwelt im Tal sehr wohl gesehen waren. Ja, so manche hatte schon versucht, ein goldenes Netz über die Häupter der Müllnerbuben zu werfen. Waren sie doch zu rechten Mannsbildern geraten und man musste sich wirklich umschauen, wenn sie die Gaststube betraten. Dazu waren sie immer fröhlich und lustig. Ja, mit ihnen ließ es sich wirklich gut leben, fanden die Madeln im Tal. Und man beschielte neidisch die Konkurrenz. Denn, dass sie nicht auf eine Geldheirat aus waren, das hatten die Madeln auch sehr schnell begriffen, also waren und standen sie sozusagen alle im Rennen um die Gunst der Müllnerbuben. Jede wollte einen der Brüder gewinnen und weil sie das halt wollten, gaben sie sich bei den Brüdern ganz anders als zu der übrigen Dorfjugend.

Das wiederum war den anderen jungen Burschen ein Dorn im Auge und ein paar sannen sogar schon auf Rache.

»Wir lauern ihnen auf und dann geben wir ihnen eine Tracht, die sich gewaschen hat, dann hören sie endlich mit dem schändlichen Spiel auf und wir wissen anschließend, woran wir sind.«

Zehn Burschen im Alter zwischen zwanzig und dreiundzwanzig waren die größten Hitzköpfe. So kam es, dass sie sich eines Nachts, als die Burschen heimgingen, auf die Lauer legten. Vielleicht hatte man den Müllnerbuben einen Hinweis zugesteckt oder vielleicht war es auch wirklich nur Zufall, jedenfalls gingen sie nicht durch den Hohlweg, wie man üblicherweise zu gehen hatte, wenn man zum Müllneranwesen wollte, sondern sie benutzten den Jägersteig. Das war ein ganz gefährlicher schmaler Steig, der direkt am Rande einer tiefen Schlucht vorbeiführte und man musste wirklich mutig sein, um ihn zu gehen. Ein Vorteil hatte dieser Steig, man war viel früher daheim, als wenn man durch den Hohlweg wanderte.

Sie lagen also schon längst in ihren Betten und schliefen, während die zehn noch im Tau des Morgens kauerten und auf die Burschen warteten. Die Sonne kam ganz langsam über die Bergkuppen, als sie merkten, dass sie umsonst hier hockten und wütend und murrend zogen sie ab.

Aber aufgeschoben ist noch lange nicht aufgehoben und was so rechte Bergbauernburschen sind, denen tat auch eine Nacht im Tau nichts. Also legte man sich wieder auf die Lauer.

So kam es denn, dass man die Burschen traf und es begann sogleich eine Rauferei. Beide Müllnerburschen waren zäh und hart im Nehmen, aber sie konnten auch austeilen! Da sie oft selbst in die Hochwälder stiegen, um die Stämme zu zeichnen, die man im Winter schlagen wollte, war kein Gramm zu viel Fett an ihnen und sie waren zudem ein eingespieltes Team. So war man denn höchst verwundert, als man wenig später seine eigenen Knochen mühselig zusammen suchen musste, dass man entdecken musste, dass es den übrigen Burschen ebenso ergangen war. Die Müllnerburschen aber zogen ihres Weges.

Diese Schande!

 

 

2

Drei Wochen ließen sie sich nicht in der Dorfschänke blicken. Gewiss würden Georg und Lorenz mächtig prahlen und das mit anzuhören, nein, das war einfach zu viel. Aber zu ihrer Verwunderung machte niemand eine Anspielung. Das verstanden sie einfach nicht. Bis sie endlich begriffen, dass die Müllnerburschen nicht ein Wort gesprochen hatten. Jetzt ärgerten sie sich noch mehr, drei lange Wochen hatten sie umsonst daheim gehockt, so dass die Mütter schon den Doktor rufen wollten, weil sie annahmen, der Sohn brüte eine gefährliche Krankheit aus.

Irgendwie war so etwas wie ein Burgfrieden entstanden. Jetzt hatte man sogar wache Augen bekommen und die Burschen im Dorf merkten sehr genau, dass die Brüder es mit den Dorfschönen gar nicht ernst meinten. Ja sie passten sogar höllisch auf, dass keine damit prahlen konnte, ich hab mit diesem oder jenem der Müllnerburschen öfters getanzt oder mich unterhalten Sehr schnell begriffen sie, dass sie keine vorzogen, sondern zu allen freundlich und nett waren. Das machte die Dorfschönen natürlich mächtig wütend und sie sagten sich, so etwas muss bestraft werden.

»Denen zeigen wir jetzt die kalte Schulter. Das haben wir doch nicht nötig. Die sollen sich bloß nicht einbilden, sie wären die einzigen hier im Tal.«

In ihrer Rache gingen manche ziemlich weit und so blieb es nicht aus, dass kaum vier Monate verstrichen und drei Hochzeiten im Kirchspiel angesagt wurden.

Wer sich herzlich freute und der eifrigste Tänzer auf diesen Hochzeiten war, das kann man sich schon denken.

Ja jetzt hatten die Müllnerbuben sogar ein recht herzliches Verhältnis zu den Burschen im Tal und im Dorf. Man schüttelte sich nach jedem Kirchgang freundschaftlich die Hand und verbrüderte sich und man meinte es sogar ehrlich.

Dies und noch so manches drang schließlich auch an die Ohren der Dörfler. Und wieder war man schadenfroh und sagte sich: »Vielleicht heiraten sie nie, dann hat man keine Erben. Ja so geht es nun mal im Leben.« Obschon man sich gar nicht denken konnte, warum sie es nicht taten.

Vielleicht hätte man auch im Tal bald einen Grund dafür gefunden, warum die Buben so ehescheu waren, doch dann überschattete ein Ereignis alles und man vergaß darüber eine Weile die Spinnigkeit von Georg und Lorenz.

Der Josef hatte sich eine schwere Lungenentzündung zugezogen und musste sich zu Bett legen. Der Doktor kam täglich zweimal, aber sein Zustand besserte sich keineswegs. Nach knapp einer Woche musste er Ursula und den Burschen sagen: »Der Vater wird es nicht mehr lang machen. Manchmal versagen die Mittel, die uns zur Verfügung stehen. Es tut mir so leid.«

Ursula konnte und wollte es nicht fassen. Aber auch die Burschen waren erschreckt und unglücklich.

Josef spürte schon lang, dass es mit ihm bergab ging und so holte er denn das Testament hervor, legte es in Georgs Hände und bat ihn, immer gut für die Mutter zu sorgen.

»Ihr seid schon auf dem rechten Weg, Buben. Macht so weiter. Gottvertrauen und Sonne im Herzen, dann wird schon alles gut werden. Lauft nie dem Gelde nach, das bringt keinen Segen. Trauert nicht zu lange um mich. Bleibt fröhlich und zusammen. Versprecht es mir.«

Das taten sie mit einer wahren Inbrunst.

Vier Tage später war der alte Müllner tot.

Xenia, jetzt schon fünfundsiebzig, musste sich fast um alles kümmern. Aber sie war in ihrem Element und wehe es stellte sich ihr einer in den Weg.

Ursula war ganz gebrochen und fand auch bei den Söhnen keinen rechten Trost. Waren sie doch selbst noch fassungslos. Bis zum letzten Augenblick hatten sie es einfach nicht glauben können. Doch nun mussten sie dafür sorgen, dass der Vater in Würde zu Grabe getragen wurde. Es sollte eine sehr schöne Beerdigung werden, denn er war im ganzen Kirchspiel beliebt und die Trauergäste kamen von weither.

Jetzt waren sie also die Erben, die Müllnerburschen!

 

 

3

Ursula und die Burschen hatten das Testament des Vaters gelesen und wussten nun, dass sie zu gleichen Teilen eingesetzt worden waren.

»Was werdet ihr jetzt machen, Georg, Lorenz?«

»Was denn schon? Alles wird so bleiben wie vorher, nicht wahr, Lorenz?«

»Sicher, ich bin auch dafür.«

»Ihr versteht euch ja auf das Geschäft. Da bin ich wirklich froh, Buben.«

»Wir werden uns die Arbeit teilen und du wirst schon sehen, es wird alles seine Richtigkeit haben.«

Kaum waren sechs Wochen ins Land gezogen, da machten sich die Schönen im Lande wieder Hoffnung und fingen mit der Anbiederung abermals an. Denn sie sagten sich, jetzt müssen sie doch endlich ans Heiraten denken, die Müllnerbuben. Einer zumindest. Um ganz sicher zu gehen, musste man mit beiden schöntun, was gar nicht so einfach war und zu erheblichen Komplikationen führte.

Wie gesagt, an den Anstrengungen lag es wirklich nicht, die Brüder blieben weiterhin freundlich und fröhlich. Wenn eine mal gar zu dreist wurde, blickte man sie mit einem sanften Augenaufschlag an und meinte treuherzig: »Geh, das meinst doch nimmer ernst, nicht Luiserl, hast dich nur vertan, vor ein paar Tagen hab ich dich noch mit Lorenz flirten gesehen. Also, nun lauf, sonst merkt er noch was.«

Kam man aber zum Lorenz, so drehte er gleich den Spieß herum und sie waren ganz verwirrt. Die zwei Brüder waren wirklich rechte Schlawiner.

Als sich mal eine dazu verstieg und sie sogar oben in der Mühle besuchte, da meinten sie herzlich: »Weißt, Marie, es ehrt dich wirklich und wir sind ganz gerührt, das du uns das Leben verschönern möchtest, aber weißt, du kennst ja die Xenia, nicht wahr?«

»Freilich kenn ich die.«

»Siehst und ihren Ruf, den kennst doch auch oder?«

»Sicher!«

»Die hackt jeder Frau die Augen aus, die ihr in die Nähe kommen tut, ganz besonders, wenn sie der Meinung ist, man will sie von ihrem angestammten Recht fortjagen. Wir können es einer jungen Frau einfach nicht zumuten, mit der Xenia unter einem Dach zu hausen. Das gäbe ein Unglück, kannst es mir glauben. Wir selbst tragen ja an diesem Dragoner recht schwer, also wissen wir genau, was dich erwarten würde.

Siehst, deswegen können wir das nicht zulassen.«

Marie war daraufhin so sprachlos, dass sie eine ganze Weile kein Wort zur Erwiderung fand.

Man hatte sie schon fast bis ins Dorf begleitet, als sie ganz plötzlich stehenblieb und die Burschen strahlend ansah.

»Ja, aber wenn das so ist, dass ihr auch unter ihrem Wesen leidet, warum unternehmt ihr denn nix?«

»Was sollen wir denn unternehmen?«, fragten sie naiv.

»Ihr seid mir ja zwei rechte Angsthasen, ihr seid doch die Herren dort droben. Wenn sie so ist, warum schickt ihr sie dann nicht einfach fort? Sie ist doch nur eine Angestellte von euch, habt ihr das wirklich ganz und gar vergessen?«

Georg merkte sehr schnell, dass sie diesmal höllisch aufpassen mussten, denn sie wollten sich ja wirklich keine Frau einheimsen. Nein, das Leben fing doch erst so richtig an, lustig zu werden. Da er nun mal der Ältere von ihnen war, musste ihm etwas einfallen.

Entsetzt blickte er Marie an, so als wäre sie plötzlich grün geworden oder hätte erzählt, sie wolle auf der Stelle den Herrn Pfarrer umbringen.

»Die Xenia fortschicken«, rief er entgeistert und seine Augen rollten dazu wie zwei Murmeln hin und her. »Ja, Marie, da versündigt man sich doch. All ihr Lebtag hat sie bei uns gelebt und gearbeitet. Sie ist uns zur zweiten Mutter geworden. Xenia gehört einfach zur Mühle und wenn wir sie fortschicken täten, ja mei, wo sollt sie denn hin?«

Marie kroch erschreckt in sich zusammen.

»Ich hab doch halt nur Gutes im Sinn. Ich hab doch gedacht, da sie schon so alt ist, da könnt...«

»So eine bist also«, entrüstete sich auch jetzt der Lorenz. »Wenn einer alt ist, dann jagst ihn fort, na, also wirklich, Marie, mir bricht das Herz. Nur der Gedanke, Marie, es ist zu schrecklich. Xenia wird nie fortgeschickt und wenn wir darüber alt und grau werden, nein, das bringen wir einfach nicht fertig. So ein guter Mensch und überhaupt, die Mutter würde uns darüber wegsterben vor Kummer, das kannst unmöglich von uns verlangen.«

Marie wusste schon gar nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Sie war heilfroh, als endlich ihr Hof in Sicht kam und schwor sich, nie wieder mit den Müllnerburschen ein Wort zu wechseln, die hatten es ja gar nicht verdient, dass man sich um sie sorgte. Sollten sie doch ihr Leben lang als Einsiedler da oben hausen. Geschah ihnen ganz recht. Eines Tages würden sie es noch bitter bereuen, dass sie so grob zu ihr gewesen waren. Womöglich dachten sie jetzt sogar, sie sei roh und herzlos und überhaupt, als große Hoftochter hatte sie es wirklich nicht nötig, sich ihnen an den Hals zu werfen.

Derweil schlenderten die beiden Burschen vergnügt durch den Hochwald zur Wassermühle zurück. Lange standen sie droben am Wildbach und blickten ins Kirchspiel hinunter.

»Das wär mal wieder geschafft.«

»Jesses, war recht brenzlig.«

»Die kommt nimmer wieder.«

»Begreifen sie denn nicht, dass wir keine Lust zeigen? Was ist eigentlich an uns dran, dass sie alle auf uns Jagd machen, Georg?«

»Geld, mein Lieber und dass wir ledig sind, das ist es.«

Sie grinsten sich an.

»Solang wir zwei zusammenhalten, werden sie es nimmer schaffen.«

»Tun wir also hier und jetzt einen Schwur, dass wir uns immer helfen wollen, wenn der andere in arge Bedrängnis gerät.«

Sie schlugen sofort ein und waren wieder froh.

Aber Marie rächte sich auf ihre Art und Weise an den beiden Burschen. Im ganzen Dorf erzählte sie nun von Xenia und wie die zwei vor ihr zittern würden.

 

 

4

Gleich am nächsten Sonntag erfuhr es auch Xenia, als sie alt, runzlig, aber wieselflink aus der Kirche geschossen kam, um Ursula in den Wagen zu helfen. Seit Ursulas Mann auf dem Gottesacker lag, war sie recht hinfällig geworden. Dabei war sie erst fünfundfünfzig, Xenia hingegen schon an die fünfundsiebzig.

Aber sie hatte dann doch noch so viel Zeit, dass sie sich ein wenig tratschend zum Wagen bewegte und so erfuhr sie denn auch die neueste Geschichte. Sie kniff die schmalen Lippen zusammen. Ingrimmig warf sie Ursula eine Decke über die Knie und wies Georg an, doch endlich zu fahren, sonst würden die Knödel nimmer zu Mittag auf den Tisch kommen.

Lorenz und Georg hatten sie zwar in die Kirche begleitet, wie es aber ihre Art war, sich schnell davongestohlen, um im Wirtshaus zwei Krüglein zu leeren. Also kamen sie zwar pünktlich zur Kirche zurück, aber sie hatten die Klatschmäuler nicht mehr hören können. Also donnerte das Gewitter über sie daheim hinweg, dass die Mutter ganz blass und erschrocken war.

Xenia war mal wieder in ihrem Element und vergaß ganz dabei, dass sie Mannsbilder vor sich stehen hatte und keine Rotznasen, denen man noch die Hosen strammziehen durfte, wenn es nötig war. Georg und Lorenz begriffen recht schnell, woher der Wind wehte und spielten die Zerknirschten. Sie wussten aus Erfahrung, dass es sich nicht lohnte, ein Wort in das Geschimpfe zu werfen, solange Xenia noch Luft zum Schreien hatte. Aber diese ging ihr denn endlich nach einer Viertelstunde aus und da ging Georg ganz ruhig auf sie zu, nahm sie in die Arme, busserlte sie herzlich ab und meinte treuherzig: »Geh, so haben wir es doch nicht gemeint. Für uns bist doch kein altes Eisen. Weißt, wir haben dich ja so lieb, dass wir dich nicht mal für einen Sack junger knuspriger Madeln austauschen würden. Glaub uns das doch, du warst doch unsere Rettung. Geh, du magst doch die Marie auch nicht oder? Sonst gehen wir gleich und bitten sie, einen von uns zu heiraten.«

Xenia schnappte nach Luft.

»Diese angemalte Pute soll hier Herrin werden? Na, das kommt nicht in Frage.«

»Siehst, so denken wir doch auch. Weil wir ihr aber nicht weh tun wollen, haben wir dich halt ein wenig schwärzer gemalt, als du bist!«

Da brach Xenia in ein schallendes Gelächter aus.

»So ist das also. Wenn es den Herren in den Kram passt, dann bin ich also ein fürchterlicher Hausdrache, wie?«

»Bist uns also nicht mehr böse?«

Sie gab jedem eine leichte Backpfeife und schmunzelte: »Nun, wenn das so ist, dann halt ich still.«

Lorenz hob sie hoch und wirbelte sie einmal durch die Stube, dass ihre alten Knochen zu wackeln anfingen.

»Lass mich sofort los, du närrischer Bub, du«

Die Mutter hatte die ganze Zeit still auf der Ofenbank gesessen. Doch jetzt meldete sich sich zu Wort, nachdem Xenia wieselflink in die Küche gehuscht war, um sich um den Braten zu kümmern.

»Buben, Buben, ich weiß einfach nicht, was ich davon halten soll.«

»Was, Mutter?«

»Dass ihr noch keine Braut habt! Seid ihr vielleicht ehescheu oder was ist los?«

»Weißt, Mutter, die Zeiten ändern sich halt und wir sind doch noch jung, keiner von uns will sich in ein Ehejoch pressen lassen. Das ist die ganze Wahrheit.«

»Ich hab nie das Ehejoch gespürt«, sagte sie wehmütig.

»Ja, Mutter, wenn wir ein Madel finden täten wie dich, dann würde wir uns schon die Beine danach ausreißen, nicht wahr, Lorenz? Das täten wir auf der Stelle.«

»Freilich, Mutter. Weißt, das ist so eine Sache mit den Madeln, sie laufen uns nach und das mögen wir halt nicht.«

»Vielleicht habt ihr Recht. Nun eines Tages wird auch für euch die Rechte kommen. Ich würde mich herzlich darüber freuen.«

»Ganz gewiss, Mutter.«

Aber die Zeit verrann und keine Rechte schien es zu geben. Der Xenia war es ganz recht, denn sie wusste ganz genau, kam eine junge Frau ins Haus, dann hatte sie nichts mehr zu sagen. Also unterstützte sie die Buben, wo sie nur konnte und dienerte ihnen so folgsam, dass sich die zwei gar nicht nach einer eigenen Frau sehnten.

Und was ein Gspusi anging nun, da hörte man mit der Zeit so allerhand.

 

 

5

Eines Tages war man nämlich so weit gediehen, dass im Sommer wie im Winter stets mit Fremdenverkehr zu rechnen war. Man hatte eine Kegelbahn gebaut, ein Café befand sich im Ort und zwei recht schöne Hotels hatten eröffnet. Und dort gab es alle Augenblicke Tanz und Musik und viel zur Unterhaltung. Der Heimatort hatte sich in kürzester Zeit gemausert und man konnte also recht viel Spaß haben.

Die Hänge waren hier ganz besonders für den Wintersport geeignet. Malerisch und hübsch lag das Dorf außerdem am Ende eines breiten Tales und man hatte demnach keinen Durchgangsverkehr. Die Müllnerburschen waren rechte Mannsbilder und gegen eine Liebelei hatten sie wirklich nichts. Aber gegen eine Heirat. Als sie merkten, welch neuen Wind die Zeit mit sich gebracht hatte, da bekamen sie blanke Augen und machten jetzt erst recht was aus sich.

Am Tage waren sie rechtschaffen und sehr fleißig und über Geldmangel brauchten sie nie klagen. Georg hatte sich einen Bart wachsen lassen. Weil der Lorenz ihm in nix nachstehen wollte, zierte sein Gesicht eines Tages ein Schnauzbart. Ja der Neid musste es ihnen lassen, sie sahen jetzt noch hübscher aus und das merkten auch die fremden Madeln, die jetzt per Bus und Auto ins Dorf kamen, um sich zu erholen. So eine Erholung konnte auf die Dauer recht langweilig werden, wenn man nichts hatte, womit man sich die Zeit vertreiben konnte.

Also erbarmten sich die beiden Burschen und widmeten sich den Madeln mit Vergnügen. Und das konnten sie wirklich in allen Lebenslagen.

Nicht nur, dass sie wie ein Teufel Ski fahren konnten, sie waren auch sonst in allem recht gut bewandert. Selbst auf dem Tanzboden waren die zwei die ungekrönten Könige. Der Neid muss es ihnen wirklich lassen. Die Mädchenherzen flogen ihnen mitunter gleich busweise zu.

Hin und wieder gab es ja auch im Sägewerk mal nicht so viel zu tun wie üblich und außerdem hatte man ja auch seine Angestellten. Selbst hockte man ja nur im Kontor oder fuhr mal in die Kreisstadt und erledigte dort bei den Banken ein paar Geschäfte. So konnte also der Sepp, der Skilehrer vom Ort, auf die zwei zurückgreifen, wenn er mal das Reißen hatte oder sich die Haxen angeknackst hatte. Auch als Bergführer waren sie gefragt. Ja, da wurde sogar die Faulste munter und machte fleißig mit und war selig, wenn sie auch noch ein paar Pfündchen dabei abspecken konnte. Man wetteiferte um die Burschen und war selig, wenn man sie erkoren hatte.

Sehr schnell begriffen die zwei jungen Burschen, dass man hier wirklich mit dem Feuer spielen konnte, ohne in Brand zu geraten. Nie verliebten sie sich wirklich. Dazu langte meistens auch die Zeit nicht. Und dann erfuhr man auch recht schnell, dass man gar keine Ansprüche geltend machen durfte, denn daheim saß dann womöglich sogar ein Ehemann oder ein Verlobter oder ein Freund. Man wollte nur mal kurz ausspannen und das gehöre nun mal auch dazu, überhaupt anfangs, als sich die zwei noch ein wenig zierten, da wurde ihnen lachend erklärt: »Geh, man merkt direkt, dass ihr fast nie aus eurem Tal kommt. In der Stadt, da ist es doch normal. Herrje, wenn ich jeden heiraten müsste, mit dem ich mal was gehabt hab, da könnt ich mir ja gleich Dauerkarten fürs Standesamt holen gehen.«

So etwas ließen sich die zwei wirklich nicht zwei Mal sagen und so hatten sie eine Menge Spaß. Und was die Liebe betraf, man führte den alten Brauch, das Fensterln, wieder ein. Aber wenn das zu schwierig war, nun, wofür waren denn die Heustadeln noch da! Die gab es ja noch immer. Und sie stellten sogar fest, dass diese modernen Stadtmadeln auf ihre Art recht romantisch waren und die Augen verdrehten, wenn man mit ihnen so einen Heustadel aufsuchte und sich dann dort recht lustig die Zeit vertrieb.

Warum also sollten sie sich ein Ehegespinst angeln? Dann würde ja in der Tat das lustige Leben sofort schlagartig aufhören. Sie hatten ja alles, wonach sich ihr Herz sehnte. Sie waren wie zwei recht gute Freunde, daheim sorgte die Xenia sich um den Hausstand, zwar murrte sie oft, wenn sie fast jeden Tag ein frisches weißes Hemd benötigten, schließlich und endlich wussten sie ja, was sich gehörte, wenn sie sich um ein Stadtmadel kümmerten. Xenia brummte und knurrte sowieso, also nahmen sie das nicht so tragisch.

Eines Tages gründete man so etwas wie einen Theaterabend und die zwei waren selbstverständlich mit von der Partie. Auf keinem Tanzfest durften sie fehlen. Sie hatten ja auch genug Kleingeld in der Tasche und kein erzürntes Eheweib lauerte ihnen daheim auf, wenn es mal wieder später geworden war.

Dem Kegelsport frönten sie auch ausgiebig.

Ihrer Meinung nach konnte das Leben ruhig so weitergehen.

So vergingen zehn Jahre nach dem Tod des Josef und alles war noch wie einst!

Keine junge Frau droben in der Mühle!

Keine Kinder!

Um die Zukunft sorgten sie sich überhaupt nicht.

Wenn sie mal danach gefragt wurden, lachten sie heiter auf: »Ja mei, was soll ich mich deswegen abplagen. Wir haben unser Auskommen. An die fünfzig Jahre werden wir es wohl noch schaffen, und danach?«

Sie zwinkerten vergnügt.

Eines Tages sagte der Bürgermeister zu Georg, sie standen just zusammen beim Krugwirt und tranken einen Schoppen Wein:

»Weißt was, Georg, eigentlich müsstet ihr auch noch Vergnügungssteuern bezahlen.«

Dieser begann zu lachen.

»Ja mei, warum denn das?«

»Ihr zwei habt das größte Vergnügen, seit wir hier die Fremden hergeholt haben oder etwa nicht?«

»Freilich, freilich, aber Bürgermeister, wir tun auch eine ganze Menge dazu, dass sie bleiben und wiederkommen. Eigentlich müssten wir dafür von der Gemeindekasse einen kleinen Obolus erhalten.«

Der Bürgermeister begann, dröhnend zu lachen.

»Was willst?«

»Nun, schließlich sorgen wir doch dafür, dass sie sich hier wohlfühlen, das ist anstrengend, das kannst mir glauben.«

Er lachte glucksend.

»Also, wenn ich nicht mein Weib hätte, Georg, ich würd dir dann Konkurrenz machen. In der Tat, das würd ich auf der Stelle tun.«

»Tja, das Leben ist schon ungerecht, nicht?«, meinte Georg mit trauriger Stimme.

»Was willst denn damit schon wieder sagen?«

»Nun, ich hab die Plage und Mühe und dein Gemeindesäckel wird immer voller. Eine Ungerechtigkeit ist das.«

»Ja mei, du alter Schlawiner, das nehm ich dir auf keinen Fall ab. Mühe, dass ich nicht lache, du bist ja so fit, das es dir nichts ausmacht, die Nächte durch zu tanzen, Georg.«

»Pflicht, Bürgermeister, die reinste Pflicht.«

»Und das Gspusi am End?«

Er zwinkerte mit den Augen.

»Das ist erstmal anstrengend.«

Sie lachten sich an und suchten dann den Gasthof auf. Hier war schon Hochbetrieb und von allen Seiten wurde Georg mit einem Hallo begrüßt. Aber weil der Bürgermeister bei ihm war, wagte

man sich doch nicht näher an ihn heran. Schließlich war er eine Amtsperson und Georg machte auch keine Anstalten, sich von diesem zu entfernen.

»Beim Krugwirt gibt es nur sauren Wein, hast du das nicht eben bemerkt?«

Georg zuckte die Schultern: »Weißt, ich muss mich überall sehen lassen.«

»Wart nur, dir wird auch noch das Lachen vergehen. Georg, du willst mir doch nicht weismachen, dass ihr das schöne Anwesen eines Tages verschenkt?«

Georg blickte ihn treuherzig an.

»Ich will dir mal was sagen, Bürgermeister, man kann nix mitnehmen, nur ein dünnes Hemd und mehr nicht, das weißt doch auch. Also, warum soll ich mir jetzt für die Zukunft graue Haare wachsen lassen. Das ist nicht meine Art. Ich mach meine Arbeit, so gut ich es kann und gebe den Leuten Brot und Lohn, was willst mehr von mir? Steuern kriegst auch noch und nicht mal zu knapp. Also, was soll ich da noch tun?«

»Heiraten, Georg, das erwarten wir einfach von dir. Jesses, warum schlagt ihr nur so aus der Art? Ihr macht uns noch das ganze Dorf rebellisch, stell dir mal vor, alle würden so denken wir ihr zwei Brüder, was dann?«

Georg wischte sich den Bierschaum vom Bart.

»Wenn alle so denken würden, Bürgermeister, dann würde es in der Tat weniger Leid im Tal geben. Siehst doch selbst das Elend und den Kummer, wenn der Hoferbe nicht kommen will. Und der Jankl, wie bös war er vor Jahren, als es nicht klappen wollte und dann hat er ihn endlich bekommen. Und was ist jetzt? Ein Verbrecher soll er sein, hab ich mir sagen lassen. Was hat er jetzt, Kummer und Leid. Die Zeiten haben sich geändert, Bürgermeister, die Kinder wollen halt nicht mehr so wie die Eltern und ich finde, das ist gut so.«

»Aber dann werden eines Tages keine Höfe mehr vorhanden sein. Bist ganz narrisch dort droben in deiner Mühle geworden! Das sind ganz neue Ideen.«

»Hast noch nix von einem Trend gehört?«

»Was soll ich gehört haben?«

»Die Städter drängen aufs Land. Noch nix davon gehört? Immer wieder hör ich, wenn ich über Land fahr und Stämme einkaufe, dass da und dort ein Hof von einem Städter übernommen worden ist, weil man sich nicht mehr so plagen wollte und fort ist mit dem Geld und macht sich in der Stadt ein schönes Leben. Du wirst es nicht glauben, auch wenn man nicht jahrhundertelang auf einer Scholle geklebt hat, sie können es auch, ich hab es mit eigenen Augen sogar gesehen, dass sie es sehr gut können, obschon es mitunter noch junge Leute sind.

Sie züchten Schafe und spinnen selbst und weben oder stricken und die Fremden sind ganz narrisch hinter dem Zeug her. Und die Wiesen brauchen sie nicht mehr zu mähen, weil sie sich Ziegen halten.«

Vielleicht sollte man wirklich mal was hinzulernen.«

»Geh, ich will nichts mehr davon hören. Du bist wie dein Vater, der hat auch immer so spinnerte Ideen gehabt.«

»Mit der Wassermühle und dem Stromerzeuger, ja, das ist wirklich spinnertes Zeug«, spöttelte der Müllner.

Der Bürgermeister merkte jetzt, dass er nicht gegen ihn ankam.

»Ich muss heim.«

»Dann grüß deine Frau.«

Er ging davon.

Georg ging zum Tresen und holte sich ein frisches Bier. Die Zenzi goss es ihm ein und blinzelte ihm zu.

»So allein?«

Er war glänzender Laune.

»Nicht mehr lang, ich hab mir sagen lassen, heut soll wieder ein Bus eintreffen.«

»Richtig, wir bekommen auch ein paar Gäste davon ins Haus.«

»Siehst, da bin ich ja grad richtig gekommen. Da kann ich sie gleich in Augenschein nehmen.«

Zenzi lachte.

»Willst das wirklich?«

»Freilich, das Herz soll nicht so lang einsam bleiben, das ist nicht gut.«

Das junge, lustige Mädchen beugte sich über den Tresen.

»Sag einmal, Georg, hast nie Angst, dass dich mal eine ernst nehmen täte?«

»Du meinst, von den jungen Dingern, geh, die sind doch ebenso froh, wieder fortzukommen, wie sie froh sind, mal ein paar Wochen ausspannen zu können. Wenn dann mal eine vorsichtig davon anfängt, dann schildere ich ihr in schwarzen Farben, wie einsam es hier im Winter ist. Dann fürchtet sie sich mächtig und ist froh, dass sie in die Stadt zurück darf.«

»Alter Schwerenöter, seit wir ständig Gäste im Tal haben, ist es doch grad im Winter recht lustig.«

»Aber das weiß sie doch nicht«, gab er feixend zurück.

»So, so und was sagst zu den Madeln, die im Winter hier sind und mit denen du an Gspusi anfängst?«

Er lachte.

»Du bist ja eine ganz Neugierige, aber warum soll ich es dir nicht verraten, vielleicht hilft es dir mal?«

»Mir?«

»Nun, ich kenn doch meine Zenzi.«

Sie wurde rot im Gesicht.

»Im Winter sag ich dann, dass ich im Sommer so viel daheim zu schaffen hab und die meiste Zeit droben im Wald bin und viele Wochen das Weib daheim allein hausen muss und sich um Vieh und Hof zu kümmern hat.«

»Toll!«

»Man muss nur immer schnell mit den Ausreden sein.«

»Und wenn es mal eine nachprüfen tut?«

»Dann kommt immer noch die Xenia dran, die ist unschlagbar und mein Bruder ist ja auch noch da. Wir helfen uns gegenseitig. Wenn mal eine zu neugierig ist, dann erzähl ich ihr halt, ich sei nur der Angestellte meines Bruders.«

»Und umgekehrt erklärt es der Lorenz?«

Er nickte fröhlich.

»Weißt, Georg, eines Tages wirst noch in deine eigene Fuchsfalle purzeln.«

»Ich doch nicht«, erwiderte er entrüstet.

Sie spülte die Gläser.

Da hörten sie den Bus kommen.

Georg stand auf: »Da will ich mich mal ein wenig nützlich machen und den Damen helfen, die Koffer ins Haus zu tragen.«

»Welche willst denn diesmal?«

»Wie meinst das?«

»Welche Haarfarbe?«

Georg dachte einen Augenblick lang nach.

»Die Jüngste«, sagte er lachend.

Zenzi hatte ein boshaftes Leuchten in ihren Augen.

»Sollen wir wetten, dass du es nicht tun wirst?«

»Die Wette gilt!«

»Um einen Hunderter?«

»Sicher!«

Zenzi sagte herausfordernd: »Dann lauf schnell, sonst schnappt sie dir noch ein anderer fort. Und frag sicherheitshalber, ob sie auch wirklich die Jüngste ist.«

Georg verstand die Anspielung nicht so genau, aber er sollte es bald wissen,

denn diesmal erschien ein ganzer Bus voller alter Frauen. Es sah so aus, als würde gleich ein ganzes Altersheim hier seinen Urlaub verbringen wollen. Es war ja außerhalb der Saison und da waren die Preise niedrig.

Georg blieb verdutzt stehen und blickte sich vorsichtig um. Wie sich die Zenzi freute und ihm boshaft zuwinkte. Aber er war ein echter Müllner und ließ sich nicht so schnell etwas vormachen. Also packte er den Stier bei den Hörnern und machte sich bekannt.

Selbst die alten Augen bekamen hellen Glanz, als sie das gestandene Mannsbild entdeckten und wie nett und freundlich und herzlich er doch war. So manche seufzte auf und dachte, wär ich doch jetzt an die zwanzig Jahre jünger.

Georg erkundigte sich höflich nach der Ältesten, diese war genau achtzig, aber längst nicht mehr so flink wie die Xenia und so erkundigte er sich auch nach dem Küken der Damen, was mit einem schallenden Gelächter quittiert wurde.

Sie hieß Luise und war genau sechzig Jahre alt. Gott sei Dank schien sie, eine Portion Humor zu besitzen. Also würde er die Wette nicht verlieren.

Von diesen beiden Damen trug er die Koffer in den Gasthof und brachte sie sogar ins Zimmer. Als man ihm ein Trinkgeld zustecken wollte, sagte er herzlich: »Aber meine Damen, Sie beleidigen mich ja. Das habe ich getan, weil Sie mir so gut gefallen. Übrigens, ich bin kein Angestellter dieses Hauses. Ich lebe hier im Tal und wir alle möchten, dass Sie sich wohlfühlen.«

»Na, Sie scheinen ja ein Schwerenöter zu sein«, lachte ihn Luise an.

Georgs Augen blitzten auf.

»Gnädige Frau, sehen Sie sich vor und versperren Sie das Fenster, sonst steig ich in der Nacht noch bei Ihnen ein, denn Sie scheinen auch nicht ganz ohne zu sein.«

Großes Gelächter folgte.

Man kam überein, dass Georg sie nach dem Abendbrot ausführen durfte. Luise schwamm auf einer rosa Wolke, sie wusste ja nicht, dass es nur einer Wette galt. Sie war jetzt fest davon überzeugt, in den Bergen ist noch die heile Welt zu finden. Hier gibt es nur gute und treue Menschen und sie nahm sich gleich vor, für den netten jungen Mann einen Pullover zu stricken.

»Na, Zenzi«, sagte Georg lachend, »fang schon mal an zu sparen, meine Liebe!«

»Sie bleibt vierzehn Tage, bis dahin kann noch eine Menge passieren. Vor allen Dingen kommen ja noch mehr Gäste.«

»Ich bin zur Zeit gebunden.«

»Du wirst dich zum Gespött des Dorfes machen.«

»Das wird meinem Rückgrat aber schwer schaden, meinst nicht auch?«

»Hau ab, mit dir kann man sich ja nicht unterhalten.«

Lachend fuhr er heim.

Die Mutter wollte wissen, warum er so fröhlich sei, aber er schwieg sich aus. Am Abend machte sich Lorenz fein und Georg ebenfalls. Xenia stand in der Küche und schimpfte herum.

»Schon wieder saubere Hemden, das mach ich nicht mehr, Buben, das ist das letzte Mal, dass ich mich für euch krumm leg. Jetzt geh ich aufs Altenteil und nehm die Mutter mit, dann möcht ich doch mal sehen, ob das Herumschlawinern nicht endlich aufhören tut. Der Josef hat nur am Sonntag ein weißes Hemd angezogen. Und ihr?«

Sie wurde von den beiden Burschen stürmisch abgeküsst und ein Satansbraten genannt. Der Leibhaftige würde noch eines Tages höchstpersönlich durch den Kamin kommen und sie holen, wurde ihr ernsthaft versichert.

Details

Seiten
111
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936513
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514732
Schlagworte
hochzeiter

Autor

Zurück

Titel: Der verhinderte Hochzeiter