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Der weiße Büffel von Wyoming

2020 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der weiße Büffel von Wyoming

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Der weiße Büffel von Wyoming

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Tony Masero, 2020

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Wyoming steht ein bitterkalter Winter bevor. Unter Führung ihres Häuptlings Lone Elk, kämpfen die letzten Stämme der Minneconjou-Sioux um ihr Überleben, das ihnen nur eine der letzten großen Büffelherden sichern kann. Doch auch eine skrupellose Horde brutaler Skalp- und Büffeljäger macht sich auf den Weg ins Bighorn River Valley, um nicht nur Felle, sondern auch Skalps zu erwerben, für die ihnen der von Hass auf die Indianer zerfressene Rancher Rushford Unsummen bezahlt. Der erfahrene Trapper Dave Freeman, der von den Indianern respektvoll Bullhorn genannt wird, schlägt sich auf die Seite der verzweifelten Sioux, damit ihnen der grenzenlose Hass der Weißen nicht die Lebensgrundlage raubt. Zusammen mit einer Handvoll Indianer und Lone Elks Schwester, in die Freeman sich verliebt, stellt sich der Trapper der Übermacht entgegen, denn in der letzten Büffelherde soll sich auch ein weißer Bulle befinden, einer jener legendenumwobenen Albinos, dessen Existenz eng mit dem Überleben der Sioux verknüpft ist. Wenn der letzte weiße Büffel von Wyoming stirbt, gibt es auch keine Chance mehr für die Sioux …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Roman:

Neun Gewehrmündungen bewegten sich mit den durchs Gras schlängelnden Indianern. Die Strauchreihe auf der Bodenwelle schützte die bärtigen Weißen. Schwerkalibrige Colts und breitklingige Messer hingen an den Gürteln. Die vier Krieger waren mit Büffelfellen und -hörnern getarnt. Schwarz ragten die Silhouetten der Büffel im dunstigen Abendrot vor ihnen empor. Es war nur eine kleine Herde, aber den Indianern bedeutete sie Nahrung.

„Sioux“, grinste Jack Blunt, der Anführer der Weißen. „Wieder zweihundert leicht verdiente Bucks. Bob, Harry, sucht ihre Pferde, aber seid vorsichtig. Kann sein, dass ein Wächter …“

„Da ist der Kerl!“ Der Bärtige neben Blunt schwang das Gewehr herum. Geduckt jagte ein Reiter auf der Bodenwelle heran. Sein schwarzes Haar flatterte. Vier Mustangs liefen am Lasso hinter ihm. Blunts Nebenmann schrie auf, als ein Pfeil seinen Arm streifte. Ein Kriegsruf gellte. Die indianischen Büffeljäger fuhren hoch.

„Feuer!“, brüllte Blunt.

Die Gewehre krachten. Leblos stürzten die Krieger zu Boden. Der Braune des Heranjagenden überschlug sich. „Verdammt, ein Girl!“

Schon war die kleine, drahtige Indianerin wieder auf den Füßen, durchtrennte das Lasso und schwang sich auf einen Schecken.

„Sie darf nicht entkommen!“, schrie Blunt.

*

 

Die Pfeilnarbe an Dave Freemans Hals juckte. Der kräftige, ganz in abgewetztes Hirschleder gekleidete Pelztierjäger und Fallensteller legte die linke Hand auf die Nüstern seines Grauen, mit der rechten hielt er die Winchester 73.

Dichtbelaubte Zweige verbargen ihn. Der Krieger war nur wenige Yard entfernt. Er prüfte die Hufabdrücke im Ufersand. Es waren die Trittsiegel beschlagener Pferde.

Dave hatte sie schon eine halbe Meile creekabwärts entdeckt. Die Fährte endete hier. Wahrscheinlich waren die Weißen im Creek weitergeritten.

Der Indianer trug Lendenschurz, Leggins und Mokassins. Kehlige Rufe und heranpochende Hufe verrieten, dass er nicht allein war. Gleich darauf hielten ein Dutzend mit Gewehren, Pfeil und Bogen, Messern und Tomahawks bewaffnete Minneconjou-Sioux am Creek.

Dave schwitzte. Es waren Krieger von Lone Elks Stamm. Sie gehörten zu jenen wenigen Indianern, die sich in Wyoming dem Zugriff der Army entzogen hatten. Der Feldzug gegen die Sioux, Cheyennes und Arapahoes war längst beendet, Sitting Bull aus Kanada zurückgekehrt und in der großen Dakota-Reservation untergebracht, Crazy Horse tot. Die ehedem riesigen Büffelherden galten als nahezu ausgerottet.

Dave fand es bemerkenswert, dass Lone Elk und seine Anhänger trotzdem die Jahre seit Custers vernichtender Niederlage im einstigen Stammesgebiet überdauern konnten. Lone Elk war ein Weißenhasser. Dave kannte ihn als wilden, unberechenbaren Kämpfer. Die Pfeilnarbe war ein Andenken an ihn.

Die Indianer berieten. Dann stampften Hufe am Creek entlang. Zwei Reiter suchten am gegenüberliegenden Ufer nach einer Fortsetzung der Spur. Schließlich trennte sich die Schar. Einzeln oder zu zweit galoppierten sie in verschiedene Richtungen.

Der Trapper wartete, bis kein Hufschlag mehr zu hören war, dann verließ er das Versteck. Die Vögel zwitscherten wieder. Vorsichtshalber behielt Dave die Winchester in der Hand. Dazu trug er nur das Bowiemesser in der fransenverzierten Gürtelscheide.

Der Himmel über den Bighorn Mountains schien zu lodern. Dämmerung kroch ins Tal. Dave vermutete, dass die Weißen, deren Spuren die Minneconjous folgten, noch in dieser Nacht Besuch bekamen. Nachdenklich kratzte er sich am bärtigen Kinn. Er war ein Einzelgänger, der sich nach Möglichkeit nicht in fremder Leute Angelegenheiten mischte. Trotzdem würde er die Fremden warnen.

Er lenkte den Wallach ebenfalls in den Creek, talaufwärts, auch wenn ihn dies vom eigentlichen Ziel, dem Jagdgebiet am Yellowstone, wegführte.

Da fiel ihm auf, dass die Vögel wieder verstummten, obwohl es noch hell war. Prustend drehte der Graue den Kopf. Ein Knacken erreichte Dave. Einen Moment war ihm, als würde er den kalten Stahl eines Skalpmessers spüren. Langsam zog er das Pferd herum. Sein Herz pochte, aber das wettergebeizte, bartumrahmte Gesicht blieb ausdruckslos.

Zehn Yard vor ihm hielt ein Indianer am Rand der Uferbüsche. Die Zügel waren ums Sattelhorn gewickelt, das Pferd stand reglos. Ein Pfeil bedrohte den Trapper.

Die Bogensehne war gespannt. Alles war still. Nur der Creek plätscherte. Um Zeit zu gewinnen, hob Dave grüßend die Hand.

„Hohahe, Watching Bear!“

Der Pfeil schwirrte. Dave duckte sich und lenkte ihn mit der Winchester ab. Schon jagte der Minneconjou auf ihn zu. Statt des mit Federbüscheln geschmückten Bogens hielt er jetzt den Tomahawk. Wasser spritzte auf. Dave durfte nicht schießen, weil er sonst in wenigen Minuten Watching Bears Stammesgefährten am Hals hatte. Er packte die Winchester am Lauf, stieß dem Wallach die Fersen gegen die Flanken und preschte dem Angreifer entgegen.

Tomahawk und Gewehr klirrten. Der wuchtige Hieb riss Dave beinahe vom Pferd. Schon waren sie aneinander vorbei, wendeten und griffen wieder an. Die Tiere prallten zusammen.

Dave wich dem sausenden Stahl aus, aber auch sein Schlag ging daneben. Der Sattel des Siouxmustangs war plötzlich leer. Daves Wallach stieg. Der Indianer tauchte seitlich von ihm auf, den Tomahawk zum Wurf erhoben.

Da riss Dave das Pferd zur Seite und schlug mit der Winchester zu. Der Gegner fiel.

Dave sprang ab, schleifte den Bewusstlosen ans Ufer und fesselte ihn so, dass er sich in einigen Stunden selbst befreien konnte. Dave kam es nur auf einen Vorsprung an. Im Creek hinterließ er keine Spur. Nach einer Viertelstunde ritt er aus dem Wasser, blieb aber am buschbesäumten Ufer.

Die Dunkelheit brach herein. Grasbewachsene Hügel schoben sich an den Creek. Dave nahm die Zügel kurz. Es roch nach Rauch. Aber erst als er den Grauen auf eine Anhöhe trieb, sah er das Lagerfeuer. Es brannte in einer Senke am Talrand. Dunkle Gestalten bewegten sich dort. Vorsichtig ritt Dave weiter.

 

*

 

Es waren neun Mann, bärtige, von der Wildnis geprägte Burschen. Der Stempel der Härte, Verschlagenheit und Brutalität auf ihren Gesichtern hatte jedoch mit dem Leben in der freien Wildbahn nichts zu tun. Einige trugen abgewetzte Lederanzüge, andere lange Staubmäntel zur einfachen Reitertracht. Zwei hockten am Feuer, drei hatten es sich auf einer Decke bequem gemacht und würfelten. Die Gewehre lagen neben ihnen. Es waren die neuesten Winchester- und Remington-Modelle. Kein Stäubchen haftete ihnen an. Die Pferde waren angepflockt. Zwischen ihnen und den Würfelspielern lagen die Sättel, Packlasten und ein längliches. Deckenbündel.

Die Szene täuschte Ahnungslosigkeit vor. Als Dave jedoch seinen grauen Wallach neben dem Feuer zügelte, lösten sich die vier übrigen Kerle mit schussbereiten Gewehren aus der Dunkelheit. Gleichzeitig griffen die Würfelspieler zu den Waffen. Im Nu war Dave eingekreist. Ein Grinsen zeichnete das Gesicht des hageren Anführers.

„Keine Aufregung, Leute. Das ist Dave Freeman, ein alter Bekannter. Er lebt von der Pelztierjagd. Seine Hütte steht am Yellowstone River. Hallo, Freeman, wie geht’s?“

„Ich lebe noch, Blunt.“

Daves Miene zeigte keine Wiedersehensfreude. Der ehemalige Büffeljäger und Armeekundschafter zählte nicht zu seinen Freunden. Bei ihrer letzten Begegnung in Fort Robinson wäre es fast zum Kampf gekommen, als Jack Blunt mit einer halben Flasche Whisky im Bauch eine farbige Wäscherin belästigte. Dave stieg ab.

„Ihr seid weit weg von Siedlungen und Forts. Reitest du noch für die Army?“

„Zum Teufel mit den Blauröcken! Meine Freunde und ich haben ’nen einträglicheren Job.“

Die Kerle grinsten. Ihre Waffen sanken herab.

„Es ist noch Kaffee da“, erklärte Blunt. „Bist eingeladen. Dem Gaul kann ’nen Beutel Hafer haben.“ Ein Lauern erschien in seinen Augen.

„Hast du früher nicht mal hier gejagt?“

„Bis ich Ärger mit Lone Elk und seinen Minneconjous bekam. Ist schon ’ne Weile her.“

„Trotzdem kennst die die Gegend. Vielleicht reitest du mit uns.“

„Ich will zum …“

Daves Blick traf das Deckenbündel. Es bewegte sich. Langes Haar kam zum Vorschein, dann das erhitzte Gesicht einer jungen Indianerin. Mit ein paar Schritten war der Fallensteller dort und zog die Decke weg.

Die kleine, hübsche Squaw war an Händen und Füßen gefesselt. Sie trug ein fransenverziertes Lederkleid und bestickte Mokassins. Ein buntes Stirnband bändigte die schwarze Haarflut. Die Augen in dem rundlichen Gesicht mit der kleinen Nase und den vollen, jetzt zusammengepressten Lippen funkelten.

Ruckartig drehte Dave sich zu Blunt und seinen Gefährten um.

„Was, zum Teufel …“

„Reg dich ab.“ Blunts Grinsen war eine Grimasse. „Wir haben sie am Creek erwischt. Das Biest wollte unsere Pferde stehlen.“

„Wie die Mulattin in Fort Robinson damals deine Brieftasche? Du hast kein Glück bei Frauen, was?“

„Mir scheint, du suchst Verdruss, Freeman.“

„Keineswegs. Aber ihr bekommt vielleicht bald mehr davon, als ihr verdauen könnt. Die Stammesbrüder der roten Lady suchen euch.“

Betroffen sahen die Kerle einander an.

„Verdammt, dann ist also noch ein zweiter Trupp unterwegs!“, schimpfte der Mann mit dem verbundenen rechten Arm.

Blunt zischte: „Halt die Klappe, Mike!“

„Demnach habt ihr also schon Bekanntschaft mit ihren Leuten gemacht“, dehnte Dave. „Ich bin dafür, dass ihr sie laufen lasst. Vielleicht verzichten sie dann auf eure Skalps.“

„Aber wir nicht auf ihre. Sie sollen nur kommen. Wir werden schon mit ihnen fertig. Das ist schließlich unser Job.“

Die Pfeilnarbe an Daves Hals begann wieder zu jucken. Seine Stimme klang rau.

„Welcher Job?“

Blunt hob, ohne Dave aus den Augen zu lassen, einen der im Gras liegenden schweren Sättel auf. Vier Indianerskalps hingen daran.

 

*

 

„Es gibt da ’nen Rancher in der Gegend von Laramie, dem die Sioux und Cheyenne übel mitgespielt haben. Seitdem ist Warren Rushford, unser neuer Boss, besessen von der Idee, Wyoming von allen Rothäuten zu befreien.“

„Ein Verrückter.“

„Verrückt genug, fünfzig Dollar für jeden Siouxskalp zu zahlen – ohne Unterschied. Vor einigen Jahren hab ich ebenso viel für ein Bisonfell kassiert. Nachdem’s aber kaum mehr Büffel südlich des Big Muddy gibt und die Blauröcke die Roten in Reservationen einsperren, wozu sie keine Scouts brauchen, muss sich unsereins nach anderen Verdienstmöglichkeiten umsehen. In den Bighorn Mountains soll noch ’ne versprengte Siouxgruppe leben, die den Soldaten entkam. Die Kleine gehört dazu. Sie bekommt ’ne Chance, wenn sie uns zum Versteck der Horde führt.“

„Ich glaub nicht, dass sie das tut.“

„Nicht freiwillig. Freeman, wenn du in einem Monat verdienen willst, was du sonst in ’nem Jahr bekommst, mach mit.“

„Ich würde lieber Schnürsenkel und Hosenknöpfe verkaufen als auf Skalpjagd reiten.“

Blunt spuckte aus. „Das kannst du halten wie du willst – solange du uns nicht in die Quere kommst.“

„Verdammt, Blunt, bist du dir eigentlich klar darüber, dass die Indianer, nach allem, was ihr angerichtet habt, hinter jedem Weißen her sein werden, der zufällig durchs Bighorn-Land reitet?“

„Wenn du Angst um deinen Skalp hast, verschwinde. Dein Gaul schafft sicher noch einige Meilen, und der Mond geht auch bald auf. Wir halten dich nicht auf, Freeman. Es war nett von dir, dass du uns gewarnt hast. Mach’s gut.“

Daves Fäuste kribbelten, aber er beherrschte sich. „Ich werde verschwinden, aber nicht allein.“ Er zog das Bowieknife, um die Indianerin zu befreien.

Sofort hoben die Skalpjäger wieder die Gewehre.

Blunt schüttelte den Kopf. „Jetzt bist du der Verrückte.“

Dave schob die Klinge zurück und richtete sich auf. Drohend kamen die Männer auf ihn zu. Vergeblich zerrte die Gefangene an den Riemen. Daves Hände pressten sich um die Winchester.

„Vorsicht, Blunt!“

Der Repetierbügel schnappte.

Die Skalpjäger blieben stehen, Blunt nur drei Schritte vor Dave. Sein Blick war böse.

„Bist wohl scharf auf die Squaw, Freeman, was?“

„Schneid die Fesseln durch!“

„Du bluffst doch nur. Wegen ’ner lausigen Rothaut riskierst du nicht, dass wir dich voll Blei pumpen …“

„Versuch keinen Trick.“ Dave stand breitbeinig da.

Zähneknirschend legte der Anführer das Gewehr auf die Erde. „Das bereust du, Freeman.“

Da schwirrte ein Pfeil über seinen Rücken und traf den seitlich von ihm stehenden Kumpan. Der Mann schrie. Fluchend ließ Blunt sich fallen. Seine Kumpane rissen die Gewehre hoch. Weitere Pfeile sirrten. Bronzehäutige Gestalten schnellten in den Lichtkreis.

Dave warf sich neben die Indianerin. Schüsse krachten, Schreie gellten.

Wieder wälzte sich ein Skalpjäger mit einem Pfeil in der Brust am Boden. Ein befiederter Todesbote zischte knapp an Daves Gesicht vorbei.

Er durchtrennte die Fesseln, riss die junge Squaw hoch und rannte mit ihr zu dem Pferd.

Mitten im Durcheinander brüllte Blunt Kommandos. Der Kaffeetopf landete im Feuer. Dampf und Rauch hüllten den Lagerplatz ein. Weiße und Indianer kämpften mit Gewehrkolben, Messern und Tomahawks.

Ein Krieger griff Dave an. Der Trapper wich aus und schlug ihn mit dem Gewehr nieder. Dann erwischte er gerade noch die Zügel des erschreckten Grauen.

Die Squaw war zu Boden gesunken. Im ersten Moment dachte Dave, dass eine verirrte Kugel sie getroffen hatte. Doch nach der langen Fesselung gehorchten ihr die Beine nicht. Dave hob sie in den Sattel, schwang sich hinter ihr hinauf und verpasste dem nächsten tomahawkschwingenden Angreifer einen Tritt.

Der Wallach drehte sich wiehernd. Dave feuerte aufs Geratewohl einen Schuss ins Getümmel, dann jagte er davon.

 

*

Der Mond lugte über einen fichtenbestandenen Bergkamm. Dave hielt und lauschte. Das Tal lag unter ihnen. Nur die Umrisse der Büsche und Bäume waren zu erkennen. Eine Eule schrie. Nichts regte sich sonst. Die Nächte in den Bighorn Mountains waren bereits herbstlich kühl.

Die Indianerin fröstelte. Dave schätzte sie auf knapp zwanzig, zwölf Jahre jünger als er. Sie war klein und üppig proportioniert. Sie sprach mit Siouxwörtern vermischtes Englisch.

„Ich kenne dich. Du bist Bullhorn, der weiße Jäger, den Lone Elk vor sechs Wintern aus dem Bighorn-Land vertrieb.“

Eine Flut bitterer Erinnerungen bestürmte Dave. Er legte keinen Wert darauf, erneut Lone Elks Weg zu kreuzen. Unwillkürlich berührten seine Fingerspitzen die Narbe.

„Wie heißt du?“

„Ich bin Washati, Lone Elks Schwester.“

„Auch das noch! Warum seid ihr damals nicht mit Sitting Bull und seinen Leuten nach Kanada gezogen? Dein Bruder ist ein Dummkopf, wenn er den Krieg auf eigene Faust weiterführen will. Er erreicht damit nur, dass die Army einen Preis für seine Ergreifung aussetzt, tot oder lebendig.“

„Lone Elk will den Kampf nicht“, widersprach die Squaw heftig. „Er wird ihm aber auch nicht ausweichen. Dieses Land gehört immer noch den Sioux. Lone Elk und seine Krieger wollen nicht in der Fremde sterben, angewiesen auf die Almosen der Wasicun, der weißen Männer. Und die Blauröcke sind weit fort, und meine Leute befinden sich in einem sicheren Versteck.“

„Wovon lebt ihr? Von Überfällen auf Trecks und Siedlungen?“

Washatis Augen blitzten, dann senkte sie den Kopf. „Es ist wahr, dass wir seit langem hungern“, antwortete sie leise. „Deshalb sandte Lone Elk Jagd- und Kundschaftertruppen aus. Ich ritt mit einem. Wir fanden Büffel am Nowood Creek – fünfzehn Tiere. Meine Begleiter wollten einige erlegen. Die Spur der übrigen sollte uns zur eigentlichen Herde führen. Der Stamm braucht dringend Fleisch für den Winter.“

„In ganz Wyoming gibt’s keine Büffelherde mehr, höchstens ein Dutzend verstreute Rudel. Auch diese …“

Hufschlag drang aus dem Tal. Dave sprang ab und hielt dem Wallach die Nüstern zu, damit er sie nicht mit einem Schnauben oder Wiehern verriet. Die Reiter bewegten sich am Fuß der grasbewachsenen Anhöhe, Schattengestalten, die kein Mondlichtstrahl erreichte. Mit funkelnden Augen beugte Washati sich im Sattel vor.

„Bleib!“, raunte Dave. Da glitt sie schon herab. Nun erkannte auch Dave, dass die Reiter in Decken und Felle gehüllt waren. Ihre Pferde stampften hintereinander, die typische Marschordnung eines Kriegertrupps. Gewehrläufe blinkten matt.

Dave konnte das Mädchen nicht festhalten. Es eilte den Hang hinab: Ruckartig zügelten die Reiter ihre Gäule.

„Undankbares Biest“, murrte Dave. Dann beeilte er sich, dass er wieder in den Sattel kam. Noch hatten die Krieger ihn nicht entdeckt.

Washati winkte und rief sie an.

Die angespannte Haltung der Reiter hielt Dave zurück. Washati blieb stehen, wiederholte den Ruf. Da rutschten die Decken und Felle herab. Gewehrschlösser klirrten. Dave duckte sich, als er Jack Blunts Lachen vernahm.

„Nicht schießen, Jungs! Es ist die kleine Rothaut. Sie hat anscheinend Sehnsucht nach uns.“

 

*

 

Die Kerle grölten. Erschrocken warf Washati sich herum. Da spornten die Skalpjäger ihre Pferde an. Die Decken und Felle, mit denen sie sich getarnt hatten, flatterten an ihren Sätteln. Scharfkantige Hufe fetzten die Grasbüschel aus dem Hang.

„Bleib stehen, Puppe, wir erwischen dich ja doch.“

„Das dürfte sich als Irrtum erweisen!“, rief Dave.

Sein Grauer stürmte in spitzem Winkel zur Flüchtenden den Hang hinab. Die Skalpjäger schossen sofort. Auch Daves Winchester blitzte. Er ritt wie ein Indianer, die Zügel ums linke Handgelenk gewickelt. Das Pferd gehorchte seinem Schenkeldruck. Kugeln umjaulten ihn, aber die Skalpjäger sahen ihn nur als verwischten Schatten.

„Hierher, Washati!“

Keuchend hetzte sie zu ihm.

Blunt schrie: „Freeman, du verdammter Bastard, dich kriegen wir auch!“

„Dann strengt euch mal an.“

Daves Schüsse trieben die Kerle aus den Sätteln. Fluchend zerrten sie ihre Gäule zu den Felsblöcken und Büschen am Fuß des Abhangs.

Geschmeidig schwang die Indianerin sich hinter Dave aufs Pferd. Er preschte zum Kamm hinauf. Washati klammerte sich an ihn. Die Schüsse der Skalpjäger blieben ohne Wirkung.

Dave hielt erst, als er einen weiteren Kamm zwischen sich und die Angreifer gebracht hatte. Weiche Arme umschlangen ihn. Inzwischen stand der Mond wie eine halbierte Silberkugel über den Bighorn Mountains. Aus der Ferne kam Wolfsgeheul. Grimmig lud Dave das Gewehr.

„Ich sollte dich eigentlich übers Knie legen. Wenn deine Vettern die Schüsse hörten, reiten sie bald auch auf meiner Spur.“

„Es tut mir leid, Bullhorn.“

Dave schüttelte den halben Inhalt der Sattelflasche in die Biberfellmütze. Der Wallach soff. Die letzten Nebelfetzen verflüchtigten sich. Blauer Himmel strahlte über der mit Gras und Felsbrocken bedeckten Bergkuppe. Der Trapper und das Siouxgirl befanden sich sechzig Yard darunter, auf einem terrassenartigen Plateau.

Die ersten rotbraunen und gelben Tupfen leuchteten im Grün des Laubwalds gegenüber. Der Schatten eines Hähers glitt über die Bäume. Dave entdeckte sonst nirgends eine Bewegung.

„Ich bin auch durstig“, beschwerte sich Washati.

„Das Pferd ist wichtiger. Bald sind wir am Bighorn River, da kannst du trinken, so viel du willst.“

Dave hängte die lederüberzogene Flasche an den Sattel, ehe er sich umwandte. Die nasse Fellmütze klebte auf seinem Kopf. Washati ruhte im Schatten eines Wacholderstrauchs. Da

Dave sie für ebenso unberechenbar wie ihren Bruder hielt, hatte er sie gefesselt. Sie war hübscher als alle Indianerinnen, die ihm bisher begegnet waren. Ihr Kleid war hochgerutscht. Dave sah die braunen Schenkel. Washatis dunkle Augen lockten.

„Warum behandelst du mich wie einen Feind?“, schmollte sie.

„Gib dir keine Mühe. Ich bin nur dran interessiert, meinen Skalp zu behalten.“

„Lone Elk wird keine Rücksicht auf mich nehmen.“

„Ich denke doch. Steh auf. Wir müssen weiter.“

„Ich bin müde …“

„Mach keine Geschichten. Ich hab schon zu viel Geduld mit dir gehabt.“

Drohend fiel sein Schatten auf sie.

Washatis Augen funkelten. „Fass mich nicht an, Wasicun!“

„Nun reicht’s aber!“ Wütend zog er sie hoch, so heftig, dass sie gegen ihn stolperte. Er war nicht auf den plötzlichen Kniestoß gefasst. Schmerz durchzuckte ihn. Nach Atem ringend, krümmte er sich. Schon sprang sie an ihm vorbei, rannte zu dem Pferd und landete, ohne die Steigbügel zu benutzen, im Sattel. Der Graue hatte sich an sie gewöhnt und schwang herum, als sie mit den vorn zusammengebundenen Händen die Zügel packte.

„Leb wohl, Bullhorn!“

 

*

 

Sie preschte zu dem fels- und grasbedeckten Hang. Noch halb benommen packte Dave die Winchester.

Washati schaute sich nicht um. Mit hämmernden Fersenstößen trieb sie den Wallach bergan. Fluchend ließ der Trapper das Gewehr sinken. Ein Warnschuss würde höchstens Feinde alarmieren. Er musste sie zu Fuß einholen. Ohne Pferd war er in der Wildnis aufgeschmissen. Zum Glück war der Hang so steil, dass der Graue nur mühsam vorankam. Steine rollten, die Hufe rutschten ab.

Dave versuchte der Fliehenden den Weg abzuschneiden. Felstrümmer ragten vor ihm auf. Er musste klettern. Die Winchester behinderte ihn, so dass Washati doch vor ihm die Kuppe erreichte. Sie hielt so unvermittelt, als hätte sie gerade noch einen vor ihr klaffenden Abgrund entdeckt. Von einem Augenblick zum anderen schien sie Dave vergessen zu haben. Gebannt starrte sie ins Tal.

Gleich darauf vergaß auch Dave, sie vom Pferd zu ziehen. Unbewusst ergriff er die Zügel.

„Das gibt’s nicht!“

Der Bighorn River glänzte unter ihnen. Bewaldete Höhen säumten das von Bodenwellen durchzogene Tal. Der Sommer hatte das Präriegras gelb gefärbt. Am Westufer bewegte sich ein Gewoge zottiger, brauner Leiber. Grasend zogen die Büffel gemächlich

Flussaufwärts, nach Süden, mächtige Bullen, die einen Harem von Kühen führten, Muttertiere mit ihren Kälbern, Jungstiere und alte, narbenbedeckte Einzelgänger, die sich abseits hielten.

Dave schätzte, dass es zweitausend Bisons waren. Sein Herz klopfte schneller. Die alten Zeiten, in denen nur die mutigsten weißen Jäger sich ins Siouxland wagten, schienen wieder lebendig. Die Herde kam offenbar auf einem Schleichweg abseits der neuentstandenen Siedlungen, Forts und Goldgräbercamps von Montana herab. Es war Jahre her, dass Dave einen Büffel gesehen hatte. Sogar die Wölfe, die er am Yellowstone jagte, wurden immer weniger. Er hätte jeden, der ihm von einer zweitausendköpfigen Bisonherde in Wyoming berichtete, einen Lügner genannt.

Die Indianerin wischte sich über die Augen.

„Fleisch für den ganzen Stamm.“ Jäh straffte sie sich. „Ich muss zu Lone Elk.“

„Erst begleitest du mich zum Yellowstone.“

Washati duckte sich. Dave packte die Zügel fester, darauf gefasst, dass sie sich vom Sattel auf ihn warf.

Doch das Funkeln in ihren Augen erlosch. „Lass mich fort, Bullhorn. Ich werd’ dafür sorgen, dass kein Minneconjou deiner Spur folgt.“

„Lone Elk will meinen Skalp. Ich bin nur in deiner Begleitung vor ihm und seinen Kriegern sicher. Außerdem würdest du nicht weit kommen. Wir sind nicht die Einzigen, die die Herde entdeckten.“

Reiter trabten im Tal aus einer Hügelkerbe. Es waren die Skalpjäger. Zwei fehlten. Sie hatten den nächtlichen Überfall auf das Camp am Nowood Creek nicht überlebt.

Blunt ritt voran, das Gewehr schussbereit über dem Sattel. Ein gelbbrauner Staubmantel umfloss seine hagere Gestalt. Der breitrandige Stetson besaß die gleiche Farbe.

Nur der Bighorn River trennte die Reiter von der Herde. Die Büffel kümmerten sich nicht um sie. Ein Skalpjäger hob das Gewehr, ließ es aber wieder sinken, als Blunt ihn anfuhr. Dann nahm Blunt ein Fernglas aus der Satteltasche. Sein Blick suchte die Höhenzüge jenseits des Flusses ab.

„Verschwinden wir, bevor sie uns bemerken.“ Dave zog das Pferd mit. Da stellte Washati sich in die Bügel und stieß einen weithin schallenden Schrei aus. „Hiiiyaaah!“

Es war der Kriegsruf ihres Stammes. Jack Blunt ruckte herum, als hätte eine Kugel ihn nur knapp verfehlt. Das Fernglas blitzte.

„Bist du wahnsinnig?“, keuchte Dave. Die Skalpjäger wendeten, bevor er mit Washati die Kuppe verließ. Blunt deutete. Das Gesicht des Mädchens verwandelte sich in eine Bronzemaske.

„Sie müssen sterben. Niemand außer meinem Stamm darf wissen, dass eine Büffelherde zu den Bighorn Quellen zieht. Du wirst sie töten, Bullhorn.“

„Oder sie uns.“

 

*

 

Dave hinterließ eine nicht zu deutliche Spur, damit die Skalpjäger keinen Verdacht schöpften. Der Schatten einer engen Schlucht nahm ihn und das Girl auf. Windzerzauste Douglasfichten säumten die Felsränder. Die Wände waren zerklüftet. Die Hufe klapperten abwechselnd auf Felsplatten, dann malmten sie wieder durch Sand und Gras. Das Tal des Bighorn River lag acht Meilen hinter ihnen, aber Dave zweifelte nicht daran, dass Blunt und seine Kumpane nicht aufgeben würden, bis sie ihn und Washati zur Strecke gebracht hatten.

Es war dieselbe Schlucht, in der Dave vor sechs Jahren Lone Elk abgehängt hatte. Die Felsmauern öffneten sich auf eine mit Gras und Glockenblumen bestandene Lichtung. Douglasfichten und flechtenbedeckte Felsen umschlossen sie. Dave band den Wallach an einen Baum, hob die Indianerin herab, fesselte ihre Hände auf den Rücken und band auch die Füße zusammen. Dann überprüfte er das Gewehr.

„Was hast du vor, Bullhorn?“

Sein Blick war düster. „Ich werd’ sie abfangen.“

„Nimm mich mit.“

„Ich würde eher ’ner Wölfin trauen.“

„Was wird, wenn sie dich töten?“

„Dann haben wir beide Pech gehabt.“ Dave entfernte sich, aber am Schluchteingang zögerte er und kam nochmals zurück. Sie blickte halb ängstlich, halb erwartungsvoll zu ihm empor. Dave räusperte sich.

„Wenn du mir versprichst, nicht zu fliehen, lass ich dich ohne Fesseln hier.“

„Ich dachte, du traust mir nicht.“ Schon huschte wieder ein spöttisches Lächeln über Washatis Gesicht. Aber als Dave sich abwandte, rief sie schnell: „Warte, Bullhorn! Ich verspreche dir, dass ich bleibe, wenn du mich befreist.“

„Schwöre es.“

„Ich bin die Schwester eines Häuptlings. Mein Versprechen ist wie ein Schwur.“

Dave zögerte abermals, dann zerschnitt er die Riemen an ihren Hand- und Fußgelenken. „Vielleicht werd’ ich mich noch dafür verfluchen“, murmelte er.

Washati erhob sich und zog eine dünne Lederschnur, die sie am Hals trug, aus dem Kleid. Die Spitze eines Büffelhorns hing daran. „Es ist die Spitze vom Horn eines weißen Büffels. Sie wird dich beschützen, Wasicun.“

Der weiße Büffel galt den nördlichen Präriestämmen als heiliges Wesen. Kein Krieger durfte ihn erlegen. Das Horn stammte sicher von einem tot aufgefundenen Albinobullen. Um das Mädchen nicht zu kränken, ließ Dave sich die Schnur über den Kopf streifen. Washati musste sich dabei auf die Zehen stellen. Rasch trat sie wieder zurück.

„Ich verlass mich trotzdem lieber auf das Gewehr.“ Dave eilte über die Lichtung und durch die Schlucht. Vor jeder Biegung lauschte er, aber nur ein Bussard schrie. Er brauchte zehn Minuten zum gegenüberliegenden Ausgang.

Das Knattern ferner Schüsse erreichte ihn. Dann kamen zwei Reiter den sanft abfallenden Wiesenhang herauf. Sie gehörten zu Blunts Crew. Der Große mit dem roten Wikingerbart trug einen verschlissenen Kavalleriemantel. Sein schmächtiger, wieseläugiger Gefährte war wie Dave in abgewetztes Hirschleder gekleidet.

Dave duckte sich hinter einen Felsvorsprung. Wo steckten Blunt und die anderen? Rotbart und Wieselauge schienen es eilig zu haben. Immer wieder blickten sie zum Waldrand zurück, aber das konnte ein Trick sein.

Dave beschloss, sie vorbeizulassen. Da tauchte ein weiterer Reiter unter den Bäumen auf, ein junger, hochgewachsener Minneconjou-Sioux. Eine schräg abstehende Adlerfeder war über seinem rechten Oberkörper befestigt, Gesicht und Oberkörper mit schwarzen und gelben Streifen bemalt. Er besaß Winchester, Messer und Tomahawk.

 

*

 

„Hiiiyaaah!“

Die Skalpjäger fuhren herum. Ihre Schüsse verfehlten den Indianer. Sein Gewehr krachte. Der Rotbart stürzte mit einem heiseren Schrei seitlich vom Pferd. Wieselauge feuerte wieder zu hastig, dann galoppierte er in die Schlucht. Nach nur fünf Yard wendete er jedoch.

Deutlich sah Dave das Zucken unter seinem linken Auge.

Schweißtropfen glitzerten in seinem Bart. Die Hufe des Sioux-Mustangs trommelten am Hang, dann dröhnte ein schwerkalibriges Gewehr. Ein Wiehern folgte, dann ein Triumphgeschrei: „Ich hab ihn!“

Kichernd ritt Wieselauge mit dem Pferd des Kumpans zurück. Dave lugte wieder über die Deckung. Der Rotbart hatte sich unverletzt aufgerichtet. Breitbeinig stand er am Hang. Ein Rauchfaden kräuselte sich vor seinem Gewehr. Weiter unten kniete der Krieger zusammengekrümmt neben seinem Pferd. Seine rechte Schulter blutete. Keuchend blickte er auf die beiden Gegner. Am Waldrand rührte sich nichts. Offenbar war der Junge Minneconjou den Stammesgefährten als Späher vorausgeritten. Hatten sie Blunt und seine restliche Crew erwischt? Lachend nahm der Rotbart die Zügel.

„Wer schneller ist, kriegt seinen Skalp.“

Trotz seiner Schwere schwang er sich geschmeidig hinauf. Wieselauge war schon eine Pferdelänge voraus. Mühsam versuchte der Krieger, aufzustehen. Die Winchester lag im Gras. Er hielt das Messer. Wieselauge zog den Colt. Da trat Dave aus dem Schatten.

„Wenn ihr seinen Skalp wollt, müsst ihr euch erst meinen holen.“

Sie drehten sich. Der Rotbart schoss zuerst, dann krachte Wieselauges Sechsschüsser. Der Höhenunterschied erschwerte das Zielen.

Beide Kugeln verfehlten Dave. Er blieb stehen, das bärtige Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Die Winchester an seiner Hüfte spuckte Feuer, Rauch und tödliches Blei. Schreiend stürzten die Skalpjäger von den Pferden. Diesmal war es kein Trick.

Der Indianer stand jetzt, das Messer in der Faust. Mit der anderen hielt er sich am Pferd fest. Dave ritt zu ihm. Als er abstieg, zuckte die Klinge auf ihn zu. Aber Dave erwischte das Handgelenk des Kriegers. Sein Druck zwang ihn, das Messer fallen zu lassen.

„Ich gehöre nicht zu den Skalpjägern.“

„Du bist Bullhorn, Lone Elks Feind.“

Dave half dem Verwundeten aufs Pferd. „Reite zu ihm. Sag ihm, er soll von meiner Fährte bleiben. Washati begleitet mich.“

 

*

 

Das Girl war verschwunden, aber der Wallach noch am Baum festgebunden. Wasserflasche und Deckenrolle waren da, und als Dave die Satteltaschen öffnete, stellte er fest, dass nichts fehlte. Der Graue rieb die Nüstern an ihm. Er wartete jedoch vergeblich darauf, dass Dave ihn wie sonst tätschelte und mit ihm sprach.

Finster blickte der Trapper auf Washatis Mokkasinabdrücke, die zwischen den Felsen und Bäumen verschwanden. Seine Linke umschloss den Büffelhornanhänger. Der Schatten der Fichten fiel weit auf die Lichtung. Es war heiß und windstill. Trotzdem hörte Dave ein Rascheln. Er spannte sich, sah noch einen schwankenden Zweig, dann war alles wie zuvor.

Der Graue witterte. Seine Nüstern waren gebläht, die Ohren zuckten. Dave spürte wieder die Pfeilnarbe am Hals. Seine Hände schlossen sich fester um das Gewehr. Er benutzte den Wallach als Rückendeckung. Ein leises Knacken kam aus dem Schatten. Aber nirgends war eine Bewegung.

Dann schrie ein Bussard, und Dave erinnerte sich, dass er diesen Schrei bereits in der Schlucht gehört hatte. Er streckte die Hand nach den Zügeln aus.

Da schwirrte es, und im nächsten Moment zitterte ein Pfeil neben ihm in der Fichte. Dave sprang zur Seite. Wenn der nächste Pfeil das Pferd traf, gab es kein Entkommen. Ein Gewehr peitschte. Rindenstücke wirbelten. Dave sah eine Pulverwolke und feuerte. Ein Schrei antwortete. Kopf und Schulter eines Sioux hoben sich über eine Brombeerhecke und verschwanden wieder. Das Gewehr verfing sich in den dornigen Ranken.

Dave warf sich zu Boden, entging einem zweiten Pfeil, schoss auf eine hinter einem Felsen hervorspringende bronzehäutige Gestalt, verfehlte sie jedoch. Ein zweiter Angreifer stürmte von hinten auf ihn zu. Dave federte hoch, drehte sich und schlug mit dem Gewehr zu. Ein Messer traf ihn. Sein Hieb schleuderte den Indianer zurück. Die Klinge rutschte unter einen Busch.

Daves linke Seite blutete. Noch spürte er keinen Schmerz. Er blieb von kaltem Zorn erfüllt in Bewegung und feuerte wieder auf den Pfeilschützen. Der Treffer stieß den Krieger gegen den Felsen. Seine Beine knickten durch.

„Werdet ihr verdammten Narren denn nie begreifen, dass ich keinen Kampf mit euch will?“, knirschte Dave.

Der Schmerz breitete sich nun wie eine Flamme in ihm aus. Dunkle Punkte wirbelten vor seinen Augen. Die Bäume und Felsen schienen zu schwanken. Keuchend wollte Dave zu seinem Pferd. Der Messerstecher stand daneben. Ein Revolver lag jetzt in seinen beiden ausgestreckten Händen. Vielleicht hatte er die Waffe beim Überfall aufs Skalpjäger-Camp erbeutet. Daves Hieb hatte ihn nur gestreift.

Der Trapper versuchte, die Winchester zu heben. Sie schien zentnerschwer. Gleichzeitig knackte der Revolverhammer unter dem Daumen des Sioux. Auf die kurze Entfernung konnte er nicht danebenschießen, auch wenn die Waffe ungewohnt für ihn war. Er rief etwas.

„Geh zum Teufel!“, zischte Dave hilflos. Das Gewehr entglitt ihm, der Boden schwankte. Er sank gegen eine Fichte. Dann traute er den Augen nicht. Ein Pfeil steckte plötzlich in der Brust des Gegners. Taumelnd ließ er den Revolver fallen, dann stürzte er. Mühsam drehte Dave den Kopf.

Eine schmale, ledergekleidete Gestalt kam über die wie in rötlichen Nebel gehüllte Lichtung. Sie schien zu schweben. Washati hielt noch den Eschenholzbogen. Daves trockene Lippen bewegten sich, aber er brachte nur ein Krächzen heraus. Die Indianerin eilte zu dem Krieger, den ihr Pfeil getroffen hatte. Sie warf den Bogen weg und kniete sich, die Hände wie zum Gebet erhoben, neben ihn. Dave sah alles wie in Zeitlupe.

Er wusste nicht, ob er wach war oder träumte. Seine Hirschlederjacke war voller Blut. Die Wunde klaffte unter der linken Achsel. Das Messer war am Rippenbogen abgeglitten.

Dave drückte das Halstuch auf den Schnitt. Wie von weit her erreichte ihn Washatis monotoner Gesang, das Klagelied einer Minneconjou-Squaw um den im Kampf gefallenen Stammesbruder. Dann kam sie zu ihm. Dave erkannte Tränenspuren auf ihren Wangen.

„Warum hast du mir geholfen?“

Er verstand nicht, was sie antwortete. Dunkelheit löschte alles aus.

 

*

 

Die Wunde schmerzte. Ein Rütteln verriet Dave, dass er auf einer nach Indianerart gefertigten Schleppbahre lag. Stricke hielten ihn. Ein Verband umgab den Oberkörper.

Es dauerte eine Weile, bis der Trapper die Augen öffnete. Die Abendsonne vergoldete die Baumwipfel. Gleichmäßig stampfte das Pferd einen Waldpfad entlang. Vögel sangen. Flüchtendes Wild brach durchs Unterholz. Dann setzte der Hufschlag aus.

Washati beugte sich über den Verwundeten. Sie hielt die Sattelflasche. Durstig trank Dave. Sein fiebriger Blick versuchte die Augen der jungen Squaw festzuhalten.

„Wohin bringst du mich?“

„Zum Versteck meines Stammes.“

„Lone Elk wird mich an den Pfahl stellen.“

Washati lächelte. „Nicht, wenn du mich zur Squaw nimmst.“

Dave dachte zuerst, dass sie sich über ihn lustig machte, dann begriff er, dass sie es ernst meinte. Er versuchte sich aufzusetzen, aber die Stricke hinderten ihn. Dann verlor er erneut die Besinnung.

Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit verstrichen war, als er wieder zu sich kam. Es war Nacht. Ein Meer von Sternen funkelte über den Felsen und Sträuchern, die den Lagerplatz umstanden. In der Ferne heulte ein Wolf. Dave ruhte auf einer Decke. Seine Jacke war über ihn gebreitet. Trotzdem spürte er die kalte Nachtluft. Im Gebüsch stampfte, knackte und klirrte es. Ächzend drehte er sich auf die Seite. Washatis Hand berührte ihn.

„Still! Sie suchen uns.“

Die Geräusche näherten und entfernten sich abwechselnd. Washati kauerte mit der Winchester neben dem Verwundeten. Sie wirkte sprungbereit. Der Wallach stand am Fuß einer Felswand. Washati hatte eine Decke über seinen Kopf geworfen. Die Schleppbahre war noch am Sattel befestigt, zwei dünne Stangen, deren Enden sich kreuzten. Ein Flechtwerk aus Riemen und Weidenzweigen spannte sich dazwischen. Washati hatte zu der Arbeit Daves Bowiemesser benutzt.

„Wer?“, flüsterte er.

Sie antwortete nicht. Das Gewehr bewegte sich mit den von den Büschen und Felsen verdeckten Reitern. Ein Wiehern ertönte, dann ein Ruf: „Jack!“

„Hast du was gefunden?“, meldete sich Blunt. Seine Stimme klang weiter entfernt.

„Ein Büschel Pferdehaar an ’nem Zweig. Der Teufel weiß, ob’s nicht von unseren eigenen Kleppern stammt. Hat keinen Sinn, ohne Fackeln weiterzusuchen. Wir müssen warten, bis es hell wird. Vielleicht sind sie längst über alle Berge.“

„Glaub ich nicht.“ Blunt ritt näher. Sein Pferd stampfte und prustete, dann verstummte der Hufschlag. Ein Streichholz flammte, als einer der Reiter sich eine Zigarette anzündete. Washati duckte sich. Die Winchester deutete auf die Stelle, wo das Streichholz erlosch.

„Das kann ’ne Falle sein“, warnte Dave. „Die beiden sind bestimmt nicht allein.“

„Suchen wir ’nen Lagerplatz“, entschied Blunt. „Freeman und die Squaw dürfen uns nicht entkommen. Die Sioux wissen noch nichts von der Herde im Bighorn River Valley. Verdammt will ich sein, wenn ich mir das Geschäft durch die Lappen gehen lasse! Zweitausend Büffelfelle, dazu noch hundert Siouxskalps! Mann, Joe, so viel Geld auf einmal haben wir noch nie kassiert.“

„Wir sind nur noch fünf.“

„In drei Tagen können wir Laramie erreichen. Dann werd’ ich Rushford schon dazu bringen, dass er ’ne Jagdmannschaft in die Sättel bringt, die ’s auch mit Lone Elk und seinen roten Teufeln aufnimmt. Kennst ja Rushford. Wenn der nur das Wort Sioux hört, spuckt er Gift und Galle.“

„Bist du sicher, dass die Spur von Freeman und der Squaw stammt?“

„Von wem sonst? Freeman muss verwundet sein. Weiß der Henker, wie er die Rothaut dazu brachte, dass sie …“ Ruckartig hoben die Skalpjäger die Waffen. „Mike, Bob, seid ihr’s?“, rief Blunt, und nachdem er Antwort bekam: „Verdammt, das fehlte noch, dass wir uns gegenseitig über den Haufen knallen! Wo ist Wade?“

„Sein Gaul lahmt. Er wartet bei den …“

Ein Schuss peitschte, ein Pferd wieherte. Zweige brachen, Hufe schlugen. Der stürzende Reiter fluchte.

„Fort!“, schrie Blunt. Weitere Schüsse krachten.

„Lasst mich nicht im Stich!“, kreischte der Getroffene. Colts hämmerten, Kriegsgeschrei gellte. Wieder ertönte das Wiehern eines Pferdes. Die Skalpjäger hatten sich darauf verlassen, dass die Sioux den Kampf in der Nacht mieden. Die Indianer glaubten, dass die Seelen der im Dunkeln getöteten Krieger nicht den Weg nach Wanagi Yata, dem Sammelplatz der Seelen, fanden. Blunt und seine Kumpane wurden völlig überrascht.

Washati sprang auf. „Lone Elk!“

„Bleib!“, krächzte Dave.

Sie lief um ihn herum. „Du bist mein Gefangener. Dir wird nichts geschehen.“

„Darauf verlass ich mich lieber nicht.“

Schwankend stemmte Dave sich hoch. Sofort drehte sich alles um ihn. Mit zusammengebissenen Zähnen taumelte er zum Pferd, schleuderte die Decke weg und wollte sich hinaufziehen. Seine Hände rutschten ab, die Beine gaben nach. Schwer fiel Dave zu Boden. Der Wallach drückte sich an die Felswand.

Plötzlich hörte Dave nur mehr den eigenen stoßweisen Atem. Als er den Kopf hob, sah er zwei lederumhüllte Beine. Die Nähte der Leggins waren mit Menschenhaaren besäumt. Die Füße steckten in Mokassins. Langsam kroch Daves Blick an der reglosen Gestalt empor.

„Hohahe, Bullhorn!“, grüßte ihn Lone Elk.

 

*

 

Blauer Himmel leuchtete über der Rauchöffnung des Büffelhautzeltes. Verschwommene Geräusche sickerten herein.

Dave lag zugedeckt und frisch verbunden auf einem Büffelfell. Die Wunde schmerzte nur, wenn er sich bewegte. Er wartete einige Zeit. Als niemand kam, schob er die Decke weg und stand auf. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Er musste sich an einer Zeltstange festhalten. Das Tipi war bis auf sein Lager leer. Der Boden bestand aus gestampftem Lehm. Hufe schaufelten vorbei, Kinder lärmten, Hunde kläfften.

Dave war nur mit der Hirschlederhose bekleidet. Die übrigen Kleidungsstücke und Waffen fehlten. Ein Stoppelbart bedeckte Daves Kinn und Wangen. Verfilzte Zotteln hingen auf

die Schultern. Unklar erinnerte er sich, dass er bereits mehrere Tage und Nächte in dem Tipi verbracht hatte. Mit verbissener Miene tastete er sich zum Eingang. Das Erste, was er sah, als er die Lederklappe zur Seite schlug, war das auf ihn gerichtete Gewehr.

Der Posten war ein alter Bekannter, Watching Bear, den er am Nowood Creek mit dem eigenen Lasso verschnürt zurückgelassen hatte. Der Trapper brachte ein Grinsen zustande. Nur Furchtlosigkeit konnte die Sioux beeindrucken.

„Lone Elk wird nicht begeistert sein, wenn du ein Loch in meinen Skalp schießt.“

Kein Muskel bewegte sich im Gesicht des Indianers.

„Sehr gesprächig bist du nicht“, stellte Dave fest, ehe er sich ins Tipi zurückzog. Fürs erste hatte er genug gesehen.

Das Zeltdorf lag in einem von dichtbewaldeten Hängen umgebenen Tal. Mächtige Felsbastionen riegelten es von der Außenwelt ab. Ein Creek durchfloss es. Weiden und Cottonwoods säumten ihn. Mustangs weideten an den Ufern. Zwischen den Tipis tummelten sich magere Kinder. Es gab im Gegensatz zu anderen Indianerdörfern nur wenige Hunde, struppige Köter, die nur aus Fell und Knochen zu bestehen schienen. Squaws saßen im Kreis vor einem Nachbarzelt, nähten Mokassins, flickten Lederhemden. Sie benutzten Nadeln aus Büffelknochen und Büffelsehnenfaden. Krieger schmiedeten an einem Feuer Stahlspitzen für ihre Pfeile. Der Crowhead Peak ragte im Südwesten auf. Das Versteck lag demnach nördlich vom Nowood Creek in den Bighorns.

Nach einer halben Stunde betrat Lone Elk das Tipi. Dave erwartete ihn sitzend, die Unterschenkel gekreuzt, die Hände locker auf den Knien. Er ließ sich die Anstrengung nicht anmerken.

Der Chief besaß die klassische Athletenfigur der nördlichen Prärieindianer. Sein Anzug war aus feinstem, weißgegerbtem Leder, an den Ärmeln und Schultern mit blauen Bändern und bunten Glasperlen bestickt. Das straffe Haar war in zwei Zöpfe geflochten. Eine schwarzweiße Feder genügte Lone Elk als Zeichen seiner Häuptlings- und Kriegerwürde. Das war nicht mehr der wilde Kämpfer von einst, sondern ein Mann, der sich der Verantwortung für seinen Stamm, genauer: was davon übrig war, voll bewusst schien.

Ein harter Blick verriet die alte Feindschaft. Schweigend setzte er sich dem Gefangenen gegenüber. Dave wartete, bis Lone Elk nichts anderes übrig blieb, als selbst das lastende Schweigen zu brechen. Der Chief machte eine ausholende Geste.

„Die Bighorn und Powder River Mountains sind noch immer Siouxland. Kein Wasicun hat das Recht, darin zu jagen.“

„Mein Blockhaus steht am Yellowstone. Ich hab in den Siedlungen am Pulverfluss Felle verkauft und war auf dem Rückweg, als deine Krieger mich überfielen. Abgesehen davon, wird’s nicht mehr lange dauern, bis am Bighorn River Rinder weiden und Korn wächst. Du kannst das Rad der Zeit nicht zurückdrehen.“

„Wir werden um unser Land kämpfen, solange der Arm eines meiner Krieger eine Waffe zu halten vermag.“

„Wie lange wird das sein? Ich hab den Hunger in den Augen der Kinder und Squaws gesehen.“

Ein Schatten senkte sich auf Lone Elks markantes Gesicht.

„Washati hat von der Büffelherde berichtet, die durch das Tal des Bighorn River zieht. Sie wird uns am Leben erhalten.“

„Einen Winter lang.“

„Der Große Geist hat uns die Büffel gesandt. Wir werden nur so viele töten, wie wir zum Überleben benötigen. Sie werden sich vermehren und im nächsten Herbst wiederkommen.“

Er sprach eine Hoffnung aus, die sich kaum erfüllen würde. Dave hob die Schultern.

„Dann wünsch ich dir und deinen Kriegern eine gute Jagd. Ich schieße keine Büffel. Ich will zum Yellowstone.“

„Bevor die Blauröcke kamen, jagten die Sioux auch dort. Du wirst dieses Tal, das zu unserer letzten Zuflucht wurde, nicht verlassen, Bullhorn. Die Väter, Brüder und Freunde der von dir Getöteten verlangen deinen Tod.“

„Ich hab mich nur verteidigt“, erwiderte Dave heftig.

Lone Elk schwieg eine Weile. Es war ihm nicht anzusehen, was er dachte. Doch Dave ahnte, dass er den eigentlichen Anlass seines Besuches erst noch erfahren würde. Er hatte Washati im Lager nicht gesehen. Und er wusste auch nicht, was mit Blunt und seinen Komplizen geschehen war. Kein Skalp hing an Lone Elks Gürtel, aber das besagte nicht viel. Der Chief trug ohnedies keine Kriegsbemalung und war nur mit einem Messer bewaffnet. Er blickte an Dave vorbei.

„Washati hat für dich gesprochen. Doch ich würde sie lieber meinem jüngsten und unerfahrensten Krieger zur Frau geben als dir.“

„Du brauchst weder das eine noch das andere.“ Dave grinste kantig. „Ich hab nicht vor, mir ’ne Squaw zu nehmen, um meinen Skalp zu retten.“

„Wagh!“ Mit blitzenden Augen stand der Häuptling auf. Er konnte nicht verbergen, dass ihm eine Zentnerlast vom Herzen fiel. „Ich verspreche dir, dass du wie ein Krieger sterben wirst, Bullhorn.“

 

*

 

Zwei Tage später brauchte Dave keinen Verband mehr, und nach nochmals zwei Tagen schleppte eine dicke Squaw einen Holzeimer mit dampfendem Wasser ins Tipi. Sie legte Knochenseife, Spiegel und Messer daneben.

Während Dave sich gründlich wusch und Bart und Haare stutzte, brachte sie Hemd, Lederjacke, Biberfellmütze und Stiefel, alles frisch gereinigt, die Risse ausgebessert. Kichernd huschte sie hinaus. Stimmengebraus erfüllte das Zeltdorf.

Dave war überzeugt, dass sein letzter Tag gekommen war. Er war gespannt, wie Lone Elk sein Versprechen halten würde. Trotz der knappen Vorräte hatte er reichlich zu essen bekommen. Er fühlte sich kräftig und ausgeruht. Gemächlich zog er sich an. Dabei fand er die Lederschnur mit der Büffelhornspitze. Er befestigte sie am Hals.

Mehrere Krieger umringten ihn, als er das Tipi verließ. Sie führten ihn zu dem Platz in der Dorfmitte. Krieger, Squaws und Kinder standen ringsum.

Lone Elks hübsche Schwester war nicht darunter. Überrascht bemerkte Dave Blunt und seine vier Spießgesellen in dem Kreis. Einer trug einen Kopfverband, aber die Verletzung schien ihn nicht zu hindern. Sie waren unbewaffnet, aber nicht gefesselt. Neben jedem stand ein Krieger mit schussbereitem Gewehr.

Grinsend hob Blunt die Hand. „Hey, Freeman! Ich hatte eigentlich erwartet, dass du mit zusiehst, wenn die Rothäute uns am Pfahl rösten …“ Er verstummte, als sein Aufpasser ihm das Gewehr in die Rippen stieß.

Lone Elk trat zu den Gefangenen. Er trug eine mit Hermelinpelzen geschmückte prachtvolle Federhaube. Auf seiner Brust hing eine Bärenkrallenkette. Das Murmeln und Scharren ringsum erstarb. Alle Blicke hefteten sich auf ihn.

„Ihr Wasicun seid wie Wölfe, und wie sie sollt ihr miteinander kämpfen, jeder gegen jeden. Das sind eure Waffen.“

Er deutete zur Mitte des Kreises. Messer, Tomahawks, Keulen und Büffelhautschilde lagen dort auf einer Decke.

„Der Überlebende wird seinen Skalp behalten und mit uns auf die Büffeljagd reiten. Wer sich weigert, an dem Kampf teilzunehmen, stirbt am Pfahl.“

„Mahlzeit!“ Blunt spuckte aus. Fahle Blässe überzog die bärtigen Gesichter. Ein dumpfes, rhythmisches Tamtam ertönte.

„Sobald die Trommel schweigt, beginnt der Kampf!“, entschied Lone Elk. Dann stellte er sich in den dichten Kreis der Zuschauer. Auch die Wächter verließen den Platz.

Die Trommel wummerte. Mit flackernden Augen sahen die Skalpjäger einander an.

„Verdammt, die meinen es ernst!“ Der Bullige riss den Kopfverband ab. Eine dunkelrote Narbe zog sich von der rechten Schläfe zum Ohr. „Nichts für ungut, Freunde, aber da ich nicht scharf auf den Marterpfahl bin, werd’ ich mich bedienen.“

Er eilte zu der Decke, auf der die Waffen lagen. Plötzlich wollte jeder der Erste sein. Sie drängten und stießen.

Ein bitterer Geschmack füllte Daves Mundhöhle. Aber er hatte keine Wahl und trat ebenfalls zur Decke.

Blunt bückte sich gerade nach einem Tomahawk und einem dickgepolsterten, mit magischen Zeichen bemalten Büffelhautschild.

Für Dave blieb nur ein Messer. Die anderen besaßen zwei Waffen. Nur der Narbige hatte auf einen Schild verzichtet. Er umklammerte eine lederumwickelte Keule und einen mit einem Federbüschel verzierten Tomahawk.

Die Trommel beschleunigte Daves Puls. Er zog die Fransenjacke aus und wickelte sie um den linken Unterarm. Neben ihm prüfte Blunt mit finsterer Miene die Schneide des Tomahawks.

Dave raunte: „Wir müssen gemeinsam versuchen, durchzubrechen. Besser, die Sioux töten uns, als dass wir uns gegenseitig niedermetzeln.“

„Ich werd’ nicht riskieren, ihnen lebend in die Hände zu fallen.“ Blunt wandte sich ab.

Da sah Dave Washati. Sie saß halb von einem der buntbemalten Büffelhautzelte verdeckt auf seinem Grauen. Eines der Skalpjägerpferde war am Sattel festgeleint. Niemand sonst bemerkte sie. Verstohlen machte sie Dave ein Zeichen. Ehe er überlegen konnte, was sie vorhatte, setzte die Trommel aus. Der letzte dumpfe Ton schien einige Sekunden nachzuschwingen. Die Zuschauer hielten den Atem an. Die Skalpjäger waren wie gelähmt.

Dann zertrümmerte Blunts Tomahawk den neben ihm Stehenden den Schädel. Schreiend schwangen die Minneconjous ihre Waffen.

„H’gun! H’gun!“, gellte es. Klappern und Rasseln ertönten. Zähnefletschend stürzte Blunt sich auf den nächsten Gegner. Er glich jetzt wirklich einem Wolf.

Gleichzeitig wurde Dave von dem Narbigen angegriffen.

Er wich dem Keulenhieb aus und lenkte die Faust mit dem Tomahawk mit dem ledergepanzerten Arm ab. Wütend drang der Skalpjäger auf ihn ein.

Details

Seiten
100
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936490
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514727
Schlagworte
büffel wyoming

Autor

Zurück

Titel: Der weiße Büffel von Wyoming