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Der Baron #13: Drei Meilen vor Key West

2020 133 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #13: Drei Meilen vor Key West

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

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Der Baron #13: Drei Meilen vor Key West

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

 

Es sollte ein Geschäft auf Gegenseitigkeit sein, das Seeamt in Miami bietet Baron von Strehlitz an, mit einem Piccard-Tauchboot Dreharbeiten für einen Film zu beschleunigen. Im Gegenzug soll er an Bord eines Schiffes gehen, das vermutlich schmuggelt. Alexander ahnt nicht, auf welches Abenteuer er sich da einlässt.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen … der Baron und seine Crew.

 

 

1

„Bleiben Sie ganz ruhig! Keine Bewegung, sonst sind Sie ein toter Mann!“ Der Mexikaner, der das sagte und dessen Smith & Wesson Magnum auf den Baron zeigte, wollte nur ein Stück im Flugzeug mitgenommen werden. Ein Stück … Nun, dieses Stück führte den Baron bis an den Rand des Todes.

Der Regen peitschte übers Flugfeld. Der Baron senkte den Kopf, stemmte sich gegen den Wind und lief hinüber zu dem gelben Vogel, der triefend auf dem Rollfeld stand. Regenschauer fauchten über die Tragflächen des zweimotorigen Hochdeckers.

Alexander patschte versehentlich in eine Pfütze, und das Wasser durchnässte ihn nun auch noch von unten. Doch da war er endlich bei der Norman Isländer angekommen, stellte sich einen Augenblick unter die Tragfläche, wo er wenigstens dem schlimmsten Guss entging, und winkte zum flachen Gebäude hinüber, wo er ganz kurz eine schlanke Gestalt erkannte, die ebenfalls winkte. Er wusste, dass es Grace war, und der schmerzliche Gedanke, dass es lange dauern würde, bis er sie wiedersehen konnte, durchzuckte ihn wie ein Stich. Eine Sekunde lang zog das Bild der vergangenen Nacht an ihm vorbei, das Bild einer Nacht mit Grace, einer herrlichen Nacht …

Er schüttelte die Nässe von seiner Lederjacke, wandte sich der Maschine zu und ging zur Tür. Wasser wie aus Kannen ergoss sich über ihn, doch dann hatte er die Tür geöffnet und zog sich in die Kabine. Zunächst bemerkte er nichts weiter. Er war mit seinen Gedanken noch bei Grace, blickte durch die regennasse Scheibe der Tür, doch von Grace sah er nichts mehr.

Plötzlich sagte eine kehlige Stimme hinter ihm: „Bleiben Sie ganz ruhig! Keine Bewegung, sonst sind Sie ein toter Mann!“

Alexander zuckte herum, und da sah er sie beide. Der eine war mit Handschellen an den einen der acht Sitze gefesselt, die diese Maschine besaß. Der Gefesselte war groß, um die sechzig Jahre alt, weißhaarig, und mit einem von Wind und Wetter tief gebräunten Gesicht. Der Mann hatte eine Platzwunde an der Stirn und war chnmächtig. Man sah, wie er atmete.

Der andere war etwa dreißig. Dunkles Haar, olivfarbige Haut, breite Wangenknochen, volle Lippen. Ein Mexikaner vielleicht, oder ein Südamerikaner, genau ließ sich das nicht bestimmen. Dem Akzent nach kam er aus einem Spanisch sprechenden Land.

Noch deutlicher als alle Worte sagte die Smith & Wesson Magnum, was der Mann wollte. Die Mündung des „Mannstoppers“ war auf Alexander gerichtet, und der Mestize hielt die Waffe sehr ruhig, so schwer sie auch war.

„Setzen Sie sich auf Ihren Platz!“, bestimmte der Mestize. „Sie werden starten und alles übrige tun, was ich Ihnen sage. Wir wollen von Ihnen ein Stück mitgenommen werden, weiter nichts. Es liegt an Ihnen, ob Sie das überleben wollen. Ich kann auch selbst fliegen, also kommen Sie sich nicht zu wichtig vor. Ich will nur vermeiden, dass man uns sucht. Starten Sie!“

„Und die Kontrollmeldung?“

„Tun Sie alles, was Sie zu tun haben. Wenn wir in der Luft sind, fliegen Sie mit Kurs auf Key West.“

„Key West? Dort kann ich nicht landen.“

„Das ist nur der Kurs. Nachher sehen wir weiter!“

„Aha, also Kuba!“

„Ich sagte, wir sehen weiter! Starten Sie endlich!“ Der großkalibrige Revolver ruckte etwas nach oben. „Ich würde es nicht für einen Bluff halten.“

„Wer ist der Mann?“, erkundigte sich Alexander, während er alle Vorbereitungen für den Start traf.

„Es ist ein Mr. Rockwell. Aber damit können Sie nichts anfangen.“

„Haben Sie eine Bank ausgeraubt?“

„Nein. – Nun starten Sie endlich.“

„Wissen Sie, wer ich bin?“

„Nein, und ich will es nicht wissen. Ich weiß nur, dass Sie jetzt wegfliegen wollten, und nur darauf habe ich gewartet. Ich weiß, wie viel Treibstoff Sie haben. Der Mann, der die Maschine fertiggemacht hat, konnte mir alles sagen. Nun los, endlich!“

Alexander startete. Er hatte diesen fiebrigen Blick gesehen. Der Mann war müde, vielleicht übermüdet, und solche Leute sind besonders gefährlich.

Die beiden Motoren sprangen nacheinander an. Alexander ließ den Vogel zur Startbahn rumpeln, gab noch mehr Gas, verständigte sich mit dem Tower im dreißig Meilen entfernten Miami Airport, und als er hörte, dass seine Luftbahn frei war, jagte er den gelben Vogel über die Bahn. Der Hochdecker kam schon nach kurzer Distanz hoch, wurde von Böen geschüttelt, von Regenschauern übergossen, doch er flog, und als robustes Allwetterflugzeug hielt er sich prächtig.

„Schalten Sie auf Empfang!“, zischte der Fremde Alexander ins Ohr.

Alexander lächelte bedauernd und schaltete um. Sein Trick war also missglückt. Der Mann verstand zu viel von der Sache. „Warum ist der alte Herr bewusstlos?“

„Schlafmittel. Er ist ziemlich raubeinig, der liebe Onkel.“

„Wollen Sie ihn entführen?“, fragte Alexander, während die Maschine ständig an Höhe gewann.

„Sie fragen zu viel. Sie werden schon sehen. – Ihr Kurs ist nicht korrekt! Ich habe Key West gesagt!“

Der Himmel hellte sich zunehmend auf, je weiter sie nach Südwesten flogen. Und dann sahen sie unten die Inseln und Lagunen, die der Südspitze Floridas vorgelagert sind.

In diesem Augenblick bohrte sich die Revolvermündung in Alexanders Genick. Der Fremde sagte schrill: „Ich drücke sofort ab, Mann! Sobald wir über Key West sind, gehen Sie tiefer. Auch jetzt schon ein Stück! Dreihundert Fuß!“

Die Sonne kam durch. Die aufgerissene Wolkendecke begann sich zu lichten. Unten zeigten die weißen Wogenkämme, wie bewegt die See war. Auch die Westseiten der Insel schienen weiße Kränze zu haben, so hart brach sich das Meer an den Küsten. Solche Bilder fand man auf keiner Ansichtskarte. Die zeigten immer nur Sonne und glatte See.

Alexander versuchte es mit einem Trick. Er ließ die Maschine unvermittelt abkippen, riss sie wieder hoch … und da spürte er einen harten Schlag am Kopf, sonst nichts mehr. Er meinte, in einen Strudel geraten zu sein, alles drehte sich. Und dann wurde ihm dunkel vor Augen.

Er wusste nicht, ob er Sekunden, Minuten oder noch länger bewusstlos gewesen war. Als er aufwachte, lag er verkrümmt auf dem Copilotensitz, den Kopf zwischen Polster und Bordwand geklemmt. Als er den Kopf mühsam hob, sah er den Fremden auf dem Pilotensitz. Und unmittelbar nach dieser Feststellung gab es von unten einen Schlag an den Rumpf der Maschine, dann noch einen, gleichzeitig ertönte ein fetzendes Klatschen, als würde jemand in rasender Folge auf Wasser schlagen. Das Klatschen erstarb jäh, und sofort danach schien eine riesige Hand das Flugzeug gepackt zu haben, um es auf und nieder zu heben.

Überkommende Wogen lieferten den Beweis. Der Fremde hatte die Maschine auf die See gesetzt.

Der Mann war aufgestanden und versuchte, die Glaskanzel aufzustoßen. Er war so damit beschäftigt, dass Alexander eine Chance sah. Doch während er sich aufrichtete, drehte sich der Mestize zu ihm um, richtete den Revolver, den er noch immer in der Rechten hielt, auf Alexander und sagte scharf: „Nur keine Mätzchen! Ich schieße jetzt noch lieber als vorhin. Jetzt sowieso!“

Die turbulente See warf die gewasserte Maschine wie einen Spielball herum. Es war ein Wunder, dass die Isländer noch nicht auseinandergebrochen war. Theoretisch hätte das schon bei der Wasserung passieren können.

Überkommende Brecher schlugen wie riesige Hämmer auf den Rumpf und die Tragflächen. Die Tragflächen waren es auch, die diese Maschine auf der Wasseroberfläche hielten. Bei glatter See würde das stundenlang so sein, doch in dieser Windstärke musste die Isländer früher oder später zerbrechen. Das Hinterteil mit dem Höhen und Seitenleitwerk war schon abgesunken.

„Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich sage Ihnen eines, Sportsfreund“, schrie Alexander, um den Lärm der mit dem Flugzeug spielenden See zu übertönen, „ich habe noch jedem, der mir auf die Zehen getreten ist, das Passende zurückgezahlt. Ich zahle überhaupt immer zurück!“

„Dann strengen Sie sich mal mächtig an, Sie Schlaumeier!“, rief der Fremde, stieß die Glaskanzel auf, und sofort klatschte Wasser wie aus zwanzig Eimern über ihn, den Baron und den noch immer bewusstlosen Gefesselten.

„Geben Sie mir wenigstens den Schlüssel!“, schrie Alexander.

„Was?“, brüllte der Fremde, der schon mit dem Oberkörper im Freien war.

Alexander sah, wie der Fremde in die Tasche griff, etwas herauszog und ihm zuwarf. Alexander fing es und kümmerte sich sofort um den Bewusstlosen, um ihn zu befreien. Indessen verschwand der Fremde.

Alexander dachte an die Schwimmwesten, aber an die war jetzt nicht so schnell heranzukommen. Es gab auch noch ein Schlauchboot, das sich allein aufblies. Aber das würde sicher der Fremde schon selbst für sich …

Da ertönte zwischen dem Klatschen der Wellen Motorengeräusch. Oben schrie der Fremde etwas, und Alexander zog sich rasch aus der Kanzel. Da sah er die große weiße Motorjacht, die längsseits gegangen war. Gerade flog eine Leine herüber, die der Mestize sofort ergriff. Drüben auf dem Motorboot standen drei Männer in Ölzeug. So vermummt war ein Mann kaum in seinen charakteristischen Merkmalen zu identifizieren. Alexander sah nur wenig von den Gesichtern, sonst nur das gelbe Ölzeug, das in der Nässe wie lackiert glänzte.

Der Mestize hatte die Leine gefasst, sprang in die aufgewühlte See und wurde Hand über Hand zum Motorboot gezogen. Eine Jakobsleiter klatschte herab, Arme streckten sich dem bis an die Bordwand gezogenen Fremden entgegen und halfen ihm an Bord.

Alexander erwartete, dass die Männer an Bord nun auch ihn holen wollten. Damit sie erst den Bewusstlosen nehmen sollten, beugte er sich herab, fasste den reglosen Mann unter und zerrte ihn zur Kanzel hinauf, wo er ihn festhalten musste, damit die immer wieder überkommenden Wellen ihn nicht mitrissen.

Doch als Alexander aufsah, war das Motorboot schon abgedreht und entfernte sich rasch mit Kurs gegen den Wind.

„Verdammt!“, keuchte Alexander, zerrte den Bewusstlosen noch höher und zog ihn über die Kante der Kanzel. Eine Welle fasste sie beide und riss sie in die See. Aber Alexander, der mit dem einen Arm den Bewusstlosen gepackt hielt, konnte sich mit der anderen Hand an einen Einstiegsgriff der Maschine klammern. Er zog sich weiter, kam zum eingebauten Fach für das Schlauchboot, riss die Klapptür auf und zerrte die gelbe Schnur heraus. Ein in grellem Orange leuchtendes Paket fiel ins Wasser. Alexander hielt nur die Schnur umklammert. Und auf einmal blies die Automatik das Paket zu einem fünf Menschen fassenden Schlauchboot auf, das wie irr auf den Wellen tanzte.

Es gelang Alexander, den Bewusstlosen ins Boot zu schieben, sich selbst hineinzuziehen, wo es ihn um ein Haar wieder hinuntergespült hätte, als eine Welle ins Boot klatschte.

In diesem Augenblick kam der andere zu sich. Er lallte etwas, das Alexander in dem Sturm nicht verstand, und er selbst schrie dem Weißhaarigen zu: „Festklammern! Ganz fest zupacken!“

In diesem Augenblick sah Alexander das Motorboot, das zurückgekommen war. Und zugleich gewahrte er das Aufblitzen von Schüssen auf dem Motorboot. Wo die Kugeln einschlugen, war nicht sofort zu erkennen, doch auf einmal zuckte der eben aus tiefer Bewusstlosigkeit erwachte Weißhaarige zusammen, kippte auf die Seite, während aus einem dunklen Fleck über dem Ohr Blut quoll, sich mit Seewasser mischte und als hellrote Bahn über Kiefer und Hals rann.

Empört vor Zorn hätte der Baron die Männer dort drüben auf dem Boot am liebsten mit bloßen Händen erwürgt, wenn das möglich gewesen wäre

Das Boot verschwand wieder, tauchte aber kurz darauf noch näher wieder auf. Und da fiel Alexander die Leuchtpistole ein. Er trug sie in der Lederjacke. Hastig griff er danach, fand sie, zog sie heraus und wartete, bis eine Welle das Schlauchboot emportrug, so dass er eine gute Rundumsicht besaß. Er erkannte das Motorboot etwas tiefer in etwa zehn Meter Entfernung. Und da schoss er die Leuchtkugel auf einen der Männer ab, die sich zu dritt auf Deck befanden.

Die rotglühende Raketenkugel zischte los, fauchte die kurze Distanz zum Motorboot, aber Alexander hatte sich verschätzt. Die Kugel lag zu kurz, traf nicht die Männer, sondern schlug gut zwei Meter vor ihnen genau durch ein Bullauge.

Zuerst sah es aus, als wäre die Leuchtkugel auf dem Glas zerspritzt, so viele Funken stoben nach allen Seiten. Dann aber sah Alexander einen Augenblick lang die Glassplitter am Rand des Bullauges. Und unmittelbar danach wurde es in dem Raum, zu dem das Bullauge gehörte, gleißend hell.

Mehr sah er dann nicht mehr. Plötzlich zerbarst und zerstob alles das, was eben noch ein Motorboot gewesen war. Eine Druckwelle schleuderte Alexander auf den Boden des Schlauchbootes, wobei er gegen den Schwerverletzten fiel.

Als Alexander sich wieder aufrichtete, wurde er fast von einer Welle aus dem Boot gerissen. So hatte er zunächst alle Hände mit sich zu tun und damit, den Verletzten im Boot zu halten. Als er endlich mehr Zeit fand und sich nach dem Motorboot umsah, entdeckte er nur ein paar auf dem Wasser tanzende Trümmer. Keinen Menschen, kein Schiff. Plötzlich sah Alexander ein Stück Holz

zusammen mit einem Schwall Wasser auf sich zukommen. Er wollte sich noch zur Seite beugen, aber da kam schon der harte Schlag. Vorhin niedergeschlagen, jetzt nochmals, das war zu viel für einen harten Schädel. Alexander sank in tiefe Ohnmacht.

 

 

2

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte eine raue Stimme.

Alexander meinte, er schwebe auf Wolken. Dann aber öffnete er die Augen, und was er sah, war eine Zimmerdecke und dann ein Gesicht, das über ihm in seinem Blickfeld auftauchte. Ein kantiges sonnengebräuntes Gesicht mit einem hellblonden Schnurrbart. Ein blaues Augenpaar musterte Alexander. In Alexanders Blickwinkel tauchte eine zweite Gestalt auf. Es schien ein Arzt zu sein; er hielt eine Spritze in den Händen.

„Ich … ich …“, kam es krächzend aus Alexanders Hals.

„Trinken Sie. Es ist Brühe, das tut gut, nach dem Salzwasser!“

Alexander bekam etwas an den Mund gesetzt, schlürfte, und wirklich war die warme Flüssigkeit wie Balsam für seinen Hals. „Danke“, sagte er schon klarer. „Wo bin ich?“

„Rettungsstation fünfundvierzig der Küstenwache.“

„Der andere … wo ist der andere?“, fragte Alexander.

„Sie meinen den, der mit im Boot war? Kapitän Rockwell?“

„Ich weiß nicht, dass er Kapitän … Ich meine, was ist mit dem?“

„Tot. Schuss in den Kopf. – FBI Agent Johnson wartet schon darauf, mit Ihnen reden zu können.“

„Ich habe diesen Rockwell nicht erschossen.“

„Nein, vermutlich nicht. Das FBI und wir vom Seeamt warten deshalb sehnlichst auf Ihr Erwachen. Wollen Sie mit Inspektor Arnolds vom Seeamt sprechen?“

„Okay.“

Kurz darauf tauchte ein untersetzter, nicht gerade schlanker Mann mit spiegelnder Glatze auf. Die Glatze machte es schwer, sein Alter zu schätzen. Er konnte fünfzig sein, vielleicht war er jünger. Das Gesicht wirkte entschlossen, die Augen blickten kühl, überlegen.

„Erzählen Sie!“, sagte Arnolds, nachdem er Alexander begrüßt hatte. Und Alexander berichtete.

Als er fertig war, erwiderte Arnolds: „Ihre Geschichte scheint zu stimmen.“

„Sie scheint nicht nur, sie stimmt“, entgegnete der Baron eine Nuance schärfer.

Arnolds lächelte. „Regen Sie sich nicht auf, Baron. Sie stimmt. Von Ihrer Sicht stimmt sie. Das FBI und wir haben die Geschichte im Auge.“

„Und ich auch, Mr. Arnolds, das schwöre ich Ihnen! Mir tritt keiner auf die Füße, nicht ohne Quittung.“

„Dann will ich Ihnen mal was sagen“, erklärte Arnolds sachlich. „Diese Sache war mehr als nur ein Abenteuer. Der Mann, der Sie zwang, ihn und Kapitän Rockwell mitzunehmen, arbeitet für eine russische Geheimorganisation. Ob sie nun russisch ist oder von einem anderen östlichen Staat unterhalten wird, ist jetzt nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass dieser Kapitän Rockwell ein bestimmtes Schiff führen sollte. Ein Schiff mit einer besonderen Ladung, die sehr wichtig für unser Land ist. – Als die Männer vom Küstenrettungsdienst Sie und Ihr Schlauchboot mitsamt dem toten Rockwell aufgefischt haben, sind auch Trümmer Ihres Flugzeuges angespült worden, unter anderen ein Stück vom Leitwerk mit der Nummer Ihrer Maschine. Es war dann leicht, den Weg zurückzuverfolgen, der Startplatz, Fragen bei den Leuten, die diesen Privatflugplatz unterhalten, Ihre Person, der Mechaniker, der Ihre Maschine durchgesehen und aufgetankt hat, alles Antworten, die ins gesamte Bild passen. Es war offenbar vorgesehen, Rockwell mit dem Flugzeug und mit Ihnen im Meer zu versenken, sozusagen ein Unfall. Es wimmelt von Haien dort. Sie hatten Glück, dass Sie dieses Schlauchboot besaßen. Daran scheinen die anderen nicht gedacht zu haben. Das mit Ihrer Leuchtpistole war auch nicht kalkuliert. Sie müssen den Tank getroffen haben. Solche Jachten haben Benzinmotoren.“

„Aha. Und wie geht es weiter?“

„Im Prinzip“, fuhr Arnolds fort, als spräche er vom Wetter, „besteht gegen Sie allerdings ein gewisser Verdacht. Ich meine, niemand kann präzise sagen, ob Sie nicht doch etwas gewusst haben. Ich meine, es könnte so aussehen. Und ehrlich gesagt, für die Burschen vom FBI sieht es verdammt sehr danach aus. – Also, ich will es einmal deutlicher sagen: Wir vom Seeamt glauben Ihre Geschichte, weil sie in unsere Version passt. Die vom FBI meinen, Sie könnten einer sein, der zu diesen Kerlen gehört, die da etwas vorhaben. Mit dem Schiff, das übrigens Bahia heißt.“

„Und nun?“

Arnolds zuckte die Schultern. „Und nun? – Ich kenne Sie aus dem Fernsehen, Baron, und ich weiß auch, welche Eigenschaften und Vorzüge Sie haben. Das FBI ist skeptischer. Die sagen, Sie hätten zu viele Freunde im Osten. Die sind ziemlich fanatisch, wenn Sie wissen, was ich meine.“

„Und wie komme ich aus dem Schlamassel?“

Arnolds lächelte schief. „Wissen Sie, Baron, wir kennen mehr von Ihnen als das FBI. Wir wissen zum Beispiel, dass Sie nichts unzerkaut hinunterschlucken. – Ich habe gehört, dass Ihre Freunde und Begleiter gegenwärtig einen Unterwasserfilm vor der Ostküste drehen. Ich weiß nun, dass solche Filme unerhörte Kosten verursachen. Wir vom Seeamt, wir haben da einige Hilfsmittelchen, die wir guten Freunden ausleihen. Zum Beispiel ein Tiefseeboot nach dem Piccardsystem. Man kann von da aus stundenlang filmen, tagelang, wenn man will.“

„Das kostet pro Tag zigtausend Dollar“, erwiderte Alexander.

Arnolds nickte. „Es kostet pro Tag viertausend, wenn es auf Grund liegt. Aber für Freunde, sagte ich, kostet es nichts. Freunde, das sind für mich Leute, die uns helfen. Wissen Sie, Baron, Leute wie Sie gibt es nicht mehr zu viele auf der Welt. Ich würde sagen, sie sind sogar verdammt rar. Also, nehmen wir mal an, das Seeamt bekommt für diesen Fall den Baron Strehlitz als freiberuflichen Mitarbeiter. Weil nun so ein Mann wie Sie kein Honorar annimmt, revanchieren wir uns mit einer Gefälligkeit. Wir leihen seinen Mitarbeitern das komplette Unterwasser und Filmgerät, das wir besitzen. Es ist dies …“

„Ich kenne Ihre Ausrüstung. Es ist die vollständigste und aufwendigste, die man hierzulande findet.“

Arnolds nickte. „Sie und Ihre Mitarbeiter können ab heute einen Monat lang darüber verfügen.“

„Und der Gegendienst? Wie sieht der aus?“

Arnolds lächelte. „Ich weiß, dass Sie ein Draufgänger sind. Sie werden staunen. Morgen, da sind Sie wieder fit. Da schicken wir Sie los. Das ist ein Job für eisenharte Jungs. Eine Frage: Verstehen Sie etwas von Dieselmotoren?“

„Ja, aber …“

„Na, dann will ich Ihnen sagen, was Sie tun müssen!“

 

 

3

Das Versatzboot krängte heftig im steifen Nordost, der kleine Motor blubberte und pfiff. Dunkel die Massachusetts Bay, im Rücken von Baron Strehlitz die Lichter der vielen Städte, die dicht an dicht die Bucht säumten … Boston, Quincy, Medfort und weiter zurück in der Seezunge Somerville.

Verstreut auf der Reede ein paar Toplichter vor Anker liegender Schiffe. Oben am Himmel kein Stern. Es roch nach Regen. Die Luft war merkwürdig mild, trotz des Windes.

„Da vorn liegt die Bahia“, rief der Jollenführer nach Achtern.

Alexander hatte sich den 4550 BRT großen Pott schon auf Bildern angesehen. Er wusste, das Schiff war fünf Jahre alt, hatte zwei Dieselmaschinen, die von Rolls Royce stammten und insgesamt knapp 7000 PS Maschinenleistung entwickelten. Das Schiff schaffte 16 Knoten, hatte planmäßig 32 Mann Besatzung, war 139 m lang, 16,3 m breit und wurde von Newport New Shipbuilding gebaut.

Jetzt war es soweit. Das Versatzboot ging längsseits. Drohend ragte die Schiffswand neben der Barkasse auf.

Ein Bordscheinwerfer blitzte auf, tauchte das Boot in grelles Licht. Dann fiel die Jakobsleiter nieder. Der Baron sprang über und enterte auf. An der Schanz half ihm ein muskulöser Mann an Deck.

„Maschinist Quinn mit Order für dieses Schiff“, sagte der Baron. Er sah im Halbdunkel eine untersetzte athletische Gestalt. Der Baron gab die Heuerkarte ab.

„Kommen Sie an Bord, Quinn. Ich bin der Bootsmann. Bringe Sie zum Ersten!“

Der Baron ging dem Bootsmann nach und wurde nach Achtern in die Offiziersmesse geführt. Nur ein Mann saß auf der Polsterbank. Ein Hüne von Gestalt, braungebrannt und weißblond. Ein Wikingertyp wie aus dem Film. Er sah nur kurz auf, als der Bootsmann seine Meldung machte und sagte dann: „Gehen Sie, Antonio. Rufen Sie den Chief! Das ist sein Bier, soll er sich drum kümmern.“ Und zum Baron gewandt fuhr er fort: „Belegen Sie den Stuhl da, Quinn.“ Er musterte den Baron sehr aufmerksam und fragte unvermittelt: „Letztes Schiff?“

Die Antwort war dem Baron im Voraus bekannt gewesen. „Catharina Oldendorff, Charterschiff unserer Reederei.“

Der „Erste“ war noch nicht zufrieden. „Is‘n deutscher Eimer, wie? Sind ihr letztens im Englischen Kanal begegnet. Welche Maschinen hatten Sie an Bord, Quinn?“

Auch diese Antwort ging dem Baron glatt von der Zunge: „MAN-Diesel, hat nur eine Schraube. Macht auch nur vierzehn Komma vier Knoten, Sir.“

„Okay, dann werden Sie hoffentlich mit dem Rolls Royce klarkommen, wie?“ Prüfend blickte der Steuermann den Baron an. „Ich hab‘s nämlich nicht gerne, wenn wir mitten auf dem Atlantik mit Havarie herumschwimmen. Ah, da kommt der Chief! Hallo, Juan!“

Ein Mann war eingetreten, der zum Steuermann den glatten Kontrast bildete. Er war schmal, klein, hatte schwarzes Haar und einen dunklen Teint. Man sah ihm die spanisch-mittelamerikanische Herkunft an. Und Juan Ortega war Spanier.

Er gab dem Baron die Hand. „Ich bin Ihr neuer Boss, Quinn. Die Reederei hat Sie mir empfohlen, wollen sehen, dass wir uns vertragen, wie? Nehmen Sie einen Tee mit uns?“

Später führte Ortega seinen neuen Maschinisten in den Maschinenraum.

„Sie übernehmen die Steuerbordmaschine zusammen mit Blueberry und Napoleon. Napoleon ist ein Schwarzer, er ist von den beiden der bessere Maschinist. Blueberry ist raufsüchtig, nehmen Sie sich vor ihm in Acht.“ Der Chief strich liebevoll über die Kraftstoffleitung der Steuerbordmaschine und erklärte: „Es sind prächtige Maschinen, Quinn. In schwerer See werden Sie das merken. Na, Sie werden ja sehen. Und nun bringe ich Sie noch zum Logis. Den zweiten und dritten Ingenieur lernen Sie morgen kennen, die beiden sind an Land. Einen Maschinenmeister haben wir nicht, das übernimmt der Dritte Ingenieur, Mr. Holman. Unser Zweiter ist übrigens oft krank in letzter Zeit, vermutlich geht er gar nicht mehr an Bord. Wir bekommen auch nicht so schnell Ersatz und machen diese Reise ohne ihn … falls er nicht doch noch kommt.“

Der Baron zeigte mit keiner Miene, wie ihn diese letzten Worte des Chiefs beeindruckt hatten. Denn er kannte die Namen und die Personalien der gesamten Besatzung. Er hatte Zeit, sie eingehend zu studieren. An Bord dieses amerikanischen Schiffes waren unter den Offizieren nur zwei US-Staatsbürger, der bisherige Kapitän Rockwell und der Zweite Ingenieur Garrison. Alle anderen Offiziere waren Briten, der Chief mexikanischer Staatsbürger. Der Funkoffizier war Russe.

Es verblüffte ihn, dass nun auch Garrison ausfallen sollte. Vielleicht Zufall, vielleicht System. Man würde sehen.

Im Maschinisten-Logis waren sechs Kojen an den Wänden, je zwei übereinander. In dreien lagen schlafend Männer, als der Baron eintrat und seinen Seesack neben den Tisch stellte. Drei Kojen waren leer, eine davon noch nicht bezogen. Sie war gleich vorn, unten neben dem Bulleye. Oben lag ein feister Mann mit einem Achtersteven wie ein Elefantenbaby.

Überall an den Spinden und den Wänden klebten Bilder von Frauen, die meisten waren im Evaskostüm. Es roch nach Mottenpulver und Desinfektionsmittel. Aber der Raum sah sauber aus. Nur die beiden Gestalten in den anderen Kojen machten nicht den Eindruck, als hätten sie die Seife erfunden. Die Füße des einen hingen aus der Koje heraus, und sie waren an den Sohlen so schwarz wie Kohle. Der andere war mit zwei Büchsen Bier ins Bett gegangen, die er liebevoll an die Brust drückte. An seinen Fingern haftete noch genug Maschinenöl, um ein Fahrrad flottzumachen.

Der Mann in der Koje über des Barons Bett schnarchte laut. Es hörte sich gefährlich an.

Der Baron öffnete das Bulleye und lehnte sich hinaus. Kühle frische Luft kam herein. Nun zog er einen kleinen Kasten, der einem Buch ähnelte, aus der Tasche und tippte darauf, als würde er nervös darauf ‘rumtrommeln. Nach einer Weile schloss er wieder das Bulleye, steckte den buchartigen Gegenstand ein und bezog seine Koje.

 

 

4

Napoleon kratzte sich mit dem Taschenmesser die Fingernägel sauber. Seine plattfüßigen Beine hingen an der Koje herunter. „Tja, nun sind wir mal wieder unterwegs. Hast du auch ein Mädchen, Johnny?“, wandte er sich an den Baron, der in seiner Koje lag und nachdenklich auf die Matratze über sich starrte.

„Nein, kein Mädchen, Napoleon.“ Der Baron lächelte dem bulligen Schwarzen zu. Er hatte schnell herausgefunden, dass Napoleon nichts vom cholerischen Temperament seines berühmten Namensvetters hatte. Der Maschinist Napoleon war eine Seele von Mensch. Er hatte geduldig dem Baron die Maschinen und die Handhabung erklärt, immer freundlich und kameradschaftlich.

„Schade, ich habe ein Mädchen. Es wollte mich nicht weglassen. Sagte, sie hätte ein dummes Gefühl, ich würde nicht wiederkommen. Ja, meine Ev ist ein kluges Kind. Ich werde sie heiraten, vielleicht nach dieser Fahrt. Willst du ein Bild sehen von ihr?“ Er kramte unter seinem Kopfkissen und reichte das Foto dem Baron herüber. „Prima Mädchen, was?“

Der Baron sah eine schlanke Schwarze und nickte. „Nettes Mädchen.“

Stolz steckte Napoleon das Bild wieder weg. „Wir haben auch einen Passagier an Bord, weißt du‘s?“

„Keine Ahnung.“ Fast hätte der Baron gesagt, dass das gar nicht angekündigt war. Aber das verbiss er sich.

Napoleon rutschte von der Koje. „Ein tolles Weib, wie aus dem Film.“ Er setzte sich zum Baron und fuhr fort: „Sie scheint den Alten zu kennen. Er hat ihr bald die Füße geküsst, das müsstest du gesehen haben. Ich war gerade auf Deck. Mensch, wie die alle um die Blonde herumgewieselt sind, und erst unser Chief. Der verrückte Weiberheld, ich wette, er fängt mit der Blonden einen Flirt an. Das hat er auf der vorletzten Fahrt auch mit einer hübschen Frau getan, und dann hätte ihn Rockwell beinahe gefeuert. Dabei ist die Blonde beinahe einen Kopf größer als der Chief.“

„Sind noch mehr Passagiere an Bord?“, erkundigte sich der Baron.

Napoleon schob einen Kaugummi zwischen die blendend weißen Zähne und schüttelte den Kopf. „Nur die Blonde. Eine Mrs. Stevenson, hat mir der Steward gesagt. Der Alte nennt sie Linda und sie sagt Luvard zu ihm.“ Er dehnte den Vornamen des Kapitäns und äffte die Frau nach, die den Kapitän wohl so angesprochen hatte. „Mein lieber Luvard, hat sie gesagt. Möchte wissen, was an diesem Neuzeitpiraten lieb ist.“ Er brach ab, als Terry Michigan eintrat, ein rothaariger und von Sommersprossen übersäter junger Bursche. Er gehörte zur Backbordmaschine.

„Hallo, Jungs, schon das Neueste gehört?“, fragte er. Und ohne die Antwort der beiden Zuhörer abzuwarten, erzählte er mit kehliger Stimme: „Sie sitzt oben beim Alten auf der Brücke. Menschenskinder, habt ihr schon einmal einen Schiffer gesehen, der bei so glatter See oben auf der Brücke steht? Tut er bloß wegen der Blonden, sage ich euch. Unser Chief war vorhin auch in ihrer Nähe, aber der Alte hat ihn fortgescheucht. Nur unser Erster schert sich den Deibel um die Blonde. Er sieht sie gar nicht. Und sie gafft ihm immerzu nach. Passt mal auf, bald schlagen sich die Offiziere noch die Birnen ein. Wer hat einen Kaugummi für mich, heh?“

Napoleon hielt ihm sein Päckchen hin.

„Ich schnappe noch was Luft“, sagte Alexander und verließ das Logis. Er ging den Niedergang hinauf. Oben empfing ihn ein frischer Wind. Er schlug den Jackenkragen hoch und lehnte sich an die Schanz. Erst nach einer Weile blickte er nach mittschiffs zur Brücke. Er sah deutlich die Umrisse einer Frau hinter den Scheiben. Daneben die wuchtige Gestalt des Schiffers.

Alexander schleuderte nach Achtern. Der Gischt wehte ihm von der aufgewühlten See ins Gesicht. Die „Bahia“ stampfte und rollte in der Dünung. Aus der Pantry drang der Duft von gebratenem Fleisch. Und hinter dem Fenster der Galley tauchte der weißbehütete Kopf von Schiffskoch Czerni auf, einem ebenso kleinen wie dicken Tschechen. Als er den Baron vorbeigehen sah, winkte er ihm.

Der Baron nickte und ging in die Galley hinein. Auf dem großen Herd brutzelte und briet es.

Der kleine Koch wischte sich mit dem Schürzenzipfel den Schweiß von der Stirn, lehnte sich neben die Tür und sah den Baron von unten herauf begierig an. „Hab‘ gehört, dir schmeckt mein Essen?“ Er reckte sich stolz und strahlte den Baron an.

Alexander nickte. Czerni kochte ausgezeichnet. „Hmm, es ist prima.“

„Will dir was sagen, Johnny: Bist auf diesem miesen Pott der erste, der das sagt. Alle schimpfen, verstehst du? Alle haben früher aus Hundenäpfen gefressen, aber jetzt meckern sie herum. Dabei würden sie sich die Pfoten lecken, wenn sie an Land so ein Menü bekämen. Komm mal wieder vorbei, Johnny, jetzt muss ich an die Steaks für die Offiziere. Die müssen aus den Pfannen.“ Er drehte sich zum Herd um und hantierte mit den Pfannen. Geschickt machte er die Teller fertig.

„Ist das Mädchen oben eine Verwandte vom Alten?“, fragte Alexander.

Der Koch wandte sich wieder dem Baron zu und sah ihn nachdenklich an. „Bist du von der Reederei geschickt oder von woanders?“

„Zuletzt von der Reederei“, erwiderte der Baron ausweichend.

Der Koch musterte den Baron prüfend. „Und zuvor? Von Ward? Hat dich Ward zur Reederei geschickt?“

Aufs Geratewohl sagte der Baron: „Ja, ich habe ihn zwar nicht gesehen, aber er hatte die Hände im Spiel.“

Der Koch nickte gedankenvoll. „Ja, genau wie bei mir. Dann gehörst du zu unserem Club. Nun sind wir auf diesem Pott, Johnny, und hoffentlich geht alles gut. Hat dir Ward nichts von der Blonden erzähl?“

„Nein, ich sagte doch, ich habe Ward nicht selbst gesprochen. Was ist mit ihr?“

Der Koch beugte sich vor, und der Baron musste sich bücken, denn ihm wurde ins Ohr getuschelt: „Sie ist doch eine Agentin. Wir müssen sie mitnehmen. Die Bullen vom Seeamt waren ihr auf der Spur, und sie ist gerade noch weggekommen.“

„Wer gehört denn alles zu uns, Andy?“, erkundigte sich der Baron.

„Wer schon, ich weiß es leider selbst nicht. Nur vom Bootsmann, von Fred Lowery, dem Quartermaster und vom Funkoffizier weiß ich‘s genau. Das ist ja die blödsinnige Sache, dass keiner vom anderen weiß. Dumm, wie? Wenn wir uns alle kennen würden, könnten wir aufpassen, dass nicht so ein Rindvieh von den anderen uns in die Suppe haut. Psst, da kommt Fausto, der ist bestimmt nicht von uns!“

„Bis später“, rief der Baron und ging. An der Tür traf er mit dem kleinen Italiener Fausto zusammen, der an Bord Küchendienst verrichtete.

Diese Stunde sollte für den Baron eine Stunde der Neuigkeiten werden. Er dachte noch über die Worte des Kochs nach, als er versunken in seine Überlegungen an die Schanz trat und den Steuermann nicht bemerkte, der hinter ihm auftauchte.

„Guten Morgen, Mr. Quinn! Es war früher auf Schiffen üblich, dass Offiziere gegrüßt wurden. Wahrscheinlich ist das am Aussterben, wie?“

Alexander fuhr herum. Der hünenhafte Wikinger stand breitbeinig vor ihm. „Tut mir leid, Sir. Ich habe gerade über etwas nachdenken müssen.“

Whiteness lachte. „Vielleicht auch darüber, ob Ihre Maschine nicht mit Wasser laufen könnte? Wenn Sie das erfinden, beikommen Sie Zulage!“ Er blickte den Baron von unten nach oben an und erklärte dann: „Sagen Sie mal, Quinn, irgendwie kommen Sie mir bekannt vor. Sind wir schon mal auf demselben Eimer gesegelt?“

„Wüsste nicht“, erwiderte der Baron, doch auch er hatte von Anfang an das Gefühl, Whiteness schon einmal begegnet zu sein.

„Hoppla, ich hab‘s. Das müssen wir feiern. Erinnern Sie sich? Na?“ Der Riese lächelte und meinte aufgekratzt: „Hawaii, na? Jetzt muss es doch kommen?“

„Sind Sie … nein, das ist nicht möglich.“ Der Baron schüttelte den Kopf. Er erinnerte sich an einen britischen Seeoffizier, der von einem Wrack geborgen wurde. Damals war der Baron mit einem Zweimastschoner im Fernen Osten gesegelt, und er hatte den britischen Seemann unter Lebensgefahr vom brennenden Wrack geholt.

„Mensch, ich vergesse ein Gesicht nie, das ich in der Not kennengelernt habe“, rief Whiteness. „Sie sind der Sailor gewesen, der mich von Bord der Huntley gefiert hat, unten ins Boot. Dauernd sind Tanks explodiert, und der ganze Pott stand in Flammen. Alle waren schon ‘runter, nur mich hat keiner gefunden. Dann kamen Sie, ja, Sie!“

Der Baron nickte. „Stimmt, Sir, ich war es.“ Er musste es zugeben, denn Whiteness war zu sicher. Aber es machte dem Baron wenig Freude. Whiteness musste sich fragen, wieso ein Mann wie der Baron plötzlich nur ein einfacher Maschinist war. Und genau das fragte er prompt.

„Verstehe nicht, dass Leute wie Sie nicht auf der Brücke stehen.“

Der Baron zuckte die Schulter. „Ein kleiner Fehler, Sir. Finanzielles Pech, Schulden, Konkurs, zuletzt blieb nur die nackte Haut. Es gab welche, die haben mit dem Finger nach mir gezeigt. Ich konnte das hämische Gequatsche nicht mehr hören. Seitdem bin ich an der Maschine. Auf die Brücke gehe ich nicht mehr.“

„Komm, jetzt trinken wir einen darauf. Ich habe keine Wache, Quinn. Außer im Dienst bin ich für dich Trevor! Wie heißt du?“

„John Quinn.“

Der Steuermann sah ihn nachdenklich an, dann sagte er: „Komm, Johnny, heben wir einen!“

Sie gingen zusammen den Niedergang zur Offiziersmesse hinab. Der Baron sagte: „Es wäre besser, wenn nicht alle zu erfahren bekommen, was mal gewesen ist.“

„Quatsch, das ist falsche Bescheidenheit.“

„Es wird Leute geben, die mir das neiden, den Ersten zu kennen.“

Der Steuermann blieb stehen. „Richtig, gehen wir in meine Kajüte. Ich hab‘ noch eine Pulle im Schrank.“

 

 

5

„Dreh mal das Radio an, Johnny, ‘n bisschen Musik lässt den Whisky besser den Hals ‘runterrieseln. Mensch, ich kann‘s noch nicht fassen, dass du auf diesen Pott geraten bist. Aber du wirst es gut haben, Johnny. Solange ich auf diesem Kahn der Steuermann bin, liegst du richtig. Das ist mein Bier!“

Dem Baron gefiel der bullige Wikinger. Ob er auch zum „Club“ derer gehörte, von denen der Koch sprach?, fragte sich der Baron.

„Sag mal, Trevor, ich sprach vorhin mit dem Smutje. Was ist das für ein Kerl? Ist der schon länger an Bord?“

Der Steuermann machte eine wegwerfende Handbewegung und kippte sich den Inhalt seines Glases in die Kehle. Dann erst sagte er rau: „Grobzeug, Johnny, der letzte Dreck. Sind noch ‘n paar von seiner Sorte an Bord. Sie stecken immer und überall die Köpfe zusammen. Glaube, die haben irgendeinen politischen Vogel. Hab‘ den Smutje mal beobachtet. Er liest Maxim Gorki und begreift ihn nicht. Er lässt sich russische Zeitungen schicken und kann sie nicht lesen. Und wenn er singt, ist es die Internationale, nur den Text hat er vergessen. Da weißt du doch alles. Das ist sein Knall, Johnny. Ein anderer säuft, wieder andere sammeln Briefmarken. Jedem Vogel sein eigener Gesang. Harmloser Dorfpinscher. Warum fragst du das?“

„Er sprach von der Dame, die an Bord …“ Mehr brauchte der Baron nicht zu sagen.

Trevor Whiteness war aufgesprungen. „Johnny, fang mir nicht von der an. Sie ist schön, raffiniert und durchtrieben. Die Sorte kenne ich. Der Alte ist auf sie ‘reingefallen, denke ich. Aber das ist nicht mein Bier. Ich glaube, mit dem Mädchen bekommen wir noch Ärger. Zumindest meckern sie andauernd herum … Schenk dir ein, Johnny! Es ist noch ‘ne Pulle im Spind. Und was die Frauen angeht, ich habe da ein nettes Mädchen in Manhattan, anständig, sag‘ ich dir, kein Malkasten, kein dummes Getue.“

Er blickte auf die Uhr. „Ich muss gleich zur Brückenwache. Es ist gleich sechs Glasen. Mittagswache. Und du musst an die Maschine?“

„Nein, für mich beginnt die Freiwache“, sagte der Baron.

„Maschinist müsste man sein“, behauptete Whiteness lachend. „Gehen wir!“

 

 

6

Im Logis war Baron Strehlitz allein. Er kramte tief in seinem Seesack, holte eine Zigarrenkiste hervor und klappte sie auf. Obenauf lagen Rasierutensilien, doch darunter befand sich ein kleines Gerät, so groß wie eine Untertasse. Der Baron nahm es heraus und steckte es ein. Dann ging er wieder an Deck. Als Freiwache konnte er es sich erlauben. Nachher musste er zur Nachmittagswache seinen Dienst an der Maschine wieder antreten.

Der Baron lehnte sich an den Niedergang zum Bootsdeck, wartete einen Augenblick und ging dann hinauf. Er sah sich die Boote an und bemerkte, dass an einem die Persenning gelöst war. Interessiert schaute er ins Boot hinein und entdeckte drei Kisten mit Proviant, die erst kürzlich hineingetan worden waren, denn gestern war dieses Boot noch leer und die Persenning war fest verzurrt gewesen.

Noch immer rührte sich nichts auf dem Bootsdeck. Die Tür zur Kapitänskajüte war geschlossen, die beiden Passagierkabinen ebenfalls. Der Baron enterte die Leiter zum Peildeck empor und blickte in die Runde, als interessierte ihn der weite Ausblick von dieser Höhe. Unter ihm lagen Brücke und Bootsdeck. Rechts vom Baron ragte die runde Peilantenne auf. Der Baron ging näher und sah sie sich an. Dann ließ er unmerklich das tellergroße Gerät aus der Jacke gleiten und schob es unter den Vorsprung des Peilantennenpodestes.

Nach einer Weile stieg er wieder hinab bis zum Hauptdeck, ging wieder zurück zum Vorschiff ins Logis und legte sich auf seine Koje. Das geheimnisvolle Buch, das er schon letztens benutzte, lag dabei unter seinem Kopfkissen, nahe dem Ohr. Ganz leise hörte er aus dem winzigen Empfänger Funksignale. Dann lauter die Signale des eigenen Schiffes.

Eine Zeitlang waren es normale Standortmeldungen und Kursangaben. Dann aber wurde vom Schiff in Code gefunkt. Ein Code, der nicht in der normalen Handelsschifffahrt üblich war. Der Baron begann, sich die Signale aufzuschreiben, um sie nachher zu entschlüsseln, wenn das möglich sein sollte.

Das tellergroße, kaum auffällige UKW-Verstärkergerät, das er oben auf dem Peildeck untergebracht hatte, bewährte sich. Es übertrug die Impulse der Funkzeichen auf Ultrakurzwelle und sandte sie an den kleinen Empfänger, mit dem der Baron außerdem auch Kurzwellensendungen morsen konnte.

Der Baron hoffte, dass seine Funkzeichen aufgefangen würden. Alles war dazu vorbereitet worden, bevor er hier an Bord gegangen war. Aber für eine größere Entfernung war sein kleines Gerät nicht ausreichend. Er hatte noch zwei Tage Zeit, um die wichtigsten Meldungen durchzugeben, danach konnte man kaum noch seine Signale auf dem amerikanischen Festland abhören.

Da ging die Türe auf. Blueberry, der dritte Mann von der Steuerbordmaschine trat ein. Er war ein kräftiger Bursche von etwa zweiundzwanzig Jahren, mit rot umränderten Augen, einer verquollenen Nase und Tätowierungen auf Armen und Oberkörper. Er trug nur die Ölverschmierte Hose, sonst nichts. Schweiß lief an ihm herunter, sein dunkles Haar lag wie angeklebt am Schädel.

Alexander hatte seine Utensilien rasch unter die Decke geschoben und blickte Blueberry abschätzend an. Blueberry grinste und lehnte sich an den kleinen Tisch in der Mitte. „Mensch, Johnny, du bist auch ‘ne Gurke. Sitzt und liegt die ganze Zeit hier in diesem Etui.“

„Ich denke du hast Dienst, Blueberry?“, fragte der Baron misstrauisch.

Blueberry winkte ab. „Die Mühle wird mal zehn Minuten ohne mich laufen. Holman und der Chief sind beim Alten. Besprechung. Terry ist allein unten. Hast du ‘ne Zigarette?“

Der Baron zog die Packung aus der Tasche, zündete eine Zigarette an und steckte sie Blueberry in den Mund, der mit seinen Ölhänden nicht zufassen konnte.

„Danke, Johnny. Bist ja ein komischer Heiliger, du! Von dir hört man nichts, du bist aber trotzdem ‘n guter Kumpel. Da fällt mir‘s ein: Weißt du überhaupt, was wir an Bord haben?“

„Keine Ahnung. Maschinenteile, Weizen, Schwefel, glaub‘ ich, wie?“

Blueberry paffte den Rauch zur Decke und meinte wichtig: „Geheimes Zeug für Raketen oder so. Weiß es von Holman. Unser Dritter hat sogar gesagt, dass wir mit der Ladung mehr wert sind als ein Flugzeugträger. Gut, was?“ Er lachte, und ließ dabei die Zigarette an der Unterlippe kleben. Dann flüsterte er geheimnisvoll: „Ich wette, der alte Rockwell war ihnen nicht gut genug für so eine Fracht. Da haben sie Hide ‘rangeholt. Und damit es ihm nicht zu langweilig wird, haben sie ihm das Püppchen mitgeschickt.“

„Denk an deine Maschine, Blueberry“, mahnte der Baron.

„Mensch, du bist ja schlimmer als der Chief. Kommst mir vor wie ‘n Deutscher. Bin mal auf ‘nem deutschen Pott gefahren. Nie wieder, sag‘ ich, nie wieder! Für die war Arbeit wichtiger als Essen. Die sprangen schon um sieben Glasen herum, damit sie nur ja nicht ihre Wachen verpassten. So was Verrücktes muss man gesehen haben. Und dort habe ich mehr Filter saubergemacht in einem Jahr, als in meinem ganzen Leben zusammen. Für die ist die Bedienungs- und Pflegeanweisung der Maschine soviel wie für unsereins ein hübsches Magazin. Die sind krank, wenn die Maschine nicht richtig geht. Und zu denen passt du hin. Na, dann will ich mal wieder runter.“ Er schlurfte zur Tür, ging hinaus und knallte sie hinter sich zu.

Der Baron kramte in seinem Seesack, verpackte seine Geräte sorgfältig und holte dann ein kleines Wörterbuch heraus. Englisch/Finnisch stand darauf. Und zum Teil war es wirklich ein derartiges Wörterbuch. Versteckt dazwischen aber waren Codeübersetzungen der bekanntesten Code Schlüssel gegnerischer Agentenringe. Und auf den zweiten davon passte genau der verschlüsselte Signalspruch.

Der Baron entzifferte: Schiff 1243 auf dem neuen Kurs ab 17. April 12 Uhr mittags Funkunterbrechung ab 20. April 8 Uhr. Vorbereitung zum Verlassen des Schiffes ab 22. April abends.

„Das ist ja eine tolle Geschichte“, brummte der Baron verblüfft und begann über die Sache nachzudenken.

Sollte das Schiff mit seiner wertvollen Fracht jemanden übergeben werden? Oder wollte man es gar versenken? Oder sollte eventuell nur ein Schiffsunglück vorgetäuscht werden, während in Wirklichkeit nur das Schiff aufgebracht werden würde und die wertvollen Turbinen und Strahlwerke in die falschen Hände gerieten?

Ich muss mir Helfer suchen, sagte sich der Baron. Allein ist das nicht zu bewältigen. Seit heute Mittag also fahren wir auf einem anderen Kurs, nicht mehr mit dem Ziel Portsmouth also.

Mit dem kleinen UKW-Gerät sandte der Baron am offenen Bullauge seine Nachricht. Er konnte nicht ahnen, dass sie nicht aufgefangen wurde, weil in seinem Gerät ein winziger Defekt war. Noch hoffte er, dass ihm von den Staaten her Unterstützung zuteil werden würde. Aber es war eine vergebliche Hoffnung. Er war allein auf sich gestellt und wusste noch nicht einmal, wie groß die Zahl seiner Gegner hier an Bord war.

 

 

7

Als der Baron nach dem Dienst an der Maschine ins Logis kam, geduscht und umgezogen, stand dort der Mannschaftssteward Jesse King, ein junger, schmalbrüstiger Schwarzer, zusammen mit Napoleon. Die beiden verstummten jäh, als der Baron eintrat. Napoleon grinste verlegen, und der Steward drückte sich am Baron vorbei zur Tür. Als er draußen war, fragte der Baron arglos: „Habt ihr Geheimnisse? Vor mir ist das nicht nötig, Napoleon. Übrigens fahren wir mit voller Kraft. Will der Alte die Motoren ruinieren?“

Details

Seiten
133
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936483
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514726
Schlagworte
baron drei meilen west

Autor

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Titel: Der Baron #13: Drei Meilen vor Key West