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Die dunkle Seite des Tages

2020 81 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die dunkle Seite des Tages

Klappentext:

Dieser Band enthält folgende Horror-Kurzgeschichten:

Im Süßwarenladen

Himmelsfrüchte

1.

2.

3.

4.

5.

Es ist in der Ecke

Monster-Nacht

1.

2.

Ein später Gast

Eine Frage der Perspektive

1.

2.

Die Brut ist bereit

1.

2.

Wer schläft, der bleibt

Kaninchen töten

Meidet den Hügel

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Böses Erwachen

Sonntags, im Einkaufszentrum

1.

2.

Fleisch und Boot

Sie kommen

1.

2.

End-Raum

Ein tödlicher Brief

Truck-Show

Brot und Spiele

Du wirst laufen

1.

2.

Dorfrat tagt

Therapie des Todes

Vorfall in Station 17

Ihr Fleisch, so unnatürlich weich

Eine ganz besondere Nacht

Teufelsfunk

1.

2.

3.

4.

5.

Dämonen-Kinder

Eine gespenstische Hochzeit

1.

2.

Die dunkle Seite des Tages

 

von Till Kammerer

 

 

Horror-Kurzgeschichten

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK eBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Vladimir Nikolaevich mit Kathrin Peschel, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Wo Licht ist, ist auch Schatten, manchmal sogar Dunkelheit …

Wenn alles wie man sagt auch seine dunkle oder Schattenseite hat, wie ist es dann mit dem Tag?

Viele von uns sprechen davon, schauen sich Filme an oder lesen Bücher darüber, aber kaum einer glaubt wirklich an eine existente Unterwelt. Doch was ist, wenn man morgens erwacht und nichts mehr so ist wie am Abend zuvor, wenn der schlimmste Albtraum zur Wirklichkeit geworden ist, schlimmer als alles in der Vorstellung Mögliche, wenn man eines Tages einem bereits Toten begegnet, der uns die Geschichte seines Lebens erzählt, wenn flauschige Tierchen plötzlich zu mordenden Bestien werden und schleimige durch Pestizide mutierte Riesennacktschnecken in unser Leben treten …?

Über zwanzig Horror-Kurzgeschichten sind in diesem Band vereint: Geschichten, die das Leben schreibt, und vom Rand der Wirklichkeit, aber auch solche, in denen Albträume wahr werden. Geschichten, in denen das Spiel des Lebens eine völlig andere, als die von uns erdachte Richtung nimmt, eine, aus der es kein Zurück gibt und viele andere mehr …

 

 

 

Dieser Band enthält folgende Horror-Kurzgeschichten:

 

› Im Süßwarenladen

› Himmelsfrüchte

› Es ist in der Ecke

› Monster-Nacht

› Ein später Gast

› Eine Frage der Perspektive

› Die Brut ist bereit

› Wer schläft, der bleibt

› Kaninchen töten

› Meidet den Hügel

› Böses Erwachen

› Sonntags, im Einkaufszentrum

› Fleisch und Boot

› Sie kommen

› End-Raum

› Ein tödlicher Brief

› Truck-Show

› Brot und Spiele

› Du wirst laufen

› Dorfrat tagt

› Therapie des Todes

› Vorfall in Station 17

› Ihr Fleisch, so unnatürlich weich

› Eine ganz besondere Nacht

› Teufelsfunk

› Dämonen-Kinder

› Eine gespenstische Hochzeit

 

 

***

 

 

Im Süßwarenladen

 

 

„Ja, ich habe geöffnet, komm doch rein …!“ Isebelius Maron, der Süßwarenhändler, zuckte. Hatte er die Worte gedacht oder gerufen, als das kleine Mädchen die Nase an die Scheibe seines Geschäfts drückte? Dort, wo klebrige Köstlichkeiten lockten, übereinander getürmt in durchsichtigen Regalen: Lakritz-Stangen, gelbe Lutscher, rote Bonbons.

Den Staub müsste er entfernen, von dem einen oder anderen Regal – früher wäre ihm so etwas nicht passiert: Blitzblank war sein Laden immer gewesen, wie es sich für Genussmittel gehört. Lebensmittel, müsste man eigentlich sagen, grinste Isebelius in sich hinein. Einige der kleinen Jungen, rund und rosa sind sie, oh ja, sie sind so versessen auf meine Süßigkeiten, dass von ‚Genuss‘ keine Rede sein kann, dachte er und seine Mundwinkel verzogen sich erneut zu jenem schiefen, ironischen Lächeln, das sein Markenzeichen war, genauso wie das Naschwerk aus aller Herren Länder. Weingummi aus Florenz, Pralinen aus Piemont? Das gab es im ganzen Ort nur bei ihm.

Warum machten sie sich rar, in letzter Zeit, die kleinen Kinder? Sie trugen sonst jeden Groschen zu ihm, sei er geschenkt oder noch so hart erarbeitet, im Garten der Verwandten. Isebelius blickte an sich hinab, auf seine Arme, die dürr aussahen. War es seine Gestalt, die sie neuerdings schreckte? Es schien ihm, als sei er hager geworden. Ha, dachte er grimmig, es ist wohl wie bei den Menschen, denen die Speise im Restaurant nur schmeckt, wenn sie ein dicker Koch zubereitet hat! Die sonst glaubten, der Mann in der Küche verschmähe das eigene Werk, traute seiner Hände Kunst nicht. Mit diesen Gedanken im Kopf blickte Isebelius erneut auf seine Arme. Sie wirkten wie auch die Hände knorriger und sehniger denn je.

Er würde sein Sortiment ändern. Ein wenig frischer Wind tut jedem Laden ab und zu gut. Wie hatten seine Eltern ihn gelehrt, die ihm das Geschäft übergeben hatten: „Lasse immer zwei Drittel des Angebots gleich, damit die Kunden alles vertraut finden. Mit dem Rest experimentiere ein wenig.“

Wieder plättete ein Kind seine Nase an der Scheibe. Er kannte den Jungen gut und winkte ihm zu. Der Knabe rüttelte an der Klinke der grün gestrichenen, mit geschnitzten Blumen und Bäumen verzierten Altbautür, die seit mehr als hundert Jahren in die „Süßwarenhandlung und Zuckerbäckerei Maron“ führte. Zwei Glöckchen klingelten über dem Eintritt, wie sie es seit der Zeit seines Ur-Großvaters taten. Ganz kurz nur erklang das helle Geräusch: Die kleinen Klöppel gerieten nicht richtig ins Schwingen, weil die Tür offenbar klemmte. Hatte sich der Holzspatel verkeilt? Obwohl der Knabe ein weiteres Mal um Einlass rüttelte, blieb sie geschlossen.

Das Kind legte seine Hände dicht über die Augen, auf Höhe der Brauen, als wollte es das Tageslicht mit ihnen abschirmen, und presste sie dann auf das Glas des Schaufensters. Durch diesen Trichter blickte der Junge in den Laden. Sah er ihn nicht? Isebelius rief – wollte rufen, denn ein plötzlicher Hustenreiz war schneller als seine Stimme. Krächzend stützte er sich auf den Verkaufstresen, der sich im hinteren Teil des Raumes befand. Er keuchte. Die Registrierkasse verschwamm, weil ihm Tränen in die Augen schossen. Als er sie weggewischt hatte, sah er noch, wie der Junge draußen auf dem Bürgersteig an seinem Schaufenster vorbeiging und wenige Sekunden später hinter der Straßenecke verschwand.

Er war oft in den letzten Wochen auf diese Art ignoriert worden. Gleich morgen würde er zwischen den Regalen klar Schiff machen. Ein wenig Umbau hier, ein paar neue Salmiakstangen dort, anders präsentiert. Eine Grundreinigung. Wie eine kleine Neueröffnung eben. Sie würden schon wiederkommen.

Isebelius dachte nach. Der Postbote hatte früher immer nett gegrüßt, war gern auf ein Schwätzchen geblieben. „Denkt man an den Boten …“, stieß er aus. Dort kam er.

Der Zusteller blickte unwirsch durch den oberen, verglasten Teil der Tür, weil er die Postille nicht in den Schlitz der Holztür gestopft bekam. Kein Wunder, dachte sich Isebelius und rief zur Tür: „Ich räume den Papierstau gleich weg – kommen Sie ruhig rein.“ Er winkte dem Mann einladend durch die Scheibe zu. Doch kaum hatte der Angerufene seine Ware durch den Briefschlitz gezwängt, trat er in die Pedale, um seine Tour fortzusetzen.

Isebelius war niedergeschlagen, aber auch verärgert. Ob es irgendwem auffiele, wenn er ab morgen Würste anbieten würde und Salami statt Salbeibonbons in der Auslage hätte? „Würdet ihr es merken?“, rief er laut, und erschrak: Als hätten sie seinen Wunsch nach Beachtung erhört, hatten sie dort, ja, seine Augen waren scharf wie eh und je: Sie hatten seinen Namen gedruckt. Er hob die Tageszeitung vom Boden des Geschäftes auf. Es war ein kurzer Text, eine jener Randnotizen, wie man sie im Lokalteil findet.

„Wir nehmen Abschied von Isebelius Maron, Inhaber der Süßwarenhandlung und Zuckerbäckerei Maron, der vor fünf Tagen unerwartet aus dem Leben gerissen wurde. Die Beerdigung findet am morgigen Samstag um fünf Uhr nachmittags auf dem Kirchhof zu St. Johanna statt. Von Beileidsbekundungen am Grabe bitten wir abzusehen.“

 

 

***

 

 

Himmelsfrüchte

 

 

1.

 

Am dreiundvierzigsten Tag war es Fernando, der sich hinsetzte in den eingetrockneten Dreck und nicht mehr aufstand. Einfach so, als wüsste er nicht, dass er damit sein Todesurteil unterschrieb.

Wenn der Wahnsinn kam, der dem endlosen Sonnenschein geschuldet war, zeigte er sich bei den Männern oft auf diese Weise: Sie ließen sich fallen, wo sie gerade standen, und blieben dort sitzen. Sie waren dann nicht tot – noch nicht. Sie saßen einfach da, im Staub der verdorrten Steppe, die sie geschluckt hatte und die nicht gewillt war, sie wieder herzugeben. Manche starrten geradeaus, manche hinauf, in den Himmel. Das sengende Brennen traf in diesem Fall direkt in ihre Augen und ließ sie tränen. Sie fühlten nicht, wie die Nerven in ihren Augäpfeln verkochten, denn sie hatten aufgehört zu fühlen. Sie waren nicht mehr ansprechbar. Wie lebende Leichen saßen sie da, mechanisch die Hitze einatmend, aber schon mit dem starren Blick der Todgeweihten, deren Geist die Schwelle längst überschritten hatte.

Bis sie, solcherart sitzend, nach vorn zum „U“ gekrümmt vom heißen Wind mumifiziert wurden, dauerte es nur wenige Tage: Das wussten sie, seit sie einmal im Kreis gelaufen und zu João zurückgekehrt waren, unfreiwillig. Die flirrende Luft hatte innerhalb einer halben Woche alle Flüssigkeit aus ihm gesaugt. Seine Haut war dunkelbraun gewesen und hatte sich wie altes Leder angefühlt.

Auch jene Mitarbeiter des archäologischen Expeditionskorps, die noch bei Verstand waren, sagten seit Wochen nur noch das Nötigste. Wie Wüstenechsen schleppten sie sich durch die gelb-braune Ödnis des Steppenmonds Korff-Oleyan. Ihre Hände, Füße, alles an ihren Körpern war rissig und wund, wie man es sonst kennt, wenn man in sehr kalten Wintern kein Lippenbalsam und keine Feuchtigkeitscreme nutzt – an jenem unseligen Ort aber bildete sich die Schmirgelpapierhaut nicht wieder zurück, sie blieb. Es war, als verwandelten sie sich langsam in Dörrobst.

 

 

2.

 

Sie hatten den gewaltigen steinernen Habichtskopf, der den Eingang des Saruna-Tals markierte, verpasst. Vor zwei Wochen schon hätten sie ihn passieren müssen. Nun konzentrierte sich ihre verbliebene Hoffnung darauf, das „Alcatraz“ des Steppenmondes zu finden, ein vor Jahrzehnten aufgegebenes Hochsicherheitsgefängnis. Die Drohnen, die ihnen vorausflogen – vorausgeflogen waren, bis sie auf unerklärliche Weise verschwunden waren – hatten es als einziges größeres Bauwerk abseits der versunkenen Stadt, die im Saruna-Tal lag und die sie hatten erforschen wollen, angezeigt.

Auch wenn es nicht mehr im Betrieb war, so versprach ein ehemaliges Gefängnis gemauerte Räume mit Dächern darüber, die zumindest teils noch intakt waren und gegen die Sonne schützten. Und gegen den permanenten Wind, der ständig Sand mit sich trug, sie scharf und schneidend peitschte und dessen Staub sie atmeten, ob sie wollten oder nicht, da er durch ihre Gesichtstücher drang.

Die technischen Geräte, die ihnen geblieben waren, hatten die sandigen Stürme längst zerstört. Sie orientierten sich an den Sternen, die wie milchig-zerlaufene Flecken am Nachthimmel standen, denn auch nachts wurde es kaum kühler, flirrte die Luft weiter, da das Planetensystem, in dem sie sich befanden, zwei Sonnen besaß. Auf die Sterne wenigstens war Verlass: Sie besaßen keine gläsernen oder Kunststoff-Displays, unter denen sich zersetzende Sandkörner sammelten, bevor sie versagten, wie es nach und nach bei allen ihren Orbitalen Positionierungsgeräten geschehen war.

Wie zuverlässig die Gestirne sie leiteten, merkten sie schmerzlich, als sie die mit Sonnenenergie betriebenen und daher noch immer funktionsfähigen Begrenzungsteleporter des alten Gefängnisses passierten. Sie waren im Radius von tausend Metern um die Anlage installiert worden – damals, als man noch den Abschaum der Galaxis zu jenem Ort brachte, um ihn bei der Arbeit in den riesigen Salzseen, die den einzigen Rohstoff des trostlosen Ortes lieferten, lebendig zu grillen. Die Teleporter-Fallen waren Teil eines komplexen Systems gewesen, das Ausbrüche verhindern sollte. Die vogelhausgroßen Geräte hingen wie eine Girlande kreisrund um das überwiegend unterirdische Gefängnis in dürren Akazien und Kakteen, an die sie mit Tarnfarben perfekt angepasst waren. Das kurze Aufblitzen eines der Apparate beförderte die Archäologen in die Unterwelt.

 

 

3.

 

Der dunkle Raum, in dem sie sich wiederfanden, surrte, als sei ein Schwarm Wespen in ihm unterwegs, was sie panisch umherblicken und -stolpern ließ. Gonzalez, der leitende Archäologe, fluchte laut, als er mit dem Kopf gegen den rostigen Rahmen einer kaputten Automatiktür stieß, die, halb geöffnet, im Defekt erstarrt war.

Hinter ihnen surrte etwas und schlug in kurzen Abständen gegen die Metallwand, bevor es scheppernd auf den Boden fiel. Dort schlug es mit lädierten Rotoren weiter im Stakkato wie ein auf dem Rücken liegender mechatronischer Käfer. Sie traten näher – und erkannten eine ihrer vor Wochen verschollenen Drohnen. Deren Energiezellen ließen das Display noch immer bläulich-fahl leuchten, weshalb sie das havarierte Gerät hochhoben und mit ihm den Raum ausleuchteten. An der Decke erkannten sie die surrend und stupide gegen die Begrenzung des Ortes anfliegenden übrigen Propeller-Maschinen.

Die Drohnen hatten das Gefängnis als Erste gefunden – und waren vor ihnen in die Lichtfallen der Teleporter getappt. Sie beschlossen, sie als Lampen mitzunehmen und brachen auf, um das verlassene Verlies zu erkunden – in der Hoffnung, dass die Batterien ihre Displays noch eine Weile mit Strom versorgen würden.

 

 

4.

 

„Seht doch …“ Wladimir, ihr Expeditionsarzt, sah das Flackern am Ende des langen Flures als Erster. So leise wie möglich näherten sie sich seiner Quelle.

Der Gang entließ sie in einen großen Raum, der ein Speisesaal gewesen war. Verdreckte Glasvitrinen, dahinter rechteckige Metallschalen, die einst mit warmen Mahlzeiten gefüllt waren; lange Tischreihen, genauso an den Metallboden geschweißt wie die Stühle davor: Es war offensichtlich lange her, dass an diesem Ort Besteck geklappert hatte und Aufseher durch die Reihen der Hungrigen patrouilliert waren.

Mittendrin das, was sie wie Motten angelockt hatte: ein schwach flackerndes Feuer, dessen wenige verbliebene Flammen an den Ecken eines Plastiktabletts leckten und kurz davor standen, zu orangefarbener Glut zu schrumpfen. Ein Anblick, der in verstörender Weise die sonstige Totenstille und Verlassenheit des Ortes kontrastierte und ihnen klar machte: Sie waren nicht allein.

 

 

5.

 

Angespannt blickten sie umher, sahen aber niemanden. Gonzalez’ Blick viel auf einen kleinen, rechteckigen schwarzen Gegenstand, der in der Nähe des Feuers lag. Es war ein Buch.

Er überflog die ersten Seiten. Es schien eine Art Tagebuch zu sein. Er las den ersten Eintrag laut vor:

„… haben hunderte von uns hier zurückgelassen. Das Gefängnis geschlossen und uns lebendig begraben. Ich hatte es dem obersten Krieger-Wächter Sha-Call immer zugetraut. Wem, wenn nicht ihm? Einmal hat er zu seinem persönlichen Vergnügen einen Hürdenlauf-Parcours angelegt, draußen, in der größten Mittagshitze. Aber es lagen keine waagerechten Stäbe oben drauf, sondern Kakteen-Stämme. WIR sollen die Bestien sein? WIR??? Sha-Call hat uns hier entsorgt, zum Verhungern zurückgelassen. (…) Gefängnis (…) Gruft gemacht. (…)“

Gonzalez nahm ein etwas dickeres Seitenbündel zwischen Daumen und Zeigefinder, um schneller voranzukommen.

Etwa zwanzig Seiten weiter war die Schrift des Tagebuchautors krakelig und unleserlicher. Auch die Rechtschreibung war deutlich schlampiger geworden.

„… zum Glück liefern die Grenz-Telekoporter, von den Krieeger-Wächtern gegen Fluchtversuche überall im Wald installiert, immer wieder Nachtschub; manchmal Antilosolopen, meistens die kaninchengroßen, Ratten des Planeten, zähe Biester ----FETTE SCHWEINEBIESTER----, kein Mensch deren Ihr Fleisch bitter schmeckt. Selten einen Unglücklichen, der zum Volk der Ureinwohner des Mondes gehört …“

„Scheiße …“, unterbrach Wladimir den Vortrag und sprang im gleichen Augenblick vor etwas zurück. Während Gonzalez’ letzter Zeilen hatte er mit einer Suppenkelle in der Glut der Feuerstelle gestochert.

Die Anderen traten zu ihm und starrten auf das verkohlte Stück, das in der Asche lag. Es war die Hälfte eines mit Zähnen besetzten Kieferknochens.

In diesem Moment hörten sie es zum ersten Mal. Es war ein Heulen, ein entferntes, entseeltes Kreischen.

Irgendwie musste dieses verdammte Buch Antworten geben. Gonzalez krallte seine Fingernägel in den rauen Ledereinband, dass sie schmerzten; blätterte gehetzt, eine Seite riss ein, als er sie umschlug. Manches Mal las er still vor sich hin, da das Geschriebene vor ihm aus Fetzen bestand, die keinen Sinn ergaben, den man hätte vorlesen können. Je weiter er blätterte, desto häufiger wurden solche völlig verworrenen Passagen.

Wieder klang ein Kreischen aus den Katakomben, den unbekannten Gängen, jetzt näher. Gonzales las wieder:

„… Sie fallen zu uns wie vom Himmel abgeworfene FRESS-- Nahrung und wir sind nicht mehr wählerisch, seit die Jahre ins Land gegangen sind. Es ist das Fallobst, das uns am Leben hält. Unsere Himmelsfrüchte. (…)“

Mit einem entseelten, unartikulierten Schreien sprang der Erste aus dem Dunkel des Ganges in den Raum.

Seine rechte Hand krallte sich um ein etwa fünfzig Zentimeter langes Metallrohr. An seinem Gürtel baumelte ein Stück blutiges Fell. Es war ein Tier, einem Biber oder einer Bisamratte ähnlich. Der Kreatur waren beide vorderen Beine ausgerissen. Die Stümpfe tropften rot und bildeten rasch eine kleine Lache. Als das Tier merkte, dass der Jäger innehielt, wand und bäumte es sich, als vermutete es eine letzte Chance zu entkommen.

Dabei fiepte es gellend.

Seine Todesangst ging im sofort wieder einsetzenden Kreischen der Kreatur unter, die zwar lebte, aber offenkundig bereits vor langer Zeit gestorben war.

Sie starrte auf das Buch, das das rechts vom Feuer stehende Fleisch in den Händen hielt. Dann riss sie ihr Metallrohr in die Höhe, heulte auf und stürmte los.

 

 

***

 

 

Es ist in der Ecke

 

 

In der Ecke hatte die Aufführung begonnen, wegen der er Momente wie diesen schätzte. Sein kleines Tapetenkino. Fiel das Abendlicht an Tagen wie diesen in bestimmten Winkeln in das Schlafzimmer der Altbauwohnung, brach es sich an den wie Lianen herabhängenden Ästen der immergrünen Zimmerpflanze, die auf dem Aktenregal in der Ecke stand, in einem großen Terrakottatopf. Er empfand das Schauspiel jedes Mal als kreativ und sinnlich sowie äußerst anregend. Nebenbei machte es ihn angenehm schläfrig, ganz so, als würde die gereizte Vorstellungskraft Energie kosten.

Das Licht- und Schattenspiel in der Ecke erzeugte an diesem Abend Figuren, die mal reale Entsprechungen hatten, mal an Fabelwesen denken ließen. Da er sich am Beginn seiner dritten Urlaubswoche befand, fühlte er sich entspannt. Daher hatte er an diesem Abend die Muße, die innere Ruhe, um der Aufführung länger als sonst zu folgen.

Mal wirkten die Umrisse, die auf der Tapete zuckten wie miteinander ringende große Dschungeltiere. Mal brauchte er seine ganze Fantasie, um irgendein System in ihnen zu formulieren. Da das Wohnzimmerfenster auf Kipp stand, fuhr ein Luftzug durch den hängenden Garten zwischen seinen Leitz-Ordnern. Er verwandelte das Schattenspiel in einen irren Tanz.

Ließ der Wind nach, beruhigten sich die körperlosen Schemen wieder und er glaubte erneut, Figuren zu erkennen. Er erschrak, als eine Klaue sich aufspannte, so als wolle sie nach etwas oder jemandem greifen. Der Wind hatte, bei gleich bleibendem Lichteinfall, einen Wedel seiner Zimmerpalme kurz gehoben und gesenkt.

Es war mittlerweile dunkler geworden. Viel zu schnell, wie er dachte, und das nahende Ende des Sommers verwünschte. Die Dunkelheit, wie auch die durch sie nachlassende Intensität des Lichtspiels an der Wand, ließen ihn schläfrig werden.

Ein Luftzug, der für die Jahreszeit zu eisig war, unterbrach sein Dösen. Licht und Schatten tanzten nun nicht mehr in der Ecke, die im Halbdunklen lag. Er wollte aufstehen, um das Fenster zu schließen, aber ein Gefühl, ähnlich beunruhigend wie der eben noch gefühlte kalte Hauch, ließen ihn liegend auf dem Bett verharren. Es war das Gefühl, nicht allein zu sein.

Er konzentrierte seine Sinne auf den Teil des Zimmers, der jetzt, nachdem es gedämmert hatte, von seiner Bettposition aus am schwersten einsehbar war. In der Ecke, in welcher sein Aktenregal stand, erkannte er den Umriss der mit Schnitzereien verzierten Holzsäule, auf der die kleine Palme stand.

In diesem Augenblick verfluchte er seine Fantasie, die ihm offenkundig einflüsterte, hinter der Palme stünde etwas, regungslos.

„Es“ war etwa einen Meter fünfzig lang und wurde so vollständig, zumindest der Länge nach, von der Pflanzensäule verdeckt. Dass „es“ dort stand, leicht gebückt, wie ein buckelähnlicher Umriss erkennen ließ, war aber ausgemacht: Die Konturen der Palme nämlich wichen zu oft von jenen des „etwas“ dahinter ab.

Falls „es“ Arme hatte, so hingen diese beinahe bis zum Boden und endeten in unverhältnismäßig großen Klauen. Diese wirkten umgekehrt wie Klötze, die an viel zu dünnen Ärmchen baumelten. In einer Konzentration der Sinne, die ihn anstrengte, lauschte er. Und ja, wann immer er den eigenen Atem anhielt, um ihn als akustische Störquelle abzustellen, hörte er „es“ atmen. Allerdings nur einatmen. Das klang wie die Luft, die von einer asthmatisch verengten Röhre angesaugt wird. Es war wie ein rasselndes Pfeifen. Unterbrochen wurde die Melodie alle paar Minuten von einem seufzenden Stöhnen, das sich anhörte, als hätte „es“ Schmerzen. Er bewegte kurz das rechte Bein. Das Röcheln hinter der Palme erstarb augenblicklich. Kein Laut war jetzt zu hören. Er wusste nun, dass „es“ ihn beobachtete.

Es gibt nicht nur Angstbeißer, es gibt auch Angstrenner. Dennoch: Es war mehr Verzweiflung, als Hoffnung auf den Ausweg, die ihn aufspringen und zur Glastür der Loggia sprinten ließ. Dort angekommen, wollte er die Tür sofort schließen und auf die Straße um Hilfe rufen.

Er war sportlich und sehr gut in Form. Das bestätigten ihm nicht nur seine diversen Liebschaften. Und er meinte, eine Art Heimvorteil in dem Wissen zu erkennen, dass er drei lange Sätze bis zur Loggia brauchte.

Das Wesen hinter der Palme brauchte zwei.

Details

Seiten
81
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936476
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514725
Schlagworte
seite tages

Autor

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Titel: Die dunkle Seite des Tages