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Bluthochzeit auf der Hazienda Valdez

2020 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Bluthochzeit auf der Hazienda Valdez

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Bluthochzeit auf der Hazienda Valdez

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Tony Masero, 2020

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Rodrigo Valdez war einst der reichste und angesehenste Haziendero, bis der selbsternannte „General“ Trujillo mit seiner Bande von Killern, Halsabschneidern und Totschlägern die Hazienda überfällt und Valdez von seinem Land verjagt. Trujillo führt ein grausames Regime und überzieht die Ländereien an der mexikanisch-amerikanischen Grenze mit brutalem Terror. Obendrein hat sich der „General“ Valdez' Tochter Teresa zu seiner künftigen Braut auserkoren. Frank Lorrigan, Teresas Geliebter, versucht mit aller Macht, Trujillos Plan zu verderben, hat aber eigene, finstere Pläne. Jim McLeod, ein ehemaliger Revolverheld, hat noch eine Rechnung offen mit Larrigan. Und dann ist da Antonio, der junge Vaquero, der Trujillo tot sehen will. Alle finden sich ein zur Bluthochzeit auf der Hazienda Valdez, wo sich ihr Schicksal erfüllen wird – im Kugelhagel von Gewehren und Colts …

 

 

 

Roman:

Die Pferde stolperten, die Wasserflaschen an den Sätteln waren leer.

Bei jedem Huftritt schwankte Teresa Valdez, aber keine Klage drang über die Lippen der bildhübschen Mexikanerin. Antonio, der junge Vaquero, ritt zusammengesunken hinter ihr.

Nur Frank Larrigan schienen Hitze und Durst nichts auszumachen. Mit der Hand am Sechsschüsser, saß er angespannt auf dem starkknochigen Braunen.

Wie ein gigantisches Gefängnis umgaben die Grate im Canyon de los Lobos die Flüchtenden. Er verästelte sich nach allen Richtungen.

Da rollte ein Stein vom Schluchtrand. Franks Blick erfasste zwei Reiter, deren Gewehre in die Tiefe zielten. Sie trugen buntgestreifte Ponchos und breitkrempige Sombreros. Handtellergroße Radsporen funkelten an den Stiefeln. „Deckung!“

Franks 44er-Colt flog hoch. Droben blitzte es. In das Donnern krachte Larrigans Schuss. Der Braune wieherte. Der große, breitschultrige Reiter brachte gerade noch die Füße aus den Bügeln, ehe das Tier zusammensackte. Er landete in einer Staubwolke, rollte sich ab und schickte, auf ein Knie gestützt, eine zweite Kugel zur Felskante.

Ein Schrei antwortete.

Eine vom Poncho umflatterte Gestalt schrammte an der zerklüfteten Steilwand herab und blieb mit dem Kopf nach unten über einem Felsvorsprung hängen.

Der Karabiner wirbelte auf die Canyon-Sohle. Der zweite Angreifer warf das Pferd herum und floh. Das Hämmern der Hufe entfernte sich rasch.

Frank erhob sich. Eine Staub- und Schweißkruste bedeckte sein kantiges Gesicht. Der Stetson hing auf dem Rücken. Die dunkelblonden Haare waren schweißverklebt. Er ging zu dem Braunen und zog die Winchester aus dem Scabbard. Das Pferd war tot.

Teresa gab Antonio die Zügel und trat zu ihm. Die Strapazen konnten den Reiz ihres bronzegetönten, von einer schwarzen Haarflut umrahmten Gesichts nicht beeinträchtigen.

„Nun wissen Trujillos Reiter, wo wir sind. Glaubst du, dass wir’s bis zur Grenze schaffen?“

„Nicht auf zwei Pferden. Reitet ohne mich weiter.“

Erschrocken hob Teresa eine Hand an die Kehle. „Niemals.“

„Sei vernünftig, Querida. Ich hab deinem Vater versprochen, dass ich dich heil aus Mexiko rausbringe. Er zahlt mir dreitausend Dollar dafür. Ich hab bisher noch jeden Job zu Ende gebracht.“

„Es ist mehr als ein Job, Frank.“

„Gerade deshalb werd ich nicht zulassen, dass dieser Bastard Trujillo dich in die Finger kriegt. Wenn’s mir gelingt, ihn und seine Killer aufzuhalten, seid ihr morgen schon in Arizona. Keine Bange, ich lass mich nicht erwischen.“

Er lehnte die Winchester an einen Felsblock, küsste Teresa und hob sie aufs Pferd. Seine grauen Augen hefteten sich auf den jungen Vaquero.

„Bring sie nach Tucson, Amigo.“

„Sie können sich auf mich verlassen, Señor Larrigan.“

 

*

 

Im Traum spürte Teresa die Umarmung des Revolvermannes.

„Te quiero, Frank – ich liebe dich, Frank!“, flüsterte sie an seinem Ohr.

Da verwandelte sich Larrigans Gesicht in das des Banditengenerals Trujillo. Seine Finger gruben wie Raubvogelkrallen in Teresas Schultern. Sie wollte schreien. Plötzlich wachte sie auf.

Antonio beugte sich über sie und rüttelte sie sacht. „Sie kommen!“

Einen Moment wusste Teresa nicht, wo sie war. Dann erkannte sie die Umrisse der Mesquite- und Kreosotsträucher am Lagerplatz, hörte das Schnauben der Pferde und sah den bleichen Schimmer über einem entfernten Felskamm, der den Mondaufgang ankündigte. Sterne funkelten, aber zwischen den Sträuchern war es dunkel, die Luft kühl.

Lauschend setzte Teresa sich auf. Ein dumpfes Pochen kam aus den Hügeln, Zweige knackten. Der junge Vaquero rollte hastig die Decke zusammen.

„Es sind offenbar mehrere Trupps.“

Teresa ergriff das neben ihr liegende Gewehr. Sie war die Tochter des ehemals reichsten und mächtigsten Hazienderos im Tal des Rio Magdalena. Ramon Trujillos Bandolero-Armee hatte ihn aus dem Land gejagt. Die Hälfte der Vaqueros und Peones waren beim Kampf um die Hazienda und auf der anschließenden Flucht nach Arizona umgekommen.

Trujillo hatte sich damals bei Verwandten in Hermosillo aufgehalten. Trujillos Reiter waren auch hinter ihr hergewesen. Der selbsternannte Rebellengeneral, der in Wirklichkeit eine Bande von Mördern, Totschlägern, Brandstiftern und Plünderern kommandierte, wollte sie zur Frau. In einem kleinen Mexikanerdorf, das auf dem Land der Hazienda Valdez lag, hatte Teresa sich versteckt, bis Larrigan kam. Antonio hatte ihn zu ihr geführt.

Sie wollte zu den Pferden, da wieherte die Stute. Sofort setzten die Geräusche in den Hügeln aus.

Antonio duckte sich. Seine Rechte umklammerte den Revolver. Doch der junge Mexikaner verstand sich besser auf den Umgang mit Reata und Brenneisen als mit Sechsschüssern. Ein mehrfaches metallisches Schnappen durchbrach die Stille. Wieder reagierte die Stute mit einem Wiehern.

„Fort!“, keuchte Antonio.

Die Frau hielt ihn fest. „Wir müssen die Pferde zurücklassen. Sie hören uns sonst und verlegen uns den Weg.“ Trotz der Dunkelheit erkannte sie, dass Antonios Augen sich erschrocken weiteten.

„Es sind nur zehn Meilen zur Grenze. Die schaffen wir vor Sonnenaufgang auch zu Fuß.“

Sie kroch auf die Büsche zu. „Komm!“, raunte sie, als der Junge zögerte.

Sie krochen am Wasserloch vorbei in eine sandige Rinne, Teresa voran. Die Pferde stampften, ein Rascheln kam vom Rand der Hügel, dann ein nachgeahmter Kojotenruf. Jenseits des Lagerplatzes ertönte die Antwort. Dann richtete sich nicht weit von Teresa und Antonio eine Schattengestalt neben einem Felsen auf. Die Flüchtenden pressten sich in die Rinne. Schritte knirschten, Sporen klirrten leise, dann war alles wieder still. Vorsichtig krochen die Mexikanerin und der Vaquero weiter. Die zurückgelassenen Tiere bewegten sich unruhig, während Trujillos Männer das Camp umzingelten.

Trotz der Nachtkühle klebte die Bluse an Teresas schweißnassem Körper. Ein Hügel ragte vor ihnen empor. Felsblöcke und Dornbüsche boten Deckung. Geduckt schlichen sie hinauf. Sie befanden sich nun außer Revolverschussweite.

„Auf sie!“, gellte es plötzlich.

Schatten huschten zum Wasserloch, ein Schuss peitschte. Die angepflockten Pferde zerrten an den Stricken. Dann folgte ein Fluch, ein zorniger Befehl. Antonio war bereits am gegenüberliegenden Hang. Er kam zu Teresa zurück, die mit der Winchester hinter einem Felsblock kauerte.

„Trujillo!“, flüsterte sie.

Auch Antonio hatte die Stimme erkannt. Die Männer beim Wasserloch zündeten einen rasch aufgeschichteten Reisighaufen an. Mexikaner mit Ponchos und wagenradgroßen Sombreros bewegten sich im rötlichen Licht. Sie hielten Gewehre. Einer schleuderte die Deckenbündel auseinander, ein anderer durchwühlte die Satteltaschen.

Dann lenkten Trujillo und sein Adjudant El Verdugo, der Henker, ihre Pferde auf den Lagerplatz.

Teresa vergaß die Gefahr. Jede Einzelheit prägte sich ihr ein.

 

*

Der General war überraschend jung, knapp dreißig, nur wenige Jahre älter als Teresa, mittelgroß und schlank. Ein hochmütiger Ausdruck beherrschte das glattrasierte, eigentlich gutgeschnittene Gesicht. Deutlich verriet es die spanische Abstammung.

Trujillo trug eine rote, mit Goldknöpfen und Litzen verzierte Uniformjacke, enge schwarze Hosen und hochschäftige Stiefel. Eine goldbestickte Uniformmütze, weiße Handschuhe und dazu ein weißes Koppel mit Säbel und Revolver gehörten dazu. Das Pferd war ein schneeweißer Hengst mit prächtigem Sattel und Zaumzeug.

Trujillos Schießer kontrollierten bereits das Gebiet zwischen dem Rio Magdalena und der Arizona-Grenze, doch sein Traum war, eines Tages ganz Sonora zu beherrschen. Die Revolution, die wieder einmal Mexiko erschütterte, bot ihm, wie er hoffte, Gelegenheit dazu. Seine erbittertsten Gegner waren tot oder geflohen, zuletzt Rodrigo Valdez. Seitdem galt die Hazienda von Teresas Vater als uneinnehmbare Festung und Residenz des Generals.

El Verdugo war fast so dunkelhäutig wie ein Afrikaner, aber mit indianischen Gesichtszügen, größer als Trujillo, breitschultrig, doch mit schmalen Hüften. Der schwarze, silberbestickte Charro-Anzug verstärkte das düstere Äußere. Er war mit zwei langläufigen 45ern bewaffnet. Am Sattel baumelte eine Machete. Es hieß, dass El Verdugo mehr Tote als jeder andere Mann in Trujillos Bandolero-Armee auf dem Gewissen hatte.

Als würde sie einem fremden Willen gehorchen, hob Teresa die Winchester an die Schulter. Ihre Hände waren ganz ruhig.

„Wenn Sie schießen, war alles umsonst“, stieß Antonio hervor. „Dann werden Sie Señor Larrigan nie Wiedersehen.“

Es schien eine Weile zu dauern, bis die Worte ins Bewusstsein der Frau drangen. Langsam wandte sie den Kopf. Das Gewehr zielte noch immer auf die Reiter. Stimmen und Geräusche erfüllten die Nacht.

„Ihr Vater wartet auf Sie, Señorita Teresa!“, beschwor der junge Vaquero sie.

Da ließ sie die Waffe sinken. Aus dem Labyrinth der Canyons im Süden wehte das Knattern ferner Schüsse.

 

*

 

Mit verbissener Miene zählte Frank Larrigan die letzten Patronen, insgesamt dreizehn, sechs für den Colt, sieben für die Winchester. Die Waffen besaßen dasselbe Kaliber.

Der Revolvermann kauerte am Fuß einer Felsmauer hinter einem Quader. Vor ihm senkte sich ein mit Geröll und Fettholzstauden bedeckter Hang zur Canyonsohle. In der fahlen Dunkelheit sah er die Gegner nur als huschende Schatten. Mündungsfeuer blitzten. Donnernde Echos wogten durch die breite Schlucht, die am Hang unter Frank endete. Er war in eine Sackgasse geraten. Die sieben oder acht Bandoleros litten im Gegensatz zu ihm offenbar keinen Munitionsmangel. Seine Deckung war reichlich von Blei zerschrammt. Nach jeder Salve drang ein Wiehern und Stampfen hinter der Canyonbiegung hervor.

Larrigans Kehle war trocken, die Lippen aufgesprungen. Weitere zwölf Stunden unter der glühenden Sonne von Sonora würde er ohne Wasser nicht durchstehen. Doch zunächst musste er aus der Falle heraus. Das bedeutete, er brauchte ein Pferd – eins der Tiere jener Burschen, die nun im Bewusstsein der Überlegenheit die Waffen nachluden.

Ein silbriger Schimmer über den Felsrändern verriet, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. In einer halben Stunde würde der Mond in die Canyons de los Lobos leuchten. Danach gab’s für Frank Larrigan kein Entkommen mehr.

Im Gebüsch an der rechten Schluchtwand raschelte es. Steine klirrten. Doch so sehr Frank auch die Augen anstrengte, er fand kein Ziel. Kalt und schwer lag die Winchester 73 in seinen Fäusten. In der Ferne heulte ein Kojote.

„He, Gringo!“, schallte es dann. „Wie lange willst du noch mit dem Feuerwerk weitermachen? Es ist spät. Ich lade dich zu ’nem Letzte-Nacht-Drink ein, Compadre!“

Die Bandoleros lachten. Larrigan prägte sich die Richtung ein, aus der die Stimmen kamen.

„Sauf deinen Fusel selber und krepier!“, schrie er und schickte, obwohl die Patrone vergeudet war, einen Schuss hinterher.

Prompt überschüttete ein neuerlicher Bleihagel den Felsblock. Querschläger jaulten, Steinsplitter spritzten.

Frank hatte zwar den schweren Texassattel bei seinem toten Pferd gelassen, aber die Reata, das zusammengerollte Wurfseil, mitgenommen.

Rasch streifte er’s über die Schulter, richtete sich geduckt auf und feuerte nochmal. Dann stieß er mitten in das Dröhnen, Pfeifen und Klatschen einen gellenden Schrei aus. Dabei warf er die Arme hoch, rollte, das Gewehr an sich gepresst und von einem Schwall scheppernder Steine begleitet, den Hang hinab.

Das Krachen setzte aus. Mit einigen leichten Prellungen und Abschürfungen landete Frank neben einem Felsblock. Am Hang rutschte und klirrte es noch, dann herrschte Stille. Der Revolvermann atmete flach, jeden Nerv angespannt.

Nach einer Weile hörte er wieder ein Rascheln, Scharren und Tappen. Lauernd bewegten sich die Mexikaner im Schutz der Finsternis heran.

„He, Gringo!“, rief dieselbe Stimme wie zuvor.

Frank drehte sich auf die Seite, nahm die Reata von der Schulter und hielt die Winchester schussbereit. Kein Mündungsfeuer flammte.

Schatten tauchten auf, verschwanden wieder.

„Er liegt da drüben beim Busch“, verstand er.

Ein anderer widersprach gedämpft: „Nein, beim Felsblock.“

Larrigan fröstelte. Wenn die Kerle auch nur die Andeutung einer Bewegung sahen, war’s aus mit ihm. Er klemmte die Winchester zwischen die Steine, band das Seil an den Repetierbügel und kroch mit dem anderen Ende in der Hand an der Anhöhe entlang. Obwohl er am liebsten aufgesprungen und gerannt wäre, bewegte er sich mit schneckenhafter Langsamkeit.

Er erstarrte, als sich fünf Schritte rechts von ihm eine dunkle Gestalt aus der Schwärze schob. Noch weiter rechts schleifte ein Gewehrkolben im Sand.

„Ich trau dem Gringo nicht“, warnte der Anführer. „Seid vorsichtig, Amigos.“ Die Stimme kam von der anderen Schluchtseite. '!

Der Mann rechts von Frank verharrte geduckt. Undeutlich erkannte Frank das schussbereite Gewehr. Er zog am Seil, bis er den Widerstand spürte, dann ruckte er kräftig. Das Knacken des Repetierbügels ließ den Bandolero zusammenzucken.

Ein Fluch kam aus der Schwärze, dann spuckten mehrere Karabiner Feuer und Blei in die Richtung des Geräusches. Ein Donnern füllte wieder die Schlucht. Larrigan ließ das Seil los und kroch hastig davon. Als das wütende Schießen aufhörte, richtete er sich an der Canyonwand auf. Ein Grinsen umspielte seine Mundwinkel. Aber zur Biegung, hinter der die Bandolero-Pferde standen, waren es immer noch sechzig Yard. Der Mond lugte bereits über die Felskante.

„Pablo, Felipe, seht nach, ob wir ihn erwischt haben.“

Frank hastete an der Felsmauer entlang. Ein kühler Luftzug trug ihm den Geruch der Pferde entgegen. Er dachte an die Wasserflaschen an den Sätteln, dann sah er sie schon vor sich, eine kompakte schwarze Masse an „seiner“ Schluchtseite, die sich unruhig bewegte. Die Tiere waren mit den Köpfen zueinander an einem in die Erde gerammten Pflock festgebunden.

Hinter der Biegung schallte ein wütender Ruf. Da hatte Larrigan schon eine Hand am Sattelhorn und einen Fuß im Steigbügel. Der Druck eines Karabiners im Rücken lähmte ihn jedoch. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Bande einen Wächter bei den Pferden ließ.

„Nur ruhig, Gringo! Du stirbst früh genug.“

 

*

 

Nach einer halben Stunde wirkten die kastenförmigen Lehmziegelgebäude der Pferdewechselstation noch immer gleich weit entfernt. In der flimmernden Luft verschoben sich die Konturen. Kakteen und Buschgruppen sprenkelten das ausgedörrte Land. Die Postkutschenstraße nach Tucson verlor sich in den bleifarbenen Hitzeschleiern am Horizont.

Teresa und der junge Vaquero stützten sich gegenseitig, beide staubbedeckt, mit verfilztem Haar. Ihr stoßweiser Atem und das Knirschen des Sandes unter den Sohlen waren die einzigen Geräusche. Manchmal hatten sie den Eindruck, an immer wieder denselben Mesquitesträuchern und Saguarokakteen vorbeizukommen. Dann nahm ein tiefeingeschnittenes Arroyo sie auf. Mühsam kämpften sie sich an der gegenüberliegenden Böschung empor.

Die Mexikanerin blinzelte. Die Korrals der Pferdewechselstation lagen nur mehr einen Steinwurf vor ihnen. Der Schatten des Windbrunnenturms lag auf den Gebäuden. Kein Lufthauch bewegte das Rad. Unwillkürlich blickte Teresa zurück. Doch keine Staubwolke in der glühenden Weite verriet das Nahen von Verfolgern.

„Warte!“

Sie verschwand im Gebüsch. Als sie wieder zu Antonio trat, waren Rock und Bluse ausgestaubt, das lange, schwarze Haar mit einem Tuch zusammengebunden. Außerdem hatte sie die Staub- und Schweißkruste vom Gesicht gewischt.

„Wie sehe ich aus?“

„Jeder wird sofort erkennen, dass Sie die Tochter eines Hidalgo sind“, bewunderte der Junge sie.

Mit erhobenem Kopf schritt sie auf die Gebäude zu. Antonio folgte ihr. Eine knorrige Steineiche, der einzige Baum im Umkreis, beschattete den Korral. Neugierig äugten die Pferde herüber. Alles blieb still. Die nächste Stagecoach kam vielleicht erst in einigen Tagen. In der Station war es dämmrig und angenehm kühl. Der Raum war Wohnstube, Wartesaal und Saloon in einem.

Teresas Augen mussten sich erst an das Halbdunkel gewöhnen. Der schnurrbärtige, bullige Stationer stand hinter der aus Kistenbrettern gezimmerten Theke. Er hatte bereits zwei Gläser mit einer grünlichen Flüssigkeit für sie und Antonio gefüllt. Die Küchentür war nur angelehnt. Dahinter klapperte Geschirr. Mit schnellem, misstrauischen Blick prüfte Teresa die Anwesenden.

Ein dicker Handlungsreisender saß mit einer großen Ledertasche auf den Knien neben der Tür. Trotz Schatten und Kühle schwitzte er. Ihm gegenüber dösten drei weißgekleidete Peones, mexikanische Tagelöhner. Sie kauerten am Lehmboden. Die strohgeflochtenen Sombreros lagen vor ihnen. Die nackten Füße steckten in Strohsandalen.

Ein weiterer Gast, der auf die Kutsche wartete, saß am Ecktisch. An ihm haftete Teresas Blick einige Sekunden länger.

Mit dem schwarzen Anzug, dem weißen Hemd und der schwarzen Kragenschleife sah er wie ein Berufsspieler aus. Auffällig war das tief am rechten Oberschenkel festgebundene Holster. Der mit Perlmutt ausgelegte Kolben eines langläufigen 44er-Colts ragte heraus.

Der Mann war groß und schlank, das eher knochige Gesicht sonnengebräunt, sein Alter unbestimmbar. Er mochte dreißig, ebenso auch zehn Jahre älter sein. Eine Whiskyflasche und ein halbvolles Glas standen vor ihm. Er sah Teresa und den Vaquero nur kurz an.

Teresa trat an die Theke.

„Wir kommen von der Grenze, ohne Geld. Mein Vater, Rodrigo Valdez, wartet in Tucson auf mich. Er wird alles, was wir benötigen, bezahlen.“

„Machen Sie sich deshalb keine Gedanken, Ma’am.“

„Gracias, Señor.“

Da sprangen die drei wie Peones gekleideten Mexikaner auf. Jeder hielt plötzlich einen Revolver.

„Keine Bewegung!“

 

*

 

Antonio fuhr herum, wollte die Winchester haben, da war einer der Kerle schon bei ihm und schlug ihn mit dem Sechsschüsser nieder.

Im nächsten Augenblick berührte der Revolver Teresa. Das sichelbärtige Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.

„Du bist weit geflogen, Täubchen, aber nicht weit genug. Hast du wirklich geglaubt, die Grenze hält uns auf?“

„Was, zum Teufel, wollt ihr von ihr?“ Die klobigen Fäuste des Stationers verschwanden unter der Theke.

Sofort zielte ein Revolver auf ihn.

„Misch dich nicht in Privatangelegenheiten!“, zischte der Sichelbärtige. „Könnte sein, dass du sonst verdammt schnell in Satans Suppentopf landest.“

„Es sind Bandoleros!“, rief Teresa. „Ihr Anführer Trujillo will mich zur Frau. Ich bin Teresa Valdez. Mein Vater wird jedem, der mir hilft, eine hohe Belohnung zahlen.“

„Wir zahlen auch – mit heißem Blei!“, drohte der Sichelbärtige. „Adelante, Muchacha! Der General erwartet dich.“

Teresas Augen funkelten. „Wenn du schießt, wird Trujillo dich an den Füßen über ein Feuer hängen.“ Ihr Blick schnellte zu dem Stationer. „Nehmen Sie keine Rücksicht auf mich, Señor!“

Das Klappern des Geschirrs nebenan war verstummt. Der Bullige schluckte, trat dann ans Regal zurück und hob die Hände.

„Tut mir leid, Ma’am, ich habe Familie.“

„Ich auch!“, krächzte der Dicke. Unaufgefordert streckte er ebenfalls die zitternden Hände empor.

Teresa sah den Schwarzgekleideten an, der zurückgelehnt und mit ausgestreckten Beinen unverändert am Ecktisch saß.

„Und Sie?“

„Ich glaub nicht, Ma’am, dass meine Familienverhältnisse von besonderem Interesse sind.“

„Ich halte Sie für einen Pistolero, Señor.“

„Mein Name ist Jim McLeod.“ Der Schwarzgekleidete stand auf, deutete eine Verbeugung an und setzte sich wieder. Der Revolver des dritten Mexikaners bewegte sich mit.

„Ich biete Ihnen tausend Dollar, Señor McLeod, wenn Sie verhindern, dass diese Schurken mich nach Mexiko zurückbringen.“

„Ich bin zwar unverheiratet, aber nicht lebensmüde.“ Jim McLeod trank. „Daran ändert sich auch nichts, wenn Sie den Preis erhöhen, Señorita“, kam er Teresas Erwiderung zuvor.

„Nimm ihm trotzdem das Eisen ab, Felipe“, befahl der Sichelbärtige. „Ich trau keinem verdammten Gringo-Pistolero.“

„Schlechte Erfahrungen?“ McLeods Grinsen besaß Ähnlichkeit mit dem Zähnefletschen eines ausgehungerten Wolfs. Er rührte sich nicht, als der Mexikaner sich ihm von der Seite näherte und den 44er aus dem Holster zog.“

„Vergiss nicht, die Waffe hierzulassen, Compadre. Ich müsste sie mir sonst wiederholen, und das könnte ziemlich ungesund für dich und deine Amigos ausgehen.“

„Werd nicht frech, Gringo.“

„Streiten wir nicht. Tu einfach, was ich sage.“ Ruhig füllte der Revolvermann das Glas. Felipe starrte ihn wütend an, aber der Sichelbärtige fauchte: „Keinen Ärger! Wir sind hier nicht in Sonora. Bring die Pferde! Und du, Muchacha, trink! Wir haben einen langen Ritt vor uns.“

„Ich dachte, es gibt noch Männer in Arizona, aber ich hab mich wohl getäuscht.“ Mit starrer Miene hob Teresa den Drink. Sie sah den Sichelbärtigen an. „Was ist mit Frank Larrigan?“

Ein Aufblitzen erschien in McLeods Augen, dann war sein Gesicht wieder ausdruckslos. Der Bandolero lachte.

„Der General lässt sich bestimmt ’ne besondere Todesart einfallen. Da kommt Felipe mit den Pferden. Verschwinden wir!“

 

*

 

Hinter einer Bodenwelle hielten Teresas Entführer, zerrten die Gefangene herab und fesselten sie. Mannshohe Kreosot- und Ocotillo-Sträucher umstanden den Platz. Der Sichelbärtige band die Pferde fest. An den lederbezogenen, hochbordigen Holzsätteln hingen Gewehre. Der Anführer zog seines aus dem Scabbard.

„Lass die Pfoten von ihr, wenn du nicht willst, dass der General dich einen Kopf kürzer macht!“, fuhr er den bei Teresa Kauernden an.

Der Bandolero erhob sich. Halb gierig, halb enttäuscht blickte er auf Teresas wohlgeformte Beine. Der Rock war bis über die Knie gerutscht, Teresas Hände auf den Rücken gefesselt, so dass sie ihn nicht glätten konnte. Sie lag auf der Seite. Riemen umspannten auch die Fußgelenke. Die runden, festen Brüste zeichneten sich deutlich unter der am Körper klebenden Bluse ab.

„Wenn die Gringo-Soldados euch erwischen, seid ihr erledigt.“

„Die Blauröcke haben mit den Apachen genug zu tun. Bis sie erfahren, was auf Benbows Station geschah, sind wir längst in Mexiko.“ Der Sichelbärtige spähte zur Bodenwelle.

„Reitet dieser Verrückte noch immer auf unserer Spur?“

„Es ist der Junge“, wusste Felipe.

Die Gefangene war enttäuscht. Der Kumpan des Sichelbärtigen spuckte aus.

„Hättest härter zuschlagen sollen, Alonso.“

„Ein Mord hätte zu viel Staub aufgewirbelt. Hier sind wir sozusagen unter uns. Kein Hahn wird nach dem Dummkopf krähen. Nimm Felipes Gewehr mit. He, Felipe, wie weit weg ist er noch?“

„’ne halbe Meile. Er hat’s ziemlich eilig.“

„Hast ihm wohl den Kopf verdreht, Muchacha – wie Larrigan und dem General“, grinste der Sichelbärtige. „Pass auf, dass er dich nicht sieht, Felipe! Wir lassen ihn so nahe wie möglich ran.“

Teresa zerrte an den Fesseln.

„Ich hoffe, dass die Apachen die Schüsse hören!“, keuchte sie.

Der Anführer war schon am Hang. Grinsend schaute er zurück.

„Was glaubst du, was dann mit dir geschehen würde? Aber hier gibt’s keine Apachen.“

Das letzte Stück krochen sie. Auf dem Kamm wuchsen halbverdorrte Grasbüschel. Der Sand war heiß wie Ofenachse. Die Bandoleros rieben die Gewehrläufe damit ein, damit kein Blinken sie verriet.

Verbissen folgte Antonio ihrer Spur. Er saß auf einem kurzbeinigen, stämmigen Braunen, den Benbow ihm überlassen hatte. Zum Schutz gegen die Hitze hatte er nach Piratenart ein rotes Tuch um den Kopf gewickelt. Der Revolver steckte im Hosenbund. Quer über dem Sattel lag Teresas Winchester.

Die Mexikanerin versuchte wieder die Riemen zu lockern. Plötzlich fiel ein Schatten auf sie. Ihr Atem stockte, als sie das große gelbbraune Pferd mit den weißen Fesseln und dem weißen Brustfleck sah. Die Hufe waren lederumwickelt. Zaum und Sattelbeschläge funkelten.

Dann erfasste Teresas Blick den schlanken, schwarzgekleideten Reiter. Die Kragenschleife saß korrekt. Der 44er steckte im Holster. Die Jacke war dahinter geschoben.

McLeods Hände ruhten auf dem Sattelhorn, schmale, nervige Hände ohne Schwielen und Lassonarben. Der Falbe stampfte fast lautlos an der jungen Frau vorbei. McLeod beobachtete sie nicht.

„He, Muchachos!“

Sie zuckten herum. Der Sichelbärtige stieß einen krächzenden Schrei aus. Dann brachten sie, halb kniend, halb liegend, die Karabiner hoch.

Ein Krachen füllte Teresas Ohren. Pulverrauch umwallte Jim McLeod. Der feuerspuckende Sechsschüsser lag wie hingezaubert in seiner Rechten. Mann und Pferd verharrten reglos. Eine Kugel pfiff am Gesicht des Reiters vorbei, dann ließ er die Waffe sinken. Leblos lagen die Gegner auf dem Kamm.

Jenseits der Bodenwelle hämmerten Hufe.

McLeod klappte die Colttrommel auf, stieß die qualmenden Hülsen aus und ersetzte sie durch Patronen aus den Schlaufen seines Büffelledergurts. Jede seiner Bewegungen schien trotz aller Lässigkeit von tiefer Bedeutung.

Teresas momentane Benommenheit verflüchtigte sich. „Binden Sie mich los!“

McLeod drehte das Pferd, blieb aber im Sattel. „Sie erwähnten Frank Larrigan. Wo find ich ihn?“

„Was wollen Sie von Frank?“

„Zehntausend Dollar – und seinen Skalp.“ Kein Muskel bewegte sich in McLeods Gesicht.

Die Mexikanerin starrte ihn betroffen an. „Sie haben sich umsonst bemüht!“, stieß sie dann hervor. „Wahrscheinlich ist Frank längst tot.“

„So leicht ist er nicht unter die Erde zu bringen – auch nicht von Trujillo.“ Gelassen richtete McLeod den Colt auf Antonio, der verschwitzt und mit schussbereitem Gewehr um die Anhöhe bog. „Keine Dummheiten, Amigo!“

Der junge Vaquero hielt. „Was wollen Sie?“

„Nur ’ne Auskunft. Kein Grund zur Aufregung, Amigo.“ Der 44er bannte Antonio. „Ich such Frank Larrigan.“

„Er will Frank töten!“, rief Teresa. „Lass dich nicht erpressen!“

„Davon kann nicht die Rede sein. Ich finde ihn auch ohne Ihre Hilfe. McLeods Colt tauchte ins Holster. „Es war mir ein Vergnügen, Ma’am. Grüßen Sie Ihren Vater.“

 

*

 

Der weißhaarige Haziendero stützte sich auf den Knotenstock. Tiefe Falten kerbten das hagere Gesicht. Eine frische Säbelnarbe überzog die Stirn.

Trujillo hatte sie ihm beim Kampf um die Hazienda beigebracht. Mit finsterer Miene blickte Rodrigo Valdez aus dem Fenster. Büsche und Bäume umstanden das zweigeschossige, im spanischen Stil errichtete Gebäude am Stadtrand von Tucson. Es gehörte einem reichen Minenbesitzer, einem Freund von Valdez, der es ihm und seinen Leuten nach der knapp geglückten Flucht für die nächsten Wochen gern überließ.

Endlich drehte der Haziendero sich zu seiner Tochter um. Sie saß am Tisch. Das Fruchtsaftglas stand unberührt vor ihr.

Das grüne Kleid passte gut zur Farbe ihrer Augen. Sie trug Ohrringe, ein Kettchen mit einem Medaillon und einen schmalen Ring mit glitzerndem Stein. Nur aus der Nähe waren die feinen, dunklen Linien im Gesicht der schönen Mexikanerin erkennbar.

„Larrigan kannte sein Risiko.“ Valdez hinkte zum Sessel, blieb aber stehen. „Wir können nichts für ihn tun.“

„Du hast zwar die Hazienda verloren, aber immer noch genug Geld, Pistoleros anzuheuern.“

„Ich sehe keinen Anlass dazu. Larrigan ist ein Söldner. Ich hab ein Geschäft mit ihm abgeschlossen, zu dem von ihm bestimmten Preis. Mehr interessiert mich nicht. Die dreitausend Dollar liegen für ihn bereit.“

„Er hat sein Leben für mich gewagt.“

„Für dreitausend Dollar“, widersprach Valdez.

„Das ist nicht wahr!“ Die junge Frau sprang auf. „Er blieb zurück, ohne Pferd, ohne Wasser, obwohl Trujillos Reiter uns dicht auf den Fersen waren. Er wollte sie aufhalten, auf eine falsche Spur locken, damit Antonio und ich eine Chance bekamen. Er hat’s nicht für Geld, sondern für mich getan.“

Valdez kniff die Augen zusammen. Seine Stimme kratzte. „Das fehlte noch, dass du dich in einen Gringo-Pistolero verliebst.“

„Wenn Frank lebt, werd’ ich seine Frau.“

„Niemals!“

Teresas Wangen flammten, aber sie beherrschte sich. „Ich bin alt genug, mir den zukünftigen Mann selbst auszusuchen.“

„Du weißt nicht, wovon du sprichst.“ Bitterkeit schwang in Valdez’ Stimme. „Ich will, nachdem Trujillo mir die Hazienda mit allen umliegenden Dörfern wegnahm, nicht auch noch die einzige Tochter verlieren, ausgerechnet an einen Mann wie Larrigan. Ich hatte schon gefürchtet, dich nicht wiederzusehen, und ich bin auch bereit, die drei- oder vierfache Summe dafür zu bezahlen, aber ich gebe dich ihm nicht zur Frau.“

„Weil ich eine Valdez bin und er ein Pistolero?“

„Ein Mann, der davon lebt, dass er kämpft und tötet – egal für wen. Gewiss, nur ein solcher Mann konnte dich aus Trujillos Klauen retten. Trotzdem bleibt er ein bezahlter Killer. Ein Mann, der nie sesshaft wird, immer an der Grenze zwischen Recht und Gesetzlosigkeit, bis es ihn eines Tages selber trifft. Wenn du glaubst, dass du ihn liebst und an seiner Seite glücklich …“

„Ich weiß es.“

Valdez stieß heftig den Stock auf den mit einem Teppich bedeckten Boden.

„Wenn Larrigan nach Tucson kommt, werde ich Rechenschaft von ihm fordern.“

„Dafür, dass er mir das Leben rettete? Dass er sich entschloss, meinetwegen seinen Beruf aufzugeben? Auch wenn du gegen ihn bist, Vater – ich werde alles tun, ihm zu helfen.“

Im Gesicht des Weißhaarigen arbeitete es. Dann humpelte er zur Tür und öffnete. Zwei breitschultrige Mexikaner mit gekreuzten Patronengurten über den Oberkörpern standen davor, Valdez’ Leibwächter. Sie besaßen Gewehre.

„Bringt Teresa auf ihr Zimmer! Lasst sie ohne meine Erlaubnis nicht aus dem Haus!“ Als sie zögerten, stieß er wieder mit dem Stock auf. „Adelante! Wird’s bald!“

„Fasst mich nicht an!“, fauchte die junge Frau. Ohne Valdez anzusehen, verließ sie den Raum. Die beiden Mexikaner begleiteten sie den Korridor entlang. Einer öffnete ihre Zimmertür.

„Tut mir leid, Señorita …“ Sie rauschte an ihm vorbei, schlug die Tür zu und schob den Riegel vor.

Dann erst wurden ihre Knie weich. Ein Schluchzen stieg in ihre Kehle. Sie sank auf die Bettkante und presste die Hände vors Gesicht. Erinnerungen bestürmten sie.

Da klirrte leise die Fensterscheibe. Hastig wischte sie mit einem Tuch die Tränen fort. Als sie sich hinausbeugte, war ihr nichts mehr anzumerken. Antonio stand auf dem Kiesweg unter dem Fenster.

„Was hast du rausgefunden?“

Der Junge vergewisserte sich, dass niemand kam. „Zwei Partner von Señor Larrigan warten in Benson“, berichtete er gedämpft. „Sie heißen Joe Cobb und Lance Dexter.“

„Bueno.“ Ein Funkeln trat in Teresas Augen. „Besorg Pferde und eine Reata, Amigo. Sobald’s dunkelt, fliehen wir.“

 

*

 

Fäuste hämmerten gegen die Tür.

Valdez, der im Lehnstuhl eingeschlafen war, schreckte auf. Seine erste Reaktion war der Griff zum Revolver, der auf dem weißgedeckten Tisch neben ihm lag. Die Vorhänge waren zugezogen, der Lampendocht herabgebrannt. Wie Risse durchzogen die Falten das Gesicht des Weißhaarigen.

„Die Señorita ist fort!“, rief der Mann vor der Tür.

Valdez’ Hand zitterte so heftig, dass er fast den Riegel nicht bewegen konnte. Es war einer seiner Vaqueros, halb außer Atem.

„Antonio ist mit ihr geflohen, Patron.“

Valdez umkrampfte den Stock. „Wann?“

„Vor zehn Minuten sah Pancho bei seinem Rundgang ein Seil am Fenster von Señorita Teresas Zimmer.“

„Warum habt ihr mich erst jetzt geweckt? “

„Wir dachten, wir finden sie in der Stadt. Dann stellten wir fest, dass zwei von unseren Pferden im Mietstall fehlten. Der Stallmann sah Ihre Tochter und Antonio fortreiten Richtung Grenze.“

„Por Dios, sie hat den Verstand verloren!“, stieß der Haziendero hervor. „Wir müssen sofort hinterher! Sag Pancho, Esteban und Mateo …“

Valdez bemerkte den Blick auf den Knotenstock und sein steifes rechtes Bein. Er seufzte.

„Du hast recht, Toribio. Ihr müsst ohne mich reiten. Ich hätte sonst auch nicht einen Gringo-Pistolero angeheuert, der meine Tochter aus Sonora holt. Ich versprach Larrigan dreitausend Dollar dafür. Jeder von euch erhält tausend, wenn ihr verhindert, dass Teresa die Grenze erreicht. Bringt sie zurück!“

„Wenn sie sich weigert, Patron?“

„Dann wendet, verdammt noch mal, Gewalt an!“ Gleich darauf erschlafften Valdez’ Züge. „Toribio. Ich liebe meine Tochter.“

„Si, Patron, ich weiß.“

 

*

 

Benson bestand aus einem Dutzend Bretter- und Adobegebäuden und ebenso vielen Schuppen, Ställen und Anbauten. Dazwischen wuchsen Nussbäume. Am Stadtrand lagen einige Korrals. Ringsum dehnte sich Dornbusch- und Kakteenwildnis. Im Norden glänzten die Gipfel der Galiuro Mountains, im Osten dämmerte die Silhouette der Chiricahu-Berge.

Die Postkutschenstraße nach Tucson war nicht mehr als ein von Hufen und Rädern markiertes schmales Band. Auf staubbedecktem Pferd ritt Teresa Valdez die breite Main Street herab. Es war heiß. Die Town schien ausgestorben. Kein Laut drang aus den Häusern. Die Fenster und Türen klafften wie Höhlen.

Antonio war auf einem Hügel an der Tucson Road zurückgeblieben. Er wollte aufpassen, dass Valdez’ Vaqueros sie nicht überraschten. Teresas Ziel war der Saloon, ein klotziger, verwitterter Bretterbau. Die Farbe auf dem Schild über dem Eingang war zum größten Teil abgeblättert, die Korbstühle auf der überdachten Veranda leer.

Teresa brachte das Pferd in den Schatten und klopfte den Staub von Rock und Bluse, ehe sie den Schankraum betrat. Ein flachkroniger Hut beschattete das hübsche Gesicht. Die schwarzen Haare fielen in Wellen auf die Schultern.

Der einzige Gast war ein stämmiger Mann mit kurzgeschorenem rotblondem Haar, einem halben rechten Ohrläppchen und dichtbehaarten Armen. Er trug Levishosen, Texasstiefel, ein kariertes Hemd und einen schwerkalibrigen Sechsschüsser. Der Kolben war kerbenbedeckt.

Auf den Knien des Rotblonden saß eine junge, dralle Mexikanerin. Ihre Bluse war offen. Die eine behaarte Pranke umfasste eine kupferfarbene üppige Brust, die andere die auf dem Tisch stehende Flasche. Ein breites Grinsen dehnte das vom Tequila gerötete Gesicht. Die Mexikanerin kicherte.

„Buenas dias, Señorita!“, grölte der Stämmige. „Kommen Sie, Lady! Hier sind Sie genau richtig.“

Teresa zögerte, ehe sie zu dem Tisch ging. Sie bewegte sich mit natürlicher Eleganz.

„Sind Sie Joe Cobb?“

„Joe ist oben, mit ’ner Freundin dieser Kleinen. Ich bin Lance Dexter.“ Grinsend zeigte er zwei Reihen kräftiger Zähne. „Wenn Sie zu Joe wollen, sollten Sie sich noch ein Weilchen gedulden.“ Er blinzelte. „Setzen Sie sich zu mir. Ich lade Sie ein. Eh, Chiquita, ’nen Drink für die Lady!“

Er schob die Muchacha vom Schoß und gab ihr einen Klaps aufs runde Hinterteil. Schmollend entfernte sie sich. Dexter rückte einen Stuhl für Teresa zurecht.

„Na los, setzen Sie sich, Lady! Ich beiß nicht, im Gegenteil. Ich weiß, was Frauen mögen. Fragen Sie Chiquita. Joe wird Ihnen nicht fehlen, glauben Sie mir. Sind Sie ’ne Freundin von ihm?“

„So wenig wie Ihre.“

Dexter lachte.

„Kann sich alles noch ändern.“ Er wollte ihren Arm tätscheln, nachdem sie auf dem Stuhl Platz nahm. Teresas Eisblick und ihre klirrende Stimme ernüchterten ihn jedoch. „Frank würde es nicht gefallen, wenn Sie zudringlich werden.“

Dexters Augen wurden rund.

„Frank Larrigan?“

„Ich bin hier, weil ich erfuhr, dass Sie und Cobb mit ihm befreundet sind.“

„Hm, ja, wir sind etliche Meilen zusammen geritten. Er soll sich zur Zeit drüben in Sonora aufhalten. Wir warten seit ’ner halben Woche auf ihn.“

„Trujillos Reiter jagen ihn. Vielleicht haben sie ihn auch schon gestellt. Er braucht Hilfe.“

„Verdammt!“, entfuhr es dem stämmigen Revolvermann. „Ich brauch ’nen Drink.“ Er hob die Flasche. Als er sie absetzte, war sie halb leer.

„Verschwinde!“, fuhr er die Muchacha an, die ein Glas für Teresa brachte. „Wir haben Geschäftliches zu besprechen.“

„Deine Geschäfte kenne ich. Schwester, ich gebe dir ’nen gutgemeinten Rat: Lass dich nicht mit ihm ein.“

„Schwirr ab, verdammt noch mal!“, schimpfte Dexter. Er wartete, bis die Küchentür zufiel, dann beugte er sich vor. „Wer sind Sie?“

„Teresa Valdez, Franks Braut.“

„Franks …“ Dexters Kinnlade klappte herab. Er brauchte wieder einen Schluck. Teresas Bronzegesicht blieb hart.

„Es wäre besser, Sie blieben wenigstens so weit nüchtern, dass ich Ihnen erklären kann, worum’s geht.“

„Hölle und Verdammnis, keine zehn Pferde bringen mich nach Sonora, solange Trujillos Banditenarmee dort ihr Unwesen treibt!“

„Vielleicht tausend Dollar?“

Dexters Augen wirkten plötzlich kieselhart. Seine Stimme klang geschäftsmäßig.

„Woher soll ich wissen, dass Sie so viel Geld haben?“

„Ich bin die Tochter von Rodrigo Valdez.“

Dexter pfiff durch die Zähne, lehnte sich zurück und musterte Teresa abschätzend.

„Zweitausend, die Hälfte davon als Anzahlung.“

„Ich dachte, Frank ist Ihr Freund?“

„Geschäft ist Geschäft.“

Teresa zog den Ring von der linken Hand und gab ihn Dexter. Er betrachtete ihn misstrauisch.

„He, Chiquita!“ Er winkte ungeduldig, als die junge Mexikanerin wieder den Saloon betrat. „Komm her! Was hältst du davon?“ Er hielt den Ring in die Höhe.

Sie ließ sich absichtlich Zeit. Dann weiteten sich ihre Augen. „Santa Madonna! Ein Brillant!“

Teresa wartete kühl. Dexter ließ den Ring in der Tasche verschwinden.

„All right. Zweitausend für mich, zweitausend für Joe.“

„Einverstanden.“

Die Muchacha hob erschrocken eine Hand. Dabei blickte sie starr zur offenen Tür. Ein großer, schwarzgekleideter Mann stand auf der Schwelle. Seine Anzugjacke war zurückgeschoben, die Rechte schwebte über dem Coltgriff.

„McLeod!“ Schnaufend stemmte Dexter sich hoch. „Gehen Sie weg, Lady!“ Sein Stuhl kippte. Dexters Pranke näherte sich dem Revolver.

Ängstlich zog die Muchacha Teresa vom Tisch weg. Der Schwarzgekleidete kam langsam näher. Sein Gang war katzenhaft. Dexter schwitzte.

„Wie, zum Teufel, hast du mich gefunden, McLeod?“

„Ich bin ihr gefolgt.“

„Verflucht!“ Dexter zog.

 

*

 

Teresa hatte nicht erwartet, dass der Stämmige so schnell war. Mit einer einzigen wischenden Bewegung hielt er den auch schon feuerspuckenden Colt.

Noch einen Augenblick früher krachte Jim McLeods Waffe. Sein Treffer verriss Dexters Schuss. Der Stämmige prallte gegen den Tisch, warf die Flasche um und brach zusammen.

Schreiend floh die Muchacha in die Küche.

McLeod sah Teresa an.

„Wo ist Cobb?“

„Hier, du Bastard!“ Gleichzeitig blitzte es auf dem oberen Treppenabsatz. Da war McLeod schon geduckt herumgewirbelt.

Die Schüsse verschmolzen zu einem Dröhnen. Cobbs Blei zertrümmerte eine Flasche im Regal hinter der Theke. Dann rutschte der sehnige, nur mit einer Hose bekleidete Mann an der Wand nieder. McLeod hatte ihn an der Schulter getroffen.

Als McLeod sich umdrehte, hob Teresa gerade Dexters schweren 45er-Colt auf. Sie brauchte beide Hände für die Waffe. Ruhig holsterte McLeod den Sechsschüsser.

„Wer soll Sie nach Sonora begleiten, wenn Sie abdrücken?“

„Ich reite nicht mit einem Killer.“

„Von welcher Sorte, glauben Sie wohl, sind Dexter und Cobb? Außerdem hab ich Cobb nur ’nen Denkzettel verpasst – möglicherweise ein Fehler.“

„Ich lass nicht zu, dass Sie Frank töten.“

McLeod goss sich einen Drink ein. Sein Blick traf die Mexikanerin im Spiegel über der Bar.

„Die Reihenfolge lautet: zehntausend Dollar, erst danach Franks Skalp.“

„Weshalb …“ Da trommelte Hufschlag.

Gleich darauf stürzte Antonio herein. „Die Leute Ihres Vaters kommen!“

Er erschrak, als er McLeod sah. Der Revolvermann trank.

„Wo hast du sie gesehen?“

Antonio antwortete erst, als Teresa ihm zunickte. „An der Biegung bei den Drei-Finger-Felsen.“

„Dann hängen wir sie ab.“

 

*

 

Kein Sonnenstrahl drang in Frank Larrigans Verlies. Es war ein muffiges Kellerloch mit einer Strohschütte und einem wurmstichigen Schemel, auf dem ein Wasserkrug stand. Knarrend schwang die Bohlentür auf. Laternenschein tastete über die kahlen Wände. Zusammengesunken kauerte der Gefangene in der Ecke. Zwei Gewehre bedrohten ihn. Der dritte Mexikaner hielt den Colt. Ein martialischer Schnurrbart zierte das Pockennarbengesicht.

„Der General will dich sehen, Gringo.“

Larrigan regte sich nicht. Sein Kinn war auf die Brust gesunken. Schlaff lagen die Hände im Stroh. Bartstoppeln bedeckten Wangen und Kinn. Das Hemd war zerfetzt.

„Caramba, der General lässt uns auspeitschen, wenn der Bastard abkratzt!“, stieß einer der Wächter hervor.

„Er verstellt sich.“ Der Pockennarbige trat mit erhobenem Colt zu dem Gefangenen. „Er glaubt, es gibt noch ’ne Möglichkeit, lebend fortzukommen. Stimmt’s, Gringo!“ Er versetzte dem Kauernden einen Stoß. „Da hast du dich getäuscht, Compadre.“

Franks Kopf rutschte noch ein Stück tiefer. Ein schwaches Stöhnen drang über die aufgesprungenen Lippen. Die beiden Gewehrbesitzer beobachteten ihn gespannt. Die Laterne hing am Haken neben der Tür. Der Schatten des Pockennarbigen wirkte monsterhaft.

„Ich weck dich schon auf, Gringo.“ Die Coltmündung berührte Franks Schläfe. Sie Augen des Mexikaners glitzerten.

„Pablo, wenn du ihn erschießt …“

„Halt die Klappe! Gringo, ich zähl bis drei. Wenn du danach nicht auf den Beinen bist, zieh ich dir mit ’ner Kugel den Scheitel. Pass auf, es geht los!“ Der Colthahn knackte. „Eins.“

Ein neuerliches Stöhnen antwortete. Larrigans Augen blieben geschlossen.

„Zwei.“ Der Druck des Sechsschüssers verstärkte sich. Die Miene des Pockennarbigen wirkte verbissen. „Drei.“

Ein Krachen füllte das Verlies. Die fußlange Mündungsflamme versengte die Haare an Franks Schläfe. Er bewegte nur kraftlos den Kopf. Fluchend ließ der Bandolero die Waffe sinken.

„Wasser her!“

Der Krug war leer.

„Glotzt nicht!“, fuhr er die Kumpane an. „Hol ’nen Eimer voll Wasser, Diego! Tomaso, du sagst Lopez Bescheid! Er soll seine Pillen bringen. Was steht ihr noch da? Pronto, sonst mach ich euch Feuer unterm Hintern!“

Sie hasteten davon. Murrend schob der Pockennarbige den Colt ins Holster.

„Du bist ja echt um mich besorgt, Compadre“, sagte Larrigan hinter ihm. „Was glaubst du, wie mich das freut.“

Der Mexikaner fuhr herum. Larrigans geballte Rechte traf ihn wie ein Hammer. Der Pockennarbige fiel auf die Knie. Trotzdem brachte er den Sechsschüsser heraus. Franks Tritt prellte die Waffe ins Stroh. Dann zerrte Frank den Bandolero hoch.

„Du bist ein bisschen schwer von Begriff, Amigo, aber das gibt sich.“

Als der Bandolero wieder wacklig auf die Füße kam, druckte Larrigan ihm den eigenen 45er in die Rippen.

„Im Gleichschritt … marsch! Hab nichts dagegen, wenn du ein Lied dazu pfeifst.“

„Du bist verrückt, Gringo! Du kommst nicht …“

„Ich wäre verrückt, wenn ich nicht alles versuchte. Bring mich zum Boss.“

„Aber …“ Der Bandolero ächzte, als Larrigan ihn mit dem Colt vor sich hertrieb, die Treppe hinauf, durch die mit Topfpalmen, alten Rüstungen und Teppichen geschmückte Halle und wieder eine Treppe hinauf. Ein roter Läufer bedeckte sie.

An den Wänden hingen Porträts von Valdez’ Vorfahren. Sie gehörten zu den ersten Spaniern, die mit Cortez ins Land gekommen waren. Im Haus war es still. Ein lichter Korridor nahm Frank und seine Gefangenen auf.

„Vergiss nicht, dass der General mich sehen möchte!“, zischte Frank, als der Pockennarbige sich sträubte.

Gedämpfte Stimmen drangen durch eine mit Schnitzereien verzierte Tür.

Larrigan stieß sie auf und beförderte den Bandolero mit einem Tritt in den luxuriös möblierten Raum.

Im nächsten Moment zielte der Sechsschüsser auf Ramon Trujillo, der mit seinem Adjudanten an der großen Landkarte stand. Die Städte und Dörfer, die von Trujillos Männern kontrolliert wurden, waren mit roten Fähnchen markiert. Der General trug wieder die rote Uniformjacke mit den Goldknöpfen. Sein pomadisiertes schwarzes Haar war in der Mitte gescheitelt.

„Keine Bewegung!“

Trujillos behandschuhte Rechte umfasste den Säbelknauf. El Verdugo packte den Colt. „Gringo maldito!“

Der Teppich dämpfte Franks Schritte. Sein Colt blieb auf Trujillo gerichtet, der langsam die Hand vom Säbel nahm und ein am Goldkettchen befestigtes Monokel vors linke Auge hob. Er betrachtete den Revolvermann wie ein exotisches Tier.

Ängstlich hockte der Pockennarbige am Boden. Durchs Fenster sah Frank die roten Ziegeldächer und weißen Mauern der Hazienda. Trujillo hatte sie in ein waffenstarrendes Bollwerk verwandelt. Von hier terrorisierte er das Land bis hinauf zur Arizona-Grenze.

„Sie wollten mich sprechen, General. Nun, da bin ich.“

„Wie haben Sie das geschafft, Gringo?“

„Mein Name ist Frank Larrigan, auch für Sie, General. Schicken Sie Ihre Handlanger raus, bevor wir uns unterhalten. Sorgen Sie dafür, dass sie keine Dummheiten machen.“

Der hochmütige Ausdruck blieb auf Trujillos gelbbraun getöntem Gesicht. „Sie übernehmen sich, Larrigan.“

„Tun Sie, was ich sage!“

„Umstellt das Gebäude!“, befahl Trujillo. „Bewacht alle Fenster und Türen! Wenn er zu fliehen versucht, tötet ihn! Nehmt dann keine Rücksicht auf mich!“

„Zu Befehl, General!“ Der breitschultrige Mestize gab Frank einen grausamen Blick und den am Boden Hockenden einen Tritt. „Komm mit!“ Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, was dem Pockennarbigen bevorstand. Schwitzend stolperte er hinaus.

Trujillo wartete, bis die Tür zu war, dann ging er zu seinem Schreibtisch, setzte sich und brannte sich ruhig ein Zigarillo an.

„Machen Sie sich keine Hoffnungen, Larrigan. Ich bin eher bereit, zu sterben, als mit Ihnen die Hazienda zu verlassen.“

„Ich hab ’nen besseren Vorschlag, General.“

 

*

 

Die Geier und Bussarde hatten von Larrigans Pferd nur das Skelett übriggelassen. Alle Spuren des Kampfes in den Canyon de los Lobos waren verwischt. Die Sonne glühte. Kein Lufthauch brachte Kühlung. Müde ließen die Pferde die Köpfe hängen.

Zusammengesunken saß Teresa im Sattel. McLeod und Antonio waren abgestiegen. Wachsam beobachteten sie die Felsränder. Der junge Vaquero hielt das Gewehr. Drei Tage waren verstrichen, seit sie Benson verließen. McLeod war es gelungen, die Verfolger in die Irre zu führen. Nach einem Sandsturm mussten Valdez’ Reiter unverrichteter Dinge umkehren. Das Land südlich der Grenze war Todesgebiet für sie.

„Sehen wir uns erst einmal nach ’nem geeigneten Lagerplatz um“, entschied McLeod.

Teresa spannte sich. „Es ist noch zwei Stunden hell. Vielleicht finden wir doch eine Spur.“

„Ich kann Sie nicht hindern, weiterzusuchen.“

Der schwarzgekleidete Revolvermann trat zu seinem Pferd. Da gab Teresa Antonio einen Wink. Der Repetierbügel knackte, und als McLeod sich umdrehte, zielte Antonios Gewehr auf ihn. Teresas Hände ruhten auf dem Sattelhorn.

„Sie werden sich daran gewöhnen müssen, meine Befehle zu befolgen, McLeod. Rechnen sie sich nichts aus. Als Sie während der Mittagsrast schliefen, hab ich die Patronen aus Ihrem Colt entfernt.“

„Ich weiß.“ McLeod grinste. Antonio erschrak, als er plötzlich den Sechsschüsser hielt. „Hab die Kanone deshalb nachgeladen.“

„Bleiben Sie stehen, Señor!“, keuchte der Junge.

Entschlossen ging McLeod auf ihn zu.

„Er blufft!“, rief die Frau. McLeods Colt glitt so jäh wie er zum Vorschein gekommen war wieder ins Holster. „Trujillos Banditen könnten es hören, wenn wir rumballern. Es gibt auch andere Möglichkeiten, zu klären, wer der Boss ist.“

McLeods neuerliches Grinsen erreichte nicht seine grauen Augen. Den Finger am Abzug, wich Antonio zurück.

„Bleiben Sie stehen!“, wiederholte er, schoss aber nicht.

Da sprang Valdez’ Tochter. Sie schwang das Gewehr wie eine Keule. McLeod duckte sich.

Der eigene Schwung trieb Teresa gegen ihn. Blitzschnell umfasste er ihre Taille, stemmte sie hoch und drehte sich mit ihr. Sie schrie und strampelte, bis er sie unvermittelt losließ. Sie landete im Sand, das Gewehr fiel neben sie. Rasch hob McLeod es auf.

Antonio griff ihn an. Aber als er, Teresas Beispiel folgend, mit dem Winchesterkolben zuschlug, fing McLeod den Hieb mit dem quergehaltenen Karabiner ab. Gleichzeitig schnellte sein rechter Fuß hoch. Ächzend ließ der junge Mexikaner die Waffe fallen, presste die Hände an den Leib und sank auf die Knie.

Inzwischen kam Teresa wieder auf die Beine. Ohne zu zögern, ging sie erneut auf den Revolvermann los. McLeod warf das Gewehr weg und erwischte ihre Handgelenke. Sein Griff war stählern. Ein seltsamer Glanz erschien in seinen Augen.

„Wissen Sie eigentlich, wie hübsch Sie aussehen, wenn Sie so richtig wütend sind?“

Da gab Teresa auf. Ihre Brüste hoben und senkten sich heftig.

McLeod hielt sie noch einige Sekunden fest, dann ging er an Antonio vorbei zu seinem Pferd. Teresa blickte auf das nur einen Schritt entfernte Gewehr, rührte sich aber nicht. Geschmeidig saß McLeod auf.

„Wenn ihr den Anschluss nicht verlieren wollt, seht zu, dass ihr in die Sättel kommt.“

 

*

 

Eine überhängende Felswand schützte den Lagerplatz. Mannshohe Mesquitesträucher standen davor. Zwanzig Yard entfernt plätscherte ein Creek am Fuß einer mit Gras und Steinen bedeckten Böschung. Die Morgensonne vergoldete die Ausläufer der Sierra, hinter denen das Tal des Rio Magdalena lag. Der Himmel strahlte in durchsichtigem Blau. Keine Wolke trübte ihn. Ein heißer Tag stand wieder bevor. Der Schrei eines Bussards brach die Stille.

McLeod lauschte, denn drehte er die in der Pfanne brutzelnden Speckscheiben mit dem Bowiemesser um.

„Die Pferde brauchen Wasser.“

Er blickte dabei Teresa an. Antonio langte nach den leeren Sattelflaschen.

Details

Seiten
100
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936452
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514599
Schlagworte
bluthochzeit hazienda valdez

Autor

Zurück

Titel: Bluthochzeit auf der Hazienda Valdez