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Der Verräter von Fort Clayton

2020 138 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Verräter von Fort Clayton

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Der Verräter von Fort Clayton

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten.

 

Bill Jefford war einmal Scout der US-Armee. Doch ein Soldat dieser Armee hatte seine geliebte Frau, die eine Indianerin war, ermordet. So kehrte er der Armee den Rücken, um den Mörder seiner Frau zu finden und um Rache zu üben. Doch als sein ehemaliger Colonel ihn bittet, Bills Freund und Lebensretter Frank Hardin zu finden, macht er sich mit einem Trupp Soldaten auf ins feindliche Gebiet der Indianer …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die dunklen Rauchsäulen brennender Armeefrachtwagen stiegen hinter den Sträuchern in den blauen Sommerhimmel. Jim Leary schob mit zitternden Händen die zwei letzten Patronen in die Trommel seines Armeecolts. Entsetzen krampfte seinen Magen zusammen. Schweiß strömte über sein bleiches, erschöpftes Gesicht. Jim sah nur ein Dutzend Yard entfernt den braunen Oberkörper eines indianischen Reiters über den Cottonwoods.

Langsam, wie unter großer Anstrengung, hob er den 45er Colt.

Plötzlich war ein Geräusch neben ihm. Erschrocken warf sich Leary herum. Eine Hand presste sich auf seinen Mund, und seine Waffe wurde von einer kräftigen Faust herabgedrückt. Ein markantes sonnengebräuntes Gesicht neigte sich über ihn.

„Ruhig Blut, Leary!“, flüsterte der Mann beschwörend. „Ein Schuss würde uns die ganze verdammte Bande auf den Hals hetzen.“

Leary schluckte, seine Verkrampfung löste sich. Frank Hardin, auf dessen Schulterspangen die Rangabzeichen eines Captains glitzerten, drückte sich neben ihn auf den Boden. Er legte ihm mahnend eine Hand auf die Schulter. „Nicht bewegen!“ Seine Stimme war nur ein Hauch an Learys Ohr.

Der Sioux setzte seinen Mustang in Bewegung. Zweigwerk raschelte. Er kam schnurgerade auf die beiden Weißen zu. Der Druck von Hardins Hand auf der Schulter des jungen Kavalleristen verstärkte sich.

Plötzlich fuhr ein Schatten neben dem Roten aus dem Gebüsch. Ein Gewehrkolben beschrieb einen Halbkreis in der Luft. Der Mustang schnaubte und tänzelte zur Seite. Sein Rücken war auf einmal leer. Nichts rührte sich mehr. Nicht einmal das Geräusch des Sturzes war zu hören gewesen.

Frank Hardin wartete noch eine Weile, ehe er sich geschmeidig erhob.

„Taylor!“, rief er leise.

Hinter einem schartigen Felsquader tauchte der sichelbärtige First Sergeant der D-Schwadron aus Fort Laramie auf. Ein Gewehr ruhte in seinen knochigen Fäusten. Um seinen Kopf war ein blutgetränkter Verband geschlungen. Trotzdem wirkte Taylor grimmig und unverwüstlich wie eh und je. Neben ihm traten weitere Männer in staubbedeckten blauen Uniformen aus dem Schatten. Alle sahen mitgenommen, erschöpft aus. Aber in ihren Augen glühte noch immer die Entschlossenheit, bis zum letzten Atemzug das eigene Leben zu verteidigen. Der First Sergeant nickte Leary zu.

„Hallo, Jimmyboy, da sind wir ja alle gemütlich beisammen, was? Ein verdammt armseliger Rest! Teufel, die Rothäute haben es uns diesmal gründlich besorgt. Mir kommt die Galle hoch, wenn ich diese Kerle auch noch feiern höre. Zeit zum Verschwinden, schätze ich, Captain.“

„Ich warte auf Ihre Meldung, Sergeant“, sagte Hardin ruhig.

Taylor zuckte müde die Schultern.

„Tut mir leid, Sir, da gibt es nicht viel zu melden. Außer Preston, Teggard und Barnowski hat es sonst keiner geschafft, den Skalpiermessern der verfluchten Sioux zu entkommen.“

„Wie viele Pferde?“

„Sieben, Sir! Also eines mehr als wir unbedingt brauchen, um uns nach Fort Clayton durchzuschlagen.

„Das werden wir erst, wenn wir das Geld haben.“

Taylor starrte ihn ungläubig an und kratzte sich hinterm Ohr.

„Sir, ich fürchte, wir haben gar keine andere Wahl, als die Armeekasse endgültig abzuschreiben. Schließlich sind wir nur noch sechs Mann.“

Leary sprang auf. Panik flackerte in seinen Augen.

„Zum Teufel auch mit dem Geld! Auf der Ebene wimmelt es von Rothäuten. Ein Wunder, dass wir überhaupt noch leben. Wir müssen auf dem schnellsten Weg zum Fort, ehe ...“

Hardins eisiger Blick ließ ihn verstummen. Das kantige Gesicht des Captains verriet unbeugsame Entschlossenheit.

„Vergessen Sie nicht, wer hier das Kommando führt, Reiter Leary! Ich bin für das Geld verantwortlich. Sechzigtausend Dollar sind kein Pappenstiel, auf den die Armee mir nichts, dir nichts verzichten kann. Sergeant, lassen Sie Waffen und Munition gleichmäßig verteilen! Wenn ich das Zeichen gebe, muss alles blitzschnell gehen. Die Überraschung ist unsere einzige Chance. Die Sioux denken nicht im Traum daran, dass wir zurückkommen könnten. Ehe sie begreifen, was los ist, müssen wir beim Wagen mit dem Geld sein. Ich weiß genau, dass er von keinem Brandpfeil getroffen wurde. Die Rothäute werden sich in erster Linie für die Waffen und Vorräte interessieren, dann erst für die Kiste mit dem Sold. Wir müssen wie ein Keil durch die Horde da draußen brechen.“

„Wahnsinn!“, stöhnte Leary.

„Der Junge hat recht!“ Ein gedrungener und narbengesichtiger Soldat trat mit einem Revolver in der Faust ein paar Schritte vor. Er sprach einen harten polnischen Akzent. „Mir fällt es nicht ein, bei diesem verrückten Spiel mitzumischen. Wir machen uns auf den Weg nach Fort Clayton, basta! Ich frage gar nicht erst, ob Ihnen das passt oder nicht, Captain. Unsere Abteilung ist aufgerieben. Jetzt heißt es nur noch: Rette sich, wer kann! Mein Skalp ist mir wichtiger als sechzigtausend Dollar für die verdammte Armee!“

„Meuterei, Barnowski!“, erwiderte Hardin kalt. „Wissen Sie, was Ihnen das einbringt?“

Der Narbige spuckte wütend aus.

„Ich weiß vor allem, was mir blüht, wenn wir den roten Halsabschneidern nochmals vor die Flinten reiten. Verdammt, Captain, glauben Sie ja nicht, dass ich nur bluffe!“ Hardin ging langsam auf ihn zu. Ein hartes Lächeln, das alle überraschte, spielte um seinen Mund. Barnowski duckte sich. „Stehenbleiben, Captain, sonst ...“

„Was ... sonst? Wenn Sie in einer Minute die Sioux hier haben wollen, Barnowski, dann drücken Sie ruhig ab.“ Hardin blieb so dicht vor ihm stehen, dass die Revolvermündung fast seine Koppelschnalle berührte.

Barnowskis Kinnladen malmten. Schweiß glänzte auf seiner niedrigen Stirn. Er starrte den großen schlanken und so überlegen wirkenden Offizier hasserfüllt an.

„Bringen Sie die Pferde her, Reiter Barnowski!“, befahl Hardin kühl.

Das Narbengeflecht auf Barnowskis breitflächigem Gesicht begann zu zucken. Sein Zeigefinger spannte sich am Abzug.

Leary krächzte: „Um Himmels willen, nein, Barnowski! Er hat recht! Die Sioux bringen uns alle um, wenn hier ein Schuss fällt!“

Der Pole presste die Lippen zusammen, ließ die Waffe sinken und drehte sich mit verkrampft hochgezogenen Schultern ab. First Sergeant Taylor wischte sich mit dem Ärmel der Uniformjacke fahrig übers verwitterte Gesicht. Im selben Moment wirbelte Barnowski mit einer heiseren Verwünschung katzenhaft herum. Sein langläufiger Army Colt war zum Schlag erhoben. Doch Barnowskis Faust erstarrte in der Luft. Frank Hardins Revolvermündung zielte auf den Bauch des narbengesichtigen Soldaten. Niemand hatte beobachten können, wie die Waffe so blitzschnell in seine Hand gekommen war.

„Die Pferde, Barnowski“, erinnerte der Captain sanft.

Barnowski grinste plötzlich. Er stieß den Colt in die Armeehalfter zurück. „Schade, dass Sie mich vor kein Armeegericht mehr schleppen können, was Captain? Vielleicht werden unsere Skalps nebeneinander im stinkenden Tipi eines Sioux trocknen.“ Mit einem wütenden Auflachen stapfte der Narbige davon. Reiter Preston folgte ihm auf Hardins Wink. Gleich darauf kamen sie mit den Pferden zurück. Taylor verteilte die Munition und gab Leary den Karabiner, der im Scabbard am Sattel des siebten Pferdes steckte. Die Mienen der Soldaten waren finster und verkniffen. Verstohlene Blicke trafen den Sechsschüssigen, den Hardin nach wie vor in der Faust hielt. Die Ruhe des Offiziers war unerschütterlich. Hardin suchte sich einen großen grauen Wallach aus. Er fasste die Zügel und blickte die Überlebenden der D-Schwadron der Reihe nach ausdruckslos an. Dann winkte er Taylor auf fordernd zu.

„Folgt mir!“

Das Pferd am Zügel führend, ging er voran. Schwankendes Gesträuch schloss sich hinter seiner hohen, schlanken Gestalt. Barnowski starrte die anderen lauernd an.

„Eine Kugel in seinen Rücken, und der Weg nach Fort Clayton ist für uns offen.“

Der First Sergeant legte die Hand an die Colthalfter.

„Das will ich nicht gehört haben! Wenn du keinem Befehl gehorchen kannst, hättest du nie den blauen Rock anziehen dürfen, Pole. Los, vorwärts, Jungs! Wenn es einer schafft, uns und das Geld in Sicherheit zu bringen, dann ist es Hardin!“

Taylor wartete reglos, bis sich die kleine Truppe widerstrebend in Bewegung setzte. Der Sand zwischen den Büschen dämpfte den Hufschlag. Das Stimmengewirr auf der Prärie vor ihnen wurde lauter. Ein monotoner, an und abschwellender Gesang drang herüber. Leary zog den Kopf ein und blickte immer wieder gehetzt über die Schulter. Taylor marschierte mit unbeweglicher Miene hinter ihm. Plötzlich stockte die Schar. Das Dickicht öffnete sich zum lichtüberfluteten tellerflachen Grasland. Hardin stand im Schatten eines mannshohen Cottonwoods und überprüfte in aller Ruhe die Ladung seines Spencerkarabiners. Leary riss sich den obersten Kragenknopf auf, als er die verkohlten, qualmenden Überreste der Wagenkolonne und die ringsum verstreuten schlaffen Bündel im Gras sah. Barnowski fluchte leise. Die Sioux hatten ein riesiges Feuer angefacht. Eine Horde Krieger tanzte singend darum herum. Skalps hingen an ihren mit Federn geschmückten Kriegslanzen. Andere Indianer schleppten Kisten, Ballen und allen möglichen Plunder von den zerstörten Planwagen zu ihren Gäulen. Es war ein groteskes geschäftiges Hin und Her.

Taylor schob sich neben den Captain und räusperte sich unbehaglich.

„Sir, es sind mindestens sechzig Indianer ...“

Hardin starrte wie gebannt auf den ein wenig abseits stehenden Wagen, auf dessen Plane mit schwarzen Lettern „US Army“ gepinselt war. Die Maultiere vor dem Fahrzeug lagen von Pfeilen gespickt im Gras. Aber der Murphy Schoner war unbeschädigt. Hardins Schultern strafften sich.

„Aufsitzen!“, kommandierte er scharf, packte das Sattelhorn und schwang sich geschmeidig aufs Pferd. Die Soldaten folgten seinem Beispiel. Ihre Gestalten hoben sich weithin sichtbar über die Sträucher und Felsblöcke. Aber noch wurden sie von den Indianern nicht bemerkt. Teggard, ein bulliger, kampferprobter Soldat, murmelte kratzig: „Der Himmel sei uns gnädig! Lasst euch von diesen Bastarden bloß nicht lebend erwischen, Freunde! Schießt euch lieber selbst eine Kugel durch den Kopf!“

Die Gäule schnaubten nervös und scharrten mit den Hufen. Jim Leary hockte verkrümmt im Sattel und sah aus, als müsse er sich jeden Augenblick übergeben. Taylor lenkte seinen Braunen neben ihn.

„Wird schon klappen, mein Junge! Bleib nur neben mir!“

„Die Gewehre zur Hand!“, befahl der Captain. „Schießt erst auf meinen Befehl!“

Die Karabiner schurrten aus den Scabbards. Repetierhebel knackten. Die Gesichter der Männer waren grau und verkrampft unter der Staub und Schweißschicht. Die tanzenden Indianer am Feuer stießen schrille Triumphschreie aus. Ein Wagen fiel krachend und funkensprühend in sich zusammen. Rauch quoll träge über die Ebene.

„Sergeant, alles bereit?“

„Alles bereit, Sir!“

„Well, dann vorwärts, Männer!“, knurrte Hardin entschlossen, duckte sich auf den Pferdehals und spornte seinen Grauen aus der Deckung.

Die Hufe trommelten einen dumpfen unheimlichen Wirbel. Der Büffelgrasteppich schien unter ihnen wegzufliegen. Sonnenlicht brach sich an den Metallteilen des Sattelzeugs und der Ausrüstung der verbissen dahinpreschenden Reiter. Hardin galoppierte an der Spitze des Pulks auf den abseits stehenden Wagen des Zahlmeisters zu, dessen Skalp jetzt längst an irgendeiner Siouxlanze flatterte. Ein wilder, geradezu gieriger Ausdruck glühte auf dem sonst so eiskalt beherrschten Gesicht des Captains.

Nach zwanzig Yard wurden sie von den Sioux entdeckt. Wüstes Geheul brandete auf. Die Beutestücke wurden achtlos zu Boden geschleudert. Rifles und Kriegsbögen flogen hoch.

„Feuer frei!“, brüllte Hardin. Er jagte auf ein Rudel schreiend auseinanderlaufender Rothäute zu. Ein Dutzend Pferdelängen dahinter war der Wagen mit den sechzigtausend Dollar.

Kugeln und Pfeile umschwirrten die Soldaten. Ihre Karabiner spuckten Feuerstrahlen nach allen Seiten. First Sergeant Taylor erwischte es zuerst. Er ließ plötzlich das qualmende Gewehr fallen, schlug die Hände vors blutüberströmte Gesicht und stürzte seitwärts vom weiterstürmenden Pferd. Leary schrie vor Angst und Verzweiflung. Dann sackte der Gaul unter ihm zusammen. Der Soldat flog in eine Wolke aus Staub und Pulverdampf hinein und prallte hart auf. Ein paar Sekunden blieb er betäubt liegen. Dann taumelte er hoch. Sein Karabiner war weg. Während er noch an der Colthalfter nestelte, traf ihn ein Pfeil in den Rücken. Leary sank auf die Knie, brachte den Colt heraus, hatte aber nicht mehr die Kraft, auf die heranhetzenden federgeschmückten Gestalten zu feuern. Er wurde wieder und wieder von Pfeilen getroffen. Das Letzte, was er sah, war Captain Hardin, der seinen grauen Wallach neben dem Armeewagen zügelte und eine flache eisenbeschlagene Kiste unter der verwaschenen Plane hervorzerrte.

 

 

2

Bill Jefford zog mit einer flüssigen Bewegung die Winchester 66 aus dem Sattelfutteral. Die Szene in der heißen staubigen Senke erfüllte ihn mit beißender Wut. Hart brach das Schnappen seines Gewehrschlosses durch die abgrundtiefe Stille. Die Köpfe der blauuniformierten Reiter ruckten zu dem breitschultrigen, ganz in fransenverziertes Leder gekleideten Mann auf dem Hügel herum.

Nur der zum Tod verurteilte Indianer unter dem sonnengebleichten Gerippe des kalten Baums starrte mit unbewegter Miene geradeaus. Sein Blick schien in unwirkliche Ferne gerichtet. Der sanfte Wind zauste an dem rabenschwarzen strähnigen Haar, das ihm auf die Schultern fiel. Eine Hanfschlinge lag eng um seinen Hals. Das schwarzweiß gefleckte Pony unter ihm rührte sich nicht. Mürrisch ließ der hagere Corporal daneben die schon zum Schlag erhobene Gerte sinken. Er wandte sich ebenfalls dem plötzlich über der Senke aufgetauchten Reiter zu.

Bill Jefford lenkte seinen Schwarzbraunen nach Indianerart mit den Schenkeln. Eine Weile war nur das Schaufeln der Hufe im feinkörnigen Sand zu hören. Dann zog Major John Lorman, der die Kavallerieabteilung aus Fort Clayton befehligte, mit harter Faust seinen Wallach herum. Der große Offizier mit den angegrauten Schläfen thronte wie ein Feldherr im Sattel. Seine Stimme war scharf wie ein frischgeschliffenes Bowiemesser.

„Weit genug, Jefford! Halten Sie sich da 'raus, Indianerfreund!“

Auf seinen herrischen Wink versperrten drei grimmig dreinschauende Kavalleristen Bill den Weg. Drei Karabinermündungen starrten dem ledergekleideten, ein wenig bullig wirkenden Mann entgegen. Bill zügelte sein Pferd. Die Winchester ruhte schräg vor ihm auf dem Sattel. Seine blauen Augen, die sonst so gelassen in die Welt blickten, hefteten sich brennend auf den Major.

„Was Sie da vorhaben, Lorman, ist blanker Mord. Ich werde weder verschwinden, noch untätig zusehen, wie Sie diesen Mann aufknüpfen lassen.“

„Wenn Sie neben ihm baumeln wollen, dann machen Sie nur so weiter, Jefford! Sie sind in hundert Meilen Umkreis von Fort Clayton als Indianerfreund verschrien, seit Sie Ihren Job als Army Scout wegen einer Teton Squaw aufgaben. Im Fort stehen Sie schon lange auf der schwarzen Liste, Jefford. Kein Hahn wird nach Ihnen krähen.“

„Trotzdem haben Sie kein Recht, hier Lynchjustiz zu üben!“, erwiderte Bill stur. „Lorman, wenn Sie genau hersehen, dann bemerken Sie meinen Finger am Abzug. Ich muss Ihnen hoffentlich nicht extra sagen, dass meine Knarre genau auf Ihren zweiten Uniformknopf von oben zielt. Daran ändern auch diese Kerle mit ihren Flinten nichts.“

„Jefford, Sie haben ja den Verstand verloren! Wegen einer lausigen Rothaut bringen Sie sich in des Teufels Küche.“

„Ich will wissen, was dieser Mann verbrochen hat, Major!“

Lorman saß betont steif und aufrecht im Sattel. Die harten Konturen seines hageren Gesichts traten deutlich hervor.

„Ich schulde Ihnen keine Rechenschaft, Jefford!“

„Ich bin aber ein neugieriger Mensch“, lächelte der ehemalige Kundschafter schmal, „und manchmal bin ich gar nicht sehr geduldig.“

„Hölle und Verdammnis! Knallt diesen Hundesohn doch endlich über den Haufen!“, hetzte der hagere Corporal neben dem Gefangenen. „Dieser Kerl wird uns sonst nur immer wieder neuen Ärger machen! Seit Monaten machen uns die Rothäute entlang des Bozeman Trails die Hölle heiß. Und nichts ist mir verhasster als ein weißer Dreckskerl, der mit diesen stinkenden roten Affen unter einer Decke steckt. Wenn ich nur das Wort Indianerfreund höre, dreht sich mir schon der Magen um. Macht endlich Schluss mit dem Theater, Jungs!“

„Ruhe, Douglas!“, bellte Lorman wütend. „Hier entscheide ich! Und Sie, Jefford, weg mit dem Gewehr, wenn sie in Fort Clayton nicht an die Wand gestellt werden wollen!“

„Ich glaube nicht, dass Sie das schaffen, Lorman, auch wenn Sie nicht verwinden können, dass ich Ihnen den Angriff auf ein Siouxdorf vor einem halben Jahr verdorben habe. Aber damals hatten Sie ebenso wenig den Befehl, auf eigene Faust zu handeln, wie hier und heute. Major, ich warte noch immer auf Ihre Antwort!“

Lormans Fäuste schlossen sich so hart um die Zügel, dass sich die Haut weiß über den Knöcheln spannte. Bill wusste, dass Lorman ihm diese Demütigung vor der ganzen Abteilung nie verzeihen würde. Aber das war ihm jetzt egal. So ruhig und sicher er auch nach außen wirkte, das Feuer, das in ihm loderte, drohte ihn fast zu verzehren. Die Erinnerung an das einsame Grab in der Wildnis der Powder-River-Berge machte ihm den Anblick einer blauen Uniform fast unerträglich.

Er war nicht mehr der besonnene gutmütige Mann, den nichts aus dem Gleichgewicht werfen konnte. Der glühende Wunsch nach Rache trieb ihn seit Wochen rastlos von einem Ort zum anderen. Lorman bequemte sich nach einem geringschätzigen Schulterzucken zum Reden.

„Wir haben den roten Kerl geschnappt, nachdem er uns stundenlang heimlich gefolgt ist. Zum Teufel, Jefford, wenn Sie’s noch nicht wissen sollten: Wir haben Krieg mit den Sioux! Es sind nicht nur mehr vereinzelte Banden, die den Bozeman Trail bedrohen. Red Cloud will den Weg zu den Goldfeldern in Montana sperren. Der rote Oberhalunke hat geschworen, sämtliche Weiße aus dem Land zu fegen und alle Forts zwischen Laramie und Montana dem Erdboden gleichzumachen. Spielen Sie nur nicht den Ahnungslosen, Jefford! Sie sind doch genau im Bilde! Erwarten Sie nur nicht, dass ich lange herumfackele, wenn mir ein verdammter roter Spion in die Hände, fällt!“

Bill schüttelte den Kopf.

„Immer diese wahnwitzige Gleichmacherei von euch Blaujacken! Ein Indianer ist in euren Augen so schlecht wie der andere. Major, dieser Rote ist kein Spion, sondern ein Krieger auf der Jagd, das verrät die Art seiner Bewaffnung und Kleidung. Außerdem trägt er keine Kriegsfarben im Gesicht. Er ist kein Ogallala von Red Cluds Stamm, sondern ein Minneconjou. Es ist ganz natürlich, dass er beobachten wollte, was Sie und Ihre Männer ...“

„Hört den Indianerexperten!“, höhnte Corporal Douglas gehässig. „Jefford, warum streichst du dir nicht selber rote Farbe ins Gesicht und ziehst zu diesen Hundefressern in ein Tipi?“

Bill hob entschlossen das Gewehr.

„Major, befehlen Sie diesem verdammten Großmaul, dass er dem Gefangenen die Schlinge abnehmen und ihn losbinden soll!“

„Wenn Sie auf mich feuern, kommen Sie und der Indianer hier nicht mehr lebend weg, Jefford!“

„Spielen Sie jetzt nicht den Helden, Sie Narr!“, sagte Bill schneidend. „Denken Sie lieber daran, dass ein toter John Lorman der Armee nichts mehr nützen wird! Dabei sind Sie doch ein Mann, dem Pflichterfüllung und Soldatsein über alles geht, nicht wahr?“

„Was Sie gewiss nie verstehen werden, Jefford!“, gab Lorman verächtlich zurück.

„Ich habe einen Menschen noch nie nach der Hautfarbe bewertet. Ich werde es auch nie tun.“

Douglas lachte verzerrt. „Darum hat er sich auch eine Rothaut ins Bett geholt. Eine Weiße hatte ihn ja doch nie genommen.“

Von einem Augenblick zum anderen wurde Bills volles, männliches Gesicht aschgrau. Er war drauf und dran, herumzuzucken und das Gewehr auf den Corporal zu richten. Lorman duckte sich leicht im Sattel. Seine Rechte tastete nach der Revolverhalfter.. Der Major trug die bei der Kavallerie üblichen gelben Lederhandschuhe. Er wartete vergeblich darauf, dass Bill sich ablenken ließ.

„Geben Sie den Befehl, Lorman!“ Der starr auf den Offizier gerichtete Winchesterlauf glänzte wie versilbert im gleißenden Licht. Der anhaltend warme Wind trieb durchsichtige Staubfahnen niedrig über den Senkengrund.

„Corporal Douglas, binden Sie den Gefangenen los!“, befahl Lorman steif. Und zu Bill: „Jefford, das werden Sie noch bereuen.“

Douglas schleuderte fluchend die Gerte weg, zog ein Messer aus dem Stiefelschaft und durchtrennte die Stricke an den Handgelenken des schweigenden Indianers. Das Gesicht des Minneconjou Sioux war wie eine Bronzemaske, die nicht verriet, ob er überhaupt ein Wort der Auseinandersetzung verständen hatte. Douglas behielt das Messer in der Faust, während sich der Rote ohne Hast die Henkerschlinge über den Kopf streifte. Wilder, fanatischer Hass flackerte in den Augen des hageren Corporals.

„Warte nur, du roter Halunke, irgendwann läufst du mir schon wieder über den Weg. Dann werde ich mir deinen Skalp holen. Aber zuvor, Jefford, bist du an der Reihe. So lang und so weit kannst du gar nicht reiten, dass wir dich nicht schließlich doch noch zur Strecke bringen.“

„Er hat recht, Jefford!“, bestätigte Lorman grimmig.

Die drei Soldaten vor Bill hatten ihre Spencergewehre sinken lassen. Zögernd ritten sie in die Reihe ihrer Kameraden zurück. Die Blicke der meisten Kavalleristen wanderten ratlos zwischen dem Offizier und dem breitschultrigen Mann, der vor einem Jahr noch als Scout für Fort Clayton geritten war. Alle kannten Bill Jefford. Viele mochten ihn. Aber jeder spürte das Fremde, das verhalten Wilde, das von diesem sonst im Grunde so gelassenen Mann ausstrahlte. Bill schien vergessen zu haben, dass es eine Zeit gegeben hatte, da er mit ihnen an einem Lagerfeuer gesessen, seine Pfeife geraucht und ab und zu über einen Scherz gelacht hatte. Ohne den Major aus den Augen zu lassen, lenkte er seinen Schwarzbraunen unter den kahlen knorrigen Baum. Er sagte etwas in einem fremden gutturalen Dialekt zu dem Indianer. Der Mann antwortete knapp. Zähneknirschend beobachtete Douglas danach, wie der Sioux gemächlich sein struppiges Pony durch die Senke trieb. Die Anwesenheit der vielen feindseligen Soldaten schien ihn völlig kalt zu lassen. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, seinen Bogen und den Köcher mit den Pfeilen einzusammeln.

Mit der Winchester 66 in den Fäusten achtete Bill schweigend auf jede Bewegung in der Senke. Lormans Reiter zweifelten nicht daran, dass er von der Waffe Gebrauch machen würde. Sein verbissener Gesichtsausdruck war eine Warnung für alle diese Männer, die Bill bereits mehr oder weniger als harten, entschlossenen Kämpfer kennengelernt hatten.

Der Sioux zügelte sein Pferd vor dem Major. Schon vom Äußeren her trennte eine Welt diese beiden grundverschiedenen Männer. Der eine in der maßgeschneiderten und staubbedeckten Uniform mit dem goldenen Eichenblatt auf den Schulterspangen, der andere nur mit Lendenschurz und Mokassins bekleidet. Zwei, drei Sekunden starrten sie einander reglos an. Die Augen des Indianers glühten wie Kohlen. Dann stieß er ein paar Worte in seiner Stammessprache hervor, machte die Geste des Skalpierens und deutete auf Lormans Kopf. Dann lachte er kehlig, zerrte sein Pony herum und sprengte staubaufwirbelnd davon. Er warf keinen Blick zurück. Gleich darauf war er über den sandigen Höhen, wo nur ein paar Büschel verdorrtes Büffelgras in den wolkenlosen Himmel ragten, verschwunden.

„Einen prächtigen Freund hast du da, Jefford“, spottete Douglas. „Der schert sich ’nen Dreck darum, wie du hier mit heiler Haut davonkommst.“

In einem jähen Anflug von Bitterkeit murmelte Bill: „Major, Sie können stolz auf sich sein! Jetzt werden nicht nur die Ogallalas, Hunkpapas, Tetons und Brulos, sondern auch die Minneconjous das Kriegsbeil ausgraben. Der Mann, den Sie hängen wollten, war der Sohn eines mächtigen Häuptlings. Für einen Indianer gibt es nichts Schmählicheres als den Tod durch den Strick. Der Minneconjou hat versprochen, sich Ihren Skalp zu holen.“

„Siouxgeschwätz!“, schnaubte Lorman wegwerfend. „Wie kann ein Weißer nur so verrückt sein, für so einen Mordbanditen den Kopf in die Schlinge zu stecken! Colonel Stanton hat immer große Stücke auf Sie gehalten, Jefford. Jetzt wird er keine andere Wahl haben, als einen Preis auf Ihren Kopf auszusetzen, nach allem, was hier passiert ist. Jeder weiße Mann wird Sie wie einen tollwütigen Hund abknallen können ...“

„Freuen Sie sich nicht zu früh, Lorman! Die Armee wird mich noch ganz anders als heute kennenlernen. Kommen Sie her, Major! Sie werden mich ein Stück begleiten, damit Ihre Soldaten nicht auf falsche Gedanken kommen.“

„Ich denke nicht daran!“

John Lormans Stolz war schon so tief getroffen, dass er lieber sterben, als jetzt noch nachgeben würde. Wie eine Statue verharrte er auf seinem grauen Kavalleriepferd. Der Hufschlag des Indianerponys war mittlerweile im weiten heißen Land verklungen. Bill dirigierte seinen Schwarzbraunen mit Hackenschlägen zu Lorman hinüber. Ihre Steigbügel berührten sich fast. Mit einer Hand hielt der breitschultrige Berg- und Präriejäger dem Offizier das Gewehr vor die Brust. Sein Lächeln war maskenhaft. Ein Lächeln, das seine früher so menschlich warmen Augen nicht erreichte.

„Verschwindet, Leute!“, rief Bill den Soldaten zu. „Macht euch auf den Weg zurück ins Fort, wenn ihr nicht wollt, dass dem Major was zustößt! Lorman wird nachkommen, wenn keiner mehr da ist, der sein Schießeisen auf mich richten kann. Los, los, wartet diesmal nicht erst auf seinen Befehl! Haut ab, Jungs!“

Bewegung entstand hinter ihm. Hufe stampften, Sattelleder knarrte. Lorman starrte über Bills Schulter ins Leere. Seine Stimme erinnerte an brechendes Glas.

„Ich bringe jeden vors Kriegsgericht, der jetzt die Senke verlässt! Jefford, überspannen Sie den Bogen nicht. Ich gebe Ihnen eine Minute Vorsprung, nicht mehr. Reiten Sie! Niemand wird Sie halten. Wenn Sie nach einer Minute noch hier sind, wird Ihnen Corporal Douglas eine Kugel in den Rücken schießen, egal, ob Sie mich mit Ihrer Waffe bedrohen oder nicht. Corporal, haben Sie verstanden? Das war ein Befehl! Eine Minute!“

„Zu Befehl, Major, Sir!“ Wilder, grausamer Triumph schwang in Douglas’ Stimme.

Bills schwere Gestalt spannte sich. Er setzte zu einer heftigen Antwort an, aber Lormans kalte helle Augen verrieten ihm, dass Worte von jetzt an sinnlos waren. Lorman bluffte nicht. Sein Ehrgefühl duldete nicht, dass er auch nur noch eine Sekunde mit einem Renegaten, einem Abtrünnigen, um sein Leben feilschte.

„Die Zeit läuft, Jefford. Nach einer Minute sind Sie ein toter Mann.“

Bill hatte Lorman nie gemocht. Sein übertriebener Pflichteifer und die Arroganz, mit der er die aufrührerischen Indianerstämme bekämpfte, hatten Bill abgestoßen. Andererseits zweifelte Bill keinen Moment daran, dass der Major sein Wort halten würde. Mit einer schlenkernden Handbewegung ließ der Exscout seine Winchester in den mit langen Fransen besäumten Scabbard zurückgleiten.

„All right, Major, wir sehen uns später ...“

Bill wendete sein Pferd - und sah Douglas’ Army Colt auf sich gerichtet. Das hagere Raubvogelgesicht des Corporals verzog sich zu einem hämischen Grinsen.

„Das war’s dann, Jefford ...“

Lew Douglas war genau der Typ, der sich den Teufel darum scherte, ob ein Gegner die Waffe in der Faust hielt oder nicht. Bill staute den Atem. Was er jetzt auch unternahm, er würde nicht mehr schnell genug sein.

„Zum Teufel, Corporal, er hat mein Wort!“, peitschte Lormans Stimme.

„Sicher, Major, eine Minute für ihn“, lachte Douglas krächzend. „Aber von seinem Klepper war nicht die Rede. Bin gespannt, wie weit er in dieser Minute ohne den Gaul kommt.“

Ein Blitz raste aus Douglas’ Sixshooter. Der peitschende Knall füllte die ganze Senke. Bill konnte seinen Schwarzbraunen nicht mehr zur Seite reißen. Die Kugel fuhr dem Tier mitten in die Stirn. Wie von einer Riesenfaust getroffen, sackte das Pferd zusammen. Bill brachte gerade noch die Füße aus den Bügeln, da hob es ihn auch schon aus dem Sattel. Er rollte durch den heißen Sand. Wut und Verzweiflung tobten in ihm und machten ihn unempfindlich für alle Schmerzen.

Raue Männerstimmen und Pferdegewieher klangen durcheinander - Geräusche, die wie durch eine dicke Mauer gedämpft schienen. Überdeutlich, beinahe schmerzhaft, war nur Lew Douglas’ krächzendes Hohngelächter. Staub biss in Bills Augen. Er sah Douglas’ breitbeinige, leicht nach vorn geneigte hagere Gestalt wie durch Nebelschleier. Die Lippen zusammengepresst, taumelte Bill hoch. Reiter näherten sich ihm von links und rechts. Douglas lachte wieder. Sein Revolver folgte jeder von Bills Bewegungen.

„Du musst dich beeilen, Jefford. Du hast nur noch ein paar lächerliche Sekunden.“

Eben noch hatte Bill ausgesehen, als könnte er sich kaum auf den Füßen halten. Jetzt schnellte der breitschultrige Mann wie eine große Raubkatze auf Douglas zu und riss ihn um. Douglas’ Schuss peitschte über Bills Schulter in den strahlend blauen Sommerhimmel von Wyoming. Bills Linke umklammerte Douglas’ Handgelenk wie eine Schraubzwinge. Seine geballte Rechte schmetterte wie ein Dampfhammer gegen Douglas’ Schläfe. Der Corporal stierte ihn glasig an. Die Waffe rutschte ihm aus den Fingern. Da waren die Reiter heran. Von den Sätteln aus sprangen sie auf den bärenstarken und doch so geschmeidigen Mami herab. Bill wehrte sich wie ein in die Enge getriebener Grizzly. Aber dann traf ihn ein Gewehrlauf über den Hinterkopf. Ein pechschwarzer bodenloser Abgrund tat sich vor ihm auf. Er fiel und fiel. Der Sturz wollte kein Ende nehmen.

Gleichschritt dröhnte auf dem kahlen Korridor vor der Gefängniszelle. Gleich darauf knirschte ein Schlüssel im Schloss, und die massive Bohlentür schwang rostig knarrend nach innen auf. Bill Jefford blieb mit den Händen unterm Kopf lässig auf der breiten Holzpritsche liegen. Die hereinflutende Helligkeit zeichnete die Schatten von Soldaten an die Wände, die ihre Karabiner auf den ledergekleideten Gefangenen richteten. Es waren eckige, marionettenhafte Bewegungen. Das drohende Klirren der Repetierbügel schien jedoch an Bill abzuprallen, als stünde eine unsichtbare Wand zwischen ihm und den Uniformierten. Bills Gähnen verriet die Ruhe und Verachtung eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat, der alle Brücken hinter sich abgebrochen weiß. Er starrte die von Rissen überzogene morsche Balkendecke an.

„Ich bin müde“, brummte er. „Ich möchte nicht gestört werden, ehe ich ausgeschlafen habe. Macht, dass ihr ’rauskommt!“

„Sie werden bald länger und tiefer schlafen, als Ihnen lieb ist, Jefford“, meldete sich Lormans schneidende Stimme vom Eingang.

„Schon gut, schon gut, Major, lassen Sie mich mit ihm reden!“ Das war die sonore Stimme des Kommandanten von Fort Clayton, Colonel William Stanton.

Bill drehte lächelnd den Kopf.

„Hallo, Colonel, bedauere, dass ich Ihnen keinen Platz anbieten kann.“

Stanton war ein grauhaariger, mager und zäh wirkender Offizier, mit dem Bill immer prächtig ausgekommen war. Der Colonel war ein Mann, der ohne Fanatismus und Karrieredenken seine Pflicht tat und stets wusste, wann er ein Auge zudrücken musste. Sein ledernes Gesicht mit den wachen braunen Augen wirkte diesmal ziemlich bekümmert.

Zum ersten Mal wurde Bill bewusst, dass Stanton im Grunde ein alter, im harten Dienst fast schon verbrauchter Mann war, den man der Einfachheithalber an die Indianergrenze abgeschoben hatte. Stantons Ton war rau und polternd, wie meist, wenn ihn etwas bedrückte.

„Zum Teufel, Bill, was haben Sie sich da nur für eine verrückte Sache eingebrockt. Ich glaubte nicht recht zu hören, als der Major mir davon berichtet hat.“ Während Lorman steif und feindselig in der offenen Tür stehen blieb, stiefelte der Colonel in die enge fensterlose Zelle. Stirnrunzelnd starrte er auf den Gefangenen hinab. Bill grinste schief.

„Ersparen Sie mir meine Version von dem Geschehen, Colonel! Major Lorman ist ein durch und durch pflichtbewusster Mann. Ich wette, seine Meldung stimmt bis aufs letzte Tüpfelchen. Schließlich hat er fast zwei Dutzend Zeugen.“

Stanton stampfte mit dem Fuß auf.

„Menschenskind, Bill, ist Ihnen denn nicht klar, dass Sie dieser Irrsinn, den Sie da angestellt haben, Kopf und Kragen kosten kann?“

Bills Grinsen gerann.

„Ich habe einem Unschuldigen das Leben gerettet, Colonel. Zufällig war es ein Indianer. Ich halte das für keinen Irrsinn.“

„Jedes Wort an ihn ist Zeitverschwendung!“, sagte Lorman gepresst von der Tür.

Stantons braune Augen funkelten. Er starrte nur Bill an. Die Falten in seiner Miene vertieften sich. „Ich habe dem Major gesagt, dass er sich in Ihnen verschätzt, Bill. Sie sind kein Mann, der gegen die Armee arbeitet. Sie wissen, wo Ihr Platz ist, Bill.“

„Kann schon sein.“

„Verdammt, Bill, ich bin hier, um Sie aus der Patsche zu ziehen, und Sie bringen kaum das Maul auf!“

„Sie schulden mir nichts, Colonel“, murmelte Bill flach. Er starrte Stantons blaue Uniform mit den blanken Messingknöpfen an und dachte an das einsame Grab und die verkohlte Blockhütte in den Powder-River-Bergen. Aber es gelang ihm nicht, den grauhaarigen Fortkommandanten in die Reihe seiner Gegner einzuordnen.

Stanton schnaubte: „Sie verdammter Dickschädel, glauben Sie denn, ich bin scharf darauf, Sie für Jahre einlochen oder gar an die Wand stellen zu lassen? Ausgerechnet meinen ehemals besten Scout? Bill, Sie wissen, dass die Armee hier an der Grenze allein die Gerichtsbarkeit besitzt. Zwingen Sie mich nicht dazu, genau nach Vorschrift zu handeln. Beweisen Sie, dass Sie in diesem verfluchten dreckigen Krieg auf der richtigen Seite stehen. Dann wird der Major seine Anklage zurückziehen. Dann sind Sie wieder ein freier Mann. Hören Sie zu, Bill, ich habe einen Auftrag für Sie.“

„Ich reite nicht mehr als Armeekundschafter!“

„Zum Teufel, lassen Sie mich doch erst reden, und denken Sie gründlich darüber nach, was für Sie auf dem Spiel steht!“

„Meinetwegen, reden Sie!“

Der Colonel seufzte.

„Bockig wie ein Maultier! Ihr Glück, Bill, dass ich nicht vergessen habe, was Sie früher für Fort Clayton geleistet haben. Well, es geht um einen Wagenzug, der Nachschub für die Forts am Bozeman Trail von Fort Laramie heraufbringen sollte. Er ist seit Tagen überfällig. Ein Späher meldete heute, dass er die Überreste des Trecks gefunden hat. Die Sioux haben gründlich gearbeitet, Bill. Der Platz des Überfalls war mit skalpierten Toten bedeckt. Aber der Offizier, der die Wagenkolonne befehligte, wurde nicht unter ihnen gefunden. Ebensowenig die Soldkasse mit sechzigtausend Dollar, die im Zahlmeisterwagen befördert wurde. Unser Späher fand Spuren von Kavalleriepferden, die vom Schauplatz der Katastrophe weg in die Prärie liefen. Alles deutet darauf hin, dass ein paar Weiße mit der Armeekasse den Roten entkamen, von ihnen jedoch verfolgt werden. Ich habe eine Patrouille von fünfzehn Freiwilligen zusammengestellt, die nach diesen Leuten Ausschau halten und sie nach Möglichkeit ins Fort holen sollen.“

„Fünfzehn Skalps mehr für die Sioux!“, brummte Bill. „Ein verlorener Haufen in einem Land, in dem es von weißenfeindlichen Rothäuten wimmelt!“

„Ich kann keine ganze Schwadron losschicken. Fort Clayton ist sowieso unterbelegt. Ich kann keinen Mann mehr entbehren. Und ich denke, die Patrouille hat eine echte Chance, wenn Sie sie führen. Keiner kennt das Land so gut wie Sie.“

Bills sonnengebräuntes Gesicht verkantete sich. Er starrte wieder zur rissigen Decke.

„Wissen Sie, was Sie da von mir verlangen, Colonel?“

„Eben weil ich weiß, dass dieser Auftrag alles andere als ein Spazierritt wird, habe ich alle Hoffnungen auf Sie gesetzt, Bill. Es geht um das Leben weißer Männer, die ...“

„Und um sechzigtausend Dollar, auf die die Armee nicht verzichten will.“

„Himmel, Bill, machen Sie es aber schwer! Ich ...“

„Sparen Sie sich die Mühe, Colonel. Ich komme nicht mit. Ich will mit der Armee nichts mehr zu tun haben.“

Stanton schaute ihn betroffen an. Lorman kam mit harten, abgezirkelten Schritten von der Tür herüber. Seine hellen Augen funkelten, seine Mundwinkel waren verächtlich herabgezogen.

„Ich habe ja gesagt, dass die Sioux seine besten Freunde sind. Der schert sich doch den Teufel um das Leben weißer Männer.Wahrscheinlich hat Jefford nur den Wunsch, möglichst schnell zu seiner Indianersquaw heimzukehren.Aber das werde ich ihm gründlich versalzen. Jefford, Sie sehen Ihre rothäutige Bettgefährtin so bald nicht wieder, das ...“

Bill fegte so unwahrscheinlich wild und blitzschnell hoch, dass die Soldaten nicht mehr reagieren konnten. Fäuste packten wie Stahlklammern zu. Er riss Lorman zu sich heran, schmetterte ihn wie eine Stoffpuppe an die Balkenwand und hielt im nächsten Augenblick Lormans Revolver in der Rechten.

„Bill, um Himmels willen, keinen Fehler jetzt, den Sie nicht mehr ausbügeln können!“, krächzte Stanton.

Die beiden Soldaten beiderseits der Tür hatten die Karabiner hochgerissen. Bill drückte dem Major die Revolvermündung gegen die Seite. Sein breites, wettergegerbtes Gesicht war eine Maske, in der die Augen wild glühten. Mit fremder, rissiger Stimme knurre er: „Nur keine Sorge, Colonel! Mit dem Major als Geisel komme ich schon zurecht. Lorman kennt ja bereits die Regeln dieses Spiels. Uns Sie, Colonel, werden dafür sorgen, dass ich mit ihm ungehindert dieses verdammte Fort verlassen kann. Sie brauchen mir gar nicht erst auszumalen, dass danach halbe Armee hinter mir her sein wird. Ich pfeife drauf! Sollen die Blaujacken nur kommen. Ich werde mit meiner Winchester zur Stelle sein.“

Stanton griff sich an die Kehle. „Bill, Sie sind ja verrückt!“

„Verrückt nach Rache, ja! Verrückt danach, den Kerl vor meine Flinte zu bekommen, der meine Frau auf dem Gewissen hat! Lormans Wunsch geht auch so in Erfüllung: Ich werde meine Squaw nicht wiedersehen, weil sie tot ist, weil ich sie mit meinen eigenen Händen begraben habe ...“

„Bill, mein Gott, das ist doch nicht ...“ Stanton schaute ihn betroffen an.

Bill knirschte: „Das ist noch nicht alles, Colonel. Der Hundesohn, der meine Frau überfallen, vergewaltigt und ermordet hat, ist vielleicht ein Mann aus Ihrem Fort. Sicher ist auf alle Fälle, dass er ein Soldat war. Ich habe genug deutliche Spuren gefunden. Meine Frau hat sich heftig gewehrt. Ein Fetzen Uniformstoff war in ihrer Hand, als ich sie fand. Ich werde es nie vergessen ...“

„Hören Sie auf, Bill!“

„Nein, Colonel, Sie sollen nur wissen, warum Sie mir mit Ihrem Auftrag gestohlen bleiben können. Sie sollen nicht erst auf den Gedanken kommen, dass ich nur bluffe. Seit ich Shetana neben meiner verbrannten Blockhütte in den Bergen begraben habe, ist mir mein Leben egal. Ich will nur noch den Halunken finden, der sie umgebracht und dann auch noch skalpiert hat. Jawohl - Colonel — skalpiert! Sie haben schon richtig gehört. Dieses Scheusal, das eine blaue Uniform trägt genau wie Sie, schleppt vielleicht jetzt noch den Skalp meiner Frau mit sich herum und prahlt sogar eventuell damit vor seinen Kameraden! Aber irgendwann finde ich den Schweinehund, Colonel, irgendwann ... Dann sei ihm der Himmel gnädig!“

Stantons Gesicht war grau und faltig. Schweiß glitzerte auf seiner Stirn.

„Ich verstehe, wie Ihnen zumute ist, Bill. Sie wählen dennoch den falschen Weg, wenn Sie ...“

Bill lachte verzerrt.

„Verstehen? Nein, Colonel, das werden Sie nie! Sie wissen nicht, wie ich Shetana geliebt habe. Sie haben sie nicht gekannt. Keine Ahnung haben Sie, wie es war, als ich sie neben den rauchenden Trümmern meines Blockhauses gefunden habe.“ Bills Ton wurde schroff. „Los jetzt, Colonel, sagen Sie Ihren Männern, dass Sie verschwinden sollen! Ich will ein Pferd und meine Waffen. Wenn ich mit dem Major hinauskomme, muss das Forttor offen sein. Versuchen Sie keinen faulen Trick, Colonel!“

„Sir, nehmen Sie keine Rücksicht auf mich!“, presste Lorman hervor. „Lassen Sie diesen Verrückten nicht entkommen!“

Stanton hob beschwörend eine Hand.

„Bill, seien Sie vernünftig! Lassen Sie uns nochmals über alles reden. Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen helfen werde, den Mann zu ...“

„Ich werde mir selber helfen, Colonel. Ich bin schon dabei. Tun Sie jetzt, was ich verlange! In fünf Minuten will ich aus dem Fort sein.“

„Hass ist ein schlechter Ratgeber, Bill. Wegen eines Mörders können Sie nicht die ganze Armee verdammen. Sie haben nicht nur Feinde unter den Blaujacken. Denken Sie zum Beispiel an den Mann, der Ihnen vor zwei Jahren in den Bighorn Mountains das Leben rettete, als Sie von einem verwundeten Grizzly angefallen wurden! Das war auch eine Blaujacke, und er hat mehr für Sie getan, als jeder Mensch zuvor.“

„Lassen Sie Frank Hardin aus dem Spiel, Colonel! Er ist die große Ausnahme.“

„Nicht nur das, Bill. Er ist der Offizier, der die Nachschubkolonne befehligte und der mit ein paar Begleitern und der Armeekasse irgendwo nördlich von hier im Indianerland unterwegs ist.“

Bill zuckte zusammen. Einen Moment weiteten sich seine Augen.

„Colonel, versuchen Sie nicht, mich ’reinzulegen!“

„Habe ich Sie je belogen, Bill?“, fragte Stanton müde. „Trauen Sie mir zu, dass ich in so einer schwerwiegenden Angelegenheit falsches Spiel treibe?“ Das unheimliche Feuer in Bills Augen verflackerte. Schweiß perlte auf seine Wangen, als er erschöpft den Revolver sinken ließ. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Mein Gott! Ausgerechnet Hardin ...“

Lorman war mit ein paar Schritten bei der Tür, entriss einem der ratlosen Soldaten den Karabiner und richtete ihn auf den ehemaligen Scout.

„Erledigt, Jefford! Colonel, Sie denken doch nicht mehr im Ernst daran, ihn als Scout mit meiner Patrouille loszuschicken?!“

Bill hob benommen den Kopf. „Lormans Patrouille?“

Stanton nickte unbehaglich.

„Der Major ist der einzige Mann im Fort, dem ich so eine Aufgabe anvertrauen kann. Captain Bowles ist mit einer Patrouille nach Fort Reno unterwegs, Lieutenant Hickman begleitet ihn. Lieutenant Jones und Lieutenant Eidred besitzen zu wenig Erfahrung an der Grenze, dass ich sie mit so einem Kommando betrauen könnte. Bleibt nur der Major. Bill, wenn Sie Ihrem Freund Hardin helfen wollen, werden Sie das Kriegsbeil begraben müssen. Major, dasselbe gilt für Sie!“

Zögernd setzte Lorman das Gewehr ab.

„Colonel, wenn Sie mich nach meiner Meinung fragen ...“

Stanton reckte sich.

„Das tue ich nicht, Major!“, erklärte er betont förmlich. „Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Sie - wenn überhaupt - nur mit Bills Hilfe Hardin und seine Gruppe finden werden. Bill, werden Sie die Patrouille führen?“

„Nicht für die Armee und nicht für Sie, Colonel“, murmelte Bill, während er Lormans Revolver auf die Pritsche warf. „Nur für Frank Hardin!“

Stanton nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Ohne auf Lormans abweisende Miene zu achten, eilte er zur Tür.

„Sergeant Powell!“, schallte sein Ruf durch den engen Korridor.

Gleich darauf streckte ein stämmiger Soldat mit den Abzeichen eines Master Sergeants an den Ärmeln seinen massigen Schädel herein.

„Zu Befehl, Sir?“

„Lassen Sie Major Lormans Patrouille antreten, Sergeant! In einer Stunde brechen Sie auf.“

 

 

3

Ausgehöhlt von der Gluthitze und den langen zermürbenden Meilen im Sattel, hockten die vier Männer auf ihren staubbedeckten Kavalleriepferden. Der Schatten der gigantischen Felswand, an deren Fuß sie hielten, brachte keine Kühlung. Die Luft flimmerte über der sonnenverbrannten Büffelgrasebene, die sie in den letzten Tagen durchquert hatten. Aus staubentzündeten Augen spähten sie auf ihrer Fährte zurück. Die grenzenlose Weite des Landes, die sie von jeder menschlichen Niederlassung trennte, war bedrückender als die Mauern eines Gefängnisses.

Teggard, der bullige Reiter, dem die Pfeilspitze eines Sioux die rechte Wange aufgeschlitzt hatte, deutete mit ausgestreckter Hand auf die ferne Staubwolke.

„Da sind sie, Captain! Diese Mistkerle werden nicht aufgeben, bis sie uns in den heißesten Höllenschlund gejagt haben.“

Preston, der neben ihm hielt, spuckte verbittert aus.

„Wenn du mich fragst, Al - wir stecken mitten drin!“

Hardin hängte seine lederüberzogene Wasserflasche an den McClellan-Sattel zurück.

„Weiter!“, bestimmte er rau. „Vielleicht können wir sie irgendwo zwischen den Felsen abhängen.“

„Captain, die Pferde halten nicht mehr lange durch, und wir selber sind auch fast am Ende“, murmelte Preston heiser. Er warf einen Blick auf Barnowski, der stumpf vor sich hinbrütete, beide Hände ums Sattelhorn gekrallt. Ein weißer Verband schimmerte unter Barnowskis zerfetzter Uniformjacke.

Frank Hardin schaute die Männer kalt an.

„Wir rasten später! Jedenfalls nicht hier, wo uns die Sioux schon von weitem entdecken. Los, weiter!“

Teggard räusperte sich.

„Captain, wenn wir die Richtung nach Norden beibehalten, geraten wir immer tiefer ins Indianergebiet. So kommen wir nie in die Nähe von Fort Clayton!“

„Niemand behauptet, dass ich das im Sinn habe!“ Mit verschlossener Miene trieb der schlanke Offizier seinen grauen Wallach voran. Er saß straff und aufrecht im Sattel, als ob ihm die Sonnenglut und der endlose Ritt nichts ausmachen würden. Der Braune, auf dem sie die eisenbeschlagene Geldkiste festgebunden hatten, trottete an einer Longe schräg neben ihm. Die Hufe klapperten auf felsigem Untergrund. Teggard holte Hardin nach wenigen Yard ein.

„Sir, ich habe Sie wohl nicht recht verstanden. Ich weiß nur, dass wir schon weit nördlich des Bozeman Trail sind. Von hier bis nach Montana hinauf gibt es kein Fort, keine weiße Siedlung mehr!“

„Deswegen sind wir hier genau richtig“, erwiderte der Captain hart. Er zügelte sein Pferd, starrte Teggard durchdringend an und senkte die Rechte auf den Coltkolben.

Der bullige Soldat blickte ihn sprachlos an. In seiner Miene arbeitete es. Preston und Barnowski schlossen langsam auf. Barnowski hockte zusammengekrümmt auf dem Pferd und wurde von jedem Huftritt durchgerüttelt. Er hob nicht den Kopf, als sein Gaul hinter Prestons Tier stehenblieb.

Ein scharfes Lächeln kerbte Frank Hardins Mundwinkel.

„Die Sioux haben uns längst jeden Rückweg abgeschnitten. Also werden wir versuchen, uns zu den Goldgräbersiedlungen von Montana durchzuschlagen - quer durchs Indianerland, wenn es nicht anders geht.“

Teggard schluckte. „Sir, wenn ich richtig im Bilde bin, lautet Ihr Auftrag ...“

„Zum Teufel mit meinem Auftrag! Kein Mensch in Fort Laramie, Fort Clayton oder sonst wo würde uns eine Träne nachweinen, wenn wir als Geierfutter auf dem Trail geblieben wären. Gefallen im Dienste der Armee! Ein paar Lobsprüche, ein paar bedauernde Worte, und andere würden an unsere Stelle treten, als ob nichts geschehen wäre. Verdammt, starrt mich nicht so an! Gebraucht lieber eure Gehirne! Dann werdet ihr mir schließlich recht geben. Was wäre denn aus den sechzigtausend Bucks geworden ohne uns, he? Die Sioux hätten ihr Feuerchen damit geschürt, wenn wir unsere Skalps nicht dafür riskiert hätten. First Sergeant Taylor und Reiter Leary sind auf der Strecke geblieben. Und nur, damit die Armee keine sechzigtausend Dollar verliert? Damit wir irgendwann in einem Fort aufkreuzen und in selbstverständlichster Pflichterfüllung diese Kiste abliefern, die voll von Geldscheinbündeln ist? Habt ihr euch das wirklich so vorgestellt?“ Teggard und Preston starrten sich an. In dieser Minute hatten sie die Indianer auf ihrer Fährte vergessen. Hardin zog den Colt mit der routinierten Geschicklichkeit eines Revolvermannes. „Ihr könnt euch entscheiden, wie ihr wollt. Entweder ihr kommt mit, oder ihr versucht, euch auf eigene Faust durchzuschlagen. Die Kiste mit den sechzigtausend bleibt jedenfalls bei mir. Ich denke nicht daran, auch nur einen Cent von diesem Geld, für das wir alle durch die Hölle gegangen sind, an die Armee abzuliefern. Es ist genug für uns alle. Wenn wir erst in Montana sind, wird es ein Leichtes sein, unsere Spuren ein für allemal zu verwischen. Dann hängen wir die verdammten Uniformen, die uns doch nur Kummer, Schweiß und Gefahr gebracht haben, an den Nagel. Dann verschwinden wir über die Grenze nach Kanada, wo uns kein Mensch fragen wird, wie wir zu so reichen Kerlen geworden sind. Well, entscheidet euch also und beeilt euch damit! Ich habe keine Lust, viel Zeit zu vertrödeln, solange die Roten hinter uns her sind.“

Der bullige Teggard zerrte fahrig an seinem obersten Kragenknopf.

„Ich werd’ verrückt! Das hätte ich von Ihnen nie erwartet, Captain!“

Preston, der hagere Soldat mit den tiefliegenden Augen, fuhr sich mit der Zungenspitze über die trockenen, rissigen Lippen.

„Zum Teufel, Al, der Captain hat mir aus der Seele gesprochen! Für einen Anteil an sechzigtausend Dollar würde ich mit Ihnen bis zum Nordpol reiten, Sir. Ich bin Ihr Mann!“

„Cole, du weißt nicht, worauf du dich da einlässt“, krächzte Teggard verwirrt. „Wenn wir da mitmachen, sind wir nichts weiter als Deserteure und Banditen, die man kurzerhand aufknüpfen wird.“

Preston lenkte grinsend seinen Gaul neben den Captain. Sein unrasiertes, staub- und schweißverklebtes Gesicht besaß einen wölfischen Ausdruck.

„Dazu müsste man uns erst haben, Al, mein Freund. Außerdem - es steht dir frei, woandershin zu reiten. Der Captain sagt ja, niemand zwingt dich zum Mitkommen. Nur sehe ich keine Richtung, in der du nicht irgendwo und irgendwann auf die Indsmen treffen wirst, die sich höllisch über deinen prächtigen Skalp freuen werden. Norden ist tatsächlich die einzige Chance, wenn wir überhaupt noch eine haben. Weg von den Siedlungen, weg von den Forts - damit rechnen die rothäutigen Halsabschneider am wenigsten. Das ist eine klare Rechnung, Al, meinst du nicht?“ Teggard senkte den Kopf und starrte aufs Sattelhorn. Cole Preston lachte rissig. „Bedenke, Al, wir haben gar keine andere Wahl. Wenn dabei am Schluss noch ein paar Tausender Armeegeld herausspringen, kann uns das nur recht sein.“

Teggards Lippen bewegten sich mühsam.

Details

Seiten
138
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936445
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514598
Schlagworte
verräter fort clayton

Autor

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Titel: Der Verräter von Fort Clayton