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Kim Roy - Ruf über zehntausend Jahre

2020 140 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Kim Roy - Ruf über zehntausend Jahre

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

Typografische Notizen des Autors

Die Charakteristiken

Kim Roy - Ruf über zehntausend Jahre

Utopischer Roman von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.

 

Unsere gegenwärtige technische Zivilisation ist nicht die erste ihrer Art. Bereits vor mehr als zehntausend Jahren existierten zwei Machtblöcke – Atlantis und Lemuria. Beide standen sich mit Raketen und Kernbomben, Satelliten und Raumschiffen gegenüber. Sie sprengten den Planeten zwischen Mars und Jupiter und führten so ihren eigenen Untergang herbei. In allen Teilen der Welt hinterließen sie unterirdische Raketenbasen gefüllt mit ihrem wissenschaftlichen und technischen Wissen...

Ein finsterer Schurke hat einem Forscher ein uraltes technisches Relikt der Völker von Atlantis und Lemuria entwendet und sucht Finanziers, um nach den Depots der untergegangenen Zivilisationen zu suchen. Kim Roy, der Held der neuen Saga, stellt sich ihm entschieden entgegen. Auf einer peruanischen Hochebene stoßen beiden Parteien nahezu zeitgleich auf eines der Depots – ein Kampf auf Leben und Tod entbrennt...

Schon vor einigen Jahren tauchte von Paul A. Müller ein Exposé sowie ein erster Roman für eine neue Romanheft-Reihe auf.

Der Band wurde aus dem Nachlass zuerst von SSI (Zürich) und p.machinery (vormals Murnau am Staffelsee, nun Winnert bei Husum) in 2013 veröffentlicht und liegt nun auch in unserer Werkausgabe Paul Alfred Müllers alias Freder van Holk in der Edition Bärenklau vor.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Vladimir Maneyukhin, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Ihr aber und die anderen Völker seid mit der Schrift und dem ganzen staatlichen Leben immer kaum eingerichtet, und schon bricht wieder, nach Ablauf der gewöhnlichen Frist, die Flut vom Himmel wie eine Krankheit über euch herein, Sie lässt nur die der Schrift Unkundigen und Ungebildeten bei euch zurück, sodass ihr euch gleichsam immer von neuem verjüngt und nichts wisst von den Begebenheiten in alter Zeit bei uns und bei euch.

Platon

 

 

1.

Der Conde Topilzin Axitl saß auf einem Kopf. Die riesigen Wedel einer Corozo-Palme bildeten einen grünleuchtenden Baldachin über ihm, der ihn vor der heißen Sonne Mexikos schützte.

Der Kopf war drei Meter hoch und wog vierhundert Zentner. Er bestand aus dunklem Basalt. Sein Schöpfer hatte ihn aus einem Block herausgehauen. Es war unverkennbar der Kopf eines Vollblutnegers.

Der junge Conde ruckte herum. Ein Geräusch hatte ihn alarmiert.

Ein Mann stolperte durch das brütende Dickicht von Unterholz, Büschen und dornigen Ranken. Seine Knie waren halb eingeknickt und trugen ihn kaum mehr. Er ging, als würde er beim nächsten Schritt fallen. Seine Hände kämpften fahrig mit den Dornen, die ihn festhalten wollten.

Er trug eine dick wattierte, vielfach übersteppte Hose, die in ein polares Klima gehörte, dazu ein verwaschenes, zerrissenes Wollhemd von einem fahlen Gelb. Zwischen seinem struppigen Haar und meinem wilden Vollbart brannten fiebrige Augen in einem mageren, knochigen Gesicht.

Auf der linken Brustseite war das Hemd nicht mehr gelb. Es hatte mich rot gefärbt und klebte auf der Haut.

Er taumelte in die kleine Lichtung hinein. Als seine Augen den riesigen Basaltkopf vor sich entdeckten, zuckte er zusammen und blieb stehen. Dann brachen seine Knie ein. Der Oberkörper folgte langsam. Die Hände fingen ihn auf. Die Ellbogen gaben ebenfalls nach. Er legte sich die linke Seite, versuchte aber auch weiterhin, sich mit der rechten Hand zu stemmen, als wollte er noch nicht aufgeben.

Der junge Conde Topilzin Axitl glitt von dem Kopf herunter, kam mit einer geschmeidigen Bewegung auf die Füße und beugte sich über den Sterbenden, der eine Schusswunde in der Nähe des Herzens trug.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«

Der Mann hob mit großer Anstrengung den Kopf. Seine Augen hatten schon fast die Leere des Todes.

Er sank vollends auf die linke Seite herunter. Seine rechte Hand schleifte krallend über den Boden, Sie tastete nach seiner rechten Hosentasche, fand sie endlich und griff in sie hinein. Nach langen Sekunden kam sie schwerfällig wieder heraus, als könnte sie es kaum mehr schaffen.

Die krallenden Finger öffneten sich. Sie gaben einen zerknüllten Zettel und einige Geldscheine frei. Die Lippen lallten dazu.

»Blitzfunk – dringend – bringen ihn um –Blitzfunk – Blitzfunk …«

Das letzte Wort war nur noch ein Hauch. Der Mann fiel auf sein Gesicht. Sein Körper streckte sich.

Er war tot.

 

*

 

Acapulco liegt im Süden Mexikos an einer der schönsten Meeresbuchten der Erde. Nachdem Präsident Aleman die Avenida Aleman bauen ließ, eine Prachtstraße von sieben bis acht Kilometer Länge, die sich parallel zur Küste um die Bucht herumschwingt, entstanden zwischen Straße und Meer jene Luxushotels, mit denen Acapulco zum Urlaubsziel der Millionäre wurde. Heute kommen jährlich Hunderttausende von Gästen aus aller Welt mit dem Flugzeug oder mit dem Wagen durch das Tal der Geier, um auch einmal unter Millionären zu sein.

Auf halber Höhe über der Avenida Aleman leuchtete das weiße Haus von Silvio Manassos aus dem Grün der aufsteigenden Hügel heraus, ein ausgedehntes Gebäude im flachen Bungalowstil, das sich wie die verglaste Kommandobrücke eines Schiffe aus dem Felsen herausschob, unterfangen von einem zurückgesetzten, dunkel gehaltenen Unterbau. In einigem Abstand von ihm befanden sich beiderseits unauffällige Nebengebäude, die sich ebenfalls in den Berg hineinschoben: Hangars, Garagen und Wohngebäude für die Angestellten.

Wenn die Gerüchte zutrafen, die in Acapulco umgingen, besaß Silvio Manassos einen venezolanischen Pass, stammte jedoch aus dem Mittelmeerraum oder aus dem Vorderen Orient. Manche hielten ihn für einen Griechen, andere für einen Syrer.

An diesem Tage saßen sechs Männer in dem großen Wohnraum, dessen riesige Fenster die Landschaft und das Meer zu einem zauberhaften Gemälde einfingen. Sie vertraten insgesamt viele Milliarden Dollar – amerikanische Dollar.

Sie saßen in Sesseln, die jeweils mit einigen Metern Abstand zu einem Halbkreis angeordnet worden waren. Neben jedem Sessel stand ein niedriges Tischchen mit Getränken, Rauchwaren und kleinen Delikatessen. Keiner von ihnen machte Gebrauch davon, denn jeder von ihnen trug die strengen Vorschriften seiner Ärzte bei sich.

Sie bildeten keine Gesellschaft. Jeder Abstand zwischen den Sesseln bedeutete einen Abgrund, eine Wand von Misstrauen und die Grenze zwischen verschiedenen Welten.

Der amerikanische Multimilliardär und der indische Nabob, der orientalische Ölscheich und der brasilianische Kaffeekönig, der Warenhauserbe und der Spekulant hatten nicht viel miteinander gemein – nicht viel mehr als Geld und noch mehr Geld. Sie fanden sich nur von Fall zu Fall zusammen, wenn es um Projekte ging, die das Vermögen eines Einzelnen überstiegen oder wenigstens eine massive Rückendeckung verlangten.

Silvio Manassos dachte nicht nur an Geld, sondern auch an Macht, während er seine Partner beobachtete. Er war sicher, dass er sie hineinlegen konnte, aber er wusste noch nicht, ob es ihm gelingen würde, sie von der eigentlichen Spur abzubringen. Diese Männer besaßen einen besonderen Instinkt für Geld und Macht.

Silvio Manassos war erst vierzig Jahre alt, hochgewachsen und noch geschmeidig. Sein stumpfschwarzes, leicht gekräuseltes Kopfhaar fand sein Gegenstück in einem Bart, der für den oberflächlichen Blick das Einprägsamste an ihm war und von allem anderen ablenkte.

Er trug einen Schwingenbart. Auf seinem Kinn saßen zwei schwarze, gekräuselte Knollen, von denen aus breit ansetzende Bartstreifen in der Kieferlinie verliefen und sich stetig verjüngten, bis sie unterhalb der Ohren aufhörten. Von Weitem erinnerte der eigenartige Bart an die Schwingen eines Vogels. Er machte Manassos interessant, aber zugleich unbestimmt unheimlich.

Dem aufmerksamen Beobachter verrieten seine Augen noch mehr. Sie lagen unter starken Brauen und unter schweren Lidern, die sie häufig abdeckten. Es waren katzenhafte Augen von einem auffallenden, intensiven Gelb, das umso deutlicher zur Geltung kam, als um die Iris herum ein feiner, schwarzer Ring lief, gegen den sich das Gelb absetzte.

Das Düstere und Gefährliche an Manassos verschwand auch nicht ganz unter der glatten Decke seiner höflichen Manieren. Es gab genug Leute, die ihm nicht trauten, und noch mehr, die zu flüstern begannen, wenn sein Name fiel.

Im Augenblick sprach der Mann, der von Silvio Manassos als Bernard Corvin eingeführt worden war, ein Graukopf mit gefurchtem Gesicht, der nach einem Gelehrten aussah, Er stand in der Mitte des Halbkreises an einem Tisch, auf den ein Pult aufgesetzt worden war. In seinem Tonfall lag eine gewisse Dramatik.

»Sobald man die alten Aufzeichnungen nicht mehr als religiöse Legenden, sondern als geschichtliche Erinnerungen an Tatsachen betrachtet, entdeckt man eine Fülle von Hinweisen. Das beginnt schon beim biblischen Enoch, der mit einer geheimnisvollen Arche in den Himmel verschwand. Im Ramajana und im Mahabharata, den heiligen Büchern der Hindus, ist von Luftschiffen die Rede, die am Himmel kreisen und azurblauen Wolken in Form von leuchtenden Kugeln und Eiern glichen. Sie konnten beliebig oft die Erde umrunden und wurden durch eine ätherische Kraft getrieben, die beim Start gegen den Boden schlug. Im Mausola Purva heißt es wörtlich:

›Cukra, der an Bord eines mächtigen Vimana flog, schleuderte auf die dreifache Stadt ein einziges Geschoss, das mit der Kraft des Universums geladen war. Ein weißglühender Rauch, zehntausend Sonnen gleich, erhob sich in seinem Glanze. – Da ist eine unbekannte Waffe, ein Blitz, ein gigantischer Bote des Todes, der alle Angehörigen der Vrischni und der Andhaka zu Asche zerfallen ließ. Die verbrannten Leichen waren nicht mehr zu erkennen. Den Menschen fielen die Haare und Nägel aus. Töpferwaren zerbrachen ohne sichtbaren Anlass. Die Vögel wurden weiß. Nach einigen Stunden war die gesamte Nahrung vergiftet. Der Blitz zersetzte sich und wurde zu feinem Staub.‹

Soweit das wörtliche Zitat. Wenn ich …«

Der Sprecher unterbrach erschreckt. Jonas Whintrop schlug ohne Rücksicht auf die Flaschen und Gläser mit seinem Stock auf das Tischchen neben sich und sagte giftig:

»Das genügt. Was Sie da beschreiben, ist eine Kernbombe und ihre Wirkung. Wollen Sie uns etwa im Ernst erzählen, dass diese Steinzeitwilden vor vielen tausend Jahren schon Kernbomben besaßen? Für solchen Unsinn ist mir meine Zeit zu schade, Manassos.«

Er war ein alter Mann über achtzig und trug auf seinen Schultern den fleischlos gewordenen Kopf eines alten Indianers mit lederner Haut und Mienen, die das Alter zu einer mongolischen Maske verzogen hatte. Seine Augen enthielten jedoch noch viel Leben, und seine Stimme klang noch energisch. Jonas Whintrop war immer noch nicht altersschwach. Äußerlich wirkte er zwar gebrechlich und ausgetrocknet, aber in ihm steckte immer noch der alte, rücksichtslose Freibeuter, der es zu einem riesigen Vermögen gebracht hatte und der hinter den Kulissen mehr Einfluss besaß, als sich der Zeitungsleser träumen ließ.

Silvio Manassos erhob sich. Whintrop war im Begriff, ihm alles zu zerschlagen. Er hatte bereits damit gerechnet, dass der alte Fuchs Unrat wittern würde.

»Sie wissen, dass Sie uns jederzeit verlassen können, Mr. Whintrop«, sagte er höflich, aber kühl. »Ihre Zeit sollte Ihnen jedoch auch zu schade sein, mich für einen Narren zu halten. Ich weiß, mit wem ich es zu tun habe. Ich werde am Ende dieses Vortrags von jedem der Anwesenden mindestens zehn Millionen Dollar fordern, um das Projekt zu realisieren, und ich bilde mir nicht ein, das mit einer Augenwischerei erreichen zu können.«

Die alten, hellen Augen Whintrops fixierten ihn. Seine Stimme kam aus dem Tiefkühlfach.

»Sie sind ein Bluffer, Manassos, und Sie haben sich immer zu viel eingebildet. Reizen Sie mich lieber nicht mit irgendwelchen faulen Geschichten. Erklären Sie mir Ihr Projekt mit nüchternen Worten und zeigen Sie mir, dass Geld damit zu machen ist. Mehr nicht! Mit alten Märchen dürfen Sie mir nicht kommen.«

Silvio Manassos setzte Eis dagegen. Er hatte keine andere Wahl.

»Es sind keine Märchen. Aber gut, wie Sie wollen. Ich greife vor und lasse Ihnen zeigen, was man aus einem alten Stein herausholen kann, der jahrtausendelang im Schutt alter Städte gelegen hat. Bitte, Mr. Corvin?«

 

*

 

Im Wächterhaus neben dem elektrisch betriebenen Scherengittertor, an dem die breite Fahrstraße vorbeiführte, stand der Franko-Kanadier Jean Mourvier in der offenen Tür und beobachtete seine Umgebung. Er war ein schwerer, muskulöser Mann mit derbem Gesicht und wachsamen Augen. Er trug nur Hemd, Hose und leichte Schuhe, dazu einen breiten Ledergürtel, an dem eine große Pistolentasche hing.

Mourvier blickte zum Haus hinüber. Auf dem weiten Platz zwischen Haus und Hangar stand ein halbes Dutzend Flugzeuge, fast alle vom gleichen Modell, alle Senkrechtstarter mit Düsenantrieb und Landeautomatik, alle rassig, elegant, ungewöhnlich schnell und ungewöhnlich teuer, selbst für dieses technisch verwöhnte Jahrzehnt Maschinen, die bereits in die Zukunft griffen. Jede von ihnen konnte trotz der sportlichen Note ein Dutzend Personen mit zwei- bis dreifacher Schallgeschwindigkeit über die Meere hinwegschießen.

Unter jedem Flugzeug standen einige Männer, fast durchweg zwei blendend weiß gekleidete Piloten und zwei bewaffnete Leibwächter im Straßenanzug. Nur die Leibwächter des Ölscheichs waren orientalisch gekleidet.

Jede Gruppe blieb für sich. Es gab keine Unterhaltung von Flugzeug zu Flugzeug. Die einzelnen Gruppen schienen sich nicht einmal zu sehen.

Der Wächter drehte den Kopf zur anderen Seite hin.

Auf der flimmernden Straße hielt eben ein Taxi an. Ein Mann stieg aus. Er kam auf das Tor zu.

Er trug einen Anzug aus einem silbrig schimmernden Material, dessen Jacke ähnlich wie ein Buschhemd geschnitten war, keine Revers besaß und in der Taille durch einen schmalen Gürtel gebunden war. Der Anzug sah verwettert aus und passte eher zu einem kanadischen Pelztierjäger als zu einem Besucher von Acapulco.

Der Fremde war groß und schlank. Seine geschmeidigen Bewegungen verrieten, dass er sich körperlich in Form befand. Er hatte den raumgreifenden Schritt eines Mannes, der lange Wege gewohnt ist, aber er setzte trotzdem die Füße mit der katzenpfötigen Behutsamkeit eines Waldläufers auf, der keinen trockenen Ast unter sich knacken hören will.

Er war noch jung, sicher nicht weit über die Mitte der Zwanzig hinaus. Sein braunes Gesicht drückte ungewöhnlich viel Energie, Gelassenheit und Klugheit aus. Er besaß dunkelbraunes, dichtes und starkes Haar mit kupfernen und rostigen Tönen. Seine grauen Augen wirkten sehr hell. In ihrer eigentümlichen Leuchtkraft lag etwas Bannendes.

Den Rest fühlte der Torwächter Jean Mourvier, ohne ihn in Worte kleiden zu können. Es erging ihm wie in der Musik. Er hörte jede Dissonanz, aber er hätte nicht über eine Harmonie sprechen können.

Der Fremde war ein Mann, wie er durch die Träume der Knaben und Jünglinge geht, wenn sie nach einem Idol suchen, das ihre eigenen Sehnsüchte und Ideale erhöht und ihren Drang zum Guten und Wahren, zum Edlen und Ewigen davor bewahrt, als jugendliches Irresein verlacht zu werden.

Die Jahre der Jugend bleiben unvergessen. Wir begraben sie unter Geld und Beruf, Ehrgeiz und Ansehen, Familie und Haus, Auto und Reisen, aber irgendwann nach Jahrzehnten der Geschäftigkeit bricht die Erinnerung durch und plötzlich wissen wir, dass jene Jugendjahre die schönsten Jahre waren – nicht, weil sie sorgenloser und unbekümmerter waren, sondern weil es in unseren Träumen noch Ideale und Idole gab, weil wir selbst besser und vollkommener werden wollten und weil wir noch an den Menschen und an Gott, an eine Berufung und an eine Zukunft glaubten.

Wer aber könnte es wagen, einen Freund zu beschreiben, wie er ihn sich damals gewünscht hätte?

Jean Mourvier trat aus der Türöffnung heraus und sperrte den Durchgang, als der Fremde auf ihn zukam. Er bemühte sich, höflich zu sein.

»Hier können Sie nicht hinein. Das ist Privatbesitz. Und Señor Manassos hat ausdrücklich Anweisung gegeben, heute keine Besucher einzulassen.«

Der Fremde antwortete, als hätte er es nicht gehört. »Ich möchte zu Mr. Corvin.«

»Corvin? Kenne ich nicht. Nie gehört.«

»Er könnte sich trotzdem hier befinden. Treten Sie beiseite.«

Jean Mourvier hatte nicht die Absicht, aber plötzlich geriet er an die zwingenden Augen und plötzlich änderten seine Gedanken ihre Richtung. Eigentlich war es nicht seine Sache, sich mit diesem Fremden anzulegen. Vielleicht gehörte er zu den Männern, die dort bei den Flugzeugen herumtraten, und es kam schließlich nicht darauf an, ob einer mehr oder weniger im Grundstück herumtrat. Manassos hatte es sicher nicht gern, wenn es Streit gab und er deshalb seine wichtige Konferenz unterbrechen musste.

Im Kopf des Wächters drängten sich noch mehr gute Gründe, aber es genügte schon.

Er trat beiseite.

Der Fremde nickte ihm zu und setzte seinen Weg fort. Er ging über den offenen Platz hinweg auf das Wohnhaus zu.

Die Männer unter den Flugzeugen wurden still. Die Köpfe drehten sich. Alle Augen richteten sich auf den Unbekannten. Die Nerven spannten sich.

Der Fremde betrat das Haus.

 

*

 

Im Wohnraum wanderte ein Stein von Hand zu Hand. Er besaß die Größe und das Format einer Streichholzschachtel. Er sah grau aus und schimmerte ganz schwach metallisch.

»Scheinbar ein gewöhnlicher Stein«, dozierte der Mann, der sich Bernard Corvin nannte. »Solche Steine wurden immer wieder im jahrtausendealten Schutt versunkener Städte gefunden, ohne beachtet zu werden. So fand man sie auch im Irak. Einige von ihnen gerieten in das Museum von Bagdad und wurden als Kultsteine unbekannter Bedeutung katalogisiert. Dort wurde der deutsche Ingenieur Wilhelm König auf sie aufmerksam. Er untersuchte sie näher und machte dabei die sensationelle Entdeckung, dass sie eine Art elektrischer Batterien enthielten. Seine Entdeckung brachte aber nur einige Zeitungsnotizen ein und wurde wieder vergessen, bevor sie richtig zu Bewusstsein gekommen war. Er hatte sie viele Jahrzehnte zu früh gemacht. Was sollte das Ende des vergangenen Jahrhundert mit einer Art Taschenlampenbatterien anfangen, die vor Jahrtausenden hergestellt worden waren, obgleich doch jedes Kind wusste, dass erst Galvani und einige andere die Elektrizität erfunden hatten. Und wie sollten sich jener Ingenieur und seine Zeit mit Transistoren zurechtfinden, von denen damals noch niemand etwas ahnte? Tatsächlich sah nämlich das Innere dieses Steines nicht einmal wie eine Batterie aus. Aber bitte überzeugen Sie sich selbst. Ich lasse jetzt einen aufgeschnittenen Stein herumgehen.«

Silvio Manassos nahm ihm den aufgeschnittenen Stein ah und ließ ihn zirkulieren. Er bestand aus zwei gleichen Hälften und einer sehr dünnen, aber festen Zwischenwand. Die Zwischenwand war auf beiden Seiten mit Dutzenden von kleinen Buckeln in der Größe von Stecknadelköpfen besetzt. Sie waren in Gruppen angeordnet. Zwischen ihnen liefen hauchzarte Striche auf der tragenden Platte, die als eingelassene Leitungen gedeutet werden konnten.

Die Innenwände der beiden Hälften zeigten auch noch einige gruppierte Bucklungen, in der Hauptsache jedoch flache Gebilde, die wie eng gedrehte Spiralen aus mikroskopisch feinen Fäden wirkten.

»Vermutlich eine Art Spulen«, erklärte Corvin. »Leider sind unsere Untersuchungen noch nicht soweit gediehen, dass wir darüber Genaues sagen können. Sicher ist jedoch bereits, dass es sich bei diesen Buckeln um Transistoren oder gar schon um Gruppen von Mikrotransistoren handelt. Offen bleibt aber auch hier die Substanz des Kristalls. Es handelt sich nicht um Germanium oder um ein sonst übliches Material, sondern um ein noch unbekanntes und zweifellos künstliches Material. Diese äußerst winzigen umgossenen Transistoren befinden sich an der Grenze dessen, was heute die Industrie liefern könnte. Trotzdem müssen wir uns damit abfinden, dass sie schon vor vielen Jahrtausenden hergestellt wurden.«

Jonas Whintrop ertrug es nicht länger. Er hieb abermals mit seinem Stock mitten in das Geschirr hinein, das noch auf seinem Tischchen stand, und sagte erbittert:

»Sie wagen es also wirklich, Manassos? Sie besitzen die Dreistigkeit, mich auf so unverschämte Weise auf den Arm nehmen zu wollen? Teufel noch mal, ich bin ein armer Mann, aber ich werde eine Milliarde darauf verwenden, Ihnen das heimzuzahlen. Transistoren, die vor Jahrtausenden hergestellt wurden! Und ich soll Ihnen das glauben?«

Silvio Manassos antwortete mit einer kalten Verachtung, die er bisher Whintrop gegenüber noch nie gewagt hatte. Er wusste, dass er jetzt alles riskieren musste.

»Sie haben in Ihrem Leben noch ganz andere Dinge geglaubt und finanziert, Whintrop. Ich erinnere Sie zum Beispiel an die Untersuchung der Cheopspyramide durch das Smithsonian Institut, für die Sie vor rund dreißig Jahren das Geld gaben. Ich rede nicht von den geheimnisvollen Zahlen, die dort in Stein festgelegt sein sollen, aber ich denke daran, dass diese Pyramide aus sechs komma fünf Millionen Tonnen Gestein besteht, nämlich aus zwei komma sechs Millionen Blöcken mit einem Gewicht von bis zu zwölf Tonnen. Alle diese Steine wurden millimetergenau bearbeitet und gesetzt. Nun verfügten jene Ägypter aber nach der Lesart der Gelehrten zur Gewinnung und Bearbeitung der Steine nur über nasse Holzkeile und Steinsägen aus Kupfer. Aus Kupfer, Whintrop, also aus einem weichen Metall, mit dem sich kaum riesige Steine millimetergenau bearbeiten lassen. Jene Ägypter aber sollen zwei komma sechs Millionen Steinblöcke mit kupfernen Sägen genauer und sorgfältiger bearbeitet haben, als das heutzutage unsere moderne Technik schafft. Und das haben Sie anstandslos geglaubt, Whintrop!«

»Werden Sie bloß nicht noch sarkastisch!«, knurrte Jonas Whintrop ihn an. »Und bilden Sie sich bloß nicht ein, dass Sie mir damit Ihre Transistoren schmackhaft machen können. Ich habe Ihnen Gelegenheit gegeben, mich zu überzeugen, aber ich höre immer nur Geschwätz. Sie kriegen von mir keinen Dollar auf Ihre Redensarten hin.«

»Nun gut«, fand sich Manassos achselzuckend damit ab. »Ich werde Ihnen jetzt ein Experiment vorführen. Sie sehen diesen Scheinwerfer auf dem Tisch. Es ist ein gewöhnlicher, aber lichtstarker Scheinwerfer aus dem Fundus einer Filmgesellschaft. Ich bitte Sie und alle anderen, sich davon zu überzeugen, dass er keinen Stromanschluss besitzt. Mr. Corvin wird ihn vor Ihren Augen mit dem kleinen Gerät verbinden, das Sie eben in der Hand hatten. Sie werden erleben, dass es Strom liefert, obgleich es selbst an keine Stromquelle angeschlossen ist, und zwar genug Strom für diesen Scheinwerfer. Wird Ihnen das genügen, Whintrop?«

Jonas Whintrop musterte ihn misstrauisch. Er blieb mürrisch, aber ruhig.

»Ich weiß immer noch nicht, worauf Sie hinauswollen, Manassos. In meinen Ohren klingt es, als wollten Sie mir weismachen, dass man aus diesem Ding da, das Jahrtausende alt sein soll, Strom herausholen kann. Es klingt verrückt, aber Sie sollen Ihre Chance haben, Bringen Sie den Scheinwerfer zum Brennen, und ich werde nicht mit zehn Millionen, sondern mit hundert Millionen einsteigen, auch wenn man mich deswegen entmündigt.«

»In Ordnung«, nickte Manassos befriedigt, und dann erhob sich die ganze Gesellschaft und begab sich an den Tisch, um den Scheinwerfer zu prüfen.

Viel gab es nicht zu prüfen. Es handelte sich tatsächlich um einen gewöhnlichen Scheinwerfer mit einem gewöhnlichen Kabel für den Anschluss, der weder eine Batterie noch sonstige Dinge enthielt, aus denen Strom kommen konnte. Vor aller Augen verband Corvin das Kabel mit dem seltsamen Stein, den sie alle in der Hand gehabt hatten.

Der Scheinwerfer blendete plötzlich gleißend auf und schickte ein grellweißes Bündel Licht durch den Raum.

Es traf wie ein Schock. Die Männer traten unter Ausrufen der Überraschung erschreckt zurück.

Dann folgten die Augen unwillkürlich dem Lichtbündel zur gegenüberliegenden Wand.

Damit aber traf sie ein zweiter Schock.

An der Tür, die sich in jener Wand befand, stand ein Fremder mit leuchtendem Gesicht und hellen, kraftvollen Augen, klar und deutlich in jeder Einzelheit sichtbar und doch zugleich unwirklich wie eine Vision.

 

 

2.

Sie starrten ihn an.

Silvio Manassos war der Erste, der reagierte. »Was, zum Teufel …?«

Er verzichtete auf den Rest. Das Licht des Scheinwerfers erlosch so plötzlich, wie es gekommen war. Der Raum lag wieder im Licht des Tages, das den geblendeten Augen vorübergehend blass und fade vorkam.

Der Fremde an der Tür blieb sichtbar. Nach Sekunden war es bereits, als hätte er das Licht des Scheinwerfers in sich aufgenommen und gäbe es leuchtend zurück.

Wieder fand Manassos die ersten Worte. Sie klangen nervös und peitschend zugleich.

»Wer sind Sie? Wie kommen Sie hier herein? Was wollen Sie?«

Der Fremde antwortete gelassen.

»Ich heiße Kim Roy. Ich möchte Mr. Corvin sprechen. Er soll sich im diesem Hause befinden.«

»Unverschämtheit!«, fauchte Manassos noch feindseliger. »Wie können Sie es wagen, hier einzudringen?«

Er besaß gute Gründe, nervös zu sein. Er konnte die Blicke seiner Gäste deuten. Diese Männer ließen sich nicht gern von der Öffentlichkeit überwachen. Bei ihren gelegentlichen Zusammenkünften war es strengste Bedingung, dass kein Außenstehender etwas von ihnen erfuhr, am allerwenigsten gegnerische Interessenten oder Pressevertreter. Jetzt aber stand trotz der Wächter, die Manassos bezahlte, und trotz ihrer eigenen Leibwächter ein Fremder mitten unter ihnen, der vielleicht sogar von einem Nachrichtendienst bezahlt wurde.

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Kim Roy höflich. »Ich möchte Sie nicht stören. Ich muss nur Mr. Corvin sprechen. Es ist dringend.«

»Unglaublich!«, ächzte Jonas Whintrop erbittert. »Jetzt auch noch das!«

»Hinaus!«, befahl Manassos. »Hinaus, oder ich …«

»Moment!«, griff Whintrop wütend ein. »Sie sind wohl ganz verrückt geworden? Mit einem Hinauswurf ist uns nicht gedient. Ich habe keine Lust, morgen in der Zeitung einen Bericht über unsere Zusammenkunft zu lesen. Ich will erst mehr wissen.«

Die anderen nickten. Manassos biss sich auf die Lippen. Jonas Whintrop wandte sich an Kim Roy, nicht gerade freundlich, aber beherrschter als Manassos.

»Sie werden uns ein bisschen aufklären müssen, junger Mann. Wir haben es nicht gern, wenn jemand unsere Sitzung stört. Was wollen Sie von Corvin?«

Kim Roy straffte sich kaum merklich. Seine Stimme klang kühler und härter.

»Sie sind sein Vormund?«

»Mehr als das«, setzte der Greis trocken dagegen. »Ich bin sein Geldgeber.«

»Das ist ein Irrtum oder eine Lüge.«

»Und das ist eine Frechheit«, grollte Whintrop. »Aber fragen Sie ihn doch selbst.«

Die Köpfe drehten sich zu Corvin hin. Er verstand die stumme Aufforderung und presste heraus: »Ich bin Bernard Corvin.«

Kim Roy löste sich von der Tür und ging einige Schritte auf ihn zu. Dann blieb er wieder stehen. In seinem Gesicht lag etwas Drohendes.

»Sie sind ein Betrüger. Sie sind nicht Bernard Corvin.«

Der Mann, der sich Corvin nannte, wurde bleich. Seine Augen gingen zu Manassos hin. Es waren nicht die einzigen Augen, die sich auf Manassos richteten, der jetzt gefährlich und tückisch aussah.

»Da soll doch …«, setzte Whintrop wetternd an, aber schon kreischte Corvin dazwischen.

»Ich bin Corvin. Was fällt Ihnen ein, mich einen Betrüger zu nennen? Ich bin Corvin. Ich muss es wissen, ich …«

Plötzlich streckte sich sein Körper wie unter einem ungeheuren Krampf. Seine rechte Hand kam hoch und erstarrte. Sie hielt das kleine Gerät, das eben noch den Strom für den Scheinwerfer geliefert hatte.

Der Mann, der sich Corvin genannt hatte, schrie laut und grässlich. Es war ein Todesschrei. Und während er schrie, verkrümmte sich sein Arm auf gespenstische Weise. Er schien einzutrocknen und kleiner zu werden, während das Gerät zwischen seinen Fingern wuchs und zu einer weißglühenden Kugel wurde, die mit dem scharfen Geräusch einer Explosion zersprang. Und während sie zersprang, fiel der falsche Corvin tot über den Tisch und glitt von ihm herunter auf den Boden.

Sie sahen es alle und hatten alle Mühe, den Atem durch die Kehle zu bringen. Leben und Tod eines Menschen machten keinem von ihnen viel aus, aber diesmal war etwas Unheimliches und Undurchschaubares dabei, das sie nicht bewältigen konnten.

In einigen Gesichtern lag die bleiche Furcht.

Kim Roy stand ruhig im Raum und beobachtete die Gesichter um sich herum. Als er den Schock in ihnen abklingen sah, wiederholte er:

»Ich möchte Mr. Corvin sprechen.«

Manassos und Whintrop nahmen Anlauf, aber bevor sie Worte über ihre Lippen bringen konnten, flog die Tür hinter Kim Roy mit einem Krach auf. Ein Dutzend Männer stürzten herein, schussbereite Waffen in der Hand und gewillt, das Leben ihrer Herren zu schützen. Es waren die Leibwächter, alarmiert durch den Todesschrei und die Explosion.

Sie stürzten herein, fingen sich ab und blickten verdutzt auf den einzelnen Mann vor sich und auf die Gruppe am Tisch. Sie verstanden die Situation nicht.

Manassos bekam als erster Luft. Er kreischte, und jetzt sah er mit seinem eigenartigen schwarzen Bart und seinem hassvoll verzerrten Gesicht wie der Böse selbst aus.

»Packt ihn! Hinaus mit ihm! Schießt ihn nieder!«

»Nicht schießen!«, befahl Jonas Whintrop mit zischen der Schärfe.

»Nicht schießen!«, befahlen gleichzeitig fast alle anderen in ihrer Sprache, und das war ihnen nicht zu verdenken. Sie standen in der Schusslinie, und wenn im Gedränge eine Kugel ihr Ziel verfehlte, konnte sie leicht einen der Männer am Tisch treffen.

Plötzlich stand die Szene, als wäre ein Film angehalten worden. Niemand bewegte sich mehr. Es wurde sehr still.

Auch die Leibwächter brauchten ihre Zeit. Sie wussten nicht, was vorgefallen war. Sie sahen den Toten unter dem Tisch und den einzelnen Mann, der vor ihnen stand. Sie begriffen nur, dass sie nicht schießen durften.

Einer der beiden japanischen Leibwächter, die den Warenhauserben deckten, machte das Bild wieder beweglich. Während die anderen ihre Schusswaffen wegsteckten, ging er wie ein hüpfender Gummiball auf Kim Roy zu – ein kleiner, gedrungener Mann, der nicht nur sehr schnell und sehr stark war, sondern auch den Schwarzen Gürtel eines Judomeisters hoher Grade trug.

Mit der berühmten japanischen Höflichkeit war es bei ihm nicht weit her. Er entschuldigte sich nicht einmal, als er zugriff, offensichtlich entschlossen, den Fremden mit Gewalt aus dem Raum herauszubringen.

Er griff zu, aber im nächsten Augenblick verlor er den Boden unter den Füßen. Er wirbelte durch die Luft und flog im Bogen auf die Tür zu. Einer der anderen Leibwächter sprang im letzten Moment beiseite. Der Japaner schlug zwischen Teppich und Tür auf den Steinplatten auf, rutschte durch die noch offene Tür und verschwand wie auf einer Rutschbahn im Gang.

Einige Leibwächter ächzten. Sie wussten zu würdigen, was dem Japaner widerfahren war.

Der zweite Japaner hielt es wohl für ein Missverständnis, denn er kam schon herangefedert. Er fintete einen Frontalangriff, veränderte jedoch im letzten Moment überrollend seine Richtung und schnellte von der Seite her zu einer Beinschere auf.

Die Beine, die zur tödlichen Zange werden sollten, erreichten ihr Ziel nicht. Kim Roy reagierte mit unglaublich kurzer Reaktionszeit und explosiver Schnelligkeit. Er fing die Beine des Japaners an den Knöcheln und ließ den kleinen Muskelmann mit seinem eigenen Schwung eine artistische Spirale bis in Kopfhöhe drehen. Dann ließ er ihn los, und auch dieser Japaner flog gezielt auf die Türöffnung zu, schlug auf die Steinplatten auf und glitt durch die Tür.

Jetzt stürmten die Leibwächter des Inders heran, riesenhafte und bärenstarke Sikhs mit Vollbärten und Turbanen. Sie legten keinen Wert auf Methode. Die Kraft genügte ihnen.

Kim Roy wich ihnen mit einer schnellen, sparsamen Bewegung aus, sodass sie sich gegenseitig in die Hände gerieten, und bevor sie sich noch zurechtfanden, erhielten sie beide einen wuchtigen Stoß, der sie von den Beinen brachte und gegen die Tür warf.

Jetzt griffen auch die anderen Leibwächter ein, und von nun an ließen sich die Ereignisse kaum mehr verfolgen. Kim Roy stand im Mittelpunkt eines Wirbels, der um ihn herumkreiste, ohne ihn ernsthaft zu berühren. Die Männer behinderten sich gegenseitig und verpufften damit ihre Ansätze.

Kim Roy stand im Wirbel, als ging es um eine Spielerei. Sein Gesicht wirkte sogar heiter. Es war, als stände ein Erwachsener zwischen eifrigen, aber tollpatschigen Kindern, die er bloß anzutippen brauchte, um sich Luft zu verschaffen.

Einer der Leibwächter blieb abseits und beobachtete aufmerksam, was geschah.

Für ihn war dieser Unbekannte, der sich dort mit den Männern herumschlug, eine Überraschung besonderer Art. Er konnte abschätzen, was in diesen Muskeln stecken musste, wenn er gleichsam aus dem Handgelenk heraus einen Zweizentnermann durch die Luft warf. Dabei besaß er eher die Figur eines Leichtgewichtlers.

Er reagierte fantastisch schnell. Es war geradezu, als besäße er einen sechsten Sinn und zusätzliche Augen für eine drohende Gefahr.

Seine Nerven befanden sich in Ordnung. Er veränderte seinen Platz kaum. Er wurde nicht unruhig. Seine Bewegungen blieben unverkrampft. Sein Gesicht blieb offen und fast belustigt.

Der Wirbel dauerte nicht lange. Nach wenigen Minuten stand Kim Roy wieder frei im Raum. Seine Angreifer lagen entweder benommen an der Wand oder rappelten sich draußen vor der Tür wieder auf.

»Hübscher Zirkus!«, sagte Jonas Whintrop sauer und verächtlich in die tiefe Stille hinein. »Wie ich Sie kenne, haben Sie das ebenfalls arrangiert, Manassos. Showtime, he? Aber nun ist es genug. Wir haben noch geschäftlich miteinander zu reden. Sorgen Sie dafür, dass der Bursche verschwindet.«

Silvio Manassos sah aus, als brauchte er noch Zeit, um sich von einem Spuk zu erholen, Er kaute, bevor er Worte fand.

»Sie irren sich, Whintrop. Das ist keine Show. Ich kenne den Mann nicht, und ich …«

»Reden Sie keinen Unsinn!«, schnitt Whintrop verdrossen ab. »Sie können mir nicht im Ernst erzählen, dass ein Dutzend von diesen Kerlen nicht imstande ist, den Burschen an die Luft zu setzen. Dazu genügt ein einziger Chippy?«

»Sir?«

Der Mann, der seinen Anruf beantwortete, war der Beobachter, der sich nicht in den Kampf eingemischt hatte. Er konnte die Mitte der Dreißig erreicht haben, war mittelgroß, und besaß rotes Haar, das durch einen Bürstenschnitt kurz gehalten wurde. Sein Gesicht war rund, wirkte jedoch eigentümlich fest, als hätte es jemand aus einer zähen, leicht erstarrenden Masse herausgedrechselt. Zu ihm gehörten zahlreiche Sommersprossen und blassblaue, fast farblose Augen.

Das Gesicht verfügte über drei Zustände. Es war entweder so unauffällig, dass man es übersah, oder es gab sich so hart, dass man keine menschliche Regung hinter ihm vermutete, oder es sah so blöde aus, als könnte sein Besitzer nicht bis drei zählen.

Der letzte Ausdruck wurde von Chippy bevorzugt. Er hatte es sogar schon fertiggebracht, bei internationalen Festbanketten hinter Jonas Whintrop aufzutauchen und ein Gesicht zu ziehen, das auf die Börsenkurse drückte.

Er hieß Archimedes Pothole, aber das hatte selbst er schon fast vergessen. Die Zirkusleute, die ihn aus dem Steckkissen hochgepäppelt hatten, hatten ihn auf den losen Namen Chippy getauft, und dabei war es geblieben. Zum Ausgleich hatten sie ihm rechtzeitig alle Schandtaten beigebracht, mit denen sie ihr Geld verdienten.

Im Augenblick bevorzugte er eine mittlere Blödheit als Ausdruck, die erhoffen ließ, dass er immerhin noch bis zehn zählen konnte.

»Raus mit ihm, Chippy«, befahl Jonas Whintrop. »Nehmen Sie ihn einstweilen in Verwahrung.«

Chippy räusperte sich.

»Hm, tut mir leid, Sir, aber ich habe gerade meinen Rheumatismus.«

Whintrop streckte sich vor Überraschung.

»Sie haben was?«

»Rheumatismus, Sir, volkstümlich Reissmichmal genannt, ein Erbfehler in meiner Familie. Schon mein Großvater …!«

«Rheumatismus?«, kam ihm Whintrop ungläubig dazwischen. »Verdammt will ich sein! Wenn Sie Rheumatismus haben, gehe ich als Grashüpfer. Nehmen Sie etwa dieses Theater hier ernst?«

»Jawoll, Sir.«

»Werden Sie nicht albern!«, meuterte Whintrop wütend. »Seit wann trauen Sie sich nicht mehr zu, mit einem einzelnen Mann fertig zu werden?«

»Seit heute, Sir«, bekannte Chippy schlicht und blöde, aber damit reizte er Whintrop nur noch mehr.

Er fuchtelte mit seinem Stock. »Kommen Sie mir nicht mit solchem Unsinn! Schaffen Sie ihn hinaus! Das ist ein Befehl. Und wenn Sie nicht mit ihm fertig werden, entlasse ich Sie auf der Stelle.«

»In Ordnung, Sir«, blieb Chippy gleichmütig. »Ich nehme die Entlassung an.«

Jonas Whintrop starrte ihn an, dann wurde er plötzlich ruhig. Sein ledernes, zerfurchtes Greisengesicht verlor jede Erregung. Der alte Pirat in ihm besaß immer noch die Gewalt.

Er ging auf seinen Leibwächter zu, blieb kurz vor ihm stehen und sagte beherrscht:

»Sie werden mir das erklären müssen, Chippy. Das sind Sie mir schuldig. Was ist los?«

Chippy sah nur noch harmlos aus, aber in seinen Worten schwang die Vorsicht eines Mannes, der seinen Weg noch nicht kennt.

»Ich weiß nicht, was hier gespielt wird, Sir. Ich weiß nicht, warum dort ein Toter unter dem Tisch liegt, wer dieser Mann ist und was er von Ihnen will. Ich verstehe mich jedoch darauf, einen Mann abzuschätzen. Ich habe ihn beobachtet. Er würde mich und ein Dutzend von meiner Sorte hinauswerfen, ohne sich mehr anzustrengen als bisher. Deshalb halte ich es für sinnlos, ihn anzugreifen.«

»Sie wollen sagen, dass er wirklich so ist, wie es aussah?«

»Ja, Sir.«

»Das gibt es nicht.«

»Das gibt es, Sir«, widersprach Chippy gelassen. »Der Spielraum des Menschen reicht nicht nur im Verstand vom Dorftrottel bis zum Gelehrten. Mit den richtigen Methoden kann man einen Menschen so auf die Beine bringen, dass dem Durchschnitt die Augen übergehen. Im Menschen steckt eben doch viel mehr drin, als der Durchschnitt aus ihm herausholt.«

»Halten Sie mir gefälligst keinen Vortrag über Bodybuilding«, warnte Whintrop wieder schärfer. »Ich kann diese Muskelburschen nicht leiden.«

»Sie sollten versuchen, darüber hinwegzukommen«, riet Chippy mit einem Ausdruck, der nur noch als fromm bezeichnet werden konnte. »Bei einigem Training könnte man sogar noch aus Ihnen eine männliche Schönheit machen. Im Übrigen dachte ich nicht an Muskelpakete. Sehen Sie, ich bin im Zirkus geboren und aufgewachsen. Zirkusleute haben ihre Tricks und ihre Methoden, um in Hochform zu kommen. Einige davon haben sie auch mir verpasst, sodass ich weiß, wovon ich rede. Ich kann Ihnen nur den guten Rat geben, den Mann in Frieden zu lassen.«

»Unglaublich!«, murmelte Whintrop, ging auf Kim Roy zu und stellte sich wenige Meter vor ihm auf. Alle anderen blieben weiterhin stumm und reglos, eine Statisterie, die vom Ungewöhnlichen und von der Neugier gebannt wurde, ganz zu schweigen davon, dass es niemand so leicht wagte, diesem alten Teufel Whintrop in die Quere zu kommen.

»Sie haben das gehört?«

»Ja.«

»Stimmt es?«

Kim Roy lächelte. Sein Lächeln schien den Greis wie ein Schlag zu treffen.

»Warum sollte es nicht zutreffen? Selbst das Talent, zu Geld zu kommen, ist sehr verschieden. Bei dem einen reicht es nur zum Wochenlohn, bei dem anderen zu Millionen. Nur der Durchschnitt glaubt in allem Ernst, dass es nur den Durchschnitt gibt, weil das nämlich die einzige Rechtfertigung für den Durchschnitt ist. In Wahrheit besitzt der Mensch einen fantastischen Spielraum.«

Jonas Whintrop stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock, reckte den Kopf und seinen faltigen Hals nach vorn und flüsterte:

»Können Sie noch einmal lächeln?«

»Gern«, lächelte Kim Roy, und Whintrop nahm es mit einem tiefen, hörbaren Atemzug hin, um sich dann zu entspannen.

»Das gibt es also doch noch?«, murmelte er. »Es war mein Fehler, dass ich es nie geglaubt habe. Wenn ich mich nicht ausgerechnet auf Geld verlegt hätte …«

Er bewegte den Kopf, als wollte er etwas wegschieben, und fuhr barscher fort:

»Lassen wir das. Ich habe meine Suppe verschüttet und weiß es. Sagen Sie mir lieber, was Sie von uns wollen.«

»Nichts«, antwortete Kim Roy präzise. »Ich kenne weder Sie noch die anderen Anwesenden. Ich wurde beauftragt, mit einem gewissen Bernard Corvin zu sprechen, und man sagte mir, dass ich ihn in diesem Hause finden würde. Weiter nichts.«

Whintrop deutete mit einer Handbewegung hinter sich. »Sie haben ihn gefunden.«

»Das war nicht Corvin.«

Whintrop blickte auf die Männer ringsum, die noch an der Wand hockten oder sich an der Tür drängten.

»Raus mit euch!«, befahl er tonlos. »Chippy, Sie halten die Leute von der Tür weg.«

Einige der Männer verständigten sich stumm mit jenen, die sie bezahlten, dann verschwand einer nach dem anderen. Chippy zog als Letzter die Tür hinter sich zu.

Whintrop wandte sich dem Tisch zu, an dem sich die anderen inzwischen ebenfalls entspannt hatten. Er behielt seinen matten Tonfall bei.

»Es ist besser, wenn wir das unter uns ausmachen. Hier steht ein Mann, der einen gewissen Corvin sprechen will. Ich persönlich habe nichts dagegen, aber ich möchte jetzt hören, was unser Freund Manassos zu sagen hat, nachdem er uns diesen Toten als Corvin vorstellte. Also, Manassos?«

Silvio Manassos glitt mit den Fingern glättend über seinen Schwingenbart. Er hatte Zeit genug gehabt, sein Gleichgewicht zurückzufinden.

»Es besteht nicht der geringste Grund zur Aufregung, Whintrop. Ich gebe zu, dass das nicht der richtige Corvin war, sondern einer seiner Mitarbeiter. Corvin wurde im letzten Augenblick krank, und ich hielt es für richtig, die Konferenz nicht abzusagen, sondern seinen Vertreter sprechen zu lassen. Das macht keinen Unterschied.«

»Das klingt vernünftig«, zensierte Whintrop sachlich. »Dieser Corvin befindet sich also im Haus?«

»Hm – ja.«

»Gut, dann lassen Sie Mr. Roy zu ihm bringen und wir können in unserer Besprechung fortfahren.«

»Nein.«

»Nein? Was heißt das?«

»Sie haben gehört, was Corvin oder vielmehr sein Vertreter uns darlegte. Sie haben auch das Experiment gesehen. Vielleicht gefällt es Corvin, auch gegenüber Mr. Roy von diesen Dingen zu sprechen? Damit aber würde unser ganzes Projekt gefährdet werden, und Sie haben ja wohl inzwischen verstanden, dass es um ein ungewöhnlich bedeutendes Projekt geht. Allein schon die Auswertung dieses kleinen Geräts würde jeden Aufwand lohnen. Wir sind uns wohl einig, dass wir das nicht gefährden dürfen, weil ein wildfremder Wert darauf legt, sich mit Corvin zu unterhalten.«

»Hm, das klingt auch vernünftig«, gab Whintrop zu. »Ich sehe zwar noch lange nicht so klar, wie das offenbar bei Ihnen der Fall ist, aber wir müssen natürlich Komplikationen vermeiden.«

Er wandte sich wieder an Kim Roy, diesmal in einem fast väterlichen Tonfall.

»Sie verstehen das, nicht wahr? Wir verfolgen mit Corvin zusammen ein geschäftliches Projekt, das unter Verschluss bleiben muss. Ich weiß nicht, was Sie von ihm wollen, aber Sie werden sich gedulden müssen, bis wir ins Reine gekommen sind. Sie bleiben am besten in Acapulco. Manassos wird Sie verständigen, wenn es soweit ist, dass Sie Corvin sprechen können. Einverstanden?«

»Nein«, lehnte Kim Roy ohne Schärfe, aber bestimmt ab. »Man sagte mir nicht nur, dass ich Corvin hier finden würde, sondern auch, dass er gegen seinen Willen festgehalten wird und zu Aussagen gezwungen werden soll, die er verweigern möchte. Ich will Ihre geschäftlichen Verhandlungen gern abwarten, aber ich muss mich zunächst davon überzeugen, dass er sich freiwillig in diesem Hause aufhält und freiwillig mit Ihnen verhandelt.«

»Unverschämtheit!«, fauchte Manassos. »Corvin ist freiwillig hier. Der Arzt hat ihm jedoch strengste Bettruhe verordnet, und ich werde nicht dulden, dass er durch einen unerwünschten Besucher gefährdet wird.«

Jonas Whintrop fixierte ihn nachdenklich. Nach einer Weile nickte er.

»Ich verstehe, Manassos. Ich konnte ja auch kaum erwarten, dass Sie Ihre Methoden geändert haben. Jetzt befinden Sie sich aber in einer Klemme. Oder haben Sie ein Rezept, wie Sie Mr. Roy hindern können, Corvin zu besuchen?«

»Selbstverständlich«, bejahte Manassos finster. »Überlassen Sie ihn einfach mir.«

»Das werde ich nicht tun«, lehnte Whintrop kalt ab. »In meinem Alter braucht man allmählich etwas, was man zu seinen Gunsten vorweisen kann. Keine Gewalttat!«

»Auch wenn Sie damit Milliarden zum Fenster hinauswerfen?«

»Ich habe schon oft genug Milliarden zum Fenster hinausgeworfen. Die Kunst besteht allein darin, rechtzeitig auf der Straße zu sein und sie wieder aufzufangen.«

»Sie sind nicht der einzige, der an diesem Projekt interessiert ist.«

»Kommen Sie mir nicht von der Seite!«, schnaubte Whintrop ihn an. »Sie wären der Erste, der mich aus einem Geschäft herausdrängt. Ich möchte jetzt selbst diesen Corvin sehen. Bringen Sie ihn her oder führen Sie mich zu ihm.«

Silvio Manassos schwieg. Er blickte düster vor sich hin. Er befand sich tatsächlich in einer Klemme. Whintrop würde sich kaum daran stoßen, in welchem Zustand sich Corvin befand, denn er hatte oft genug selbst robuste Methoden angewandt. Es war aber zu gefährlich, ihn mit Corvin sprechen zu lassen. Der Alte war ein ausgekochter Fuchs, und unter Umständen genügten ein paar Worte, um ihn auf die richtige Spur zu bringen. Andererseits war er ein harter Gegner. Wenn er sich nicht beteiligte, sprangen auch die anderen ab. Außerdem hatte er nicht zum ersten Male ein Vermögen eingesetzt, um einen anderen fertig zu machen, der ihn geärgert hatte.

Er entschloss sich endlich, das Risiko zu wagen, kam jedoch nicht mehr zu Wort.

Jenseits des Tisches befand sich in der Wand eine schmale Tür. Von dort kam ein dumpfes Geräusch. Es klang, als wäre jemand gegen die Tür geprallt.

Die Köpfe ruckten herum.

Das Geräusch wiederholte sich.

Die Tür, die nur durch einen Schnapper gesichert wurde, flog auf und gab den Blick auf einen schmalen Gang frei.

Auf der Schwelle kam mit gespreizten Beinen eine Ziege zum Stand.

»Mäh!«, meckerte sie.

 

*

 

Es war tatsächlich eine Ziege, eine struppige, schmutzige, ganz gewöhnliche Ziege, wie sie nur noch in den Hütten der ärmsten Mexikaner existierte.

Unfassbar!

In ganz Acapulco gab es keine armen Mexikaner, geschweige denn eine derartige Ziege. Der ganze goldene Küstenstreifen mit seinen zahlreichen Luxushotels und seinen Gästen wäre in Ohnmacht gefallen, wenn er Ziegen entdeckt hätte, und selbst die beiden alten Kriegsschiffe draußen am Pier, die das ganze Jahr hindurch die Bucht dekorierten, wären wohl aus ihrem Tiefschlaf aufgeschreckt. Eine Ziege in Acapulco war schlimmer als eine Wanze in einem Hilton-Hotel.

Die Anwesenden wunderten sich nur, aber Silvio Manassos benahm sich, als wäre er tödlich getroffen worden. Er stierte fassungslos auf das Tier und stammelte irgendwelche Worte, die niemand verstand.

Wer wollte es ihm verdenken? Es gab Möglichkeiten für einen Fremden, in das Haus einzudringen. Notfalls ließ sich sogar noch vorstellen, dass talentierte Spezialisten die Wächter umgingen und den Safe ausräumten. Es gab aber keine Möglichkeit für eine Ziege, in das Haus hineinzukommen.

Und es war absolut unmöglich, dass eine Ziege nicht von draußen, sondern aus dem Innern des Hauses kam.

Genau das aber bedeutete das Auftreten des meckernden Spuks auf dieser Schwelle.

Die Ziege hatte sich inzwischen genügend orientiert. Sie schielte giftig auf die Versammlung vor sich, senkte den Kopf und stürmte los. Der Ölscheich schien ihr das richtige Ziel zu sein. Vielleicht war doch noch etwas von dem Geruch an ihm geblieben, in dem er jahrzehntelang unter dem heimatlichen Zelt gelebt hatte, bis die Ölleute mit ihren Millionen gekommen waren.

Von nun an wurde es wieder turbulent.

Manassos verschwand durch die Tür, durch die die Ziege gekommen war. Whintrop zog ein kaum handgroßes Funksprechgerät aus der Tasche und befahl Chippy, zu ihm zu kommen.

Der Ölscheich fing die heranstürmende Ziege an den Hörnern auf, schleuderte sie beiseite und half mit einem Tritt nach, worauf die Ziege empört meckerte und sich nach einem anderen Gegner umsah. Der Ölscheich war tödlich beleidigt und brachte es teils in seiner Heimatsprache, teils in Englisch zum Ausdruck. Er hatte schon auf seine Ehre geachtet, als er noch von kleinen Überfällen und Räubereien gelebt hatte, und jetzt war er erst recht empfindlich.

Während er sich wütend aussprach, brach er auf. Die anderen folgten unter erregten Diskussionen seinem Beispiel. Der Gastgeber hatte sich ohnehin abgesetzt, die Stunde für geschäftliche Besprechungen war nicht mehr günstig und das Geheimnis dieser Zusammenkunft schien nicht mehr gewahrt zu sein. Es war besser, wieder hinter den Kulissen zu verschwinden.

Die Ziege hielt es auch für besser. Sie trottete hinter den Männern her und verschwand mit ihnen im Gang.

 

 

3.

Jonas Whintrop, Chippy und Kim Roy blieben zurück. Kim Roy beugte sich über den Toten und kam dann wieder hoch. Er nahm den Gegenstand, der wie ein Stein von der Größe einer Streichholzschachtel aussah, an sich und fragte zu Whintrop hin:

»Es war ein Dynatron, nicht wahr?«

»Ein Dynatron?«, suchte Whintrop. »Kenne ich nicht. Es war so ein Ding, wie Sie es in der Hand haben, nur aufgeschnitten. Im Innern befanden sich kleine Buckel, die Transistoren sein sollten. Lassen Sie lieber die Finger davon.«

»Es ist noch versiegelt«, beruhigte Kim Roy. »Der Mann war reichlich leichtsinnig.«

»Scheint so. Kennen Sie das Zeug?«

»Ja.«

»Machen Sie mich nicht verrückt!«. grollte Whintrop. »Ich habe noch nichts davon gehört. Dabei bin ich sogar Aktionär bei der General Electric. Ich muss wohl die Herren dort einmal auf Trab bringen. Vermutlich halten sie mich schon für zu senil, um mich in ihre neuen Erfindungen einzuweihen. Wie nennen Sie es?«

»Dynatron.«

»Klingt nach Dynamo oder Dynamit. Kann man da wirklich Strom herausholen oder hat uns Manassos etwas vorgezaubert? Ich traue dem Kerl nicht. Der Gauner wollte uns sogar erzählen, dass diese Dinger schon ein paar tausend Jahre alt sind.«

»Die Zeitangabe ist recht ungenau«, erwiderte Kim Roy leichthin. »Die Produktion dieser Dynatrone wurde bereits vor rund zehntausend Jahren eingestellt.«

Jonas Whintrop riss die Lider hoch, starrte Kim Roy an und schluckte,

Chippy blickte mit halbgeschlossenen Augen in unbekannte Fernen und sah aus, als drohte ihm das kleine Einmaleins erst in weiter Zukunft.

Whintrop ließ seinen Adamsapfel noch einmal auf und nieder gehen, bevor er mürrisch sagte:

»Sie können sich diese Witze sparen, junger Mann. Ich habe Sie auch ernst genommen, obgleich ich mir damit keine Freunde gemacht habe.«

Kim Roy prüfte das alte, lederne Gesicht vor sich, bevor er zurückhaltend antwortete:

»Ich scherze nicht, Mr. Whintrop, aber es wird nicht leicht sein, Sie davon zu überzeugen. Nehmen Sie es also einfach als Tatsache hin.«

»Den Teufel werde ich tun!«, knurrte Whintrop gereizt. »Ich bin kein alter Opa, dem Sie ein Lätzchen umbinden und den Brei mit dem Löffel in den Mund schieben müssen. Ich will endlich einmal wissen, was hier los ist. Sie können mir doch nicht im Ernst erzählen, dass es vor zehntausend Jahren schon Techniker gab, die etwas herstellen konnten, was unsere Leute heute noch nicht schaffen? Eine Streichholzschachtel voll Transistoren, aus der man ohne Stromzufuhr massenhaft Strom herausholen kann! Mann, wenn es so etwas wirklich gäbe, steckte ich meine Millionen bis auf den letzten Dollar hinein und holte mir das Hundertfache heraus.«

Kim Roy lächelte.

»Tun Sie das, Mr. Whintrop. Aber beeilen Sie sich, Das technische Geheimnis ist leicht zu durchschauen, und wenn ich richtig im Bilde sind, ist es schon kein Geheimnis mehr. Es gibt sogar schon Firmen, die Mikrotransistoren herstellen. Den Rest werden Ihre Leute schnell entschlüsseln, wenn sie die richtige Ausgangsstellung bekommen.«

Whintrop blinzelte.

»Sicher, sicher – und was ist die richtige Ausgangsstellung?«

Kim Roy lächelte abermals.

»Nun, Transistoren können auch dazu dienen, ruhende Elektrizität aufzunehmen und zu ausreichender Stromstärke aufzuschaukeln. Ihre Herren schwimmen im Wasser, ohne das Wasser zu bemerken. Schon an jeder gewöhnlichen Kupferleitung, etwa an einem Hochspannungsdraht oder am Fahrdraht des elektrischen Zugverkehrs, liegt selbst bei völliger Abschaltung und Stromlosigkeit ein Feld von rund achttausend Volt Spannung. Es kommt nicht zur Wirkung, weil die Stromstärke praktisch gleich Null ist. Man könnte es aber in Bewegung setzen und ihm damit die Stromstärke geben. Ähnliche Spannungen gibt es überall. Wir befinden uns in einem Meer von Elektrizität. Man muss sich nur herausschöpfen, was man braucht.«

»Ihnen traue ich auch nicht über den Weg«, brummte Whintrop. »Sie erzählen mir die tollsten Märchen, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Wenn ich …«

Er brach ab.

Silvio Manassos kam zurück. Er rannte. Sein Haar und sein Bart hatten die gewohnte Korrektheit verloren. Sein. Gesicht wurde von Hass und Wut verzerrt. Er schien nicht einmal zu bemerken, dass sich der Raum geleert bette. Er sah nur Kim Roy.

Und er kreischte.

»Er ist fort!«

 

*

 

Er kam noch einige Schritte näher heran. Seine Stimme überschlug sich fast.

»Das war also der Sinn der Sache? Deshalb sind Sie hergekommen? Sie haben ihn verschleppt! Sie haben ihn entführt. Aber Sie werden ihn wieder herbeischaffen oder ich …«

Er hatte plötzlich eine Pistole in der Hand und richtete sie auf Kim Roy. Dieser reagierte mit einer unglaublich schnellen Bewegung. Er wirbelte herum, kam damit aus der Schusslinie und schlug Manassos die Waffe aus der Hand,

Ein Schuss krachte. Er kam nicht aus der wegfliegenden Waffe, sondern aus einer Pistole, die Chippy in seine Hand gezaubert hatte. Das Geschoss zischte dicht an Kim Roy vorbei,

»Verdammt!«, sagte Chippy bestürzt, denn er hatte gerade noch im letzten Sekundenbruchteil die Richtung etwas ändern können. »Sie hätten mir das sagen sollen. Einfach in die Schussrichtung hinein!«

Kim Roy bedachte ihn mit einem scharfen, prüfenden Blick.

»Unterlassen Sie das zukünftig. Ich helfe mir gewöhnlich selbst.«

»Sind Sie verrückt?«, fauchte Whintrop Manassos an. »Eine Schießerei!«

Manassos stand einige Sekunden lang blass und erschreckt, dann kamen Wut und Hass wieder in ihm hoch, diesmal jedoch kälter und giftiger. Er kreischte nicht mehr. In seinen gelben Augen brannte jedoch die Mordlust, und in seinem Tonfall stachen Messer. Er wandte sich gegen Whintrop.

»Das werden Sie noch bereuen, Whintrop. Sie sind ein alter Narr. Ohne Ihre Einmischung wäre alles glattgegangen. Ich habe Ihnen des größte Projekt gebracht, das Ihnen jemals angeboten wurde, und Sie haben alles verdorben. Ich habe Ihnen gezeigt, was in der Sache steckt, aber Sie haben es nicht einmal begriffen. Wir hätten Milliarden verdienen können. Wir hätten die ganze Welt in den Griff bekommen. Wir hätten …«

»Halten Sie den Mund!«, unterbrach Whintrop barsch. »Wenn Sie überschnappen wollen, dann gefälligst nicht in meiner Gegenwart. Was ist eigentlich los?«

»Nichts ist los!«, höhnte Manassos. »Weiter nichts, als dass Corvin verschwunden ist. Und Sie haben dem Kerl noch dabei geholfen!«

»Reden Sie keinen Unsinn! Ich bin nicht aus diesem Raum herausgekommen, und Mr. Roy auch nicht. Vielleicht ist Corvin nur spazieren gegangen?«

»Spazieren gegangen?!«, höhnte Manassos weiter. »Er ist krank. Er kann keine drei Schritte laufen. Er wurde von zwei bewaffneten Männern bewacht. Jetzt liegen sie betäubt und gefesselt unten im Keller und Corvin ist weg. Spazieren gegangen?! Halten Sie mich für schwachsinnig? Jede Menge Millionen und eine Weltherrschaft sind da spazieren gegangen, Sie alter Narr.«

»Achten Sie auf Ihre Sprache, Manassos«, warnte Whintrop verdrossen. »Sie könnten sich sonst bei nächster Gelegenheit auf die Zunge beißen. Dieser Corvin war also gegen seinen Willen hier?«

Details

Seiten
140
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936421
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514269
Schlagworte
jahre

Autor

Zurück

Titel: Kim Roy - Ruf über zehntausend Jahre