Lade Inhalt...

Rebell des Weltraums

2020 201 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Rebell des Weltraums

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

Nachwort

Rebell des Weltraums

Utopischer Roman von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 201 Taschenbuchseiten.

 

Die Oberfläche der Erde besitzt im 133sten Jahrhundert keine Atmosphäre mehr. Die Menschheit aber ist nicht untergegangen, sie lebt unterirdisch in riesigen Städten, die sie in die Kruste des Erdballs hineingebaut hat. Schon seit Jahrhunderten ist die Sol-Sirius-Union, zu der auch die Erde gehört, in einen verzweifelten Krieg gegen die Prokas, eine fremde, den Menschen überlegene Rasse, im Weltraum verwickelt.

Verbittert nimmt Leutnant Barnett zur Kenntnis, dass er weiter auf seinem Arbeitsplatz in einer der Tiefstädte der Erde bleiben muss. Dann bietet sich ihm plötzlich eine geheimnisvolle Gelegenheit. Es kommt der Augenblick, in dem er seine Aufgabe erkennt – Rebell des Weltraums.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: A. J. Stark

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

1

Perry Barnett schoss durch den Gravitationslift nach oben, bis er die Sohle 23 erreichte. Auf dem Gang zeigten ihm rote Reflexe zur Rechten, dass er sich auf dem richtigen Wege zur Psychoabteilung befand. Allerdings achtete er nicht auf den Farbwegweiser, denn er kannte die Verhältnisse in diesem Distrikt auswendig und hätte den Weg auch mit verbundenen Augen gefunden. Er ging diesen Weg regelmäßig einmal in der Woche. Und das seit zwei Jahren.

Wenn jetzt Perry Barnett überhaupt auf etwas achtete, so waren es die lebenden Plakate, auf denen der Bevölkerung in kurzen Szenen bewegliche Bilder von den Kriegsschauplätzen gezeigt wurden. Das war freilich kein Ersatz für die ausführliche Tagesschau der Televisionsstationen. Immerhin trug dieses Mittel der Volksaufklärung dazu bei, dass die Menschen auf Schritt und Tritt an die Schwere der Zeit und an ihre Pflichten zum Aushalten erinnert wurden, dass sie an den Krieg dachten, auch wenn sie hier unter der verwüsteten Erde in sicherer Etappenstellung ihr Leben fristeten, das sich in monotonem Wechsel um Arbeit und Vergnügungssucht drehte.

Die meisten Plakate zeigten Typen der Gegner. Menschliche und zugleich unmenschliche Physiognomien. Teuflische, dachte Barnett treffend und kämpfte gegen ein Würgen des Ekels im Hals. Auch dieses Würgen kannte er seit Langem. Aber jedes Mal, wenn er sich abwenden wollte, zwang ihn der geschürte Hass, noch genauer hinzusehen, und der Abscheu fraß sich wieder ein Stück tiefer in sein Bewusstsein.

An der nächsten Kreuzung traf er auf eine Hauptverkehrsader. Er sprang auf ein Transportband und kam dicht hinter eine Frau zu stehen, deren Hut ihm beinahe bis unter das Kinn stieß. Er schnaufte durch die Nase und drängte sich nach vorn. Jeder wusste, wie streng das Gehen auf sich bewegenden Transportbändern verboten ist. Doch Barnett spürte nichts von den empörten Gesichtern. Der Hut unter seinem Kinn war nur der Anlass gewesen. Der Grund zu seiner Eile war wesentlich dringender. Er musste einfach schneller werden, ganz gleich, ob die Passanten ihm deswegen nachschimpften, ob die Robotaugen der Verkehrskontrolle deswegen sein Personensignalement aufnahmen und an die Polizeizentrale weitergaben.

Als er bei der Psychoabteilung der Raummarine ankam, hielt er sekundenlang inne. Das Plakat über dem Eingang bestand aus zwei Teilen. Links lag eine paradiesische Landschaft, die Perry nur von solchen Bildern und aus Filmen kannte. Buntes Leuchten vor einer grünen Kulisse. Darunter stand das Wort: FRÜHER. Rechts ein Gemälde der Zerstörung in den Farben Braun, Rot und Schwarz. Es war ein starres Bild. Denn auf der Oberfläche Terras gab es, abgesehen von den Kampfstationen und Flughäfen kein Leben mehr. Nichts eignete sich besser zur Darstellung des toten Planeten als ein in der Technik veraltetes Plakat, dem jede Bewegung fehlte. Darunter standen die Worte: Nach dem Überfall durch die Prokas im Jahre 12 348.

Es ging wie ein Schlag durch Barnetts Körper. Mit Gewalt riss er sich von der Wirkung des Plakates los. Freilich, sein Hass und die Plakate gehörten hierher. Trotzdem gab es für ihn als Individuum jetzt Wichtigeres zu bedenken. Er trat näher an den Sprechschlitz und nannte seine Bürgernummer. Eine Robotstimme schnarrte lediglich ein Wort: „Legitimation.“

Barnett sprach den Code seiner Anmeldung und erhielt ohne Schwierigkeit Eintritt. Hinter der Barriere nahm die Architektur kleinere Formen an. Sonst aber herrschte in den Gängen die gleiche Atmosphäre wie draußen auf den Höhlenstraßen. Etwas weniger Menschen und langsamere Transportbänder. Die Plakate atmeten den gleichen Realismus, die gleiche Gegenwartsnähe und Überzeugungskraft. Barnett dachte einen Augenblick mit Ehrfurcht an die Kriegsberichter, die Auge in Auge mit dem Gegner standen und diese Bilder nach Terra und den Planeten der Sol-Sirius-Union brachten.

Warum schuf der Allgeist die Menschen zum Erdulden des Unrechts und die Prokas als Geißel der Galaxis? Wo war der Sinn hinter diesem gegenseitigen Zerfleischen, herausgefordert durch eine menschenähnliche Rasse, die abgesehen von ihrer äußeren Form doch völlig unmenschlich war? Die keine Seele kannte und ihr ganzes Verhalten wie eine chemische oder physikalische Reaktion ablaufen ließ?

Die schwarze Tür erinnerte ihn wieder an den Zweck seines Besuches. Sie öffnete sich automatisch, als er dicht davor stand. Sie schloss sich geräuschlos, als er eingetreten war.

„Es lebe die Union!“

In dem öden, schmucklosen Raum saß Skeen. „Sie haben drei Minuten, Barnett. Nehmen Sie Platz!“

„Danke. Darf ich den Bescheid hören?“

„Negativ.“

Barnett kam sofort wieder aus dem Sessel hoch und stand unbeweglich wie ein Obelisk. Nur seine Augen flackerten.

„Das ist nicht wahr!“

Skeen gab keine Antwort. Denn Barnetts Worte ließen keine logische Entgegnung zu. Höchstens eine subjektive. Skeen hätte sich beleidigt fühlen können, dass der andere seinen Bescheid als Lüge hinstellte. Doch es war klar, dass Barnett nicht einfach hatte abstreiten wollen. Es war ein letztes hoffnungsloses Aufbäumen gegen den endgültigen negativen Bescheid gewesen.

„Skeen! Was hat man gegen mich?“

„Das Gleiche wie bisher. Es haben sich keine neuen Gesichtspunkte ergeben, die Ihre Zulassung rechtfertigen könnten.“

„So-so, es haben sich keine neuen Gesichtspunkte ergeben“, murmelte Barnett beinahe schüchtern. „Dabei wissen Sie genau, dass ich bis zu meiner Sperrung Raumpilot der Sonderklasse A war. Sie wissen, dass ich gesundheitlich völlig in Ordnung bin, und dass ich die Prokas hasse und als meine persönlichen Feinde betrachte. An der außerdienstlichen Eignung kann es also auch nicht mangeln.“

„Alles das ist dem Gehirn bekannt“, nickte Skeen. „Doch das Gehirn hat entschieden.“

„Verdammt! Darf man denn nicht einmal erfahren, warum das Gehirn so entschieden hat? Ich kenne mich selbst gut genug, um zu wissen, dass ich tauglich bin, dass ich als Kämpfer der Sol-Sirius-Union die besten Dienste leisten könnte. Und das soll jetzt alles vorbei sein?“

„Es ist vorbei! Ihr hundertster Antrag wurde bearbeitet. Das Gesetz lässt darüber hinaus keine Wiederaufnahme des Verfahrens zu.“

Perry Barnett fiel wieder in Resignation zurück.

„Sagen Sie ehrlich, Skeen, gibt es keine Möglichkeit mehr?“

„Unsere Unterredung dauert noch eine Minute“, sagte Skeen. „Sie wissen genau, Barnett, wenn Sie diesen Raum verlassen haben, kann Ihnen jede Äußerung wie Ihre letzte als Zersetzung der Wehrkraft ausgelegt werden.“

Barnett nickte. Seine Rede hatte einen durchaus ironischen Wortlaut, sie klang jedoch völlig ernst in anerzogenem Gehorsam.

„Sie dürfen sich auf mich verlassen, Skeen. Die Ablehnung ist endgültig. Mit jedem weiteren Versuch, eine Einberufung zu erwirken, würde ich die kostbare Zeit der Ämter in Anspruch nehmen und dadurch andere kriegswichtige Entscheidungen verzögern oder gar unterbinden. Ein solches Verhalten aber wäre der Bestrafung würdig. Mein Platz ist im Konstruktionsbüro für automatische Waffen. Ich bin Ingenieur der Sol-Sirius-Union und werde meine Pflicht tun, bis der Widerstand der Prokas endgültig gebrochen ist. Der Allgeist schütze das Gehirn. Der Allgeist helfe uns bei der Vernichtung der Prokas, die ich hasse.“

„Die Männer, die einsehen, wo ihr Platz ist, sind die wahrhaften Helden unserer Völker. Die Helden im Hintergrund sind die besten Diener unseres Gehirns. Sie haben das Zeug zu einem Helden im Hintergrund, Barnett.“

Perry Barnett machte eine knappe Verbeugung.

„Ich weiß die Ehre der Marinepsychologie zu schätzen. Meine Zeit ist um. Es lebe die Union!“

Draußen war alles anders. Barnett sah nicht die Menschen und nicht die Plakate. Sein Tagtraum gaukelte ihm Dinge vor, die für immer seinem Blick verschlossen bleiben würden. Das freie All, die Sterne, die Schiffe. Er fuhr hinunter auf Sohle 83.

 

 

2

In seiner Wohnung brannte Licht. Als er das Licht sah, fiel ihm wieder ein, dass Bannister auf ihn wartete. Forrest J. Bannister war sein Freund. Von Beruf Arzt. Auf den Tisch hatte er zwei Gläser gestellt. „Voll oder halbvoll?“

„Halbvoll.“

„Also Trauer!“

„Trauer“, nickte Perry und warf sich schweigend in einen Sessel. Als der Freund ihm das Glas reichte, kreuzten sich sekundenlang ihre Blicke. Dann tranken sie.

„Wirst du damit fertig werden?“

„Du bist mein Arzt. Und du weißt es besser als ich. Vielleicht werde ich mich umbringen. Hältst du mich eines Selbstmordes fähig?“

„Nur im Affekt. Aber auch ein geistiger Kurzschluss ist unwahrscheinlich bei dir. Du bist zwar

träumerisch veranlagt. Doch deine Träume sind zu neunundneunzig Prozent positiv.“

„Auf dem Rückweg hierher habe ich vom Weltall geträumt. Gemessen an meinen reellen Chancen ist das ein durchaus negatives Thema.“

„Im Gegenteil, es ist positiv.“

„So, meinst du? Soll das ein Trost sein?“

„Das Trösten wird mir schwer fallen. Du hast heute das endgültige Nein gehört. Das ist ein unwiderrufliches Urteil. Dem entgegen steht dein Wille zu kämpfen. Vielleicht ist aber ein anderer Umstand noch wichtiger für deine augenblickliche Verfassung.“

„Welcher?“

„Man sagt dir nicht, weshalb du abgelehnt wurdest. Ein Mann aber, der abgelehnt wurde, hat einen Fehler.“

„Ich habe keinen Fehler.“

„Siehst du! Damit klagst du das Gehirn indirekt der Fehldiagnose an. Das Gehirn jedoch ist unfehlbar. Wenn es nicht unfehlbar wäre, hätten schon unsere Großeltern diesen Krieg verloren, und wir wären nie geboren. Du musst einen Fehler haben. Anders ist es nicht zu erklären.“

„Dann bin ich gespannt, welcher Art dieser Fehler sein soll.“

„Das wirst du wohl nie erfahren. Aus den bekannten Gründen. Und ich bin zwar Arzt, aber nicht das Gehirn.“

„Der Arzt genügt vollkommen“, versicherte Barnett. „Du selbst hast mir hundertmal bestätigt, dass ich gesundheitlich auf der Höhe bin. An meiner technischen Tauglichkeit wird wohl ebenso niemand zweifeln. Ich habe sämtliche Patente eines Raumpiloten in der Tasche. Meine Ausbildung war vor zwei Jahren abgeschlossen, und ich konnte jeden Tag damit rechnen, einem Ersatztruppenteil zugeteilt zu werden. Dann plötzlich hieß es: Untauglich. Verdammt, das konnte sich doch nur auf politische Belange beziehen. Doch wenn man in dieser Hinsicht nur die geringsten Bedenken hätte, dann wäre ich niemals in die Konstruktionsbüros auf Sohle vierundachtzig versetzt worden, sondern in die Strafkolonie auf Sohle hundertdreizehn.“

„An deiner politischen Tauglichkeit dürfte wohl kaum jemand zweifeln. Jeder, der dich kennt, wird das bestätigen können. Sogar ohne, dass es nötig ist, ihm deine Urkunde für den Musterbürger zu zeigen.“

„Musterbürger“, murmelte Barnett verächtlich. „Ich pfeife auf den Musterbürger. Ich pfeife sogar auf mein Offizierspatent, wenn ich nur auf ein Schiff dürfte! Verstehst du das nicht, Forry? Ich will an den Feind heran, den man mir täglich in Bildern zeigt. Ich will dabei sein, wenn …“

„Ach so, du willst dabei sein. Lediglich teilnehmen an einem gefährlichen Abenteuer.“

„Unsinn! Ich habe mich unglücklich ausgedrückt. Es geht um die Vernichtung der Prokas. Mein Platz sollte dort sein, wo ich die größte Chance habe, unseren Gegnern Schaden zuzufügen.“

„Hm, und wie verträgt sich das mit deinem Traum von den Weiten des Weltalls, von den Sternen und Schiffen, die wie Punkte in der Unendlichkeit sind? Bist du nicht vielleicht nur ein Schwärmer? Willst du nicht nur deshalb fliegen, weil das die Befriedigung deiner geheimsten persönlichen Sehnsucht ist? Weil du dich draußen erst wohl fühlst?“

„Wo ich mich wohl fühle, bietet sich die größte Chance, meine Kapazität auszunützen. Als Arzt und Psychologe solltest du den Wert des Milieus kennen …“

„Gewiss! Ich wollte dir nicht wehtun, Perry. Ich will dir nur helfen, dass du über alles hinwegkommst. Vielleicht kann ich das. Allerdings wird es sehr wenig sein. In erster Linie liegt es an dir selbst. Disziplin ist dir eine vertraute Sache. Damit wird es gehen. Und denke bei jedem Strich, den du zeichnest, bei jeder Zahl, die du in den Rechner tippst, dass du damit die Prokas triffst. Die Männer an der Front sind nur ausführende Organe. Mit nackten Fäusten wären sie ein lächerliches, erbarmungswürdiges Häufchen Elend. Erst die Waffen, die du ihnen lieferst, machen sie stark und geben ihnen die Siegchance. Wenn dieser Krieg gewonnen ist, ist das in erster Linie das Verdienst der Wissenschaftler und Techniker.“

„Wie schön du dozieren kannst“, lächelte Barnett unsicher, „aber gieß noch zwei Gläser voll,wenn du schon den Gastgeber in meiner Wohnung spielst. Gleich fängt die Volksunterrichtung an. .

In den Gläsern funkelte grün schimmernder Venuswein. Klar wie die Luft seines Herkunftsplaneten. Als sie tranken wurde es dunkel. Die Lichtzentrale schaltete jeden Tag um diese Zeit ab, wodurch die Bevölkerung zu besonderer Aufmerksamkeit für die Volksunterrichtung angehalten wurde. Alle Sendungen der Television standen zur völlig freien Auswahl. Man konnte ein- oder abschalten, wie man wollte. Eine Handhabung, die dem Individualismus der Bevölkerung weise Rechnung trug. Nur bei der Volksunterrichtung wurde ein sanfter Zwang ausgeübt, indem man auf den Sohlen der Wohnstätten das Licht abschaltete und alle Empfangsgeräte fernsteuerte. Nur von ganz wenigen wurde das als störend empfunden. Der weitaus überwiegende Teil der Bürger dagegen wartete ungeduldig auf die täglichen Nachrichten von den Kriegsschauplätzen.

Die beiden stumpfwinklig zueinander stehenden Wände wurden zum Bildträger. Aus der tiefen

Schwärze heraus tauchten leuchtende Punkte auf, die aus einem unbekannten Zentrum kommend heranjagten und am dreidimensionalen Bildrand hinter dem Betrachter verschwanden. Ziehende Fixsterne aus der Schau eines zeitreisenden Kreuzers. Die Hymne der Sol-Sirius-Union klang auf. Dann schaltete sich der Sprecher ein und gab Kommentare zur ersten Szene, die das Gefecht zwischen einem irdischen Zerstörer und drei feindlichen Raumkugeln zeigte.

„… ein Geplänkel scheinbar am Rande der Ereignisse gab während des heutigen Kampfes besondere Aufschlüsse über eine neue Waffe, mit der bereits einige schnelle Einheiten unserer Marine ausgerüstet sind. Zerstörer XZ 7070 befindet sich auf Patrouillenfahrt in der Nähe des Hemarn‘schen Sterns. Entfernung von Terra 2704 Parsec. Die neue Waffe lässt eine Ausnutzung und Konzentration von Raumstrahlen zu, so dass der Verlust von Ballastenergie auch bei längerem Dauerfeuer äußerst klein gehalten werden kann. Trotz der vorerst noch geringen Reichweite der Waffe ist der Effekt bisher unübertroffen, da während der Aktion gleichzeitig Störfelder erzeugt werden, die gegen die gefürchteten prokaskischen F-Strahlen als Schutzschirm wirken. Das hier ausschnittsweise gezeigte Gefecht dauerte 4 Terra-Stunden und endete mit der totalen Zerstörung der drei Proka-Kugeln. Die größere war ein bewaffnetes Frachtschiff mit radioaktiver Ladung …“

Es war, als versetze der Bildschirm die beiden Freunde hinaus ins freie All. Die Illusion, selbst dabei zu sein, wurde vollkommen. Perry Barnetts Finger krallten sich in den Arm Bannisters.

Über eine Entfernung von einem halben Parsec eröffneten die Prokas das Feuer. Die XZ 7070 schoss ebenfalls. Aber viel zu kurz. Ihre Energie verschwand wirkungslos im Nichts. Nein! Doch nicht! Sie wurde zum Schutzschirm, von dem der Ansager gesprochen hatte. Die F-Strahlen wurden gebrochen. Sie hinterließen eine deutliche, sichtbare Spur. Die parabolische Form ging plötzlich im Chaos von geschüttelten Blitzen über. Und die XZ 7070 jagte im Hagel der Angriffe immer näher an den weit auseinandergezogenen Gegner heran. Die Vernichtung der Kugeln sah schließlich aus wie Routinearbeit. Bei einer Distanz von 800 Millionen Kilometern wurden die Aktionen des terrestrischen Zerstörers den Prokas zum Verhängnis. Ihre Vernichtung war absolut vollkommen. Zum Schluss der Szene setzte sich die XZ 7070 erneut auf Patrouillenkurs und hinterließ den beruhigenden Eindruck, dass sie die Lage im Gebiet des Hemarn‘schen Sterns vollkommen unter Kontrolle hatte.

Der zweite Bericht handelte vom Stellungskrieg auf dem prokyon'schen Riesenplaneten Fnehakr.

Der unaussprechliche Name stammt aus dem Wortschatz der dort ursprünglich ansässigen Urbevölkerung. Er war so ziemlich das einzige, was von dieser harmlosen Primitivzivilisation übriggeblieben war. Die Fnehakrs hatten das Pech, dass die Prokas ihnen die Handelsbeziehungen zur Sol-Sirius-Union übelnahmen. Ihr Untergang spielte sich in einer Nacht des Jahres 12 574 ab. Seitdem hatten sich die Gegner des galaktischen Krieges auf dem Riesenplaneten festgebissen und kämpften dort beide unter völlig artfremden Gravitationsverhältnissen. Zur Zeit befanden sich drei Viertel der Oberfläche im Besitz der Prokas. Doch seit zehn Jahren erzielten die Einheiten der Planeten Mars und Terra wiederholt beträchtliche Geländegewinne.

„… der Vormarsch auf Fnehakr geht weiter“, kommentierte der Ansager, und der fremde Planetenname bereitete ihm nicht die geringsten Sprechschwierigkeiten.

Der Bildschirm holte währenddessen das Inferno ins Zimmer. Eine tote Welt, ohne jede biologische Spur. Wenn etwas lebte, so war es die Bewegung des Kampfes. Feuer, Rauch – Feuer, Rauch – Feuer, Rauch – in ewigem Wechsel. Dann bei der Großaufnahme Gestalten in unförmigen Schutzanzügen. Duelle Mann gegen Mann. Dazwischen leblose Männer. Tote.

Und dann tief unten in den Bunkern: Gefangene. Ebenbilder Beelzebubs und Luzifers. Auf den ersten Blick wirkten die Prokas wie Menschen. Doch beim näheren Hinsehen waren sie Teufel, ganz einfach Teufel.

Die nächste Szene zeigte friedlichen Wiederaufbau auf dem vor 16 Jahren zurückeroberten Mizar-Planeten Tupin. Neue großzügig angelegte Städte, Industrieanlagen inmitten paradiesischer Wälder. Sirius 7 steuerte den Bildbericht von einer wirkungsvollen Militärparade bei. Und der Präsident Komstar hielt eine Rede zum 25. Jahrestag der Eroberung des Plejadensystems.

Schließlich folgten Namen und Porträts der an diesem Tage ausgezeichneten Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften.

Perry Barnett interessierte das nicht mehr. Er wandte sich nach der Flasche um und wollte erneut einschenken. Doch dann hörte er plötzlich seinen Namen. Als er sich wieder umdrehte, starrte er auf sein eigenes Bild.

„Ingenieur Perry Barnett wird vom Innenminister der Verdienststern mit der Planetenschleife verliehen. Barnett ist der dreiundsiebzigste Träger dieser hohen Auszeichnung für besondere Verdienste im Einsatz für die siegentscheidende Rüstung …“

Ein Glas klirrte auf der Tischplatte. Es hatte nur eine Beule, die sich wieder herausdrücken ließ. Doch der gute Venuswein drang in den Teppich.

„Ist das vielleicht deine ganze Geistesgegenwart?“, fragte Bannister vorwurfsvoll.

„Ich pfeife darauf! Sie wollen mir ein Trostpflaster geben. Ihren Etappenorden können sie sich an den Hut stecken.“

„Sage das nicht so laut! Sonst geht‘s dir wie Charley King.“

„Was ist denn mit dem los?“

„Das weißt du nicht? Der hat gestern bei der Behörde Krach geschlagen, weil sein Antrag zur Versetzung in die Transportabteilung erst in acht Wochen bearbeitet werden sollte. Er ging ohne Vorladung hin und wurde gleich dabehalten. Eine Stunde später war er auf Sohle hundertdreizehn. Da arbeitet man nur noch in Hemdsärmeln, verstehst du?“

„Ich verstehe nur zu gut. Hat er lange gekriegt?“

„Das weiß ich nicht. Wenn es überhaupt einer weiß. In solchen Dingen sollte man nicht zu neugierig sein. Vielleicht wird ja beim Endsieg eine Amnestie erlassen …“

Perry Barnett schwieg. Nicht etwa, weil er dem Arzt misstraute. Es war gut, sich im Schweigen zu üben. Im Stillen fragte er sich, welche Generation wohl eines Tages in den Genuss der Endsieg-Amnestie kommen würde.

Als Bannister gegangen war, klickte die Voranmeldung für die Rohrpost. Perry ging an den Schalter und wartete zwanzig Sekunden auf die Kassette. In diesen zwanzig Sekunden schossen die phantastischsten Ideen durch seinen Kopf. Wenn sich das Gehirn geirrt hätte! Nein, das Gehirn irrte sich nie. Aber die Beamten könnten die Ergebnisse falsch ausgewertet haben. Vielleicht kommt jetzt ein Brief, in dem etwas von Einberufung zum Frontdienst steht. Wenn er nicht kommt, dann bleibt immer noch die Möglichkeit des Irrtums. Des menschlichen Irrtums.

Die Kassette kam. Aber nicht von der Marine-Psychologie. Sie hatten ihren Irrtum nicht entdeckt. Perry Barnett würde ab morgen also wieder auf Sohle 84 fahren und zwölf Stunden am Kalkulationsbrett sitzen. Zwölf Stunden jeden Tag. Den Irrtum würde man vertuschen. Irgend so ein kleiner Beamter, der die Schuld trägt, wird die Akte verschwinden lassen. Perry Barnett, der in jeder Beziehung fronttauglich ist, wird zwischen Sohle 83 und 84 sein Maulwurfleben fristen. Denn wenn er noch einmal zu Skeen geht, darf er gar nicht mehr nach Hause, sondern verschwindet auf Sohle 113.

Das Gehirn irrt sich nie. Wie mag es auf Sohle 113 sein? Das Gehirn irrt sich nie. Warum bringen sie in den Nachrichten niemals Bilder von Sohle 113? Das Gehirn irrt sich nie. Verdammt, Forry! Warum bist du schon weggegangen? Das Gehirn irrt sich nie.

Auf einen Knopfdruck hin hob sich das Nachtlager aus dem Fußboden. Barnett stellte die Kassette auf den Tisch und kleidete sich aus. Bevor er sich hinlegte, ging er noch einmal an den Tisch zurück. Die Kassette war vom Innenministerium. Als der Deckel aufsprang, sah er die regenbogenfarbige Planetenschleife und den Verdienststern. Ab morgen würde er die Schleife im Knopfloch tragen.

 

 

3

Er trug die Schleife vier Tage. Seine Kollegen bewunderten ihn. Intimere Mitarbeiter hänselten ihn, indem sie etwas von Etappenorden feixten. Aber alle beneideten ihn. Nicht unbedingt wegen des Ordens. Wichtiger war die Tatsache, dass man Barnetts Kopf in Television gezeigt hatte. Auf diese Auszeichnung wartete ein Durchschnittsbürger vergebens. Der Bildschirm bedeutete Publicity. Wenn auch nur für einen Tag.

Und dennoch hatte die Schleife eine noch größere Bedeutung. Sie lockte Cora an. Cora kam völlig ohne Begleitung in ein Vergnügungslokal der 83. Sohle. Dort tanzte sie mit drei Männern. Der eine war klein und dick; der hatte sie aufgefordert. Der zweite war groß und hässlich; der hatte sie auch aufgefordert. Der dritte war männlich; den hatte sie aufgefordert. Und das war Perry Barnett mit der Planetenschleife. Cora tanzte an diesem Abend nur noch mit Perry Barnett.

„Ich habe Sie vorige Woche in den Nachrichten gesehen. Verdammt, die Planetenschleife ist schon eine tolle Sache. Der dreiundsiebzigste waren Sie, stimmt doch?“

„Der dreiundsiebzigste mit der Schleife ohne Raketennadel. Mit der Raketennadel wurde das Ding erst zweiunddreißig Mal verliehen.“

„Davon habe ich keine Ahnung. Ist das ein Unterschied?“

„O ja, der Stern für Frontkämpfer ist die eigentliche Kriegsauszeichnung. Solche Leute kriegen dann noch die gekreuzten Raketen ins Band.“

„Das ist aber ulkig! Demnach ist die Schleife ohne Raketennadel überhaupt keine richtige Schleife.“

Barnett hätte über so viel Naivität unter normalen Umständen lachen müssen, aber heute blieb er völlig ernst dabei und nickte sogar Beifall. „So ungefähr haben Sie recht. Mit den Raketen wird es erst eine richtige Schleife.“

„Na ja, das kann ja noch werden. Tanzen wir noch einmal?“

Sie tanzten. Barnett tat es furchtbar schlecht.

Cora war anfangs mehr mit ihm zufrieden gewesen.

„Warum sind Sie plötzlich so anders?“

„Bin ich anders?“

„Natürlich sind Sie anders. Als ich Sie entdeckte, waren Sie ein Mann. Auch noch, als wir die ersten Tänze machten. Jetzt sind Sie ein trauriger Mann.“

„Traurig bin ich nicht.“

„Dann sind Sie wütend. Natürlich sind Sie wütend. Hoffentlich nicht über mich.“

„Durchaus nicht. Ich bin froh, dass Sie da sind.“

„Sie sind aber gar nicht froh. Sie sind anders. Und Sie haben mir noch nicht gesagt, warum.“

„Das verstehen Sie nicht.“

„Ich glaube, Sie unterschätzen mich.“

„Mag sein. Aber das ist dummes Zeug. Nehmen Sie mich nicht ernst. Ich dachte vorhin daran, dass es niemals möglich sein wird, die Raketen in die Schleife zu kriegen. Ich bin untauglich für den Frontdienst.“

„Seien Sie froh! Das kann unter Umständen günstig für Ihre Gesundheit sein.“

„Was verstehen Sie schon davon?“

Sekundenlang kam ein Blitzen in Coras Augen. „Ich verstehe sehr viel davon. Vor zwei Jahren war ich mitten drin in so einem Schlamassel.“

„Vor zwei Jahren? Wo war das denn?“

„Außerhalb des Sol-Systems. So genau weiß ich das nicht mehr.“

„Das will ich meinen. Sol hat seit fünf Jahren keinen direkten Angriff mehr erlebt. Sind Sie vielleicht bei der Sanitätstruppe?“

Sie zögerte einen Augenblick. „Ja, so ungefähr …“ Mehr sagte sie nicht. Und Barnett fragte auch nicht weiter.

Es kamen Getränke. Dann tanzten sie. Cora sagte, dass Barnett es diesmal wieder besser geschafft hätte. Er lachte.

„Erzählen Sie mir von Ihrer Sanitätstruppe!“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen.“ Cora sah aus wie ein zusammengerollter Igel, und Barnett merkte sofort, dass er auf Abwehr stieß. Er war klug genug, Cora nicht ein zweites Mal zum Erzählen aufzufordern. „Schade“, sagte er. „Ich höre es gern, wenn jemand von draußen erzählt. Draußen ist alles anders. Draußen sind die Prokas und das All.“

„Das klingt wie eine Sehnsucht. Waren Sie noch nie draußen?“

„Noch nie?“ Barnett lachte gequält. „Einer, der noch nie draußen war, wird diese Sehnsucht wahrscheinlich niemals so recht begreifen. Die Tagesschau, die Filme, die Plakate, die Volksunterrichtung, das ganze Zeug ist Talmi. Freilich, auch dadurch kann der Jugend eine Sehnsucht gegeben werden. Aber bei denen, die draußen waren, ist das schlimmer. Bei mir ist es Heimweh.“

„Demnach haben Sie schon gedient. Verwundet?“

„Nicht einmal das. Am Ende meiner Ausbildung wurde ich zum Leutnant befördert und entlassen. Wehruntauglich. Ich habe sämtliche Flugscheine in der Tasche und doch noch nie einen Proka gesehen. Nicht mal eines der hässlichen schwarzen Kugelschiffe. In der Ausbildung schießt man nur auf harmlose Attrappen. Aber das All kenne ich. Bei meiner Abschlussübung bin ich beinahe bis Centauri gekommen.“

„Wehruntauglich“, sagte Cora. „Wie kann man plötzlich wehruntauglich sein, nachdem der Staat das viele Geld für die Ausbildung hinausgeworfen hat?“

„Man kann es. Ich bin der lebende Beweis dafür. Meine Daten haben dem Gehirn persönlich vorgelegen.“

„Also sind Sie krank.“

„Ich bin völlig gesund.“

„Unsinn!“ Cora sah plötzlich wie ein Mann aus. „Das Gehirn macht keine Fehler. Sie können fliegen. Wenn Sie gesund wären, hätte man Sie nicht abgelehnt. Politische Bedenken kommen bei Ihnen ja wohl kaum in Frage, nachdem man Ihnen vorige Woche erst einen hohen Orden angehängt

hat. Wenn Sie gesund wären, hätte das Gehirn auf jeden Fall positiv für Sie entschieden.“

„Sie können ja meinen Arzt fragen. Nein, nein, mit meiner Gesundheit hat das nichts zu tun. Aber was reden wir darüber! Das Gehirn hat entschieden. Ich muss versuchen, damit fertig zu werden. Ich möchte jetzt tanzen, wenn Sie Lust haben.“

„Ich habe immer Lust“, versicherte Cora und ließ sich auf die Drehscheibe führen.

Sie waren die letzten Gäste im Lokal und gingen durch die Tür wie ein Liebespaar. Beim letzten Glas Venuswein hatten sie Du gesagt und fanden nach zwei Dutzend Tänzen auch jetzt auf der Straße nichts dabei, eng aneinandergeschmiegt zu gehen.

Zu Barnetts Enttäuschung hatte Cora nur einen kurzen Weg nach Hause. Sie wohnte in einem unscheinbaren Hotel, das von Privatleuten geleitet wurde. Vor der Tür gab er ihr einen Kuss.

„Ich möchte dich wiedersehen, Cora. Morgen.“

„Ich dich auch.“

„Also, gleiche Zeit und am selben Tisch wie heute?“

Sie nickte. „Ich komme, Perry. Vielleicht werde ich dir von draußen erzählen.“

Er sah sie an. So genau und so lange, als ob sie etwas zum Kaufen wäre. Sie hatte tief schwarzes, kurzgeschnittenes Haar. Braune Augen, eine runde Stirn und bronzeschimmemde Haut. Die Lippen waren voll. So voll, wie er es beim Kuss gespürt hatte.

„Gute Nacht, Cora!“

 

 

4

Am nächsten Tage hatte Perry Barnett die längste Arbeitszeit seines Lebens. Nach der Uhr waren es freilich nicht mehr als die vorgeschriebenen zwölf Stunden. Doch sie wurden länger, je mehr er an Cora dachte. Ganz am Rande kam ihm die Erkenntnis, dass Cora vielleicht im richtigen Augenblick aufgetaucht war. Noch vor zwei Tagen lebte er in der Verzweiflung, vom Gehirn für alle Zeiten an die Höhlen von Terra gefesselt zu sein. Heute schien der Gedanke an das schwarze Mädchen keine geringere Sorge zu bedeuten. Cora war ein Wunder. Doch wie lange?

Er wusste so gut wie nichts von ihr. War sie Krankenschwester auf einem Kampfschiff? Wollte sie drei Tage Terraurlaub mit Tanzen und dekorierten Männern ausfüllen? Barnett überlegte sich tausend Möglichkeiten und fragte sich auch, ob es Liebe war, was ihn an Cora denken ließ.

Mit dem Schlussgong war sein Arbeitsplatz aufgeräumt. Was er noch nie geschafft hatte – er verließ das Büro als erster. Im Antigravlift zwischen der 84. und 83. Sohle kam er so stark ins

Gedränge, dass er sich bei mehreren Passanten entschuldigen musste.

Den Tisch, an dem er gestern mit Cora gesessen hatte, erreichte er eine halbe Stunde zu früh. Doch das konnte von Vorteil sein, wenn er den Andrang einkalkulierte. Wer weiß, ob später die Plätze noch frei waren.

Er bestellte gebrannte Getränke. Im ganzen sechs Sorten, die einen Querschnitt der Importen von Wega bis Regulus darstellten. Um acht Uhr war er etwas angeheitert. Danach verlor sich seine gute Laune jedoch wieder im gleichen Verhältnis. Bis auf Coras Platz, den er immer noch freihielt, waren alle Sessel besetzt. Auch an seinem Tisch. Überhaupt war kaum noch etwas von der intimen Atmosphäre des gestrigen Tages zu spüren. Allein die Musik klang, als hätte der Wirt ein Band von den Algolzwergen erworben, die ja bekanntlich auf fünf Beinen tanzen.

Cora kam nicht.

Es wurde neun. Eine Dame forderte ihn zum Tanzen auf. Sie war offenbar ein Animiermädchen. Denn schon nach zehn Takten wusste Perry, dass sie heute ganz alleine war und in der Nähe ein Zimmer hätte, in dem man viel ungestörter säße. Als der Tanz zu Ende war, gab es an Barnetts Tisch nur noch einen freien Sessel, nämlich seinen eigenen. Auf Coras Platz saß ein Mann.

Barnett wies den Fremden höflich darauf hin, dass er eine Dame erwarte, der dieser Sessel zugedacht sei. Gleichzeitig ließ er jedoch wissen, dass er nichts dagegen habe, wenn der andere seine Zeche verzehre. Die Dame würde voraussichtlich später kommen.

Der Fremde grinste und versuchte dabei, ebenso höflich zu sein. Das gelang ihm aber nicht ganz, weil er auf den ersten Blick gewöhnlich wirkte.

„Vielen Dank, Barnett. Ich werde mich beeilen.“

„Sie kennen mich?“

„Allerdings. Ihr Gesicht kam doch vorige Woche über Television. Sie haben doch einen Orden gekriegt, nicht wahr? Damn … was frage ich! Die Planetenschleife steht Ihnen gut.“

„Danke“, machte Perry steif und sah zum Eingang, wo er Cora suchte.

Um zehn ging der Fremde. Cora war immer noch nicht da.

Um elf ging auch Perry Barnett. In dem kleinen Hotel gab man ihm die Auskunft, dass Cora seit sechs Stunden unterwegs sei. Wann sie zurückkäme, wüsste man nicht.

Resigniert suchte Barnett den nächsten Weg nach Haus. Auf der letzten Kreuzung vergaß er jedoch das Umsteigen auf das richtige Transportband und fuhr weiter. Es machte ihm nichts aus.

Vielleicht begegnete er Cora durch einen Zufall. Vielleicht sollte er die ganze Nacht auf diesen Bändern stehen. Er stieg dreimal um, ohne zu überlegen, wohin. Seine Aufmerksamkeit galt dem Gegenverkehr auf der linken Seite. Er suchte Cora. Er kannte nur diesen einen Gedanken, dass er erschrak, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte.

„Darf ich mich neben Sie stellen?“, kam die Stimme von hinten.

Barnett erkannte den Mann aus dem Lokal.

„Ich heiße Lavista.“

„Freut mich.“

„Tatsächlich? Das überrascht mich. Sie waren nicht sehr gesprächig vorhin. Ich dachte, Sie mögen mich nicht leiden.“

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“

„Verständlich – bei Ihren Sorgen.“

Barnett schielte nach der Seite, ohne zu sprechen. Lavista grinste kollegial. „Ich wollte Ihnen helfen.“

„Womit?“

„Mit Cora.“

Wieder sagte Barnett nichts. Diesmal, weil er angestrengt überlegte. Schließlich fragte er: „Was wissen Sie von Cora?“

„Einiges. Vor allem, wo sie jetzt steckt.“

„Dann reden Sie!“

„Nicht hier. Wissen Sie keinen Ort, wo man ungestört sprechen kann?“

„Meine Wohnung. Kommen Sie! Bei der nächsten Kreuzung überspringen. Das ist ein Hauptarm mit Expressband.“

In seiner Wohnung lud Barnett zum Sitzen ein.

„Danke“, sagte Lavista. „Wenn wir einig werden, ist die Sache in zwei Minuten erledigt.“

„Was kostet der Spaß?“

„Wenn Sie an Geld denken, sind Sie auf dem Holzwege. Ich brauche Ihre Wohnung für diese Nacht.“

„Das ist ein seltsamer Preis. Wollen Sie sich nicht näher erklären?“

„Nein, aus bestimmten Gründen will ich das nicht. Genauer gesagt, ich kann es nicht. Damit Sie aber beruhigt sind, verspreche ich Ihnen, hier in diesem Sessel auf Ihre Rückkehr zu warten. Ich werde mich bei Ihren Propagandafilmen langweilen und nichts anrühren. Sicherlich haben Sie doch ein Gästeschloss eingebaut?“

„Allerdings.“

„Na sehen Sie! Falls Sie mich für einen Dieb halten, bringen Sie alle beweglichen Dinge hinter den Schirm. Alles, was ich von Ihnen wünsche, ist, dass ich mich für ein paar Stunden ausruhen kann.“

„Okay! Und nun Ihre Gegenleistung.“

„Schreiben Sie auf! Aber nehmen Sie einen Zeitzettel für dreißig Minuten.“

„Ihre Anordnungen sind sehr sonderbar, Lavista. Sie reden, als wollten Sie mir eine geheime Formel diktieren.“

„So ungefähr ist es. Cora befindet sich auf Sohle zwölf.“

Perry Barnett war sofort wieder misstrauisch. „Das ist ja höher als die Regierung!“

„Ganz recht, das ist bereits Einsatzgebiet. Aber es wird Ihnen nichts anderes übrigbleiben, als hinaufzufahren, wenn Sie Cora noch einmal sehen wollen. Ihr Schiff startet morgen. Sie hat Ihnen doch gesagt, dass sie bei der Sanitätstruppe ist.“

„Natürlich. Aber wer sind Sie? Was wissen Sie von all dem? Wenn Sie wenigstens eine Uniform hätten.“

„Es soll auch unter den Zivilisten ehrbare Bürger geben“, meckerte Lavista. „Oder halten Sie mich für einen Schurken, Barnett?“

„Warum kommt Cora nicht selbst? Die Leute im Hotel sind auch nicht orientiert.“

„Cora kann nicht kommen. Ich denke, Sie waren Soldat, um das begreifen zu können.“

„Sie sind auf jeden Fall gut über meine Person orientiert.“

„Ihre Kurzbiografie stand in der Presse. Also, bitte, wollen Sie, wollen Sie nicht? Mir persönlich macht es nichts aus, Cora auszurichten, dass Sie den gestrigen Abend als ein Abenteuer betrachten.“

„Unsinn! Ich will Cora sehen. Aber bedenken Sie: Sohle zwölf. Die Kontrollen dort oben.“

„Eben darum sollen Sie ein Dreißig-Minuten-Papier nehmen. Ihre Notizen lernen Sie unterwegs auswendig. Auf Sohle zwölf wird sie niemand mehr lesen können. Den Sonderausweis brauchen Sie erst von Sohle zehn bis eins. Lediglich Ihr Personalausweis muss in Ordnung sein.“

„Gut. Diktieren Sie!“

„Also, Auffahrt durchgehend durch Hauptlift Berta. In Sohle zwölf Nordstraße geradeaus bis Kreuzung Rot Y. Dann rechts Expressstraße Y siebenundvierzig. Immer geradeaus. Bei Kreuzung Grün K nach links auf Fußweg K drei-eins-zwo.“

„Verdammt! So weit? – Verzeihung, fahren Sie fort!“

„Auf K drei-eins-zwo ist es Tür zehn-fünfundvierzig.“

„Braucht man auf K drei-eins-zwei Bürgernummern?“

„Aber nein. Das dürfen Sie natürlich nicht vergessen. Ihre Bürgernummer ist dort nichts wert. Sagen Sie einfach – Cora! Es ist eine grüne Tür. Das Mikrofon sitzt etwas zu tief für Ihre Größe. Sie werden sich bücken müssen. Haben Sie alles notiert?“

„Alles klar. Machen Sie es sich bequem! Werden Sie bleiben, bis ich zurückkomme?“

„Selbstverständlich. Hallo! Bringen Sie Ihre Sachen in Sicherheit! Mir zuliebe! Wenn später etwas fehlt, bin ich es gewesen.“

Barnett kam noch einmal von der Tür zurück. „Setzen Sie sich in diesen Sessel, Lavista. Wenn Sie hier sitzen, ist das Fremdenschloss so gut wie ein Kerker für Sie. Die Toilette liegt gleich links von Ihnen. Sie hat keinen Energieschirm. Und hier ist eine Flasche Denebola-Weinbrand. Die Schaltung für Television befindet sich außen an der rechten Lehne. Auf Wiedersehen!“

 

 

5

Auf den Straßen leuchteten die lebenden Plakate und riefen die Menschheit zum Durchhalten auf. Barnett sah sie nicht. Der Gedanke an Cora ließ ihn sogar seinen Hass gegen die Prokas vergessen. Den Inhalt des Zettels kannte er schon nach zehn Minuten auswendig. Er steckte ihn in die Tasche und ließ sich durch den Hauptschacht B nach oben schweben. Seine auf Sohle 12 eingestellte Schlüsselmarke würde dafür sorgen, dass sich für ihn im richtigen Moment wieder Schwerkraft einstellte.

Die Auffahrt dauerte lange. Er hatte viel Zeit, nachzudenken. Zuerst dachte er an Cora. Doch je höher er kam, um so intensiver spürte er die Erinnerung an seine so unkriegerische Soldatenzeit. Höher als Sohle 23, wo sich Regierung und Behörden befanden, war er seit einem Jahr nicht mehr gekommen. Jetzt sah er Hinweisschilder auf Güterbahnhöfe, Transportgesellschaften und Hospitale. Auch die militärische Verwaltung hatte ihre Dienststellen teilweise in den Sohlen 11 bis 13. Und hier würde er Cora finden. Die Frau, die morgen ein Schiff besteigen sollte, das in Zeitsprüngen durch die Weiten der Galaxis eilte, um der kämpfenden Truppe zur Seite zu stehen. Cora, die Frau, würde fliegen. Barnett, der Mann, würde auf Sohle 84 ins Büro gehen und der Heimatfront mit der Planetenschleife im Knopfloch immer ein Vorbild sein.

Fußweg K 312 – Tür 1045.

Es stimmte genau. Sie war grün. Das Mikrofon saß ein Stück zu tief für ihn. „Cora!“ Er sagte das Kennwort, und die Tür verschwand. Sie kam wieder, sobald er den Gang betreten hatte. Der Gang war leer. Auch das Zimmer mit der offenen Tür. Eine Robotstimme forderte ihn jedoch zum Eintreten auf.

„Nehmen Sie Platz! Es kommt gleich jemand.“

Es war nur ein unbequemer steifer Stahlsessel vorhanden, der wie ein Teststuhl aussah. In Ermangelung einer anderen Sitzgelegenheit nahm Barnett damit vorlieb. Sobald er saß, merkte er jedoch, dass er einen Fehler gemacht hatte. Der Sessel, das Zimmer, der Mann, der sich Lavista nannte, das alles zusammen war eine Falle.

Barnett rief nach Cora. Aber sie kam nicht. Er versuchte, aufzuspringen, doch das ging nicht

mehr. Er saß fest auf dem Stuhl, als hielte ihn ein fremder Wille, der stärker als der seine war. Jede seiner Bewegungen traf gegen einen unsichtbaren Widerstand, der seinen Ursprung in diesem Stuhl zu haben schien.

Über Barnetts Körper kam eine narkoseähnliche Starre. Nach kurzer Zeit konnte er nicht einmal einen Finger mehr rühren. Nur sein Bewusstsein blieb unbeeinflusst. Das Gehirn hatte die Möglichkeit, völlig normal weiterzuarbeiten. Und in der augenblicklichen Situation machte es regen Gebrauch davon. Die Gedanken nach dem Grund dieser Gewaltanwendung jagten sich und mündeten in der Frage, inwieweit Cora dafür eine Schuld zuzuschreiben war.

Cora! – Er hätte diesen Namen noch einmal im Zorn und Verzweiflung hinausgeschrien, wenn sein Mund und sein Kehlkopf dazu in der Lage gewesen wären. So blieb er stumm wie ein Mann, der seine Überwindung mit der Würde des wahrhaft Überlegenen trug. Und falls jetzt irgendwo in der Nähe Menschen oder Apparate standen, die geeignet waren, seine Gehirntätigkeit zu verfolgen, so hätten sie tatsächlich ein Nachlassen des geistigen Aufruhrs in Barnett feststellen können. Perry Barnett war immerhin Leutnant der Raummarine gewesen, und der Drill der geistigen und körperlichen Beherrschung steckte auch heute noch in ihm. Das Gefühl der Angst blieb auf Grund seiner Erziehung sehr minimal. Im wesentlichen richtete sich seine Gehirntätigkeit bereits in rechnerischem Kalkül auf die augenblickliche Gegebenheit und versuchte, die Lage objektiv zu analysieren.

Von den ihm bekannten Menschen gehörten Cora und Lavista zu seinem Problem. Cora hatte von Lavista nicht gesprochen, aber Lavista von Cora. Wahrscheinlich kannten sich also beide. Lavistas Benehmen war in jedem Falle sonderbar gewesen. Barnett hatte es lediglich deshalb akzeptiert, weil er eine Patentlösung für ein Wiedersehen mit dem Mädchen darin sah. Darüber hinaus gab es einen Umstand, der sein Misstrauen hatte beseitigen müssen. Cora war beim Sanitätspersonal der Raumflotte. Es musste unbedingt glaubwürdig erscheinen, dass sie plötzlich wieder zum Einsatz kommandiert worden war und keine andere Möglichkeit hatte, als Barnett durch einen Bekannten Bescheid zukommen zu lassen. Dieser Bekannte war eben Lavista. Die Tatsache, dass man Barnett auf die sehr hoch liegende Sohle 12 gelockt hatte, unterstrich die Wahrscheinlichkeit dieses Sachverhalts noch.

Lediglich zwei Punkte sprachen dagegen. Einmal waren die Wirtsleute in dem kleinen Hotel auf Sohle 83 offenbar in dem Glauben, dass Cora nur für ein paar Stunden ausgegangen sei. Sie hatte sämtliches Gepäck dort gelassen und nicht gekündigt. Außerdem entsann sich Perry des Gesprächs mit ihr im Vergnügungslokal. Cora war den ganzen Abend heiter und natürlich gewesen. Sie hatte ihre Erlebnisse im Weltall erzählt und war dann die Antwort schuldig geblieben, als Barnett nach ihrer Tätigkeit fragte. Barnett hatte zu raten versucht und auf Sanitätspersonal getippt. Und Cora hatte gezögert und eine ausweichende Antwort gegeben. Wenn Cora nun überhaupt nichts mit der Raumfahrt zu tun hatte? In diesem Falle wäre es unwahrscheinlich, sie auf Sohle 12 anzutreffen, in diesem Falle hätte sie aber auch gelogen. Und damit ergab sich die Frage: Warum?

Barnett musste seine Überlegungen unterbrechen.

Der Stuhl begann sich plötzlich in Bewegung zu setzen und rollte gegen eine der kahlen Wände, in der sich eine bisher nicht erkennbare Tür auftat. Der Nebenraum war hell erleuchtet. Und wenn das erste Zimmer durch seine Nacktheit überrascht hatte, so verwirrte die neue Umgebung durch eine Anhäufung von Geräten, die sich in drei Sekunden kaum in ihren Einzelheiten erkennen ließen.

Barnett hätte wesentlich mehr als drei Sekunden dazu gebraucht. Aber mehr Zeit blieb ihm nicht. Denn seine Sehnerven verweigerten plötzlich den Dienst, und es wurde dunkel um ihn. Er fühlte jedoch genau, dass seine Umgebung sich nicht mehr veränderte und dass der seltsame Metallstuhl stehenblieb.

Seine Haut war wie abgestorben, sein Gaumen wie ausgetrocknet. Nur zwei Sinne vermittelten ihm noch Kontakt mit der Umgebung: der Geruch und das Gehör. Der Geruch war irgendwie antiseptisch. Das Gehör vermittelte ihm die Unterhaltung von drei oder vier Männern, die voll-kommen sachlich über eine medizinische Untersuchung sprachen.

Barnett merkte nicht, dass ihn Hände berührten, die ihn entkleideten. Er spürte nur ganz dicht vor seinem Gesicht den Atem eines Fremden.

Jemand sagte: „Stuhl zur Liege ausfahren und waagerecht stellen.“ Dann ließ auch das Gehör nach. Bevor die völlige Besinnungslosigkeit Macht über Barnett gewann, war er noch zu der Erkenntnis fähig, dass er absolut wehrlos war, dass eine unbekannte Organisation ihn zum Opfer einer Vivisektion ausgesucht haben mochte, und dass er im ungünstigsten Falle bei der zu erwartenden Behandlung sterben konnte.

 

 

6

Als das Bewusstsein zurückkehrte, befand Perry Barnett sich in einer gut bürgerlichen Wohnung auf einem ganz normalen Sessel. Sobald er die erste Reflexbewegung mit denn rechten Arm durchführte, wurde eine Robotstimme ausgelöst.

„Barnett ist erwacht, Sir! Es geht ihm gut.“

Woher will der verdammte Mechanismus wissen, ob es mir gut geht, dachte der Mensch und stellte sich nachträglich selbst diese Frage. Dabei musste er feststellen, dass die Maschine recht hatte. Er fühlte sich ausgesprochen wohl und spürte nicht die geringste Nachwirkung irgendeiner ungesetzlichen Behandlung seines Körpers.

„Haben Sie bitte einen Augenblick Geduld, Barnett“, sagte die Robotstimme und schlug ihm vor, sich inzwischen der auf dem Tisch stehenden Getränke und Zigaretten zu bedienen. Kurz darauf trat ein Mann ein, der sich mit Cox vorstellte. Barnett hatte sich inzwischen klargemacht, dass die anderen im Augenblick die Stärkeren waren. Er hütete sich deshalb, sofort aufzutrumpfen und eine Aufklärung über die Dinge zu verlangen. Immerhin war anzunehmen, dass die Gegner nach einem Plan handelten, der Bedeutung für beide Parteien haben musste.

Cox machte einen wesentlich seriöseren Eindruck als Lavista. Er grüßte kurz und setzte sich Barnett gegenüber.

„Sie haben sich inzwischen bedient. Das beweist mir, dass Sie eine natürliche Hemmung in der für Sie völlig undurchsichtigen Situation bereits überwunden haben. Bevor wir nun ins Gespräch kommen, möchte ich Ihnen die Versicherung geben, dass Ihnen während Ihres einstündigen Aufenthalts bei uns weder körperliche noch geistige Schäden zugefügt worden sind. Was mit Ihnen geschah, war nichts anderes als eine harmlose psycho-medizinische Untersuchung. Und ich kann Ihnen von kompetenter Seite vermitteln, dass Sie vollkommen gesund sind.“

„Ich wüsste nicht“, erklärte Barnett ohne jede Schärfe, „Ihnen oder jemandem Ihrer Leute gegenüber den Wunsch nach einer ärztlichen Untersuchung geäußert zu haben. Sie haben gewiss Verständnis dafür, wenn ich nach Art und Umständen, durch die Sie mich in die Falle lockten, zunächst sehr misstrauisch bin. Außerdem interessiert mich natürlich brennend der Grund Ihrer Manipulationen. Dass ich gesund bin, weiß ich zum Beispiel mit ziemlicher Sicherheit von einem mir sehr befreundeten Arzt. Und schließlich erwarte ich hier auf Sohle zwölf eine Dame namens Cora. Ihr Agent Lavista behauptete, dass ich sie hier treffen würde …“

Während Barnett sprach, beobachtete er aufmerksam sein Gegenüber. Cox verriet jedoch mit keiner Miene, welche Vermutungen Barnetts nun den Tatsachen entsprachen und welche völlig falsch waren.

„Ich muss Sie um Verzeihung bitten, Barnett. Zu Ihrem persönlichen Fall Cora kann ich Ihnen

leider gar nichts sagen. Cora war ein Lockmittel, dessen Lavista sich bediente. Auch das Schlüsselwort für die grüne Tür wurde nur gewählt, um Sie zutraulicher zu machen. Für uns geht es einzig und allein um Ihre Person.“

„Sie legen also Wert auf mich“, folgerte Perry Barnett.

Zum ersten Mal zeigte Cox‘ Gesicht den Schimmer eines Lächelns. Es war das Lächeln des Überlegenen. „Wir legen Wert auf Sie, jawohl. Jetzt, da wir wissen, dass Sie gesund sind, noch mehr als je zuvor.“

„Würden Sie mir das bitte näher erklären!“

„Ich will es tun, soweit das möglich ist. Andererseits müssen Sie sich darüber im klaren sein, dass Sie niemals alles erfahren werden. Dass Sie niemals alles erfahren dürfen. Es gibt Situationen im Leben, da ist es besser, nicht alles zu wissen. Es ist Krieg, Barnett.“

„Es ist Krieg seit fünfundzwanzig Generationen. Wir beide können uns also den Zustand des Friedens, um den jeder Bürger der Sol-Sirius-Union kämpft, gar nicht so recht vorstellen. Sagen Sie mir also bitte, was Sie glauben sagen zu dürfen. Vielleicht genügt mir das schon.“

„Okay! Ich bin befugt, Ihnen den Posten eines Ersten Offiziers auf einem Raumschiff der Beteigeuze-Klasse anzubieten. Wir wissen, dass Sie Inhaber sämtlicher Steuermanns- und Kapitänspatente sind. Wir wissen seit einer halben Stunde außerdem, dass Ihnen gesundheitlich nichts fehlt. Wir gehen kein Risiko ein, wenn wir Ihnen dieses Angebot machen.“

„Hm, Sie tragen weder Uniform noch Abzeichen. Im Aufträge welcher militärischen Dienststelle machen Sie mir dieses Angebot?“

„Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ihr Auftraggeber muss unbekannt bleiben. Es geht nur darum, dass Sie ein raumsprungtüchtiges Schiff führen. Falls Ihnen militärische Vergleiche am Herzen liegen, dann nehmen Sie zur Kenntnis, dass Sie mit dem Gehalt eines Drei-Sterne-Admirals entlohnt werden würden.“

„Donnerwetter! Das ist das erste wirklich verlockende Angebot. Allerdings rückt es sich selbst schon in ein zweifelhaftes Licht. Mit einem Admiralsgehalt für einen Leutnant macht sich Ihr Auftraggeber verdächtig.“

Wieder das rätselhafte Lächeln bei Cox. „Die Höhe unseres Angebotes sollte Ihnen mehr ein Beweis für die Delikatesse sein, mit der die ganze Sache behandelt werden muss. Der Krieg verlangt oft Entschlüsse außerhalb des taktischen Klischees. Versuchen Sie einmal strategisch oder auch diplomatisch zu denken. Vielleicht können Sie sich dann auch darüber beruhigen, dass ich keine Uniform trage.“

„Demnach soll ich annehmen, Sie verpflichten mich für den Geheimdienst.“

„Was Sie annehmen, bleibt Ihnen überlassen. Sie müssen sich nur damit abfinden, dass ich nicht konkreter werden kann. Wenn Sie genügend Phantasie besitzen, gibt es noch die Möglichkeiten der Spionage und Gegenspionage. Das alles bleibt Ihr persönliches Risiko, das Sie vor Ihrem Gewissen verantworten müssen.“

„Sie reden, als erwarten Sie überhaupt kein Gewissen von mir. Für den Fall also, dass Sie mich in Spionagedienste zugunsten der Prokas locken wollen, muss ich Ihnen sagen, dass ich die Prokas hasse, dass ich sie als die gefährlichste, gemeinste und skrupelloseste Rasse der Galaxis betrachte, als Feind der Union und als meinen persönlichen Feind. Sollte ich irgendwann im Leben einmal feststellen, dass ich durch irgendwelche Manipulationen zugunsten des Gegners arbeite, so werde ich ohne Bedenken jeden Eid brechen, der mir unter Vorspiegelung falscher Tatsachen gegebenenfalls abgezwungen wurde. Außerdem verlange ich in jedem Falle die Garantie, dass meine Arbeit niemals zugunsten der Prokas ausgenutzt wird. In dieser Hinsicht dürfte sich keiner meiner Auftraggeber Vorbehalte machen, und täte er noch so geheimnisvoll.“

„Sie gefallen mir, Barnett. Die gewünschte Garantie kann ich Ihnen geben. Ich hätte nie geglaubt, dass wir so schnell einig werden würden.“

„Wir sind durchaus noch nicht einig, Cox. Was ich hinsichtlich der Prokas sagte, war rein prinzipiell gemeint, damit Sie über mein persönliches Verhältnis zu dieser Rasse orientiert sind.“

Cox‘ Grinsen glitt zum ersten Mal in eine zynische Nuance ab.

„Ich wusste gar nicht, dass es ein persönliches Verhältnis zwischen den Prokas und Ihnen gibt. Soweit ich orientiert bin, sind Sie den Gegnern der Union niemals begegnet. Sie wurden nach Abschluss Ihrer Ausbildung entlassen und sind nicht ein einziges Mal an der Front gewesen. Sie haben nicht einen scharfen Schuss abgegeben.“

Barnett zögerte. Wollte Cox ihn kränken, damit er ein gefügiger Verhandlungspartner wurde? „Irrtum! Auch in der Ausbildung wird scharf geschossen. Auf treibende Wracks und außer Dienst gestellte Schiffe, die der modernen Kriegstechnik nicht mehr entsprechen. Nachdem Sie diese Unkenntnis in militärischen Dingen verraten haben, muss ich tatsächlich annehmen, Sie sind ein Zivilist. Ihr Angebot verliert dadurch natürlich an Reiz für mich. Schließlich und endlich darf man bei einem aufrichtigen Bürger der Union ein ganz bestimmtes persönliches Verhältnis zu den Prokas voraussetzen. Die Volksaufklärung sollte auch Sie überzeugt haben, wer und was die Prokas sind. Ich kann mir nicht vorstellen, Cox, dass Sie in diesen Dingen gleichgültig sind.“

„Ich bin es durchaus nicht, bester Barnett. Vielleicht beruhigt es Sie, wenn ich Ihnen beim Allgeist verspreche, dass auch ich die Prokas hasse. Doch unsere Erwägungen hier sind rein praktischer Natur. Sie brauchen nur ein Schiff zu lenken. Sie brauchen nicht einmal zu schießen. Das besorgen andere. In vierundzwanzig Stunden könnten Sie starten, wenn Sie in diesem Augenblick zusagen.“

„Ich kann nicht so ohne weiteres zusagen. Ich bin in Staatsdiensten.“

„Bekannt!“, machte Cox mit einer lässigen Handbewegung. „Ingenieur in den Konstruktionsbüros auf Sohle vierundachtzig. Vergraben in der Etappe des galaktischen Krieges. Jetzt sagen Sie bloß, dass Sie noch kündigen müssen.“

„Natürlich muss ich das. Und von der Entscheidung meiner Behörde hängt es ab, ob ich freikomme. Erst dann können wir endgültig über Ihr Angebot entscheiden.“

„Das tut mir aufrichtig leid“, sagte Cox. „Unser Schiff startet in vierundzwanzig Stunden. Sie können die Entscheidung also unmöglich irgendeinem Ihrer Vorgesetzten überlassen. Sie müssen sie selbst treffen. Und zwar jetzt, hier an Ort und Stelle.“

„Wollen Sie mich zum Deserteur machen? Anscheinend brauchen Sie willige Werkzeuge, die keine Gelegenheit mehr haben, nach Terra zurückzukehren. Nein, nein, Cox! Das Risiko gehe ich nicht ein!“

„Verdammt, Barnett, spielen Sie doch nicht den Säugling! Denken Sie nur mal einen Augenblick an Ihre eigene Situation! Denken Sie daran, was Ihnen das Leben noch geben kann! Das Gehirn hat Ihr Urteil gesprochen. Sie bleiben unter Tage bis an Ihr Ende. Der Weltraum ist Ihnen für immer verschlossen, und es besteht nicht die geringste Hoffnung, dass dieser Beschluss der höchsten Behörde jemals geändert wird. Und jetzt sitzt Cox vor Ihnen. Jetzt, in dieser Stunde haben Sie die wahrscheinlich letzte Möglichkeit, in den Raum zu kommen. Ich gebe Ihnen die Chance, ein Raumschiff selbständig zu führen. Zunächst als Erster Offizier. Aber welche Aussichten bieten sich für die Zukunft! Harte und fähige Männer bestimmen letzten Endes ihr Schicksal selbst. Das Ihre kann sich in den Weiten der Galaxis abspielen, wenn Sie jetzt zusagen. Denken Sie an Ihre Sehnsucht nach dem Universum. Und denken Sie auch daran, dass sich kein Augenblick im Leben wiederholt, Barnett! Auch dieser nicht …“

Cox schenkte Schnaps ein und bot Zigaretten an. Er fand den Schluss seiner Rede sehr effektvoll und schwieg, um die Worte auf den anderen wirken zu lassen.

Barnett sah sich in der Tat einem Dilemma gegenüber, bei dem jede Entscheidung Fehler in sich bergen musste. Die Aussicht auf das Weltall war zu verlockend, als dass er ohne Weiteres im Sinne der Disziplin ablehnen konnte. Cox‘ Argumente allein reichten freilich nicht aus. Aber wenn er bedachte, dass er mit diesem Angebot gleichzeitig die Chance hätte, eines Tages an die Prokas heranzukommen und gegen sie zu kämpfen, dann hätte seine Entscheidung für die Raumfahrt immerhin auch ein ethisches Element. Und dann spürte Barnett das unterdrückte Rebellentum in sich, das immer wieder den Zwiespalt aufdeckte und seinen Individualismus gegen die von der Obrigkeit erlassenen Anordnungen in Widerspruch brachte.

Barnett dachte an die letzten hundert Wochen, die zwischen seiner Entlassung und heute lagen. Einmal jede Woche war er auf Sohle 23 gefahren und hatte sich von Skeen examinieren und testen lassen. Hundertmal hatte das Gehirn nein gesagt. Und das hundertste Mal war auch das letzte Mal gewesen. Das Gehirn irrt sich nie. Wer das bezweifelt, tut es auf eigene Gefahr.

„Für wie lange Zeit gilt der Vertrag?“, fragte Barnett schließlich.

„Das ist unbestimmt. Es liegt an Ihnen, an uns und an den … Umständen.“

„Hm, das ist sehr unbestimmt. Ich dachte bisher, ein Vertrag bedarf der Vollständigkeit, um ein Vertrag zu sein.“

„Unser Vertrag wird weder schriftlich noch magnetofonisch gemacht. Ganz zu schweigen von einer Gedankenkonserve. Sie brauchen nur zu nicken und mitzukommen. Dann sitzen Sie morgen auf einem Schiff. Das ist die Kehrseite der Medaille. Die Vergangenheit wird für Sie tot sein. Ihre Freunde, Ihre Mädchen, Ihre Wohnung. Nicht, dass wir Ihnen jemals eine Rückkehr nach Terra verwehren würden. Aber einem Deserteur steht es nicht gut, zurückzukehren. Das ist im besten Falle … ungesund.“

„Kann ich wenigstens Bannister noch sprechen?“

„Wer ist Bannister?“

„Der Arzt, von dem ich erzählte. Mein Freund.“

Cox schüttelte den Kopf. „Auch Ihr Freund ist Vergangenheit für Sie. Genau wie Cora.“

„Cora“, sagte Barnett sinnend. „Was ist mit Cora? Sie wissen es doch, Cox.“

„Fragen Sie nicht nach Cora. Fragen Sie niemals danach, Barnett! Sie sind mein Erster Offizier.“

„Ihr Offizier?“

„Allerdings. Der Kommandant des Schiffes bin ich. Ich denke, wir werden miteinander auskommen.“

„Sie haben noch nicht meine Entscheidung.“

„Die habe ich in einer Minute.“

Sechzig Sekunden vergingen in Schweigen. Für sechzig Sekunden gab es nur Gedanken für Cox und Barnett.

„Nun?“, fragte Cox.

„Ich mache mit!“, sagte Barnett, und seine Stimme klang beherrscht, als ob es sich um einen Spaziergang handelte.

 

 

7

Cox füllte erneut zwei Gläser und stieß auf gute Zusammenarbeit an.

„Was machen wir mit Lavista?“, fragte Barnett.

„Der wird bald hier sein.“

„Schlecht möglich. Ich habe ihn eingeschlossen.“

„Wir haben das Codewort“, grinste Cox.

„Demnach war Lavista nicht allein. Das Codewort hilft nur von draußen.“

„Stimmt genau. Lavista geht nie allein. Das ist mir nicht sicher genug. Schmeckt der Schnaps? Er stammt von Denebola IV.“

„Die Marke kenne ich. Ich habe sie selbst zu Hause.“

„Donnerwetter! Wie sich die Geschmäcker gleichen. Darauf trinken wir später noch einen. Jetzt kommen Sie!“

Barnett entsann sich, bei der ärztlichen Untersuchung mindestens drei Männer gehört zu haben. Er bekam aber keinen davon zu Gesicht. Cox steuerte genau auf den Ausgang des Appartements zu und führte seinen „Ersten“ durch die grüne Tür mit der Nummer 1045 direkt auf die Straße. Auf der nächsten Hauptbahn nahmen sie das Expressband und fuhren in östlicher Richtung davon. Barnett vermied eine Unterhaltung. Er war äußerst gespannt auf die unmittelbare Zukunft, wollte sich aber nicht den Anschein der Neugierde geben. Die Gedanken an die Vergangenheit unterdrückte er, so gut es ging. Für eine sentimentale Bilanz war jetzt nicht der Augenblick. Auf ihn wartete das Weltall, das feindliche Weltall mit den Prokas.

Überraschenderweise zog Cox ihn mitten auf gerader Strecke am Ärmel.

„Kommen Sie mit auf das Schrittband! Und dann ganz abspringen. Wir müssen unterbrechen.“

Wenig später fand Barnett sich in einer unbelebten Seitengasse wieder, in die Cox ihn in unerklärlicher Eile getrieben hatte. Cox war unruhig und sah misstrauisch in beide Richtungen der Straße. Dann steckte er die Hände in die Taschen, lehnte sich an die Wand und drehte den Kopf ein wenig nach oben. Aus der Ferne betrachtet war das genau die Pose eines gelangweilten Herumtreibers. Barnett direkt neben ihm aber sah nur zu deutlich die Erregung in Cox‘ Gesicht. Die scheinbare Müßigkeit war in der Tat ein fortwährendes Arbeiten. Cox sprach Worte irgendwohin. Dann schwieg er eine Weile, als lausche er auf etwas, von dem Barnett absolut keine Vorstellung hatte. Und wieder sprach er.

„… nein, das ist unmöglich! Wenn man euch belauscht hat, ist das Quartier in Gefahr. Wenn man nicht alles weiß, könntest du zu viel verraten. Wir treffen uns in der Gasse PZ 384. In zwanzig Minuten.“

Details

Seiten
201
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936414
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v514268
Schlagworte
rebell weltraums

Autor

Zurück

Titel: Rebell des Weltraums