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Archibald Duggan und der Nebel war Zeuge

2020 118 Seiten

Leseprobe

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Archibald Duggan und der Nebel war Zeuge

Copyright

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Archibald Duggan und der Nebel war Zeuge

Roman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Eine junge Frau wird kaltblütig ermordet. Auch ihren Besucher schießt der Mörder nieder, glaubt, dass er ihn tödlich getroffen hat. Doch Colder überlebt. So erfährt Captain Ben Shugar den Namen des Mörders - Steve Ringling.

Das ist ein Fall für das FBI, denn Archibald Duggan ist seit einem Jahr hinter Ringling und Komplizen her. Mit einer falschen Identität heuert Duggan auf dem Schiff „Tsingtau“an, auf dem sich nicht nur ein geheimes Labor befindet …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Eine halbe Stunde wartete Tinny Colder, dann gab er es auf, winkte ein Taxi und schleuderte wütend die vom Regen benetzten Nelken in den Gully. Fröstelnd stieg er in die Taxe, ließ sich in den Sitz fallen und sagte mürrisch: „Brenton Street, halten Sie an der alten Kirche!“

Der Taxifahrer nickte nur und fuhr los. Als sie an einer Kreuzung halten mussten, weil die Ampel rotes Licht zeigte, drehte sich der Fahrer halb herum und fragte: „Ist sie nicht gekommen?“ Er griente verständnisvoll, aber Tinny Colder fand es offensichtlich nicht spaßig. Er machte ein wütendes Gesicht und gab keine Antwort. Der Cabby zuckte nur die Schultern und gab Gas, als grünes Licht kam.

Tinny Colder hatte eine halbe Stunde im strömenden Regen gestanden. Aber das war es nicht, was ihn so wütend machte. Georgia hatte ihn bestimmt nicht wegen des Regens versetzt. Da musste etwas anderes dahinterstecken. Und Tinny konnte sich fast denken, was es gewesen war. Er hatte da einen bestimmten Verdacht, und in wenigen Minuten würde er sicher sein.

Als sie endlich an der alten Kirche ankamen, zahlte Tinny wortlos den Fahrpreis, schlug sich den Mantelkragen hoch und stieg aus. Der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Das rote Haar Tinnys klebte noch von vorhin fest auf dem breiten Schädel, jetzt rann der Regen davon herab über das braungebrannte, sommersprossige Gesicht des Mannes. Ein Zug von Hass und Wut lag um den schmalen Mund, und die grünen Augen verrieten noch deutlicher den Zorn, der in Tinny war.

Er schritt rasch weiter, am Supermarkt vorbei bis zur Ecke der schmalen Nebenstraße, und als er herumbog, sah er den weinroten Sedan. Ein bitteres Lachen entfuhr Tinny, und der Triumph, das alles im Voraus gewusst zu haben, machte ihm wenig Freude. Immer noch hatte er gehofft, es könnte sich alles aufklären, Georgia hätte vielleicht einen guten Grund gehabt, nicht gekommen zu sein. Dieser Grund hier war nicht gut. Aber Tinny Colder wollte es genauer wissen. Der weinrote Sedan vor der Haustür war kein Beweis.

Er erreichte das Haus, eines von vielen hier, schmal, sechsstöckig, hässlich und verkommen. Mietskaserne, mit Wäsche auf den Feuerleitern des Hinterhofs, schäbige Gardinen an Fenstern ohne frischen Anstrich, schmutzige Haustür, verwahrloste Kinder im Treppenhaus. Es roch nach Abfall. Das ganze Haus stank förmlich danach.

Er ging die Treppen hinauf, schmale ausgetretene Treppenstufen, und so schmutzig, dass es Tinny ekelte, das Geländer zu berühren.

Dritte Etage. Zwei Türen, auf denen Kinder mit Bleistift Männlein gemalt hatten, vergilbte Visitenkarten mit den Namen. Ein Name war dabei, den Tinny kannte: Georgia Hoover. Unter dieser Karte noch zwei andere. Mädchen, die Tinny letztens auch einmal kennengelernt hatte. Keine Rasse wie Georgia. Nur ihr Gesicht war der Erinnerung wert, und mehr noch.

Er wusste, dass nie abgeschlossen war. Auch jetzt nicht, als er den Drücker drehte. Leise trat er ein. Und er musste lächeln, als er daran dachte, wie er zum ersten Male hier oben bei Georgia gewesen war. Damals hatte ihm Georgia gesagt: „Wenn du einmal wieder zu mir kommst, dann nur, wenn meine Freundinnen nicht da sind. Du siehst es an der Garderobe. Sie hängen immer ihre Handtaschen daran, wenn sie da sind.“ Nun, die Handtaschen hingen auch diesmal nicht da. Nur eine stand auf dem kleinen Schrank, Georgias Tasche, die er kannte. Und ihr Mantel hing am Haken.

Leise trat er ein Stück weiter vor Georgias Zimmertür. Er hörte ihre Stimme. Glockenhell und deutlich. Trotzdem verstand er nur zwei unbedeutende Worte, dann aber sprach der Mann, den Tinny nur zu gut kannte, von dem er bedeutend mehr wusste als die Tatsache, dass er einen roten Sedan fuhr.

„… es ist doch kein Risiko. Georgia, hör doch bloß auf, so zu tun, als wäre dieser Colder ein Kerl von Bedeutung. Mit dem kannst du doch auf die Dauer nichts anfangen. Tu, was ich dir sage, Baby, und du wirst sehen, nur so kommst du weiter.“

Eine Weile war es so still, dass Tinny sein Herz klopfen hörte. Dann aber sagte Georgia: „Steve, und was bietest du mir noch? Du allein bist zwar nett und schön, aber das habe ich auch an Tinny. Es müsste schon eine Zugabe dabei sein, Steve.“ Tinny hörte ihr perlendes Lachen. Aber in diesem Augenblick begann er sie zu hassen. Also so eine war sie. Eine ganz gewöhnliche schmutzige ... Nein, er hatte sich täuschen lassen.

Der Mann antwortete jetzt, und Tinny unterbrach seine Gedanken.

„Georgia, ich habe nie eine Sekunde lang daran gedacht, dass du damit zufrieden wärest. Sagen wir, hmm, sagen wir also eine neue Wohnung vor der Stadt ...“

„Hoho, das lässt sich hören!“

„Hmm, vielleicht noch eine monatliche Zuwendung von — sagen wir — fünfhundert Dollar ...“

„Ich brauche fast nicht mehr nachzudenken, wer von euch beiden der richtige Mann für mich ist“, hörte Tinny das Mädchen sagen, und damit wurde sein Hass noch schlimmer.

„Es ist ein Versprechen, Georgia, aber etwas musst du noch dafür tun.“ Der Mann lachte rau, und das Mädchen kicherte. Dann sagte der Mann etwas leiser: „Du sollst immer daran denken, dass ich morgen Nacht bei dir gewesen bin. Morgen Nacht, verstehst du. Ich bin morgen nicht hier, aber du sollst es sagen ... wenn jemand danach fragt. Und es könnte jemand danach fragen, Georgia. Mehr brauchst du nicht zu tun.“

„Warum soll ich es sagen?“

„Das geht dich nichts an“, erwiderte der Mann eine Nuance schärfer. „Du wirst es sagen, weil das für dich gesund ist. Und weil du dann eine hübsche nette Wohnung hast, fünfhundert Dollar und ...“

„Und wenn ich es jemandem sage, dass du nicht hier gewesen bist?“, fragte sie mit lauerndem Unterton.

„Dann wäre das sehr dumm, Georgia. Sehr, sehr schlimm. Steve Ringling pflegt so etwas auch zu belohnen, nur anders. Und eine hässliche Georgia mag niemand mehr.“

„Na schön, ich hatte auch gar nicht vorgehabt, etwas anderes zu tun, als du verlangt hast. Und wer wird mich fragen?“

„Die Polizei!“

„Mein Gott, Steve, was hast du vor?“

„Nichts für kleine Mädchen“, sagte Steve lachend.

Schritte näherten sich der Tür. Und Tinny wusste plötzlich, dass es für ihn nur noch eine Möglichkeit gab. Es gab mehr Möglichkeiten, bessere vor allem, aber Tinny sah nur diese eine. Und deshalb griff er in die Jackentasche und zog den kurzläufigen Masterpiece Revolver heraus.

Im gleichen Augenblick ging die Tür auf. Ein großer breitschultriger Mann trat in den düsteren Flur. Tinny hob die Waffe und drückte ab.

 

 

2

Es kam alles anders, als von Tinny erwartet. Der Schuss hatte getroffen, aber der Hüne fiel nicht, er wankte nicht einmal, sondern warf sich auf Tinny. Tinny war so verblüfft, dass er nicht dazu kam, den Revolver nochmals abzudrücken. Der körperlich viel kräftigere Steve riss ihm die Waffe aus der Hand, stieß mit der Faust nach, und Tinny wurde davon bis an die Flurwand geschleudert. Er schlug mit dem Hinterkopf gegen die Garderobe. In seinem Kopf drehte sich alles, rote Punkte tanzten vor seinen Augen. Und wie durch einen Schleier hindurch sah er, wie Steve den Revolver hob. Er sah auch die Feuerzunge auf sich zukommen, dann traf ihn ein harter Schlag in die linke Brustseite. Ein jäher Stich fuhr durch seinen Körper. In seiner Brust brannte es, als sei flüssiges Blei hineingefüllt worden. Dann wurde ihm schlecht, und er spürte nicht einmal mehr den Aufprall, als er zu Boden stürzte.

Der Mann vor ihm wischte den Revolver mit dem Schal ab, der an der Garderobe hing, dann warf er die Waffe neben Tinny. Als sich der große blonde Mann umdrehte, sah er das Mädchen in der Tür stehen. Sie hielt die Hände vor das Gesicht gepresst, und nur die Augen sahen darüber hinweg auf Steve, wie gebannt starrten sie ihn an. Ihr langes, seidenweiches dunkles Haar hing ihr bis über die Schultern und glänzte im Schein der matten Korridorlampe. Eine junge, schöne Frau mit einem venusgleichen Körper, der durch das schmiegsame Taftkleid noch wirkungsvoller aussah.

Steve Ringling sah jetzt nicht die Schönheit dieser Frau. Er dachte nur daran, dass er einen Zeugen gehabt hatte, selbst, wenn man es als Notwehr auslegen würde. Steve Ringling wollte aber keinen Zeugen. Und das Alibi für morgen Nacht wurde damit bedeutungslos.

Als er sich völlig zu ihr umwandte, ahnte sie wohl, was er vorhatte. Und sie öffnete den Mund, um zu schreien, sie hob die Hände schützend nach vorn, doch sie brachte keinen Ton heraus. Und sie konnte das, was kam, nicht abwehren. In diesem Augenblick begannen die Glocken der nahen Kirche zu läuten. Und niemand hörte diesen zweiten Schuss, der ein junges Leben einfach auslöschte.

Ein paar Minuten später verließ Steve Ringling das Haus. Kein Mensch hielt ihn auf, niemand schenkte ihm Beachtung. Er ging nicht schneller als andere Passanten und stieg hundert Schritt vom Haus entfernt auf der Hauptstraße in den Bus, der gerade ankam. Und noch immer läuteten die Glocken. Der erste Schuss hätte gehört werden müssen, und er war gehört worden. Doch ein perfider Zufall vereitelte schnelle Hilfe. Denn am Abend zuvor hatte eine der Freundinnen von Georgia Geburtstag gefeiert. Bis in die Nacht war es hoch hergegangen. Und noch nach zweiundzwanzig Uhr hatten sie Böller auf dem Balkon knallen lassen.

Die Nachbarin von Georgia hatte den Knall sehr gut gehört und sagte, als es passierte, zu ihrem rheumakranken Vater: „Es ist eine Unverschämtheit! Nicht genug, dass sie gestern herumgeknallt haben, jetzt geht es sogar noch weiter. Und immer diese Kerle in der Wohnung.“

Der alte Mann im Lehnstuhl nickte gedankenverloren vor sich hin und murmelte: „Die Menschen taugen nichts mehr, rein gar nichts mehr!“

 

 

3

Eine Stunde später kam eine der Freundinnen von Georgia nach Hause. Ihr schriller Schrei wurde im ganzen Haus vernommen. Und als sie Sekunden später laut schreiend zum Telefon im Erdgeschoss lief, ahnten wohl manche, dass es vorhin kein Böllerschuss gewesen war, was da geknallt hatte.

Zehn Minuten später traf die Mordkommission ein. Und weitere fünf Minuten danach erschien Captain Ben Shugar auf der Bildfläche. Dass er kam, hatte seinen besonderen Grund. Denn Tinny Colder lebte noch. Und er war sogar bei Bewusstsein, als die Mordkommission anlangte. Was er aber zu einem der Beamten im Flüsterton und stöhnend sagte, veranlasste den Detektiv, sofort Captain Shugar zu alarmieren. Mit Captain Shugars Eintreffen rollte eine Fahndung an, die gleichermaßen ungewöhnlich wie dramatisch war. Denn hier wurde nicht nur ein Mörder gesucht. Mit Steve Ringling suchte man gleichzeitig eine bis dahin unbekannte und höchst gefährliche Spionagegruppe auszuheben. Aber selbst Captain Shugar ahnte nicht, welche Lawine sich in Bewegung setzte.

Tinny Colder lag bereits im Krankenwagen, als Captain Shugar eintraf. Der Ambulanzwagen jedoch fuhr weg, als transportiere er einen Toten, nämlich ohne Sirene und Rotlicht. Das hatte Captain Shugar gerade noch rechtzeitig veranlassen können.

In Shugars Dienstwagen besprachen sich der Captain und der Leiter der Mordkommission. Der untersetzte, breitschultrige Captain fragte barsch: „Und er hat tatsächlich gesagt, dass es Steve Ringling war?“

Der Homicide Guard Officer nickte.

„Hat er gesagt.“

Shugar brummte etwas, das nicht zu verstehen war, dann ergriff er den Hörer des Sprechfunkgerätes.

„Zentrale, ja, hier Shugar, geben Sie mir CIA! Aber dalli, wenn ich bitten darf!“

Dann meldete sich Major Wenger vom CIA. Ein Name, der für Captain Shugar schon ein Begriff geworden war. Archibald Duggan erreichte man immer über diesen Major.

„Hallo, Major, hier Shugar. Hier ist ein Mordfall, und damit haben wir auch ein Wespennest angestochen. Schicken Sie Mr. Duggan herüber! Ja, erstmal in die Polizeihauptquartiere. Richtig, Major, so schnell es geht.“

„Ist Duggan da?“, fragte der Beamte der Mordkommission.

Shugar nickte grimmig. „Und jetzt werden wir es den Burschen besorgen, diesen verfluchten Meuchelmördern und Spionen. Warten Sie nur, wenn Duggan kommt. Der ist seit einem Jahr hinter Ringling und Komplizen her. Immer wieder sind die Kerle im Ausland untergetaucht. Jetzt ist der Ofen aber aus, das schwöre ich. Moment, da fällt es mir ein.“ Er griff wieder zum Hörer und bellte hinein: „Hafenpolizei, aber Tempo!“

Kaum meldete sich die Hafenwache, schrie Shugar in die Muschel: „Verstärkte Kontrollen anordnen, gesucht wird Steve Ringling. Er hat eben einen Mord verübt. Aussehen wie folgt ...“ Er beschrieb Ringling so, wie es der schwerverletzte Tinny Colder übermittelt hatte. Nach dieser Durchsage ließ sich Shugar ins Polster sinken und befahl barsch zum Fahrer gewandt: „Los, jetzt ab zum Hauptquartier! Duggan ist bestimmt schon unterwegs!“

Sie trafen sich auf dem Flur. Der schlanke und durchtrainierte blonde Archibald Duggan und der untersetzte Captain mit dem Bullbeißergesicht. Auch jetzt löste sich der Grimm in Shugars Gesicht nur eine Sekunde lang, als er Duggan zulächelte und knurrte: „Es mag sein, wie es will, mit dir hat man alle Nasen lang zu tun.“

„Ein ewiger Jammer, ich wollte nämlich morgen in Urlaub gehen“, erwiderte Duggan wenig erfreut und drückte Shugar die Hand. „Konntest du dir das nicht vierundzwanzig Stunden später einfallen lassen?“

Sie betraten Shugars nach Pfeifenrauch duftendes Büro. Archibald Duggan ließ sich auf der Tischkante nieder, klappte Shugars Zigarrenkiste auf, stellte sie aber wieder weg, als er sah, dass darin eine der billigsten Zigarrensorten lag, die es auf dem Markt gab. Die Großzügigkeit Ben Shugars hatte eben ihre Grenzen.

Indessen erklärte Shugar schon, was sich im Einzelnen in Georgias Wohnung ereignet hatte. Archibald Duggan blickte scheinbar gelangweilt zum Fenster hinaus, in Wirklichkeit jedoch hörte er aufmerksam zu. Als Shugar fertig war mit seinem Bericht, sagte Duggan nachdenklich: „Es kommt mir so vor, als gehörte dieser Tinny dazu. Ich begreife nur nicht, dass er Ringling nicht verletzt hat. Sollte der eine kugelsichere Weste tragen?“

„Es ist bei Steve Ringling nicht so ausgeschlossen, Archibald. Aber was tun wir jetzt?“

„Ich muss Tinny Colder verhören, daran führt kein Weg vorbei. Er hat ja bis jetzt nur gesagt, wer dieses Mädchen erschossen und ihn selbst schwer verwundet hat. Ich glaube aber, Tinny weiß mehr. Er muss die Zusammenhänge kennen. Und er weiß sicher auch, welches Schiff es ist, auf dem sie die Versuche machen. Mensch, Ben, stell dir vor, das Schiff läge in der Nähe. Wir dürfen nicht mehr nach Steve Ringling fahnden. Nicht in Großaktion. Es würde ihm beweisen, dass Tinny noch am Leben ist. Ich fahre jetzt zu Tinny ins Hospital. Dann sehen wir weiter.“

„Ist dein Goldbruder nicht im Lande?“, fragte Ben Shugar und meinte damit Paul Canada, Archibalds Freund.

Archibald schüttelte betrübt den Kopf.

„Der sitzt mitten in der Arbeit. Schreibt ein Buch über die Pygmäen. Und dazu hockt er in Afrika. Aber es geht auch ohne Paul weiter.“

Ben lachte leise.

„Er stellt sowieso immer alles auf den Kopf. Ganz gut, wenn er nicht da ist, dann riskiere ich nicht unentwegt ein Disziplinarverfahren. Übrigens lassen wir die Fahndung nach einem Doppelmörder laufen, okay?“

„Richtig! Täter unbekannt, und so soll es auch in der Presse stehen. Sonst verschrecken wir unseren Hirsch.“

 

 

4

Archibald Duggan musste lange warten, bevor er zu Tinny Colder gehen konnte. Denn Tinny war operiert worden und schlummerte noch in Narkose. Archibald blieb aber, und wenn es noch zehn Stunden dauern würde. Er musste erst Tinny verhören, sonst würden sie keinen Schritt in der Fahndung vorankommen.

Während er im Nebenraum des Krankenzimmers wartete, las er in den Akten über Steve Ringling. Es konnte nichts schaden, wenn er sich alle Einzelheiten des Falles noch einmal ins Gedächtnis rief - Steve Ringling, 39 Jahre alt, von Beruf Seemann. Erste Strafe während des Krieges von einem Militärgericht wegen Rauschgiftschmuggels. Damals war Ringling Maat auf einem Geleitschutzboot im Pazifik. Die Strafe verhalf ihm zu sicherer Pension über die Kriegsjahre. 1946 wurde er entlassen. Dann traf es ihn zum zweiten Male 1948. Die Küstenwache stellte ihn, als er versuchte, drei Ausländer illegal in die Staaten einzuschmuggeln. Es kam zu einem Freispruch mangels Beweisen. Dafür schnappte ihn der Zoll ein Jahr später beim umfangreichen Schmuggel in Florida, und dieses Mal saß er drei Jahre ab. Danach ging es eine Weile gut. Vor einem Jahr aber wurde in Philadelphia der stellvertretende Leiter des Carnegie Institutes vermisst. Die Fahndung stellte schnell fest, dass dieser Wissenschaftler sein Land verraten hatte und mit wertvollen Erkenntnissen und Plänen auf einem Schiff die Staaten verlassen und ins östliche Lager übergewechselt war. Das Schiff hieß „Lucky Star“ und gehörte einem Mann namens Steve Ringling. Kurz darauf lief dieser Steve Ringling in New York herum und wurde prompt verhaftet. Aber man musste ihn freilassen. Er behauptete, sein Schiff sei gestohlen worden, man hätte ihn überwältigt und in einem Landhaus, unweit der Riesenstadt New York, gefangengehalten. Er hatte auch zwei Zeugen, die das bestätigen konnten, einen dümmlichen Hausboten und ein junges, attraktives Mädchen, das angab, ihn befreit zu haben. Die Aussagen waren nicht zu widerlegen. - Wenig später schon meldeten Agenten an die Washingtoner Zentrale, dass ein Schiff unbekannter Nationalität nach den Staaten unterwegs sei. Auf diesem Schiff befände sich ein komplettes wissenschaftliches Labor für physikalische und auch chemische Experimente. Wie das Schiff aussah, konnten die Agenten im Ausland nicht herausfinden. Sie wussten aber davon, welche Aufgaben dieses Schiff haben würde, das für einen östlichen Agentenring tätig war. Es sollten Wissenschaftler kurzfristig entführt und an Bord gebracht werden. Man wollte sie zwingen, bestimmte Erkenntnisse der amerikanischen Physik und Chemie, die geheim waren, in der Praxis vorzuführen. Danach sollten die Wissenschaftler freigelassen werden. Und weil sie sich - wenn auch unter Druck - des Verrats schuldig gemacht hatten, war mit einer Mitteilung an die Polizei oder die Abwehr nicht zu rechnen. Archibald Duggan konnte sich ausrechnen, dass noch gewisse Erpressungsmethoden hinzukommen würden, um die Betroffenen am Schweigen zu halten.

Im Zusammenhang mit diesem Schiff hatten die Agenten im Ausland ermittelt, dass ein gewisser Steve Ringling dieses Schiff führen oder maßgeblich an der Schiffsführung beteiligt sein sollte. Und seitdem fahndete man nach Steve Ringling, der nach seiner letzten Freilassung spurlos verschwunden war. Verschwunden bis heute.

Das Schiff, so überlegte Archibald Duggan, ist nicht weit. Vielleicht können wir es diesmal schnappen. Unter Umständen gelang es schon Ben Shugars diskreter Fahndung nach diesem Schiff, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Aber Archibald gab sich da keinen zu großen Hoffnungen hin.

Endlich war es soweit, und eine ältere Schwester kam in den Nebenraum und sagte leise: „Er ist wach, aber bitte, schonen Sie ihn.“

„Stehen die beiden Posten vom CIA noch vor der Tür?“, erkundigte sich Archibald.

„Ja, die beiden Herren sind noch draußen.“

Archibald nickte nur und ging ins Krankenzimmer. Tinny Colders Gesicht wirkte grünlich und eingefallen. Unter den Augen lagen tiefe Ringe. Archibald setzte sich neben ihn ans Bett. Tinny sah ihn ängstlich an.

„Ich bin Archibald Duggan, und ich will mich mit Ihnen über Steve Ringling unterhalten. Sie brauchen nichts zu verschweigen. Sie sind Seemann, nicht wahr?“ Er wusste es aus dem Pass und dem Seemannsbuch, das sie bei Tinny gefunden hatten. Dennoch wollte er es von Tinny hören.

„Ja“, erwiderte Tinny leise.

„Welches Schiff?"

Tinnys Blick begann zu flackern. Die Angst wurde wieder stärker. Seine Nasenflügel bebten. Archibald wusste jetzt, dass Tinny eine Menge wusste. Aber Tinny wollte offenbar nicht heraus mit der Sprache.

„Sie sind unter Steve Ringling gefahren, nicht wahr?“

Wieder dieses Zögern, dann ein kaum merkliches Nicken und ein gehauchtes „Ja“.

„Sagen Sie, wie das Schiff heißt!“

„Ich ... ich kann nicht ... Die bringen mich um!“

Archibald Duggan schüttelte den Kopf.

„Auf dem Papier sind Sie schon seit heute tot, Colder. Es steht heute Abend in allen Zeitungen. Sie bekommen einen anderen Namen und lassen sich nach Ihrer Genesung woanders nieder, wo keiner Sie kennt. Bis dahin haben wir diesen Ringling, der doch verdammt nicht Ihr Freund sein kann.“

„Nein, er ist ein Schuft, ein ...“ Tinny starrte zur Decke. Er rang mit sich um einen Entschluss. Dann sagte er langsam: „Das Schiff heißt „Tsingtau“, es liegt an Pier 87 B.“

„Flagge, Heimathafen?“

„Liberiaflagge, und Heimathafen Monrovia.“

„Ladung?“

„Es ist nur Öl gebunkert worden und Proviant an Bord gekommen. In Tampico soll geladen werden. Ich weiß nicht, was.“

„Und die wirkliche Ladung?“, fragte Archibald Duggan eindringlich.

Tinny Colder wich Archibalds Blick aus, und wieder zögerte er, standen ihm Schweißperlen auf der Stirn vor Angst. Es ging über seine Kraft, und Archibald hätte am liebsten aufgehört zu fragen. Doch er musste es wissen, nur diese eine Frage sollte Tinny noch beantworten.

„Ist ein Labor an Bord?“, fragte Archibald scharf.

Tinny erschrak, dann nickte er. „Ja, aber ich ...“

„Ja?“

„Ich kann nichts dafür. Ich habe in Southampton angeheuert, da war gerade ein Streik, und ich konnte kein Schiff bekommen und ...“

„Was und?“

„Die Polizei war hinter mir her. Zechprellerei. Ich hatte kein Geld mehr gehabt, und da ist Steve Ringling aufgetaucht, hat mich mitgenommen. Ich war froh, wieder Planken unter den Füßen zu haben.“

„Okay, reden wir ein andermal darüber. Gute Besserung, Tinny!“ Archibald lächelte ihm zu und ging.

 

 

5

Knapp fünf Minuten später setzte die Suche nach der „Tsingtau“ ein. Und nach weiteren zehn Minuten - Archibald quälte sich mit seinem Buick noch durch den Abendverkehr in der Innenstadt - kam die Meldung über den Sprechfunk, dass die „Tsingtau“ seit vier Stunden ausgelaufen war und sich bereits außerhalb der US-Hoheitsgewässer befand.

Archibald befand sich nahe dem Polizeihauptquartier, als er über sein Sprechfunkgerät eine Order von Major Wenger erhielt. CIA reagierte blitzschnell.

In Captain Shugars Büro wartete Archibald, denn Ben war unterwegs. Dafür trat nach einer Viertelstunde Major Wenger ein. Ein unscheinbar wirkender Mann von kleiner Statur, dem keiner die Macht ansah, die er auszuüben gewohnt war.

Der Major begrüßte Archibald, setzte sich auf Captain Shugars Stuhl und sagte: „Der Kahn ist also weg, aber sobald wir den Kurs kennen, werden Sie dort, wo das Schiff anlegt, an Bord gehen.“

„Eine Seereise kann keinem was schaden“, meinte Archibald trocken.

Der Major lächelte. „Sie wissen noch nicht, was ich weiß, Archibald. Die überstürzte Ausreise des Schiffes hat es offenbar werden lassen. Ein Mann namens Raid ist an Bord. Wissen Sie, wer Raid ist?“

„Der Hausmeister meiner Wohnung heißt Raid.“ Archibald feixte den Major an, aber der stimmte in diese Fröhlichkeit nicht ein.

„Raid ist ein Hochfrequenzspezialist. Er arbeitet an Unterwasserfunkgeräten. Seine letzte Erfindung wird auf unseren Polaris U-Booten eingebaut. Wissen Sie nun, was ich meine?“

„Und wer sagt, dass Raid an Bord ist?“

„Er wurde mit einem Wagen abgeholt, dessen Nummer notiert worden ist. Der Wagen hat heute Vormittag an der Stelle gestanden, wo der Mord passiert ist. Ein weinroter Sedan. Und jetzt steht er verlassen auf Pier 87 B. Raten Sie alleine weiter, Archibald!“

Archibald nickte gelassen.

„Na schön, und ich soll ihn wieder zu Muttern bringen?“

„Wenn es möglich ist. Vielleicht aber ist es zu spät, Archibald. Dann gibt es nur eine Lösung, vorausgesetzt, das Schiff liegt in einem fremden Hafen.“

„Und die wäre?“

Der Major lächelte, aber diesmal war es ein eiskaltes Lächeln.

„Es darf niemandem möglich sein, sein Wissen nach Hause zu tragen. Niemandem! Wie Sie das machen, ist uns egal. Denken Sie nur daran, was geschieht, wenn diese geheimen Dinge anderswo verwendet werden.“

„Okay, und warum hat man nicht vorher aufgepasst auf diesen Raid?“

„Man hat“, erwiderte der Major. „Der liebe Mr. Raid ist nicht entführt worden. Er ging freiwillig und sorgte dafür, dass die Sache auch nicht schiefgehen konnte. Verstehen Sie besser?“

„Er wollte also mit Ringling, oder wer sonst ihn geholt hat, mitfahren. Warum, zum Teufel, wollte er das?“

Der Major zuckte die Schultern.

„Es gibt manchmal Möglichkeiten. Wir glauben, eine solche entdeckt zu haben, jedenfalls im Falle Raid. Er hat einen Bruder. Der ist Pilot bei PAA. Vor etwa drei Wochen wurde er in eine politische Geschichte in Indonesien verwickelt. Er befindet sich in Haft und könnte wegen Spionage zum Tode verurteilt werden. Ich vermute Zusammenhänge. Intrigen, verstehen Sie. Wir haben so einen Fall vor einem halben Jahr gehabt, Sie werden sich erinnern. Ein Mann wird durch Intrigen in Verdacht gebracht, dieses oder jenes getan zu haben. Zeugen heben die Hand, Beweise liegen geradeso überall herum. Und dann wird auf einen nahen Verwandten - falls der für die Agenten Bedeutung hat - ein Druck ausgeübt. Tut dieser Verwandte, was man verlangt, finden sich auf einmal neue Beweise, und der Delinquent ist frei. Schmutziges Spiel mit gezinkten Karten, Archibald. Sie kennen diese Methode.“

„Dadurch wird sie nicht besser. Sie halten also Mr. Raid für ein Opfer dieser Geschichte mit seinem Bruder. Okay, das ist eine Kombination. Wissen Sie nähere Einzelheiten über das Schiff?“

„Kleiner Frachter, etwas über 2000 BRT, zwölf Mann Besatzung, früher im Südseedienst. Sehr seetüchtig, wahrscheinlich mit modernen Maschinen ausgerüstet, denn ich erfuhr, dass die ,Tsingtau“ mit mindestens 18 Knoten ausgelaufen ist.“

„Nicht schlecht. Ich versuche mir nur vorzustellen, wie man den Wunsch der Herren in Washington ausführen soll. Ein Schiff mit zwölf Mann Besatzung, dann noch etwa fünf bis sechs Mann wissenschaftliches Personal, wenn nicht mehr. Und die alle sollen nicht ausplaudern. Das dürfte nicht so leicht sein. Klar, dass nur wenige das Experiment sehen, nicht die Besatzung natürlich. Aber immerhin.“

„Ich weiß, Archibald. Aber Sie sollten an die Folgen denken. Sie können meinetwegen mit zwanzig Mann Unterstützung ah die Sache herangehen. Wie Sie es machen, das ist Ihre Sache. Auf das Endresultat kommt es an. Hauptsache, niemand bringt sein Wissen an der falschen Stelle an.“

Damit verließ der Major das Zimmer. An der Tür blickte er sich noch einmal zu Archibald um und lächelte, als wüsste er genau, dass Archibald den Auftrag ausführen würde. So oder so, auf Archibald Duggan war Verlass.

 

 

6

Es herrschte eine Hitze, die Archibald das Wasser den Rücken herunterlaufen ließ. Die Luft in der Tienda war zum Schneiden. Dicke Rauchwolken schwebten um die bunten Lampions herum, die buntes Licht auf die Tische warfen. Kein Platz war mehr frei. Typisches Milieu der Altstadt von Tampico. Etwas für einen romantisch veranlagten Touristen, doch die wagten sich nicht hierher. Hier saßen die Messer locker. Rau wie die Sitten waren auch die Männer in der Tienda. Mexikaner, Schwarze, Amerikaner, Chinesen, alle Farben, alle Rassen konnte man hier sehen. Und Archibald Duggan - sonst immer korrekt gekleidet - glich diesen Burschen. Er trug ein verwaschenes Hemd, das schweißdurchnässt war. Und an seinen Unterarmen waren die Tätowierungen zu erkennen, die er einst als junger Seemann während des letzten Krieges in San Francisco hatte machen lassen - eine Seeschlange mit einem Anker an einer Kette um den Hals. Kitsch in Reinkultur, aber das war damals aus einer verrückten Laune entstanden. Ewige Erinnerung an wilde Tage.

Jetzt fiel es niemandem auf. Im Gegenteil. Und dass Archibald seinen Seesack am Stuhl lehnen hatte, auf dem er saß, war normal. Alle hielten ihr Zeug dicht in ihrer Nähe.

Sie tranken Pulque, verbotenen Tequila, und in einer hinteren Ecke sogar Mescal.

Für eine Polizeistreife wäre das ein Massenfang gewesen. Aber es kam keine Polizeistreife. Es würde auch keine kommen, dafür hatte der massige Wirt gesorgt.

Im Augenblick walzte der braungesichtige Philippo auf Archibald zu. Er wischte sich die schmierigen Hände an dem einstmals weißen Handtuch ab, das er im Gürtel stecken hatte, griente Archibald an und beugte sich zu ihm herunter. Heißer, nach Alkohol riechender Atem schlug Archibald entgegen.

„Chico, dein Freund ist schon da. Da drüben!“ Er richtete sich auf und deutete in eine düstere Ecke, wo sich ein Spieltisch befand, an dem sechs Männer saßen. Ein siebter Mann setzte sich gerade. Ein großer, blonder Bursche mit breiten Schultern. Als er saß, drehte er sich nach drei schwarzhaarigen Mädchen um, die Philippo zum Animieren engagiert hatte. Die verblasste Schönheit strahlte den Blonden an, und er lächelte zurück, sagte etwas, das Archibald unmöglich bis hierher verstehen konnte, und wandte sich dann den Spielern zu. Archibald bemerkte, dass der Blonde etwas aus der Tasche zog und auf den Tisch warf. Der Einsatz. Dollarnoten.

Archibalds Tischnachbar stand auf, ein kleiner Indio mit einem Seesack, der so groß war, dass Archibald meinte, der Bursche schleppte außer seinen Siebensachen noch einen Schrank mit sich. Philippo ließ sich auf dem freien Stuhl nieder. Er legte seine fetten Unterarme auf die Tischplatte und drängte sich an Archibald heran.

„Er ist der einzige, der von Bord geht, Chico“, tuschelte er in Archibalds Ohr. „Einmal war die Polizei schon hier und hat nach ihm gefragt.“ Er lachte glucksend. „Aber Philippo konnte sich natürlich nicht mehr erinnern. Polizisten fragen zu viel. - Was willst du mit ihm reden, Chico?“

„Bist du Polizist, Philippo?“, fragte Archibald lächelnd.

Philippo lachte wieder.

„Diese Frage ist nicht zu viel, Chico. Aber mach dir keine Hoffnungen, er braucht keine Teerjacken. Ich weiß, dass er der Erste an Bord ist. Einmal habe ich auch den Kapitän gesehen. Vor einem Monat. Da fuhr ich draußen auf der Reede mit meinem Boot. Sie lagen auch draußen vor Anker. Und der Kapitän stand vorn am Bugspriet und angelte.“

„Wer sagt, dass es der Alte war?“

Philippo lachte erneut.

„Aber, Chico, so was sieht man als alter Heuerbaas. Er hatte vier Streifen am Schulterstück. Und außerdem war hinter ihm weit und breit keine Deckhand zu sehen. Da muss es der Alte gewesen sein. Haha!“

Archibald stand auf, klopfte dem feisten Wirt freundschaftlich auf die Schulter und sagte: „Okay, ich werde mal sehen, ob ich nicht doch einen Job auf seinem Eimer bekomme. Sag, dass du mich geschickt hast. Die Provision gebe ich dir ab, Philippo.“

Der Dicke nickte eifrig.

„Bien, mir soll es egal sein, Chico, aber ich würde mir ein anderes Schiff aussuchen. Ich weiß nicht so recht. Du siehst nicht gerade schlecht aus, Chico. Na, versuch es! Wenn nichts daraus wird, ich finde schon einen Kahn für dich.“

„Nur keinen Amerikaner, du weißt schon!“, meinte Archibald.

Der Wirt lachte und sagte leise: „Ich weiß, Chico, ich weiß. Na, warte mal, bleib mal, ich werde mit ihm reden!“

Philippo drückte Archibald wieder auf den Stuhl und watschelte zum Spieltisch. Archibald sah, wie er sich bis zu dem Blonden hindurchzwängte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Der Blonde hob den Kopf, Philippo deutete auf Archibald hin, und der Blonde schaute auch in diese Richtung. Ihre Blicke trafen sich. Dann stand der Blonde auf, sagte etwas zu seinen Mitspielern und kam auf Archibalds Tisch zu. Der dicke Wirt schlurfte ihm nach, bog dann aber zum Ausschank ab.

Vor Archibald blieb der Blonde stehen, sah prüfend auf Archibald herab und fragte rau: „Du bist Gene Jackson?“

Archibald nickte. „Nicht gar so laut!“, zischte er.

Der Hüne ließ sich neben Archibald nieder, wo eben noch Philippo gesessen hatte.

„Ich bin Steve Ringling, der Erste von der „Tsingtau“. Was ist mit dir los? Philippo hat gesagt, dass du ein Ding in den Staaten gedreht hast? Was ist daran echt?“ Immer noch musterte er Archibald durchdringend und voller Aufmerksamkeit.“

„Verdammt, warum denn so laut!“, mahnte Archibald und sah sich um, als befürchte er, andere könnten das gehört haben.

„Was hast du angestellt, Gene?“

„Ich war besoffen, verstehst du, und da ist mir ein Cop in den Weg gelaufen. Nachher war der Cop sehr krank, und da haben sie mich gejagt wie einen Hasen. Ich bin schwarz über die Grenze. Aber ich kriege kein Schiff, verstehst du? Sie sehen alle auf die verdammte Liste, und da stehe ich drauf. Was will ich machen? Ohne Papiere bekomme ich erst recht keinen Pott. Und die meisten laufen von hier in die Staaten, und da will ich verdammt nicht hin. Philippo hat gesagt, dass du auf einem Eimer bist, der über den Atlantik schaukelt. So einen Pott suche ich. Und so genau wäre es vielleicht bei dir nicht, meint er.“

„Kleiner Irrtum, mein Junge. Wir haben keinen Seelenverkäufer. Was hast du gemacht?“

Archibald zog sein Seemannsbuch aus der Tasche. Es war natürlich nicht sein richtiges, dieses hier gehörte tatsächlich einem Mann, der Gene Jackson heißt. Und dieser Gene Jackson hatte auch wirklich einen Polizisten niedergeschlagen und schwer verletzt. Und sein Name stand auch in allen Fahndungsblättern, die nicht nur in den Staaten, sondern auch in den Heuerstellen der amerikanischen Häfen zu finden waren, denn der Polizist war nach der Auseinandersetzung mit dem echten Gene Jackson gestorben. Die Anklage lautete auf Mord zweiten Grades.

Jedes Seemannsbuch hat ein Foto des Inhabers. Das Foto in Archibalds Papier war sein eigenes. CIA hat es hineinpraktiziert und meisterhaft echt nachgestempelt. Passieren konnte Archibald so leicht nichts, denn der echte Gene Jackson war in New York gefasst worden. Nur hatte Ben Shugar keine Erfolgsmeldung durchgeben lassen. Die Verhaftung von Gene wurde totgeschwiegen, solange Archibald unterwegs sein würde.

Steve Ringling blätterte im Seemannsbuch.

„Zuletzt also Rudergänger auf der ,Brabock‘, hmm, und du bist Amerikaner?“

„Es steht dick und fett da drin. Wenn ich Chinese wäre, würde ich mich einen Dreck um die Geschichte in Houston scheren.“

Steve Ringling nickte lächelnd.

„Tja, mein Junge, ich könnte ja einen Rudergast gebrauchen, aber ...“

„Aber? Verdammt, Steuermann, ich sitze im Schnee, verstehst du? Ich brauche einen Pott. Was weiß ich, wie die Greaser hier mit den Bullen in den Staaten stehen. Vielleicht haben sie schon Auslieferungsantrag gestellt oder so’n Zeug.“

„Quatsch, da müssen sie dich hier erst haben. Hier passiert dir so schnell nichts. Nein, ich denke, du solltest dir ein anderes Schiff suchen. Ich will keinen Ärger mit den Behörden, wenn ich einen Hafen der Staaten anlaufe. Da, sprich mit Philippo, der findet schon was.“ Er knallte das Seemannsbuch vor Archibald auf den Tisch und erhob sich.

„Dann lass dich mit deiner Sardinenschaukel sauer kochen. Vielleicht muss ich noch annehmen, dass du mich bei den Bullen hier verpfeifst, wie?“

Steve Ringling sah auf Archibald herab, der ein wütendes Gesicht machte.

„Nein, mein Junge, das tue ich nun doch wieder nicht.“

Dann ging er mit wiegendem Gang auf den Tisch zu, von dem er gekommen war. Archibald schickte ihm noch ein wütendes „Mierda!“ nach; nahm sein Glas und trank den Rest mit einem Zug. Dabei fragte er sich, ob nicht doch Petroleum in Philippos Fusel sein könnte.

Als Philippo nachher an Archibalds Tisch vorbeikam, sah er Archibald fragend an. Doch der schüttelte den Kopf, und Philippo meinte treuherzig: „Wer weiß, Chico, was dir erspart geblieben ist. Ich werde sehen, was sich tun lässt.“

Archibald war kein Anfänger. Deshalb spielte er seine Rolle nicht nur von A bis O, sondern von A bis Z echt. Deshalb besaß er auch kaum Geld, nur gerade soviel, um die beiden Schnäpse zu bezahlen, die er getrunken hatte. Als er es Philippo in die feuchte Hand drückte, sagte er seufzend: „So, Alter, das ist der letzte Rest. Jetzt können mich entweder die Haifische fressen, oder ich fresse die Haifische. Dieser blonde Pirat war meine letzte Hoffnung.“

Philippo sah Archibald in einer Mischung aus Bedauern und Ratlosigkeit an.

„Komm morgen Mittag, du kannst in der Küche helfen. Dafür bekommst du ein Essen. Vielleicht ist auch einer da mit einem Job für dich. Komm morgen wieder!“

Archibald nickte und ging mit gebeugtem Kopf, den Seesack über der Schulter, nach draußen in die laue Nacht. Vor der Tür blieb er stehen und sog die milde Luft tief in die Lungen. Rechts neben der Schwelle hockte ein betrunkener Schwarzer und lallte unartikulierte Laute. Ein Stück weiter unter der Platane schmiegte sich ein Pärchen aneinander, und in der Ferne sang jemand zur Gitarre. Vom Hafen her drang der faulige Duft brackigen Schlickwassers in Archibalds Nase.

Langsam ging Archibald durch die düsteren Gassen auf den Hafen zu. Seine Schritte tappten unwirklich laut über das Kopfsteinpflaster. Er ging vorbei an Häusern, aus denen die verschiedensten Gerüche drangen, hinter deren Gemäuer Menschen zankten, sangen und lachten. Am Abend begann die Stadt zu leben, am Abend, wenn die Hitze wich.

Dann wurde es heller. Hunderte von Lampen brannten an den Kaimauern, über den Lagerschuppen. Ein Hund kläffte wie besessen hinter einem Maschenzaun, und der Schritt patrouillierender Lagerwächter tappte über den Stein. Hier roch es nach Wasser und Fisch, nach Öl und nach Pech, typischer Geruch eines Hafens. Lichter, überall im Rund, das Tuten eines Typhons, das helle Blöken einer Fähre, dann wieder nur das leichte Klatschen der Wellen an der Pier.

Als sich Archibald umdrehte, sah er den Mann, der ihm folgte. Schon vorhin hatte er ihn einmal bemerkt. Bewusst bog Archibald zu den verfallenen Bananenschuppen ab, in denen einmal eine Exportblüte lagern sollte. Es war nie etwas aus dem Bananenanbau geworden, den Mexiko im großen Stil betreiben wollte. Ein Fehlschlag wie so viele. Nun waren die Schuppen Notquartier der Heimatlosen. Ein Jeep der Hafenpolizei stand mit drei Mann Besatzung nicht ohne Grund ständig in der Nähe.

Der Mann hinter Archibald bog ebenfalls zum Schuppen hin ab. Archibald sagte sich, dass jetzt kaum noch Zufall im Spiel war. Er blieb stehen und setzte sich auf einen Stapel Eisenstangen. Der Mann hinter ihm kam jetzt langsam näher. Archibald tat, als bemerke er ihn nicht, stützte den Kopf in die Hände und starrte scheinbar verloren vor sich hin. Aus den Augenwinkeln heraus konnte er den Näherkommenden beobachten. Als der unter einer Lampe hinwegging, sah Archibald, dass es Steve Ringling war. Eben kein Zufall!

Steve Ringling drehte sich um, warf einen prüfenden Blick zu dem Jeep hin, der hundert Schritt weiter an der Pier hielt, dann kam er auf Archibald zu. Archibald tat immer noch nichts dergleichen. Er murmelte vor sich hin, und es hörte sich verzweifelt und trostlos an. Erst als Steve Ringling vor ihm stehenblieb, sah Archibald auf.

„Hallo!“

Ringling setzte sich neben ihn auf die Stangen.

„Wolltest du im alten Schuppen pennen?“

„Wo sonst? Gegen Morgen ist es verflucht kalt hier.“

Steve Ringling nickte.

„Stimmt, aber weißt du nicht, dass die Polizisten fast jede Nacht im Schuppen Razzia machen? Wenn die deinen Namen in ihrer Liste haben, sitzt du fest. Es fragt sich zwar, ob sie dich an die Staaten ausliefern, aber es könnte ebensogut sein, dass sie dich in ein Arbeitslager stecken. Da sind die Greaser groß drin, sag’ ich dir.“

„Bist du mir nachgelaufen, Steuermann, um mir das zu sagen?“

Er lachte rau. „Nicht ganz. Du kannst anheuern. Als Rudergast.“

„Ich weiß nicht ...“

Steve Ringling schlug sich auf die Schenkel.

„Was soll das auf einmal? Erst suchst du um Biegen und Brechen einen Kreuzer, und jetzt sagst du ...“

„Philippo meinte, es wäre vielleicht ganz gut, dass du mich vorhin nicht haben wolltest. Er sagte das so, dass ich mir überlege, ob der Job auf deinem Schiff vielleicht nicht gut sein könnte, wie?“

Der blonde Hüne lachte schallend, und drüben würden vielleicht die Polizisten aufmerksam, sagte sich Archibald.

„Mein Junge, du bist zu einer besseren Heuer auf einem besseren Schiff nie gefahren“, sagte Steve Ringling. Er klopfte Archibald auf die Schulter. „Nein, das ist es nicht. Es gibt nur während einer Reise kein Anlandgehen bei uns. Das meint Philippo. Aber danach sehnst du dich doch nicht. Komm jetzt, Junge, oder willst du warten, bis die drei dort drüben einmal in dein Fahrtenbuch schauen, wie?“

„Okay, und die Heuer?“

„So viel, wie der Quartermaster auf der Queen Elizabeth. Los, Gene, entscheide dich! Ich hab’ über dich nachgedacht, und es könnte sein, dass du einen guten Griff wert bist.“

„Okay, dann also“, sagte Archibald und erhob sich, packte den Seesack fester und ging neben Steve Ringling her zur Jollenpier.

„Wo liegt denn der Pott?“, fragte er Steve.

„Auf der Reede! Und nun quatsche nicht soviel. Reden ist Silber, Gene, aber Schweigen ist Platin!“

 

 

Details

Seiten
118
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936391
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v513951
Schlagworte
archibald duggan nebel zeuge

Autor

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Titel: Archibald Duggan und der Nebel war Zeuge