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Redlight Street #119: Astrid, die Brummi-Braut

2019 113 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Astrid, die Brummi-Braut

Copyright

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Astrid, die Brummi-Braut

Redlight Street #119

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Sylvia und Astrid arbeiten als Bedienung und schuften für ein paar Mark in einem Waldcafé. Eines Tages kommt ein gut aussehender Mann mit mehreren Freundinnen in das Lokal und flirtet ungeniert mit den beiden. Er hat viel Geld und gute Manieren und er macht den beiden ein Angebot. Sie sollen in Zukunft für ihn arbeiten und viel Geld verdienen. Neugierig gehen die beiden Mädchen auf seinen Vorschlag ein.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Das Wetter war herrlich! So war es auch kein Wunder, dass das Ausflugslokal im Wald überfüllt war. Man konnte hier nicht nur die Kinder auf Ponys reiten lassen; sie konnten im Wald toben; denn ein großer Spielplatz war vorhanden. Unter den Schatten der alten Eichen, einst war dieses Lokal ein großer Bauernhof gewesen, saßen die erschöpften Eltern bei Kaffee, Kuchen oder Bier, je nach Geschmack. Auf dem Parkplatz neben dem Getreidefeld bildete sich eine blecherne Schlange.

Das Wetter schien sich noch zu steigern; das hieß, es wurde noch heißer, stickiger. Die Kinder kamen zu den Eltern gelaufen und fragten, ob sie im nahen Bach die Füße baden dürften. Viele fragten gar nicht, sie versuchten es mit einer Abkühlung an Ort und Stelle. Die kleineren Geschwister wurden losgeschickt, um Eis zu holen. Man bekleckerte die Sachen, aber das tat der Freude keinen Abbruch. Hauptsache war doch für die Eltern, dass sie sich ausgeruht fühlten. Ihre Sprösslinge ließen sich in gemessenem Abstand bei ihnen sehen, damit sie feststellen konnten, dass sie noch alle unversehrt und vorhanden waren.

Viele Kinder kannten die Natur, den Wald und was damit zusammenhing, nur aus Bilderbüchern. Sie führten sich wie toll auf. Es war wirklich ein hübsches Bild, ihnen zuzusehen, und gewiss hätten Astrid und Sylvia auch ihren großen Spaß daran gehabt. Denn so alt und verbittert waren sie nicht, dass sie darüber nicht mehr lachen konnten. Mit ihren zwanzig Jahren waren sie diesem wilden Alter noch gar nicht lange entwachsen.

Aber sie lachten ganz und gar nicht. Am liebsten hätten sie laut geflucht, wenn ihnen die Kinder wieder einmal in die Quere liefen. Sie fanden das Wetter scheußlich, den Ort verfluchten sie, wie sie überhaupt wütend auf sich und die ganze Welt waren. Man konnte sie sogar verstehen; denn Astrid Schwarze und Sylvia Ascher, zwei Freundinnen, waren in diesem Ausflugslokal als Bedienungen angestellt. Es gab auch zwei Kellner, aber sie bedienten drinnen, und dort gab es so etwas wie eine Kühlanlage. Im Keller befand sich eine Kegelbahn; was bedeutete, dass die Kellner ausschließlich Erwachsene bedienten.

Die Sonne brannte ihnen nicht erbarmungslos auf die Köpfe, wenn sie zwischen den Tischen hin und herrannten. Sie mussten auch nicht ständig aufpassen, dass Kinder sie umrannten, dies taten sie ganz besonders gern, wenn die Bedienung gerade ein gefülltes Tablett trug.

Außerdem musste man schon mit Engelsgeduld gewappnet sein, wenn man die Bestellung entgegennahm. Die Eltern wussten sehr schnell, was sie wollten; aber die Sprösslinge waren sehr wählerisch und änderten ihre Wünsche binnen einer Minute viermal. Dagegen hätten sie auch nichts gehabt, sie hätten auch bis zum nächsten Morgen neben dem Tisch ausgeharrt, schließlich standen die Tische unter dicken Bäumen und dort war Schatten, aber von allen Seiten wurde nach der Bedienung gerufen. Also wurde die Bedienung nervös. Die Eltern wurden ebenfalls nervös, weil ihnen das Benehmen der Kinder peinlich wurde. Sie begannen zu schimpfen, woraufhin die Zöglinge schmollten und nun gar nichts mehr wollten. Sie wurden fortgeschickt, aber kurze Zeit später besannen sie sich, kamen zurück und das Bestellen begann von vorn. Zwischendurch wollten andere Kinder wissen, wo das WC sei. Ein Mädchen hatte seine Eltern verloren, ein Hund verfing sich mit der Leine im Gestrüpp und ein Kleinkind hatte eine Tischdecke heruntergezogen, so dass jetzt alles schwamm. Man musste Lappen und Wasser holen und das alles im Eiltempo, denn der Chef wollte ja verdienen. Er stand im Hintergrund und rieb sich die Hände. Die Bedienung erhielt ihr Geld nach ihrem Umsatz. Also war sie eigentlich auch darauf aus, dass der Rubel rollte. Aber die Mädchen hatten nicht geahnt, dass es so schwer sein würde. Jetzt verstanden sie, warum in diesem Lokal die Bedienung so oft wechselte.

Nur hin und wieder trafen sich die beiden Freundinnen am Tresen, wenn sie auf ihre bestellten Dinge warteten. Dann schlüpften sie einmal schnell aus ihren hochhackigen Schuhen und stöhnten auf.

»Du meine Güte!«, stöhnte Astrid. »Das geht zu weit! Ich halte das bald nicht mehr aus. Ich zerfließe noch.«

»Hier, trinkt mal, dann wird es gleich besser«, sagte der Ober und reichte jedem Mädchen eine eisgekühlte Cola.

Die Gläser waren schnell leer, und sie empfanden eine winzige Erfrischung.

Sylvia sagte düster: »Wenn es morgen nicht regnet, werde ich noch wahnsinnig.«

»Ach, du«, meinte Astrid verächtlich, »du hast es ja gut! Hast keinen tollen Hund, der immer nach deinen Waden schnappt, wenn du in seine Nähe kommst. Mir ist bald das ganze Tablett aus den Händen gerutscht.«

Sylvia grinste unwillkürlich und rieb sich einen zerschundenen Zeh, auf den vorhin eine Zweizentnerfrau gestiegen war. Sie hatte sich noch nicht einmal entschuldigt.

»Weißt du, was die nur gesagt hat?«

»Nee?«

»Ich dachte, es wäre eine Baumwurzel! «

»Hahaha!«, lachte Astrid.

»Am liebsten hätte ich ihr den Kaffee in den Ausschnitt geschüttet.«

»Warum hast es nicht getan?«

»Mann, du kannst noch Witze machen, während ich schon langsam zerfließe. Ich verstehe gar nicht, warum so viel Volk hierher kommt.«

»Wieso?«, sagte der Ober. »Seht es mal mit den Augen der Ausflügler: Hier ist es doch wirklich schön.«

Die beiden Mädchen schauten in den Garten.

»Ja«, sagten sie nachdenklich, »das ist es wirklich, aber nicht, wenn unsereiner schuften muss und dabei langsam aus dem Leim geht. Wenn andere Leute sich vergnügen, dann müssen wir uns die Hacken ablaufen. Irgendwie stimmt das mit der Gerechtigkeit nicht mehr.«

»Dafür habt ihr ja am Montag frei«, sagte der Ober.

»Das ist aber auch ein Trost«, murmelte Astrid.

»So, hier ist die Bestellung. Also weitermachen, Mädels, sie rufen schon.«

»Lächeln, lächeln auch wenn man ihnen am liebsten sonst was antun möchte«, meinte Sylvia düster.

Sie trippelten davon.

Astrid sagte: »Weißte was, wenn ich mir im Winter einen Job suche, dann nur einen, bei dem man auf Rollschuhen arbeiten kann, dann kriegt man keine wunden Füße.«

»Ich geh morgen den ganzen Tag baden, kommste mit?«

»Hör auf, sprich doch nicht so was aus! Mir wird ja schon ganz schwindlig, wenn ich nur daran denke.«

»Wenig Betrieb, viel Ruhe, die Kinder sind noch in der Schule, wir allein in der Badeanstalt.«

»Du bist ein Sadist!«

Neue Gäste waren gekommen, die bedient werden wollten. Dabei ging es langsam auf neunzehn Uhr zu. Also hatten sie es bald geschafft. Sobald die Dämmerung einbrach, schloss das Gartenlokal. Dann konnte man nur noch in den Innenräumen etwas bekommen. Aber für diese waren die Mädchen nicht zuständig; sie hatten dann endlich Feierabend.

»Ich habe gestern gehört, dass der Chef hier Beleuchtung anbringen lassen will, ganz romantisch. Dann könnte er abends draußen noch länger auflassen«, sagte Sylvia.

»Du, wenn der das macht, wäre das ein Grund für mich, zu gehen.

»Ich auch«, sagte Astrid mit fester Stimme.

Nach gut einer Stunde hatten sie wieder Gelegenheit, sich kurz zu sprechen. Draußen begannen sich die Tische zu lichten, die Familien mit Kleinkindern waren schon gegangen. Jetzt standen keine Kinderwagen mehr zwischen den Tischen, sie konnten besser durchlaufen. Auch die übrigen Kinder waren allmählich so müde geworden, dass sie sich nur noch auf den Stühlen rekelten. Ein paar Väter liefen durch den Wald und riefen nach den nimmermüden Sprösslingen.

»Ob sie wohl pünktlich sind?«

Astrid meinte damit die beiden Freunde der Mädchen. Abends wurden sie von ihnen hier abgeholt. Das Lokal lag ja so tief im Wald; wenn man mit dem Bus fahren wollte, hatte man eine halbe Stunde Fußweg. Das hätten sie mit Sicherheit nicht mehr geschafft.

»Das will ich meinen«, sagte die Freundin düster. »Sonst werde ich wirklich sauer!«

»Na ja, die Einnahme ist wirklich nicht schlecht. Ich gehe morgen in die Stadt und kauf mir ein schickes Sommerkleid.«

»Kannste ja doch nicht oft anziehen, hier kannst du doch nur weiße Bluse und schwarzen Rock tragen. Für die paar freien Stunden sind die anderen Sachen doch gut genug.«

»Hast eigentlich auch recht. Sparen wir es also.«

Beide waren zwanzig Jahre alt, beide wollten einmal heiraten und sparten, wie es Brauch war, für die Aussteuer. Aber das war so eine Sache. Da sie nicht mehr bei den Eltern lebten, hatten sie sich gemeinsam eine kleine Wohnung genommen. Das alles kostete Geld, und so viel blieb am Ende nicht übrig. So gut, wie in diesem Gartenlokal, verdienten sie ja nicht immer. Im Winter hatten sie nicht so viele Einnahmen, also mussten sie etwas von dem Geld auf die hohe Kante legen.

Im Augenblick dachten sie nicht an den Winter, sondern daran, dass endlich der Augenblick gekommen war, wo sie ihr Schürzchen abnehmen konnten. Noch einmal schnell die Beine ins kühle Wasser eines Putzeimers gesteckt, ahhh, tat das gut. Dann wurden die Löckchen gekämmt und schnell noch ein wenig die Lippen nachgezogen.

»Jetzt fühle ich mich endlich wieder als Mensch.«

Als sie zum Parkplatz neben dem Kornfeld gingen, war von ihren Freunden weit und breit keine Spur. Zu müde, um sich im Garten einen Stuhl zu holen, setzten sie sich auf einen großen Findling und machten lange Gesichter.

»Weißte was«, fing Astrid an, »irgendwie ist das doch Mist, meinste nicht auch?«

»Wieso? Ich denke, du hast auch ganz gut verdient.«

»Ja, aber denke doch mal weiter! Was haben wir denn jetzt davon? Gleich kommen die beiden; wir sind doch zu müde, um noch viel zu unternehmen. Ich möchte am liebsten nach Hause, mich ins Bett legen und nichts mehr denken. So weit ist es schon mit uns gekommen. Wenn andere erst putzmunter werden, da sind wir völlig geschafft!«

»Nun ja, in der Regel brauchen die anderen Bundesbürger ja auch am Sonntag nicht zu arbeiten. Ist doch alles geregelt.«

»Wir hätten eben auch was lernen sollen.«

»Hmhm«, sagte Astrid. »Hast ja recht.«

»Und ob ich recht habe! Du, damals, in der Schule waren wir wirklich faul. Und dann nur Hauptschule.«

»Na ja, unsere Eltern waren doch froh; wollten uns doch schnell draußen haben. Den Gefallen haben wir ihnen ja auch getan.«

»Erst waren wir in der Fabrik, das hat uns nicht gefallen; dann Hilfskräfte in einem Geschäft. Da war auch nicht viel los. Ja, dann sind wir doch mal in einer Putzkolonne losgezuckelt. Weißte noch, mit den alten Weibern in den Behörden? Nee, das war auch nichts für mich! Immer abends so spät heimkommen und dann völlig geschafft sein. Und jetzt die Bedienung. Ist ja nicht schlecht, man verdient wirklich gut. Aber jetzt sind wir auch geschafft. Du, hätten wir in der Jugend was gelernt, säßen wir jetzt auf dem Büro. Dann könnten wir sonntags auch so ein Lokal besuchen und andere für uns springen lassen.«

»Ist nicht drin; wir waren nun mal so blöd. Jetzt müssen wir auch die Suppe auslöffeln. So ist das nun einmal im Leben.«

»Denke doch mal weiter! Was hältst du von unseren beiden Freunden, Sylvia?«

»Wieso?«

»Mann, die gehen doch auch nur in die Fabrik.«

»Verdienen aber nicht schlecht.«

»Nein. Aber wenn wir die heiraten, dann geht das ganze Theater doch wieder von vorne los. Dann müssen wir den Haushalt machen. Wenn dann auch noch Kinder kommen, dann ist die Mark nicht mal mehr die Hälfte wert, und es reicht vorn und hinten nicht. Kennst doch die Lage! Also müssen wir auch noch nebenbei was arbeiten. Schön was? Wir können so oder so immer nur schuften!«

»Willste denn nicht heiraten?«, fragte die Freundin erstaunt.

»Natürlich will ich heiraten; ich will doch nicht mehr so viel schuften. Aber ich sag’ dir was: Wir müssen nur den richtigen Mann heiraten, sonst ist das Mist.«

»Und du meinst, wir kriegen auch den richtigen?«

»Sehen wir etwa wie Vogelscheuchen aus?«

»Nee, aber die haben doch alle so einen Standesdünkel. Nee, ich glaube nicht, dass wir da Chancen haben.«

»Ach, Quatsch, ich bin zu müde, um jetzt weiter darüber nachzudenken. Aber ich sage dir: Wenn wir nicht aufpassen, werden wir nie als Gäste so ein Lokal besuchen können. Haste nicht gesehen, das war doch nur die Mittelschicht, die hierher kommt und sich das leisten kann.«

In diesem Augenblick bog ein Auto in den Parkplatz ein.

Othmar und Richard sprangen heraus.

»Wartet ihr schon lange?«

»Na, was Besseres ist dir wohl auch nicht eingefallen, wie?«, sagte Astrid wütend.

»Mensch, war so ein Gewühl! Wir haben uns beeilt, ehrlich, war aber nichts zu machen.«

»Wo wart ihr denn?«, wollte Sylvia wissen.

»Im Freibad. Mann, das war eine dufte Sache! Herrlich erfrischend.«

Die beiden Mädchen sahen sich an.

»Das ist die Höhe«, murmelte Astrid leise.

Richard sagte: »Was sollen wir denn sonst tun? Ihr müsst ja arbeiten. Sollen wir vielleicht den ganzen Tag in der Bude hocken?«

Nein, das sollten sie auch nicht. Aber irgendwie fanden sie das gemein; sie wussten nur noch nicht, warum.

»Los, steigt ein! Wir machen jetzt eine Sause; jetzt habt ihr ja endlich frei.«

Die beiden Mädchen drückten sich auf den Rücksitz und stöhnten lustvoll auf, als sie die Schuhe von den Füßen streiften. Mit quietschenden Rädern jagte der alte Wagen durch die Waldstraße der Stadt entgegen.

Die jungen Männer hatten das Radio aufgedreht. Sie waren bester Laune.

»Gehen wir in den Schuppen? Mensch, wir wollen mal eine Mütze aufmachen!«, sagte Othmar unternehmungslustig.

Sylvia aber meinte: »Das geht aber ganz schön ins Geld.«

Ihr tat es fast körperlich weh, wenn sie sah, wie die zwei ihr Geld verschleuderten.

»Ach was!«, entgegnete Othmar. »Man ist nur einmal jung, man muss das Leben genießen.«

»Ich denke, wir sparen für eine Wohnung?«

»Tun wir auch.«

Astrid schwieg.

Als sie vor dem Lokal mit der lauten Musikbox eintrafen, mussten sie ihre Füße wieder in die Schuhe zwängen.

Das war eine kleine Höllenqual.

»Ich möchte am liebsten barfuß gehen«, murmelte sie.

»Na, das hab ich einmal versucht, aber da waren meine Zehen bald breitgetreten.«

Im Lokal fanden sie auf Anhieb einen freien Tisch. Die Mädchen hatten Hunger, und so bekamen sie Pommes frites und eine Bratwurst. Beide dachten an das vornehme Gartenlokal. So war das also, wenn sie ausgingen. Na ja, es war wenigstens billig.

Einige Paare drehten sich schon auf der Tanzfläche.

»Los beeilt euch!«, wurden sie angespornt.

»Nee, ich bin noch geschafft. Ich brauch erst mal ein Päuschen«, sagte Sylvia, und Astrid nickte nur dazu.

Othmar und Richard, nicht gerade Kavaliere, starrten ihre Mädchen an. Sie hatten nicht sehr viel Verständnis für die beiden.

»Was?«, sagten sie wütend. »Da warten wir den ganzen Tag, sind solo, müssen alles allein machen, und jetzt, wo wir zusammen sind, da benehmt ihr euch wie Omas!«

»Wir haben schließlich auch gearbeitet«, antworteten sie spitz.

»Das ist ja wirklich toll! Und ihr glaubt, wir machen das mit?«

»Ihr könnt ja mit anderen tanzen«, sagte Sylvia giftig. »Wir halten euch nicht davon ab!«

Die beiden jungen Männer sahen sich an.

»Das machen wir auch! Wir sind doch nicht blöd und lassen uns den schönen Sonntag vermiesen!«

Sie standen auf. Wenig später konnten die Mädchen ihre Freunde auf der Tanzfläche beobachten. Sie hatten ganz dunkle Augen. Zuerst sagten sie kein Wort, jede aß noch ein paar Pommes frites, aber dann konnten sie einfach nicht mehr. Sie warfen die Gabel hin.

»So wird es immer sein!«, sagte Astrid düster. »Ich seh das ganz deutlich vor meinen Augen. Wir haben dann die Kinder am Hals, können nicht mehr so, wie wir wohl gerne wollen; und sie hauen dann ab, machen sich einen lustigen Abend.«

»Pah!«, sagte Sylvia wütend. »Wir sind ja noch nicht mit ihnen verheiratet!«

»Zum Glück nicht, und ich will auch nicht. Ich will was Besseres, das schwöre ich dir.«

»Ich auch.«

»Und was sollen wir jetzt machen?«

»Ich gehe nach Hause, die Musik macht mich schon ganz verrückt. Mann, wie sind wir doch blöd! Komm, die können den ganzen Schlamassel selbst bezahlen.«

Die Mädchen erhoben sich und zwängten sich zwischen den Tischen hindurch. Sie hatten den Ausgang noch nicht erreicht, als sie von ihren Freunden aufgehalten wurden.

»Was soll das heißen? Wo wollt ihr hin?«

»Nach Hause. Ihr amüsiert euch ja auch ohne uns ganz gut. Da haben wir uns gedacht, wir wollen euch nicht im Wege stehen.«

»Richard, hast du das gehört?«

»Ich bin ja nicht taub!«

Zuerst wollten die beiden wütend werden, aber dann sahen sie an den Gesichtern der Mädchen, dass es ihnen ernst war.

»So haben wir es doch nicht gemeint. Los, wenn euch der Schuppen nicht gefällt, dann können wir auch woanders hinfahren. Und anschließend gehen wir dann noch mit zu euch auf die sturmfreie Bude.« Sie grinsten sie an, legten den Arm um sie und wollten sie wieder zum Tisch zurückziehen.

»Nee, ist nicht mehr drin! Wir machen Schluss, wir haben es uns überlegt. Wir passen nicht richtig zusammen!«

Sie rissen Mund und Augen auf.

»Wie bitte?«

»Wir gehen; es ist aus; wir wollen nicht. Habt doch vorhin selbst gesagt, wir wären Transusen. Also, tschüss dann, und amüsiert euch noch gut!«

Bevor die beiden sich von ihrem Schock erholt hatten, waren die Mädchen schon draußen. Ein klein wenig hatten sie damit gerechnet, dass man ihnen folgen würde. Aber die jungen Männer kamen nicht.

»Verdammter Mist«, knurrte Astrid.

 

 

2

Da saßen sie nun in der kleinen tristen Mansarde und sahen sich an.

»War wohl nicht gut, ihnen jetzt schon den Laufpass zu geben. Jetzt haben wir nicht mal einen Freund, der uns abends abholt. Zumindest hätten wir ja so lange warten können, bis wir uns nen anderen angelacht haben.«

»Ach Quatsch, das muss man nicht so verkniffen sehen! Ich bin jetzt müde und will schlafen. Morgen können wir noch weiter darüber reden.«

Der nächste Tag war ein Montag und damit Ruhetag. Aber es regnete, so dass sie nicht einmal ins Schwimmbad gehen konnten, worüber sich die zwei besonders ärgerten. Deshalb gingen sie in die Stadt. Aber dadurch hob sich ihre Laune auch nicht, denn dort sahen sie all die vielen Auslagen, und sie hatten ja nicht sehr viel Geld zur Verfügung.

»Da schuftet man sich halbtot, und was hat man davon?«

»Ach was! Ich will dir mal was sagen: Ich spar jetzt nicht mehr auf die Aussteuer; ich geh und kauf mir ein neues Kleid. So! Später kommt doch alles anders!«

»Haste auch recht«, sagte Astrid. »Jetzt sind wir die beiden ja los.«

Die beiden jungen Männer erschienen am Abend bei ihnen und wollten schön Wetter machen. Aber sie hatten nicht einmal Pralinen mitgebracht, von Blumen ganz zu schweigen.

»Wir blöden Hühner haben uns die ganze Zeit aushalten lassen!«, sagte Sylvia wütend. »Da kommen sie zu uns und machen sich eine lustige Nacht, brauchen es auch noch nicht mal zu bezahlen, und was haben wir davon!«

Hochkantig wurden sie aus der kleinen Wohnung geworfen. Richard und Othmar krakeelten noch eine Weile vor dem Haus. Die Mädchen kippten ihnen Wasser auf den Kopf und lachten sich dabei halb krank.

Am nächsten Tag mussten sie dann wieder ins Gartencafe fahren, mit dem Bus. Die Hinfahrt war nicht schlecht, denn sie waren ja noch ausgeruht. Außerdem hatten sie sonntags immer viel mehr Arbeit als in der Woche.

Aber heute schienen sich sämtliche ältere Damen der Stadt zu versammeln und sich ausgerechnet in diesem Waldcafe weit vor den Toren der Stadt einen gemütlichen Nachmittag machen zu wollen.

Wieder waren die Mädchen ununterbrochen auf Trab. Sie hatten kaum eine ruhige Minute zum Verschnaufen. Gegen achtzehn Uhr kam ein junger Mann mit drei jungen Damen an. Ach, Damen konnte man diese ausgelassene, lustige Gesellschaft eigentlich nicht nennen.

Der blanke Neid stand in Astrids und Sylvias Gesichtern, als sie diese Mädchen erblickten. Nicht nur, dass sie die neuesten und teuersten Kleider der Saison trugen; anscheinend brauchten sie auch nicht zu arbeiten. Denn sie saßen hier, aßen Kuchen, tranken Kaffee und gingen dann zu Sekt über! Am späten Nachmittag Sekt! Das sollte einer verkraften.

Astrid bediente an diesem Tisch. Sie freute sich, dass sie so gute Einnahmen hatte. Ihr Chef war auch ganz hingerissen. Er kam höchstpersönlich aus dem Haus und dienerte vor den Leuten.

Der junge Mann warf hin und wieder Astrid einen langen, abschätzenden Blick zu.

Nun, dachte Astrid, so übel sehe ich ja auch nicht aus, das heißt, wenn ich nicht gerade hochrot im Gesicht bin und die Frisur sich nicht auflöst. Aber bei dieser Rennerei bleibt das ja auch nicht aus.

Dann gesellten sich noch zwei junge Männer dazu, und man wurde noch lustiger. Astrid fragte sich, wer wohl jetzt zu wem gehörte. Das wurde ihr einfach nicht klar. Sie wunderte sich außerdem, dass die Mädchen nur kicherten, wenn sie auch deutlich erkannten, dass ihr Begleiter sich für die Kellnerin zu interessieren schien. Ja, sie lächelten ihr sogar herzlich zu.

»Da soll einer nicht lang hinschlagen«, murmelte Astrid zu ihrer Freundin. »Kapierst du das?«

»Nee, du bildest dir das vielleicht nur alles ein.«

»Ehrlich nicht!«

»Meinst du wirklich da drüben den flotten Herrn im hellen Anzug?«

»Ja!«

»Fesch sieht der aus, das muss man ihm lassen. Wenn ich daran denke, wie blöd der Richard sich immer herausputzt. Ja, ja, da sieht man wieder: Wenn einer Bildung besitzt, dann kleidet der sich auch ganz anders.«

»Du glaubst mir also nicht, dass er mir Blicke zuwirft?«

»Bei den flotten Bienen, die er bei sich hat? Mensch, das kann er sich doch gar nicht erlauben!«

»Du, hier ist die Flasche Sekt, die ich rüberbringen soll, schon die vierte. Geh du mal hin. Wenn sie dich fragen, dann sag’ ihnen einfach, ich sei kurz austreten gegangen.«

»Mach ich«, sagte Sylvia, stellte die Flasche auf ihr Tablett und ging los. Aber kaum, dass sie am Tisch war, sie wollte natürlich einen Blick auf den feschen Herrn werfen, da spürte sie zu ihrer größten Verwunderung, dass sie ebenso fixiert wurde. Ja, eines der Mädchen hatte wohl einen Schwips, denn es meinte lachend: »Nehmen Sie sich doch auch ein Glas, Fräulein, und trinken Sie mit uns mit!«

»Äh?«, sagte Sylvia verwirrt.

»Wo ist denn die kleine Blonde?«, fragte der eine Herr.

»Die bedient gleich wieder, musste eben mal raus. Ich hab dafür schnell den Sekt gebracht.«

»Trink doch mit, Mädchen!«

»Das geht doch nicht, ich hab zu arbeiten.«

»Arbeiten«, sagte das eine rote Mädchen verächtlich, »bei dem schönen Wetter! Nee, das ist nichts für mich. Los, Gerard, schenk noch mal ein.«

Sylvia machte, dass sie davonkam. So hörte sie nicht mehr, wie die Kleine von ihrem Freund angeredet wurde: »Trink nicht so viel, du alte Schnapseule! Sonst benimmst du dich noch daneben!«

»Wieso?«, lallte sie. »Ich hab doch die ganze Zeit bemerkt, dass du ein Auge nach der Blonden geworfen hast.«

»Das geht dich einen Dreck an!«, fuhr er sie wieder an.

Inzwischen tauchte Astrid aus dem Hintergrund wieder auf und fragte begierig: »Na, was hab ich gesagt?«

»Du, die haben mich eingeladen, mitzutrinken!«

»Was?«

»Mensch, das ist mir noch nicht passiert! Ehrlich, im ersten Augenblick wusste ich gar nicht, was ich sagen sollte.«

»Mensch, das ist ja was!«

Sylvia kicherte: »Den Chef würde der Schlag treffen, wenn ich es gemacht hätte.«

»Geh du mal wieder zu deinen Tischen«, sagte Astrid.

»Biste eifersüchtig?«

»Ach was!«, gab sie grob zurück.

Aber dann streifte sie doch immer wieder um den Tisch herum und seufzte tief auf. So gut müsste man es haben, dachte sie unwillkürlich. Man hat sich eben die falschen Eltern ausgesucht, das ist alles. Man ist zum Arbeiten verdammt. Mann, bin ich wütend!

Die Gruppe bestellte noch eine ganze Menge und blieb noch bis zum Schluss. Als es ans Zahlen ging, bekam sie ein fürstliches Trinkgeld: zehn Mark. Sie wurde ganz rot vor Aufregung. Als der Mann sie ansah, schaute sie lächelnd zur Seite. Du liebe Güte, ich hab wirklich Eindruck auf den gemacht, dachte sie voller Stolz.

Sie erzählte das natürlich sofort Sylvia, und die war wirklich neidisch, dass sie nicht die guten Kunden gehabt hatte.

»Los, zieh dich um! Ich hab keine Lust, noch länger hier im Laden zu bleiben.«

Draußen wartete diesmal kein Auto. Sie mussten also durch den Wald bis zur Bushaltestelle laufen.

Als sie über den Parkplatz trippelten, fuhren hinter ihnen drei Autos an. Als sie sich umdrehten, sahen sie, dass es die Gesellschaft vom Tisch in der Ecke war. Und was für Wagen die fuhren! Solche Modelle hatten sie noch nie zu Gesicht bekommen. Superlang und schick sahen sie aus.

Sie gingen auf die Seite und wollten die Autos vorbeilassen. Aber da geschah ein kleines Wunder. Der erste Wagen mit dem Herrn in Weiß hielt an und kurbelte das Fenster herunter.

»Kann ich euch mitnehmen?«, fragte er freundlich.

Astrid sagte geistesgegenwärtig: »Unsere Freunde müssen sich wohl verspätet haben, oder sie haben eine Panne. Wäre richtig lieb von Ihnen, wenn Sie uns bis zur Haltestelle mitnehmen könnten.«

Die beiden Mädchen hatten schon den Wagenschlag aufgerissen. Sie schienen nichts dabei zu empfinden, dass der Freund sich für andere Mädchen interessierte. Und die beiden naiven Mädchen glaubten in der Tat noch, so tiefen Eindruck auf ihn gemacht zu haben.

»Das ist ja wirkliches Pech«, sagte der Mann, den man vorher Gerard genannt hatte.

Schicker Name, dachte Astrid, alles ist schick an dem. Und so höflich und nett ist er!

»Das macht uns nichts aus«, log sie weiter. »Ist aber wirklich sehr nett von Ihnen.«

»Sie werden wohl oft von Gästen mitgenommen, wie?«

»Nein!«, sagte sie empört. »Wir haben ja Freunde!«

»Ach ja, das hatte ich ganz vergessen.«

Wenig später hatten sie die Haltestelle erreicht, und er hielt den Wagen an.

»Dann wünschen wir noch viel Vergnügen!«

»Danke«, sagte Astrid ein wenig sauertöpfisch.

Die Wagen fegten davon.

Sylvia war wütend.

»Du blöde Ziege! Warum hast du denn gesagt, sie sollen uns nur bis zur Haltestelle mitnehmen? Die hätten uns doch bis in die Stadt gefahren, und dann hätten wir uns das Geld sparen können! Vielleicht hätten sie uns auch noch eingeladen, zu einem kleinen Imbiss und so.«

Astrid starrte die dunkle Straße entlang. Sie wusste wirklich nicht, warum sie so gehandelt hatte. Vielleicht instinktiv, als Schutzmaßnahme? Wenn man sagte, man wird erwartet, dann kann einem nicht so schnell etwas passieren.

Sie ahnte ja nicht, dass sie es mit einem Zuhälter und seinen »Pferdchen« zu tun gehabt hatte. Diese hatten nämlich Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass hatte sich Gerard gezwungen gesehen, sie mal wieder auszuführen. Außerdem musste man sie ja auch mal bei guter Laune halten, dann arbeiteten sie um so besser.

Aber auch wenn er mit seinen »Pferdchen« unterwegs war, hielt ihn das noch lange nicht davon ab, sich nach anderen Damen umzusehen. Ganz besonders hielt er sein Augenmerk auf mürrische Mädchen, die nicht zufrieden waren, oder solche, denen man an der Nasenspitze ansehen konnte, dass sie ausgerissen waren. An diese versuchte er sich ranzumachen, um sie für sich laufen zu lassen.

Die anderen beiden jungen Männer waren Hilus - also Zuhältergehilfen - die in seinem Auftrag kleine Dienste ausführten und dafür bezahlt wurden. Gerard wusste ganz genau, dass er gerade bei kleinen Mädchen, besonders jenen aus der Unterschicht, ganz groß einsteigen konnte, wenn er sich als Kavalier gab. So hatte er bis jetzt noch alle seine »Pferdchen« aufreißen können. Von seinem Charme waren sie immer ganz hingerissen. Sie hielten ihn für einen reichen Mann, deswegen ja auch das Luxusauto. Das alles war ja Reklame, auch das großzügige Trinkgeld, das sie immer gaben. So leicht wie sie Geld einnahmen, so leicht gaben sie es in der Regel auch aus.

Daran konnten Eingeweihte erkennen, wie angesehen sie waren. Auch in diesem Gewerbe hatte man Standesdünkel, und es gab so etwas wie eine Erfolgsleiter.

Astrid wusste also nicht, dass sie es mit einem gerissenen Zuhälter zu tun hatte, als sie so reagierte. Aber jetzt war ihre Freundin sauer.

»So einen schicken Freund finden wir doch nie mehr wieder!«

»Ach, lass mich doch. Bilde dir doch bloß nicht ein, dass der uns wirklich gemeint hat! Das hat der doch nur aus Freundlichkeit getan.«

Sylvia starrte auf die Straße. So ganz richtig glaubte sie ja auch nicht daran, was sie sagte.

Daheim in der kleinen Wohnung sprachen sie nicht mehr davon.

Die beiden früheren Freunde sahen sie auch nicht mehr wieder, obwohl sie seltsamerweise heute richtig Lust hatten, tanzen zu gehen. Aber keine von ihnen wollte das zugeben.

 

 

3

Zwei Tage später.

Sie hatten den netten Herrn inzwischen vergessen. Auch war gestern und heute nicht so viel Betrieb im Gartencafe gewesen. So konnten sie sich ein wenig mit dem Kellner unterhalten.

»Habt ihr denn schon eine Stelle für den Winter?«

»Nee, darum machen wir uns auch jetzt noch keine Sorgen. Die kriegen wir doch immer.«

»Aber die guten Stellen sind immer schnell vergeben.«

Sylvia sagte: »Er hat recht. Das letzte mal, weißt du noch, die Bude war so eng, dass man alle Gäste anstieß und dann glaubten die blöden Kerle auch noch, man täte es absichtlich. Dann muss man sich nicht wundern, wenn man pausenlos in den Hintern gekniffen wird.«

»Da haben wir ja auch unsere Freunde kennengelernt«, erinnerte Astrid.

»Ja!«

»Kundschaft! Jetzt aber raus.«

Sylvia schielte durch das breite Fenster.

»Für Astrid.«

Sie nahm ihren Block, strich über ihr kesses Schürzchen und trippelte nach draußen. Sie blieb ziemlich lange fort.

»Willst du nicht nachsehen, ob man noch etwas möchte?«

»Gleich. Schenk mir lieber erst mal eine Cola ein, ich hab Durst.«

Astrid kam wieder, hochrot im Gesicht.

»Was hast du denn?«

»Du wirst es nicht glauben!«, keuchte sie.

»Was?«

»Der Pinkel ist wieder da!«

Sylvia stürzte zum Fenster. »Mensch, ich werde verrückt! Und jetzt hat er schon wieder einen anderen Anzug an. Der muss es ja ganz dick haben!«

»Er hat mich gefragt.«

»Was denn?«, wollte Sylvia wissen.

»Sag’ lieber, was er bestellt hat«, bestimmte der Schankwirt.

»Ach, Sekt und noch so was. Hab ich hier alles aufgeschrieben. Mach mal dalli!«

»Ist das ein Freund von dir?«, wollte der Kellner wissen.

Die beiden Mädchen kicherten.

»Nee«, sagte Astrid, dann wandte sie sich an Sylvia und flüsterte: »Der hat mich doch glatt gefragt, ob mir diese Maloche hier eigentlich Spaß mache.«

»Ich werde verrückt!«

»Vielleicht hat er auch ein Lokal und sucht gute Bedienung?«

»Weiß ich nicht, aber das krieg ich schon heraus. Du, der ist ohne die Mädchen da!«

»Soll ich mal mit rauskommen?«

Die blonde Astrid warf ihr einen schrägen Blick zu. »Was willst du denn bei ihm? Ist doch mein Tisch, oder?«

Sylvia war verschnupft, sagte aber nichts mehr.

Astrid sauste mit den bestellten Sachen wieder an den Tisch. Die zwei schienen sich sehr lange zu unterhalten.

Astrid glühte förmlich. Der Zuhälter merkte sofort, dass es wieder einmal gefunkt hatte.

»Nein, nein, ich kann mich nicht zu Ihnen an den Tisch setzen. Ich muss ja noch bedienen, mein Chef würde ganz schön sauer werden.«

»Da ist er wohl sehr anstrengend?« Wie sanft die Stimme des Zuhälters klingen konnte.

»Ach, man gewöhnt sich daran. Heutzutage muss ja jeder Mensch arbeiten.«

»Ja, natürlich. Aber es kommt darauf an, wo man arbeitet. Dies hier muss doch sehr anstrengend sein. Am Sonntag haben Sie mir wirklich leid getan.«

»Ja?« Sie lächelte ihn an und zwei Grübchen zeigten sich auf den Wangen.

»Ihr Freund sollte das wirklich nicht zulassen! Er hat doch gar nichts von Ihnen. Wenn andere sich erholen und ausruhen, dann müssen Sie hier den ganzen Tag herumlaufen und Ihre Kräfte verarbeiten.«

Astrid bemerkte gar nicht, wie geschickt der Mann sie auszufragen verstand. Ein wenig Mitleid, ein wenig Zutrauen, und schon erzählten die Mädchen ihre ganze Lebensgeschichte. Das war für ihn sehr wichtig, denn er wollte ja keine Schwierigkeiten haben; und mit der Polizei wollte er schon gar nicht in Berührung kommen.

So hörte er denn jetzt auch zu seiner Zufriedenheit, dass die beiden Mädchen ihren Freunden den Laufpass gegeben hatten. Mehr wollte er gar nicht wissen.

»Man muss doch arbeiten. Sie und die Mädchen von neulich haben es halt besser. Sie haben bestimmt von daheim Geld genug, das kann man eben nicht vergleichen«, sagte Astrid ein wenig trüb.

»Aber nein, was denken Sie denn, meine Liebe! Die Mädchen und ich arbeiten genauso. Wir haben uns nur den richtigen Job ausgesucht. Und wenn ich Ihnen verrate, dass die auch nur zur Hauptschule gegangen sind, dann glauben Sie bestimmt, ich lüge Ihnen was vor, wie?« Wieder lachte er heiter auf.

Astrid starrte ihn an.

»Ehrlich?«

Dann wurde sie zu anderen Tischen gerufen, und sie musste Bestellungen entgegennehmen und arbeiten. Dabei war sie zum ersten Mal ziemlich nervös. Immer schielte sie wieder zu dem Herrn in die Ecke, und sie betete darum, dass er noch nicht gehen möge.

Irgendwie glaubte sie, durch ihn könnte alles besser werden. Noch nie hatte sie einen so schicken Kavalier gehabt. Sylvia würde neidisch werden! Du liebe Güte, und neulich hatten sie noch die Zukunft grau in grau gesehen. Man muss nur den richtigen Mann erwischen, dachte sie. Einen, der viel Geld verdient, dann macht es auch nichts aus, verheiratet zu sein. Ja, dann macht die ganze Sache sogar großen Spaß.

Sylvia kam heraus und bediente an ihren Tischen. Aber als sie einmal nichts zu tun hatte, wurde sie doch tatsächlich von dem Herrn gerufen. Astrid hörte das ganz deutlich und wurde schon ein wenig wütend. Sylvia sagte sehr höflich: »Ich kann Sie nicht bedienen.«

»Wie schade! Geht das so streng hier zu?«

»Ja, meine Freundin würde auch ganz schön sauer reagieren.«

»Nun, bestimmt können Sie mir eine Auskunft geben?«

»Ja.«

»Wann haben Sie denn Schluss?«

Sylvia warf einen Blick auf ihre kleine Armbanduhr. »In einer halben Stunde.«

»Glauben Sie, dass Ihre Freundin Zeit hätte, uns zu begleiten?«

Sylvia starrte ihn an. »Begleiten?«, stotterte sie.

»Ja, ich weiß auch nicht warum, aber irgendwie mag ich euch beide gern. Ehrlich. Und man kann doch mal einen netten Abend verbringen?«

»Aber Ihre Freundin? Wird die nicht sauer sein? «

»Aber, meine Liebe, glauben Sie tatsächlich, ich würde mich so gängeln lassen? Meine Freundin ist ganz bestimmt nicht ärgerlich. Es bleibt doch alles ganz nett, verstehen Sie?«

Sie schluckte.

»Ich kann sie ja mal fragen.«

»Das wäre sehr nett von Ihnen.«

Astrid wollte es zuerst gar nicht glauben. Außerdem war sie ärgerlich darüber, dass er Sylvia auch eingeladen hatte. Was hatte der nur vor?

»Komm, sei doch kein Frosch! Nehmen wir das Leben so, wie es ist.«

»Und ich hab gedacht, er mag nur mich«, murmelte sie leise.

»Vielleicht will er uns wirklich anwerben. Wir können ja mal mitgehen. Zu zweit kann uns nichts passieren, Astrid, und wir verbringen einen hübschen Abend.«

»Woher weißt du das?«

»Ach, das spürt man einfach. Und vielleicht treffen wir Othmar und Richard? Die werden schön blöd aus der Wäsche gucken, wenn die uns mit dem feinen Pinkel sehen!«

Das Lokal schloss. Die Mädchen kassierten ab, strichen ihren Gewinn ein, wechselten die Kleider und Schuhe und gingen dann zum Parkplatz. Dort stand der Mann und rauchte. Als er sie sah, warf er die Zigarette sofort weg und öffnete den Wagenschlag.

Das ist nobel, dachten die beiden, so sieht man es auch immer im Fernsehen. Ach, ist das schön!

Der Zuhälter wählte kein zu teures Lokal. Denn er wollte nicht zu viel in sie investieren, solange er noch nicht wusste, ob sie tatsächlich anbissen. Aber es sollte doch so gut sein, dass sie sich ein wenig hilflos vorkamen. Um so besser konnte er den Kavalier spielen. Außerdem kannte er Fred, den Kellner. Sie hatten schon so manches Mal zusammengearbeitet. Jetzt zwinkerte er ihm unmerklich zu. Das hieß, er wollte nicht erkannt werden.

Er ließ die beiden Mädchen wählen. Und das taten sie auch mit Bedacht.

Dabei erfuhr er, dass sie allein wohnten, von den Eltern nicht mehr viel wissen wollten und überhaupt nicht gerade zufrieden waren mit ihrem Leben.

Immer wieder brachte er geschickt das Gespräch auf die Mädchen, die ihn neulich begleitet hatten. Er pries in den höchsten Tönen, wie gut die verdienten und welch hübsches Leben die hatten.

Allmählich wurden die beiden natürlich neugierig und wollten mehr wissen. Aber er kam nicht so recht damit heraus, doch das bemerkten sie gar nicht, denn inzwischen hatten sie schon ein paar Gläschen Wein getrunken; und es schwamm schon ein wenig vor ihren Augen.

Der Zuhälter brachte sie brav nach Hause, aber er hatte die Zusage, dass er sie am nächsten Abend wiedersehen würde. Sie schwebten auf rosa Wolken.

Selig fielen sie in ihre Betten.

 

 

4

Am nächsten Tag erschien er nicht im Gartencafe. Für den Zuhälter war das reine Taktik; er wollte die Mädchen nervös machen. Um so leichter konnte er sie dann zu sich heranziehen. .

Sie waren tatsächlich nervös und ärgerlich und schielten immer wieder nach draußen. Aber er kam nicht. Missgelaunt machten sie sich am Abend auf den Weg zum Bus.

»Mann, das ist ja eine Flasche! Erst alles mögliche versprechen und dann nicht mehr kommen!«

Er stand an der Bushaltestelle. Sie kreischten auf und liefen ihm entgegen.

Er grinste sie an, erzählte, dass er aufgehalten worden wäre und entschuldigte sich viele Male. Sie waren so außer sich vor Freude, dass sie es gar nicht hören wollten.

»So, wir wollen jetzt mal meine Mädchen besuchen. Das habe ich euch doch versprochen.«

Sie konnten sich zwar nicht daran erinnern, und sie dachten: Du liebe Güte, hoffentlich kratzen die uns nicht die Augen aus, wenn sie merken, dass wir uns an ihn rangemacht haben.

Details

Seiten
113
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738936278
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v513420
Schlagworte
redlight street astrid brummi-braut

Autor

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Titel: Redlight Street #119: Astrid, die Brummi-Braut