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Texas Mustang #27: Der Galgenbaum von Golden Hill

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der Galgenbaum von Golden Hill

Klappentext:

Roman:

Texas Mustang

 

Band 27

 

Der Galgenbaum von Golden Hill

 

Ein Western von Horst Weymar Hübner

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Edward Martin

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappentext:

US Marshal Jim Allison ist im Auftrag der County-Verwaltung unterwegs nach Golden Hill um längst fällige Steuern von den wenigen, dort noch lebenden Bewohnern einzutreiben. Golden Hill war einst eine erfolgreiche Minenstadt, aber nun ist sie so gut wie verlassen. Das ist das, was Allison weiß. Aber als er Golden Hill erreicht, muss er feststellen, dass dort noch viel mehr Menschen leben als er angenommen hat. Sie wollen hierbleiben, obwohl die Minen alle geschlossen sind – und sie haben viel Geld, dessen Ursprung Allison sich nicht erklären kann.

Hat es etwas mit dem geheimnisvollen Reiter zu tun, der jede Nacht am Galgenbaum vorbeireitet und die Bewohner in Angst und Schrecken versetzt? Welche Rolle spielt Laura Kimball? Ist sie nur eine Spielerin mit einer unbeschreiblichen Glückssträhne? Und wie lange wird diese anhalten, wenn sie an jedem weiteren Abend den Bewohnern von Golden Hill etliche Dollars im Spiel abnimmt?

Jim Allison erkennt rasch, dass all dies mit der Vergangenheit von Golden Hill zu tun hat – und mit dem Galgenbaum, durch den ein Unschuldiger starb!

 

 

 

Roman:

Sie war viel zu hübsch für diese verkommene Stadt, fand US Marshal Jim Allison. Außerdem spielte sie mit einer Kaltblütigkeit um höchste Einsätze, dass sogar der Teufel darüber die Nerven verlieren konnte. Irgendwie spürte sie, dass sie beobachtet wurde. Sie legte ihre Karten verdeckt ab und wandte sich nach Allison um, der ihr über die Schulter blickte.

„Kaufen Sie sich in dieses Spiel ein oder gehen Sie weiter, Mister!“, forderte sie ihn freundlich, doch überaus bestimmt auf.

„Ich sehe lieber zu“, wehrte er ab und suchte sich einen anderen Stehplatz am Tisch. Fasziniert betrachtete er die Spielerin und die goldene Sprungdeckeluhr, die sie geöffnet neben den Kartenkasten gelegt hatte. Es war eine Männeruhr.

Gerade schaute sie wieder darauf.

Da flog mit einem Krach die Tür auf, ein leichenblasser Mann stürmte herein und rief von Entsetzen geschüttelt: „Er ist wieder da! Lieber Himmel, er hält genau unter dem Galgenbaum! Und er reitet das dreibeinige Pferd!“

Schlagartig wurde es still in Charly Cannons Spielhalle.

Allison wollte ärgerlich auflachen über diesen späten Witzbold.

Als er die Reaktion der Gäste bemerkte, blieb ihm das grimmige Lachen im Hals stecken. Sie blickten sich bedeutungsvoll an, und da und dort trank einer hastig sein Glas aus.

Sogar Charly Cannon, von dem es hieß, er sei trocken wie die Wüste im Sommer, kippte sich hastig einen ein und stürzte ihn hinunter.

Offensichtlich wussten die Leute verdammt genau, wovon der späte Gast sprach.

Einzige Ausnahme war die Spielerin. Langsam zog sie die schwungvollen Augenbrauen hoch, schaute die erstarrten Gesichter ihrer Mitspieler der Reihe nach an und griff mit der rechten Hand an den blauen Federschmuck, den sie im hochgetürmten kupferfarbigen Haar trug.

„Was ist, meine Herren? Ein Spaßvogel! Spielen wir diese Partie zu Ende.“

Sie blickte sich nicht einmal nach dem leichenblassen Mann um, der jetzt an die Theke wankte und sich von Charly Cannon einen Brandy einschütten ließ.

Es lagen mehr als sechshundert Dollar im Topf. Jeder konnte sie gewinnen. Aber die Männer am Spieltisch verspürten keine Lust mehr, sie stiegen aus.

Ein schmalgesichtiger Mann mit tiefliegenden Augen besann sich dann doch anders und warf zwanzig Dollar in die Tischmitte. „Lassen Sie sehen, Lady!“, murmelte er. So richtig bei der Sache war er nicht.

Die Spielerin machte ihren Einsatz, überlegte und deckte ihr Blatt auf. „Drei Damen, Mister. Sind Sie besser?“

Der Mann fächerte seine Karten auf. „Ein Paar!“, maulte er. „Damit ist gegen vier Damen nicht zu gewinnen“, fügte er hintersinnig hinzu. Seine zwei Zehnen waren wirklich nicht das Gelbe vom Ei.

Die Frau strich den Geldhaufen ein, klappte die Sprungdeckeluhr zu und verkündete: „Ich stehe den Gentlemen morgen Abend für die Revanche zur Verfügung.“ Mit einem Neigen des Kopfes verabschiedete sie sich von der Runde.

Als sie an Allison vorbeiging, sagte sie halb verwundert und halb amüsiert: „Ein dreibeiniges Pferd! Worauf die Leute nicht alles kommen. Gute Nacht, Mister.“

„Ma’am!“ Er griff an die Hutkrempe und blickte ihr nach, bis sie oben auf der Galerie verschwand.

Ein Mann schickte einen Seufzer hinterher und murmelte: „Das schöne Geld sehen wir nicht wieder! Sie hat einfach die besseren Karten.“

So, wie er das sagte, war hinter seinen Worten allerhand zu vermuten.

„Wer ist sie?“, fragte Allison teilnahmsvoll.

Der Mann musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Laura Kimball. Sie sind ein kluger Mann, Mister.“

„Wieso das?“

„Weil Sie sich nicht in das Spiel eingekauft haben. Seit vierzehn Tagen spielt sie hier, und seit vierzehn Tagen gewinnt sie. Wenn sich das Glück nicht bald uns zuwendet, sind wir pleite.“

Die Auskunft erstaunte Allison. So, wie die heruntergewirtschafteten Häuser aussahen, war in Golden Hill überhaupt nichts zu holen.

„Aha!“, machte er und schaute zur Theke. „Und wer ist jener Mann dort?“

„Rufus Buck.“

„Als er gerade hereinkam, sah er ziemlich nüchtern aus. Trotzdem will er ein dreibeiniges Pferd gesehen haben. Was ist damit?“

Allison machte eine merkwürdige Erfahrung. So mitteilsam der Mann in bezug auf die Spielerin war, so zugeknöpft zeigte er sich jetzt. Er tat, als hätte er die Frage nicht gehört.

Die anderen hatten mit einem Ohr der Unterhaltung gelauscht. Als sich Allison ihnen zuwandte, waren sie plötzlich sehr beschäftigt.

Einer suchte seinen Hut, der unter den Tisch gerollt war, zwei andere nahmen sich den Kartenkasten vor und untersuchten das Spiel, mit dem Laura Kimball so viel Glück hatte und sie so viel Pech, und die restlichen zwei murmelten etwas und bezahlten in auffälliger Eile bei Charly Cannon ihre Zeche und verließen die Spielhalle.

Allison gewann den Eindruck, dass sie sich nicht gern in ein Gespräch über dieses dreibeinige Pferd einlassen wollten. Dass überhaupt niemand ein Interesse daran hatte, darüber zu reden.

Vielleicht war dieser Rufus Buck ergiebiger.

Er schlenderte hinüber an die Theke. Charly Cannon blickte ihm ausdruckslos entgegen. Dieser Rufus Buck hatte noch das Entsetzen in den Knochen, trotz der zwei oder drei Gläser, die Cannon ihm mittlerweile verabreicht hatte.

„Mir scheint, Sie haben die gute Laune dieses Abends verdorben“, sagte Allison. „Dreibeinige Pferde sind eine Rarität.“

Der Mann griff hastig nach dem nächsten Glas, das Cannon für ihn füllte. Er trank es in einem Zug leer und wischte sich den Mund ab. Danach blickte er Allison an, als hätte der Hörner und einen Pferdefuß.

„Spotten Sie nur, Mister!“, sagte er dumpf. „Sie reiten ja morgen weiter, aber wir leben hier. Wissen Sie ...“

„Du hast genug getrunken!“, fuhr Charly Cannon unfreundlich in die Rede. „Einen Drink habe ich dir spendiert, den Rest schreibe ich an. Jetzt gehst du besser.“

Rufus Buck zog fröstelnd die Schultern hoch und blickte scheu zur Tür. „Einen noch, Charly.“

Der Saloonkeeper ließ nicht mit sich handeln. „Schluss für dich. Verschwinde!“

Allison folgte dem Mann zur Tür. „Vielleicht fürchten Sie sich, Mister! Wo ist denn dieser Galgenbaum mit dem Pferd zu bewundern?“

Rufus Buck stieß die Flügel der Pendeltür auf und trat auf die Veranda. „Ich sage gar nichts, Mister, verstehen Sie! Ich bin doch nicht verrückt!“

„So sehen Sie eigentlich nicht aus.“

Rufus Buck machte einen schnappenden Atemzug. Es hörte sich an, als wollte er Streit anfangen.

Dann besann er sich anders und schlich an den verkommenen Häusern von Golden Hill entlang, bis ihn hinter dem letzten Lichtbalken die Dunkelheit aufnahm.

Verdammt seltsam war das, fand Allison.

 

*

 

Die Sache interessierte ihn nun mal.

Da dieser Buck nicht mit einem Pferd gekommen war, konnte der Galgenbaum auch nicht allzu weit entfernt sein.

Allison rollte sich eine Zigarette und zündete sie an.

Mit dem Galgenbaum und dem dreibeinigen Pferd hatte es eine Bewandtnis, die den Einwohnern der Stadt nicht behagte, am allerwenigsten Charly Cannon.

Buck hätte vielleicht geredet, wenn Cannon nicht dazwischengefahren wäre.

Es war schon ein kurioses Nest.

Allison ging in die Richtung, in der Buck verschwunden war. Da und dort brannte Licht hinter Fenstern.

Schon am Nachmittag, als er hereinritt, hatte er den Eindruck gewonnen, dass nur noch die Häuser im Herzen der Stadt bewohnt waren. Und das war eigentlich schon mehr, als die County-Verwaltung angenommen hatte.

Nach den Unterlagen, die man dort besaß, durften in Golden Hill gerade noch sieben Menschen wohnen. Das heißt, sieben zahlten ihre Steuern.

Von einem reisenden Händler hatte man jedoch erfahren, dass noch eine ganze Menge Leute in Golden Hill ihre Suppe kochten und dass sie nicht einmal schlecht leben sollten.

Weil der Marshal in der Gegend zu tun hatte, war man mit der Bitte an ihn herangetreten, in Golden Hill nach dem Rechten zu sehen und erforderlichenfalls Steuern zu erheben.

Auf den ersten Blick hatte die Stadt nicht sehr erhebend gewirkt. Ein Nest in den Hügeln halt, das seine goldene Zeit schon zwanzig Jahre hinter sich hatte. In den Hügeln ringsum hatte man Gold und Golderz gefördert, bis nichts mehr zu holen war.

Auf den zweiten Blick ging es den Leuten jedoch gar nicht so übel. Gut genug jedenfalls, um seit vierzehn Tagen an eine Spielerin Geld zu verlieren.

Und das Nest hatte wesentlich mehr Einwohner als die steuerzahlenden sieben Bürger.

Eine Tür klappte in der Dunkelheit. Allison blieb stehen und deckte den Glutpunkt der Zigarette mit der Hand ab.

Angestrengt lauschte er. Das Klappen wiederholte sich nicht.

Der Wind hatte die Tür nicht bewegt. Es wehte nämlich kein Lüftchen. Ob Rufus Buck gerade seine Behausung erreicht hatte?

Allison ging in die neue Richtung und kam aus dem alten Goldgräbernest heraus.

Er merkte sofort, dass es ungesund war, sich in der Dunkelheit auf unbekanntes Gelände zu begeben. Erst stolperte er über einen Erdhaufen, und als er mühsam das Gleichgewicht wiederfand, sauste er um ein Haar in eine alte Grube.

Am Nachmittag hatte er von Süden her auf der Talsohle Claimfelder gesehen. Offensichtlich gab es auch nach Norden alte Claims, die kein Mensch zugeschüttet hatte.

Er kehrte schleunigst auf den Weg zurück und wanderte bis vor die letzten Häuser und Hütten hinaus.

Dunkel und schweigend lagen die Hügel in der Runde. Darüber spannte sich der mitternachtsblaue Himmel.

Von einem Galgenbaum war weit und breit nichts zu sehen. Von einem Reiter auf einem dreibeinigen Pferd schon gar nicht.

Allison rauchte die Zigarette zu Ende und zertrat sie auf dem hartgebackenen Weg.

Unzufrieden wandte er sich der Stadt zu.

Vielleicht war hinter den Häusern etwas.

Er musste sich morgen bei Tageslicht umsehen. Den Leuten würde es nicht gefallen, wenn sie merkten, weshalb er hergekommen war. Außerdem hatte er das sichere Gefühl, dass es ihnen noch weit weniger gefiel, wenn er sich für den geheimnisvollen Reiter interessierte.

Aufmerksam schaute er nach rechts und links, wo die allmählich zerfallenden Hütten und unbewohnten Häuser an der Straße aufgereiht standen.

Plötzlich stutzte er.

Draußen in der Nacht bewegte sich ein Licht!

Es war drüben am Hang eines Hügels im Westen.

Er blieb stehen und beobachtete.

Das Licht wanderte langsam den Hang hinauf und verschwand schließlich.

Er war sich nicht sicher, ob es ausgeblasen worden war oder ob dort oben jemand eine Hütte betreten hatte. Vielleicht einer der Männer, die mit Laura Kimball gespielt hatten. Er hatte ja keine Ahnung, wo die Leute überall wohnten.

Vergeblich wartete er darauf, dass ein Fenster hell wurde.

Nach einiger Zeit setzte er sich wieder in Bewegung und nahm sich vor, morgen hinaufzusteigen und nachzusehen.

Er hatte schon in vielen Städten für Ordnung gesorgt und auch gekämpft, wo es notwendig war. Im Laufe der Zeit hatte er einen besonderen Sinn für Gefahr entwickelt.

Dieser Sinn meldete sich jetzt. Er signalisierte nicht gerade Gefahr, er gab jedoch zu verstehen, dass es gut war, vorsichtig zu sein.

Allison verließ die Straße und wartete neben einem zusammengebrochenen Zügelbalken ab.

Auf die Veranda des Hauses zu steigen, war ihm nicht geheuer. Bei Tageslicht hatte er gesehen, wie morsch und mürb die Gehsteige waren. Da und dort waren sogar schon die Vorbaudächer heruntergekommen.

Er war nicht erpicht darauf, in diesem seltsamen Nest ein paar Balken auf den Schädel zu bekommen.

Er spürte, dass er nicht allein war.

Noch jemand war auf der Straße.

Ein leises Klirren kam aus der Dunkelheit. Nach einer Weile knirschte Sand.

Und dann sah er eine Gestalt vor der halb zerfallenen Mauer der alten Schmelze, die sich bis ins Herz der Stadt erstreckte und bei Charly Cannons Etablissement endete. Große gekalkte Flächen hatten der Witterung getrotzt. Vor so einem hellen Fleck verharrte die Gestalt.

Die Sicht war miserabel und die Entfernung beträchtlich. Dennoch konnte Allison das Gewehr ausmachen, das die Gestalt in der Armbeuge trug.

Er hatte keine Ahnung, wer es war. Er schätzte ihn dennoch als gefährlichen Hombre ein. Es gab keinen Townmarshal und keinen Deputy Sheriff, der seine Nachtrunde machte.

Der letzte Gesetzeshüter hatte die Stadt verlassen, nachdem damals praktisch über Nacht die meisten Einwohner, Goldgräber, Minenarbeiter und Helfer der Schmelze fortgeströmt waren.

Die Frage war, was nun diesen Mann bewog, mitten in der Nacht mit einem Gewehr durch die Stadt zu spazieren und dabei auffallend leise aufzutreten.

Der Hombre schien ihn geradezu zu riechen.

Er ging ein paar Schritte an der Mauer entlang, blieb stehen, wandte sich um und kam die Straße herauf.

Allison war überzeugt, dass ihn der andere nicht sah. Dennoch sagte der Mann in seine Richtung: „Sie sollten nachts besser nicht hier draußen sein, Mister.“

Er war entdeckt. Er verstand zwar nicht, wie das möglich war, andererseits war hier vieles unerklärlich.

„Ich habe noch etwas die Beine bewegt“, sagte Allison, und es klang nicht gerade freundlich.

Der Mann kam näher. „Ziemlich unvorsichtig von Ihnen, Mister. Vor allem, wenn Sie da im Hausschatten stehen. Man kann sie leicht verwechseln.“

„Womit?“ Wenn Allison nicht alles täuschte, war das der schmalgesichtige Mann, der noch zwanzig Dollar in den Topf geworfen und dann nur zwei Zehnen vorzuzeigen gehabt hatte.

„In solchen dunklen Nächten kommen sie gern herunter. Manchmal schleichen sie bis an die Häuser“, sagte der Mann geheimnisvoll.

Allison zog die Möglichkeit in Betracht, dass der Mann den Verstand nicht ganz beisammen hatte. Das erklärte einigermaßen das Gewehr.

„Wer?“

„Wölfe, Mister. Hiesige Burschen. Mal kommen sie allein, mal im Rudel.“

„Aha, und Sie machen Jagd auf sie, ich verstehe.“

„Man kann sie nicht schießen, nur vertreiben“, meinte der Mann etwas ungeduldig. „Sie warten auf Nächte wie diese. Gehen Sie besser zu Charly zurück. Er wird gleich schließen.“

Das hörte sich fast so an, als wollte man ihn von der Straße haben. Ob das mit jenem Reiter auf dem dreibeinigen Pferd zusammenhing, den Rufus Buck unter dem Galgenbaum gesehen haben wollte?

„Sehr freundlich von Ihnen, dass Sie mich warnen“, erwiderte Allison. „Von den Wölfen hatte ich keine Ahnung.“ Der Teufel ritt ihn. „Halten Sie es für möglich, dass die Wölfe eine brennende Lampe mit sich herumschleppen?“

„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“, fragte der Mann eingeschnappt. „Wieso eine Lampe?“

„Na, vorhin sah ich eine am Hang im Westen. Plötzlich war das Licht fort. Wenn’s nicht die Wölfe waren, wohnt da oben jemand.“

Der Mann war noch immer beleidigt. „Ich mag es nicht haben, wenn man Witze über mich macht. Da oben wohnt niemand, das weiß ich genau.“

„Und ich habe ein Licht gesehen, das weiß ich sicher, Mister.“ Allison konnte den Mann nicht überzeugen. Der stellte sich bockbeinig. Außerdem hatte er Angst. Der Marshal spürte es instinktiv.

Das Gewehr war wohl weniger ein Abschreckungsmittel gegen die Wölfe als vielmehr ein Beruhigungsmittel für den Mann. Es gab ihm ein Gefühl von Sicherheit.

„Na, dann will ich mal zurückgehen, damit Cannon abschließen kann“, sagte Allison und trat aus dem schwarzen Schatten.

Der Mann begleitete ihn bis zum Hotel und reagierte auf keine der Fragen, die er an ihn richtete.

Charly Cannon stellte gerade die Stühle hoch. Die letzten Gäste waren gegangen.. Ein Helfer sammelte die Spucknäpfe ein und stellte einen Besen an die Theke, um anschließend noch auszufegen.

„Ist gut, dass Sie da sind“, brummte Cannon. Er ging hinaus, redete ein paar Worte mit dem bewaffneten Mann und brachte die Lampe herein.

Allison setzte sich halb auf den grünbespannten Tisch. „Die Mitspieler haben sehr genau die Karten untersucht. Sie spielte mit sehr viel Glück.“

„Ansichtssache, Mister. Sie hat auch schon verloren. Solange sie die Tischmiete bezahlt und meine Gäste nicht betrogen werden, halte ich die Nase heraus.“

„Sie meinen, das wäre auch für mich vorteilhaft?“

Cannon warf ihm einen unfreundlichen Blick zu. „Jeder zieht sich den Schuh an, der ihm passt. Wollen Sie ihr Konkurrenz machen? Ich habe nur diesen einen Tisch.“

„Ich bin kein Spieler, sie kann den Tisch behalten. Ich frage mich nur, was sie hier in diesem aufgegebenen Goldgräbernest sucht, wo sie mit ihrem sagenhaften Kartenglück überall die Königin eines noblen Spielsaales sein könnte.“

Cannon stellte die gelöschte Lampe ins Regal. „Ich frage keinen nach den Gründen, die ihn durchs Land treiben. Wenn mir einer was erzählt, gut, dann höre ich zu, aber mehr nicht. Sonst noch was?“

Allison winkte ab. Dieser Cannon hatte eine Laune wie ein gereizter Bär, aus dem brachte er außer ein paar unhöflichen Worten nichts heraus. Er ging nach oben.

Von etwas mussten die Leute in Golden Hill ja schließlich leben. Die Geschäfte warfen genug ab, dass der Überschuss sogar am Spieltisch verjubelt werden konnte.

Laura Kimball schien eine überaus gute Nase zu besitzen. Oder sie hatte einen Wink bekommen, dass in Golden Hill etwas zu verdienen war.

 

*

 

Tappende Schritte weckten ihn.

Er setzte sich gähnend auf und verwünschte das offene Fenster. Sicher ging der Mann mit dem Gewehr gerade unten vorbei und trampelte auf dem besser erhaltenen Teil des hölzernen Gehsteiges herum.

Allison verwünschte ihn und seine Wölfe und stieg aus dem Bett, um das Fenster herabzuziehen.

Verdutzt schob er den Kopf hinaus.

Leer und verlassen und dunkel lag die Hauptstraße von Golden Hill.

Nirgendwo war mehr Licht.

Die Schritte, die ihn wach gemacht hatten, kamen nicht von der Straße herauf, sondern eindeutig von nebenan. Da stand hinter der Mauer, die die Grenze von Cannons Hof darstellte, ein zweistöckiges Gebäude auf dem Gelände der Schmelze.

Allison lauschte lange und bemühte sich, etwas zu erkennen. Ein Licht vielleicht oder hellen Schein hinter einem Fenster.

Das Haus lag in völliger Dunkelheit wie die ganze Stadt!

Aber die Schritte kamen von drüben, er war seiner Sache absolut sicher.

Cannon jetzt aus dem Bett zu holen, damit er aufschloss und ihn hinausließ, war sinnlos. Außerdem brachte das den Saloonkeeper bestimmt noch mehr gegen ihn auf.

Neugierige Leute, die viele Fragen stellten und zu viel hörten, waren hier nicht gut gelitten, das hatte er schon gemerkt.

Wenn er vielleicht aus dem Fenster stieg und über das Vorbaudach hinabkletterte?

Auch Charly Cannons Vorbaudach machte keinen vertrauenerweckenden Eindruck mehr. Er konnte schon mit einem Fuß einbrechen, bevor er noch richtig draußen war.

Und ein umlaufendes Gesims gab es nicht.

Dennoch probierte er die Festigkeit des Vorbaudaches.

Schon unter einem vorsichtigen Stoß schwankte das Dach beträchtlich, und aus dem Gebälk drang ein stöhnendes Knarren.

So ging es nicht, das war sicher.

Enttäuscht zog er den Fuß zurück und hörte dabei wieder jenes merkwürdige Tappen im dunklen Haus hinter der Mauer.

Es machte ihn richtig nervös, nichts unternehmen zu können.

Bis ihm Cannons Hintertür einfiel.

Solche Etablissements besaßen in aller Regel einen Hintereingang. Meist war er nur durch einen einfachen, wenn auch stabilen Eisenriegel gesichert.

Er zog das Fenster herab und kleidete sich leise an. Irgendwo im Haus knackte es im Holz.

Schaden konnte es auf keinen Fall, wenn er den Revolver auf seinen nächtlichen Ausflug mitnahm. Also legte er den Gurt um.

Die Tür knarrte leicht. Er half sich, indem er sie etwas anhob. Mit angehaltenem Atem lauschte er in den dunklen oberen Flur hinaus.

Die Stille gefiel ihm, sie kam seinem Vorhaben sehr entgegen. Das war der falsche Ausgang, hier befand sich die Küche.

Hinter der nächsten Türöffnung roch es nach altem Zigarrenrauch.

Das war auch nicht das Richtige.

Erst die dritte Tür brachte ihn in den nach hinten führenden Flur.

Er wagte es, ein Streichholz anzureiben, weil er nicht über abgestellte Spucknäpfe und andere Gerätschaften stolpern wollte.

Verdutzt stellte er zwei Dinge gleichzeitig fest die eine Wand bestand aus steinernem Mauerwerk, dabei hätte er schwören mögen, dass Cannons Haus von außen aussah, als sei es ganz und gar und durch und durch aus Holz gebaut.

Und die Hintertür war offen!

Das passte nun gar nicht in seine Erwartungen. Er nahm an, dass Charly oder einer der Hotelgäste hinausgegangen war, weil das seltsame Tappen nicht bloß ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.

Wer auch immer zur Hintertür hinausgegangen war, er wollte in keinem Fall bemerkt werden, denn er hatte darauf verzichtet, eine Lampe anzuzünden.

Vor allem wollte er durch den Lichtschein nicht denjenigen vertreiben, der im Haus auf dem Gelände der Schmelze sein Wesen trieb.

Allison sah sich in der Zwickmühle. Kehrte der Hotelbewohner vor ihm von seinem nächtlichen Erkundungsgang zurück, dann war sicher, dass er den Riegel vorschob und ihn damit aussperrte.

Cannon oder sein Helfer würde schön dämlich gucken, wenn er dann am Morgen aus dem Stall kam. Denn eine andere günstige Möglichkeit, den Rest der Nacht zu verbringen, sah er nicht.

Das Streichholzflämmchen verbrannte ihm Daumen und Zeigefinger. Er rieb ein neues Holz an und widmete dem Eisenkrampen, der den Riegel aufnahm, sein Interesse.

Er saß ziemlich tief im Holz des Türbalkens.

Aber das war zu ändern.

Allison suchte in Cannons Abstellkammern, die sich hier hinten befanden, nach einem geeigneten Eisenstück. Er fand nicht das, was ihm vorschwebte. Dafür fiel ihm eine verrostete Hufraspel in die Finger, die irgendwann mal ihren Weg hierher gefunden hatte.

Er zog die Stiefel an, lauschte besorgt, weil die Sucherei nicht völlig lautlos vonstatten gegangen war, und rückte dem Krampen mit der Raspel zu Leibe.

Geschickt steckte er das Werkzeug unter den Krampenbügel und wuchtete das Eisen Ruck um Ruck aus dem Holz.

Damit der Krampen nicht herausfiel, wenn gleich jemand den Riegel vorschob, stopfte er in jedes Holzloch zwei Streichhölzer und trieb den Krampen mit einem derben Faustschlag fest.

Jetzt genügte ein Stoß mit der Schulter gegen die verriegelte Tür, und sie ging nach innen auf. Der Nachteil war, dass bei dieser Prozedur der Krampen herausfiel und klirrte.

Das musste er in Kauf nehmen. Notfalls auch, dass ihm Cannon dann auf der Treppe entgegentrat und dumme Fragen stellte.

Er brachte die Raspel fort und betrat den Hof.

Ganz deutlich hörte er drüben wieder das Tappen. Gerade, als ginge jemand auf einer steinernen Treppe oder auf einem Flur, der mit Steinplatten ausgelegt war.

Das Problem war, wie er auf das Gelände der Schmelze kam. Nach vorne zur Hauptstraße hin gab es in der langen Mauer einige Breschen und Löcher, aber alle zu hoch.

Außerdem riet ihm die Erfahrung mit dem bewaffneten Mann davon ab, sich auf der Hauptstraße zu zeigen. Er hielt es nicht für gänzlich ausgeschlossen, dass er sich eine Kugel einfangen konnte und dass sich der Schütze dann damit herausredete, er hätte ihn für einen herumstreunenden Wolf gehalten.

Überlegend starrte Allison die Mauer an, die Cannons Hof begrenzte.

Mit einer Leiter war es keine schwierige Sache, auf die Mauer zu gelangen. Es gab nur keine Leiter, das war der Haken.

Da war es schon eher möglich, dass der neugierige Hotelbewohner einen viel einfacheren Weg auf das Gelände der Schmelze kannte. Dieser Weg musste hinter Cannons Stallgebäude seinen Anfang haben.

Er war gerade im Begriff, den Hof zu überqueren, als er knirschende Schritte von der Straße hörte.

Verblüfft rettete er sich an die Hauswand und wartete ab.

Drüben in dem alten Gebäude hämmerte der nächtliche Unruhegeist auf Stein. Die Schläge erfolgten so, als lauschte der Unbekannte jedesmal, wenn er zugehauen hatte, ob sich draußen etwas rührte.

Jedenfalls war das, fand Allison, ein sehr irdischer und auf seine Sicherheit vor Entdeckung bedachter Geist.

Die knirschenden Schritte kamen in den Hof.

Beinahe hatte Allison es erwartet - es war der schmalgesichtige Mann mit dem Gewehr, der auf seine Wölfe wartete!

Aus der dunklen Ecke zwischen dem Stallgebäude und der Mauer ertönte ein Zischen. Allison wertete es als ein Signal.

Der Mann mit dem Gewehr zischte zurück.

Dann ging er in Richtung auf den Stall, blieb aber vor der Mauer stehen.

Allison pries seine Vorsicht.

Aus der dunklen Ecke schälte sich eine Gestalt und trat zu dem unbeirrten Wolfsjäger. Unschwer erkannte der Marshal an der Gestalt den wackeren Wirt des Etablissements.

Er fand es höchst bedeutsam, dass Charly Cannon draußen in der Nacht weilte, statt im Bett zu liegen. Auch dem Umstand, dass Cannon keine Lampe angezündet hatte, maß er Gewicht bei.

Beide Männer flüsterten. Allison bemühte sich, etwas aufzuschnappen. Ohne Erfolg.

Schließlich kamen sie von der Mauer weg und blieben mitten im Hof stehen. Aufmerksam starrten sie zu dem Haus jenseits der Mauer hinüber, aus dem immer noch klopfende Schläge erklangen, allerdings längst nicht mehr so unverdrossen wie zu Beginn.

Richtig schlau wurde Allison immer noch nicht aus der geheimnisvollen Angelegenheit. Wussten Cannon und der Wolfsjäger, wer dort klopfte? Deckten sie am Ende den Rückzug des eifrigen Burschen?

Zumindest hatte es den Anschein.

Bis ein dritter Mann im Hof auftauchte.

Er schlich herbei wie das schlechte Gewissen und schaute sich ständig um. Das behielt er auch bei, als er ohne lange Umstände zu Cannon und dem anderen trat.

Allison meinte erst gar, es sei dieser Rufus Buck, der so unergiebig war. Das ängstliche Gehabe passte jedenfalls zu ihm.

Als er dann redete, und nicht einmal sehr leise, merkte er, dass es eine andere Stimme war.

„Er ist es, bei Gott, er ist es!“, sagte der Mann.

Cannon knurrte ihn an und erreichte damit, dass der Neuankömmling den Mund hielt.

Dann kam eine Art Beratung in Gang, und schließlich verließen alle drei Männer den Hof. Allison folgte ihnen in angemessenem Abstand, einmal, um den Zweck ihrer Unternehmung zu erfahren, zum anderen, um aus der Reichweite des Gewehres zu bleiben.

Wenn sie merkten, dass ihnen jemand folgte, brachen sie ihr Vorhaben mit Sicherheit ab.

 

*

 

Weit brauchte er nicht zu gehen.

Die drei sammelten sich unter der ersten großen Mauerbresche und lauschten.

Allison blieb im tiefsten Schatten und verhielt sich still. Dabei musterte er die Umgebung.

Das ungewöhnliche nächtliche Klopfen hatte noch andere Bewohner der Stadt aus dem Schlaf gerissen. Nur waren die sehr zurückhaltend. In einer schwarzen Fensteröffnung entdeckte der Marshal den rötlich aufleuchtenden Glutpunkt einer Zigarette, hinter einem anderen Fenster ein paar Häuser weiter flackerte ein Streichholz auf und verlöschte sofort wieder.

Cannon und seine beiden Begleiter hatten sich aüf eine Strategie geeinigt. Sie verschwanden von der Straße.

Während Allison einigermaßen ratlos war und sich schon überlegte, ob er nicht besser ins Bett zurückkehrte, tauchten die drei wieder auf und schleppten eine Leiter. Die legten sie an, und der Mann mit dem Gewehr kletterte bedächtig hinauf und spähte erst einmal auf das dunkle Gelände der ehemaligen Schmelze.

Er winkte, Cannon stieg zu ihm hinauf.

Der dritte Mann blieb zurück. Er half, unten an der Leiter zu schieben, an der die zwei oben zogen.

Keine Frage, sie hatten keine Lust, von dort oben in die Finsternis hinabzuspringen, sondern wollten gemütlich mit der Leiter den Abstieg bewerkstelligen.

Die Leiter verschwand, und dann waren auch die zwei Männer in der Bresche fort.

Immer noch tönten die Schläge aus dem seltsamen Haus.

Hinter der Mauer stürzte plötzlich mit Getöse ein angelehntes Brett um, Cannon fluchte mit schmerzerfüllter Stimme, und schlagartig verstummte das Klopfen.

Der dritte Mann unter der Bresche gab Fersengeld und verschwand von der Straße. Die Eile, die er zeigte, ließ Allison innerlich lachen. Der Mann hielt das alles für nicht geheuer.

Ein vernehmliches Quietschen zeigte an, dass irgendwo ein Fenster hochgeschoben wurde.

Aus einem Haus dröhnten Schritte.

Der Aufruhr auf dem Gelände der Schmelze fand Beachtung, und nun wagten sich offensichtlich ein paar besonders mutige Leute auf die Straße.

Allisons Standort war nicht mehr sicher. Er wechselte unbemerkt in den Schatten eines einstöckigen Hauses, wo er Cannons Etablissement näher war und erforderlichenfalls dorthin zurückkehren konnte.

Vier Männer und eine Frau überquerten jetzt die Straße und blieben unter der Bresche in der Mauer stehen.

Noch einmal war Cannons Stimme zu hören.

Nach einiger Zeit sah Allison, dass der Salooninhaber und der auf seine Wölfe wartende Mann mit Hilfe der Leiter von ihrem Ausflug auf die Straße zurückkehrten. Eine Unterhaltung kam dort in Gang.

Die wenigen Worte, die der Marshal verstand, ergaben keinen vernünftigen Sinn außer dem, dass in dem alten Schmelzgebäude jemand sein Unwesen trieb, der der Stadt und den Bewohnern nicht wohlgesonnen war.

Damit hatte Allison endlich auch eine befiedigende Antwort auf die Frage, ob der nächtliche Klopfer ein Partner von Cannon und der anderen Leute war. Er war es nicht.

Der sanfte Verdacht, den er hegte, dass nämlich die etwas unheimlichen Vorgänge einzig zu dem Zweck inszeniert wurden, um ihm den Aufenthalt in Golden Hill zu verleiden, war damit auch ausgeräumt.

Hätte es sich nähmlich so verhalten, dann wären die Leute samt Cannon schön in den Betten geblieben.

Immer mehr Leute gesellten sich zu der Gruppe vor der Mauer. Jemand trug eine Lampe herbei.

In ihrem recht dürftigen Licht sah Allison, dass Cannon sich am linken Bein verletzt hatte. Jedenfalls untersuchte er dieses unter Anteilnahme der Zuschauer.

Nach geraumer Zeit wagte die nun sehr verstärkte Gruppe einen neuerlichen Vorstoß auf das Gelände der Schmelze. Vernünftigerweise diesmal durch das Tor, das mit einem alten Gitter versperrt war.

Das war die Gelegenheit, auf die Allison gewartet hatte.

Er folgte in einigem Abstand den Bewohnern, die Mühe hatten, das Gittertor zu öffnen. Jahrelang schien es nicht bewegt worden zu sein.

Als Allison sich listig an die Gruppe anschloss, sah er, dass sich hinter dem Tor Unrat angesammelt hatte, auf dem sogar kleine Bäume wurzelten.

Die Lampe wurde an der Spitze getragen, hinten war es so dunkel, dass Allison eine Entdeckung nicht fürchtete.

Zielstrebig ging es dem seltsamen Haus zu.

Es war noch leidlich intakt, soweit feststellbar. Jedenfalls waren die Fenster heil, und auch das Dach war nicht eingesunken. Wie die Mauer war es aus Steinen errichtet, eine echte Seltenheit in dieser Gegend.

Allison schätzte, dass es sich um das ehemalige Verwaltungsgebäude handelte. Wie üblich, hatte wohl der Verwalter mit seiner Familie oben gewohnt.

Die Tür setzte dem Vordringen der Gruppe ein unverhofftes Ende. Sie war verschlossen. Vor der Tür wuchsen ebenfalls schon kleine Bäume. Allison drängte sich etwas vor. So sah er, dass ein Mann, der sich aufs Fährtenlesen verstand, immer wieder den Boden vor der Tür ableuchtete und dann verwundert meinte: „Ihr könnt mich meinetwegen hängen, aber hier ist in Jahren kein Mensch gegangen!“

Seine kühne Behauptung löste große Unruhe aus. Bis Cannon den Befehl übernahm.

Zwei Männer mussten das nächste Fenster eindrücken, mit der Lampe einsteigen und drinnen nach dem Rechten sehen.

Es dauerte. Endlich kreischten aber schwere Riegel, die Tür wurde nach innen gezogen, und Lichtschein fiel heraus.

„Und?“, fragte Cannon grimmig.

Einer der Männer kratzte sich am Kopf und brachte sein Unbehagen zum Ausdruck: „Also mit der Tür ist nichts, Charly, das schwöre ich. Da war alles voller Spinnweben.“

Die Sache kam nun auch dem Marshal nicht mehr sehr geheuer vor.

Er hatte ganz deutlich das Klopfen gehört, und auch die hier versammelten Leute hatten es vernommen.

Der seltsame Besucher des Hauses war jedoch nicht durch die Tür gegangen!

Vielleicht dann durch ein Fenster.

Das vermutete auch Charly Cannon. Jedenfalls drangen er und drei Männer in das Gebäude ein. Die anderen verspürten keine Lust, ihnen zu folgen.

Überhaupt gewann Allison den Eindruck, dass sie viel lieber verschwunden wären. Nur die Aussicht, als Feigling verlacht zu werden, ließ sie ausharren.

Lautes Rumoren drang aus dem Haus.

Die Suche schien nicht das zu erbringen, was Cannon sich erhoffte. Mit Getöse und lautem Tappen erstieg die kleine Gruppe das nächste Stockwerk. Allison wäre gerne dabeigewesen, er war jedoch sicher, dass die Leute ihr Unternehmen sofort abbrachen, wenn sie ihn bemerkten.

Also harrte er vor der Tür bei den anderen aus, sperrte die Ohren auf und hoffte auf einige Anhaltspunkte, die Licht in diese mysteriöse Geschichte brachten.

Die Leute schwiegen beharrlich; sie lauschten dem Tappen im Haus.

Jeder schien etwas zu wissen, aber nicht darüber sprechen zu wollen. Zumindest war das Allisons Eindruck.

Nach zehn Minuten kehrte Charly Cannon mit seiner Truppe zurück. Mit Verwunderung sah der Marshal, dass sie alle ziemlich blass und angegriffen aussahen.

„Nichts!“, murmelte Cannon und räusperte sich die Kehle frei. „Die Fenster sind mit Spinnweben zugehangen, die sind seit damals nicht geöffnet worden. Es war aber jemand drin. Im Staub auf den Böden sind Fußspuren!“

Jemand ächzte vernehmlich, und ganz hinten sagte ein Mann mit zittriger Stimme: „Es musste ja mal so kommen. Jetzt geht’s uns an den Kragen!“

„Halt bloß das Maul, Sutton!“, sagte Cannon gereizt. „Oder ich gebe dir was drauf! Jemand hält uns zum Narren, das ist das ganze Geheimnis.“

Darüber dachten sie gründlich nach. Einer meinte: „Etwa der Kerl, der bei dir wohnt?“

„Ja, was will er hier?“, sagte ein anderer erbost.

Cannon war sich seiner Sache auch nicht sicher. „Hat er mir nicht auf die Nase gebunden, aber er hat gleich bezahlt, und deshalb denke ich, dass er bald wieder fortreitet. Allison heißt er. Kennt den einer zufällig?“

Allison hielt den Atem an. Er kam viel herum. Schon möglich, dass sich jetzt jemand daran erinnerte, ihm anderswo mal begegnet zu sein.

Er zog sich den Hut noch tiefer ins Gesicht und mied das spärliche Lampenlicht, das bis nach hinten reichte, wenn sich jemand unruhig bewegte.

Wie es aussah, war er den Leuten nicht bekannt. Das war immerhin schon etwas.

„Und wo ist er jetzt?“, wurde Cannon bissig gefragt.

„Wo schon? Im Bett natürlich“, gab Cannon zurück. Sanfte Zweifel schien er jedoch selber zu haben.

„Dann sieh lieber mal nach“, empfahl ein Mann; er hatte eine grobe Stimme.

„Ja, verdammt, und wie hätte er dann ins Haus reinkommen sollen?“, fragte Cannon.

Den Leuten wurde es wieder unheimlich; eine Antwort wussten sie auch nicht.

Darin unterschieden sie sich nicht von Allison.

Der überlegte auch eifrig, wie so etwas möglich war. Wo doch die Tür fest verschlossen und ebenso wie die Fenster innen mit alten Spinnweben zugehangen gewesen war.

„Das hat alles keinen Sinn“, meinte Cannon, „wir müssen uns bei Tageslicht drum kümmern.“

Damit gab er das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Allison fiel die Eile auf, mit der die Leute diesen Ort verließen.

Golden Hill bewahrte ein Geheimnis, davon war er mehr denn je überzeugt. Auch gingen ihm die Worte des einen Mannes nicht aus dem Ohr, der gesagt hatte, es müsste ja mal so kommen, und nun ginge es den Leuten an den Kragen.

Die Einwohner hatten vor etwas Angst.

Und das nicht ohne Grund.

 

*

 

In der allgemeinen Aufbruchstimmung gelang es Allison, draußen unbemerkt in den tiefen Nachtschatten zu verschwinden.

Er beeilte sich, zum Hotel zurückzukommen, bevor es Cannon einfiel, an seine Zimmertür zu klopfen. Der Mann sollte keinen Verdacht fassen, dass sein Gast vielleicht gar nicht im Bett war.

Allison versetzte dem Krampen noch einen Faustschlag, damit er Cannon nicht gleich vor die Füße fiel, wenn er hereinkam und die Hintertür abriegelte.

Im Gang zog er die Stiefel aus und gelangte auf Socken in sein Zimmer.

Durchs Fenster sah er eine Gruppe unten auf der Straße herankommen. Die Männer blieben stehen und starrten herauf.

Und schon hörte Allison auch jemand die Treppe heraufsteigen, nicht gerade leise und rücksichtsvoll. Cannon schien die ungestörte Nachtruhe seiner Gäste weniger wichtig zu sein als die Aufklärung der Vorgänge nebenan.

Allison legte sich ins Bett und wartete.

Die Schritte verstummten vor seiner Tür.

Da er wohlweislich abgeriegelt hatte, konnte niemand ohne weiteres eintreten.

Cannon war unschlüssig. Er bewegte sich unruhig.

Schließlich klopfte er an, erst verhalten, dann energischer und fordernd.

Ächzend wälzte sich Allison herum, gähnte herzhaft und laut und knurrte möglichst verschlafen: „Ist da jemand?“

„Mister Allison?“, sagte Cannon. „Ist bei Ihnen alles in Ordnung? Ich hörte etwas und war in Sorge.“

„Sind Sie noch bei Trost?“, knurrte Allison. „Wie spät ist es? Mann, draußen ist es noch finster! Verschwinden Sie! Bei mir ist alles in Ordnung.“

Er setzte einen kräftigen Fluch drauf.

Charly Cannon ging von der Tür fort und polterte die Treppe hinunter.

Sofort war Allison wieder aus dem Bett und beobachtete, wie der Wirt zu der Gruppe auf der Straße trat.

Die Leute gingen auseinander, Cannon kam ins Haus zurück.

Allison lauschte, ob der Krampen fiel. Er hielt.

Wenn er auch nicht hinter das Geheimnis von Golden Hill kam, etwas hatte die Nacht doch erbracht - es ereigneten sich Dinge, die den Bewohnern entschieden gegen den Strich gingen. Und die Leute hatten keinen Grund, misstrauisch gegen ihn zu sein.

Er hörte Cannon noch eine Weile hantieren. Schließlich kam er unten durch den Spielsaal, die Tür zu seinem Zimmer schlug zu. Dann herrschte Ruhe im Haus.

Nach zehn Minuten jedoch war es Allison, als hörte er draußen ein Rauschen oder Knistern. Genau vor seiner Tür auf dem Flur.

So leise, wie es das knarrende eiserne Bettgestell eben zuließ, bewegte er sich zur Tür.

Er wollte schwören, dass eben jemand vorbeigeschlichen war, der wenig Wert darauf legte, gehört zu werden.

Und tatsächlich klappte auch hinten auf dem Flur leise eine Tür.

Er zog sachte den Riegel zurück und streckte den Kopf auf den finsteren Flur.

Schwer zu sagen, wer im Hotel herumgegeistert war und hinter welcher Tür der Gast sich nun befand. Lichtschein fiel jedenfalls unter keiner Tür her.

Allison wusste nicht einmal, wer alles hier oben wohnte und wie viele Gäste.

Einen Augenblick kam ihm sogar in den Sinn, dass Cannon auf verbotenen Pfaden wandelte und der Spielerin jetzt einen Besuch machte.

Das konnte er sich allerdings kaum vorstellen. Die Frau litt doch nicht an Geschmacksverirrung!

Weniger aus Neugierde und mehr aus Interesse an den seltsamen Geschehnissen wartete er noch eine Weile an der offenen Tür.

Nichts rührte sich mehr.

Kopfschüttelnd schob Allison den Riegel wieder vor. So seltsam diese Stadt war, so merkwürdig war auch dieses Haus von Cannon es war Hotel, Speisehaus und Spielhalle, alles gleichzeitig. Dazu schien es der bevorzugte Aufenthaltsort der Einwohner zu sein, wenn sie sich abends amüsieren wollten.

Es sprach für Cannons geschäftstüchtige Umsicht, dass er seinem Etablissement auch den Mietstall angegliedert hatte. Jedenfalls hatte er Allison gegenüber so getan, als gäbe es einen Mietstall.

Derzeit stand aber nur ein Pferd drin King, der Mustanghengst des Marshals.

Ein paar Nebensächlichkeiten waren Allison da schon aufgefallen. Zum Beispiel hätte überall auf den Boxen Staub gelegen. Dann war das Stroh uralt, und Hafer hatte Cannon erst beschaffen müssen.

Auf durchreisende Gäste jedenfalls war man nicht eingerichtet. Golden Hill lag ja auch abseits der großen Durchgangs- und Überlandwege. Nicht einmal mehr eine Kutschenlinie wurde betrieben.

Das war auch so ein Punkt, der Allison stutzig machte.

Wie war Laura Kimball in die Stadt gekommen?

Doch sicher nicht auf dem Rücken eines Pferdes. Frauen ihres Kalibers waren es gewöhnt, gewisse Ansprüche zu stellen und ein Mindestmaß an Bequemlichkeit zu verlangen.

Darüber dachte er noch lange nach, bis ihm schließlich wieder die Augen zufielen und er seinen unterbrochenen Schlaf fortsetzte.

Als er erwachte, schien draußen bereits die Sonne.

 

*

 

Cannon trug das Frühstück auf und blickte misstrauisch wie ein Maultier, das die Witterung von Wölfen in der Nase hat.

Allison knurrte ihn seinerseits wegen der unhöflichen Störung mitten in der Nacht an und verbat sich solche Scherze.

Cannon gebrauchte noch einmal die lahme Ausrede, es sei die Sorge um das Wohlbefinden des Gastes gewesen, die ihn aus dem Bett getrieben hätte, schließlich habe er oben etwas gehört.

Demnach schlief Cannon unten; das hatte Allison in der Nacht an der zuklappenden Tür gehört.

Er ließ sich Zeit mit dem Frühstück und hoffte, die anderen Gäste zu Gesicht zu bekommen.

Die Spielerin schien sich den Tag anders eingeteilt zu haben und zeigte sich nicht. Ebenso vergeblich wartete er auch auf die Leute, die noch oben wohnten.

„Sie haben doch noch andere Gäste“, kam Allison noch einmal auf das leidige Thema der nächtlichen Störung zurück, als Cannon aus der Küche trat. „Vielleicht ist von denen einer aus dem Bett gefallen. Haben Sie die mal gefragt?“

„Da war nichts“, sagte Cannon. Das war faustdick gelogen, denn Allison hatte gehört, dass Cannon nur bei ihm angeklopft hatte.

„Wo sind die überhaupt?“

„Sind in aller Frühe fort“, meinte Cannon unwirsch. „Ich kümmere mich nicht darum, was meine Gäste treiben.“

Allison bestrich den Pfannkuchen reichlich mit Ahornsirup.

Wenn ihm Cannon nicht schon wieder einen Bären aufband, dann waren die Leute nicht weit weggegangen. So ganz ohne Pferd war man in der Umgebung von Golden Hill aufgeschmissen. Und Pferde standen nicht im Stall.

Immerhin leugnete Cannon nicht, dass er Gäste hatte.

Allison drehte sich eine Zigarette und blickte dem Rauch nach.

„Mit der Stadt geht’s bergab“, meinte er, als Cannon das Geschirr wegholte. „Häuser fallen nach und nach zusammen. Ist nichts mehr zu holen?“

Cannon setzte das Geschirr auf dem Nebentisch ab und band die Schürze fester. „Seit zwanzig Jahren nicht mehr. Zwischendurch sah’s mal so aus, als würde die Stadt wieder aufblühen. Es war nur eine kleine vergessene Ader. Einer von den alten Prospektoren hat sie ausgebeutet und ist mit drei Pfund Gold zu seinen Leuten heimgekehrt. Ein paar von den alten Burschen hoffen immer noch auf ein Wunder. Sie sind einfach dageblieben.“

„Sie hoffen auch, was?“

Cannon dachte nach. „Wer tut das nicht? Manchmal packt’s uns, dann klappern wir die alten Claims und Stollen ab. Ich kam her, als die Stadt ein paar tausend Einwohner zählte und rund um die Uhr eine brüllende Hölle voller Staub, Gestank und Dreck war. Es ging mir gut, ich habe damals viel Geld gemacht. Dann war der Rummel zu Ende, und ich bin einfach geblieben. Wie viele andere. Wenn man bescheiden lebt, ist es zum Aushalten.“

Er stritt auch gar nicht ab, dass eine Menge Leute hier lebten.

Allison gestattete sich ein leises Verwundern. Entweder hatten jene anderen, abgesehen von den sieben steuerzahlenden Bewohnern, fröhlich in den Tag hinein gelebt und der Ansicht gehuldigt, das Geld könnten sie auch für nützlichere Dinge ausgeben, als es ausgerechnet zur County-Verwaltung zu schicken, oder die Schreiber vom County waren saumselige Schlafmützen und hatten irgendwann etwas verbummelt.

Er wollte es jedoch ziemlich genau wissen. „Hier leben doch keine hundert Leute mehr, was ich gestern so gesehen habe“, erwiderte er etwas herausfordernd auf Cannons Erklärung.

„Ein paar mehr sind’s schon, denke ich“, meinte der Wirt. „Und oben in den Hügeln, ein, zwei Tagesritte entfernt, treiben sich auch welche herum. Manchmal sehe ich sie zwei Jahre lang nicht und denke schon, dass sie tot sind. Aber dann kommen sie unvermutet herunter.“

Allison blickte aus dem Fenster. „Und wovon leben die inzwischen?

Mit der Jagd wird es kaum noch weit her sein, das ist immer so mit solchen Städten.“

Cannon seufzte. „Es ist damals so ziemlich alles weggeschossen worden, was in einen Kochtopf zu stecken war. Schätze, die Leute besorgen sich den Proviant von außerhalb. Außerdem gibt es reisende Händler.“

Er war viel versöhnlicher und mitteilsamer als am Abend. Allison wollte ihn bei Laune halten und nickte zu den Worten. „Ja, die kommen weit herum. Das Frühstück hat mir gefallen. Ich denke, ich bleibe einige Tage.“

Damit stand er auf.

Cannon starrte ihn verblüfft an. Offensichtlich hatte er etwas anderes erwartet.

Leise pfeifend ging Allison hinaus. Zur Vordertür. Mit den Händen in den Hosentaschen trottete er in den Hof und betrat den Stall.

King hatte das muffige Stroh aus der Box gefeuert und blickte sehr vorwurfsvoll.

„Na ja, ein Quartier erster Klasse habe ich ja auch nicht erwartet“, sagte Allison zu ihm und klopfte ihm den Hals. „Wir sehen uns heute mal etwas die Gegend an.“

Er holte einen Eimer Wasser und tränkte den Mustanghengst. Dann füllte er den Scheffel an der Haferkiste, als er sah, dass King kein Korn Futter mehr in der Rinne hatte.

Vielleicht hatten den Rest auch Mäuse stibitzt und sich mal endlich eine fröhliche Nacht gemacht.

Das Stalltor hatte der Marshal weit offen gelassen. Während er sich mit seinem Hengst beschäftigte und mit ihm sprach, blickte er mehrmals hinaus. Er konnte einen Teil der Rückfront des Hotels sehen und die Hofausfahrt mit einem Ausschnitt der Straße.

Cannon trieb sich am Küchenfenster herum und zeigte große Neugierde. Wenig später blieb der verhinderte Wolfsjäger in der Hofeinfahrt stehen und spähte hinein.

Es dämmerte ihm schließlich, dass er sich sehr auffällig benahm. Also trottete er davon.

Allison war überzeugt, dass er irgendwo Posten bezog, von wo aus er die kommenden Dinge beobachten konnte.

Jedenfalls brachten sie ihm ein großes Maß an Aufmerksamkeit entgegen, und er konnte nicht behaupten, dass ihn das freute.

Nach einer halben Stunde hatte er King gestriegelt. Der Bursche war satt und blies in die Rinne und hatte seinen Spaß daran, wie die Haferkörner herausflogen.

Allison sattelte ihn, führte ihn in den Hof und saß auf.

Cannon zuckte vom Küchenfenster weg, als hätte ihn der feine Sprühstrahl eines Stinktieres getroffen. Jenseits der Straße schloss jemand in großer Eile die Haustür.

„Zuschauer haben wir jedenfalls genug“, sagte Allison zu seinem Hengst. Er ließ ihn leicht antraben und ritt hinaus auf die Straße.

Der nächtliche Wolfsjäger verschwand um die nächste Hausecke. Eine Frau, die eben ihr Haus verlassen wollte, besann sich anders und kehrte um.

 

*

 

Allison ritt die Straße nach Norden, die er in der Nacht schon auf der Suche nach Rufus Buck und dem Galgenbaum genommen hatte.

Jetzt, da die Sonne unbarmherzig ihr Licht auf die Stadt warf, war erst die ganze Hinfälligkeit und Hässlichkeit von Golden Hill zu sehen.

Längst war die letzte Farbe von den Holzhäusern geblättert. Wind und Wetter hatten ein stumpfes Grau hinterlassen.

Am besten erhalten waren immer noch die Häuser und Hütten entlang der Straße. Sie standen jedenfalls noch. Im Hinterland waren sie teilweise umgesunken. Oder man hatte sie umgeworfen und die besten Balken herausgezogen, um anderswo Reparaturen ausführen zu können.

Das Claimfeld, auf das der Marshal in der Nacht so nachdrücklich hingewiesen wurde, war eine trostlose Wüstenei mit ein paar Abfallhaufen neueren Datums dazwischen. Da und dort machten sich kümmerliche Büsche bemerkbar, und auf den Schuttbergen wuchs etwas Indianerhanf.

Gearbeitet wurde nicht. Soweit Allison sehen konnte, lag auch nirgendwo altes Werkzeug herum. Neue Gruben waren nicht ausgehoben.

Er ritt durch das Claimfeld und blickte rechts und links in die Hügel. Andernorts hätten die Leute sicher stolz behauptet, es seien schon kleine Berge. Hier oben wurde auch noch eine vierhundert Fuß hohe Erhebung als Hügel bezeichnet.

Da und dort erkannte der Marshal alte Wege und Schlepprinnen, auf denen man das Erz zu Tal gebracht hatte. Die Hügelflanken waren umgewühlt und narbig. Manchmal klaffte noch der Eingang eines besonders gut abgestützten Stollens schwarz und verloren. Andere Eingänge waren zusammengestürzt, ein Trichter markierte die Stelle.

Als Golden Hill noch florierte, musste es ringsum auf den Hügeln zugegangen sein wie auf einem Ameisenhaufen.

Ein Baum, unter dem sich Allison einen Galgenbaum vorstellte, war weder nach Norden, noch auf den Hügeln oder zwischen den Schuttbergen am Talrand zu sehen.

Vielleicht versteckt zwischen den Häusern?

Er ritt hinten herum und kam so näher an jenen Hang heran, auf dem er in der Nacht das Licht bemerkt hatte.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936261
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v513232
Schlagworte
texas mustang galgenbaum golden hill

Autor

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Titel: Texas Mustang #27: Der Galgenbaum von Golden Hill