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Ballett der Roboter

2020 183 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ballett der Roboter

Copyright

Prolog

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Ballett der Roboter

Utopischer Roman von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 183 Taschenbuchseiten.

 

Friede herrscht seit einiger Zeit im tellurischen Raum. Auf einem Kongress, auf dem Tellurer und Prokas gleichberechtigte Partner waren, wurde beschlossen, in gemeinsamer Arbeit die „weißen Flecken“ in der Milchstraße zu erforschen und für die Zivilisation zu erschließen.

Captain Perry Barnett, Captain der CORA, befindet sich mit seinen Leuten und zwei Wissenschaftlern der Prokas auf einer Expedition im freien Raum. Lange geschieht nichts – bis sie geheimnisvollen Schwärmen unbekannter Intelligenzen begegnen, die die Tellurer in eine Falle locken.

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: A. J. Stark

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

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Prolog

Auszug aus den Annalen des Keth-Darg:

„Nach Beendigung des Galaktischen Krieges (12.348 bis 13.268) folgte eine Zeit kultureller Blüte, die sich nur aus der gegenseitigen geistigen Befruchtung der ehemals feindlichen Rassen erklären lässt. Die Verschiedenartigkeit der Lebensgewohnheiten beider Intelligenzen überrascht nicht, wenn man die Gestalt eines Menschen mit der eines Prokas vergleicht.

Der Mensch: aufrecht gehend, charakteristisch sein symmetrischer Bau. Zwei Arme, zwei Beine.

Der Proka: kugelförmig, mit annähernd transparenter, nackter Haut. Mit drei Tentakeln ausgestattet, die je nach Bedarf als Arme oder Beine benutzt wurden. Achtzehn Finger – an jeder Hand sechs …

Der Austausch wesentlicher Erkenntnisse war ein Sieg der Vernunft, denn Soziologen hatten erhebliche Schwierigkeiten vorausgesagt, da Kugel- und Stabmenschen zu verschieden voneinander waren. Psychologen dagegen hatten die artverwandte Mentalität beider Rassen zu erkennen vorgegeben und mit ihrer optimistischeren Prognose recht behalten.

Der 1. Galaktographische Kongress (13.274) brachte wesentliche Erkenntnisse über die Erforschung der Milchstraße. Es war ein recht betrübliches Ergebnis, denn Menschen und Prokas mussten gemeinsam feststellen, dass mehr als 60 Prozent der gesamten Galaxis noch als unerforscht zu gelten hatten. Den bescheidenen und kleinlauten Veröffentlichungen der Galaktographen folgte wiederum eine optimistische Kampagne der Psychologen, denn aus der neuen gemeinsamen Forschungsaufgabe leiteten sie die Wahrscheinlichkeit für eine friedliche Zusammenarbeit ab. Die „weißen Flecken auf der Landkarte“ der Milchstraße sollten das Ventil für Zeitgenossen werden, deren Vitalität nach männlicher Beschäftigung drängte.

Eine historisch belegte Expedition in den F-Arm der spiralförmigen Galaxis unternahm im Jahre 13.275 Captain Perry Barnett mit seinem Legende gewordenen Raumschiff CORA!“

 

 

1

Durch die CORA dröhnte das Summen der Materie-Warnanlage. In allen Bäumen flammten die gelben Alarmlampen in Abständen von fünf Sekunden auf.

Sekunden später flogen fast alle Türen des schmalen Mittelgangs gleichzeitig auf. Schwere Stiefel traktierten den Fußboden. Das Ziel der aus der Ruhe gerissenen Männer war die Kommandobrücke.

Captain Barnett traf als erster ein. Er hatte den kürzesten Weg.

Ihn empfing die Leere der Maschinenzentrale, in der über viele Lichtjahre hinweg lediglich der Autopilot regiert hatte. Ihn empfing das noch intensiver anschwellende Konzert der Sirenen und das Kaleidoskop bunt zuckender Kontrolllampen.

Auf einer Skala des Zentral-Armaturenbrettes wanderte eine rote Marke langsam nach links. Auf dem Hauptbildschirm spielte die Markierung des Leitstrahls der Radaranlage. Bei jedem Intervall wurde die Reproduktion des automatisch angepeilten Gegenstandes sichtbar.

Barnetts Blick flog in gewohnter Weise über alle wichtigen Kontrollstellen. Er ging jetzt langsamer. Die Pilotautomatik sorgte nicht nur bei gefahrloser Marschfahrt für eine reisegerechte Navigation, sondern sie reagierte auch an Gefahrenpunkten. Der Mensch ließ sich nur alarmieren, weil eine Kollision mit fremden Weltkörpern manchmal doch die verzwicktesten Situationen heraufbeschwor. Dann war es besser, er entschied selbst über sein Schicksal.

Im Augenblick herrschte nicht die geringste Erregung.

Die Männer betraten nacheinander die Zentrale und begaben sich schweigend auf ihre Plätze. Nach Barnetts Aufforderung gaben sie ihre Klarmeldungen ab.

„Alle Mann auf Gefechtsstation!“, murmelte der 1. Offizier James Lisman halblaut, und man hörte seiner Stimme an, dass er den ganzen Vorfall als eine langweilige Routineangelegenheit betrachtete. Sein desinteressierter Blick verriet höchstens Ärger über den Mangel an wirklichen Abenteuern.

Der Captain schaltete die Alarmvorrichtung ab, nachdem er jedes Besatzungsmitglied auf seinem Platz wusste.

Die rote Marke war zum Stillstand gekommen. Das hieß: die Automatik hatte ihre Ausweichmanöver beendet, und der neue Kurs ließ keine unmittelbare Gefahr erwarten.

„Alles okay!“, erklärte Captain Barnett.

Bis dahin hatte die ganze Episode drei Minuten gedauert.

„Und deswegen holt man uns aus den Betten!“, beschwerte sich der 1. Maschinist Perkins. „Der Bolidenschwarm steht bereits sieben Millionen Kilometer achteraus.“

„Du Schlafmütze hättest Karten spielen sollen“, erwiderte Lisman. „Dann wäre dir das nicht passiert.“

„Alarm beendet!“, verkündete Captain Barnett. „Sie können wieder in Ihre Kabinen gehen, meine Herren.“

„Aye, aye, Sir“, sagte einer von den Neuen. „Okay!“, sagten die Alten und verließen wieder ihre Plätze.

„Und du kannst dich wieder aufs Ohr legen, falls dir ein Spielchen mit uns nicht standesgemäß erscheint“, stichelte Lisman den Maschinisten Perkins auf.

Perry Barnett nahm die Aufnahmen, die die Automatik während des Alarms gemacht hatte, und legte sie achtlos in die Robot-Registratur, wo sie unter dem Datum des heutigen Tages aufbewahrt werden würden. Auch der Captain wollte sich zum Gehen anschicken, zögerte aber, als er den prokaskischen Wissenschaftler Iks-Wol-Esak noch auf seinem erhöhten Spezialstuhl hocken sah.

Das Kugelwesen war mit seinem Kameraden Nam-Legak bereits seit Jahren Mitglied der tellurischen CORA-Besatzung. Schon als die Menschen und Prokas noch Gegner gewesen waren, hatte Barnett sie kennengelernt. Inzwischen war eine Reise der CORA ohne die Begleitung der beiden Prokas überhaupt nicht mehr denkbar.

„Hallo, Iks! Willst du hier anwachsen?“

„Durchaus nicht. Ich denke vielmehr, das soeben erhaltene Material auszuwerten …“

„Hmm?“ Barnett schob den Kopf soweit vor, wie es sein Hals erlaubte, ohne dass er sich von der Stelle rührte. Seine unartikulierte Frage sollte gütig besorgt klingen. Als der Proka ernsthaft mit seinem mittleren Greifarm bejahte, fügte Barnett hinzu: „Ich höre immer Material?“

„Eben“, machte der Kugelmann in der humorlosen Art seiner Rasse. „Du hast es gerade in den Registratur-Robot gelegt. Wir haben gestern bereits die Grenze des erforschten galaktischen Gebietes erreicht. Inzwischen befinden wir uns tief in unerforschten Regionen …“

„Und das berechtigt dich zu der Annahme, Bolidenschwärme seien hier weniger prosaisch als bei euch und uns. Als ernsthafter Wissenschaftler solltest du wissen, dass 2 mal 2 überall 4 ist.“

„Ich bezweifle nicht den natürlichen Charakter des Bolidenschwarmes, Captain. Doch ich erinnere dich daran, dass du mich verpflichtet hast, pedantisch zu sein. Ihr tellurischen Intuitionsgenies beschwert euch täglich über die langweilige Reise. Jetzt plötzlich gibt es etwas Abwechslung, und euch fällt trotzdem nichts Besseres ein, als weiter Karten zu spielen. Ich halte es dagegen für notwendig, jede Kleinigkeit zu beachten.“

„Na schön, mein Pedant! Sehen wir uns an, was die Kameras geschossen haben. Es wird deinem wissenschaftlichen Gewissen guttun.“ Barnett drückte zwei Knöpfe und nach einer kurzen Pause einen dritten. Die Registratur gab die Aufnahmen heraus und teilte jede der Folien in zwei Blätter. Eines davon wanderte vor eine erleuchtete Milchglasscheibe, das andere verschwand wieder in einem Schlitz.

„Zunächst die Bildblätter! Bitte, bemühe dich hier herüber, Iks! Ich glaube, diese drei sind wohl am deutlichsten geraten, soweit man überhaupt von Deutlichkeit sprechen kann.“

„Ich gebe zu, dass wenig zu sehen ist“, räumte der Proka ein. „Es sind kalte Körper, und es gab kaum Licht, das sie hätten reflektieren können. Hast du die Vergrößerungskapazität voll ausgenutzt?“

Barnett nickte. „Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen.“

„Lass nur! Ich bin kein Mensch, der sich gleich bei jeder unbequemen Kleinigkeit persönlich

gekränkt fühlt. Außerdem haben wir noch das Spektrogramm und die Physiometertafel auszuwerten. Sie sind oft aufschlussreicher als der optische Test.“

Gelangweilt nahm Barnett eine weitere Schaltung vor. Das Spektrogramm war miserabel, und er machte wiederum eine entsprechende Bemerkung. Bei der Physiometertafel stutzte er jedoch und enthielt sich vorerst eines Kommentars. Stattdessen kratzte er sich am Kopf und ging näher an das Gerät heran.

„Nun?“, fragte Iks-Wol-Esak gedehnt.

„Eine verblüffende Regelmäßigkeit in den Maßen der einzelnen Körper. In der Tat ein interessantes Novum. Andererseits dürfte die Ungenauigkeit der Messungen …“

„Du bist ein unverbesserlicher Ignorant“, unterbrach der Proka und legte sogar Leidenschaft in seine Bemerkung, was höchst selten geschah. „Seit wann messen eure tellurischen Geräte ungenau? Diese Physiogramme wurden aus fünf Millionen Kilometer Entfernung gemacht. Auf diese Distanz bestimme ich dir die Länge deiner Barthaare … Sieh doch endlich einmal richtig hin! Die gleichen Maße, die gleichen Formen. Masse, Volumen, Ausdehnung in Länge, Breite und Höhe …“

„Zum Teufel, Iks“, schimpfte Barnett. „Ich kenne diesen Trick, seit ich das erste Raumschiff flog. Aber das hier sind nach elektronischer Zählung zwölftausendsiebenhundertunddreißig einzelne Körper. Soll ich dir vielleicht glauben, es handelt sich um eine Raumschiffsflotte? Wenn es so etwas in der unerforschten Galaxis gäbe, dann hätten diese Brüder nämlich uns längst erforscht.“

„Man kann es ohne Weiteres natürlich nicht gut definieren“, behielt sich der Proka eine klare Antwort vor. „Die Regelmäßigkeit der Körper spricht für diese Annahme, ihre geringe Größe aber spricht dagegen.“

„Eben! Es müssten Raumschiffe von jeweils 3,44 Meter Länge sein. Also bestenfalls Beiboote. Wo befindet sich nun das Mutterschiff?“

„Wir wollen nicht ins Blaue hinein raten“, sagte Iks-Wol-Esak belehrend, ohne dass es bevormundend klang. „Das Physiogramm sagt uns alles.“

„Alles?“

„Fast alles. Vorläufig streikt es jedenfalls nicht.“

Sie fanden heraus, dass der riesenhafte Schwarm seltsamer „Gegenstände“ aus teilweise organischen Stoffen bestand.

„Leben?“, fragte Barnett knapp.

„Leben schon“, nickte der Proka mit seinem halslosen Kopf, indem er mühsam seinen ganzen Kugelkörper in Bewegung setzte. „Aber welche Stufe? Viren und Amöben wären wenig aufregend.“

„Du erwartest aber etwas Aufregendes, nicht wahr?“

„Ich habe etwas gespürt, was mich, stutzen ließ.“

„Also daher deine Hartnäckigkeit. Was ist es?“

„Ich kann es nicht sagen. Fünf Millionen Kilometer sind eine große Entfernung.“

„Du hättest deine Existenzpost einsetzen sollen.“

Das von Barnett erwähnte Gerät war eine Erfindung Iks-Wol-Esaks und vor acht Jahren gegen Ende des Galaktischen Krieges zum ersten Mal eingesetzt worden. Man konnte damit auf dem Umweg über die fünfte Dimension einen Menschen oder eine Sache mehrere Millionen Kilometer weit teleportieren, ohne dass für die eigene vierdimensionale Ebene ein Zeitverlust eintrat. Doch auch dieser Apparat hatte seine Grenzen.

„Inzwischen ist die Distanz zu groß“, erklärte der Proka. „Bleiben wir bei dem, was wir haben!“

Das Physiogramm war so weit ausgearbeitet, wie es nach menschlichem Ermessen einen Sinn hatte. Der Proka als natürlicher Telepath ging noch einen Schritt weiter.

„Noch die Emissionsprobe“, sagte er.

Barnett spielte den Fatalisten. „Wie du willst! Vielleicht hat der Bolidenschwarm einen Funkspruch abgesetzt, nicht wahr?“

Völlig ernst stellte Iks fest, dass das durchaus im Bereich des Möglichen läge. Die Messnadel glitt jedoch rasend schnell über das Radiofenster des elektromagnetischen Spektrums hinweg, dass beide sofort die Hoffnung auf eine Funkpeilung aufgaben. Als die Nadel jedoch anhielt, ließ Barnett ein überraschtes Stöhnen hören.

„Der telepathische Frequenzbereich. Hast du das gemeint?“

Er griff automatisch nach seinem Telepathie-Relais, das er früher des Öfteren zur Verständigung mit den Kugelwesen benutzt hatte, als der Gedankenaustausch mit ihnen noch etwas im Argen lag. Sekundenlang horchte er in den Kopfhörer. Dann gab er es auf. „Ich spüre nichts.“

„Du bist ein Mensch. Das Relais hilft dir nicht bei derart schwachen Emissionen.“

„Hörst du vielleicht mehr?“

„Ich höre gar nichts. Aber ich vernehme Gedanken.“

„Du willst mich auf den Tentakel nehmen, was?“

„Es ist eine völlig unzivilisierte Denkweise“, fuhr Iks-Wol-Esak unbeirrt fort. „Natürlich kann man nicht sagen, dass es sich um rein triebhafte Ausstrahlungen handelt. Es mutet tierisch an. Trotzdem könnte Intelligenz dahinterstecken. Das lässt sich erst beurteilen, wenn man den Vokabelschatz dieser Wesen kennt.“

„Beim Allgeist! Was du da sagst, geht schon reichlich in die Details. Soll ich es wirklich ernst nehmen? Oder machst du ein neues Gesellschaftsspiel mit mir?“

„Ich würde dir raten, den Kurs zu wechseln und dem Schwarm nachzufliegen. Der Hinweis auf eine Lebensform ist unverkennbar. Die Burschen denken. Und das ist wichtig.“

„Und du hast keine Ahnung, was sie denken?“

„Es ist konfus für mich. Auf unsere Mentalität gemünzt, würde ein Durcheinander von Angst und Angriffslust herauskommen.“

Barnett gab an diesem Tage den zweiten Alarm.

Lisman, Daxas und Perkins wurden dadurch beim Kartenspiel gestört, das sie soeben erst hoffnungsvoll begonnen hatten. Die Gesichter, mit denen sie in der Zentrale erschienen, waren danach. Barnett übersah die mürrischen Blicke geflissentlich.

Die CORA wechselte den Kurs und beschleunigte mit 200 g. Sie musste so schnell wie möglich auf eine Absolutgeschwindigkeit kommen, die ihr einen Raumsprung gestattete.

Die Offiziere und Techniker hatten bald herausgefunden, was Barnett vorhatte – auch wenn er mit keinem Wort seine Pläne verriet.

„Jetzt nehmen wir doch tatsächlich den Bolidenschwarm auf die Hörner“, meckerte Perkins. „Und ich hatte angenommen, wir wären froh, dass er sich aus dem Staube macht.“

„Der Schwarm trägt Leben. Das einzige Leben, das wir bisher im unerforschten Gebiet aufgestöbert haben.“ Mit dieser kurzen Erklärung mussten sich die Männer vorerst zufrieden geben.

Die Entfernung betrug bereits zwei Lichtstunden, und sie wuchs von Sekunde zu Sekunde.

„Das Rudel holen wir auf diese Weise niemals ein“, meinte Lisman. „Die Brocken fliegen ja selbst mit einem Drittel Lichtgeschwindigkeit.“

„Fertigmachen zum Raumsprung!“, kommandierte Barnett. „Kurztransition über zwei Milliarden Kilometer!“

Die CORA löste sich aus dem vierdimensionalen Kontinuum, indem sie selbsterzeugte Krümmungseffekte des Raumes benutzte. Die Rückkehr in den Normalraum erfolgte bereits nach fünf Sekunden. Allerdings hatte es den Anschein, dass dem Captain bei der Navigation ein Fehler unterlaufen war.

Die Außenbildschirme zeigten Szenen, die allem anderen entsprachen, als ausgerechnet dem, was man erwartet hatte. Die Konstellation der Fixsterne hatte sich zur Unkenntlichkeit verschoben. Der rätselhafte Bolidenschwarm war im Nichts verschwunden, und an seiner Stelle hatten sechs Raumschiffe eine Position bezogen, die einwandfrei nach einem Sperrgürtel aussah.

Den Männern auf der CORA stockte das Blut in den Adern.

„Unbekannte Flotte voraus!“, stellte Barnett mit trockener Kehle fest. „Erkennungszeichen 2 B absetzen!“

Der Befehl galt Praxlomza, der im Augenblick den Funkdienst leitete. Nach zwei Handgriffen rollte ein festes Programm ab, das für Begegnungen mit unbekannten Intelligenzen vorbereitet war.

„Bellinski! Sorgen Sie dafür, dass die Situationsstatistik mitarbeitet!“

Der Recheningenieur Bellinski war ein reiner Theoretiker, der in schwierigen Situationen die scheinbar unwesentlichste Arbeit zu verrichten hatte. Praktisch rechnete er nichts weiter als die Chancen aus, die man hatte, wenn es brenzlig wurde.

„Entfernung 4 Millionen Kilometer“, meldete Lisman.

„In zwei Minuten ist es nur noch die halbe Distanz. Gibst du Feuer frei, Chef?“ Die Frage kam aus Perkins’ Ecke, der gern nach dem Motto handelte: Erst schießen, dann fragen.

Barnett überhörte die Frage. Er wusste, dass Perkins sich hüten würde, ohne Befehl auf den Knopf zu drücken.

„Hast du eine Ahnung, was passiert ist, Iks?“

„Eine astreine Fehltransition. Mehr kann ich auch nicht sagen. Und das dürftest du inzwischen selbst wissen. Der Hyperraum hat fünffach potenzierte Berührungspunkte mit dem Normalkontinuum. Wer sich in einer übergeordneten Dimension verirrt, dem kann nur noch der Zufall helfen. Und ich schätze, wir befinden uns in einem Gebiet, für das unser Robotergehirn keine Koordinaten besitzt.“

„Das da vorn sind Raumschiffe. Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir uns im erforschten Drittel der Galaxis befinden.“

Barnett schaltete die Selektionsanlage des Elektronengehirns ein und ließ das gesamte vorhandene Kartenmaterial durchlaufen. Das dauerte länger als zwei Minuten.

„Eins Komma acht Millionen Kilometer“, meldete Lisman. „Wir müssen etwas tun. Praxlomza erhält offenbar keine Antwort.“

„Eben“, stellte Perkins wütend fest. „Ihr wartet solange, bis die uns eins auf den Pelz brennen.“

„Teufel! Seht ihr das?“

Daxas zeigte auf einen der rückwärtigen Bildschirme, die in der Aufregung keiner so recht beachtet hatte. Hinter der CORA stand eine kleine Flotte regelmäßig geformter Miniaturkörper, wie sie in dem Bolidenschwarm festgestellt worden waren. Doch das war nichts als ein neues Rätsel. Das Zählwerk meldete, dass es sich um 286 Stück handelte.

„Ich würde mich nach vorn konzentrieren“, sagte Iks-Wol-Esak. „Die sechs Raumschiffe sind auf jeden Fall bedeutungsvoller als die 286 Puppen.“

„Puppen?“

Die rhetorische Frage verlor im nächsten Moment schon wieder an Wichtigkeit. Viel aufregender war, dass sich plötzlich sämtliche Bildschirme verdunkelten.

Lisman sprang sofort aus seinem Sessel auf und hämmerte auf dem Armaturenbrett herum, als gälte es, ein Furiosum als Begleitmusik für den Weltuntergang zu spielen. Bei den Registern, die er zog, kam bloß keine Musik heraus. Ja, nicht einmal der geringste Lichtblick. Die Bildschirme blieben schwarz.

Hatte der Gegner gefeuert und die Generatoren-Anlage zerstört?

Der telepathische Proka nahm diesen Gedanken auf. „Die Unbekannten haben auf keinen Fall im gebräuchlichen Sinne geschossen. Ich zweifle jedoch nicht daran, dass sie für den Ausfall der Bildschirme verantwortlich sind. Zerstört sind sie nämlich keineswegs. Sie reagieren nur nicht.“

Die nächste Überraschung folgte auf dem Fuße.

„Ich habe keinen Empfang mehr!“, meldete Praxlomza zähneknirschend.

„Ich wusste nicht, dass du welchen hattest.“

„Auf den Frequenzen ist immer etwas los“, erklärte Prax belehrend, als habe er Schüler von der Akademie vor sich. „Schon die Radiosterne sorgen ständig für eine Geräuschkulisse. Im Augenblick aber sind meine Lautsprecher stumm wie ein Friedhof.“

Barnett hatte während der kurzen Debatte versucht, die sechs unbekannten Schiffe durch Radar anzupeilen. Doch auch das Reflexionsverfahren versagte. Die Isolierung der CORA war vollkommen.

Die Messgeräte sprangen auf Null.

Das ist das absolute Nichts, dachte Barnett.

„Solange innerhalb des Schiffes noch alles in Ordnung ist, sollten wir nicht vom Nichts reden“, bemerkte der Proka. „Man schießt nicht auf uns. Ich fürchte, wir können im Augenblick nichts anderes tun, als zu warten.“

„Ein schwacher Trost! Hast du nicht den Ehrgeiz, deine Existenzpost einzusetzen?“

„Ich werde mich hüten! Solange wir keinen konkreten Zielpunkt haben, wäre das der reine Irrsinn. Oder ist jemand an Bord, der sich nach einem garantiert sicheren Himmelfahrtskommando sehnt?“

Es war niemand da. Lieber warten und hoffen. Mit der Angst würde man fertig werden.

Innerhalb des Schiffes herrschte noch immer die erforderliche Gravitation von 1 g. Ganz gleich, welche rätselhaften Vorgänge sich draußen abspielten, die Maschinenzentrale der CORA musste noch einwandfrei arbeiten.

So gab es wenigstens einen schwachen Trost, an den man sich halten konnte.

Der Zustand wurde unerträglicher, je länger sie warteten.

Iks-Wol-Esaks Rat erwies sich nur für eine halbe Stunde als brauchbar. Nach und nach aber machten die Nerven nicht mehr mit.

Barnett hatte versucht, die Männer durch eine Diskussion abzulenken und von der seltsamen Form der Raumschiffe gesprochen.

„Zigarren mit zwei gleichförmigen stumpfen Spitzen. Und mit einer Bauchbinde …“

„Eine recht ungewöhnliche Binde. So dick wie der Körper der Schiffe selbst. Allerdings weiß ich nicht, weshalb wir uns jetzt über die Details der fremden Bauart unterhalten sollen Auch Forrest Bannister, der Bordarzt, beteiligte sich an dem sinnlosen Gespräch. Wenn es Erschütterungen und ein paar Knochenbrüche gegeben hätte, wäre das eine angenehme Ablenkung für ihn gewesen. So aber musste auch er den braven Fatalisten spielen, der von der Fliege an der Wand redet, obgleich ihn die Giftschlange mit ihrem Biss bedroht.

„Der Wulst dieser Schiffe könnte sämtliche Aufenthaltsräume der Besatzung beherbergen“, meinte Iks-Wol-Esak mit unnatürlicher Sachlichkeit. „Stellt euch vor, das Ding rotiert! Das wäre eine spürbare Entlastung für die Schwerkrafterzeugungsanlage.“

„Ihr habt ja nicht mehr alle Tassen im Schrank“, rief Perkins wütend und verließ völlig disziplinlos seinen Posten an der Maschinen- und Waffensteuerung.

„Perky! Bist du verrückt!“

„Was soll ich in meiner Wanne hocken, wenn ich nicht beschleunigen und nicht schießen darf! Ihr zerbrecht euch den Kopf, wie diese unbekannten Genies ihre Schiffe bauen könnten. Ich aber will endlich wissen, was hier gespielt wird!“

„Dann wären wir uns ja einig. Wir alle wollen es wissen. Da du aber schon aufgestanden bist, kannst du gleich einmal mitkommen.“

„Okay! Das hört sich schon besser an.“

„Du bist sehr vertrauensselig“, grinste Lisman seinen alten Freund an. „Der Chef hat noch nicht gesagt, was er vorhat, und trotzdem willigst du ein.“

„Mir ist es völlig gleich, wohin man mich schickt. Nur in diesem Gefängnis halte ich es keine Minute mehr aus.“

Barnett und Perkins wandten sich zur Tür. Der Captain warf Iks-Wol-Esak noch einen Blick zu und verschwand. Der Proka hatte aus seinen Gedanken längst den Plan abgelesen, dass Barnett lediglich einmal die Steuerbordschleuse kontrollieren wollte.

Das schien anfangs nur ein Unternehmen zu sein, durch das man auf andere Gedanken kam. An der Schleuse selbst aber sah die Sache schon wieder anders aus.

Barnett öffnete die Spionlinse, die einen direkten Blick nach draußen gestattete. Das unerwartete grelle Licht zwang ihn, sofort die Augen zu schließen. Nur langsam wagte er, wieder die Lider zu öffnen.

Die Weitwinkel-Linse ließ einen breiten Ausschnitt der Umgebung des Schiffes erkennen. Eine spiegelglatte, bis an den Horizont reichende Betonpiste. Ein paar flache, fensterlose Gebäude. Drei senkrecht stehende Säulen, die an Raumschiffe erinnerten.

„Was ist los, Captain?“, grunzte Perkins. „Sie sind zusammengefahren wie eine schreckhafte Jungfrau.“

Barnett schloss die Linse und drehte sich um. „Es liegt an der Empfindlichkeit des menschlichen Auges“, sagte er nur.

Perkins drängte sich heran und sah ebenfalls durch den Spion. Obgleich er gewarnt worden war, reagierte er nicht weniger heftig.

„Bei Gott! Das ist wie ein Märchen. Ich dachte immer, ein nüchterner erwachsener Mensch könne so was nicht träumen.“

„Du möchtest wohl, dass es ein Traum wäre …“

„Natürlich! In Kürze muss es Alarm geben, ich werde aus meiner Koje aufspringen und erleichtert feststellen, dass ich Alpdrücken gehabt habe.“

„Schön wär’s, nicht wahr? Aber jetzt träume erst einmal weiter! Da draußen liegt eine fremde Stadt, ein Flughafen oder irgend etwas anderes, für das wir keinen Namen haben. Unsere Bildschirme waren verdunkelt. Inzwischen hat uns eine unbekannte überlegene Macht gezwungen, auf ihrem Planeten zu landen. Und nicht ein einziges Lebewesen ist zu erkennen.“

„So, jemand hat uns gezwungen. Ich will nicht abstreiten, dass es Kräfte gibt, mit denen man uns zur Landung zwingen kann. Aber das wäre doch keineswegs unbemerkt geblieben. Wir waren noch vor einer Stunde mitten im Weltraum, weitab von jeder Sonne. An Zauberei glaube ich nicht, Chef.“

„Aber du bist neugierig, was da draußen los ist. Oder möchtest du jetzt auch lieber theoretisieren?“

„Du meinst, wir sollten aussteigen?“

„Natürlich. Irgendwie müssen wir ja weiterkommen. Die Fremden scheinen nicht gewillt zu sein, sich uns zu zeigen. Das Gelände da draußen sieht aus, als würde es ununterbrochen mit einem Staubsauger gereinigt.“

„Ich sehe aber keine Putzfrau. Wahrscheinlich gibt es hier überhaupt keinen Dreck. Vielleicht auch keine Luft und keine Bakterien.“

„Das können wir schnell feststellen.“

Barnett öffnete das Innenschott und bediente in der Schleuse das Prüfgerät für die äußeren Verhältnisse.

„So gut wie Erdatmosphäre“, stellte er ohne Überraschung fest. Jahrelange Raumerfahrung hatte ihn gelehrt, dass Sauerstoffwelten gar nicht so selten waren. „Reichlich viel Edelgase. Kommst du mit?“

Anstatt zu antworten, drehte Perkins die Handscheibe für die Schleuse. Das Außenschott öffnete sich langsam und ließ eine brütende, aber gut atembare Luft herein.

„Reichlich tropisch“, stellte Barnett fest und zog den Reißverschluss seiner Kombination ein Stück herunter. Dann schob er eine Antigrav-Platte hinaus und schwebte auf ihr nach unten. Perkins wartete, bis die Platte wieder zurück war und legte den Höhenunterschied von 30 Metern in zehn Sekunden zurück. Mit der Pistole in der Hand sprang er auf die Erde und sah sich erwartungsvoll um.

„Hm, sehr einsam hier.“

„So einsam, dass es mir unglaubwürdig vorkommt“, nickte Barnett. Auch er hatte instinktiv nach seiner Strahlwaffe gegriffen.

In diesem Augenblick kam Leben in die tote Szene.

An mehreren Stellen öffnete sich der Boden vor ihnen und spie eine ganze Kompanie metallisch blinkender Wesen aus.

„Teufel! Roboter!“, stöhnte Perkins. Barnett drückte seinen Arm herunter, der die Pistole in Anschlag bringen wollte.

„Idiot! Glaubst du, ich habe dich mitgenommen, damit du diese Leute provozierst? Wenn die ungefährlich sind, brauchst du sie nicht zu erschießen. Wenn sie selbst schießen können, musst du erst recht hübsch brav sein. Du tust jetzt nichts ohne meinen Befehl, verstanden?“

Der Roboter an der Spitze der Truppe hielt etwa drei Meter vor ihnen.

„Folgen Sie mir, meine Herren!“, sagte er in unbeteiligter Manier. Den Menschen genügte die Überraschung, dass sie dieses Wesen überhaupt verstanden. Freilich sprach der Roboter einen unbekannten Dialekt mit einem stark kehligen Akzent. Doch der Sprachstamm seiner Worte verriet einwandfrei eine tellurische Herkunft.

Barnett steckte seine Pistole in den Gürtel zurück.

„Sie werden unsere Überraschung verstehen. Können Sie uns sagen, auf welcher Welt wir uns hier befinden?“

„Folgen Sie mir, meine Herren“, wiederholte der Roboter.

„Natürlich! Gern. Aber sagen Sie uns wenigstens, wohin Sie uns bringen wollen, und wie wir unsere Anwesenheit hier erklären sollen. Sie wissen, dass wir nicht freiwillig gekommen sind.“

Die Roboter hatten inzwischen einen geschlossenen Kreis um die beiden Männer gebildet und setzten sich in Marsch. Barnett und Perkins mussten schon ihre Beine bewegen, wenn sie nicht umgerannt werden wollten.

„Man sagt, Roboter wären sture Burschen. Aber alle, die ich bisher kennenlernte, waren im Vergleich zu diesen die Liebenswürdigkeit selbst.“

„Reg’ dich nicht auf, und sei froh, dass du lebst“, erwiderte Barnett leise. „Man wird uns schon zu den natürlichen Herren dieses Systems bringen. Die werden dann weniger stur sein.“

„Deinen Optimismus möchte ich haben. Der Sprache nach stammen diese Blechkameraden aus einer tellurischen Zivilisation. Auch ihre Figur ist einwandfrei dem Menschen nachgebaut. Wo aber behandelt der Mensch einen Angehörigen seiner Rasse derartig? Ich sage dir, wir müssen ganz gehörig aufpassen. Wenn mein Instinkt mich nicht verlassen hat, sind wir unter Gauner und Verbrecher geraten. Und zwar unter ganz gefährliche.“

„Ihre Technik ist freilich hoch entwickelt“, gab Barnett zu. „Aber ich kann diese Welt beim besten Willen nicht in meinem Schädel unterbringen. Eine tellurische Kultur von dieser Entwicklungshöhe müsste uns bekannt sein. Wir müssen jetzt die Augen und Ohren offenhalten und dann trachten, dass wir wieder aufs Schiff zurückkommen. Wahrscheinlich kann unser Elektronenspeicher eine vernünftige Antwort auf dieses Rätsel geben.“

„Du glaubst also selbst schon nicht mehr daran, dass man es uns freiwillig sagen wird.“

Barnett zuckte mit der Schulter. „Glauben und Nichtglauben hilft hier nicht viel, Perky. Ich hoffe immer das Beste und bin auf das Schlimmste gefasst.“

„Hoppla“, machte Perkins, der bald auf den anhaltenden Roboter aufgelaufen wäre.

„Sie dürfen jetzt nicht reden“, befahl das künstliche Wesen. „Folgen Sie mir, meine Herren.“

Die platte Ebene ließ einen ermüdenden Fußmarsch erwarten. Das nächste Gebäude war mindestens noch drei Kilometer entfernt. Die Menschen wunderten sich über den Mangel an Fahrgelegenheit. Barnett sagte sich, dass Roboter auf diese Bequemlichkeit nicht angewiesen waren, und er als Gast… oder Gefangener …

Bei dieser Überlegung sank die Hoffnung auf eine bequeme Lösung der Probleme rapide. Das war keineswegs die Feierlichkeit und Zuvorkommenheit, wie man sie von Menschen erwartete, die mit einer unbekannten Zivilisation Verbindung auf nahmen.

Die Roboter liefen auf Rollen. Während sie auf kurzen Strecken erwiesenermaßen von ihren Beinen Gebrauch machten, gab es für längere Distanzen offenbar noch ein ausfahrbares Fahrgestell unter den Schuhsohlen. Hier auf der spiegelglatten Betonbahn entwickelten sie dabei eine Geschwindigkeit, die Barnett und Perkins nur im Dauerlauf mithalten konnten.

Dazu kam diese trockene Hitze.

Keuchend hielten sie schließlich an, als auf freier Strecke plötzlich ein Schacht im Erdboden sichtbar wurde.

„Hier hinein!“, kommandierte der Plastikmann, den sie bisher als einzigen hatten reden hören. Möglicherweise besaßen die übrigen gar keine Vorrichtung zum Sprechen.

Das Loch war kaum einen Meter tief. Sobald der Roboter, Barnett und Perkins darin standen, wich der Boden in rasender Fahrt nach unten. Das Loch über ihnen, das einen Blick auf den wolkenlosen Himmel gestattete, wurde zusehends kleiner. Als der Fahrstuhl anhielt, waren sie mehr als hundert Meter tief.

„Folgen Sie mir, meine Herren.“

Das monotone Plappern des Roboters, der augenblicklich auch über keinen sehr großen

Wortschatz verfügte, wirkte aufreizend. Gefährlicher aber war das Ungewisse, das auf die beiden Menschen wartete.

Sie betraten einen Gang. Sofort waren wieder einige Roboter zur Stelle, die ihnen das Geleit gaben. Keine Kompanie wie vorher, doch immerhin noch sechs und damit genug, um den beiden Männern Respekt einzuflößen.

Der Gang war von länglichen, grellweiß leuchtenden Lampen erhellt. Er erinnerte an einen von Neonlicht beschienenen Schiffskorridor.

Dieser Vergleich mit dem vertrauten eigenen Milieu hielt der Wirklichkeit nicht lange stand. Sie erreichten eine Abzweigung und wurden nach rechts geführt. Der Weg endete unversehens vor einer massiven Wand. Der Roboter trat ein paar Schritte zurück, und im selben Augenblick senkte sich aus der Decke ein Sperrgitter, das ihn von den beiden Männern trennte.

Perkins stieß einen unartikulierten Schrei aus und sprang gegen das Gitter. Seine Schimpfkanonade und seine Flüche waren eine Blütenlese quer durch den galaktischen Sprachgebrauch. Wahrscheinlich verstand der Roboter sogar die Bedeutung der Worte. Dennoch ließ er sich durch sie nicht beirren. Er stelzte davon, ohne sich um seine Gefangenen zu kümmern,

und die übrigen Roboter folgten ihm schweigend.

Perkins’ Verdammungswünsche hallten ihnen mit hundertfachem Echo nach, bis Barnett ihn hart bei der Hand packte und ihn vom Gitter losriss.

„Wenn du dich weiterhin wie ein gereiztes Raubtier benimmst, laufen wir zweifellos Gefahr, hier noch in den Zoo gesperrt zu werden. Ich könnte mir denken, dass wir heimlich beobachtet werden. Zu diesem Zweck sollten wir einen zivilisierteren Eindruck machen.“

Perkins gehorchte sofort. „Ich hatte es mir gerade vorgenommen. Aber diese kleine Genugtuung brauchte ich. Die Burschen sollen wissen, dass wir auch wütend werden können, und dass wir gegen diese Behandlung etwas einzuwenden haben.“

 

 

2

„Zum Teufel mit dieser Warterei!“, schimpfte Praxlomza. „Ich will endlich wissen, was hier vorgeht. Kommen Sie mit, Daxas?“

Es war mehr als eine halbe Stunde vergangen, seit Barnett und Perkins sich nach der Schleuse begeben hatten.

„Ich denke, Sie haben sie telepathisch verfolgt?“, warf Daxas dem Proka vor, der beruhigend mit seinen drei Armen hin und her wedelte.

„Ich habe sie bis zur Schleuse im Auge behalten – oder vielmehr in meiner Gehirnpeilung. Dann aber behauptete Praxlomza, er habe plötzlich wieder Radioempfang. Es war eine akustische Täuschung.“

„Es war schon mehr ein Durchgehen der Nerven“, wollte es James Lisman besser wissen. „Was haben wir in dieser halben Stunde anderes getan, als uns gegenseitig verrückt zu machen? Also, los, Prax! Mach dich mit Mr. Daxas auf die Socken. Solange ich das Kommando auf der Brücke habe, werde ich hier bleiben. Aber wagt euch nicht zu weit vor!“

„Du tust, als wäre die Gefahr bereits an Bord …“

„Wenn Iks behauptet, dass er Barnetts Gedanken nicht mehr empfangen kann, dann dürfte auf jeden Fall etwas faul sein. Also, verschwindet! Und nehmt Waffen mit.“

Daxas, der ehemalige mistralesische Raumoffizier, machte ein knappe militärische Ehrenbezeigung. Seit Barnett ihn im Jahre 13.271 in seine private Scout-Mannschaft aufgenommen hatte, war er zu einem wertvollen Mitglied geworden. Er war ein guter, verlässlicher Kamerad und Navigator. Seine etwas steife Art nahm ihm keiner übel.

Praxlomza ging mit ihm hinaus.

„In einer Minute möchte ich zwei Mann nachschicken“, sagte Lisman. „Wer meldet sich freiwillig?“

Fünf Hände fuhren hoch. Das waren drei zu viel. Lisman bestimmte Doc Bannister und Lopez, den Mann mit den größten Füßen an Bord der CORA.

„Die beiden sollen euch nicht sehen. Aber wenn sie Schwierigkeiten haben, müsst ihr zur Stelle sein.“

„Das heißt, du hältst uns für Zauberer“, machte Lopez ironisch und wandte sich dem Arzt zu. „In zehn Sekunden ist die Minute um, Doc. Ich denke, wir verlassen jetzt diese nervöse Herde von Weltraumhelden.“

Bannister nickte und machte die Tür auf. Er verbiss sich die Bemerkung, dass Lopez keineswegs einen weniger nervösen Eindruck machte als die anderen. Auf dem Gang hielt er den Kameraden fest, der sofort in Richtung Schleuse davonmarschieren wollte.

„Was ist?“, fragte Lopez.

Bannister legte nur die Finger auf die Lippen und machte die Zeichensprache der Taubstummen. Das hieß: Schnabel halten, leise auftreten und Ohren und Augen aufmachen. Lopez quittierte mit einem geduldigen Achselzucken, als ob er sagen wollte: Du siehst Gespenster. Dennoch war er gehorsam.

Sie bewegten sich vorwärts, als lauere hinter jedem Knick eine unbekannte Gefahr. Ihr Instinkt war durch jahrelange Raumpraxis noch weiter geschärft worden. Sie kannten die natürlichen Geräusche, von denen auch ein ruhendes Schiff erfüllt war. Sie würden jeden fremden Klang sofort als verdächtig erkennen und entsprechend reagieren können.

Ohne Zwischenfall erreichten sie den Wegknoten des Bugdecks. Hier liefen vier Korridore der oberen Ebene zusammen. In der Mitte – von der Längsachse des Schiffes aus gesehen – befand sich der Doppellift. Eine der beiden Kabinen stand abfahrbereit.

Doc Bannister deutete schweigend auf den Einstieg. Sie fuhren hinunter. Fünf Querdecks. Vorbei an den großen Hangars für die Beiboote. In der Klausur des engen Fahrkorbs wagte Lopez ein Flüstern.

„Sie werden mit dem anderen Elevator hinuntergefahren sein.“

„Eben. Drum tun wir ja dasselbe“, sagte der Arzt trocken und hantierte an seiner Strahlpistole. „Stell den Fokus auf 0,3. Wenn wir schießen müssen, möchte ich es bei einer leichten Betäubung bewenden lassen. Tote Gegner können wir uns nicht leisten.“

Sie waren wirklich auf alles vorbereitet. Sie rechneten mit einem gefährlichen Gegner, obgleich nur ganz geringe Anzeichen dafür vorlagen. Trotzdem hatten sie sich in den Details geirrt.

Der Lift hielt an. Nahezu lautlos glitt die Tür auf den Luftkissen ihres pneumatischen Lagers zurück.

Ihr Blick fiel geradeaus auf die Schleuse. Und auf zwei Männer. Daxas und Praxlomza. Wieder musste Bannister den eiligen Lopez am Arm festhalten. Mit einigen hastigen Gesten zeigte er hinaus, tippte an seine Stirn und lehnte sich steif an die Wand. Lopez begriff.

Auch Daxas und Praxlomza hatten diese Stellung eingenommen. Sie standen da, als seien sie im Stehen eingeschlafen. Eine Patrouille hätte sich garantiert anders benommen, wenn sie unter für sie normalen Bedingungen hätte operieren können.

Lopez war durchaus kein Weltraumbaby. Bannisters Zeichensprache hatte vollkommen genügt, ihm den Ernst der Situation bewusst zu machen. Seine Augen wanderten blitzschnell von links nach rechts, um den schmalen Blickwinkel, den die geöffnete Tür freiließ, zu kontrollieren. Doch außer den steifen Freunden war nichts Verdächtiges zu erkennen. Kein Gegner, nichts Fremdes, dessen Anwesenheit man als illegal hätte betrachten können.

Es wäre Lopez lieber gewesen, wenn sich ihm ein konkretes Ziel geboten hätte, auf das sich zu schießen lohnte. So aber spürte er nur ein Frösteln im Nacken, das durch die Wirbelsäule lief und sich in den Beinen fortsetzte. Das Blickfeld war zu klein, um die Lage voll übersehen zu können. In jedem versteckten. Winkel konnte die unbekannte Gefahr stecken.

Bannister schob den Kopf vor. Die vertraute Umgebung lockte ihn, auf den Korridor hinauszutreten. Rechts vom Elevator befand sich eine Leichtmetallstiege. Dahinter war ein toter Winkel. Kurz entschlossen sprang er vor. Nichts regte sich. Obgleich der Stellungswechsel nicht ohne Lärm erfolgte, reagierten Daxas und Praxlomza überhaupt nicht.

Sekundenlanges Warten und Lauschen.

„Hee!“, schrie Lopez plötzlich in die Stille, und sein Ruf fing sich zu einem hundertfachen Echo zwischen den Decks. Dann stand er genau auf dem Gang. Ohne jede Deckung.

„Idiot“, dachte Bannister. „Aber wenn du denkst, ich komme dir zu Hilfe, wenn jetzt was passiert, hast du dich getäuscht.“

Es passierte sehr wenig.

Lopez ging weiter. Genau auf die beiden Männer an der Schleuse zu.

„Was ist hier los? Habt ihr die Schlafkrankheit?“

Er rüttelte an Daxas, der steif hinfiel. Lopez musste ihn auffangen.

„Bei Gott! Spielt ihr Panoptikum?“

Das Zittern in seiner Stimme verriet, dass er seinen plötzlichen Mut schon wieder bereute. Er sah sich verzweifelt nach Bannister um, der jetzt ebenfalls langsam aus seinem Versteck kam und paradoxerweise seine Pistole in den Gürtel zurücksteckte. Lopez wollte ihn fragen, ob die Luft denn rein sei. Im selben Moment entdeckte er sich dabei, dass er seine Waffe ebenfalls wegsteckte.

Was war das? – Weshalb habe ich das getan? Eine Reflexbewegung? Nur um es dem als klug verschrieenen Akademiker gleichzutun?

„Du meinst, die Gefahr ist vorüber, Forry?“

„Ich meine, ich habe jetzt einen Fehler gemacht. Aber du benimmst dich ja auch unmöglich.“

„Na, hör mal! Seit wann bin ich für deine Fehler verantwortlich?“

„Wir reden zu viel. Wir wollten schweigen oder höchstens flüstern. Aber wir reden ununterbrochen wie zwei Klatschweiber. Wir …“

„Schon gut! Warum hörst du denn nicht auf zu plappern, wenn du … Verdammt! Meine Finger …“

Bannister wusste sofort, was Lopez meinte. Denn er spürte zur gleichen Zeit die Gefühlslosigkeit in der rechten Hand. Sekunden später sprang sie auf die linke über.

„Weg hier!“, schrie Lopez. „Irgendwo hat man hier einen Lähmstrahler aufgebaut. Die Brüder machen uns steif wie Prax und Daxas.“

Sie wollten weglaufen. Doch daraus wurde nichts. Es blieb nur ein seltsam unbeteiligtes Wundern darüber, dass sie es nicht taten.

„Warum verschwindest du nicht, Forry?“

„Das möchte ich dich fragen. Ich denke, ich habe keine Lust dazu.“

„Ich werde verrückt! So etwas gibt es doch nicht! Wir wollen doch weg, nicht wahr? Und niemand ist in der Nähe, der uns daran hindern könnte. Also gehen wir! Du wirst doch wohl deine Beine bewegen können.“

„Sie sind taub.“

„Meine auch. Aber ich weiß, dass ich gehen könnte, wenn ich nur wollte.“

„Und warum willst du nicht? Ich denke du willst.“

„Doc, du bist ein irrsinniger Gauner! Du hast etwas mit mir gemacht, was nicht anständig ist. Das ist ein Spielchen aus deiner Apotheke, nicht wahr? Nun hör doch schon auf damit!“

„Irrtum, mein Lieber. Du weißt ganz genau, dass ich Scherze nie an unpassender Stelle zu machen pflege. Wir waren doch sehr klug, als wir herkamen. Wir wussten, dass hier ein unbekannter Gegner steckt. Jetzt wissen wir es noch viel besser. Aber wir tun nichts dagegen. Wir weigern uns, etwas für unsere Selbsterhaltung zu unternehmen.“

„Natürlich! Und deshalb steht für mich fest, dass wir beide den Weltraumkoller haben.“

„Unsinn! Die Unbekannten zwingen uns, etwas zu tun, was wir nicht wollen. Es ist keine Hypnose und keine Gewalt über unser Denken. Wir haben unseren Willen behalten. Nur das Handeln nach diesem Willen ist uns versagt. Die fremde Kraft wirkt zweifellos auf das Gehirn, blockiert aber nur die motorischen Funktionen unseres Körpers.“

„Vielen Dank! Das war schon bald ein Kolleg für die Hochschule. Mir wäre aber lieber, du sagst mir eine praktische Lösung. Teufel, die Lähmung geht jetzt bis in meine Schulterhöhle …“

„Dort!“, schrie Bannister plötzlich dazwischen. Er hatte den Kopf nach links gedreht, zeigte aber sonst keine Reaktion.

Vor ihnen standen drei Roboter. Figuren von nahezu zwei Metern Länge.

„Das sind doch …“

„Natürlich! Einwandfrei Blechkameraden. Nur von der anderen Fakultät. He, Kamerad! Was soll dieser Unsinn? Wir kommen in friedlicher Absicht!“

„Warten Sie hier!“, sagte eines der Wesen mit einem seltsamen, aber verständlichen Akzent, und die drei Figuren setzten sich wieder in Bewegung. Sie betraten den Lift.

„Bei Gott! Der Knabe spricht tellurisch oder mindestens so etwas Ähnliches. Und er tut, als ob wir ein paar hilflose Säuglinge wären. Warum knallst du ihm nicht ein paar freie Elektronen ins Kreuz?“

„Ein wunderbares Ziel, natürlich“, stellte Bannister phlegmatisch fest. „Zu schön, um wahr zu sein.“ Dann stelzte er mühsam bis zur nächsten Wand und lehnte sich dagegen. Lopez sah, wie der Fahrstuhl mit den drei Robotern nach oben verschwand.

„Ich glaube, so idiotisch wie wir hat sich noch kein Mensch in der ganzen Galaxis benommen.“

 

 

3

Perkins sprang mit einem Satz an die gegenüberliegende Wand zurück, als sich die Vorderfront ihres Kerkers plötzlich in Bewegung setzte. Vor ihnen tat sich wieder der lange Gang auf, über den sie gekommen waren. So etwa mochte der Weg in die Freiheit aussehen. Es hätten nur nicht so erschreckend viel Leute dastehen dürfen.

Es waren wieder die hoch gebauten Roboter, die wortkargen, pedantischen Vollstrecker einer rätselhaften Zivilisation. Aber es waren auch drei Wesen aus Fleisch und Blut dabei. Sie standen ganz vorn. In einer gelb schimmernden Uniform, an der jede unsachliche Verzierung fehlte.

Während Perkins den plötzlichen Szenenwechsel zum Anlass nahm, sich zurückzuziehen, fasste Perry Barnett neue Hoffnung. Diese biologischen Wesen mussten die wahren Herren des Planeten sein. Ihre völlig menschliche Gestalt strahlte für einen Tellurer etwas Vertrautes aus.

Barnett trat mit hängenden Armen drei Schritte vor und machte eine knappe Verbeugung. Er verwand es, dass sie von den Fremden nicht erwidert wurde. Er konnte nicht verlangen, dass man ihn gleich mit Blumen empfing. Er hatte im Laufe der Jahre gelernt, Geduld zu üben.

Aus dem Hintergrund näherten sich auf den Wink eines der Menschen hin zwei Roboter. Sie nahmen den Gefangenen die Waffen ab. Das taten sie mit einer Geschicklichkeit, wie sie Menschen nur nach einem gewissen Training entwickeln können.

„Ihr seid die Gefangenen des Großen Treon“, bequemte sich endlich einer der drei Männer zu sagen. Er tat es mit dem gleichen Akzent und mit derselben Deutlichkeit, wie Barnett es bereits bei der Sprache der Roboter festgestellt hatte. „Die morgatischen Absichten sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Große Treon wird die Aufrührer zertreten und bei euch den Anfang machen. Nur durch absolute Offenheit könnt ihr euer Leben retten. Äußert euch, ob ihr bereit seid, zu sprechen.“

Barnett und Perkins wechselten einen hilflosen Blick. Sie hatten mit allem gerechnet, nur nicht mit einer völlig konfusen Story, deren Sinn ihnen verborgen blieb.

Perkins erklärte mit rauer Kehle: „Es steht nicht gut um uns, Chef. Dieser Mann redet offenbar von seinen kleinen Alltagssorgen, die uns völlig fremd sind.“

„Ihr verstellt eure Sprache“, behauptete der fremde Sprecher in der gelben Uniform. „Doch wir verstehen euch trotzdem. Also erklärt euch! Es ist keine Zeit für lange Debatten. Ich brauche eure Entscheidung.“

„Es liegt nicht in unserer Absicht, Herr, unsere Sprache zu verstellen. Solange das gegenwärtige tellurische Reich besteht, hat es keinen anderen Dialekt gegeben als den, den wir sprechen. Unsere ältesten Tonkonserven sind siebentausend Jahre alt. Die Vorfahren aus dieser Zeit sprachen den gleichen Akzent wie wir. Ich möchte euch bitten, in Erwägung zu ziehen, dass Sie einem Irrtum zum Opfer gefallen sind.“

„Tötet sie!“, rief jemand aus dem Hintergrund. „Sie sind ein Volk von Lügnern und Verrätern. Warum sollten diese Spione anders sein?“

„Wenn sie zu den Verrätern gehörten, wie du meinst“, sagte der erste Sprecher, „so wäre uns sehr geholfen. Aber da sie offenbar nichts verraten wollen … Lasst uns sehen, welche Geschichte sie sich zurechtgelegt haben! – Wie heißen Sie, Fremder?“

„Perry Barnett, Kapitän des tellurischen Raumschiffs CORA. Selbständiger Scout im Auftrag der Regierung. Ausgeschickt auf Grund der Vereinbarungen mit der intergalaktischen Forschungsgemeinschaft, deren Schirmherrschaft Tellurer und Prokas gemeinsam tragen. Mein Begleiter hier ist der erste Maschineningenieur Perkins. Er …“

„Intergalaktische Forschungsgemeinschaft?“, unterbrach der Fremde scharf. „Wer anders regiert in der Galaxis als der Große Treon?“

„Wir wissen es nicht“, reagierte Barnett so demütig und so bestimmt, wie es ihm geraten erschien. „Die Zivilisation, aus der wir kommen, beherrscht lediglich vierzig Prozent unserer gemeinsamen Sterneninsel. Der Rest gilt bisher als unerforscht. Die CORA ist eines der vielen Schiffe, die jenseits unserer Grenzen Kontakte mit unbekannten Kulturen aufnehmen sollen, soweit diese vorhanden sind.“

„Soweit vorhanden? Er beleidigt uns, Prysto! Er ist ein unverbesserlicher Frechling. Ich würde keine Sekunde mehr verschwenden …“

Wieder schnitt der Mann, der Prysto hieß, dem Rufer aus dem Hintergrund das Wort ab. „Sie sprechen unsere Sprache. Die kleinen phonetischen Unterschiede ändern nichts daran, dass wir uns gut verständigen können. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie einen derartig lächerlichen Fehler machen könnten. Sie sind ein schlechter Agent.“

„Wir sprechen die Wahrheit“, erklärte Barnett so gefasst wie möglich. „Ihr sogenannter morgatischer Gegner ist uns unbekannt. Wir befanden uns auf einem Hyperraumsprung und wurden von Ihren Schiffen gekapert. Und wir haben nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, in welcher Region der Galaxis wir uns befinden. Dies ist die Wahrheit, der wir nichts hinzufügen können. Ein erpresserisches Verhör würde nichts anderes ergeben.“

„Wir könnten es versuchen. Bis zum Tode ist es ein langer Weg, wenn wir Sie vorsichtig

behandeln. Sie hätten also genügend Zeit, es sich zu überlegen. Der bequemere Weg für Sie wäre allerdings, Sie sagen sofort, was wir wissen wollen. Ich könnte dem Großen Treon sogar empfehlen, Sie als Gegenagenten einzusetzen. Für den Rest Ihres Lebens wäre dann gesorgt …“

„Merkst du was, Perry“, unterbrach in diesem Augenblick Perkins völlig respektlos. „Wir sind im tiefsten Mittelalter gelandet. Aber eins sage ich dir. Bevor ich hier verrecke, nehme ich ein paar von diesen Treoniden mit. Und wenn ich sie mit den Zähnen zerfleischen muss.“

„Nichts als Raubtiere!“, konstatierte wieder der Mann hinter Prysto.

„Ich gebe euch sieben Stunden Bedenkzeit“, fuhr Prysto fort. „Dann liegt es an Ihnen, was Sie aus Ihrer Zukunft machen.“

„Was sind hier sieben Stunden? Wir kennen Ihre Zeitrechnung nicht.“

„Sie werden schon sehen.“

Damit schloss sich das Gefängnis wieder. Barnett und Perkins waren allein.

Sieben treonidische Stunden! Oder terranische, tremiksche und poldinische … Letzten Endes war es völlig gleich. Es kam auf eine Art Ewigkeit heraus.

Eine Zeitlang diskutierten sich Barnett und Perkins die Zunge aus dem Halse. Dann wurde

der Gaumen trocken. Danach kam der Durst und dann der Hunger.

„Die lassen uns hier verrecken. Verdammt, wenn ich bloß meine Waffe hätte. Ich würde so lange Löcher in diesen Planeten schießen, bis ich an der frischen Luft wäre!“

Viel später, als sie vergeblich versucht hatten, zu schlafen, sagte Barnett: „Elf Stunden nach Bordzeit. Und noch immer scheinen keine sieben treonidischen herum zu sein.“

„Vielleicht rotiert dieser Planet langsamer als die Erde.“

„Oder schneller. Weißt du denn, wie viele Stunden hier einen Tag ausmachen?“

„Das ist mir auch gleichgültig. Viel mehr interessiert mich, wie wir diesen Leuten klarmachen können, dass wir von ihren morgatischen Rebellen nicht die geringste Ahnung haben.“

„Ich werde Prysto anbieten, auf unser Schiff zu kommen. Der Archivroboter kann ihm unsere ganze Historie vorblättern.“

„Wäre das ein Beweis?“

„Natürlich nicht“, resignierte Barnett. „Sie werden sagen, unser Hobby erzählt eine programmierte Phantasiegeschichte. Die Ähnlichkeit unserer Sprache ist der klare Beweis dafür, dass wir Morgaten sind.“

„Zum Teufel! Es ist aber nicht so. Was kann ich denn dafür, dass ich ausgerechnet intergalaktisches Tellurisch spreche? Jahrhundertelang hat sich die Menschheit die Köpfe darüber zerbrochen, ob transsolare Intelligenzen auch zwei Beine und zwei Arme haben könnten.“

„Nun, und was kam dabei heraus?“

„Es gab sie. Aber sie waren trotzdem keine Menschen. Die Paarung zwischen den Rassen blieb eine biologische Paradoxie.“

„Und was hat das mit der Sprache zu tun?“

„Ich glaube nicht an den Zufall, dass die Tellurer und die Treoniden bei vollkommen unabhängiger Entwicklung über einen gemeinsamen Sprachstamm verfügen können.“

„Wir wären uns also einig. Die Treoniden sind Menschen wie wir. Entweder stammen sie von der Erde oder wir von hier. Eine dritte Möglichkeit: Wir stammen gemeinsam von einer anderen Welt. Aus dem Verhalten Prystos aber geht hervor, dass solche Zusammenhänge hier überhaupt nicht bekannt sind. Man weiß nichts von Tellur. Unseren Historikern geht es umgekehrt genau so. Also sind wir wieder am Anfang des Widerspruchs. Die einzige plausible Erklärung: Wir sind morgatische Spione. Wenn sie dich in Kürze einem peinlichen Verhör unterziehen, wirst du wenigstens die Gewissheit haben, dass alles sehr logisch zugeht. Du kannst diesen beleidigten Herren nicht einmal einen Vorwurf machen. Sie fühlen sich als die einzigen Herrscher in der Galaxis. Sie sind im Recht.“

„Wie aufreizend objektiv du sein kannst, wenn es um die Belange fremder Leute geht! Für mich bleibt es dabei, dass ich so viele umlegen werde, wie mir vor die Kanone kommen.“

„Und woher die Kanone?“

„Die Roboter haben sie eingebaut. Glaub nur nicht, dass ich geschlafen habe, als die mit ihrer Prozession hier erschienen! Die Männer tragen kurze Schusswaffen in der rechten Brusttasche. Die Dinger sehen sehr konventionell aus. Sie besitzen einen einzigen Feuerknopf. Ich wette, dass ich sofort damit umgehen kann.“

„Und weiter?“

„Wenn sie zurückkommen, müssen wir zuspringen, bevor die Tür ganz nach oben verschwunden ist. Wir haben das Überraschungsmoment auf unserer Seite. Ehe die reagieren können, sind wir bewaffnet und halten die wehrlosen Männer als Schutzschild vor uns. Dann müssen auch die Roboter tun, was wir wollen.“

„Okay! Versuchen wir’s! Ob deine Nerven allerdings diese dauernde Belastung aushalten können, möchte ich bezweifeln.“

Die nächsten zwei Stunden bewiesen, dass Barnett recht hatte. Perkins hielt es nicht länger als vierzig Minuten aus, ununterbrochen auf dem Sprung zu stehen. Dann setzte er sich stöhnend hin.

„Fünf Minuten Pause.“

„Well, ich werde doppelt aufpassen.“

Das war ein schwacher Trost. Sie mussten unbedingt zu zweit auf Posten stehen, wenn sie überhaupt etwas ausrichten wollten. Perky raffte sich wieder auf. Diesmal gab er es nach fünfzehn Minuten auf. Seine Pausen wurden länger und häufiger. Schließlich resignierte er.

„Wenn sieben treonidische Stunden eine Woche dauern, dann kriegen sie uns auch so mürbe. Ich geb’s auf, Perry.“

Barnett setzte sich neben ihn auf den Boden. „Das Beste ist, wir versuchen zu schlafen.“ Trotz des quälenden Durstes gelang es ihnen, für eine Weile einzunicken. Es mochten aber höchstens ein paar Minuten vergangen sein, als das Ereignis eintrat, auf das sie solange vergeblich gewartet hatten. Ein schepperndes Geräusch weckte sie.

Sie sahen gerade noch, wie das massive Tor oben in der Decke verschwand. Für einen Überfall war es zu spät. Aber auch die Situation war etwas anders als vermutet. Im Gang standen Roboter. Die Treoniden hielten es offenbar nicht für angebracht, sich noch einmal zu ihren Gefangenen zu bemühen.

„Folgen Sie mir, meine Herren“, kommandierte der erste der Plastikmänner. Er drehte sich um, ohne sich um das Verhalten der Gefangenen zu kümmern, und schritt durch die Reihen der spalierstehenden Roboter davon. Ein Dutzend automatischer Waffen sorgten allein durch die unmissverständliche Richtung ihrer Läufe dafür, dass Barnett und Perkins gehorchten.

Sie gelangten wieder an die Oberfläche des Planeten. In allen vier Himmelsrichtungen erstreckte sich die glatte Landebahn bis zum Horizont. Es hatte den Anschein, als sei der ganze Globus mit dieser künstlichen Piste bedeckt.

Fast im Zenit stand eine weiße, brütende Sonne. Ihr Glühen strapazierte die Haut wie reines Feuer. Erst jetzt wussten die beiden Gefangenen, dass es unten relativ kühl gewesen war.

„Verdammt! Sie haben die CORA entführt“, stellte Perkins wütend fest. In der Tat war von ihrem Schiff nichts mehr zu sehen. Doch es konnte ebenso gut möglich sein, dass man sie an einem anderen Ort nach oben gebracht hatte. Die Entfernung, die sie unterirdisch in einem Schienenfahrzeug zurückgelegt hatten, konnten sie nach dem Gefühl nicht beurteilen.

Barnett sprach Perkins in diesem Sinne Trost zu. Dann gebot ihnen der Leitroboter, den Mund zu halten.

Dieser Befehl war überflüssig. Denn es begann wieder der strapaziöse Dauerlauf. Die Plastikmänner fuhren ihre Rollen aus und beschleunigten. Die beiden Männer hatten Mühe, das Tempo mitzuhalten. Wenn sie langsamer werden wollten, riskierten sie schmerzhafte Rippenstöße.

„Los! Lauf schon“, keuchte Barnett, „wahrscheinlich bringt man uns drüben zu der Riesenkugel. Das ist höchstens ein Kilometer.“

Perky antwortete mit einer wütenden, aber unverständlichen Bemerkung. Dann schwieg er und widmete sich mit heraushängender Zunge und keuchendem Atem seiner Aufgabe.

Der Weg war weiter. Sie merkten es um so deutlicher, je näher sie dem Riesenraumschiff kamen. In ihrem Schatten wurde es erträglicher, doch immer noch galt es, dreihundert Meter zu laufen.

„Das Ding hat einen Durchmesser von mehr als einem halben Kilometer“, folgerte Barnett im Stillen. „Wenn das ein bewegliches Raumschiff ist, fresse ich eine Schleusenluke unzerkleinert …“

Es war ein Raumschiff. Kugelrund wie ein Ballon.

Sie merkten es spätestens, als sie von ihrer neuen Zelle aus beobachteten, wie der Planet mit der künstlichen Oberfläche plötzlich in rasender Fahrt unter ihnen wegsackte und selbst zu einer immer kleiner werdenden Kugel wurde.

„Teufel! Da wächst wirklich kein Baum und kein Strauch“, stellte Perkins fest, ohne in seine Worte eine allzu große Anerkennung für die Baumeister dieser Anlage zu legen. „Ob der ganze Planet künstlich ist?“

„Nebensache!“, behauptete Barnett. „Ich sehe auch jetzt die CORA nicht. Und das beweist mir, dass man sie wirklich entführt hat.“

„Du meinst, auch die anderen sind diesen Treoniden auf den Leim gegangen? Was habe ich mir bloß für einen Captain ausgesucht! Anstatt seinen leidenden Männern Trost zuzusprechen, malt er ihnen die Zukunft schwarz in schwarz. Ich hatte immer noch gehofft, dass Iks-Wol-Esak uns hier herausschlagen würde.“

„Ich hatte gehofft, etwas zu essen zu bekommen“, wechselte Barnett schnell das Thema. Ihm war nicht erst jetzt der Gedanke gekommen, dass man sie abhörte. Und als Perkins kurz darauf wieder eine verfängliche Äußerung tat, sagte er es ihm offen.

„Ich schlage vor, du drückst dich in Zukunft etwas vorsichtiger aus. Solange man uns als Gefangene und nicht als gleichgestellte Partner behandelt, möchte ich den Herren Treoniden nicht gleich alle Geheimnisse tellurischen Wissens auf die Nase binden.“

„Wenn du an versteckte Mikrofone und Fotolinsen denkst, warum suchen wir dann nicht?“

Der Vorschlag wurde sofort in die Tat umgesetzt. Allerdings ohne Ergebnis. Die Wände waren glatt und fugenlos. Mikrofone konnten dahinter verborgen sein. Die lange Stablampe unter der Decke und eine harte Liege stellten die einzigen Einrichtungsgegenstände dar. Auch an ihnen war nichts Verdächtiges festzustellen.

Sie setzten sich auf die Pritsche und starrten auf das Quarzfenster, das einen Ausblick auf den Himmel gestattete. Das Blau der Atmosphäre hatte in ein tiefes Violett gewechselt. Minuten später waren sie im Weltraum und sahen die Sterne. Unbekannte Konstellationen, die keine tellurische oder prokaskische Karte zeigte.

Kurz darauf wurde die Tür geöffnet. Ein Roboter stand im Eingang und hielt zwei Würfel in der Hand. „Ihre Verpflegung, meine Herren!“

„Das ist aber nett“, wurde Perkins sofort lebendig. „Sie haben ja direkt menschliche Züge. Blechkamerad. Darf man Sie anfassen?“

„Nicht nötig“, antwortete der Roboter, warf ihnen die Würfel vor die Füße und verschwand.

Während Perkins sich erneut über das schlechte Benehmen der Gastgeber aufregte, probierte Barnett den Nahrungswürfel. Zuerst knabberte er skeptisch. Dann biss er kräftig zu. Es war ein fester, synthetischer Brei. Er schmeckte angenehm. Wie eine Mischung aus rohen Pilzen und Nüssen. Und er war feucht.

„Gar nicht schlecht. Ich glaube fast, das löscht auch den Durst.“

„Ganz prinzipiell“, stellte Perkins kauend fest „Es mag schmecken, wie es will. Solange man mir mein Essen vor die Füße wirft, ist es hundsmiserabel. Auch wenn es hier Mikrofone gibt… Moment, Perry! Jetzt werde ich verrückt!“

Perkins hatte mitten im Satz abgebrochen, seine Würfel-Verpflegung auf die Pritsche gelegt und auf das Quarzfenster gezeigt.

In höchstens dreißig Kilometer Entfernung hing ein schlankes Gebilde im All. „Bei Gott“, sagte Barnett. „Das ist unsere CORA.“

 

 

4

Iks-Wol-Esak spürte ein angenehmes Rieseln in seinen drei Armen. Die Lähmung ließ nach. Noch bevor er die Glieder und den Körper bewegen konnte, trat sein Gehör wieder in Funktion.

Man hatte Lisman gerade zurückgebracht. Die Roboter gingen nicht gerade sanft mit ihm um. Das menschliche Wesen im Hintergrund schien nichts dagegen zu haben. Es kam jetzt näher und trat auf Proka zu.

„Irgendeiner von euch Kugelmännern hat behauptet, dass dieser hier der Erste Pilot sei. Ich möchte euch nicht noch einmal bei einer Lüge erwischen. Ihre Auskünfte haben der Wahrheit zu entsprechen. Wer sich nicht danach richtet, muss mit seiner Liquidation rechnen.“

Es war kein Hörfehler! Der Mensch aus einer fremden Zivilisation gebrauchte tatsächlich das Wort „Liquidation“.

Lismans Stöhnen verriet, dass man ihn draußen noch viel brutaler hergenommen hatte. Intensiv griff der Proka nach seinen Gedanken und erfuhr, dass der Erste Offizier einen ganz bestimmten Plan mit seiner Weigerung verfolgte. Er hatte zwar die CORA vom Boden des Planeten gestartet, dann aber behauptet, er sei nicht in der Lage, einen Raumsprung zu machen.

Auf der Brücke hat einer behauptet, ihr beiden Prokas wäret gewiss die eigentlichen Herren dieses Schiffes und wir Menschen nur untergeordnetes Hilfspersonal, kam Lismans Gedankenbotschaft. Ich denke, du solltest dich mal getrost in den Pilotenstuhl hängen. Du hast ja deine Spezialkonstruktion. Und wenn einer von uns hier frei herumlaufen darf, so bist du für uns am besten geeignet.

Es war klar! Lisman dachte an die Existenzpost, deren großes Sendegerät hinter der Zentrale im Labor stand. Nur der prokaskische Naturwissenschaftler und vielleicht noch sein Freund Nam-Legak konnten diesen Apparat mit vollendeter Zielsicherheit bedienen. Noch eins, teilte Lisman konzentriert mit. Ich habe nicht weit von hier einen riesigen Kugelraumer beobachtet. Vielleicht ist diese Mitteilung wichtig für dich.

Iks-Wol-Esak starrte wie gebannt auf den Fremden, der jetzt ganz dicht vor ihm stand und ihn um das Dreifache seiner eigenen Größe überragte.

„Sie wünschen, Herr?“, fragte der Proka mit gespielter Demut und konzentrierte sich gleichzeitig auf das Gehirn des Gegners. Noch nie hatte ihm bei vollem Bewusstsein einer der Eroberer so nahe gestanden. Die telepathische Verbindung war äußerst klar. Mit Befriedigung stellte Iks fest, dass der andere nicht über die geringsten telepathischen Fähigkeiten verfügte.

„Sie werden dieses Schiff navigieren, ist das klar?“

„Ich will es versuchen, Herr.“

Der Fremde verschluckte eine wütende Antwort. Er war offenbar in Eile und wollte keine Zeit verlieren. „Gehen Sie voraus!“

Iks-Wol-Esak tat nichts lieber als das. Auf seinen drei Läufen war er flink wie ein Hase, Wenn auf den Gängen nicht überall Roboter gestanden hätten, wäre es ihm sogar möglich gewesen, ihnen zu entwischen. Doch das lag gar nicht in seiner Absicht.

Auf der Kommandobrücke bestieg er seinen Stuhl, den er dicht an das Armaturenbrett heranschob. Dann schaltete er den Autopiloten aus, den Lisman nach seinem „verunglückten“ Probeflug angestellt hatte. Als seine drei Greifarme in rasender Geschwindigkeit über das Armaturenbrett glitten und Schalter und Knöpfe derartig schnell hintereinander bewegten, dass ein menschliches Auge die einzelnen Vorgänge nicht mehr verfolgen konnte, stellte er Bewunderung und Unwillen in den Gedanken der Fremden fest. Bevor der Mann hinter ihm etwas sagen konnte, stellte er selbst seine Frage. Keineswegs wollte er allzu viel Bescheidenheit zeigen.

„Welchen Kurs wünschen Sie, Herr?

„Ich wünsche nicht, sondern ich befehle. Hier ist ein Diagramm des benachbarten Raumsektors. Die drei roten Punkte geben Ihnen die Koordinaten für unser Ziel.“

„Was ist das für ein Ziel? Ein Planet, auf dem sich unsere Hinrichtungsstätte befindet?“

„Ich werde Sie töten lassen, wenn Sie noch eine derartige Frage stellen.“

„Sie brauchen mich, Herr. Wenigstens bis zur nächsten Landung. Mein Tod hat also noch etwas Zeit.“

„Es befindet sich noch jemand von Ihrer Kasse an Bord.“

„Sie meinen Nam-Legak. Der ist nicht weniger wichtig als ich. Denn zur Navigation im Hyperraum braucht unser Schiff wenigstens zwei Piloten.“

„Er blufft“, rief eine Stimme aus dem Hintergrund. „Ich würde ihn sofort beseitigen. Der andere Kugelmann wird es dann um so williger tun.“

Iks-Wol-Esak spürte die kompromisslose Entschlossenheit seiner Gegner und lenkte ein.

„Gut, meine Herren, im Augenblick sind Sie oben. Ich werde den Punkt anfliegen. Die Entfernung beträgt jedoch sieben Lichtwochen. Ohne Raumsprung schaffe ich das nicht.“

„Das war uns von Anfang an klar“, schnaufte der erste Sprecher, der hier offenbar den Befehl über das Prisenkommando führte. „Springen Sie also! Wir haben Sie aus dem Hyperraum aufgefischt und wissen also, dass Ihr Schiff für derartige Manöver ausgerüstet ist.“

„Selbstverständlich. Ich brauche jedoch einen Assistenten, der mit der Bedienung der Geräte

vertraut ist. Würden Sie bitte meinen Freund Nam-Legak kommen lassen.“

„Er versucht es schon wieder! Traut ihm nicht über den Weg!“

Das Misstrauen der Fremden machte Iks Spaß. Um so mehr, als er sicher war, dass sie seine hinterhältigen Gedanken nicht lesen konnten.

„Ich versuch’s auch mit einem von Ihnen“, sagte er großzügig. „Ist ein guter Pilot unter Ihnen?“

Man überhörte den beleidigenden Unterton, da den Männern die Zeit immer mehr drängte. Sie mussten Kontakt mit dem benachbarten Kugelraumer halten, der schon siebenmal zurückgefragt hatte, ob man nicht endlich zur Transition ansetzen könne, die aus Gründen der Zielsicherheit gemeinsam durchgeführt werden musste. Und Iks bekam noch etwas Wichtiges heraus, während er telepathisch nach den Sorgen seiner Gegner forschte. An Bord der Kugel befanden sich zwei Gefangene. Es konnte sich nur um Barnett und Perkins handeln.

Irgend jemand sprach von den Robotern. Doch der Chef der Fremden lehnte ab. „Unsere künstlichen Piloten sind auf unsere Technik getrimmt. Es wäre ein Risiko, einen von ihnen an diese unbekannten Apparate zu lassen. Wer von Ihnen fühlt sich stark?“

Es war niemand da, der sich stark fühlte, und so willigte man schließlich ein, dass Nam-Legak geholt wurde.

Unter den Prokas war die telepathische Verständigung ein Kinderspiel. Nam-Legak hatte bereits aus seinem Gefängnis alle Einzelheiten mit verfolgt. Nur zur Tarnung gab ihm Iks-Wol-Esak ein paar akustische Anweisungen.

„Wir müssen nach achtern, wo die Gravitationsanlage steht. Ich schalte hier solange auf Autopilot.“

Der Fremde gab es auf, zu widersprechen, obwohl in seinen Gedanken erneut das Misstrauen wach wurde. Wenn er nur geahnt hätte, wie sehr sein Misstrauen angebracht war!

In diesem Augenblick redete einer der Männer den Chef endlich mit Namen an, so dass auch die Prokas ihn benutzen konnten, ohne sich zu verraten.

„Kommen Sie mit, Hauptmann Tretz?“

Natürlich ließ Tretz es sich nicht nehmen. Er befahl sogar sechs Roboter mit nach hinten. Einer von ihnen konnte jedoch nur noch das Labor betreten, da Iks-Wol-Esaks Anlage für die Existenzpost fast den ganzen Raum einnahm.

Mit den verwirrenden Einzelheiten konnten die Treoniden nichts anfangen, obgleich sie technisch sehr versierte Leute waren. Sie mussten es einfach akzeptieren, als Iks behauptete, diese

Apparatur sei die Gravitationsanlage.

Nam-Legak trat an einen Punkt, der zwischen zwei Polen einer Energieantenne lag. Iks forderte noch einmal zum Schein die genauen Zielkoordinaten von Tretz, stellte aber sein Gerät auf das Kugelraumschiff ein. Unglücklicherweise bemerkte der Treonide, dass der Kontrollbildschirm plötzlich den angepeilten Gegenstand zeigte.

„Was soll dieser Unsinn? Ich warne Sie ein letztes Mal!“

Iks-Wol-Esak stellte sich bestürzt.

„Ihr Misstrauen ist mir rätselhaft, Hauptmann. Kennen Sie denn nicht die Vorbereitungen für einen Hyperraumstart?“

In Tretz’ Gehirn stieg die zögernde Einsicht auf, dass seine fremden Gefangenen möglicherweise eine völlig andere Technik auf diesem Gebiet entwickelt hatten. Er antwortete deshalb sachlich.

„Es ist nur wichtig, dass Sie die fünfte Dimension erreichen. An den richtigen Zielpunkt wird dieses Schiff schon von unseren eigenen Fangstrahlen gebracht.“

Eins zu Null für die Treoniden, gab der Proka im Stillen zu. Sie schienen tatsächlich im Hyperraum unerreichte Künstler zu sein. Trotz ihrer teilweisen Überlegenheit musste der Schachzug jedoch zum Ziel führen.

„Ich würde Ihnen gern die Arbeitsweise unserer Geräte näher erläutern, Hauptmann“, sagte der Proka liebenswürdig. „Offenbar haben Sie das Problem doch ganz anders gelöst. Und mich würde natürlich auch Ihre Arbeitsweise interessieren. Doch im Augenblick scheinen Sie sehr in Eile zu sein. Ich hoffe, Sie werden uns am Ziel noch Gelegenheit zu einem fruchtbaren Gedankenaustausch geben …“

„Schon gut. Lassen wir das jetzt“, unterbrach Tretz verbissen. Iks ging ihm offenbar längst auf die Nerven. „Beenden Sie Ihre Vorbereitungen. Und peilen Sie nicht länger unser Begleitschiff an.“

Der Wunsch konnte ihm erfüllt werden. Denn die Antenne war längst eingestellt. Den Bildschirm schaltete Iks auf eine Nachbarfrequenz und gab ihm eine beliebige Peilung. Auf die kurze Entfernung würde er auch ohne ihn auskommen.

„Mein Freund wird jetzt langsam verschwinden“, stellte er erklärend fest. „Ich schicke ihn sozusagen als Relais für meine Transitionspeilung voraus. Sie brauchen aber nicht zu befürchten, dass ihm dabei etwas geschieht. Nach Beendigung des Raumsprunges werde ich ihn unversehrt zurückholen.“

Diesmal widersprach Tretz nicht, obgleich er voller Misstrauen steckte. Er tröstete sich mit dem Bewusstsein der treonidischen Überlegenheit in der fünften Dimension. Wenn also Iks-Wol-Esak seinen Rassengenossen in den Raum schicken wollte, um dort einen Machtfaktor gegen die Treoniden zu mobilisieren, so würde er schon sein blaues Wunder erleben.

Die Existenzpost durfte also arbeiten. Nam-Legaks Körper verlor langsam an Bestand. Er wurde zuerst durchsichtig, dann schattenhaft wie eine Wolke, und schließlich war er ganz verschwunden.

„Jetzt zurück in die Zentrale, Hauptmann! Die Sprungauslösung muss von dort aus erfolgen.“

Eine Minute später.

„Das Begleitschiff ist immer noch zu sehen. Soll ich warten, bis es verschwunden ist?“

„Durchaus nicht. Springen Sie endlich! Die werden uns schon herausfischen, ganz gleich, wo wir herauskommen.“

„Okay, wie Sie meinen. Ich verlasse mich auf Ihre Technik …“

Und endlich machte der Proka tatsächlich die Handgriffe, die für eine wirkliche Transition notwendig waren.

 

 

5

Nam-Legak kam in einem denkbar ungünstigen Augenblick.

In Barnetts Gefängnis war seit Minuten ein Treonide anwesend, der hartnäckig damit beschäftigt war, die Gefangenen nach ihrem Spionageauftrag der Morgaten auszufragen. Und ausgerechnet musste der Proka noch in der Schusslinie landen.

Wenn es nicht sofort Tote gab, so lag es an der grenzenlosen Überraschung des gelb Uniformierten. Er zögerte für den Bruchteil einer Sekunde zu lange. Während er auf die unvorbereitete Erscheinung des kleinen Kugelwesens starrte, traf ihn Barnetts Schlag auf das Handgelenk. Die Pistole wurde noch im Fluge aufgefangen.

Details

Seiten
183
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936230
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v513229
Schlagworte
ballett roboter

Autor

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Titel: Ballett der Roboter