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Archibald Duggan und die Höllenfahrt mit Hindernissen

2020 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Archibald Duggan und die Höllenfahrt mit Hindernissen

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Archibald Duggan und die Höllenfahrt mit Hindernissen

Roman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Archibald Duggan wird aus dem Urlaub geholt, um einen feindlichen Agenten und zwei Schwerverbrecher nach Washington zu überführen. Der Flug von den Aleuten in Richtung Anchorage wird jedoch zum Fiasko, mitten in der Schneehölle Kanadas stürzt die Maschine ab. Ein tödlicher Kampf entbrennt.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Hallo, Mr. Duggan!“

Archibald rieb sich die Augen, blinzelte auf das Zifferblatt seiner Armbanduhr und stellte fest, dass es für einen Urlaubstag in Honolulu noch reichlich früh war.

„Mr. Duggan!“, rief es wieder von der Tür her. Das musste der Boy sein.

„Ich bin nicht da!“, schrie Archibald, zog sich die Decke wieder über seinen strubbeligen Blondkopf und wollte weiterschlafen.

Da knarrte die Tür. Wütend tauchte Archibald wieder unter der Bettdecke auf und starrte den schmächtigen Hawaiianer an, der hereinkam. Mit einem Tablett. Und auf diesem Tablett lag etwas, das sich – Archibald schwante Böses – wie ein Telegramm ansah.

Der Boy sah ihn verängstigt an. „Sir, ich kann nichts dafür. Der Telefonist hat gesagt, ich muss es gleich zu Ihnen …“

„Schon gut!“, brummte Archibald, nahm das Telegramm vom Tablett und wollte dem Jungen ein Trinkgeld geben. Doch der hatte sich schon wieder davongemacht.

„Ein Telegramm“, murmelte Archibald. „Ich wette, es kommt aus Washington. Immer wenn ich Urlaub mache, kommen dusselige Telegramme aus Washington. Der Teufel hole diese …“ Er riss das Telegramm auf. Dann formten seine Lippen die Worte, die auf dem Papier standen: „Fliegen Sie sofort Aleuten Andreanow Insel. Dort melden bei Brigadegeneral Witch, 2. Marine Korps. Weitere Anweisung daselbst. Dringend. CIA-HQ.“

„Und das nennt ein Mensch Urlaub! Nein! Ich sollte mich im Sande vergraben, einfach weglaufen. Seit einem Jahr keinen Urlaub, und jetzt das! Es darf nicht wahr sein!“ Archibald knüllte das Telegramm wütend zusammen, warf die Bettdecke in hohem Bogen ins Zimmer, stand auf und riss die Vorhänge zur Seite.

Da war das Meer, sonnenüberflutet, glitzernd, eine Pracht. Menschen in Buschhemden, in Shorts, kesse Mädchen in Bikinis, Eiscream-Verkäufer in Hulahula-Aufmachung. Und das alles sollte vorbei sein? Nur, um irgendeinem Brigadier namens Witch eine Arbeit zu tun, die er selbst nicht schaffte? Und dann noch hoch im Norden auf den Aleuten!

Mein Gott, dachte Archibald, da ist es um diese Jahreszeit noch kalt wie im Winter.

Er atmete wütend aus. Aber was half es. Er hob das zerknüllte Telegramm auf, glättete es und stopfte es in seine Jackentasche. Dann wusch er sich, schabte sich den Bart und zog sich an. Als er schließlich auf der Terrasse frühstückte, wurde seine Laune auch nicht besser. Im Gegenteil. Und zu allem Überfluss defilierten noch jene beiden Damen vorbei, mit denen er gestern Tennis gespielt hatte. Sie sahen ihn nicht, und Archibald war froh darüber. Voller Missmut stopfte er das Frühstück in sich hinein, verlangte die Rechnung, und rief dann den Militärflugplatz an.

Während er noch bis zum maßgebenden Offizier verbunden wurde, hoffte er insgeheim, dass man dort vielleicht nichts von der Sache wisse und keine Maschine bereitstellen würde. Aber leider – wie Archibald diesmal meinte – klappte die Organisation der CIA reibungslos. Man wusste Bescheid. In einer Stunde konnte er fliegen. Und man werde ihm, so hieß es, gleich einen Wagen schicken.

Auch der Wagen kam. Archibald verlud sein Gepäck, stieg selbst ein und sprach kein Wort mit dem jungen Air-Force-Gefreiten, der vor guter Laune übersprühte und immer wieder ein Gespräch mit Archibald anzufangen versuchte. Doch Archibald hätte lieber den Jeep zerhackt als ein nettes Wort gesagt.

Auch während des Fluges in der Kuriermaschine sprach Archibald kein Wort mit den vier Offizieren, die wie er zu den Aleuten beordert worden waren, allerdings für andere Aufgaben.

Am Nachmittag war Archibald dann am Ziel. Auf dem kleinen Militärflugplatz erwartete ihn bereits ein Ordonnanzoffizier des Generals. Archibalds Laune war mittlerweile auf dem Nullpunkt, zumal er fror, denn über die kahle Fläche fauchte der Wind. Und ihm war, als hätte man ihn über dem Nordpol abgesetzt. Sein Mantel war viel zu dünn, wohingegen der Offizier in einen dicken Pelzmantel gehüllt war.

Ein paar Minuten später konnte Archibald Wärme im Büro des Generals tanken. Ein Ofen bullerte und stank nach Öl, aber es war so warm, dass sich Archibald etwas besser fühlte.

Der General lächelte geringschätzig, als Archibald sich so sehr in Ofennähe hielt, sagte aber nichts dazu. Vielmehr erklärte er Archibald die Lage.

„Zwei Offiziere aus meinem Korps haben herausgefunden, dass sich mehrere Leute der Air Force, die ja hier auch stationiert ist, mit Schmuggel beschäftigen. Bei der Festnahme der Schmuggler fassten wir drei Zivilisten, die von der CIA gesucht werden. Einer davon ist, wie ich auf der Liste feststellte, ein Agent des Ostens. Sie sind hierher gebeten worden, die drei Gefangenen nach Washington zu bringen. Ich habe die Order, Ihnen zu sagen, dass Sie das selbst übernehmen müssen, zusammen mit drei Leuten meiner Truppe, die ich dazu abkommandiere. Wie Sie wissen, dürfen wir derartige Transporte nicht selbständig durchführen, sondern nur mit einem Agenten Ihrer Behörde zusammen. Ihr Ressortleiter hat mir am Telefon erklärt, er habe so schnell niemanden an der Hand und könnte nur Sie aus dem Urlaub beordern. Besonders, da es sich bei dem gefassten gegnerischen Agenten um Wiss Rossell handelt.“

Archibald zückte förmlich zusammen, als der Name fiel. „Wiss Rossell? Sind Sie sicher?“

„Absolut! Sehen Sie ihn sich selbst an!“

Wiss Rossell war beim Gegner das, was für die CIA Archibald Duggan darstellte. Ein guter und gefährlicher Agent. Ein kleiner, lächerlicher Zufall war ihm zum Schicksal geworden. Und jetzt saß er schwer bewacht in der Zelle des Arresthauses vom US-Marine-Korps.

Er war untersetzt, breitgesichtig, dunkelblond. Seine Augen waren schmal, der Blick verriet Intelligenz. Unsympathisch wirkte er eigentlich nicht, dafür eher wie ein Tiger. Ein Tiger, der hinter Gittern so harmlos aussehen kann.

Hunderte von CIA-Agenten hatten Wiss Rossell gejagt, ihn aber nie gefasst. Auch Archibald war das nicht gelungen. Und dann rannte Wiss Rossell ausgerechnet in diese Falle des US-Marine-Korps. Die Offiziere waren mehr noch überrascht als Wiss Rossell, als sie sahen, wen sie da gefangen hatten.

Sein Foto hing in jeder CIA-Dienststelle, in allen Büros der Militärbefehlshaber. Ihn zu fassen war ein Königstreffer.

Archibald sah ihn an, und Wiss Rossell lächelte bitter. Sie kannten sich. Einmal hatten sie sich gesehen, fast wäre es damals Archibald gelungen, den gefährlichen Wiss Rossell zu fassen. Beinahe. Wiss war schneller gewesen.

„Pech, wie?“, meinte Archibald.

Wiss Rossell, der so gut Englisch sprach wie ein Amerikaner, erwiderte achselzuckend: „Pech schon, aber wie es geschah, das ärgert mich.“

Der Offizier, der Archibald zu Wiss Rossell begleitet hatte, sagte: „Er wäre entkommen, aber er geriet in eine Seeotterfalle, die Einheimische im seichten Wasser gelegt hatten. Der Nebel war dicht, ohne diesen Zufall hätte er auf das Schiff fliehen können, das ihn weiter draußen erwartete. Ein kleines schnelles Boot übrigens.“

Wiss Rossell zog sein rechtes Hosenbein hoch und zeigte über dem Fußknöchel die Stelle, wo das Tellereisen zugeschnappt war.

Archibald lachte. „Ja, so erwischt es manchmal die schlauesten Burschen. Okay, Rossell, dann wollen wir mal mit Ihnen dorthin, wo Sie schon immer mal hin wollten: ins Hauptquartier der CIA.“

Wiss Rossell verzog sein breites Faltengesicht. „Wir sind noch nicht dort, Duggan! passen Sie auf, dass es nicht eine Höllenfahrt mit Hindernissen wird.“ In seinen Augen glitzerte etwas, das Archibald wieder an den Tiger erinnerte, an einen gefährlichen Tiger, der keine Chance ungenutzt lassen würde, seine Freiheit wiederzugewinnen.

„Na, wir wollen uns Mühe geben, dass wir auch ankommen, Rossell“, erwiderte Archibald scheinbar gelassen und ging aus der Zelle. Die beiden Posten riegelten wieder zu, schlossen ab und nahmen erneut Aufstellung vor der Tür. Man wusste, was man einem Wiss Rossell schuldig war.

„Und die beiden anderen?“, fragte Archibald.

Der Offizier zeigte auf eine andere Zelle. „Dort. Es sind Leute anderen Kalibers.“ Er ließ öffnen, und Archibald sah sich zwei Menschen gegenüber, die Format genug hatten, einen vollen Saal zu räumen. Beide waren stämmig, muskulös und stiernackig. Sie hatten noch etwas gemeinsam: ihren Blick. Sie hielten den Kopf gesenkt und blickten von unten nach oben, so wie ein angriffslustiger Stier dreinschaut, bevor er losrennt. Dabei hatten sie etwas Verschlagenes in ihrer Mimik. Archibald wusste, dass sie verdächtigt wurden, einen US-Marineoffizier umgebracht zu haben. Das war vor einem Monat auf einer der vielen Inseln geschehen, etwas weiter östlich von dieser.

Sie waren Amerikaner. Aber ihre sibirischen Vorfahren konnten sie beide nicht verleugnen, das Asiatische in ihren Mienen war unverkennbar.

„Dieser ist Nick Verendor …“ Der Offizier deutete auf den Jüngeren der beiden. Er war dunkelhaarig, hatte breite schmale Augen und eine Kinnnarbe. Archibald schätzte ihn auf etwa sechsundzwanzig Jahre.

„… und dieser ist Andrew Borew.“

Der zweite hatte schon graue Schläfen, mochte um die Vierzig sein, und wirkte mit seinen dichten buschigen Augenbrauen noch gefährlicher als sein Kumpan.

Sie sprachen nicht, sie zuckten mit keiner Wimper. Aber sie starrten Archibald abschätzend und bösartig an. Und er spürte im Unterbewusstsein, dass er ihre Gesichter nie vergessen würde. Er ahnte auch, wie gefährlich sie im Verein mit einem schlauen Kopf wie Wiss Rossell sein konnten. Wiss Rossell würde für sie denken, und hatte er nur eine winzige Chance, diese beiden Kampfstiere in die Schlacht zu werfen, wurde die Geschichte verflucht gefährlich.

„Okay, und nun möchte ich mit den Männern reden, die als Eskorte mitkommen“, bat Archibald und ging.

Die beiden starrten ihm finster nach, aber auch jetzt zeigten sie nicht, was sie dachten.

 

 

2

Der Offizier führte Archibald über den weiten Platz zwischen den Baracken. Der Wind heulte und blies die Kälte durch Archibalds viel zu dünne Kleidung. Vorgebeugt schoben sich die beiden Männer bis zu den Baracken auf der anderen Seite, stemmten sich zu zweit gegen die Wand, um die Tür aufzuziehen.

Drinnen war es fast tropisch heiß. Der runde Armeeölofen bullerte, stank wie üblich, zudem tropfte noch der Kanister, der auf einem Hocker danebenstand.

An die zwanzig Männer saßen auf Betträndern, Stühlen und Kisten. Der Komfort entsprach in seiner spartanischen Einfachheit dem Reglement des US-Marine-Korps. Vielleicht, so dachte Archibald in diesem Augenblick, als er die hart geprüften Ledernacken sah, sind sie noch stolz darauf, das schlechteste Essen und die miserabelste Unterbringung in der ganzen US-Armee zu haben.

„Sergeant Read, Corporal Lance, Corporal Haller!“, rief der Offizier.

Die drei Männer erhoben sich. Drei Männer, dachte Archibald, die mit mir für die nächste Zeit schicksalhaft verkettet sind. Mit mir und den drei Gefangenen.

Ihm schwante nichts Gutes. Sonst hätte er solche Gedanken nicht zu haben brauchen. Normalerweise würden sie zwei Tage benötigen, das alles hinter sich zu bringen. Und so sah es wohl auch der Offizier.

Aber zunächst kamen die drei näher und stellten sich vor Archibald und dem Offizier auf.

Sergeant Jack Read war fast zwei Meter groß, hatte hellblondes Haar, ein zerknittertes Allwettergesicht und stahlblaue Augen. Er erinnerte Archibald sofort an diese durch nichts umzuwerfen den „Dreißigender“ der Armee; Berufssoldaten, die im Grunde das Rückgrat jeder Truppe sind. Read kannte sich, wie der Offizier erklärte, auf Okinawa so gut aus wie am 38. Breitengrad von Korea. Er hatte die Libanonlandung mitgemacht und war nun auf den Aleuten gelandet.

Corporal Tom Lance war schmaler, sehniger und dunkelhaarig. Auch hatte er nicht Reads Überlänge. Von allen dreien wirkte Lance am jüngsten, auch am intelligentesten. Er mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein und sah aus wie ein ehemaliger Student, der sein Studium abgebrochen hat.

Derber, gesünder und frisch wie ein kalifornischer Apfel kam Archibald Corporal Bud Haller vor. Er war kräftig, stämmig und neigte wohl ein wenig dazu, dick zu werden. Die Küche der Marineinfanterie gab ihm jedoch kaum Möglichkeiten dazu.

Bud Haller war blond, nicht so hell wie Read, hatte blaue Augen und einen jungenhaften Gesichtsausdruck, obgleich Bud bestimmt schon Ende der Zwanzig war.

„Diese drei Jungs werden Sie begleiten, Mr. Duggan. Es sind, glaube ich, die richtigen, die ich da ausgesucht habe. Mit denen kann man in der Wüste einen sprudelnden Swimmingpool errichten!“

Archibald lächelte. „Das genau wäre es, was ich brauche!“ Er drückte jedem der drei die Hand, und schon am Händedruck spürte er, dass diese drei wirklich nicht von Pappe waren.

„Die Maschine geht in zwei Stunden, Mr. Duggan. Bis dahin sind meine Leute soweit“, erklärte der Offizier.

„Vielleicht lassen Sie mir von Ihrem Kammerbullen noch eine Badehose einpacken, so allmählich wird es mir in dieser Gegend zu warm“, meinte Archibald. „Immerhin war ich heute morgen noch in Honolulu.“

Read grinste. „Ich kann die Sachen für Sie besorgen. Unterwäsche auch? Wir haben welche, gegen die ist ein Stacheldraht um den Bauch die reine Wonne.“

Archibald zuckte die Schultern. „Ich war sechs Jahre bei der Navy, die Klamotten kenne ich. Tun Sie, was Sie können. Wir treffen uns dann im Hauptquartier.“

Als sie wieder zum Büro des Generals zurückgingen, sagte der Offizier: „Dieser Read ist einer von den ausgekochten Jungs. Der war schon Spieß, dann degradiert, und nun ist er wieder Sergeant. Wie es bei den Dreißigendern so geht. Kein Krieg der letzten zwanzig Jahre, der ohne ihn stattgefunden hätte, falls Amerika zufällig darin verwickelt war. Ich habe ihn der Eskorte zugeteilt, weil ich keine Probleme wälzen möchte, und Sie sicherlich auch nicht.“

„Nein“, erwiderte Archibald. „Ich sehne mich nur nach meinem Hotel in Honolulu und einer Fortsetzung meines Urlaubs. Das sind im Augenblick meine einzigen Ambitionen. Ich fürchte nur, Wiss Rossell wird sich einiges einfallen lassen, darin ist er kaum zu überbieten.“

„Sie kennen ihn?“, erkundigte sich der Major.

„Und ob. Er ist ein Ass der anderen Fraktion, und ,weiß Gott, eines der besten.“

 

 

3

Die Maschine war startbereit. Eine zweimotorige Dakota, nicht gerade das Prunkstück der Air Force, vielmehr ein altgedienter Veteran. Die Flugleitung erklärte Archibald, dass eine andere Maschine zur Zeit nicht zur Verfügung stehe, er aber zu dem alten Luftschlachtross Vertrauen haben könne. Die Maschine sei gerade überholt worden.

Sie hatte drei Mann Besatzung: Lieutenant Welsh als Flugkapitän, Sergeant Hopkins als Copilot, und Sergeant Gardener als Funker. Welsh war noch recht jung, fand Archibald, die Sergeants auch nicht viel älter als fünfundzwanzig. Viel sah Archibald nicht von ihnen, denn sie waren dick eingepackt in ihrer Flugkleidung, und in der Maschine funktionierte keine Heizung. Es war schneidend kalt darin, fast noch kälter als draußen.

Die Dakota war kein Passagierflugzeug, sondern eine Air-Force-Transportmaschine ohne richtige Sitze. Nur am Rande gab es Klappbänke für Fallschirmspringer oder sonstige Passagiere.

Hier ließen sich die Gefangenen und ihre Eskorte nieder. Alle, einschließlich Archibald, hatten sich so warm angezogen, wie es ging, und bei jedem Atemzug entströmten ihren Mündern wahre Dampfwolken, so kalt war es.

Sergeant Hopkins warf einen Blick auf die Passagiere, bevor er in das Cockpit kletterte. Archibald hörte ihn seinem Vorgesetzten zurufen: „Die sehen aus, als wollten wir sie über Sibirien abwerfen.“

Die Dakota war und ist ein braver Vogel. Sie und die deutsche legendäre JU 52 gehören zu den wenigen Flugzeugen, von denen man übertreibend sagt, sie flögen auch noch, wenn alle Motoren ausgefallen und die Tragflächen abgebrochen sind.

Archibald war kein Flugexperte, er kam von der Marine, und wenn er auch Sportmaschinen fliegen konnte, ein Spezialist auf diesem Gebiet war er nicht. Dennoch erschien es ihm nicht ganz geheuer, wie Welsh die Maschine führte. Schon beim Start zog er die schwerfällige und träge Dakota hoch, als jage er einen Starfighter in den Himmel. Hinten flogen alle durcheinander.

Wiss Rossell stieß mit dem Kopf gegen die Verstrebung und blutete an der Stirn. Read musste ihm einen Verband anlegen.

„Wenn Sie nicht mit drin säßen, Duggan, würde ich denken, wir sollen schon in der Luft gekillt werden“, meinte Wiss Rossell. Er warf einen Blick zum Cockpit hin und fügte hinzu: „Eigentlich sollte ich beruhigt sein. Wenn die US Air Force lauter solche Piloten hat, verliert ihr den nächsten Krieg.“

Archibald gab keine Antwort. Sie waren jetzt mitten in den Wolken. Sturmböen beutelten die Maschine. Sie schlug und bockte.

Nick Verendor wurde auf einmal ganz blass. „Eine schöne Schweinerei. Wenn der so bis Seattle mit uns fliegt, bin ich nur noch eine leere Hülle“, meinte Read und hielt sich die Hände auf die Magengegend.

Archibald stand auf und arbeitete sich zum Cockpit vor. Er musste sich stets mit einer Hand festhalten, wie auf einem Schiff bei schwerer See.

Die beiden Piloten hatten Archibald noch nicht bemerkt, als er eingetreten war, doch der Funker sah zu ihm auf.

Archibald beugte sich vor zum Ohr des Mannes. Der schob seinen Kopfhörer zurück. „Ist das Absicht oder nicht zu ändern? Wir schwimmen bald weg dahinten.“

Der Funker machte ein wütendes Gesicht und schrie im Lärm der Motoren in Archibalds Ohr: „Dieser Idiot weiß doch alles besser. Er hätte den Start verweigern können. Aber vielleicht wartet er auf einen Orden, man weiß das nie. Es ist nicht zu ändern. Höher können wir nicht, wir haben keine Druckkabine.“

„Fliegen wir auf Seattle?“, fragte Archibald.

Der Funker schüttelte den Kopf. „Nein, wir haben Anweisung, Anchorage anzufliegen. Erst wollten sie sogar, dass wir umkehren, aber Welsh weigerte sich. Es ist ein Orkantief vor uns. Wir weichen ihm aus und halten auf Anchorage in Alaska.“

Archibald ging zurück. Mit Sorge sah er den nächsten Stunden entgegen. Noch ahnte er nicht, was wirklich kommen würde. Er dachte nur daran, dass eine Landung in Anchorage erneute Möglichkeiten für Wiss Rossell und Genossen bieten könnte. Doch von dieser Seite kam die Gefahr zunächst gar nicht. Denn Wiss Rossell hatte sich mehr verletzt, als es zuerst den Anschein gehabt hatte. Er saß bei Archibalds Rückkehr am Boden und stützte den Kopf in die Hände. Die Handschellen hatte Read ihm abgenommen.

Nick Verendor, der jüngere der beiden Gorillas, fühlte sich hundeelend und sah aus, als habe er eine Fahrt um Kap Horn hinter sich.

Andrew Borew ertrug es besser, doch ihm saß Bud Haller gegenüber, wachsam wie ein Jagdhund.

Read hatte inzwischen die Anschnallgurte gefunden, die es natürlich auch in dieser Maschine gab, und sie verteilt. Jeder hing den Karabinerhaken ein, und so wurde wenigstens die Unfallgefahr geringer. Nun flog die alte Dakota auch ruhiger, und es sah so aus, als wäre das Orkantief passiert.

Um so unerwarteter traf die Menschen an Bord das, was plötzlich geschah.

Wieder schüttelte eine jähe Sturmbö die Maschine, dann schoss plötzlich ein greller Feuerstrahl aus dem linken Motor, Öl spritzte heraus und schlug gegen die Scheiben der Bullaugen. Dann sah Archibald ganz deutlich durch den schmalen Schlitz, den er sich in die Eisblumen im Glas gekratzt hatte, dass der Propeller des linken Motors stand.

Kurz nach dieser Wahrnehmung kam Sergeant Hopkins von dem Cockpit her zu den Männern. Er musste schreien, um sich zu verständigen. „Ein Motor ist außer Betrieb. Wir kommen mit dem anderen nicht bis Anchorage durch. Wir müssen sehen, dass wir Naknek erreichen, dort ist ein Militärflughafen. Schnallt euch fest, Männer, und bleibt um Himmels willen auf euren Plätzen. Da, die drei auf die andere Seite!“ Er rief das Wiss Rossell, Nick Verendor und Corporal Lance zu, die links in der Maschine saßen.

Hopkins verschwand wieder, und Read meinte: „Das sind ja interessante Aussichten. Ich dachte, ich könnte noch heute Abend in Seattle eine alte Freundin von mir besuchen. Scheint nicht zu klappen.“

Lance sah Archibald gequält an. Ihm ging es so elend wie Nick Verendor. „Es Ist mir egal, wo wir landen, Hauptsache, wir landen bald“, meinte er.

Der Sturm ließ nach. Es war ein Glück für alle an Bord. Aber die Maschine verlor an Höhe. Und je tiefer sie kam, desto schlechter wurde die Sicht.

Archibald ging nach vorn in das Cockpit. Dort war es ruhiger, seit ein Motor nicht mehr lief. Welsh sah sich um, machte ein zorniges Gesicht und schrie: „Hat Ihnen Sergeant Hopkins nicht gesagt, dass jeder auf seinem Platz …“

„Nur die Ruhe, Lieutenant. Wie sieht es aus?“

Welsh gab keine Antwort, aber Gardener, der Funker, sagte: „Sergeant Hopkins führt jetzt die Maschine, und ich denke, wir schaffen es bis Naknek. Wenn nur die Sicht besser wäre.“

„Haben Sie den Motorschaden gemeldet?“

Welsh drehte sich wieder um. „Natürlich, Sie Nervensäge! Und nun verschwinden Sie hier! Ich werde …“

„Die Funkanlage ist ausgefallen. Keine Verbindung mehr!“, rief Gardener.

Archibald blickte Welsh an. Und er achtete auch auf Hopkins, dessen Ruhe ihn faszinierte. Hopkins tat, als flöge er bei strahlend blauem Himmel, und alle Motoren liefen wie eine Eins. Welshs Nervosität dagegen war kaum noch zu überbieten.

„Verdammt, jetzt finden wir dieses stinkende Kaff nicht!“, schrie er.

„Ich werde tiefer gehen, dann sehen wir mehr“, meinte Hopkins.

„Nein!“, brüllte Welsh. „Tiefer auf keinen Fall. Wir kommen nie mehr hoch mit diesem angeknacksten Bügeleisen. Hätte ich doch meine B 29 noch, zum Teufel. So einen verrosteten alten Eimer fliegen zu müssen! Und bloß, weil diese Knilche im Hauptquartier mir einen Streich spielen wollten. Denen werde ich es zeigen. Mir so eine Kiste zu verpassen.“

Hopkins grinste. „Mit der B 29 lägen wir schon auf dem Bauch, wenn die Hälfte der Motoren ausgefallen wäre. Und die Dakota kommt auch wieder hoch, Lieutenant. Ich sage nochmals, wir sollten tiefer gehen. Wir müssen fast über Naknek sein.“

„Unsinn! Dann knallen wir noch gegen die Berge. Auf keinen Fall tiefer! Wir halten wieder mit Nordostkurs auf Anchorage zu. Verflucht, ich renne mir nicht die Nase platt mit dieser Kiste.“

„Ist das ein Befehl?“, fragte Hopkins mit hochgezogenen Brauen.

„Jawohl! Gardener, errechnen Sie den mutmaßlichen Kurs auf Anchorage. Und sehen Sie zu, dass dieses verdammte Gerät wieder klappt!“

„Die Tragflächen vereisen, Sir, wir müssen Naknek anfliegen, ob wir wollen oder nicht. Ich gehe tiefer, Sir!“

„Einen Dreck werden Sie!“, brüllte Welsh. „Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie den Kurs auf Anchorage gehen sollen. Gardener, wo bleibt der Kurs?“

„Gleich, Sir, ich suche eine Verbindung mit dem Gerät. Ich habe eben etwas gehört.“.

Gardener tat, was er konnte, und Archibald erlebte das alles wie auf einer Bühne mit. Es erschien ihm alles so unwirklich, so phantastisch, aber dennoch träumte er nicht. Sie hatten diesen Welsh offenbar zum ersten Male in eine solche Maschine gesetzt, vielleicht wirklich, um ihm einen Denkzettel zu verpassen. Aber daraus wurde eine ganze Kettenreaktion. Und Hopkins verstand offenbar mehr von der Dakota. Gardener hingegen gab sich Mühe, erst einmal das zu tun, was wichtig war, die Funkverbindung wieder aufzunehmen. Sein Gerät funktionierte noch nicht wieder richtig, aber er hatte eine Verbindung mit einer Station in Skagwav, Kanada. Dann kamen schrille Töne dazwischen, und die Verständigung war am Ende. Am Ende war damit auch der gesamte Funkbetrieb der Maschine. Die letzte Hoffnung auf einen geleiteten Flug war dahin. Blieb nur noch der Gedanke an die Radargeräte der Bodenstationen. Sie würden vielleicht die Dakota genau verfolgen.

„Ich übernehme die Maschine wieder, Hopkins, ich werde sehen, ob wir Naknek finden!“

Vorhin hatte Gardener der kanadischen Station eine mutmaßliche Position angegeben. Sie stimmte nicht. Und unter ihnen lag auch nicht Naknek, über diesen Ort waren sie längst hinweg. Sie befanden sich über den Kilbuck Mountains, und unter ihnen lauerte der weiße Tod.

 

 

4

Welsh hätte es Hopkins überlassen sollen, die lädierte Maschine nach Naknek zu bringen. Aber der Ehrgeiz des jungen Offiziers schob jede vernünftige Überlegung beiseite. Er begriff wohl, dass er bereits versagt hatte, und wollte die Scharte auswetzen. Und vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Hopkins älter gewesen wäre. Er war der einzige, der wirklich etwas von dieser Maschine verstand.

„Sir, ich würde weiter nach Süd-Ost halten“, rief Hopkins, doch Welsh reagierte nicht darauf. Er hielt tiefer, bis sie Bodensicht hatten. Aber was war da zu sehen! Über dem Boden lag ein Nebelschleier, und wo der durchbrochen war, sah man Schnee, nichts als Schnee.

Die Maschine verlor an Höhe. Hopkins warf einen verzweifelten Blick auf den Höhenmesser, dann auf Welsh.

Welsh schob die Gashebel vor. Der eine Motor röhrte auf, aber Welsh konnte das Übergewicht links nicht rechtzeitig ausgleichen. Die Maschine sackte ab. Im letzten Augenblick griff Hopkins ein und zog die Maschine wieder auf Kurs, doch die Höhe konnte er nur halten, nicht mehr aufbessern.

Jetzt wichen unten die Schleier. Wind kam auf, tückischer Wind von unten. Vor ihnen lag ein Schneefeld. Es sah eben aus, keine Berge, keine gefährlichen Bodenrinnen.

Hopkins sah kurz zu Welsh hinüber. Der hatte alles aufgegeben und starrte nur durch die Scheiben. Er schien Hopkins – zu spät – das Kommando zu überlassen.

Hopkins wusste, dass er nichts mehr retten konnte, höchstens noch das Leben der Menschen an Bord … und sein eigenes. Sie mussten landen. Hinter dem Schneefeld ragten Berge auf. Er würde die Maschine nicht mehr hochziehen können, um darüber hinwegzukommen. Niemals. Er musste landen, und es konnte nur eine Bauchlandung im Schnee werden.

Immer näher kam der Schnee. Aber die Sicht war noch immer schlecht. Der Wind ließ die kranke Dakota bocken und beutelte sie. Es gab keine Umkehr. Landung auf volles Risiko. Niemand wusste, ob nicht verborgen unter dem Schnee Felsgrate lauerten. Niemand kannte die Beschaffenheit des Schnees, seine Höhe.

Gestern in heißem Sand, heute im Schnee, dachte Archibald Duggan, und ihn schauderte. Er sah, dass Welsh blass war und krampfte sich mit beiden Händen fest. Der Funker sah aus weit aufgerissenen Augen durch die Scheiben auf die weiße Fläche, die immer schneller auf sie zuraste. Hopkins stellte den Motor ab.

Und dann war es soweit. Kurz vor dem Aufsetzen zog Hopkins die Maschine noch ein wenig hoch. Sie traf zuerst mit dem Heck auf, es polterte, kratzte und knirschte. Dann prasselte es, als würden tausende von Steinen auf den Rumpf geschüttet.

Plötzlich war alles still, totenstill.

Hopkins schnallte sich ab und schrie: „Raus! Schnell raus!“

Es war als wiche eine Lähmung von den Männern. Archibald stürzte nach hinten, sah in die entsetzten Gesichter und wiederholte Hopkins’ Befehl. Read reagierte zuerst. Er öffnete die Tür und stieß sie auf. Im gleichen Augenblick fuhr ihnen eisige Kälte entgegen. Wie ein Todeshauch …

Sie sprangen hinaus, voller Entsetzen vor dem, was ihnen noch bevorstand.

Draußen landeten sie im brusthohen Schnee, dessen verharschte Oberfläche einbrach. Und darunter war alles weich und grundlos.

Einige arbeiteten sich von der Maschine weg, andere blieben neben ihr stehen. Zu den letzteren gehörten Welsh, Gardener, Lance, Verendor und Bud Haller. Archibald hatte sich inzwischen mit Wiss Rossell und den übrigen ein gutes Stück entfernt. Hopkins schrie immer wieder in den Wind: „Weiter, noch weiter!“

„Verdammt, Duggan, es passiert doch nichts, warum schleppen Sie mich hier …“, rief Rossell und taumelte vor Archibald her. In diesem Augenblick geschah es. Wie ein Blitz zuckte eine Flamme auf. Im gleichen Moment knallte die Explosion. Die Tragfläche barst, Treibstoff ergoss sich brennend über die Maschine, über den Schnee und die Menschen, die in der Nahe standen. Dann wieder ein Knall.

„Das war der andere Tank, wir müssen die Jungs retten!“, schrie Hopkins.

Archibald hatte Wiss Rossell sich selbst überlassen und hastete zurück.

Er hörte den schrillen Schrei eines Menschen. Dann sah er eine Fackel aus dem Flammenmeer herauskommen. Eine Fackel, die plötzlich in den Schnee fiel und sich darin herumwälzte. Ein Mensch, ein brennender Mensch.

Wieder stürzte jemand aus dem Feuermeer heraus, rollte sich im Schnee. Dann lag die rußgeschwärzte Gestalt still.

Archibald und Hopkins kamen bei ihr an. Es war Lance, er lebte nicht mehr. Sein Gesicht, seine Kleidung, alles war schwarz und zum Teil verbrannt.

Sie liefen weiter, zu der anderen Gestalt im Schnee. Und auch diese erkannten sie nicht sofort. Dann schrie Hopkins, der sich neben den Schwerverletzten gekniet hatte: „Es ist Gardener! Bill, Junge, hörst du mich? Bill!“

 

 

5

Eisig kalter Wind wehte pulvrigen Schnee in dünnen Schleiern über die verkohlten Trümmer. Dort, wo das Feuer den Schnee geschmolzen hatte, war jetzt Eis, schwarzes, schmutziges Eis, das merkwürdig schillerte. Der Mond stand am Himmel, Vollmond. Und nicht nur deshalb war die Nacht so hell. Um diese Zeit wurde es hier nicht mehr stockdunkel. Zwar blieb es nicht so hell wie weiter im Norden, wo jetzt die Mitternachtssonne schien, aber die Dunkelheit einer richtigen Nacht war es auch nicht.

Im diffusen Licht des Mondes hatten sich die Männer im Windschutz des ausgeglühten Flugzeughecks versammelt. Zwischen ihnen lag Bill Gardener, dessen Brandwunden von Hopkins mit Aluminiumpuder bestreut und dann verbunden worden waren. Es ging Gardener trotzdem nicht besser. Er musste furchtbare Schmerzen haben, klagte über Atemnot und fror erbärmlich. Jeder hatte etwas von seiner Kleidung abgegeben, um Bill damit zu bedecken, aber die Kälte wich nicht von ihm. Er schnatterte mit den Zähnen und wimmerte vor Schmerzen leise vor sich hin. Die anderen konnten ihm nicht helfen.

„Wenn sie uns im Radar gehabt haben, müssen sie uns morgen finden. Dann dürfen wir nicht weg von hier“, erklärte Hopkins.

Archibald dachte an Welsh, dein sie dieses Pech zu verdanken hatten, aber Welsh war tot. Er und die anderen, die neben der Maschine gestanden und nicht auf Hopkins’ Warnung gehört hatten. Welsh, Bud Haller, der Gefangene Verendor und Tom Lance, der Mann vom Marine-Korps, der als Fackel aus dem Feuermeer gesprungen war, um dann doch zu sterben.

Gardener lebte. Noch lebte er. Vielleicht würde er sich noch ein paar Stunden quälen, vielleicht konnte er es schaffen … wer weiß? Selbst wenn sie sofort Hilfe bekamen, stand es mit Bill Gardener, dem Funker, auf Messers Schneide. Aber mit Hilfe war nicht so schnell zu rechnen. Nicht vor dem Morgen. Und bis dahin waren es noch sieben Stunden. Sieben Stunden lang eisige Kälte, Schneetreiben, Wind, der durch alle Kleider drang. Würden die Männer am Radargerät die Maschine überhaupt verfolgt haben? Wusste man auf der Air Base, wo das Wrack lag? Würde man bei der schlechten Witterung am Morgen starten können, um es zu suchen? Fragen, quälende Fragen, auf die es keine Antwort gab.

Zwei der Überlebenden waren Gefangene. Wiss Rossell und Andrew Borew. Aber jetzt sah es niemand, fragte niemand danach. Sie gehörten zusammen, alle. Jetzt ging es um das nackte Leben. Um nichts weiter. Danach würde alles wieder anders sein. Doch jetzt bildeten sie eine Schicksalsgemeinschaft. Denn keiner wollte erfrieren oder verhungern.

„Okay“, sagte Archibald Duggan, „bleiben wir bis zum Morgen hier. Es gibt zunächst keinen besseren Ausweg.“

Wiss Rossell, in dessen Leben es genug gefährliche Situationen gegeben haben mochte, erwiderte: „Es gibt nicht einmal eine andere Wahl, Duggan. Wir müssten ihn mitnehmen, aber womit?“ Er deutete auf den Verletzten, der jetzt in einer Art Ohnmacht dämmerte, die ihm für eine kurze Zeit die Schmerzen ersparte.

Archibald blickte die Männer an, die sich mit ihm neben dem Flugzeugwrack in den Schnee gegraben hatten. Jack Read, dessen kantiger Kopf im Mondschein wie geschnitzt wirkte. Hopkins, von dessen Gesicht kaum etwas zu sehen war, weil er sich den Schal um die untere Partie gebunden hatte. Nur die Augen leuchteten wie die einer Katze. Und neben ihm kauernd Borew, der stiernackige Mann mit den Silberschläfen, dessen Hände einen Mann getötet haben sollten, weil der zur CIA gehört hatte.

Und neben ihm, dicht vor dem ohnmächtigen Gardener, der gefährliche Gegenspieler Archibald Duggans: Wiss Rossell. Als Archibald ihn so betrachtete, musste er unwillkürlich die Ruhe und Gelassenheit Rossells bewundern. Wurden sie gerettet, war Rossell für die nächsten zwanzig Jahre hinter Gittern. Gelang ihm die Flucht nicht binnen der nächsten drei Tage, war er auch dann verloren, wenn er später fliehen konnte. Seine eigenen Leute würden ihn liquidieren, weil sie nicht mehr sicher sein konnten, dass er dichtgehalten hatte. Vielleicht aber waren diese Fragen keine Fragen mehr. Vielleicht schlug ihn der weiße Tod, ihn und alle, die hier kauerten, standen oder hockten.

Wiss Rossell war kein Mörder wie Andrew Borew, kein Verräter wie Nick Verendor. Wiss Rossell war ein Mann vom Geheimdienst des Gegners. Aber einer der gefährlichsten. Archibald empfand gegen ihn keinen Hass, obgleich Rossell nicht zimperlich in der Auswahl seiner Waffen sein würde, wenn es darum ging, die Freiheit wiederzuerlangen.

Rossell wollten sie in den Staaten haben, vielleicht noch nicht einmal, um ihn zu verurteilen. Vielleicht nur, um ihn tagelang, wochenlang zu verhören. Und dann konnten sie ihn laufenlassen. Er war damit verloren, auch wenn er kein Wort verraten sollte. Seine eigenen Leute würden ihn jagen. Archibald wusste das, und Wiss Rossell wusste es auch.

Als Archibald ihn so ansah, hob Rossell den Kopf und erwiderte den Blick. „Fein sehen wir aus, was, Duggan? Jetzt hast du mich endlich, und nun sitzen wir beide in der Tinte.“

„Wenn es nur Tinte wäre, Rossell. Ich denke, bald werden sie dich aufwärmen und dafür sorgen, dass du deine Ruhe hast.“

Wiss Rossell lachte klirrend. „Du bist ein Optimist, Duggan, das kann dir keiner nehmen. Aber deine Leute finden uns nicht. Bei Schlechtwetter ist das mit dem Radar auch nicht immer so unproblematisch. Und wir sitzen schließlich nicht in Rio, Duggan. Da hätten wir keine kalten Füße.“

Hopkins überlegte, was zu tun sei, wenn sie keine Hilfe bekämen. „Selbst wenn wir Naknek nicht finden, müssten wir, wenn wir genau nach Norden marschieren, auf den Huin River stoßen. Und wenn wir den Flussaufwärts marschieren, kommen wir zu einer Niederlassung. Ich kann mich genau an die Karte erinnern. Setchment oder so ähnlich heißt diese Niederlassung. Und dort war eine Funkstelle eingetragen. Das wäre der zweite Ausweg. Für Bill müssten wir dann einen Schlitten bauen.“

„Möglich ist, dass wir für ihn keinen Schlitten mehr zu bauen brauchen“; meinte Read und sah nachdenklich auf Gardener herab. „Wir hatten in Korea einen, der den Chinks vor den Flammenwerfer gerannt war. Der war noch weniger verbrannt als Bill. Er hat nur noch sechs Stunden gelebt.“

„Rede nicht solchen Quatsch, Mann!“, schnauzte ihn Hopkins an. „Bill ist der beste Kamerad, den man sich denken kann, und er muss …“

„Hör auf! Das wollen wir alle! Aber danach fragt uns keiner!“, fuhr ihn Read an. „Ihr Schlipssoldaten von der Air Force, euch sollte man erst einmal durch den Dreck schleifen, dann wisst ihr, was es heißt, mit einem Flugzeug herumzukutschieren, ohne damit umgehen zu können. Schlamperei ist das! Nichts als Schlamperei! Ihr bekommt zu gutes Essen, habt zu viel Freizeit, das ist es!“ Er redete sich in eine sinnlose Wut und sagte Dinge, die überhaupt nicht zur Debatte standen. Aber er wollte sie loswerden und sprach einfach weiter, auch als Archibald ihn zu unterbrechen versuchte. „Diese Sauwirtschaft bei der Air Force, das habe ich schon in Korea erlebt, und damals in Okinawa, als diese Hottentotten unsere eigenen Linien bombardierten. Ja, ein Sauhaufen ist es!“

„Mensch, ich schlage dir die Zähne ein, du verfluchter Fußlatscher!“, schrie Hopkins. Er wollte sich auf Read stürzen, doch da schoss Archibald vor, stieß ihn zurück und brüllte ihn an: „Jetzt reicht es! Es dauert dir wohl zu lange, Hopkins, bis der Schnee dich fertigmacht, wie?“ Dann drehte er sich zu Read um und sagte ruhig: „Deine große Klappe, Read, kannst du in zwei Tagen ausprobieren. Aber jetzt hast du alles gesagt, was zu diesem Thema gesagt werden konnte. Schluss!“

Read schien zu überlegen, ob er sich jetzt auf Archibald stürzen oder besser gehorchen sollte. Dann entschloss er sich zur Besinnung und ließ die angewinkelten Arme sinken.

„Wasser … trinken!“ Das war Bill Gardener. Sofort wandten sich ihm alle zu, und der Streit war vergessen.

Archibald kniete sich neben den Verletzten. „Da, Mund auf, Bill!“, sagte er ruhig und nahm Schnee in die entblößten Hände. Er taute in der Hand und tropfte auf Bill Gardeners Lippen. Der leckte gierig darüber. „Mehr! Mehr!“, stöhnte er.

Read zog einen winzigen Gegenstand aus der Tasche, der fast wie eine Packung Zigaretten aussah. Er stellte ihn in ein Schneeloch, holte mit steifen Fingern eine Tablette aus der Tasche und zündete sie mit dem Feuerzeug an.

„Was ist denn das?“, fragte Wiss Rossell.

„Trockenspiritus. Jetzt brauchen wir nur noch einen Topf“, erwiderte Read.

Wiss Rossell stapfte los und kam mit einem Stück verbogenem Aluminium zurück. „Da, das wäre die Pfanne. Schnee darauf?“

Read nickte.

Das kleine blaue Flämmchen war windgeschützt im Schneeloch. Und es wirkte Wunder. Gar nicht lange, und der Schnee im dreieckigen schalenartigen Trümmerstück wurde zu Wasser.

Archibald fing es mit Hopkins’ Lederkappe ab und gab daraus Gardener zu trinken. Dann aber trank der Verletzte nicht mehr. Er war erneut ohnmächtig geworden.

„Ein Glück für ihn“, meinte Archibald.

„Selbst wenn er gerettet wird, ein glücklicher Mensch wird er nicht mehr mit den Verbrennungen“, sagte Hopkins betrübt.

„Sie tun heute eine Menge. Ich weiß von einem Fall, da sieht man heute kaum noch was von Narben“, erzählte Read.

Und während sie redeten, kniete Archibald neben Gardener, dessen Puls kaum noch zu spüren war. Dann fühlte Archibald ihn gar nicht mehr. Read erklärte gerade, was er kürzlich in einem Magazin über Hautverpflanzungen bei Verbrennungen gelesen habe, da hielt Archibald seinen kleinen Taschen spiegel vor Gardeners Mund. Der Spiegel beschlug nicht. Gardener war seinen Qualen entronnen.

Archibald stand auf und unterbrach Reads Worte mit einer schroffen Geste. „Er ist tot“, sagte er rau.

Read starrte betroffen auf den jungen Menschen, und dann auf Hopkins, der fassungslos schrie: „Nein! Das darf nicht sein! Bill! Bill!“ Er warf sich neben dem Toten auf die Knie und rief immerzu seinen Namen.

Bill Gardener schlief für immer.

 

 

6

Der Morgen kam mit Nebelschleiern und ein wenig wärmerer Luft. Doch es blieb trübe, Nebel und Wolken verdeckten die Sonne, behinderten die Sicht.

Sie hatten Gardener ein Stück weitergetragen und in seinen Pelz gewickelt in den Schnee gelegt. In allem, was sie taten und planten, war die stumme Hoffnung, dass am folgenden Tag Hilfe kommen würde. Es war zu einer fixen Idee geworden, und keiner wagte daran zu denken, wie es sein würde, wenn keine Hilfe käme.

Read verteilte den Zwieback seiner eisernen Ration, dazu wärmten sie Schneewasser auf dem winzigen Spirituskochgestell. „Ich hab’ noch fünf Tabletten, das sind noch fünf Schalen warmes Wasser.“

Ihre Lage war verzweifelt, und sie spürten es. Immer wieder lauschten sie in die klirrende Kälte, ob sie nicht einen Motor hörten, aber sie vernahmen nur das leise Säuseln des aufkommenden Windes, der sich in dem Wrack verfing und die geborstenen und ausgeglühten Trümmer singen ließ wie Stahlsaiten.

Mit dem Wind wich die kaum wahrnehmbare Erwärmung, wich auch der Nebel. Der Wind wurde stärker, und bald pfiff es eisig über die Schneefelder, trieb Wehen auf das Wrack und sprühte sie über die Männer, die dm Schnee hockten.

„Wir sollten einen Iglu bauen wie die Eskimos“, sagte Andrew Borew. Es war das erste Mal, dass er etwas vorschlug. Bisher hatte er wortlos an allem teilgenommen.

„Wir müssen fort hier, sie kommen nicht mehr“, meinte Read.

Aber Archibald und die anderen wollten warten. Der Nebel wich, und die Möglichkeit, entdeckt zu werden, wuchs. Archibald und Hopkins kletterten in den Flugzeugtrümmern herum, um vielleicht etwas zu finden, das sie im Schnee ausbreiten konnten als eine Art Kreuz oder Signalzeichen. Es gab nichts als schwärzliches Metall.

Je stärker der Wind wurde, desto mehr wurden sie vom Schnee verweht. Um sich zu beschäftigen und warm zu halten, schaufelten sie immer wieder das Wrack frei, weil es ihr bestes Signal an ein über ihnen fliegendes Flugzeug sein würde. Doch nachher gaben sie auf. Sie waren müde, hungrig und verzweifelt.

Es wurde Mittag. Noch hatten sie Zigaretten, eine Tafel Schokolade und die fünf Spiritustabletten. Archibald übergab alle Zigaretten an Read, auch die Schokolade. „Du wirst sie für uns alle aufbewahren, Jack! Jeder hat dasselbe zu bekommen.“

„Diese beiden Windhunde bekommen keine Zigarette ab“, forderte Hopkins und meinte Rossell und Borew.

„Sie haben dieselben Ansprüche, solange wir hier nicht heraus sind“, erklärte Archibald entschlossen.

„Vielleicht bauen wir denen noch eine Sänfte, wie?“, schrie Hopkins empört.

„Halt den Mund, Hank, du weißt genau, dass in einer solchen Lage jeder zu jedem stehen muss. Vielleicht brauchst du sie beide noch!“ Archibald wandte sich ab, weil ihm solche Streiterei angesichts ihrer Situation lächerlich schien.

Es war Mittag, und bis jetzt war noch kein Flugzeug über ihnen oder nur in der Nähe zu hören gewesen. Er zweifelte nicht mehr daran, dass sie vergeblich warteten. Und in ein paar Stunden würde das Wrack völlig vom heulenden Wind mit Schnee zugeweht sein. Warten hatte keinen Sinn mehr. Sie mussten sich zum Huin River durchschlagen, mussten versuchen, von da bis nach Naknek durchzukommen.

„Wir müssen weg hier! Versuchen wir also zum Huin River zu kommen“, schlug Archibald vor.

„Eine andere Lösung haben wir nicht mehr. Eure Radaronkels haben gepennt, das ist es“, erwiderte Wiss Rossell. „Ich glaube, Duggan, so allmählich errechne ich mir eine Chance.“

„Da hast du’s!“, schrie Hopkins. „Dieser Bastard macht sich schon mausig!“ Er kam mit angewinkelten Armen und geschlossenen Fäusten auf Wiss Rossell zu. „Dir Mistkerl schlage ich …“

„Lass das!“, befahl Archibald scharf. „Macht euch fertig, wir brechen auf! Jeder von euch geht fünf Minuten lang voraus. Die anderen folgen dicht aufgeschlossen. Hank Hopkins, gib deine Kompassuhr an Read ab, er macht den Anfang!“

Read streifte sie aufs Handgelenk, dann klappte er sich die Kapuze seines dreiviertellangen Pelzmantels über. Die anderen blickten abwartend auf Archibald, als müsse er ihnen noch sagen, wer nach Read gehen solle.

„Los, Rossell, jetzt du! Und dann Hopkins, nach ihm Borew. Ich mache den Schluss. Read, wir müssen genau nach Norden. Ist das richtig, Hopkins?“

„Ich würde sagen genau zwei Strich westlich.“

„Also dann!“

Sie waren aus dem schützenden Schneeloch heraus. Oben empfing sie der Wind mit grimmiger Kälte. Und er kam von schräg vorn.

Read versank im Schnee, wühlte sich durch, fand Harsch, konnte ein paar Schritte oben gehen, um wieder einzusinken. Die anderen hatten es leichter, sie gingen in der Gasse, die Read für sie bahnte.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738936223
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v513228
Schlagworte
archibald duggan höllenfahrt hindernissen

Autor

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Titel: Archibald Duggan und die Höllenfahrt mit Hindernissen