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Drei halten fest zusammen

2019 112 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Drei halten fest zusammen

Copyright

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Drei halten fest zusammen

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

 

Die vierzehnjährige Elke hat nur noch ihre Großeltern, zu denen sie auf den Weg von Hamburg nach Österreich ist. Sie wünscht sich sehnlichst, dort neue Freunde zu finden. Doch sie wird von den gleichaltrigen Mädchen im Dorf gemieden. Der Zufall will es, dass sie sich mit Leonhard anfreundet. Doch das passt der Kathi, deren Eltern gut betucht sind, gar nicht …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Vor gut einer Stunde hatten sie die Grenze passiert. Je weiter der Zug jetzt durch die Landschaft brauste, umso höher wurden die Berge. Viele Urlauber befanden sich im Zug. Und man war fröhlicher Dinge, lachte und scherzte. So bemerkte man kaum das vierzehnjährige Mädchen, das still und gedrückt in seiner Ecke saß und in die Landschaft starrte. Ihr war, als würden die Räder über ihr Herz hinwegrollen. So schwer und traurig fühlte sie sich. Mit jeder Umdrehung entfernte sich mehr, was sie liebte und kannte, wo sie zu Hause gewesen war. Vielleicht würde sie alles nie mehr wiedersehen. Als sie so daran dachte, purzelten die Tränen schon wieder aus ihren Augen. Sie sah sich in der Scheibe, ein kleines, zerdrücktes halb fertiges Jungmädchengesicht. Mit dem Handrücken wischte sie sich hastig die Augen wieder trocken.

Ich darf jetzt nicht mehr weinen, dachte sie, gleich sind wir da, und dann sind sie ganz rot und hässlich. Kein Wunder, dass sie mich dann alle auslachen werden. Aber eigentlich ist es mir auch egal. Warum bin ich nicht tot? Ich möchte tot sein wie Musch.

Fast wären die Tränen wieder gelaufen, wenn in diesem Augenblick nicht der Zugschaffner die Tür geöffnet hätte. Tante Meta hatte in Hamburg mit ihm gesprochen und ihm die Nichte ans Herz gelegt.

»Sie war noch nie verreist, wissen Sie, und jetzt gleich die weite Reise. Wenn Sie so nett sein würden, und mal hin und wieder nach ihr schauen?«

Er hatte das schlanke Mädchen mit den hellbraunen Zöpfchen angeblickt. In ihrer Traurigkeit wirkte sie wie eine kleine düstere Vogelscheuche. Der Mann dachte: Warum ziehen sie sich so düster an, wenn einer gestorben ist? Damit wird doch alles nur noch viel schwerer. Muss man denn ein schwarzes Kleid tragen, wenn man trauern will?

Aber er war nur ein einfacher Mann, und man fragte ihn nicht nach seiner Meinung. Somit hatte er nur genickt, sie an der Hand genommen und dafür gesorgt, dass sie einen Fensterplatz bekam.

Über zwölf Stunden waren sie jetzt zusammen gewesen, das heißt im selben Zug gefahren. An der Grenze hatte sie umsteigen müssen. Weil er selbst hier in der Nähe zu Hause war, hatte er sie mitgenommen und wiederum alles für sie getan. Aber es war so wenig und er spürte, sie war halb krank vor Traurigkeit. Kein Wunder, dachte er nur, und musste zugleich an seine eigene Tochter denken. Sie waren ja noch so jung und so ängstlich und dann auf einmal so allein.

Elke Eichfuß blickte ihn traurig an.

»Wir sind gleich da«, räusperte er sich.

»Es handelt sich höchstens noch um ein paar Minuten, dann sind wir in Wörgl. Wirst du abgeholt?«

Elke blickte auf ihre schmalen Hände und flüsterte: »Ich weiß es nicht.«

»Verdammt«, fluchte er leise vor sich hin. Aber da kam ein Zuggast daher, und er musste ihm Platz machen. »Na ja«, meinte er hastig. »Ich werde es ja sehen, und hab keine Angst, ja!« Bald hätte er Hascherl hinzugesetzt, aber dann tat er es doch nicht.

Elke blickte wieder aus dem Zug. Die Berge lagen jetzt weiter zurück, ein breites Tal, das Inntal, tat sich auf. Sie sah Wiesen und Äcker und dazwischen kleine Straßen. Überall befanden sich fleißige Menschen bei der Arbeit. Eine Frau trug einen Henkelkorb und spazierte über einen hellen Sandweg. Sie konnte sie sehr lange sehen, dann aber machte der Zug eine Kurve, und sie war verschwunden.

Das Betrachten der Unbekannten ließ sie wieder an die tote Mutter denken. Vor vier Wochen hatte man sie auf den Friedhof gebracht. Alles war so schrecklich gewesen in Hamburg. Der Unfall, die Nachricht, die leere Wohnung, die vielen Mitschülerinnen, die am Grabe ihrer Mutter gesungen hatten. Sie war weinend zusammengebrochen, hatte einen Schreikrampf bekommen und die ganze Nacht wie erstarrt im Bett gelegen und nicht gewusst, wie es weitergehen sollte.

Musch, ihre geliebte Musch, sie war tot. Von einem Auto war sie überfahren worden. Und sie war sogar schuldig, hatten die Beamten ihr gesagt. Sie sei direkt vor das Auto gelaufen. Aber doch nur, weil sie so abgehetzt und müde war, tagsüber arbeiten musste und dann den Haushalt versorgen. Nie reichte es hinten und vorn. Immer hatten sie beide zusammen von einem kleinen Urlaub geträumt in den Bergen bei den Großeltern. Sie wohnten in Tirol. Doch nie hatte das Fahrgeld gereicht, so sehr sie auch gespart hatten, immer hatten sie es dann für wichtigere Dinge anbrechen müssen.

Als der Vater noch gelebt hatte, war alles nicht so schlimm gewesen. Elke konnte sich noch genau an ihn erinnern. Damals hatten sie auch mal einen Sommer in den Bergen verbracht. Daran hatte sie keine Erinnerung mehr. Dann war der Vater gestorben, und die Mutter hatte arbeiten gehen müssen. Als sie tot war, hatte sich Tante Meta um sie gekümmert. Sie hatte den Haushalt aufgelöst. Nichts, aber auch nichts hatte sie behalten können. Der Transport wäre zu teuer gekommen. Nur ihre Kleider, ein paar Bücher und das Fotoalbum waren ihr geblieben und sonst gar nichts. Zuerst hatte sie gedacht, sie würde jetzt bei Tante Meta wohnen bleiben, bis sie erwachsen war, aber das ging auch nicht. Sie hatten selbst vier Kinder und nur eine sehr kleine Wohnung. Da hätte Tante Meta an die Großeltern geschrieben. Vor einer Woche war dann die Nachricht eingetroffen, sie solle kommen, man würde jetzt für Elke sorgen. Schließlich war Elkes Mutter ihr einziges Kind gewesen. Die Großeltern waren nicht reich und auch nicht mehr ganz gesund, deshalb hatten sie auch nicht zur Beerdigung kommen können. Schließlich waren es über eintausendfünfhundert Kilometer mit der Bahn, die man zurücklegen musste, anschließend noch ein Stück mit dem Bus.

Als sie sich von ihren besten Freundinnen, von der Schule und der Lehrerin verabschieden musste, da war ihr, als würde sie selbst sterben. Es war schrecklich gewesen. Wie abgeschnitten, ausgestoßen war sie sich plötzlich vorgekommen. Nun hatte sie keinen Menschen mehr, dem sie sich anvertrauen konnte.

Sie fuhr in ein ungewisses Leben, und darum weinte sie so viel und hatte Angst, zitterte und wünschte sich, sie wäre auch tot. Dann brauchte sie jetzt nicht gleich aus dem Zug zu steigen und vielleicht war keiner da und dann ...

Der Zug stieß einen schrillen Pfiff aus. Mit einem Ruck hielt er auf dem kleinen Bahnhof von Wörgl. Ganz benommen stand Elke von ihrem Platz auf. Wäre jetzt der nette Zugschaffner nicht gekommen, so hätte sie nur die Hälfte von ihren Sachen mitbekommen. So sprach er gütig auf sie ein und sagte: »Schau nur raus, geh und schau auf den Bahnsteig! Ich bring schon deine Sachen. Werd mich um alles kümmern. Wird schon alles recht werden.«

Sie nickte schwach. Als sie an ihm vorbeiging, strich er unbeholfen über ihr Haar. Sie spürte diese zärtliche Geste und wäre am liebsten dem Mann um den Hals gefallen und hätte wieder geweint. Der Kloß in ihrer Kehle wurde immer dicker und größer.

Vor ihren Augen lag ein flimmernder Schleier, kaum dass sie aussteigen, geschweige überhaupt etwas auf dem Bahnsteig erkennen konnte. Da purzelten neben ihr der Koffer und die Kästen hin, und sie stand verloren da. Die Sonne stach ihr in die empfindlichen Augen. Auf einmal sah sie einen großen Schatten auf sich zukommen, und zwei Arme umfassten sie.

»Schau, Elke, da bist du ja, wie mich das freut.«

Verwirrt hob sie den Kopf und blickte in zwei blaue Augen. Das Gesicht wirkte verknittert und war auch nicht mehr sehr jung. Aber sie erkannte schon die Ähnlichkeit der Mutter darin wieder.

»Großvater«, sagte sie scheu.

»Ja, der bin ich. Und ich bin froh, dass du jetzt bei uns bleiben willst, Dirndl.«

»Grüß Gott«, sagte der Zugschaffner. »Da ist ja jemand gekommen. Das ist nett. Ich hab mich während der Fahrt ein wenig um das Kind gekümmert.«

»Dafür bedank ich mich auch schön«, sagte der Großvater Trenkwaider mit seiner tiefen dunklen Stimme.

Man sprach noch ein paar Worte miteinander. Elke bedankte sich selbst auch noch mal, aber dann mussten sie sich eilen, denn gleich würde der Bus abfahren, der sie nach Auffach bringen sollte. Er hielt vor dem Bahnhof. Schnell hatten sie die Sachen verstaut. Als sie Platz genommen hatten, stürmte eine Meute Kinder in den Bus und setzte sich lachend nieder. Man hatte sich ja so viel zu erzählen.

»Ja«, sagte der Großvater, »nächste Woche musst du auch immer mit diesem Bus nach Wörgl zur Schule fahren. Gehst ja in die höhere Schule, und ich habe dich schon angemeldet. Hoffentlich ist es nicht zu schwer für dich, denn hier sind wir ja in Österreich und nicht in Deutschland. Aber bist ein braves Mädel und wirst es schon schaffen.«

Elke warf einen Blick auf die Schuljugend. Sie war ziemlich gewürfelt, kleinere Kinder und auch ganz große. Nur wer das Gymnasium besuchte, der musste nach Wörgl. Die anderen Kinder aus der Wildschönau, wo der Großvater lebte, fuhren nach Niederau in die Grund- und Hauptschule.

In diesem Augenblick bestieg ein hochgewachsener Junge von ungefähr sechzehn Jahren den Bus. Er hatte fast weißblondes Haar und dazu ganz braune Augen. Elke konnte seltsamerweise nicht aufhören, ihn anzublicken. Er hatte auch etwas Gewinnendes an sich, ein offenes ehrliches Gesicht, aber man sah auch, dass er sehr ernst sein konnte. Für ihn war schon längst das Leben keine Spielerei mehr. Hinter ihm waren zwei Mädchen in Elkes Alter eingestiegen. Sie kicherten und stießen sich unaufhörlich an. Elke merkte ganz genau, dass sie bemüht waren, beide in die Nähe des Jungen zu kommen. Aber dieser schien sie kaum zu bemerken.

Dann wurden die Türen zugeknallt, und der Bus fuhr mit einem Ruck an. Er schlängelte sich durch die engen Straßen von Wörgl, um dann eine Kurve zu fahren. Sofort befand er sich auf der Straße zu den Bergen. Der Bus keuchte und schnaufte, und es war für ihn wirklich nicht einfach, die Haarnadelkurven zu fahren. Elke mochte gar nicht aus dem Fenster sehen, so tief waren die Schluchten an ihrer Seite.

Der Großvater spürte ihre Angst, legte seine große Hand auf ihre schmalen und sagte lachend: »Keine Sorge, er schafft es schon. All die Jahre Tag für Tag fährt er diesen Weg, Elke.«

»Wirklich?«, fragte sie erleichtert.

»Das Leben in den Bergen ist schon ein wenig anders, aber du wirst es schon lernen. Nur Angst haben darfst nicht, dann geht alles viel besser.«

»Ich will mich bemühen«, sagte sie mit zuckenden Lippen.

Dann hatten sie auch schon die Bergstraße hinter sich gelassen und fuhren durch das erste Dorf der Wildschönau. Es war Niederau. Hier sah sie viele buntbemalte Häuser, und sie fand sie alle sehr lustig. Viele Kinder stiegen hier schon aus. Dann ging es weiter nach Oberau. Hier wiederum kletterten die Kinder hastig aus dem Bus, denn sie wollten jetzt alle heim zur Mutter.

Jetzt befanden sich nur noch der Großvater, der fremde Junge und die beiden Mädchen und sie selbst in dem Bus. In Mühlthal stieg keiner aus.

»Ja«, sagte der Großvater und wies mit einer Hand auf die beiden Mädchen. Sie saßen mit dem Rücken zu ihnen. »Das sind also die Marianne Haberer und die Kathi Dander. Sie wohnen auch in Auffach und sind in deinem Alter. Ich hoffe, ihr werdet recht bald Freundinnen, dann ist es auch für dich nicht langweilig, und du vergisst schneller deinen großen Kummer.«

Elke schloss für ein paar Sekunden die Augen. Sie sah ihre Freundinnen aus Hamburg vor sich. Man hatte sich versprochen, sich immer zu schreiben. Aber Elke wusste jetzt schon, man würde es eine Weile durchhalten, dann aber damit aufhören. Sie waren so weit weg und würden sich wohl nie mehr wiedersehen. Die Augen schwammen wieder in Tränen.

Der Bus hielt vor der Kirche. Schwatzend und lachend stiegen Kathi und Marianne aus. Sie trugen beide ein Dirndl und man sah sofort, dass die Eltern nicht arm waren. Der Junge stieg auch aus, grüßte kurz den Großvater, dann ging er mit langen Schritten davon. Elke sah noch, wie er in den Kaufmannsladen eintrat.

»Ja, dann wollen wir uns mal mit deinen Sachen bepacken und zur Großmutter gehen. Sicher wird sie schon mit dem Essen auf uns warten.«

Der Weg war steinig und schmal. Das Häuschen des Großvaters lag über dem Dorf Auffach. Es sah längst nicht so prachtvoll aus wie die anderen Häuser ringsherum. Es lag auf halbem Weg nach Bernau, genauer gesagt, an einer Wegbiegung. Ein kleiner brauner Zaun umgab das Anwesen. Die Fenster waren mit Blumenkästen geschmückt. Es machte einen anheimelnden Eindruck. Und als jetzt die Großmutter in den Laubengang trat und die Arme nach dem Enkelkind ausstreckte, da fühlte Elke zum ersten Male, dass sich der Kloß in ihrer Kehle auflöste.

»O Großmutter«, schluchzte sie und legte die Arme um den alten zerknitterten Hals.

»Kindchen«, sagte diese. »Ich freue mich, dass ich dich endlich wiedersehe.«

»Ich bring das Gepäck schon mal nach oben«, räusperte sich der Großvater, der bei Tränen selbst immer ganz rührselig wurde.

»Ja, ja«, sagte die Großmutter. »Komm nur, bestimmt hast du auch Hunger. Das Essen ist schon fertig. Komm nur in die Küche, Elke!«

Sie war recht klein, aber gemütlich. Auf der Ofenbank lag eine kleine Katze. Der Duft von gutem Essen lag in der Luft. Elke wusste, die Großeltern waren nicht reich, aber sie hatten ein gutes Herz. Vielleicht würde sie hier wieder glücklich werden und alles vergessen.

Wenig später saßen sie um den kleinen runden Tisch. Für Elke waren die Knödel fremd und auch das Kraut. Bei ihnen in Hamburg hatte alles ganz anders geschmeckt. Aber sie mochte es, denn sie hatte wirklich großen Hunger.

»Groß bist du geworden, richtig stattlich«, sagte die Großmutter.

»Ich kann auch schon viel im Haushalt helfen«, erklärte Elke. »Der …« Aber dann brach sie abrupt ab. Sie hatte sagen wollen: Der Mutter hab ich auch immer geholfen. Aber sie konnte das Wort noch nicht aussprechen, ohne in Tränen auszubrechen.

Aber die Großmutter hatte auch so verstanden.

»Darauf freu ich mich schon«, sagte sie herzlich. »Aber weißt, zuerst musst mal hier alles kennenlernen, und dann ist ja auch noch die Schule da. Gewiss musst du da viel lernen.«

»Ach, ich lern recht schnell«, sagt sie lächelnd. »Wäre ich keine gute Schülerin, hätte mich die Mutter ...« Jetzt hatte sie es doch ausgesprochen und war selbst ein wenig erschrocken darüber.

»Du bekommst ja jetzt eine kleine Rente«, sagte der Großvater schnell, um ihr Gelegenheit zu geben, sich wieder zu fangen. »Davon wirst wohl fertig lernen können.«

»Ja«, sagte sie schwach.

Nach dem Essen zeigte die Großmutter ihr das Zimmer. Früher hatte die Mutter darin gelebt. Jetzt sollte sie hier ihr kleines Reich aufschlagen. Elke fand die bemalten Möbel ulkig, und zum ersten Male nach langer Zeit lachte sie wieder auf. Und dann die kleinen Fenster. Wenn man den Kopf rausstreckte, wurde es im Zimmer dunkel. Von ihrem Zimmer konnten sie auch auf den Söller gehen. Der führte wie bei den anderen Häusern rund um das ganze Haus. Das fand sie sehr praktisch. Wenn sie Lust hatte, konnte sie den kleinen Tisch dorthin stellen und die Schularbeiten im Freien machen. Und dann erst mal der Blick. Sie konnte über das ganze Tal sehen und genau erkennen, wenn unten ein Auto ins Dorf kam.

Die Berge waren so hoch, oben sah sie auch noch Häuser und Höfe stehen. Hier war es wunderschön, aber zugleich fühlte sie auch einen tiefen Stich im Herzen. Daheim hatte sie von ihrem Fenster aus den Hafen mit den vielen Schiffen sehen können. Wie lustig und aufregend war es da mitunter zugegangen. Und mit ihren Freundinnen war sie oft hingelaufen, wenn besonders große Schiffe anlegten oder die Windjammer, die berühmten Segelschiffe.

Nein, es war wohl nicht gut, wenn man zurückdachte. Das machte nur noch trauriger. Und die Großeltern waren doch so lieb, sie musste sich jetzt wirklich zusammennehmen. Aber als sie dann ihre Sachen auspackte und das Bild der Eltern in den Händen hielt, da saß sie schon wieder wie ein kleines Häuflein Elend auf dem Bett.

Es würde sehr schwer sein.

Als sie dann nach einer Weile wieder unten in der Küche war, da meinte die Großmutter: »Es ist besser, Kind, wenn du nicht mehr die dunkle Kleidung trägst. Sieh, man trauert doch mit dem Herzen und nicht mit dunklen Kleidern. Da muss man ja gedrückt werden.«

»Die Tante hat mir gesagt, man muss das tragen.«

»Möchtest du es denn?«, fragte sie schlicht.

»Nein«, sagte Elke gequält. »Aber ich hab gedacht ...«

»Zieh dir etwas anderes an, und das dunkle Kleid steckst du ganz tief in den Schrank!«

»Ja, Großmutter.«

Wenig später trug sie dann einen karierten Rock und eine Bluse. Sogleich fühlte sie sich nicht mehr so dumpf. Ihr war, als hätte bis jetzt ein dicker Ring um ihren Körper gelegen.

Jetzt saß sie mit der Großmutter und dem Großvater im Laubengang und sprach von Hamburg. Je mehr sie davon erzählte, umso wohler fühlte sie sich. Mit Recht soll man sich aussprechen, besonders über das, was einen so drückt, dann wird es gleich viel heller im Herzen. Nur dass sie über alles sprechen konnte, machte sie schon ganz froh.

 

 

2

Großvater hatte gesagt: »Du bist schon groß und verständig. Du kannst alles schon allein, nicht wahr?« Daraufhin hatte sie nur schwach genickt und wirklich geglaubt, alles allein zu können. Daheim in der kleinen Stube hatte alles so einfach ausgesehen. Aber dann am Morgen, als sie ihre Schultasche packte und ins Dorf musste, um den Bus nach Wörgl zu nehmen, war ihr gar seltsam ums Herz gewesen.

Dieselben Kinder wie am Vortag waren auch heute im Bus. Aber niemand kümmerte sich um das fremde Mädchen mit den großen traurigen Augen. Sie schwatzten und lachten in einem fort und hatten sich so viel zu erzählen.

Elke hatte ganz still am Fenster gesessen und auf die Straße geblickt. In Wörgl war sie dann mit den anderen ausgestiegen und ihnen einfach nachgegangen. Der Großvater hatte ihr gesagt, dass das die beste Art sei, die Schule zu finden.

Kathi und Marianne bemerkten die Fremde sehr wohl. Sie stießen sich an und kicherten.

»Guck, mal, die blöde Gans geht uns immer nach. Merkst du das auch?«

»Die hat wohl nicht alle Schrauben festsitzen«, gab Kathi zurück.

Sie sprachen so laut, dass Elke jedes Wort verstand. Das sollte sie ja auch. Auf dem großen Schulhof hatten sie sich dann verloren. Sie ging zum Büro der Schule. Als sie im dunklen Flur stand, hätte sie es recht gern gehabt, wenn der Großvater an ihrer Seite gewesen wäre. Er hätte ihr mehr Vertrauen eingeflößt. Zaghaft klopfte sie an der Tür. Eine jüngere Dame empfing sie.

»Ich weiß schon Bescheid, Elke«, sagte sie freundlich. »Komm nur, ich bringe dich zu deiner Klasse, sonst verläufst du dich noch in unserer Schule. Nachher in der Pause können die Klassenkameradinnen dir ja alles zeigen. Bestimmt werden sie das gern tun.«

»Danke«, flüsterte Elke und umklammerte ihre Büchertasche.

Sie mussten in der Tat treppauf und treppab laufen, bis die Sekretärin endlich an einer Tür im Obergeschoss klopfte. Längst hatte die Stunde angefangen.

Die Lehrerin hieß Ilse Stengl und war auch sehr nett. Elke fasste sofort Zutrauen zu ihr.

»Wir haben eine neue Schülerin. Sie kommt aus Deutschland und wird jetzt bei uns bleiben. Ich hoffe, Ihr nehmt euch ein wenig der Neuen an und zeigt ihr alles. Und nun sag selbst deinen Namen.«

»Ich heiße Elke Eichfuß«, sagte sie leise.

Die Kinder lachten sofort, denn da sie aus Hamburg kam, sprach sie ein wenig anders, und die Kinder fanden das lustig und komisch.

Fräulein Stengl wies ihr einen Platz am Fenster zu. Sie saß allein, da im Augenblick ihre Banknachbarin krank war. Hinter ihr saß Kathi und Marianne. Sie stießen sich an und kicherten wieder.

Fräulein Stengl wollte in der Stunde wissen, wie weit Eike mit dem Stoff vertraut war und ließ sich zuerst die Bücher zeigen. Dann sagte sie ihr freundlich: »Ich werde dir in der Pause unsere besorgen, dann wirst du sehr schnell den Anschluss finden.«

Fräulein Stengl war die Klassenlehrerin und gab Deutsch und Englisch. Wie sich sehr schnell herausstellte, war Elke viel weiter und darum konnte sie auch auf jede Frage antworten. Es machte sie froh. Sie hatte schon Angst gehabt, sie würde viel nacharbeiten müssen.

Aber den Mitschülerinnen passte das gar nicht, und sie mochten sie überhaupt nicht, fanden sie eingebildet und hochnäsig. Das war Elke aber gar nicht. Wie konnten sie auch ahnen, wie es im Augenblick in ihrem Herzen aussah. Wenn sie die Augen schloss, dann träumte sie, sie befände sich wieder in Hamburg bei ihren Freundinnen, und Musch lebte natürlich noch. Ach, sie würde es nie vergessen.

Die Schulglocke riss sie in die raue Wirklichkeit zurück. Sie zuckte zusammen und stand auf. Alle Kinder stürmten mit einem freudigen Aufschrei aus der Klasse. Und im Treppenhaus hörte es sich an, als befände sich dort eine in Panik befindliche Elefantenherde. Elke ging langsam nach unten. Sie aß das Brot, das ihr die Großmutter mitgegeben hatte. Schon an der Kleidung fühlte sie sich als Fremdkörper. Sie alle trugen der Bergwelt angepasst ihr Dirndl. Selbst die Jungen waren heimisch angezogen. Und sie trug nur einen Rock und eine schlichte Bluse. Gern hätte sie auch ein Dirndlkleid angezogen, schon um nicht äußerlich aufzufallen, aber sie hatte so wenig Geld, und den Großeltern mochte sie nicht mit dieser Bitte kommen.

Verzweifelt suchten ihre Augen die beiden Mädchen aus Auffach. Kathi und Marianne sahen sie sehr wohl. Sie hatten ein wenig weiter Aufstellung genommen und musterten sie.

»Diese aufgeblasene Pute«, schimpfte Kathi, »tut sich wichtig und will alles besser wissen. Und wie doof die spricht. Und wie die heißt, Elke, so einen Namen habe ich noch nie gehört. Der klingt so richtig doof, ehrlich.« Alles was Kathi sagte, war für Marianne Haberer so etwas wie das Evangelium. Sie ordnete sich ihrer Freundin ganz unter. Zwar dachte sie in diesem Augenblick, die Fremde hat so traurige Augen und wie verloren sie da steht. Hat Fräulein Stengl nicht vorhin gesagt, wir sollten uns ein wenig um sie kümmern?

Schüchtern machte sie vor Kathi diesen Einwand.

»Und?«, sagte diese und zuckte mit der Schulter. »Hat sie damit vielleicht uns gemeint? Es gibt außer uns noch achtundzwanzig andere Kinder in der Klasse.«

»Aber die kümmern sich auch nicht um die Fremde.«

»Wenn sie gescheit ist«, meinte Kathi, »dann merkt sie gleich, dass Wichtigtuer bei uns nicht weit kommen. Und überhaupt, sie hätte dort bleiben können, wo sie vorher war. Sie stört unsere Gemeinschaft.«

Marianne konnte nichts mehr antworten. Da bimmelte schon wieder die Pausenglocke, und sie strömten alle in das große Gebäude. Elke tat das Gleiche, aber in der Aufregung hatte sie sich die Zimmernummer ihrer Klasse nicht gemerkt, und so verirrte sie sich vollkommen. Sie geriet in eine falsche Klasse. Dort musste man ihr erst sagen, wohin sie gehen musste. So hatte die Deutschstunde schon längst angefangen, als Elke das Klassenzimmer betrat. Sie entschuldigte sich errötend und sagte: »Ich habe mich verlaufen. Es soll nicht wieder vorkommen.«

Fräulein Stengl wollte etwas sagen. Dann warf sie einen Blick in die Klasse und wusste Bescheid. O nein, dachte sie, und ich hab gedacht, ich habe Prachtmädels, aber sie haben alle einen Dickschädel. Natürlich konnte sie sich sofort denken, was sich hier abspielte. Aber sie durfte die Neue noch nicht mal in Schutz nehmen und die Klasse zurechtweisen, das würde sie nur noch mehr aufbringen, und man würde die Fremde noch mehr hassen.

»Geh auf deinen Platz«, sagte sie freundlich.

Der erste Schultag war wirklich eine Qual, aber Elke überstand ihn. Später schlich sie sich wie ein geprügelter Hund zur Haltestelle. Dort standen auch Marianne und Kathi, aber die taten so, als sähen sie Elke gar nicht. Dann kamen auch all die anderen Schulkinder. Bald war der Bus voll und setzte sich rumpelnd in Bewegung.

Elkes Augen schwammen in Tränen, als sie nach Hause ging. Vor ihr schritt der Junge. Außer seiner Büchertasche trug er auch noch zwei Einkaufstaschen. Sie bog zum Häuschen ab, aber er ging unermüdlich weiter. Die Großmutter kam ihr entgegen und wollte wissen, ob es ihr in der Schule gefalle.

»Ja«, sagte sie hastig. Sie sollte nicht die ungeweinten Tränen sehen. Großmutter würde sich sonst nur Sorgen machen, wenn sie Schwierigkeiten hatte.

Bei Tisch sagte sie daher recht froh: »Dann wirst du auch bald Freundinnen haben und alles Schlimme vergessen. Du bist noch so jung, und da darf man nicht lange traurig sein.«

»Nein«, sagte sie leise.

Aber die Tage verrannen, und nichts änderte sich. Wenn sie morgens in ihrem Stübchen erwachte und die Bergspitzen hell in der Sonne aufleuchten sah, wenn unten im Dorf die Kuhglocke bimmelte und alles so friedlich und schön aussah, dann spürte Elke ganz deutlich, wie sich der schwere Stein auf ihr Herz wälzte. Gleich musste sie wieder ihre Tasche packen und runter ins Dorf gehen. An der Haltestelle würden die beiden Mädchen stehen und sie feindlich anblicken. Und dann den ganzen Morgen in der Schule. Sie war nun einmal eine gute Schülerin, und in Hamburg war sie auf dem strengsten Gymnasium gewesen, darum war sie jetzt umso vieles weiter. Aber sollte sie sich jetzt dümmer stellen, nur um mehr Anschein zu gewinnen? Sie hatte doch nichts anders als ihren Kopf, und ihr Lebensweg war doch so schwer. Kathi und Marianne hatten reiche und angesehene Eltern. Sie ließen sie das sehr spüren, dass sie nur die Großeltern hatte. Und diese waren wirklich nicht reich und bewohnten das kleinste Häuschen im Ort.

Als eine Woche vorüber war, hatte sich noch immer nichts geändert. Aber die Großmutter fragte immer erstaunt: »Ja, warum gehst du denn nicht zu deinen Freundinnen? Junges Volk muss zusammen sein. Und im Augenblick kannst du mir wirklich nicht helfen, Elke.«

Nach den Schularbeiten hatte sie sich immer angeboten, man möge ihr doch Arbeit geben, damit sie etwas zu tun hatte. Aber das kleine Häuschen und der winzige Garten waren nun mal schnell gereinigt.

»Ja«, sagte sie, »heute gehe ich hinunter.«

Aber sie ging nicht nach Auffach, denn was sollte sie dort tun? Doch sie musste eine Weile von daheim fortbleiben, und so stieg sie den Weg weiter nach oben. Er führte über Bernau und dann direkt in die Berge. Sie würde einfach ein wenig wandern.

 

 

3

Es war ein heller schöner Tag und die Sonne brannte recht heiß auf Elke hernieder. Sie war nur bis zur nächsten Wegbiegung gelaufen, dort hatte sich Elke auf eine Bank gesetzt und blickte jetzt ins Tal. So viele Urlauber waren jetzt hier und erfreuten sich der schönen Bergwelt. Es war ja auch so schön hier, aber sie hatte Heimweh, so schreckliches Heimweh. Mit keinem konnte sie darüber sprechen. Auch sie sehnte sich verzweifelt nach Hamburg zurück. Warum hatte sie nicht dort bleiben können? Der Verlust der Mutter war ja schon schrecklich genug, aber sie hätte dann noch ihre Freundinnen gehabt, und die hätten sich bestimmt um sie gekümmert. Dort war auch die alte Umgebung. So vieles hätte sie an die Mutter erinnert. Wenn sie dann mal traurig gewesen wäre, wäre sie zum Hafen hinuntergelaufen, dort wäre dann die Traurigkeit nach einer Weile verflogen.

Da saß nun das Mädchen, verzweifelt und einsam und starrte mit leeren Augen auf das wunderschöne Panorama der Bergwelt. Doch dann lag auf einmal ein langer Schatten auf dem gelben Weg. Elke wollte wieder weiterlaufen, sie hatte Angst vor Fremden, aber es war zu spät. So stieß sie mit dem Jungen aus dem Bus zusammen. Er war einen Kopf größer als sie und blickte sie jetzt erstaunt an.

Elke sah, dass er ein kleines Mädchen auf dem Arm trug und dazu noch zwei schwere Taschen. Der Schweiß rann ihm in kleinen Bächen über das Gesicht. Jetzt lächelte der Junge schwach.

Elke dachte, der muss doch ganz müde Arme haben. Das Bergsteigen selbst ist doch schon sehr schwer, und dann noch zwei Taschen und ein Kind! Sein Lächeln war so vertrauenserweckend, und ganz spontan sagte sie und war selbst über ihre Kühnheit erschrocken: »Kann ich dir nicht ein wenig beim Tragen helfen?«

»Ach«, sagte der Junge, »es geht schon. Es ist ja nicht mehr sehr weit. Sicher willst du runter nach Auffach, ich muss aber weiter nach Bernau.«

»Nein, nein«, erwiderte sie, »ich hab viel Zeit, und ich geh auch nicht runter.«

»Ja, dann«, sagte er mit dankbarer Stimme. »Es war wirklich nicht einfach, aber Hermi hat so kleine Füßchen, und das Steigen kann sie noch nicht so gut, da muss man sie hin und wieder ein wenig tragen. Wenn du eine Tasche tragen möchtest? Aber sie ist arg schwer, weißt du. Es sind Lebensmittel.«

»Lass mich doch das Kind tragen«, antwortete sie scheu. »Dann kannst du deine Arme ein wenig lang machen und zugleich ausruhen.«

Neugierig sah die Kleine das fremde Mädchen an, aber es ließ sich zutraulich anfassen.

»Ich heiße Leonhard Burgstaller«, sagte der Junge. »Und du kommst aus Hamburg, nicht wahr?«

»Woher weißt du das?«, fragte Elke erschrocken.

»Man braucht nur zum Krämer zu gehen, da weiß man alles. Und dein Name ist Elke Eichfuß, und du gehst in meine Schule.«

»Ja«, sagte Elke und blickte ihn an.

»Hm«, machte Leonhard, und dann schritten sie sehr lange schweigend weiter. Sie durchwanderten Bernau, und sie hatten fast den Wald erreicht, als der Junge halt machte und sagte: »Jetzt bin ich daheim. Ich bedank mich auch schön für die Hilfe.«

Elke spürte, er wollte sie nicht weiter mithaben. Sie blickte zu dem kleinen Häuschen. Es sah noch ärmlicher und winziger aus als das vom Großvater.

»Ja«, sagt sie leise und wollte die kleine Hermi auf den Boden stellen.

»Mitkommen«, sagte das Kind und drückte sich noch fester an ihren Hals.

Ein helles Rot flog über das Gesicht des Jungen. Aber die Kleine wollte sie nicht loslassen.

»So komm mit«, sagte er fast brüsk.

Wenig später wusste sie auch, warum er sie nicht mithaben wollte. In der kleinen Hütte war ein schreckliches Durcheinander. Darum hatte Leonhard sie nicht hier haben wollen. Doch sehr bald sollte sie auch den Grund wissen, warum es hier so aussah.

Aus der hinteren Stube hörte sie eine Frauenstimme rufen: »Leonhard, ist Besuch gekommen?«

»Nein, Mutter«, rief er zurück. »Nur ein Mädchen von der Schule, weißt du.«

Trotzig stellte Leonhard die Taschen auf den Tisch.

»Nun kannst du ja allen erzählen, wie es hier bei uns ist«, sagte er wütend. »Aber es macht mir nichts aus, hörst du. Gar nichts, ich, das heißt, mein Vater und ich versuchen alles Mögliche, aber wir schaffen es einfach nicht. Vater ist den ganzen Tag unten im Mühltal im Sägewerk beschäftigt und kommt spät am Abend erst nach Hause. Dann ist er müde, und ich muss doch zur Schule und die Schularbeiten machen. Und die Kinder machen alles durcheinander. Die Hermi hab ich heut mitgenommen, damit Mutter mal ein wenig schlafen kann. Sie hat sich vor einer Woche einen komplizierten Beinbruch zugezogen und muss jetzt für einige Zeit das Bett hüten. Jetzt weißt du alles.«

Elke meinte ganz erschrocken: »Aber warum soll ich es denn erzählen?«

»Wir sind arm, und ich schäme mich nicht«, sagte Leonhard. »Von mir aus kannst du es jedem erzählen. Bis jetzt habe ich noch nie jemanden mitgebracht, ich ...« Er brach ab.

»Ich werde es niemandem sagen«, flüsterte Elke.

Da rief wieder die Mutter. Leonhard ging zu ihr. Hermi zog an ihrer Hand, und so stand sie plötzlich auch in der kleinen Schlafkammer.

»Grüß Gott«, sagte Frau Burgstaller.

»Guten Tag«, wünschte Elke - sie vergaß immer wieder, dass man hier zur Begrüßung ,Grüß Gott‘ sagte und nicht guten Tag.

Sie sah eine blasse Frau in den Kissen liegen. Sie hatte sehr viel Ähnlichkeit mit Leonhard und das gleiche liebe Gesicht und die warmen guten Augen.

»Komm näher, mein Kind«, bat sie freundlich. »Ich habe deine Mutter recht gut gekannt, und es tut mir sehr leid, dass sie jetzt tot ist, so jung noch.«

Elke schluckte.

»Woher wissen Sie das?« stammelte sie.

»Leonhard hat es mir erzählt. Er hat neulich deinen Großvater getroffen, der hat es ihm gesagt. Du lebst jetzt also hier? «

»Ja. Ich habe sonst niemanden, der sich um mich kümmert.«

Leonhard und seine Mutter hatten Mitleid mit der armen Waise.

»Ach«, sagte Frau Burgstaller, »wenn ich jetzt nicht hier in diesem Bett liegen müsste, dann würde ich uns einen Kaffee kochen.«

»Das kann ich doch machen«, bot Elke errötend an.

»Aber nein, das können wir nicht annehmen«, sagte Leonhard hastig. »Du hast mir schon tragen geholfen.«

»Aber ich tue es gern, wirklich. Und ich habe auch Zeit. Ist denn hier die Nachbarschaftshilfe noch nicht so weit, dass sie angenommen wird?«

Frau Burgstaller lächelte müde.

»Hier haben sie im Sommer so viel mit der eigenen Wirtschaft zu tun, und dann sind wir ja auch nicht Einheimische, weißt du. Vor Jahren sind wir zugezogen. Da wird man halt anders behandelt. Es ist schade, denn jetzt muss der Bub so viel arbeiten.«

»Ich möchte so gern helfen«, sagte Elke, die sofort Zutrauen gefasst hatte. »Bitte, lassen Sie mich doch ein wenig helfen.«

»Wenn du das wirklich tun willst, bin ich dir sehr dankbar«, murmelte die Mutter.

Elke wartete gar nicht mehr auf eine Antwort von Leonhard. Sie ging in die kleine Küche, setzte zuerst einmal Wasser auf, mahlte den Kaffee, und danach stellte sie für die Kranke Geschirr zusammen. Aber zwischendurch begann sie auch schon aufzuräumen. Männer sehen eben nicht die Feinheiten in einem Haushalt. Leonhard stand nur in der Tür und staunte über das flinke Mädchen und wie selbstverständlich ihr alles von der Hand ging. Da musste er selbst umso vieles mehr arbeiten.

Dann war der Kaffee fertig, und sie tranken ihn zusammen in der Schlafstube. Elke hatte sich noch nie so wohl gefühlt wie in diesem Augenblick. Sie hatte das Gefühl, gebraucht zu werden, und wenn man das erst hat, dann vergisst man seine eigenen Sorgen.

Nach dem Kaffee ging sie in die einzelnen kleinen Kammern und schüttelte mal kräftig die Betten auf und räumte auf. Als sie so mitten in der Arbeit war; Leonhard hatte es längst aufgegeben, sie davon abzuhalten; da kam die übrige Kinderschar nach Hause gestürmt. Es waren die fünfjährige Dita, der sechsjährige Brunolf und Gerwin. Jetzt konnte sich Elke wohl denken, wie schwer es für den großen Bruder war.

Als in Auffach das Abendglöcklein läutete, fragte Elke: »Darf ich morgen wiederkommen?«

»Willst du das wirklich tun?«, fragte Frau Burgstaller.

»O ja, ich tue es gern, wirklich.«

»Gott schütze dich, mein Kind«, sagte sie mit etwas zittriger Stimme.

Froh gestimmt ging Elke nach Hause, erzählte aber der Großmutter nicht, wo sie gewesen war. Denn sie sollte ihren Glauben behalten und denken, dass sie Freundinnen gefunden habe.

 

 

4

Kathi und Marianne waren schon in dem Alter, wo sie den Jungen nachschauten, und dabei dachten sie doch tatsächlich, dass sie jeden bekommen konnten, den sie wollten. Waren sie denn nicht reich? Besonders Kathi trieb es mit ihrer Angeberei ziemlich toll. In der Schule in Wörgl waren auch Arbeiterkinder, aber weil sie so gut lernten, durften sie selbstverständlich auch die höhere Schule besuchen. Kathi zeigte es ihnen offen, dass sie nichts von diesen Mädchen hielt. Marianne machte ihr selbstverständlich alles nach. Elke hatte Mitleid mit den Kindern, aber sie konnte auch nichts ausrichten, denn sie selbst wurde überhaupt nicht anerkannt. Auch nach vier Wochen war sie allein und niemand sprach sie an außer der Lehrerin.

Bis jetzt hatte sie immer furchtbare Angst gehabt, zur Schule zu gehen. Es war eine Qual, unten am Bus zu stehen und die hochmütigen Gesichter sehen zu müssen. Aber heute war alles ganz anders. Heute freute sie sich wirklich, denn jetzt hatte sie ja einen Menschen, mit dem sie reden konnte. Als sie aus dem Haus trat, stand an der Wegbiegung Leonhard, lächelte sie an und meinte: »Wir können gut zusammengehen. Das heißt, wenn du magst.«

»O ja«, sagte sie eifrig.

So erreichten sie plaudernd und lachend die Bushaltestelle. Dort standen Kathi und Marianne. Als sie die Fremde mit Leonhard kommen sahen, waren sie verblüfft und starrten sie entgeistert an. Denn Leonhard war ihr heimlicher Schwarm. Beide glaubten ihn zu lieben. Aber Leonhard merkte es gar nicht, außerdem hatte er immer seinen Kopf voll mit Gedanken. Morgens für die Schule und am Mittag, was er alles in Auffach einkaufen musste.

Irgendwie schien der Junge jetzt aber die Feindschaft zwischen den Mädchen zu spüren. Verwundert blickte er sie alle drei an, aber dann kam der Bus, und er konnte nichts mehr sagen. Wie selbstverständlich setzte er sich neben Elke, und sie unterhielten sich wieder.

»Hast du das gesehen?«, zischte Kathi.

»Und ob, so eine gemeine hinterhältige Ziege. Das hätte ich nicht von ihr erwartet, wirklich nicht.«

Leonhard fragte indessen: »Warum seid ihr nicht zusammen? Geht ihr nicht in eine Klasse?«

Elke machte ein unglückliches Gesicht und blickte aus dem Fenster. Sie wollte es nicht sagen.

»Vielleicht, weil du fremd bist?«

Sie nickte schwach.

O nein, dachte Leonhard, gibt es das denn wirklich? Sie ist ein so nettes Mädchen, dazu aber noch so traurig, ich spüre das ganz genau. Warum sind sie nicht lieb zu ihr? Es hilft ihr doch ein wenig. Er nahm sich vor, besonders nett zu Elke zu sein, um ihr so zu danken für das, was sie gestern für die Mutter getan hatte.

In der Pause sah er es dann ganz deutlich, wie man sie links liegen ließ. Obwohl es nicht angebracht war, dass sich nur ein Junge und ein Mädchen unterhielt, so überwand er sich doch und ging zu ihr. Elke wurde ganz rot vor Freude.

»Du brauchst das wirklich nicht zu tun«, sagte sie. »Die anderen werden dich auslachen.«

»Sollen sie doch«, meinte er düster. »Aber was sie mit dir machen, finde ich erst recht nicht schön. Soll ich ihnen mal den Kopf zurechtrücken?«

»O nein«, sagte sie hastig. »Bitte nicht.«

Kathi sah natürlich alles und verging bald vor Eifersucht. Was sie sich so ersehnte, das bekam die Fremde. Warum war sie überhaupt hier? Weshalb war sie nicht in ihrem blöden Hamburg geblieben?

Mittags war es wieder dasselbe. Sie saßen zusammen, und sie sprachen.

Als sie in Auffach ankamen, nahm sie Marianne zur Seite und sagte: »Heut Nachmittag geh ich mal rauf und seh nach, was die da oben macht.«

»Warum?«

»Ich will es wissen«, sagte sie ärgerlich.

Kaum aß sie richtig zu Mittag, da stürzte sie auch schon aus dem Haus. Elke hingegen machte erst ihre Schularbeiten. Als es nichts mehr zu tun gab, verließ sie das Haus. Sie sah nicht, wie die beiden Mädchen im Gebüsch lagen und sie beobachteten. Elke schritt schnell aus. In sicherer Entfernung folgten ihr die beiden Mädchen. Und richtig, Kathi hatte es schon geahnt, sie ging tatsächlich in das Haus der Burgstallers. Das war wirklich die Höhe.

»Sie läuft ihm buchstäblich bis ins Haus nach«, sagte sie giftig zur Freundin. »Pfui und nochmals pfui, mir meinen Freund zu stehlen, das soll sie mir büßen. Das lass ich mir nicht gefallen.«

Marianne wollte zwar einwenden, dass Leonhard Kathi kaum ansehe, aber die Freundin machte so böse Augen, da schwieg sie lieber.

Während Elke den ganzen Nachmittag oben half und sich mit den Kindern amüsierte und wirklich richtig froh und glücklich war, lagen die beiden in der prallen Sonne und warteten auf ihre Rückkehr.

»Vielleicht macht sie bei ihm nur ihre Schularbeiten«, meinte Marianne, der es allmählich zu langweilig wurde.

»Quatsch, das hat sie doch nicht nötig. Sie läuft ihm nach. Hast du heute nicht gesehen, wie peinlich es Leonhard war? Sogar in der Pause.«

 

 

5

Es wurde für die beiden ein heißer und langer Nachmittag. Aber wenn Kathi sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann führte sie es auch aus.

Erst um sechs Uhr kam Elke wieder des Weges. Jetzt wollte Kathi ihre Rache nehmen. Sie stürzte aus dem Graben auf die Schulkameradin zu.

»Du gemeine hinterhältige Schlange! Du solltest dich was schämen, einem Jungen so nachzulaufen. Wenn das unsere Schulleitung wüsste, die würde dich auf der Stelle rauswerfen. Schämen solltest du dich, ich hab sofort gesehen, welch schlechtes Mädchen du bist!«

Elke blieb stocksteif stehen und starrte in Kathis zorniges Gesicht.

»Das ist nicht wahr, was du da sagst«, flüsterte sie. »Woher kommst du eigentlich?«

Details

Seiten
112
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935745
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512290
Schlagworte
drei

Autor

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Titel: Drei halten fest zusammen