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Eine lange Nacht

2019 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Eine lange Nacht

Copyright

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Eine lange Nacht

Roman von Frank Rehfeld

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

Es sind unterschiedliche Menschen, mit denen Jim Sherman und Bob Washburn an diesem Ort zusammentreffen, um eine Pause zu machen. Die Atmosphäre ist etwas unwirklich, es liegt ein Unwetter in der Luft, aber noch passiert nichts. Vor einem Lagerfeuer fangen die Männer an, sich Gruselgeschichten zu erzählen, von einsamen Truckern und anderen seltsamen Begebenheiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

»Sieht ganz so aus, als ob es bald Regen gäbe«, stellte Bob Washburn fest.

»Na und?«, entgegnete Jim Sherman. Der blonde Texaner räkelte sich faul auf dem Shotgunsitz. Einen Fuß hatte er gegen die Armaturenverkleidung gestemmt, in der Hand hielt er eine Büchse Cola. »Du fährst ja schließlich, nicht ich«, fügte er grinsend hinzu.

»Aber nicht mehr lange. Sind höchstens noch zwei Meilen.« Der schwarze Virginier grinste zurück. »Und morgen früh übernimmst du wieder. Allein für deine Boshaftigkeit verdienst du schon, dass es dann immer noch in Strömen gießt.«

»Bis dahin hat es sich längst ausgeregnet«, meinte Jim optimistisch. »Alles andere müsste schon mit dem Teufel zugehen.«

»Sprich lieber nicht so laut, sonst hört er dich noch.«

In der Ferne zuckte ein greller Blitz über den Himmel.

Es war den ganzen Tag heiß und stickig gewesen, obwohl sich die Sonne bereits seit dem Vormittag hinter nebligem Dunst verbarg, der wie eine erstickende, graue Decke aus Blei über dem Land lastete. Am späten Nachmittag war etwas Wind aufgekommen, der zwar kaum Milderung brachte, aber von Osten her Wolken herantrieb, die im Laufe des Abends immer dunkler und schwerer geworden waren und so tief zu hängen schienen, dass Jim das Gefühl hatte, sie anfassen zu können, wenn er nur den Arm aus dem Fenster streckte und nach ihnen griff.

Nun schien das bereits seit Stunden vorhersehbare Gewitter endlich loszubrechen. Das von der Sonne ausgedörrte Land konnte den Regen dringend gebrauchen; die beiden Trucker weniger.

Sie waren mit einer Ladung landwirtschaftlicher Ersatzteile in New Mexico unterwegs. Gegenwärtig fuhren sie auf dem US-Highway 380 in östlicher Richtung und hatten vor Kurzem den kleinen Ort Bingham passiert. Ursprünglich hatten sie gehofft, es an diesem Abend noch bis zurück nach San Antonio, Texas, zu schaffen, doch ein Stau hatte ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Da es mittlerweile stockdunkel geworden war und sie beide ziemlich müde waren, hatten sie beschlossen, über Nacht zu rasten.

Vor ihnen tauchte die Abfahrt zu dem kleinen Rastplatz auf, wo sie die Nacht verbringen wollten. Bob setzte den Blinker nach rechts und lenkte den mitternachtsblauen Kenworth W 900 Conventional in die Ausfahrt.

»Wir sind nicht die einzigen«, stellte er fest.

Bereits zwei andere Trucks mit Aufliegern standen auf dem Rastplatz, ein blauer Freightliner und ein grüner Peterbilt mit dem Firmenlogo der Alamo Trucking. Bob parkte den »Thunder« dahinter und schaltete den Caterpillar-Motor aus. Brummend erstarben die 450 Pferdestärken.

»Um so besser«, kommentierte Jim, während er die Tür öffnete. »Falls es nicht direkt zu regnen anfängt, wird es wenigstens nicht langweilig.«

Sie stiegen aus und näherten sich den anderen Truckern. Einer der drei, ein schlaksiger, strohblonder Mann in Jeans und weißem T-Shirt war gerade damit beschäftigt, trockene Zweige innerhalb eines Steinkreises zu einem Lagerfeuer aufzuschichten.

»Hi«, begrüßte er die Ankömmlinge. »Ich bin Bill Jackson von der Alamo.«

»Einer von Curtis‘ Lohnknechten«, sagte Bob spöttisch und stellte sich und Jim vor.

»Habe schon von euch gehört«, entgegnete Bill. Er richtete sich auf und schüttelte ihnen die Hände. »Und hört mir bloß mit Nolan Curtis auf. Seit der verdammte Menschenschinder bei der Alamo schalten und walten kann, wie es ihm passt, ist es die Hölle, für den Laden zu arbeiten.«

»Da haben wir es besser«, mischte sich einer der beiden anderen ein. Er war groß und vierschrötig, mit gewaltigen Muskeln und einem offenen, sympathischen Gesicht, das eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem seines Begleiters aufwies. Beide trugen karierte rote Holzfällerhemden. »Ich bin Barney Trevis. Das ist mein Bruder und Partner Fred. Genau wie ihr sind wir unabhängig. Auch kein Zuckerschlecken, aber das wisst ihr ja selbst.« Auch er und sein Bruder schüttelten Jim und Bob die Hände.

»Vor allem dank Curtis‘ Machenschaften«, bekräftigte Jim. »Er versucht, möglichst viele Marktanteile an sich zu raffen und macht uns unabhängigen Truckern damit das Leben noch zusätzlich schwer. Wenn Luke Ryland die Alamo übernommen hätte, sähe einiges anders aus, aber das hat ja leider nicht geklappt.«

»Es gibt bei der Alamo kaum einen Fahrer, der nicht darauf gehofft hatte«, erklärte Bill. »King Ryland ist in Ordnung. Im Gegensatz zum Schreibtischhengst Curtis ist er früher selbst gefahren. Er weiß, wie das ist und kennt unsere Probleme. Auch wenn die Ryland Trucking Company inzwischen zum größten Truckerunternehmen im Süden geworden ist, ist der King einer von uns geblieben. Ich habe schon ein paarmal versucht, zur RTC zu wechseln, aber da ist momentan nichts zu machen.«

»Luke hat sogar einige wenig lukrative Strecken aufgeben müssen, um Curtis dessen Anteile an der RTC ausbezahlen zu können«, ergänzte Jim. Als Freund und früherer Schwiegersohn Rylands wusste er über die Verhältnisse bei der RTC recht gut Bescheid. »Deshalb ist vorläufig leider nicht daran zu denken, neue Leute einzustellen. Aber hören wir auf, über Curtis zu sprechen, bevor wir uns durch ihn die Laune verderben.« Er blickte zum Himmel hoch, der in der Ferne von kräftigem Wetterleuchten erhellt wurde, dann deutete er auf das Lagerfeuer. »Glaubst du, das hat Sinn? Sieht ganz danach aus, als ob es jeden Moment zu regnen anfängt.«

Bill schüttelte den Kopf.

»Das sieht nur so aus«, behauptete er. »Ich kenne das Wetter hier. Das Gewitter wird sich weiter im Norden austoben. Falls es hier wirklich regnet, dann erst im Laufe der Nacht. Ein paar Stunden bleiben uns auf jeden Fall noch.«

»Dein Wort in Gottes Ohr«, brummte Fred Trevis. »Wir sind auch skeptisch, aber es soll uns nur recht sein, wenn er recht behält. Habt ihr was dabei, was man sich reinschieben kann?«

»Ein paar Büchsen Cola und zwei Sixpacks Budweiser«, erwiderte Bob.

»Trifft sich gut, die Cola können wir zum Mixen nehmen. Wir haben drei Sixpacks Heineken und eine noch fast volle Flasche Bourbon«, berichtete Barney. »Bill kutschiert Frischfleisch in seinem Auflieger und hat als Wegzehrung ein paar Steaks, Burger und Würstchen dazugepackt.«

»Genug, dass wir problemlos alle davon satt werden dürften«, ergänzte Bill. Er hatte das Holz inzwischen fertig aufgeschichtet und zündete das darunter zusammengeknüllte Zeitungspapier mit einem Feuerzeug an. Flammen züngelten in die Höhe, leckten gierig über die trockenen Zweige und setzten sie ebenfalls in Brand. »Sollen wir gleich mit dem Grillen anfangen, oder habt ihr noch keinen Hunger?«

»Von mir aus könnten wir noch warten, aber ich traue deiner Wettervorhersage nicht so recht«, erklärte Barney. »Also sollten wir uns lieber den Magen vollschlagen, bevor das Lagerfeuer vom Regen weggeschwemmt wird.«

»Ihr werdet sehen, ich irre mich nicht«, prophezeite Bill Jackson. »Aber meinetwegen.«

Das war Jim nur recht. Ihm ging es nicht so sehr um das Wetter, sondern darum, dass er ziemlich müde war. Am nächsten Tag wollten sie in aller Frühe weiter, deshalb hatte er vor, sich relativ früh hinzulegen, und er wollte es nicht unmittelbar nach dem Essen tun.

»Ich hole mal das Bier«, sagte er und stapfte zum »Thunder« hinüber. Mit einem Sixpack unter dem Arm kehrte er zurück und reichte jedem eine Dose Budweiser. Sie prosteten sich zu.

Bill holte das Fleisch aus dem Auflieger. Sie suchten einige geeignete Stöcke, setzten sich auf die im Kreis um die Feuerstelle herumliegenden Baumstämme, und spitzten die Stöcke mit Messern an. Dann spießten sie zunächst die Würstchen auf und hielten sie über die prasselnden Flammen. Es zischte, wenn Fett ins Feuer tropfte.

Immer wieder wurde der Himmel von Blitzen zerrissen. Dumpf grollte der Donner über das Land. Die Luft war schwül und drückend, aber genau wie Bill prophezeit hatte, ließ der Regen noch auf sich warten.

»Eine unheimliche Stimmung«, murmelte Barney Trevis.

»Du hast dich ja schon als Kind vor Gewittern gefürchtet«, entgegnete sein Bruder Fred. »Ich finde es eher romantisch. Fast so, wie damals in der goldenen Zeit des Wilden Westens, als die Pioniertrecks das Land von Osten nach Westen durchzogen, Sheriffs sich auf die Jagd nach Outlaws machten, und Cowboys Viehherden über die Prärie trieben.«

Jim nickte.

»Wahrscheinlich steckt wohl in jedem von uns Truckern noch viel von diesem alten Pioniergeist, dem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit«, bekräftigte er. »Nicht umsonst bezeichnet man uns ja oft als Cowboys der Highways. Da steckt viel Wahrheit drin.«

Erneut zuckte ein greller, vielfach verästelter Blitz über den Himmel. Wenig später folgte ein lauter Donnerschlag.

»Der Schall braucht etwa fünf Sekunden für eine Meile«, rechnete Bob laut. »Dem Abstand zwischen Blitz und Donner zufolge, ist das Gewitter also etwa eineinhalb bis zwei Meilen entfernt.«

»Ich bleibe dabei, dass es unheimlich ist«, beharrte Barney. »Genau die richtige Atmosphäre, um sich vorzustellen, dass sich irgend etwas im Schutz der Dunkelheit an uns heranschleicht, etwas Finsteres, das nur darauf lauert …«

»… dass es uns die Würste und das restliche Fleisch klauen kann«, fiel ihm Bob spöttisch ins Wort. »Und das Bier gleich mit dazu.« Er trank einen kräftigen Schluck. »Aber wenn es das versucht, werde ich selbst zum Unhold und prügele das Ding dahin zurück, woher es gekommen ist. Notfalls bis in die Hölle.«

Die anderen lachten, bis auf Barney. Sein Bruder schlug ihm auf die Schulter.

»Komm schon, mach nicht so ein Gesicht. Ich fürchte, ich habe dir früher zu viele Gruselgeschichten erzählt. Wisst ihr, wir hatten als Kinder gemeinsam ein Zimmer, und immer, wenn es nachts ein Gewitter gab und Barney sich fast zu Tode fürchtete, habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, ihm Geschichten von blutdürstigen Vampiren, Werwölfen und anderen Monstern zu erzählen.«

»Fang bloß nicht wieder damit an«, knurrte Barney. »Ein paarmal wäre ich fast vor Angst gestorben.«

»Aber damals waren wir Kinder. Heute wirst du dich von so einem nächtlichen Gewitter doch wohl hoffentlich nicht mehr ins Bockshorn jagen lassen.«

»Das nicht. Ich sage ja auch bloß, dass es unheimlich ist. Außerdem habe ich im Laufe der Jahre auf Achse so viele Geschichten aufgeschnappt, dass ich nicht sicher bin, ob die alle nur erfunden sind, oder ob nicht doch ein wahrer Kern in einigen von ihnen steckt. Gerade als Trucker kommt man ja ziemlich weit herum und bekommt einiges erzählt. Kennt ihr zum Beispiel die Geschichte von Leo Johnson? Der war auch Trucker, aber ein ziemlich übler Typ. Er schmuggelte Drogen und verkaufte sie in irgend so einem Kaff hoch im Norden an die Schüler der Highschool. Das einzige, wovor er Angst hatte, waren Spinnen. Eines Tages wurde die Schönheitskönigin des kleinen Ortes unter geheimnisvollen Umständen ermordet. Leo geriet unter Verdacht, weil er mit der Kleinen ein Verhältnis hatte, und …«

»Kenne ich«, unterbrach ihn Bill und winkte ab. »Ist doch schon ein uralter Hut. Aber mir hat vor einiger Zeit mal jemand etwas erzählt, das mir unter die Haut ging. Die meisten von uns haben sich doch wahrscheinlich schon mal gewünscht, einen Blick in die Zukunft werfen zu können, um Ergebnisse bei Pferderennen oder so etwas voraussehen zu können. Nun, es soll mal jemanden gegeben haben, der diese Fähigkeit besaß, aber sie brachte ihm nicht nur Gutes. Hört zu …«

Er begann zu erzählen.

 

*

 

DER PREIS

»Scheiße!«, brummte James Warren. Ein paarmal drehte er den Zündschlüssel. Zwar röhrte der Anlasser, doch der Caterpillar-Motor seines White sprang nicht mehr an.

Es war bereits spät am Abend, und seit er sich auf dem State Highway 53 befand, hatte er kein anderes Fahrzeug mehr gesehen. Wenn er hier stehenblieb, um darauf zu warten, dass jemand vorbeikam und ihm half, oder ihn wenigstens bis zur nächsten Stadt mitnahm, konnte das leicht die ganze Nacht dauern.

Er griff nach dem Mikrofon seines Funkgeräts und erkundigte sich über CB-Funk, ob jemand ihn hören könnte, doch er bekam keine Antwort. Warren griff nach seiner Jacke, stieg aus und knallte die Fahrertür zu. Die Nacht war kühl. Er schloss den Reißverschluss der Jacke und trat gegen den linken Vorderreifen des Conventional.

»Verdammte Mistkarre!«, schimpfte er, dabei war er in Wahrheit hauptsächlich auf sich selbst sauer. Er hatte gleich zwei Fehler gemacht. Zum einen wusste er schließlich schon seit Längerem, dass die Einspritzpumpe nicht mehr in Ordnung war, und zum zweiten hätte er nicht die verdammte Abkürzung nehmen dürfen, jedenfalls nicht, ohne vorher die Pumpe auszutauschen.

Er befand sich im Süden von Mississippi. Aus Alabama kommend, war er auf der Interstate 10 unterwegs gewesen. Bei Orange Grove hätte er auf den US-Highway 49 nach Norden, in Richtung Hattiesburg wechseln müssen. Aus den Verkehrsnachrichten im Radio hatte er jedoch erfahren, dass es wegen zahlreicher Baustellen auf dem Highway 49 zu langen Staus gekommen war. Aus diesem Grund hatte er sich entschlossen, bei Lyman auf den State Highway 53 auszuweichen. Auf der Karte hatte alles sehr gut ausgesehen, doch in Wahrheit stellte der Highway nicht viel mehr als eine schmale, mit Schlaglöchern übersäte Piste dar, die kaum die Bezeichnung Straße verdiente und mitten durch die Einöde führte.

Hilflos schaute Warren sich um. Er konnte entweder nach Lyman zurückkehren, oder weitergehen bis nach Necaise. In beiden Richtungen mochten es gut fünfzehn Meilen sein; keine besonders verlockenden Aussichten für einen Fußmarsch. Vor allem, da er körperliche Anstrengungen verabscheute. Er war ziemlich groß und breitschultrig, brachte mit seinen über zweihundert Pfund aber eine gehörige Portion Übergewicht auf die Waage. Um die langen Touren durchzustehen, stopfte er sich oft mit Pillen und Aufputschmitteln voll. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen war er kein Trucker aus Leidenschaft, sondern betrachtete diese Arbeit nur als einen Job, der des Geldes wegen erledigt werden musste, der aber ganz gewiss nicht das war, was er sich immer gewünscht hatte. Bevor er sich abends hinlegte, ertränkte er den Frust über sein bislang wenig zufriedenstellendes Leben meist im Alkohol.

Der viele Schnaps und die Tabletten hatten bereits deutliche Spuren hinterlassen. Warren war dreiunddreißig Jahre alt, sah aber um ein gutes Jahrzehnt älter aus. Sein Gesicht war aufgedunsen, sein ohnehin spärliches hellblondes Haar begann sich bereits zu lichten.

Er wusste, dass er sich auf Dauer seine Gesundheit ruinierte, doch er war in einem Teufelskreis gefangen, aus dem er bislang keinen Ausstieg gefunden hatte. Gerade aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit graute ihm davor, nun unter Umständen die ganzen fünfzehn Meilen zu Fuß gehen zu müssen. Seine einzige Hoffnung war, dass er unterwegs auf ein Haus traf, von wo aus er bei einer Werkstatt anrufen konnte.

Auf jeden Fall befand er sich in einem ganz schönen Schlamassel. Unter anderen Umständen hätte sich Warren ins Doghouse gelegt, um ein paar Stunden zu schlafen. Am nächsten Morgen würde schon jemand vorbeikommen, der ihn bis zu einer Werkstatt mitnehmen konnte. Das konnte er sich jedoch nicht leisten, da er eine Terminfracht geladen hatte, die am nächsten Vormittag in Memphis fällig war. Wenn er sich verspätete, war eine saftige Konventionalstrafe fällig.

Warren verfluchte sich für seinen Leichtsinn. Er hatte gehofft, dass die Einspritzpumpe noch durchhalten würde, bis er sich wieder zu Hause in Texas befand. Sein Bruder betrieb eine kleine Werkstatt in Austin. Der würde ihm wesentlich billiger eine neue Pumpe besorgen und einbauen, als dies anderswo kosten würde. Deshalb war James Warren das Risiko eingegangen, mit der Reparatur zu warten. Eine Entscheidung, die sich nun als verhängnisvoll erwies. Die Konventionalstrafe für den Fall, dass er den Termin für die Fracht nicht einhielt, würde ein Vielfaches dessen betragen, was die Reparatur ihn gekostet hätte.

Warren ging los. Er wählte die gleiche Richtung, in der er gefahren war, da er auf der bisherigen Strecke kein einziges Haus bemerkt hatte.

Der Nachthimmel war bewölkt, doch zwischen den Wolken waren auch zahlreiche Sterne zu entdecken. Gelegentlich brach auch das Licht des Mondes durch, der wie ein heller, an einer Seite eingebeulter Ball aussah. Ein paar Tage noch, dann würde Vollmond sein.

Um James Warren herum war es totenstill. Die einzigen Geräusche waren seine Atemzüge und seine Schritte auf dem Asphalt. Manchmal drangen aus der Ferne auch die Laute von Tieren an seine Ohren. Es waren angsteinflößende Laute, die in der herrschenden Stille überlaut wirkten; eine Art Heulen, vermutlich von einem Coyoten oder einer Hyäne. So genau kannte sich Warren damit nicht aus.

Er war kein sonderlich ängstlicher Mensch, doch dieser nächtliche Marsch am Straßenrand flößte ihm ein wenig Furcht ein. Die Gegend war so einsam, dass man glauben konnte, sich am Ende der Welt zu befinden. Das einzige Zeichen von Zivilisation war die Straße. Sie wurde nach nicht einmal zwei Dutzend Yards von der Dunkelheit verschlungen, doch mit jedem Schritt wich die Wand aus Schwärze ein Stück vor ihm zurück und gab einen weiteren kleinen Abschnitt des Highways frei, so dass man fast den Eindruck bekommen konnte, dass die Straße sich geradewegs bis in die Unendlichkeit erstreckte. Es war seltsam, auf was für verrückte Gedanken man in so einer Situation kommen könnte.

Wieder hallte das unheimliche Heulen eines Tieres durch die Nacht. Warren schrak unwillkürlich zusammen und beschleunigte seine Schritte noch ein bisschen. Durch das schnelle Gehen fror er wenigstens nicht so.

Da die Landschaft so eintönig war, verlor er schon bald das Gefühl für Entfernungen. Monoton setzte er einen Schritt vor den anderen. Er mochte eine halbe, vielleicht auch schon eine ganze Meile gegangen sein, als er auf eine Abzweigung stieß. Es war nur ein befestigter Weg, der nach rechts abzweigte und ebenfalls nach einem kurzen Stück von der Dunkelheit verschluckt wurde, aber Warren entdeckte Reifenspuren in dem lockeren Erdreich und entschloss sich, herauszufinden, wohin der Weg führte. Wenn er Pech hatte, endete dieser irgendwo im Nichts, und die Spuren stammten nur von einem Liebespaar, das hierher gefahren war, um ungestört ein pubertäres Schäferstündchen zu verbringen, doch es war ebenso gut möglich, dass er auf eine menschliche Behausung stieß.

Er würde es herausfinden.

 

 

2

Warren folgte dem Weg mehrere hundert Yards weit und begann bereits seinen Entschluss zu bereuen, als er einen Hügel halb umrundete und in der Dunkelheit vor sich plötzlich Licht entdeckte. Es fiel aus dem Fenster eines Gebäudes, das eher die Bezeichnung Hütte als Haus verdiente, wie er erkannte, als er näher heranging, doch ganz offensichtlich wohnte dort jemand. Zwar rechnete James Warren nicht damit, dass es hier einen Telefonanschluss gab, zumal er keine Drähte entdecken konnte, aber Fragen kostete bekanntlich nichts. Außerdem parkte ein klappriger Kleinlaster neben dem Haus. Selbst wenn er von hier nicht anrufen könnte, wäre vielleicht einer der Bewohner bereit, ihn zur nächsten Werkstatt zu fahren.

Er klopfte an die Tür. Schlurfende Schritte näherten sich, dann wurde die Tür geöffnet. Ein Schwarzer, der ihm kaum bis zum Kinn reichte, stand auf der Schwelle und musterte ihn misstrauisch. Der Mann war um die fünfzig Jahre alt, sein krauses Haar war grau geworden.

James räusperte sich.

»Mein Name ist Warren«, stellte er sich vor. »Ich hatte mit meinem Truck nicht weit von hier eine Panne und brauche dringend Hilfe. Kann ich von hier aus vielleicht telefonieren?«

Der Farbige schüttelte den Kopf.

»Ich habe kein Telefon«, antwortete er. »Aber kommen Sie erst einmal herein. Die Nacht ist kalt, und Sie sind bestimmt schon ganz durchgefroren. Ich heiße Benson.«

Er trat zur Seite und gab den Eingang frei. James Warren trat ein und blickte sich neugierig um. Das von Kerzen beleuchtete Zimmer war äußerst merkwürdig eingerichtet. Außer Regalen an den Wänden gab es nur wenige Möbel. Von der Decke hingen gebündelte Sträuße aus getrockneten Kräutern, die einen eigenartigen Geruch verströmten. Auf den Regalen stapelten sich ohne erkennbare Ordnung die absonderlichsten Sachen. Es gab viele unterschiedliche Fläschchen und andere Gefäße, Mörser, Strohpuppen, verschiedenartige Steine, Amulette, einige Totenschädel und unzählige andere Dinge mehr. Alles lag und stand chaotisch durcheinander. Sogar zwei Schrumpfköpfe entdeckte Warren. Er schüttelte sich angeekelt.

»Das ist ja das reinste Gruselkabinett«, stellte er fest. Seine Stimme klang beklommen. »Was machen Sie mit dem ganzen Zeug?«

Benson lächelte verschmitzt.

»Ich stamme aus Haiti«, erklärte er. »Wir haben andere Traditionen als Sie hier in Amerika, vor allem, was die Religion betrifft. Sofern man bei einem so jungen Land wie Amerika überhaupt von Traditionen sprechen kann.«

»Sie meinen … Voodoo?« James Warren hatte schon davon gehört, doch sein Wissen darüber beschränkte sich weitgehend auf das, was man gemeinhin aus Gruselfilmen über den Voodoo-Kult so kannte. Er hatte nicht damit gerechnet, gerade in dieser einsamen Gegend einen Voodoo-Priester anzutreffen. Vor allem in der Gegend um New Orleans war der Kult stark verbreitet, da dort viele Einwanderer aus Haiti oder der übrigen Karibik lebten. New Orleans lag immerhin gut sechzig Meilen weiter südlich und außerdem im Bundesstaat Louisiana, doch im Grunde war das schließlich keine nennenswerte Entfernung. Er kramte in seiner Erinnerung nach dem, was er über Voodoo wusste. »Die Wiedererweckung von Toten, Nadeln, die in Puppen gestoßen werden, und all so was?« Es hatte spöttisch klingen sollen, doch in seiner Stimme schwang ein Unterton mit, der die Wirkung zunichte machte.

»Auch das gibt es«, erwiderte Benson völlig ernst. »Aber es ist eine Form der Magie, wie sie hauptsächlich von einem Bocor ausgeübt wird. Ein Bocor ist ein Zauberer, der sich den finsteren Mächten verschrieben hat, den schwarzen Künsten des Congo und Petro. Ein Diener des Bösen. Ich hingegen bin ein Houngon und bediene mich der Mächte des Rada. Es sind Mächte, die den Menschen wohlgesonnen sind, die zu helfen und zu heilen vermögen.«

»Aha«, sagte Warren und fragte sich, ob es wirklich so klug von ihm gewesen war, hierher zu kommen. Der Schwarze hatte offenbar mehr als nur ein paar Schrauben im Oberstübchen locker, und die Art, in der er über seinen Hokuspokus schwafelte, zeigte, dass er allem Anschein nach an den Unsinn glaubte.

»Wahrscheinlich sagt Ihnen das alles nichts, und Sie halten mich für ein bisschen verrückt«, fuhr Benson fort, als hätte er die Gedanken seines Besuchers gelesen. »Aber unser Glaube bezieht die Kräfte der Natur mit ein. Er ist nicht viel seltsamer als Ihre christliche Religion, und wenn man sich darauf versteht, vermag er viel zu bewirken. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede.«

»Sie wollen behaupten, dass Sie zaubern können oder so etwas in der Art?« Warren grinste abfällig. »Nehmen Sie es mir nicht übel, aber …« Er brach ab. Schließlich wollte er Hilfe von dem Alten, da war es wohl besser, ihn nicht zu verärgern. »Na ja, es ist nicht ganz leicht, das zu glauben.«

»Nicht zaubern, wie Sie es nennen«, widersprach Benson. »Ich kann nur die Götter beschwören, dass sie den Menschen, die zu mir kommen, helfen.«

»Das ist ein gutes Stichwort«, sagte Warren. »Ich glaube nicht, dass Sie die Einspritzpumpe meines Trucks mit einer Beschwörung reparieren können, aber wären Sie vielleicht bereit, mich zur nächsten Werkstatt zu fahren?«

Benson zögerte. »Ich verlasse das Haus nur ungern, vor allem nachts, wenn die Kräfte des Congo am stärksten sind«, antwortete er. »Es sind verderbliche Kräfte, die nur darauf warten, mich zu zerschmettern. Um meine Hütte habe ich einen starken Schutzbann gewoben, doch wenn ich es verlasse, bin ich den finsteren Mächten ausgeliefert.«

»Es wird nicht zu Ihrem Nachteil sein«, versuchte ihn Warren zu ködern. »Ich bin bereit, Sie für Ihre Hilfe zu bezahlen.«

Benson schüttelte den Kopf. »Ihr Geld interessiert mich nicht. Ich habe alles, was ich zum Leben benötige, aber ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie können gerne bis morgen früh hierbleiben. Bei Anbruch der Dämmerung fahre ich Sie nach Necaise.«

»Das ist freundlich von Ihnen, nutzt mir aber nichts«, entgegnete Warren. »Ich habe eine Terminfracht nach Memphis, die ich morgen früh bereits abliefern muss. Wenn ich den Vertrag nicht pünktlich einhalte, ist eine hohe Strafe fällig, und die kann ich unmöglich bezahlen. Ich wäre die Tour praktisch umsonst gefahren und in zwei Tagen sind bei der Bank meine Zinsen fällig, die ich dann nicht aufbringen könnte. Deshalb muss ich unbedingt noch heute weiter.«

»Es sind über zehn Meilen bis nach Necaise«, wandte Benson ein. »Sie würden sowieso Stunden für den Weg brauchen.«

»Ich weiß«, murmelte Warren niedergeschlagen. »Das ist ja gerade das Problem. Wohnt vielleicht sonst jemand hier in der Gegend? Jemand, bei dem ich anrufen könnte?«

»Es gibt ein paar Farmen, doch liegen sie alle in der nahen Umgebung von Necaise, nutzen Ihnen also nicht viel.«

»Wären Sie dann eventuell bereit, mir Ihren Pick-up zu leihen? Ich würde Ihnen Geld als Kaution hierlassen und Ihnen den Wagen in ein oder zwei Stunden zurückbringen.«

Benson kratzte sich am Kopf.

»Das würde ich gern, aber ich fürchte, Sie kämen damit nicht zurecht. Das Getriebe ist ziemlich kaputt, und ich bin wahrscheinlich der einzige, der mit dem Wagen klarkommt. Sie kämen keine hundert Yards weit.«

»Lassen Sie es mich wenigstens versuchen. Immerhin bin ich Trucker. Mit Motoren kenne ich mich aus.«

»Es hätte keinen Sinn.« Der Farbige machte eine Pause. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er einen inneren Kampf ausfocht. »Aber Sie sind offensichtlich wirklich in Not«, sprach er dann weiter. »Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen. Sie machen einen anständigen Eindruck, und ich will Sie nicht im Stich lassen. Also gut, ich fahre Sie nach Necaise.«

Warren fiel ein Stein vom Herzen. Erleichtert atmete er auf.

»Ich danke Ihnen vielmals«, stieß er hervor. »Sie …«

»Vorher allerdings muss ich einige Vorbereitungen treffen«, fiel ihm Benson ins Wort. »Es wird ein paar Minuten dauern, aber ich kann nicht ganz schutzlos gehen. Möchten Sie in der Zwischenzeit etwas trinken? Ist gut gegen die Kälte. Sie sehen aus, als könnten Sie einen anständigen Schluck vertragen.«

»Nein, das ist …« James Warren brach ab und leckte sich über die Lippen. Bislang hatte er nicht an Alkohol gedacht, aber nachdem das Thema nun einmal erwähnt worden war, verspürte er plötzlich brennenden Durst, gegen den er nicht ankam. »Warum nicht?«, erwiderte er. »Ich muss zwar fahren, aber ein kleiner Schluck wird wohl nicht schaden.«

Er hatte erwartet, dass Benson ihm irgendein furchtbares selbst gebranntes Gesöff anbieten würde. Um so überraschter war er deshalb, als Benson eine Flasche guten Bourbon aus einem Schrank nahm, ein wenig in ein Glas goss und es ihm reichte.

»Und jetzt entschuldigen Sie mich.« Er nahm einige Amulette, Steine und ein paar Fläschchen von einem Regal, schlurfte auf eine Tür im Hintergrund des Raumes zu und verschwand im Nebenzimmer.

Warren blickte ihm kopfschüttelnd nach. Der Alte war zwar freundlich, aber dennoch ziemlich verrückt. Nun, ihm sollte es egal sein, wenn er nur zu einer Werkstatt kam. Das war alles, was im Moment zählte.

 

3

James Warren leerte sein Glas in einem Zug. Feurig rann der Whisky durch seine Kehle und verbreitete eine angenehme Hitze in seinem Magen.

Der Trucker nutzte die Zeit, die er allein war, um sich ein bisschen genauer in dem Zimmer umzusehen. Das ganze okkulte Zeug, das hier zusammengetragen war, erfüllte ihn zu gleichen Teilen mit Belustigung und Abscheu, aber auch einer unterschwelligen Faszination. Wahrscheinlich fühlte sich jeder Mensch in irgendeiner Form von dem Übernatürlichen angezogen, selbst wenn er nicht daran glaubte – jedenfalls nicht über die Existenz Gottes hinaus.

Für einen gläubigen Christen musste all dieser hier angehäufte Hokuspokus heidnischen Firlefanz darstellen und verdammungswürdig sein. James Warren jedoch war nicht besonders religiös, aber seine Neugier war geweckt worden. Er betrachtete einige der mit einfachen Darstellungen und fremden Symbolen verzierten Amulette und das ganze übrige Zeug, doch er merkte, dass sein Blick immer zu dem kleinen Schrank hinüberglitt.

Der eine Schluck Whisky hatte seinen Appetit erst richtig geweckt, er spürte ein starkes Verlangen nach mehr. Ob er noch einen weiteren Schluck trank, machte nicht viel aus, fahrtüchtig war er in jedem Fall noch. Außerdem würde es noch eine Weile dauern, bis er wieder hinter dem Steuer des White saß, und bis dahin würde sein Körper den Alkohol längst wieder abgebaut haben. Gegen einen weiteren kleinen Schluck war also nichts einzuwenden.

Warren ärgerte sich, dass er dem Verlangen nicht widerstehen konnte und sich sogar schon Ausreden zurechtlegen musste, um das Trinken vor sich selbst zu rechtfertigen. Das war ein sicheres Zeichen dafür, dass er sich bereits auf dem besten Weg befand, ein Alkoholiker zu werden, sofern er es nicht sogar längst schon war.

Dennoch trat er an den Schrank und öffnete ihn. Neben einigen Flaschen, Gläsern und anderem Geschirr befand sich auch hier noch allerlei Krimskrams, der wohl ebenfalls für die Voodoo-Rituale gebraucht wurde.

Ein mit einem Tuch verhüllter Gegenstand erregte seine Aufmerksamkeit, mehr sogar noch als die Bourbon-Flasche. Warren griff danach, zögerte aber im letzten Moment. Er hatte plötzlich ein unbehagliches Gefühl. Das lag nicht allein daran, dass er die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft seines Gastgebers ausnutzte, indem er heimlich in dessen Sachen herumstöberte, sondern es war eher ein warnendes Gefühl, wie vor einer drohenden Gefahr.

Unsinn, schalt sich James Warren. Es fehlte bloß noch, dass er sich von dem ganzen Quatsch noch anstecken ließ. Mit einem Ruck zog er das Tuch weg. Darunter kam ein Kristallschädel zum Vorschein, der so groß wie ein menschlicher Kopf war und auch dessen Umrisse besaß. Das Gesicht war zwar nur grob angedeutet, doch ansonsten war der Schädel so filigran geschliffen, dass sich das Licht der Kerzen sofort darin fing, von den Facetten widergespiegelt, gebündelt und verstärkt wurde, bis es aussah, als würde der ganze Schädel von innen heraus strahlen.

Das Gefühl des Unbehagens, das von Warren Besitz ergriffen hatte, steigerte sich zur Beklemmung. Mit einem Mal war er sich nicht mehr sicher, ob es sich wirklich nur um Einbildung handelte, und ob das, was Benson ihm über die Voodoo-Magie erzählt hatte, wirklich nur Spinnerei war. Der Kristallschädel strahlte eine fast fühlbare Aura von Macht aus; eine Macht, die fremdartiger war, als alles, was Warren bislang erlebt hatte.

Behutsam strich er mit den Fingerspitzen über die Oberfläche des Schädels. Der Kristall fühlte sich warm an, schien unter der Berührung zu pulsieren, als würde er leben. Warren wollte die Finger zurückziehen, doch es gelang ihm nicht. Gleichzeitig fühlte er etwas Fremdes in sich eindringen, so als würde ein Spinnennetz um seinen Geist gewoben. Für einen kurzen Moment wallte Panik in ihm auf, verschwand aber ebenso schnell wieder. Das Gefühl war nicht länger unangenehm, ganz im Gegenteil. Mit jeder Sekunde wurde es angenehmer, steigerte sich zu einer Woge schier grenzenlosen Glücksgefühls, die James Warren durchpulste und mit sich fortriss. Er wusste plötzlich, dass es kein Zufall war, dass er die Panne gerade hier gehabt hatte, sondern eine Fügung des Schicksals, dass er mit dem Schädel den Schlüssel zu seiner Zukunft in den Händen hielt. Es würde keine Grenzen mehr für ihn geben, er würde von nun an alles erreichen können, was er sich immer schon erträumt

»Was tun Sie da?« Bensons Stimme klang scharf mit einem leichten Unterton von Panik. Sie zerriss den Schleier aus Glück, der sich über Warrens Gedanken gelegt hatte. Er kam sich wie ein ertappter Sünder vor.

»Ich … ich wollte nur … wollte mir nur noch einen Schluck eingießen«, stammelte er. »Dabei habe ich diesen Schädel entdeckt. Ein wunderschönes Stück.«

»Gehen Sie da weg!«, befahl Benson. Warren hatte sich nicht getäuscht, es war tatsächlich an Panik grenzender Schrecken, der in der Stimme des Farbigen mitschwang. »Sie haben kein Recht, in meinen Sachen herumzuschnüffeln. Ist das der Dank dafür, dass ich Ihnen meine Hilfe angeboten habe? Verschwinden Sie sofort von dem Schrank!«

Fast ohne sich dessen bewusst zu sein, ergriff Warren stattdessen den Schädel ganz und holte ihn aus dem Schrank heraus.

»Eine wirklich wunderschöne Arbeit«, sagte er. »Ich kaufe sie Ihnen ab. Nennen Sie einen Preis.«

»Der Schädel ist nicht zu verkaufen!«, stieß Benson hervor. »Zu keinem Preis der Welt. Er ist ein Werkzeug des Congo, des Bösen. Ich bewache ihn, damit er nicht in falsche Hände gerät. Ich bitte Sie, stellen Sie ihn zurück, bevor er seine unheiligen Kräfte entfaltet und Sie ins Verderben zieht.«

»Unsinn!«, entgegnete Warren barsch. Er presste den Schädel noch enger an sich. Mit einem Mal hatte er das Gefühl, viel klarer und schärfer als zuvor denken zu können. Möglicherweise besaß der Schädel tatsächlich so etwas wie magische Kräfte, aber wenn, dann waren sie nicht böse, wie Benson behauptete, sondern segensreich. Auf gar keinen Fall würde er den Schädel wieder hergeben, nur weil der alte Narr in seinem idiotischen Aberglauben gefangen war. Notfalls würde er den Schädel einfach mit Gewalt verteidigen. Er war jünger, wog mindestens doppelt so viel wie Benson, und war mit Sicherheit stärker als dieser. Ein wenig tat es ihm leid, die Hilfsbereitschaft des Alten auf diese Art zu vergelten, aber wenn es tatsächlich so weit kommen sollte, hätte es sich Benson allein seiner eigenen Halsstarrigkeit zuzuschreiben.

Überhaupt – wozu brauchte er den verrückten Kerl eigentlich? Was zählte, war nur dessen Pick-up, und Warren war sich sicher, diesen auch allein fahren zu können. Falls Benson sich stur stellte, würde er einfach den Schädel und den Laster nehmen. Er würde ihm hundertfünfzig oder zweihundert Dollar geben und den Pick-up zurückbringen, wenn er die neue Einspritzpumpe geholt hatte. Das wäre sicherlich kein besonders freundliches Verhalten, aber wenn er bezahlte, war es zumindest fair, denn er schädigte Benson ja nicht.

Wenn dieser den Schädel selbst nutzen würde, sähe die Sache etwas anders aus, aber einen Gegenstand wie diesen, der einem ein solches Glücksgefühl bescheren konnte, aus purem Aberglauben nur sinnlos in einem Schrank unter Verschluss zu halten, war wirklich verrückt. Warren war entschlossen, auf gar keinen Fall auf den Schädel zu verzichten.

»Seien Sie doch vernünftig«, unternahm er einen letzten Versuch. »Falls dieser Schädel Böses bewirkt, dann trifft es mich, und das Risiko gehe ich ein. Ich bin bereit, Ihnen zweihundert Dollar dafür zu bezahlen.«

»Sie sind ein Dummkopf, der nicht einmal weiß, wovon er redet«, zischte Benson. Er hielt plötzlich ein Gewehr in der Hand, ohne dass Warren gesehen hatte, woher der Alte es genommen hatte. »Stellen Sie den Schädel jetzt zurück. Verlassen Sie sich darauf, ich schieße, wenn Sie nicht tun, was ich ihnen sage.«

James Warren starrte ihn einige Sekunden lang feindselig an. In Bensons Augen las er nichts als tödliche Entschlossenheit. Der Mann bluffte nicht nur, sondern würde seine Drohung wahrmachen.

Schließlich senkte Warren den Blick-Er stellte den Kristallschädel wie verlangt in den Schrank zurück. Dabei stellte er sich so, dass Benson nicht erkennen konnte, wie er gleichzeitig eine der Flaschen packte. Wuchtig schleuderte er sie in Richtung des Farbigen.

Benson war darauf nicht vorbereitet. Er erschrak und wich instinktiv einen Schritt zur Seite. Die Flasche zerschellte hinter ihm an der Wand. Noch bevor er sich von der Überraschung erholt hatte, war Warren bereits bei ihm. Er drehte das Gewehr zur Seite, so dass die Mündung nicht mehr auf ihn gerichtet war, packte es mit beiden Händen und versuchte, es dem Alten zu entreißen, doch Benson hielt mit erstaunlicher Kraft fest.

Schließlich gelang es Warren, die Waffe mit einem Ruck an sich zu bringen. Gleichzeitig versetzte er dem Farbigen einen Stoß. Benson taumelte ein paar Schritte zurück, verlor das Gleichgewicht und stürzte haltlos nach hinten. Mit dem Kopf prallte er gegen die Kante des Tisches.

 

4

James Warren keuchte. Einige Sekunden lang blieb er völlig regungslos stehen und starrte auf den regungslosen Körper auf dem Fußboden. Niemals würde er das schreckliche Geräusch vergessen, mit dem Bensons Kopf gegen die Kante des Tisches geprallt war. An der Kante war Blut zu erkennen.

Warren beugte sich nieder und tastete nach Bensons Puls, konnte ihn jedoch nicht fühlen. Der alte Mann war tot. Unter seinem Kopf sickerte ein Blutfaden hervor und bildete langsam eine kleine rote Lache.

Erschrocken wich Warren zurück. Das hatte er nicht gewollt, er hatte den alten Mann nicht umbringen wollen. Was sollte er jetzt bloß tun? Wenn er sich stellte, würde ihm niemand glauben, dass es ein Versehen gewesen war. Man würde ihn verurteilen, wenn nicht zum Tode, dann wenigstens zu einer langen Zuchthausstrafe. Das durfte nicht passieren.

Er griff wieder nach dem Kristallschädel. Im gleichen Moment, in dem er ihn berührte, legte sich seine Nervosität. Wie schon zuvor konnte er plötzlich wieder logisch und scharf überlegen.

Niemand wusste, dass er hier war, und niemand würde ihn verdächtigen, wenn er nicht selbst irgendwelche Fehler beging. Jeder konnte Benson umgebracht haben, es konnte sich sogar um den Anschlag einer rivalisierenden Voodoo-Gruppe handeln. Benson hatte ja selbst von Feinden gesprochen. Vielleicht kam die Polizei sogar zu dem Schluss, dass es sich um einen Unfall handelte. Benson konnte gestürzt sein, vielleicht aufgrund eines Schwächeanfalls, und dabei war er unglücklich mit dem Kopf aufgeprallt. Das war eine glaubwürdige Theorie. Warren musste nur seine Spuren beseitigen. In diesem Fall bedeutete das vor allem die Fingerabdrücke.

Er spülte das Glas aus, aus dem er getrunken hatte, trocknete es ab und stellte es in den Schrank zurück. Sorgsam wischte er den Schrank ab und alle sonstigen Gegenstände, die er angefasst hatte. So, nun würde keinerlei Verdacht mehr auf ihn fallen, schließlich bestand zwischen ihm und dem Toten keine Verbindung. Das einzige Bindeglied war der Kristallschädel, den er unter dem Arm bei sich trug, als er die Hütte verließ, aber den würde niemand zu Gesicht bekommen.

Erst als Warren sich im Freien befand, fiel ihm ein, dass es noch einen weiteren, sogar ganz gewaltigen Belastungshinweis gab, wegen dem er überhaupt erst hergekommen war. Sein Truck stand kaum zwei Meilen von hier entfernt mit einer Panne, und wenn das bekannt werden sollte, brauchte die Polizei nur noch zwei und zwei zusammenzurechnen.

Kaum hatte er diesen Gedanken gefasst, wusste er jedoch auch schon, dass dies kein Problem darstellen würde. Es gab für ihn gar keinen Zweifel daran, dass er die Einspritzpumpe würde reparieren können. Den Pick-up brauchte er auch nicht mehr. Zu Fuß machte er sich auf den Rückweg.

Nach einiger Zeit hatte er seinen White wieder erreicht. Ohne zu zögern, öffnete er die Motorhaube. Im Gegensatz zu vielen anderen Truckern kannte er sich mit Motoren kaum aus, doch jetzt gelang es ihm problemlos, die Einspritzpumpe auszubauen, sie zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Seine Hände bewegten sich fast unabhängig von seinem Verstand, so, als ob eine fremde Macht sie führen würde. Und im Grunde war das ja auch der Fall. James Warren wusste, dass es allein der Kristallschädel war, der ihm half. Das Ding war das reinste Wunder, ein Geschenk der Götter, und dieser alte Narr Benson hätte es am liebsten in seinem Schrank verkommen lassen.

Als Warren einstieg und den Zündschlüssel drehte, sprang der Motor augenblicklich an.

Die einzige Gefahr, die ihm theoretisch noch drohte, war die, dass in der Zwischenzeit jemand hier vorbeigekommen war, Verdacht geschöpft und das Nummernschild des Trucks aufgeschrieben hatte, doch diese Gefahr war minimal.

»Ich danke dir«, flüsterte Warren und streichelte fast zärtlich über den Kristallschädel auf dem Shotgunsitz. Mit Hilfe der in dem Schädel wohnenden Kräfte würde sein Leben von nun an eine völlig andere Wendung nehmen. Er war überzeugt, dass es jetzt nichts mehr gab, das seinen Aufstieg würde aufhalten können.

 

 

5

James Warren behielt recht. Nur ein Jahr, nachdem er den Kristallschädel an sich gebracht hatte, hatte sich sein Leben bereits von Grund auf verändert. In der Klatschpresse bezeichnete man seine Karriere als beispiellos, und zu diesem Zeitpunkt hatte sie gerade erst begonnen.

Er hatte seine Terminfracht am nächsten Morgen pünktlich in Memphis abgeliefert, war dann nach Austin zurückgekehrt und hatte damit begonnen, seinen weiteren Weg zu planen. Um mit seinem Aufstieg zu beginnen, brauchte er zunächst einmal Startkapital. Das verschaffte er sich, indem er den Truck verkaufte. Nach Tilgung der Bankkredite blieb nicht allzu viel übrig, jedenfalls nicht genug, um in großem Maßstab ins Geschäftsleben einzusteigen. Wohl reichte das Geld, dass er sich einige Monate problemlos über Wasser halten konnte.

Mit der ihm nun eigenen Schärfe seiner Gedanken analysierte er die besten Methoden, um mit wenig Geld ein größeres Vermögen zu schaffen. Er konnte eine Erfindung machen, sie als Patent anmelden und verkaufen, doch bei dieser Form der Kreativität, einfach etwas zu erfinden, was großen Umsatz versprach, konnte ihm nicht einmal der Kristallschädel helfen. Auch ein Aufstieg in der Wirtschaft versprach aufgrund seines niedrigen Startkapitals zu lange zu dauern.

Er hätte sich das Geld bei Wetten verdienen können. Ein paarmal probierte er es bei Pferderennen, und auch hier versagte der Kristallschädel nicht. Vor jedem Rennen wusste Warren bereits mit unumstößlicher Sicherheit, welches Pferd als Sieger ins Ziel gehen würde. Es war, als könnte er einen Blick in die Zukunft werfen.

Dies war jedoch ein mühsamer und langwieriger Weg, sich Geld zu verschaffen. Er konnte keine allzu großen Beträge setzen, und vor allem durfte er nicht immer gewinnen, um kein Aufsehen zu erregen. Was er wollte, das war der große Wurf, der ihn auf einen Schlag reich machen würde.

Warren entschloss sich, ein Buch zu schreiben, einen mitreißenden Gesellschaftsroman. Wie schon bei der Reparatur der Einspritzpumpe, ging ihm die Arbeit mühelos von der Hand. Er verfügte über eine gedankliche Konzentration, Brillanz und Weitsicht, von der er früher nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Ohne sich sonderlich anstrengen zu müssen, schreib er mehr als zwanzig Seiten am Tag. Er saß einfach vor der Schreibmaschine und tippte drauflos. Die Gedanken flossen nur so aus seinem Geist in die Tasten.

Er brauchte nicht einmal einen Monat, um das umfangreiche Werk zu vollenden, dann schickte er es an einige der großen amerikanischen Verlage. Die nun folgende Zeit war etwas, was er nicht beeinflussen konnte. Es war möglich, dass das Manuskript monatelang auf irgendwelchen Schreibtischen vergammelte. In dieser Zeit würde er sich wieder mit Pferdewetten oder ein paar Besuchen in Casinos über Wasser halten müssen.

Dazu kam es jedoch nicht. Nach knapp drei Wochen erhielt er bereits ein geradezu euphorisches Antwortschreiben eines Lektors, der das Buch ankaufen wollte. Er bot einen Vorschuss von zehntausend Dollar. Das war nicht gerade üppig, dennoch nahm Warren ohne zu zögern an. Das Buch erschien bereits knapp vier Monate später und kam bei Kritikern und Lesern gleichermaßen gut an. Kritiker lobten die kühne Konstruktion, seine lebensechten Charaktere, den Stil und dergleichen mehr, und das Publikum kaufte sein Buch wie verrückt. Der Verlag kam kaum mit dem Nachdrucken nach.

Bereits bei der ersten Honorarabrechnung hatte sich der Roman mehr als eine Million mal verkauft, Auslandslizenzen in alle Welt wurden zu horrenden Preisen gehandelt, und auch eine Option für eine Verfilmung war bereits vergeben worden. Für James Warren hatte sich der Traum eines jeden Nachwuchsautors in einer fast märchenhaften Form erfüllt.

Details

Seiten
122
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935738
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512288
Schlagworte
eine nacht

Autor

Zurück

Titel: Eine lange Nacht