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Redlight Street #118: Ein ungewöhnliches Paar

2019 98 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein ungewöhnliches Paar

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Ein ungewöhnliches Paar

Redlight Street #118

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 98 Taschenbuchseiten.

 

Mella und Effi haben Sorgen. Sie haben eine Bar eröffnet und sich Geld von Wilfred geliehen. Der verlangt nun sein Geld zurück. Doch die Geschäfte laufen nicht gut und die Frauen haben die geforderte Summe nicht. In ein paar Tagen wird Wilfred den beiden die Bar wohl abnehmen. Doch da taucht Stefan auf. Er ist ein Freund von Mella und hat eigene Probleme. Seine Eltern wünschen sich eine Schwiegertochter, aber Stefan ist schwul. Er ist zwar willig sich zu verheiraten und einen Erben zu zeugen, aber er weiß nicht, wie man sich einem weiblichen Wesen nähert und ihm den Hof macht. Mella verspricht, sich um ihn zu kümmern. Stefan will Mella ebenfalls helfen, den ihm gefällt die kleine Bar und so dauert es nur einige Stunden, bis seine Freunde das Lokal füllen und den Umsatz steigern. Die Schwulen der Stadt haben einen neuen Treffpunkt.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Effi und Mella - eröffnen eine Bar und kommen in Zahlungsschwierigkeiten.

Stefan - Sohn wohlhabender Eltern, will von Frauen nichts wissen, soll aber heiraten.

Alf - Oberlude, greift ein, um seine eigene Weste einigermaßen sauberzuhalten.

 

 

1

»Na, was macht das Geschäft?«, erklang es spöttisch hinter Effis Rücken.

Effi blickte zur Seite und fragte mit grämlicher Stimme: »Tauchst du auch mal wieder auf?«

Mella lachte fröhlich auf und warf die dunklen Locken in den Nacken. Sie trug ein grünes, sehr aufregendes Kleidchen. Schulterfrei! Effi musste sich mal wieder eingestehen, dass Mella einfach umwerfend wirkte. Sie selbst strengte sich jeden Abend an, kam aber nicht halbwegs zu einem so guten Ergebnis.

»Meine Liebe! Du hast dich sicher nicht totgearbeitet, wie ich sehe! Eigentlich hätte ich noch oben bleiben können.« Mella sah sich in der Bar um und fand mal wieder, es sei doch zum Verrücktwerden. Sie strengten sich wie verrückt an, und der Laden wollte einfach nicht laufen.

Effi wusch die Gläser und stellte sie ordentlich auf.

»Du solltest zum Dienstbeginn pünktlich erscheinen. Wie oft soll ich dir das noch sagen?«

»Hör zu, Schätzchen, ich habe im Moment ganz andere Sorgen. Also mach mir jetzt nicht auch noch mit deinem Gejammer Kopfschmerzen!

Die kann ich ganz und gar nicht gebrauchen.«

Effi erschrak.

»Was ist denn los?«, fragte sie erstaunt.

»Was los ist? Er will das Geld zurück! Sofort! Kannst du mir mal sagen wo wir die Mäuse herbekommen sollen?«

»Du meinst Wilfred?«

»So ist es!«

Effi vergaß ihre Gläser. Die Bar war noch leer, deshalb konnten sie sich ungeniert über geschäftliche Dinge unterhalten.

»Das geht doch nicht«, flüsterte Effi erschrocken. »Das kann er nicht tun!«

»Natürlich kann er das. Und wenn wir es nicht gleich zurückzahlen, will er uns verklagen. Du weißt ganz genau, das halten wir nicht durch. Nicht mal einen Monat.«

»Scheiße«, sagte Effi zornig.

»Aber, aber«, meinte Mella mit ihrem trockenen Humor. »Eine Dame sagt so etwas doch nicht! Mäßige dich, Effi!«

»Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?«, knurrte Effi erregt.

»Im Augenblick ja. Ich weiß nämlich wirklich keine Lösung. Zuerst einmal müssen wir diese Nacht überstehen, dann sehen wir weiter.«

»Wilfred ist eben ein Schwein!«

»Sicher ist er das«, pflichtete ihr Mella fröhlich bei. »Das wussten wir doch von Anfang an, und wir wissen auch sehr wohl, was er will. Also warum sich aufregen? Irgendwas wird mir schon noch einfallen, um ihm die Scheine in den Rachen zu stopfen. Und bei Zeus, das werde ich tun. Ich werde mich auf seine Brust knien und ihm das Geld trocken in sein gieriges Maul stopfen.« Mella lachte. Sie hatte so eine bildhafte Sprache, da konnte keine andere mithalten.

Effi schluckte.

»Du meinst, er will noch immer diesen Laden haben? Er hat doch schon so viele Bars. Warum unsere auch noch?«

»Weil wir sie führen. Er will uns, Effi! Vergiss das nicht einen Augenblick!«

Effi stierte vor sich hin, und nach einer Weile sagte sie mutlos: »Also, dann tun wir ihm doch den Gefallen!«

Mella sah Effi groß an. »Willst du etwa mit dem alten Bock ins Bett steigen?«

»Wenn ich damit die Bar retten könnte ...«

»Meine Güte! Damit ist es doch nicht getan! Er will Macht über uns haben. Dann müssten wir nach seiner Pfeife tanzen. Das heißt nicht, dass wir nur mit ihm ins Bett gehen müssen. Wilfred ist ein Schakal, also werde ich mich vorsehen. Nein, dazu darf es nicht kommen, und wenn ich den ganzen Kasten anstecken müsste!«

Effi war erschrocken. Sie hatten so fröhlich angefangen. Sie waren so zuversichtlich gewesen, hatten alles Geld, das sie besaßen, zusammengelegt und hatten diese kleine Bar eröffnet. Der Laubfrosch war ganz in Grün und Gold gehalten, heimelig eingerichtet und hatte außerdem anständige Preise. Beide Mädchen wären in einem Büro fast versauert. Dann hatten sie sich kennengelernt und waren sich einig geworden. Wenn sie etwas erleben wollten, vor allen Dingen wenn sie zu Geld kommen wollten, mussten sie was Eigenes besitzen. Eine Bar war schick. Und so hatten sie diese Räume angemietet. Aber dann war ihnen bei der Renovierung das Geld ausgegangen, und sie hätten das Ganze beinahe wieder aufgeben müssen, wenn da nicht plötzlich Wilfred aufgetaucht wäre. Der hörte immer die Läuse husten. Zuerst war er wütend gewesen. Jede neue Bar in der Stadt machte seinen eigenen Bars natürlich Konkurrenz. Anfangs hatte er die Mädchen einfach wegbeißen wollen. Dann hatte er sie näher kennengelernt, und seine Schweinsaugen hatten die hübschen Mädchen gierig verschlungen. Er bot an, ihnen zehntausend Mark zu leihen. Damit konnten sie die Bar fertig einrichten und eröffnen. Mit der Bezahlung brauchten sie sich nicht so zu beeilen, das hätte Zeit. Er habe ja genug Sicherheiten.

Mella hatte ihn seinerzeit erstaunt angesehen.

»Welche Sicherheiten denn?«, fragte sie verwundert.

»Nun, ihr seid mir Sicherheit genug. Wenn es schiefgehen sollte, übernehme ich das Ganze hier einfach, und ihr seid dann meine Angestellten, bis ihr mir mein Geld zurückgezahlt habt. Einverstanden?«

Die beiden Mädchen waren zufrieden. Sicher glaubten sie, das Geld würde schnell hereinkommen. Dann hätten sie bei Wilfred keine Schulden mehr und könnten so richtig ans Verdienen denken. Sie hatten also den Vertrag mit Wilfred unterschrieben.

Was sie aber nicht wissen konnten war, dass Wilfred gegen die Bar intrigierte. Er kannte viele einflussreiche Leute in der Stadt. Ihnen wurde so nebenbei, diskret natürlich, erzählt, dass es im Laubfrosch nicht nobel zuginge. Man solle sich vorsehen. Heutzutage sei das ja so eine Sache. Die Leute sollten halt aufpassen.

Die Gäste kamen also nur vereinzelt. Und weil die Mädchen kein Geld mehr hatten, konnten sie sich auch keine Band leisten, mussten also Platten spielen. Auch die Getränke waren noch nicht so gut sortiert am Lager.

Mit Mühe konnten die Mädchen ihre Miete, das Licht und was noch so alles anfiel im ersten Monat bezahlen. Im zweiten Monat sah es noch düsterer aus.

Mella war für die Buchführung und den Einkauf zuständig. Effi arbeitete in der Bar, und es hätte eigentlich alles richtig gut laufen können. Wenn nur die Gäste nicht so spärlich gekommen wären!

Im Geiste sahen sich die beiden Mädchen schon als Sklaven bei Wilfred. Mella nicht so sehr, aber Effi. Sie hatte eine unheimliche Wut im Bauch. Sie wusste sehr wohl, der Schakal hatte es auf sie abgesehen.

»Was sollen wir denn jetzt nur machen?«

»Er hat mir noch eine Woche Frist eingeräumt!«

Effi hätte fast ihr Glas fallen lassen.

»Das schaffen wir doch nie!«

»Ich jammere erst, wenn die Frist vorbei ist und ich dann noch immer kein Geld aufgetrieben habe. Jetzt nehme ich mir erst einmal einen Drink, und dann sehen wir weiter. Mein großer Zeh wackelt. Das bedeutet, wir kriegen Besuch in der Bar. Du musst nur positiv denken, Schätzchen! Dann wirst du nicht depressiv. So einfach ist das. Wir müssen fröhlich sein und denken, wir schaukeln das Kind schon. Das wäre doch gelacht! Wir haben nicht umsonst unseren guten Job aufgegeben. Du, wir schaffen es! Und wenn nicht, dann können wir uns noch immer aufknüpfen!«

Effi liefen kalte Schauer den Rücken hinunter.

»Musst du immer so reden? Das ist ja furchtbar! Mit so etwas spaßt man nicht!«

»Ach Effi, mach doch ein fröhliches Gesicht! Ich sag dir was, ich gehe jetzt los und suche Kunden!«

Effi riss die Augen weit auf.

»Was willst du?«

»Ich besorge mir jetzt ein Lasso und fange Kunden ein. Dann lasse ich sie nur gegen ein Lösegeld wieder aus dem Laubfrosch hinaus. Vielleicht ist es das, was die Kunden brauchen: Nervenkitzel! Soll ich es mal versuchen?«

»O Mella, ich sterbe noch vor der Zeit, wenn du so weitermachst. Ich falle jedes mal auf deine dummen Sprüche herein. Hör endlich damit auf!«

Mella dachte, eigentlich ist der Gedanke gar nicht mal so schlecht. Wenn in der nächsten Viertelstunde keine Gäste hier erscheinen, gehe ich wirklich los und suche sie mir. Ihr Gesicht bekam einen trotzigen Ausdruck. Ich lasse mich nicht unterkriegen, verdammt noch mal! Außerdem ist es eine gute Übung. Es muss sich endlich etwas ereignen!

 

 

2

Effi zankte sich mit Mella und konnte diese nur mit Mühe davon abhalten, die Bar zu verlassen. Da öffnete sich die Tür und ein Gast kam herein.

Beide Mädchen drehten sich um. Mellas Gesicht wurde lang.

»Ach, du bist es nur«, sagte sie enttäuscht.

Der blonde, smarte Bursche kam langsam näher.

»Ist das eine nette Begrüßung!«

Effi, die den Mann nicht kannte, sagte noch: »Ehrlich, Mella, so begrüßt man seine Gäste nicht! Was darf es denn sein, mein Herr? Kümmern Sie sich bloß nicht um Mella! Die hat heute ihren schlechten Tag.«

»Ich auch«, sagte der schöne Jüngling traurig und setzte sich auf einen der Hocker. Dann blickte er sich um und meinte erschrocken: »Habt ihr heute euren freien Tag? Tut mir leid, das wusste ich nicht. Ich gehe auch bald wieder.«

»Wir haben immer solche Tage und Nächte«, sagte Mella ärgerlich und lehnte sich über den Tresen. »Was treibt dich denn in den Laubfrosch?«

»Ach«, seufzte der Mann, und seine großen Plüschaugen wurden noch trauriger. »Es ist ein Jammer. Es ist wirklich ein Jammer. Ich bin sooo traurig.«

Effi konnte gut zuhören, Mellas Stärke war das nicht. Um so erstaunter war jetzt die Freundin, dass sich Mella doch um den Mann zu kümmern schien. Aber mit welchen Worten sie das tat!

Stefan, so hieß der smarte Bursche, schien sich sogar noch darüber zu freuen.

»Deine Worte sind wie Balsam auf meine Wunde«, sagte er.

»Hast du mal wieder keinen Spieljungen?«, fragte Mella.

»Mella«, sagte Effi streng.

Stefan lächelte Effi scheu an und wandte sich dann wieder an Mella. »Ich glaube, ich gehe doch lieber.«

»Wenn du mich hier schon gefunden hast, kannst du auch einen anständigen Drink nehmen. Außerdem wird Effi nicht gleich tot umfallen, wenn sie erfährt, dass du Männer liebst!«

Effi fiel nicht tot um, sie dachte nur spontan, der Junge könnte mir gefallen. Er hat so etwas Liebes an sich. Sie wusste ja nicht, dass schwule Männer besonders nett zu Frauen waren, ja, ihnen sogar halfen, wenn sie merkten, dass sie bedrängt wurden.

Mella schien ihn gut zu kennen. Na so was, dachte Effi, davon hat sie mir ja nie etwas erzählt.

»Willst du dein Herz bei mir ausschütten?«, fragte Effi.

»Ach, gleich kommen sicherlich die nächsten Gäste, und dann störe ich nur!«

»Das würde an ein Wunder grenzen!«, rief Mella aus.

Stefan blickte Mella fragend an.

Ehe sich der junge Mann besinnen konnte, erfuhr er jetzt die ganze Misere der Mädchen. Er hörte zu und vergaß für kurze Zeit seinen eigenen Kummer. Am Schluss der Geschichte meinte er traurig: »Schade, ich bin leider kein Krösus, sonst hätte ich dir sofort das Geld geschenkt!«

»Ich weiß. Darum konnte ich dir ja auch so ungeniert meinen Kummer erzählen. Wenn ich etwas nicht vertrage, dann sind es Geldgeschenke. Ich will mein Geld selbst verdienen. Verstehst du mich?«

Stefan verstand sie.

»Wie firmiert denn der Laubfrosch?«, fragte Stefan.

»Wie meinst du das?«

»Nun, was für Publikum verkehrt hier denn? Ich meine, welche Gäste wollt ihr in der Hauptsache haben? Du hast dir doch sicherlich schon Gedanken darüber gemacht, nicht wahr? Wenn man eine Bar, ein Lokal oder ein Geschäft eröffnet, dann hat man meistens eine ganz bestimmte Gruppe von Leuten im Auge. Man versucht, deren Geschmack zu treffen, und das zieht sie dann an, wie Honig, die Wespen.«

Mella sah Stefan starr an, dann sagte sie fassungslos: »Meine Güte, Stefan! Das ist es! Das haben wir nicht beachtete! Das war es also! Wilfred hat auch solche Andeutungen gemacht, aber ich hielt mich ja für so klug!«

Jetzt war der smarte junge Mann doch ein wenig betroffen. »Das ist aber nicht einfach, ehrlich, Mella. Das ist eine verzwickte Sache!«

Mella sagte ziemlich kleinlaut: »Damit ist also der Laden gelaufen. Ich habe keine Mäuse mehr, um ihn umzugestalten. Außerdem weiß ich auch nicht, für wen ich ihn einrichten soll. Ich habe versagt!«

Stefan sah sich in dem Raum um und meinte dann: »Es ist gar nicht so übel. Ehrlich nicht! Die Bar hat etwas Nettes. Es gefällt mir hier. Es ist nicht aufdringlich, sondern sehr heimelig.«

»Du hast wohl einen Pups im Kopf festsitzen«, keuchte Mella. »Heimelig! Eine Bar darf nicht nach Muttern wirken, Mensch, das ist ja zum Verrücktwerden!«

»Nein, du verstehst mich nicht richtig. Ich finde es hier heimelig!« Stefan sah sich wieder um und lächelte. Dann wurde sein Gesicht ernst. »Du, hör mal, vielleicht kann ich doch noch etwas für dich tun!«

»Wie bitte?«

»Tja, es kommt nur darauf an, ob ihr Mädels es wollt!«

»Was sollen wir denn wollen?«

»Ich kenne sehr viele Jungs, ich könnte sie hierher schleusen. Und wenn sie es ebenso empfinden wie ich, dann könnte ich mir vorstellen, dass sie öfter kommen würden. Wir haben nämlich im Augenblick keinen Treff, musst du wissen. Es ist momentan etwas schwierig. Die Menschen spielen ja verrückt. Aber wenn ihr es nicht wollt, ich wäre dir deswegen wirklich nicht böse.«

Mella begriff jetzt endlich.

»Du meinst, deine Jünglinge kämen alle hierher?«

»Ja! Ich könnte das schon hinbiegen!«

Mella schloss für Sekunden die Augen.

»Das hieße, dann käme kein anderes Publikum mehr?«

»Ja, das würde es wohl heißen.«

Mella sah ihn ernst an.

»Aber, können wir denn davon leben?«

Effi hatte es jetzt auch kapiert.

»Aber das geht doch nicht«, stotterte sie.

Mella blickte sie mit harten Augen an.

»Warum nicht? Hast du Angst?«

Effi schüttelte den Kopf.

»Nein, natürlich nicht. Aber die Jungs, ich kann mir denken, dass sie es nicht mögen, von uns bedient zu werden. Ich meine ...«

Mella sah Stefan an.

»Da ist was dran! Das haben wir beide nicht bedacht! Das werden sie nicht wollen. Bis jetzt hattet ihr doch eure Treffs. Was ist daraus geworden?«

»Sie haben uns gekündigt.«

»Ist das dein großer Kummer, den du hier ertränken willst?«

»Nein!«

Mella ging auf und ab. Seit zwei Stunden war ihre Bar geöffnet, und es hatte sich noch immer niemand sehen lassen.

»Gut«, sagte sie, »ich bin einverstanden. Wenn Effi nichts dagegen hat, dann können wir die Sache starten. Aber ich sage dir gleich, Stefan, wenn es nichts bringt, dann muss ich das wieder ändern. Ich muss mein Geschäft machen, auch wir müssen leben.«

Stefan blickte Mella an. »Du hast ja keine Ahnung! Man kann sehr wohl davon leben. Soll ich also mal einen Versuch wagen? Ich könnte gleich losziehen. Ich weiß ja, wo sie sich aufhalten.«

»Na schön!«

Stefan zahlte und verschwand.

Die beiden Mädchen sahen sich an.

»Das könnte die Stunde eines neuen Anfangs sein«, sagte Mella feierlich.

Effi gab ängstlich zurück: »Wenn das man bloß keinen Ärger gibt, Mella!«

»Warum denn? Kannst du mir einen Grund dafür nennen? Ich kann dem Schweinekerl sein Geld in den Rachen stopfen, und wir sind dann endlich schuldenfrei! Du kannst dir gar nicht vorstellen, was man alles machen kann, wenn man erst einmal ein paar Mäuse hat, meine Liebe«, meinte Mella.

»Hör auf! Fang jetzt nicht schon wieder damit an, den Pelz zu verkaufen. Noch haben wir den Bären nicht!«

»Ach, lass man! Wir schaukeln das Kind schon. Ich bin ganz zuversichtlich.«

 

 

3

Einige Zeit verstrich, die Mädchen saßen in der leeren Bar und warteten auf die Dinge, die passieren sollten. Zweimal kamen Gäste herein. Es waren Männer, die auf der Durchreise waren und etwas erleben wollten. Als sie sahen, dass niemand in der Bar war, sagten sie wegwerfend: »Ist das hier ein Beerdigungsinstitut? Du liebe Güte! Und keine schnuckeligen Weiber? Komm Alfons, da ziehen wir weiter!«

Die Mädchen hatten ihnen noch nicht mal einen Drink andrehen können, so schnell waren die wieder abgezischt.

»Glaubst du noch an Wunder?« Effi war schon ganz deprimiert. »Wenn er nicht bald mit einer Fuhre Jungs hier auftaucht, gehe ich schlafen.«

»Warte nur ab!« Mella verlor nicht die Hoffnung.

Endlich öffnete sich die Tür, und zehn Männer kamen in die Bar. Stefan ging voran. Er hatte ein ganz rotes Gesicht vor Anstrengung.

»Tut mir leid, Mella, es hat ein wenig länger gedauert!«

»Hast du sie aus den Betten ziehen müssen?«, meinte sie sarkastisch.

»Nein! Ich musste sie davon überzeugen, dass ich auch wirklich nicht lüge. Sie sind halt noch ein wenig verschreckt.«

Mella sah sich die Männer an. Alle Altersgruppen waren vertreten, Junge und Alte, und alle machten einen liebenswerten Eindruck. Mella bekam fast Herzschmerzen. Natürlich wusste sie auch um die Hetze in den Zeitungen. Langsam und unbarmherzig zog man ihnen die Schlinge um den Hals.

Die Männer standen da und blickten die Mädchen ruhig an.

»Darf ich euch einen Drink anbieten?«, fragte Mella.

Sie kamen vorsichtig näher.

»Stimmt das wirklich, was Stefan gesagt hat?«, fragte einer.

»Wir haben eine Bar!«, erklärte Effi.

»Ich meine, dass wir herkommen dürfen?«

»Sicher! Jeder Gast ist bei uns herzlich willkommen.«

Jetzt gab es kein Halten mehr. In dieser Nacht machten die Mädchen endlich wieder Umsatz. Ja, sie kamen sogar richtig ins Schwitzen. Sie feierten lustig so eine Art Einweihung, und es ging hoch her. Aber nicht eine Sekunde lang benahmen sich die Männer daneben. Sie waren wirklich ein sehr liebenswertes Völkchen. Nur widerstrebend machten Effi und Mella um fünf Uhr den Laden zu. Die Gäste gingen und versprachen, Reklame für den Laubfrosch zu machen.

Stefan ging als letzter.

»Habe ich euch zu viel versprochen?«, fragte er stolz.

Mella streichelte ihm übers Haar und sagte fröhlich: »Auf dich kann man sich wirklich verlassen! Du bist ein wahrer Freund, mein Lieber.«

»Ach Mella! Vielleicht kannst du mir auch mal helfen!«

»Du, ich bin ziemlich müde. Ich kann kaum noch die Augen offenhalten. Können wir nicht heute Abend darüber reden?«

»Wirst du dann Zeit für mich haben?«, fragte Stefan.

»Hör mal, Schätzchen, dir verdanke ich womöglich mein Leben! Natürlich werde ich Zeit für dich haben!«

»Dann ist es ja gut«, sagte Stefan zufrieden.

Effi lag schon im Bett und schlief. Mella sah auf den Wuschelkopf nieder und dachte, haben wir es wirklich geschafft? Ist Effi auch wirklich einverstanden? Ich weiß doch, wie sie über diese Männer denkt.

Na, Geschäft ist Geschäft! Nur das zählt für uns im Augenblick. Alles andere müssen wir jetzt mal beiseiteschieben. Vielleicht können wir dabei unser Glück machen. Dann schlief Mella auch ein.

 

 

4

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Mella die verschlafenen Augen aufriss. Durch die kleine Wohnung zog feiner Kaffeeduft. Effi war also schon auf. Obwohl Mella diese Woche Hausdienst machen sollte, hatte Effi den Kaffeetisch gedeckt. Kein Wunder, es war bereits Nachmittag.

»Ich dachte schon, du würdest dich gar nicht mehr erheben, Mella«, sagte Effi lachend.

»Meine Güte, das hat gutgetan. Ich gehe rasch unter die Dusche, und dann komme ich.«

Sie ließen sich die Brötchen munden und kauten vergnügt. »Also jetzt sieht für uns das Leben schon ganz anders aus. Ich freue mich richtig auf meinen Job!«

Effi machte ein nachdenkliches Gesicht.

Mella ließ ihr Brötchen sinken.

»Was ist los? Wo drückt dich der Schuh?«

»Wir sind ziemlich weit von unseren Plänen abgewichen, nicht?«, fragte Effi.

Mella wusste im Augenblick nicht, was sie damit ausdrücken wollte.

»Hast du denn tatsächlich alles vergessen? Wir wollten eine gutgehende Bar eröffnen und einen Nebenjob ausüben!«

Mella sagte verdutzt: »Du meine Güte, das hatte ich ja total vergessen.«

»Jetzt ist der Karren wohl ziemlich festgefahren, wie?«

Die beiden Mädchen hatten sich bald ausgerechnet, mit der Bar allein würden sie nicht so reich werden können, dass sie sich in zehn Jahren auf ein Altenteil setzen konnten. Sie hatten nämlich nicht vor, sich bis zum Rentenalter zu verausgaben. Dazu waren sie viel zu clever. Also hatten sich diese beiden hübschen Mädchen gesagt, wenn wir so nebenbei auch noch einige nette Herren bedienen, dann haben wir nicht nur Spaß bei der Sache, sondern bald einen hübschen Sparstrumpf, von dem das Finanzamt nie etwas erfährt. Wir bringen das Geld gleich ins Ausland. Wir brauchen nicht mal einen festen Freund. Die Liebe lassen wir uns bezahlen. Natürlich würden sie es nicht so aufziehen, dass alle denken mussten sie seien Dirnen, damit wollten sie sich nicht vergleichen lassen.

»Verdammt«, murmelte Mella ärgerlich. »Warum hast du es mir in der Nacht nicht gesagt?«

»Ich habe gedacht, du wüsstest es die ganze Zeit und hast nur das kleinere Übel vorgezogen.«

»Herrje, das ist ja was! Also jetzt können wir nicht mehr zurück. Die Jungs sind einfach zu nett!«

»Ja, das habe ich mir auch gedacht.«

Mella dachte eine Weile über dieses Problem nach, doch bald lachte sie schon wieder.

»Ich habe eine Idee!«

»Schon wieder?«, fragte Effi stöhnend.

»Aber sicher, Effi! Das ist doch ganz einfach. Dies wird unsere Goldgrube. Du wirst sehen, ehe ein halbes Jahr vergangen ist, werden wir schon eine zweite Bar eröffnen können. Mit Personal und so. Und dort dürfen dann nur feine Kunden herein. Dort wechseln wir uns dann ab. Verstehst du mich?«

Effi lachte leise.

»Du bist wohl nie totzukriegen, was?«

»Nein. Wenn ich Schwierigkeiten merke, dann lege ich erst richtig los. Dann kann ich endlich zeigen, was in meinen müden Knochen steckt.«

Effi brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Wirst du es noch dieses halbe Jahr aushalten können?«

»Oh, hör auf, sonst kriege ich noch einen Lachkrampf«, flehte die Freundin.

Mella legte ihren Kopf schief.

»Vielleicht könnte man auch etwas ganz anderes anfangen!«

»Was?«

»Wir könnten ja versuchen, die Jungs zu bekehren!«

»Nein«, sagte Effi, »Also wenn du das tatsächlich schaffen solltest, dann wirst du für den Nobelpreis nominiert!«

»Das ist ein Wort! Ich werde es zumindest versuchen.«

Effi lachte noch immer.

Mellas Augen sprühten. »Und wenn der Schakal hier aufkreuzen sollte, Wilfred, das Schwein, dann werde ich ihm heimleuchten!«

»Willst du vielleicht so unsere Schulden tilgen?«

»Aber nur, wenn ich vorher die Peitsche benutzen darf«, sagte sie gelassen.

Mella bestrich sich ein neues Brötchen.

»Kannst du denn niemals ernst sein?«, fragte sie.

»Doch! Aber das ist langweilig«, erklärte Mella.

Da gab Effi auf.

 

 

5

Mit großen Erwartungen wurde der Laubfrosch erneut geöffnet. Schon wenige Minuten später traten die ersten jungen Männer ein. Die beiden Mädchen hatten bald alle Hände voll zu tun. Doch wenn sie gedacht hatten, jetzt würde der Alkohol in Strömen fließen, so irrten sie sich gründlich. Die Gäste tranken, aber sie betranken sich nicht. Es war halt eine ganz andere Sorte Mensch, die nun hier Kunde war. Feinsinnig waren die Jungs und nett. Man konnte sich mit ihnen ausgezeichnet unterhalten. Dass sie in der letzten Nacht mehr getrunken hatten, war nur, weil sie so eine Art Einstand feierten. Dafür trafen jetzt immer mehr Gäste ein. Sie schienen sich alle zu kennen und freuten sich, hier ungestört und unbelästigt den Abend zu verbringen.

Mella staunte nicht schlecht. Es waren sehr viele Männer darunter, die beruflich eine hohe Position einnahmen. Allgemein schienen die Gäste nicht arm zu sein.

Auch Stefan tauchte auf. Er hatte wieder sein bekümmertes Dackelgesicht. Seine blonden Locken hingen ihm wirr in die Stirn. Dadurch wirkte er sehr jungenhaft. Mella erinnerte sich jetzt wieder, dass er ja mit ihr hatte reden wollen. Weil er ihr geholfen hatte, war sie jetzt für ihn ansprechbar und nahm ihn zur Seite.

»Was ist denn eigentlich los? Raus mit der Sprache! Ich kann es nicht ertragen, wenn du so traurige Augen hast, Stefan!«

Er lächelte zaghaft.

»Ach Mella, es ist wirklich ein Kreuz. Ich soll nämlich heiraten!«

Mella blickte ihn verblüfft an und sagte: »Wir befinden uns doch in einem Zeitalter, wo die Eltern uns nicht mehr zwingen können. Hast du das vergessen?«

»Nein. Natürlich können sie mich nicht zwingen. Aber weißt du, ich kann sie ja verstehen. Ich will ja auch nicht, dass sie traurig sind. Schließlich bin ich der einzige Sohn, und sie wollen verhindern, dass ihr Name ausstirbt.«

»Wissen sie denn nichts von deiner Veranlagung?«

»Nein. Wenn ich es ihnen sagte, würde sie der Schlag treffen.«

Mella stützte sich auf den Tresen.

»Du meine Güte, das ist ja ein Hammer!«

»Siehst du!«

Mella dachte nach.

»Du musst es ihnen sagen! Vor allen Dingen müssen sie begreifen, dass schon ganz andere Geschlechter ausgestorben sind. Es gibt doch in der Geschichte Beispiele genug. Und so großartig seid ihr ja nun auch wieder nicht.«

»Sicher! Die Fabrik ist nicht die Welt. Aber sie sind nun mal ziemlich nett, meine Eltern. Und ich fürchte, wenn ich es ihnen sage, werden sie sich grämen und mich enterben!«

»Auch das geht nicht so einfach!«, beruhigte ihn Mella.

»Wenn man sein Vermögen einer Stiftung vermacht, kann man eine ganze Menge erreichen. Besonders wenn man es der Kirche stiftet.«

»Ja! Das hört sich schon ganz anders an. Aber ich verstehe dich noch immer nicht, Stefan. Wo liegt denn jetzt der Hase begraben? Du bist doch bereit, wie ich begriffen habe. Schon um deinen Job nicht zu verlieren. Ohne Geld lebt es sich ja nun mal nicht so lustig.«

»Ich bin ja bereit zu heiraten, aber ich weiß einfach nicht, wie ich es anstellen soll!«

Mella sah ihn erstaunt an.

»Wie bitte?«, fragte sie.

»Ich habe von allem keine Ahnung«, stotterte er verlegen hervor.

»Von allem? Du meinst, du weißt nicht, wie man sich im Bett mit einer Frau vergnügt?«

Er nickte traurig. »Und ich muss sie ja erst einmal soweit haben!«

Mella lachte leise auf.

»Ja, da hast du vollkommen recht. Frauen wollen umworben werden. Und noch so einige Spielregeln stehen an.«

»Siehst du! Ich habe ja keinen blassen Schimmer!«

Mella nagte an ihrer Unterlippe...

»Aber wie machst du es denn hier?« Sie wies auf die Männer.

»Ich bin doch nicht derjenige der erobert«, flüsterte der arme Junge leise. »Ich weiß es also nicht. Ich lasse mich hier einfach treiben. Es sind immer andere da. Es ist mir so peinlich, Mella! Glaube mir. Ich zerbreche mir schon seit Wochen den Kopf und komme zu keinem Ergebnis.«

»Hast du es schon mal versucht?«

»Aber sicher! Es war ein totaler Reinfall. Ich brauche eben so etwas wie eine Lehrerin!«

Mella brach in so helles Gelächter aus, dass plötzlich alle Gäste ihr Gespräch abbrachen und zu ihnen herschauten. Stefan stand da und blickte bekümmert drein.

»Oh, armer Junge! Wissen die anderen Bescheid?«

Er nickte schwach. »Sie haben mir sogar versucht zu helfen, aber es geht nicht.«

Melle wandte sich jetzt an ihre Gäste.

»Ihr wisst also um den Kummer von Stefan?«

Sie nickten.

»Wir müssen etwas tun! So geht das doch nicht weiter. Dem müssen wir abhelfen!«

Effi wurde schnell aufgeklärt und blickte Stefan traurig an. Nein so was, dachte sie. Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert, da gibt es einen Jüngling aus sehr gutem Hause, und er weiß nicht, wie man eine Frau anmacht.

»Die Weiber würden ihn sofort in der Luft zerreißen, wenn sie auch nur eine Spur davon merken würden«, erklärte Mella.

»Die sind doch grausam. Also müssen wir Stefan wieder hinbiegen und vorzüglich schulen. Eine Art Unterricht muss er nehmen, dann können wir sein Problem lösen.«

»Und wer soll ihm den Unterricht erteilen?«

Alle schauten plötzlich Mella an.

»Ich? Aber ich habe doch keine blasse Ahnung davon. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das hinbiegen soll«, sagte sie verdattert. »Ich kann gut Reden schwingen, aber ehrlich, davon habe ich keine Ahnung.«

»Du wirst es schon schaffen. Du bist ein Pfundsmädchen«, wurde sofort eifrig behauptet.

»Prost Mahlzeit«, murmelte sie vor sich hin. »Das hat man davon, wenn man zu gutmütig ist.«

»Tut mir leid, Jungs, ich würde es ja wirklich gerne tun. Aber ich habe hier meinen Job. Ich kann mich nicht zerreißen. Ich muss in der Bar bleiben und euch bedienen. Nein, danke, ich kann das nicht.«

»Aber das ist doch kein Problem«, sagte Clemens, ein sehr netter junger Mann mit ausgezeichneten Manieren. »Solange du für unseren Stefan zuständig bist, bin ich gern bereit, deinen Job zu übernehmen. Ohne Bezahlung natürlich.«

Mella sah ihn sprachlos an.

»Sag mal, du hast nicht vielleicht zu heiß geduscht?«

»Nein. Wir helfen uns immer gegenseitig. Weißt du das denn nicht?«

Effi lachte auf. Sie sagte voll Schadenfreude:

»Ja, jetzt bist du auf deine goldenen Sprüche selbst reingefallen. Ich habe dich ja gewarnt: Dein loses Mundwerk wird dir noch mal Ärger machen.«

Mella bekam den Mund nicht mehr zu.

Clemens stand schon bei Effi und ließ sich alles zeigen. Die Jungs gruppierten sich sogleich um die beiden herum und vergnügten sich herrlich. Alle empfanden es als einen tollen Spaß.

»Aber ich muss ja auch die Buchführung und die Büroarbeit machen«, rief Mella dazwischen.

Sofort erbot sich ein Steuerberater, das zu übernehmen. Dann war auch sofort einer da, der sich im Fässeranzapfen auskannte, und so weiter.

Mella setzte sich auf ihren Allerwertesten und staunte. Über so viel Hilfsbereitschaft konnte sie nur noch fassungslos sein.

Stefan lächelte sie herzlich an.

»Würdest du das wirklich für mich tun? Ich würde mich ja erkenntlich zeigen, liebste Mella. Wenn meine Eltern erst einmal merken, dass ich in dieser Richtung Fortschritte mache, dann bekomme ich auch mehr Geld zur Verfügung gestellt. Und es würde für mich dann eine große Ehre sein, dir helfen zu dürfen. Du hast doch Schwierigkeiten.«

»Für Geld?«

Alle sahen sie freundlich an. Mella bekam ein rotes Gesicht. Dann erhob sie sich mit einem Ruck. Sie wollte jetzt nicht als geldgieriges Geschöpf dastehen.

»Hör zu«, sagte sie mit fester Stimme, »wenn alle wirklich so nett sind, und uns helfen, weil ich jetzt hier nicht mehr nach dem Rechten sehen kann, dann musst du mir auch wohl die Chance einräumen, dir zu helfen. Wenn du mir noch einmal Geld anbietest, schlage ich dir etwas auf den Kopf!«

Alle klatschten wie rasend Beifall. Einige Jungs hoben sie hoch und trugen sie wie eine Olympiasiegerin durch die Bar. Dann köpften sie einige Flaschen Sekt und feierten sie und ihren Entschluss. Irgendwann schaffte Mella es mal, in die hinteren Räume zu flitzen. Dort hockte sie im dunklen Büro und wackelte immerzu mit dem Kopf.

Effi stand plötzlich in der Tür.

»Du bist mir wirklich ein Rätsel, Mella. Sonst bist du scharf wie Nachbars Lumpi aufs Geld. Und jetzt weist du es großzügig zurück. Daraus soll einer noch schlau werden.«

Mella sagte immer noch mit dem Kopf wackelnd: »Wenn du mir einen Grund nennen kannst, warum ich das alles mache, dann küsse ich dir die Füße!«

Effi war baff.

»Wie bitte?«, fragte sie.

»Kneif mich mal!«, befahl Mella.

Effi tat es mit Vergnügen.

»Du tust mir weh! So hart musste das ja auch wieder nicht ausfallen!«

»Nun bist du wieder die alte!«

»Mit mir geht es bergab, Effi. Ich spüre es ganz deutlich. Es geht abwärts statt bergauf. Ich muss wirklich total besoffen gewesen sein.«

»Das«, sagte Effi ein wenig schadenfroh, »warst du nicht. Das kann ich beschwören.«

»Raus! Ich will dich nicht mehr sehen!«

Effi ging wieder an die Theke. Stefan fragte sie: »Wo bleibt denn meine Lehrerin?«

»Sie zieht sich gerade ihre Berufskleidung an«, erwiderte ihm Effi.

 

 

6

Mella ging auf und ab, fluchte dabei nicht schlecht. Da hatte sie ihr Leben richtig schnuckelig eingerichtet. Sicher, sie hatten Geldsorgen, aber sie wussten zumindest, wo es langging, und jetzt war alles durcheinander. Draußen waren andere bei der Arbeit und machten es wahrscheinlich besser als sie es je schaffen würde. Sie rannte hier hin und her und sollte einen Mann dazu bringen, eine andere Frau zum Traualtar zu führen.

»Das hat mir auch keiner an meiner Wiege gesungen«, murmelte sie vor sich hin. »Liebeslehrerin! Also ehrlich!«

Langsam hatte sie sich wieder gefangen. Mella wusste, sie konnte nun nicht mehr zurück. Keiner der Jungs würde dann je noch nett zu ihr sein.

Sie betrachtete sich im Spiegel. »Also, altes Mädchen, dann wollen wir mal! Bis jetzt habe ich noch immer alles, was ich mir vorgenommen habe, geschafft. Das wär doch zum totlachen, wenn ich das nicht packen würde. Das kann doch nicht so schlimm sein. Meine Güte, ein paar Tage, und dann ist die Sache geritzt.«

Mella ging in die Bar zurück, sah Stefan an, zog ihn dann in eine Nische und begann ihren Unterricht. Zum Glück wusste er die Anstandsregeln auswendig, zum Beispiel wer wann vorgehen musste, wer wem aus dem Mantel half und so weiter. Sie musste ihn nur darauf trimmen, sie anzuwenden.

»Also das Kapitel können wir gleich streichen. Ich sehe dich nur scharf an, dann weißt du, dass du was verkehrt gemacht hast. Wir können ja mal kurz üben.«

Vergnügt sahen die Jungs zu, wie die beiden zur Tür rein und rausgingen, wie sie zum Sitzplatz latschten und so weiter. Stefan war eifrig bei der Sache.

»Jetzt tanzen wir«, befahl Mella.

Stefan machte ein bekümmertes Gesicht. Daran hatte er gar nicht gedacht. All die Jahre hatte er sich davor gedrückt. Er mochte nicht tanzen. Dabei musste er ja die Dame anfassen, vielleicht auch noch an sich pressen!

»Ich bin keine Dame, also pack mich ordentlich an! Und jetzt los!«, befahl Mella streng.

Die Jungs rückten Stühle und Tische zur Seite, und dann begann das Üben erst richtig. Mella klopfte dem armen Stefan den Takt auf den Rücken. Alle waren voller Eifer dabei, ihnen zu helfen. Keiner lachte über diese Art Unterricht. Ja, viele gaben sogar gute Ratschläge. Stefan musste ja nicht nur das Tanzen, er musste auch das Führen lernen und begreifen, dass die Dame sich an ihm festhalten musste, damit sie nicht ausrutschte. Mella landete dreimal am Boden und rieb sich das Hinterteil. Sie hatte schon langsam den Drehwurm und gegen Morgen glaubte sie, dass ihr die Füße abgebrochen wären. Die Zehen spürte sie schon gar nicht mehr. In der kleinen Wohnung über der Bar sagte sie zu Effi: »Wenn der Trampel so weitermacht, dann ziehe ich mir Maurerschuhe an, darauf kannst du Gift nehmen!«

»Wieso denn Maurerschuhe? Das kapiere ich nicht?«

»Na, die haben doch eine Eisenspitze! Glaubst du, ich kreische vor Vergnügen, wenn er auf meine Zehen latscht? Sieh mal, die sind ja schon richtig blau!«

»Stell dich nicht so an!«, sagte Effi.

»Du hast gut reden!«

»Aber du machst das schon! Du glaubst ja gar nicht, wie gut unsere Kasse angefüllt ist. Morgen kann ich zumindest den Bierlieferanten bezahlen. Du weißt doch, er liefert nur noch gegen Barzahlung.«

Details

Seiten
98
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935721
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512287
Schlagworte
redlight street paar

Autor

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Titel: Redlight Street #118: Ein ungewöhnliches Paar