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Redlight Street #117: Ein Sternchen für den Strich

2019 99 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Sternchen für den Strich

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Ein Sternchen für den Strich

Redlight Street #117

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

 

Estella wird von ihrem Hass und Neid zerfressen, denn sie ist fest davon überzeugt, dass sie das Talent besitzt, selbst eine große Rolle zu spielen. Sie will nicht nur das Double sein, das man kaum beachtet. Lavinia, die Schauspielerin, und Estella sind gleichaltrig und sehen sich sehr ähnlich. Als Estella den Barkeeper Paul kennenlernt, schmieden beide einen Plan, der ihr zu der Rolle verhelfen soll. Doch alles verläuft anders, als sie es sich beide ausgemalt haben ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Aus Neid kann alles entstehen! Wut, Ärger, Hass und vor allem Rachsucht. Sie glimmt ganz langsam auf und wird dann immer größer. Es kommt der Augenblick, wo alles nur noch graue Wut ist, man spürt den Hass in sich aufkeimen, und man will alles vernichten. Man ist nicht mehr dazu bereit, die Wirklichkeit richtig zu sehen und sie hinzunehmen. Man glaubt allen Ernstes, dass alle Probleme gelöst sind, wenn der Gegenstand des Hasses beseitigt ist und man selbst an seine Stelle gerückt ist. Man kann schon bald nicht mehr schlafen und essen. Man ist wie besessen von seinen Gedanken und sinnt und sinnt und weiß, da muss es eine Lösung geben. Vielleicht würde alles in einem normalen Maß weiterlaufen, wenn man keinen Menschen hätte, der ebensolche Gedanken hegt, der allerdings nur an den materiellen Gewinn denkt. Er schürt das Feuer, weil er hofft, durch einen mehr Geld zu bekommen. Das sieht man dann schon gar nicht mehr. Gierig hängt man an seinen Lippen und lauscht ihm.

Es tut gut, wenn man einen Menschen hat, der ebenso hasst und einen so gut versteht. Ja, der das Feuer immer wieder schürt, wenn es doch mal anfängt, zu verglimmen. Man redet sich in eine Sache herein und dann ist man drin. Man kann nicht mehr zurück, oder man ist ein Feigling. Ja, solche Worte werden dann gebraucht.

Das junge Mädchen stand am Fenster und blickte in den Park, als ihr diese Gedanken kamen. Sie sah nicht die Schönheit der Bäume und des erwachenden Morgens. In ihr glimmt wieder dieser Hass und der Neid.

Sie grub die Nägel in die Handfläche und spürte den Schmerz. Sie biss sich auf die Lippen.

»Ich kann es nicht mehr ertragen. Ich muss ihnen beweisen, dass ich ebensogut bin. Ja, dass ich sogar noch viel, viel besser bin. Wenn sie nur mich haben, wird alles wesentlich billiger. Das werden sie doch sofort einsehen.«

Der Vertrag!

Ihre Augen glimmten auf.

Natürlich hatte sie einen Vertrag, und was für einen! Aber den brauchten sie ja dann nicht mehr zu berücksichtigen. Ja, man würde nach ganz kurzer Zeit sogar sehr froh sein, dass alles so gekommen war.

Selbstverständlich würde sie allen erzählen, wie schrecklich traurig das doch wäre. Ja, sie würde sogar noch dafür sorgen, dass man nichts unversucht ließ.

»Bescheiden«, murmelte sie immerzu vor sich hin. »Ich darf einfach nicht vergessen, immer bescheiden zu bleiben. Dann wird man nie etwas merken.«

Auf dem Rasen stolzierte im Augenblick ein prachtvoller Pfau vorbei. Er schlug sein Rad. Der Anblick erfreute sie nicht. Zu tief war sie in ihre Hassgedanken versunken.

Erst als die kühle Morgenluft sie empfindlich traf, ging sie vom Fenster zurück und schloss es mit einem Ruck. Sie sah auf die Uhr. Es war noch sehr früh. Noch war der Betrieb nicht angelaufen. Das Licht reichte nicht aus. Man hatte gestern bis spät abends beisammengesessen, und jetzt waren sie wohl noch alle müde.

Diese kleinen Feste! Wie sie die hasste!

Aber das auch nur, weil sie nicht dabei sein durfte.

Sie hatte hinter dem Gesträuch gestanden und mit heißen Augen auf die Terrasse geblickt. Sie hatte lange dort ausgeharrt. Fast reglos. Die Vögel in den Bäumen hatten sich nicht mehr gerührt. Ihr helles perlendes Lachen war zu ihr herüber geschwebt, und der Neid war wieder in ihr hochgestiegen. Ihr Herz war wie ein Stein gewesen.

»Es muss sein, es muss einfach sein. Ich hab es satt, die zweite Geige zu spielen. Ich will nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr.«

Sie warf sich auf das Bett und starrte zur Decke. Sie waren alle gut untergebracht. Darüber konnte sie sich nun wirklich nicht beklagen. Und eigentlich verdiente sie ja auch ganz gut. Seit sie Lavinia kannte, hatte sich das Los zum Guten gewendet. Aber sie wollte die Sterne, die Sonne! Sie wollte ab jetzt der Mittelpunkt sein.

Mein Gott, dachte das junge Mädchen, wie habe ich mich anfangs gefreut, als ich den Job erhielt. Ich hielt es einfach nicht für möglich, dass unter den vielen Bewerbern gerade ich ausgesucht wurde. Es war einfach irre! Man wusste noch nicht, wie viele Folgen man drehen würde. Es hing vom Publikum ab, ob die Serie eine Dauersendung über lange Zeit werden würde. In diesem Fall war der Verdienst für mehrere Jahre gesichert.

Sie waren jetzt seit einem Jahr bei der Arbeit. Die Sache lief so gut an, dass man noch viele, viele Filme machen würde. Das hatte man vor einiger Zeit beschlossen.

Doch, da hatte sie sich schon nicht mehr so gefreut, denn sie hatte da schon den Stachel des Neides in sich verspürt. Eigentlich war er gleich zu Anfang da gewesen.

Sie erinnerte sich noch recht gut. Sie war angenommen worden, und der Boss hatte zu ihr gesagt: »Dann kommen Sie mal mit. Ich will Sie vorstellen. Es ist wichtig, dass sie Lavinia Linden gut studieren. Verstehen Sie! Ich will, dass Sie alle Ihre Bewegungen nachmachen. Alles, Sie müssen einfach in Ihre Haut schlüpfen. Nur dann werden Sie gut sein.«

Damals war sie über diesen Rasen geschritten. Mit Herzklopfen. Sie war ja noch so jung, noch keine zwanzig, und es war alles so neu und aufregend für sie gewesen. Sicher, sie war immer eine sehr gute Turnerin gewesen und hatte auch schon ein paar Preise damit gemacht. Ihre Freundinnen von damals hatten sie für ihre Ausdauer immer bewundert.

»Warum opferst du eigentlich so viel von deiner Freizeit, Estella? Wir verstehen das einfach nicht. Oder willst du mal einen Beruf daraus machen?«

Sie hatte es so schwer erklären können. Wie konnte man der Bande begreiflich machen, dass es ein herrliches Gefühl war, wenn man absolute Gewalt über seinen eigenen Körper hatte. Wenn man praktisch alles mit ihm anfangen konnte.

»Ich weiß noch nicht«, hatte sie zögernd geantwortet.

»Dann kannste ja gleich zum Zirkus gehen.«

Sie hatte die Freundinnen groß angesehen.

»Ihr seid bekloppt.«

»Warum denn? Da brauchen sie doch stets so Akrobaten. Du bist wie aus Gummi, ehrlich. Wir könnten das nicht so lange durchstehen.«

»Zirkus«, hatte sie verächtlich geantwortet. »Zirkus, das ist doch ein Hungerleiderberuf.«

»Vielleicht wirst du sehr berühmt.«

Da hatte sich zum ersten Male so ein kleiner Stachel in ihr Fleisch gebohrt.

Berühmt! Dieses berauschende Wort!

Sie verzehrte sich danach, dass sich alles um sie drehte. Natürlich hatte sie Augenblicke hier, wo man sie bewunderte, wo alles um sie herumstand und sie beklatschte.

Es war wie ein Gift. Als es zum ersten Mal passiert war, war sie halb verrückt vor Freude gewesen. Damals hatte sie sich geschworen, ich werde wie eine Wahnsinnige arbeiten. Ich werde nicht locker lassen. Sie sollen von mir begeistert sein. Ich will es einfach.

Es wurde ein hartes Arbeiten.

Man war von ihr angetan, ja, das konnte sie nun wirklich nicht abstreiten. Aber bewundern? Man war recht bald zur Tagesordnung übergegangen.

Und dann war immer Lavinia da!

Sie schloss die Augen und fühlte brennende Tränen auf ihren Wangen.

Wie sie sie hasste!

Wieder sah sie sich, wie sie vor einem Jahr gewesen war. In dem hellen Kleid und den hübschen Schuhen und dem wehenden Haar. Sie sollte also jetzt den Star der ganzen Truppe kennenlernen. Sie hatte von der neuen Reihe gelesen, aber natürlich noch nichts im Fernsehen gesehen. Sie sollte ja erst noch kommen.

Die Hauptdarstellerin hatte dort drüben unter den Bäumen gesessen. Ihr Herz hatte zum Zerspringen geklopft. Wie würden sich die Freundinnen wundern, wenn sie ihnen erzählen würde, dass sie das Double der berühmten Lavinia Linden geworden sei.

Sie war eine Ausländerin.

Und dann hatte sie vor dem gleichaltrigen jungen Mädchen gestanden. Als sie die Augen gehoben hatte, um die Fremde zu betrachten, hatte sie sofort gewusst, warum man ihr diese Rolle als Double gegeben hatte. Kein Zweifel, sie sahen sich so ähnlich, dass es schon fast peinlich war. Natürlich gab es da noch ein paar Unterschiede. Später hatte sich herausgestellt, dass sie ein klein wenig kleiner war, aber das konnte man geschickt ausleuchten. Und wenn man noch ein wenig mit der Maske nachhalf, dann waren sie wirklich fast wie Schwestern.

Lavinia, die Schauspielerin, war ebenfalls überrascht gewesen.

Der Regisseur Burt hatte sich die Hände gerieben.

»Ist das nicht ein herrlicher Zufall? Als ich sie sah, da war ich gleich davon überzeugt. Jetzt wird alles gutgehen. Was sagst du dazu, Lavinia?«

Sie war sofort aufgestanden und auf Estella zugegangen.

»Sie wollen mich also doubeln?«

»Ich werde mir die größte Mühe geben«, hatte sie gesagt und sich geärgert, dass sie rot geworden war und einen ganz trockenen Mund bekommen hatte. So etwas war ihr noch nie widerfahren. Lavinia hatte ihr die Hand entgegengestreckt und sie recht freundlich begrüßt.

»Es freut mich und ich hoffe, dass wir eine Menge Spass zusammen haben. Es wird nicht einfach sein, wenn Sie bis jetzt noch nicht in der Filmbranche tätig gewesen sind. Aber ich glaube, Sie werden es schaffen.«

Sie hatte nur einsilbig mit ja antworten können. So überrascht war sie noch gewesen.

»Wissen Sie«, hatte die Schauspielerin gesagt, »es gibt viele berühmte Doubles, wirklich. Vielleicht werden Sie auch einmal berühmt. Frauen sind in diesem Beruf noch eine Minderheit.«

»Ja!«

Sie hatte nussbraune Augen und ein gewinnendes Wesen und sie war herzlich und ehrlich. Lavinia eroberte sich überall die Herzen durch ihr einfaches Wesen. In ihrem Heimatland war sie bereits eine Berühmtheit. Und nicht nur das, sie besaß auch berühmte Eltern und kannte also praktisch viele Kollegen. Man bewunderte sie, weil sie auch so zäh und hart an sich arbeitete.

Lavinia war eine ernstzunehmende Persönlichkeit und sie wusste, es wurde einem nichts geschenkt. Man musste für einen Erfolg hart arbeiten. Und wenn man oben war, dann durfte man erst recht nicht damit aufhören. Schauspielerin war ein harter Beruf. Nur die wenigsten wussten, wie zäh und anstrengend so ein Filmtag war. Man überstand ihn nur, wenn man sich einfach darauf einstellte und mitschwamm.

Das ganze Team liebte sie, denn sie hatte nie Sonderwünsche, und was noch viel wichtiger war, sie war pünktlich und ging auf jeden ein. Sie kümmerte sich um viele ihrer Freunde, ob es ein Beleuchter war oder ein berühmter Star. Im Laufe der Jahre sollten ja noch viele hier in dieser Serie auftreten.

Estella war zu Anfang auch dem Charme des jungen Mädchens verfallen. Wo man sich auch auf dem riesigen Gelände begegnete, man war immer nett und freundlich. Sie blieb immer stehen und erstaunlicherweise wusste sie immer, wovon man zuletzt gesprochen hatte.

Estella konnte sich also wirklich nicht beklagen. Sie war im Filmgeschäft. Man würde sie im Fernsehen sehen können, zwar nur als das Double der Miss Linden, aber schon das hatten die Freundinnen schick gefunden.

Anfangs hatte sie jede Kleinigkeit berichten müssen. Man hatte sie bedrängt, doch mal zu fragen, ob man einmal zusehen dürfe. Und da war langsam der Zeitpunkt gekommen, wo Estella anfing, sich für etwas Besseres zu halten.

Lavinia war einfach und nett, aber ihr Double hatte so etwas wie Marotten bekommen. Noch hatte es niemand bemerkt. Nur die Bekannten und Freunde hatten langsam angefangen, sie für zickig zu halten. Bloß weil sie so gut turnen konnte und damit jede gefährliche Aufgabe der Lavinia Linden übernahm, brauchte sie sich nicht so eingebildet zu geben. Estella hatte es nicht einmal etwas ausgemacht, als sich die alten Freunde allmählich zurückgezogen hatten. Man hatte die überspannte Estella nicht mehr ertragen können. Die ältesten Freundinnen hatten es noch einmal im Guten versucht: »Hör zu, bleib auf dem Teppich! Du, dein Höhenflug, der führt zu nichts. Du wirst noch auf die Nase fallen. Denk doch mal daran, es ist ein Job und weiter nichts.«

»Pah«, hatte sie verächtlich geantwortet. »Ihr wisst ja gar nicht, was für Möglichkeiten in mir schlummern. Ich lasse mein Talent nicht brachliegen. Ihr habt keine Ahnung, was ich alles für Aufgaben übernehmen muss. Und das sage ich euch im Vertrauen, wenn die mich nicht hätten, dann wäre das längst nicht so eine gute Sendung.«

Da hatte man sie ausgelacht. Das hätten sie nicht tun dürfen. Eine fürchterliche Wut hatte sie gepackt.

»Jawohl«, hatte sie die verdutzten Mädchen angeschrien und dann das Blaue vom Himmel gelogen. »Jawohl, ich übernehme sogar hin und wieder kleine Rollen. Wir sehen uns ja so ähnlich, dass das Publikum es nicht bemerkt. Ja, so sieht das nämlich aus. Und ich sage euch, wenn die Lavinia keine Lust hat, dann springe ich halt ein. Versteht ihr! Die gibt doch nur ihren Namen her aber in Wirklichkeit ...«

»Bleib auf dem Boden der Tatsachen!«, hatte Eva kalt gesagt. »Ich würde das nicht so laut sagen, meine Liebe. Ich glaube, wenn das jemand hört und in die Presse bringt, dann wärst du sehr schnell weg vom Fenster.«

Estella war blass geworden. Sie hatte sich verrannt. Zum ersten Male hatte sie erkannt, wozu sie in ihrer Wut fähig sein konnte. Es stimmte wirklich, wenn man so etwas in die Presse brachte, dann würde sie ihren guten Job los sein, nicht, weil man es sich nicht leisten konnte, dass die Wahrheit ans Licht kam, sondern einfach, weil es nicht stimmte und man sofort beweisen konnte, dass die Kleine gelogen hatte.

»Lasst mich doch endlich zufrieden! Ihr versteht ja nichts davon. Ihr lebt ja hinter dem Mond.«

Eva hatte gesagt: »Kommt, sie braucht uns nicht mehr. Wir fallen ihr nur lästig. Soll sie doch weiterspinnen, dann wird sie eines Tages am eigenen Leibe spüren, wohin das führen kann, wenn man so blöde wird, wie die es jetzt im Augenblick ist.«

Diesen Ausspruch hatte sie lange nicht vergessen können. Auch jetzt gärte er noch immer in ihrem Herzen. Sie hatte die Freundinnen schon mal wiedergesehen im Laufe der Zeit, aber sie hatten sich nicht mehr um sie gekümmert. Sie blieb also mit ihrer Angeberei völlig allein. Da gab es eine Menge netter Männer beim Film, die sich um sie bemüht hatten. Aber sie waren nur vom technischen Stab, und damit hatte sie nichts im Sinn. Sie wollte ja hoch hinaus. Man hatte sie schnell durchschaut, lachte gutmütig und meinte: »Nun, dann warte halt auf den Prinzen, der dich mal wachküssen soll. Vergiss aber nicht, jung zu bleiben, denn es kann mitunter verdammt lange dauern, Süße!«

Und so lebte sie in diesem ganzen Tross ziemlich allein. Es gab Cliquen, und es wurden immer wieder spontan kleine Feste gefeiert. Man brauchte Spass und Abwechslung, wenn man den harten und anstrengenden Job verkraften wollte.

Estella war ein Einzelgänger. Hin und wieder erschien sie mal, aber sie fand keinen Kontakt. So freundlich Lavinia auch zu ihr war, so war doch da eine Kluft. Sie lebte mit den anderen Hauptdarstellern in der riesigen Villa, abgeschirmt und mit viel Personal.

Natürlich hatte sie mit der Zeit die Schuld bei den anderen gesucht. Sie wollten sie nicht haben. Vielleicht hatten sie auch Angst? Weil sie zu gut war? Unter Bescheidenheit hatte sie noch nie gelitten. Aber Einsamkeit lässt sich über längere Zeit nur schwer ertragen.

Am Tage wimmelte es wirklich auf diesem riesigen Filmgelände, und doch fühlte sie sich stets einsam. Manchmal konnte sie bis zu fünf Stunden geschminkt irgendwo herumsitzen und musste warten, bis sie an der Reihe war. Da kamen dann diese vielen bösen Gedanken.

Bei den Schulkameradinnen, da war sie wer gewesen. Da hatte man sich um ihre Freundschaft anfangs gerissen. Doch hier war sie so etwas wie eine Alltäglichkeit. Nur die Minuten, wo sie wirklich zeigen konnte, was in ihr steckte, die waren ihr einfach zu wenig.

Natürlich hatte sie auch viele Stunden Unterricht bei einem Meister seines Fachs. Dieser hatte das Mädchen ziemlich schnell durchschaut. Er meinte es gut mit ihr und hatte ihr eines Tages unverblümt gesagt: »Mädchen, schiele nicht nach fremden Früchten! Sieh immer nur darauf, was du grad in Händen hältst und versuche, die Frucht richtig zu behandeln! Sonst kann es schiefgehen.«

»Ich brauch keine Moralpredigten«, hatte sie schnippisch gesagt.

»Das meinst du!«

Sie eckte wirklich überall an.

Einmal hatte der Meister schon mit dem Regisseur gesprochen, und sie war nur geblieben, weil sie eben der Hauptdarstellerin so verblüffend ähnlich sah. Estella wusste leider nicht, dass ihr Thron schon einmal gewackelt hatte. Vielleicht wäre sie dann wieder zur Vernunft gekommen?

 

 

2

Nicht weit vom Filmgelände befand sich eine Art Bar. Kein Nachtlokal im üblichen Sinn. Dafür war das Einzugsgebiet zu konservativ. Man nannte sich einfach so, weil man schließlich einen Namen haben musste. Es klang außerdem für die Filmleute ganz gut, wenn sie sagten: »Treffen wir uns in der Bar?«

Estella war eines Tages auch hingegangen. Dort hatte sie dann den Barkeeper Paul kennengelernt. Auch er hatte im ersten Augenblick geglaubt, die echte Lavinia vor sich zu sehen. Es schmeichelte ihr zwar sehr, dass man sie oft verwechselte, aber es hatte sie geärgert, dass sein Interesse merklich nachgelassen hatte, als er seinen Irrtum erkannt hatte.

Estella dagegen hatte sich für Paul interessiert, denn er war ein schöner Mann und außerdem gewandt. Er bewegte sich wie ein Mann von Welt, und Estella gab nun mal sehr viel auf Äußeres.

Es war ein verregneter Abend gewesen, und sie waren fast allein in der Bar gewesen. So waren die zwei ins Gespräch gekommen.

Paul hatte nun doch etwas mehr Interesse gezeigt, und sie ahnte nicht, dass er sie schnell als leicht zu pflückende Frucht eingestuft hatte.

Sie hatte sehr viel von ihrem Beruf erzählt und natürlich mächtig aufgeschnitten. Paul hatte sich die ganze Zeit gesagt, wer weiß, vielleicht komme ich über diese Kleine ins Filmgeschäft. Sie scheint ja ne Menge Leute zu kennen, und unentbehrlich scheint sie auch zu sein. So hatten sich die Bande rasch enger geknüpft, und es war keine Woche vergangen, da war Paul ihr fester Freund geworden. Natürlich schliefen sie miteinander.

Estella war in der ersten Zeit richtig aufgeblüht. Es tat ihr gut, einen Menschen zu haben, der ihr alles glaubte. Paul war klug genug, sie in dem Glauben zu belassen. Er hatte sie ausgehorcht und hatte alles über ihre Arbeit erfahren wollen. Dass sie hart war, hatte er gleich begriffen. Nein, das war nichts für ihn. Aber vielleicht konnte man mal eine kleine Rolle ergattern? Und dann wurde man halt entdeckt.

Er träumte also sein Leben und Estella das ihre.

Aber eines Tages hatte sie davon angefangen, dass sie ja im Grunde genommen viel besser sei als Lavinia.

»Stell dir mal vor, sie fällt aus, was dann?«

»Dann werden sie halt die Reihe einstellen müssen«, hatte Paul gesagt.

Sie hatte ihn angegrinst.

»Eben nicht, ich bin ja noch da! Verstehst du! Ich bin so eine Art Garantie. Es wäre schon viel schlimmer, wenn ich mal ausfiele!«

Paul hatte aufgehorcht.

»Wieso?«

»Das ist doch ganz einfach zu verstehen. Ich kann sie ohne weiteres ersetzen, das ist doch ein Klacks. Man kann mich so schminken, dass es wirklich nicht mehr auffällt. Ehrlich, das geht! Du bist ja zu Anfang auch fast auf meine Ähnlichkeit mit ihr hereingefallen. Aber Lavinia kann nie im Leben mich ersetzen. Dafür ist mein Job viel zu schwierig, verstehst du?«

Der Mann hatte sie nachdenklich angeschaut.

»Du könntest recht haben.«

»Ich habe recht«, hatte sie sich ereifert.

»Wenn sie es könnte, dann hätten sie mich doch nie angestellt.«

»Nein!«

»Eben, und weißt du, was ich mir die ganze Zeit denke?«

»Nun?«

»Dass ich eigentlich unterbezahlt werde.«

Er hatte schallend gelacht.

»So ist das nun mal im Leben. Aber ich denke, du verdienst auch nicht schlecht.«

»Tu ich ja auch nicht«, hatte sie verdrossen gesagt und an das viele Geld gedacht, das Lavinia erhielt.

»Ah, jetzt verstehe ich langsam. So also denkst du!«

Ihre Augen hatten angefangen zu glitzern.

»Ist das so schlimm?«

»Hmhm, vielleicht hast du wirklich recht.«

»Ich sage dir, ich schufte mich tot, und sie? Sie macht doch nur das Einfache in den Rollen. Aber ich riskiere oft meinen Hals.«

»Nun, das ist dein Job!«

»Aber wenn ich jetzt beides spielen würde?«

»Würdest du eine Menge Geld machen und die Filmleute würden deinen Lohn einsparen.«

»Eben!«

Sie hatten sich gedankenvoll angesehen.

»Aber sie ist nun mal da, und sie ist ein irrer Erfolg. Das muss man ihr lassen.«

»Das wäre ich auch«, hatte sie giftig gesagt.

»Weil du in ihre Rolle schlüpfen würdest. Sie hat den Weg gemacht, den du beschreiten willst.«

Sie war wütend geworden.

»Ich will nur meinen gerechten Lohn.«

»Nun, dann hättest du erst gar nicht anfangen dürfen, Süße, verstehst du?«

Sie hatte Paul angeblickt.

»Ich ertrage das einfach nicht mehr, immer im Schatten stehen zu müssen. Wenn man mir doch eine Chance geben würde. Nur einmal! Mein Gott, dann würden sie erst mal sehen, was alles in mir steckt.«

»Tun sie aber nicht.«

»Vielleicht müsste man ein wenig nachhelfen?«

Paul hatte die Stirn gerunzelt.

»Was meinst du damit?«

»Nun, die Reihe ist ein Erfolg. Sie machen Geld damit, denn sonst würden nicht noch mehr Sendungen aufgenommen. Ist doch klar! Die werden also weitermachen, auch wenn sie mal ausfällt.«

»Du meinst, wenn Lavinia verhindert wäre?«

»Eben!«

Paul war aufgestanden und hin und hergelaufen. Eine verrückte Idee war ihm gekommen. Er war ihr Freund. Estella tat alles, was er sagte. Vor allen Dingen wäre sie dann ganz in seiner Hand, denn er wusste ja die Wahrheit. Also würde sie auch in Zukunft alles tun, was er von ihr verlangte.

Sein Atem war schneller gegangen.

Wenn sie wirklich die Rolle Lavinias bekam, und daran brauchte sie nun wirklich nicht zu zweifeln, dann würde sie auch das lange Geld erhalten. Sie würde dann seine Einnahmequelle. Und beim Satan, er würde schon dafür sorgen, dass es so blieb.

Während beide in Gedanken versunken waren, waren sie nicht auf die Idee gekommen, dass die Filmleute sehr wohl etwas von ihrem Fach verstanden. Und dass es eben nicht nur auf das Aussehen eines Schauspielers ankam, sondern auf seine Ausstrahlung. Aber davon hatten die zwei noch nie etwas gehört. Entweder man hatte es oder nicht! Das konnte man sich auch nicht anlernen. Darin bestand eben der große Unterschied, dass einer an die Spitze gelangte und der andere Schauspieler nicht.

Lavinia war ein Publikumsliebling. Sie besaß den herzlichen und sanften Charme, den so viele liebten. Sie brauchte sich nur zu zeigen und schon freute man sich auf ihre Darbietung. Das erlebte man immer wieder, wenn sie auf einer Bühne stand. Und deswegen hatte man sie ja auch zu dieser Reihe verpflichtet und richtig getippt.

Wie gesagt, davon hatten die beiden keine Ahnung, denn dann hätte sich Estella gar nicht so weit verstiegen.

Beide sahen nur den Augenblick, das Naheliegende, aber nicht die wirklichen Hintergründe.

»Was meinst du? «

Paul hatte sich umgedreht.

»Der Gedanke ist wirklich nicht schlecht.«

»Weißt du eigentlich, wieviel sie verdient?«

»Ich könnte es mir denken.«

Sie hatte abfällig gelacht.

»Man könnte sich ein herrliches Leben damit machen. Die versteht ja noch nicht mal zu leben. Ich sage dir, die hat das Geld und fängt nichts damit an.«

»Wer ist denn bei ihr?«

»Weiß ich nicht. Aber die denkt nur an Arbeit, ehrlich. Nur daran und wie sie noch besser werden kann.«

»Die muss ja verrückt sein.«

»Das sage ich ja die ganze Zeit.«

»Hör mal, wir können noch so lange faseln, sie bleibt. Sie ist jung und gesund. Also kannst du lange warten, bis deine Stunde gekommen ist.«

Er hatte sie lauernd angeschaut. Estella hatte nun wieder den Hass in sich gespürt.

»Nein!«

»Wie?«

»Ich will nicht mehr warten.«

»Kindchen, so ist nun mal das Leben. Man kann schon mal träumen, aber ...«

Sie hatte ihn starr angesehen.

»Ich dachte, du hättest mich verstanden?«

Er hatte sich vorgebeugt.

»Was willst du damit sagen?«

»Wenn man ein wenig nachhilft?«

»Mord?«

Sie hatte ihn erschrocken angestarrt.

»Nein, bist du blöde.«

»Ja, wie willst du sie denn sonst aus dem Verkehr ziehen, meine Süße?«

»Nun, ich brauche ja nur kurze Zeit. Verstehst du! Nicht lange!«

Paul hatte bei sich gedacht, dass sie wirklich naiv sei. Aber es war gar nicht mal so schlecht, dass sie so dachte. Wenn man Lavinia umbringen würde, hätte er Estella für immer in der Hand.

»Sie müsste einfach für eine Weile verschwinden.«

»Unfall?«

»Wäre nicht schlecht. Dann läge sie für eine Zeit im Krankenhaus.«

»Aber das wird man erfahren, und alle werden dann wissen, dass sie nicht selbst spielt.«

Estella hatte verächtlich gelächelt.

»Da kann man mal wieder sehen, wie wenig Ahnung du von dem Beruf hast. Wenn das wirklich zutrifft, und sie haben ja mich, lieber Paul, dann werden sie doch nie zulassen, dass die Öffentlichkeit etwas erfährt. Man wird sie so lange irgendwo versteckt halten, bis sie wieder gesund ist. Inzwischen werde ich dann so gut sein, dass sie gar nicht mehr auf mich verzichten können. Außerdem habe ich sie in der Hand, denn ich würde es doch allen erzählen, ich meine, wenn sie mich anschließend nicht gut behandeln.«

»Ich denke, du willst ganz in ihre Fußstapfen treten?«

»Pah, wenn ich erst mal gezeigt habe, wie gut ich bin, dann habe ich das doch nicht mehr nötig. Dann kann sie meinetwegen weitermachen. Bestimmt habe ich dann meine eigenen Rollen.«

Paul hatte gedacht: Du bist wirklich blöde. Zwei von der gleichen Sorte können nie zusammen im Filmgeschäft bleiben. Merkst du das denn nicht, du dumme Zicke? Du kannst wirklich nicht richtig nachdenken.

Für ihn kam jetzt nur noch Mord in Frage.

Aber wer sollte Lavinia umbringen? Er dachte im Traum nicht daran, sich die Finger schmutzig zu machen.

»Ich werde mir das Ganze überlegen.«

»Du wirst mir doch helfen?«

»Ich habe gesagt, ich denke darüber nach.«

Seitdem keimte der Samen in seinem Herzen. Er war klug genug, nicht überstürzt zu handeln.

Für Estella ging es nicht schnell genug.

Auch jetzt, wo sie hier im Bett lag und darauf wartete, dass sie aufstehen musste, dachte sie daran. Sie atmete schneller und fühlte sich mit einem Male topfrisch und sprang mit einem Satz aus dem Bett.

»Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, und dann werde ich da drüben in der Villa wohnen.«

Wieder öffnete sie das Fenster. In diesem Augenblick stieg die Sonne über die Baumwipfel. Der Pfau stolzierte langsam weiter. Unten erwachte das Leben.

Als sie in den Frühstücksraum kam, waren die anderen schon da. Wie immer bildeten sie ein Grüppchen und grüßten nur kurz.

Heute konnte sie sich noch nicht mal darüber ärgern. Gegen Abend würde sie sich wieder mit Paul treffen. Bestimmt konnte er ihr schon einiges sagen. Jetzt musste der Plan noch langsam reifen.

Der Aufnahmeleiter steckte den Kopf durch die Tür.

»Estella, Sie sind gleich dran.«

»Ich dachte erst gegen elf?«

»Nein, wir haben die Szene vorgezogen. Das Licht! Beeilen Sie sich also! Sie müssen sich schminken lassen und große Garderobe anziehen, verstanden.«

»Ja!«

Als sie über den Kiesweg ging, dachte sie, ob man die Linden auch wohl so antreibt? Sicher nicht! Pah, ich werde denen dann schon zeigen, wie sie sich mir gegenüber zu verhalten haben. Ich werde es ihnen zeigen, ja!

Verbissen stapfte sie weiter. In dem Drehbuch stand, dass Lavinia nach einem Streit die Treppe von oben bis unten herunterfallen musste. Das war gar nicht so einfach wie es aussah. Schließlich durfte sie keine blauen Flecken davontragen. Sonst war sie kein gutes Double. Sie hatte gestern noch geübt.

Jetzt stand sie vor der großen Steintreppe. Sie biss sich auf die Lippen. Holz wäre ihr lieber gewesen.

Blitzartig durchfuhr sie ein neuer Gedanke! Wenn ich erst mal die Hauptperson bin, dann wird eine andere für mich den Kopf hinhalten. Das werde ich verlangen. Schließlich darf mir ja nichts passieren. Schon jetzt wich sie von ihrem Konzept ab.

Der Beleuchter grinste ihr nach.

»Schau dir mal die eingebildete Pute an! Wenn die so weitermacht, dann fällt sie noch mal ganz tief.«

»Lass sie doch! Sie wird sich schon wieder bekriegen«, wurde ihm geantwortet.

 

 

3

Der Barkeeper dachte lange über das Problem nach. Ihm stank es sowieso, dass er so wenig verdiente. Nun tut sich eine Quelle auf. Er musste sie nur richtig anzapfen. Aber wie gesagt, das Problem war ja nun mal dieser Star.

Wenn man einen Menschen beseitigen lassen will, dann braucht man nur nach Hamburg zu fahren, dort findet man jemanden, der das für einen übernimmt. Natürlich muss man dafür bezahlen. Aber das würde man schon aufbringen. Schließlich würde man zum Schluss eine Menge Geld gewinnen. Also nahm er sich zwei Tage frei, erklärte Estella, dass er fort müsse.

»Aber du denkst doch an den Plan?«

»Was meinst du, was ich die ganze Zeit mache? Däumchen drehen?«

»Sei doch nicht gleich eingeschnappt.«

»Bin ich ja gar nicht. Aber ich kann es nicht ausstehen, wenn man mich treiben will. Wir dürfen keine Fehler machen, verstanden.«

»Ich verlasse mich ganz auf dich.«

Estella dachte: Wenn ich erst mal alles erreicht habe, dann finde ich auch andere Freunde. Dann kriegt er ein paar Tausender von mir, und dann kann er sich trollen.

Paul fuhr also nach Hamburg. Auf der Reeperbahn konnte man fast alles bekommen. Er sah sich um und sprach auch ein paar Leute an. So kam es, dass er mit Charly Knopf zusammentraf und ihm sein Anliegen vortrug. Er hieß Knopf, weil stets ein Knopf fehlte. Vielleicht war das jetzt auch schon so etwas wie sein Markenzeichen geworden. Charly hockte mit ihm in einer Kneipe und studierte Paul ganz genau.

»Du musst wissen, wir sehen uns unsere Auftraggeber sehr genau an, verstehst du!«

»Selbstverständlich verstehe ich das.«

»Für mich steht ja eine Menge auf dem Spiel.«

»Wirst du die Sache übernehmen?«

Charly wiegte den Kopf hin und her.

»Das kann ich dir noch nicht versprechen. Ich muss erst mal mit meinen Freunden darüber sprechen.«

Paul wurde blass.

»Aber ich habe gedacht, das bleibt unter uns?«

»Bleibt es ja auch. Aber so etwas kann ich unmöglich allein machen. Hörst du! Ich bin doch nicht lebensmüde. Das muss gut vorbereitet sein.«

»Das sehe ich ein.«

»So, jetzt sagst du mir erst einmal, wer abserviert werden soll, und dann gebe ich dir in zehn Stunden Bescheid.«

Paul nannte nur den Namen der Schauspielerin.

Charly verzog keine Miene. Er hatte gelernt, die Leute ausreden zu lassen. Und er dachte sich eine ganze Menge dabei.

»So, mehr brauchst du nicht zu wissen.«

»Weswegen willst du sie über die Klinge springen lassen?«

Paul blickte ihn hochmütig an.

»Das tut doch wohl nichts zur Sache, oder?«

»Kumpel, ich frage ja auch nur aus Mitgefühl. Sie scheint dir ja mächtig auf die Zehen getrampelt zu haben.«

Paul fühlte sich geschmeichelt. Charly rutschte vom Hocker.

»Wo kann ich dich finden?«

Paul sagte schnell: »Können wir uns nicht wieder hier in der Kneipe treffen?«

»Nun gut, der Gedanke ist nicht schlecht. Treffen schon, aber reden werde wir dann woanders. Wir können doch keine Lauscher vertragen, nicht?«

»Nein.«

»Also halt die Schnauze, Bruderherz. Ich sage dir, wenn ich in Erfahrung bringe, dass du gequatscht hast, also andere anheuern willst, dann wirst du ein paar sehr ungemütliche Stunden erleben. Wir verstehen uns doch?«

Es sollte keine Drohung sein, aber Paul hatte sofort verstanden.

»Gut, ich werde mich danach richten.«

Dann ging er fort.

 

 

4

Charly stand vor der grünen Tür und gab das verabredete Zeichen. Sofort öffnete sie sich. Der Zuhälter saß ihm gegenüber.

»Was ist? Sind die Miezen wieder am Zocken?«

»Nein, da ist so ein Knilch, der uns einen Auftrag bringt.«

»Was?«

»Mord!«

Der Zuhälter zog die Augenbrauen hoch.

»Haben wir das nötig? Ich meine, fremde Aufträge anzunehmen, Charly?«

»Das nicht. Ich bin ja auch nur durch einen Zufall an den Burschen geraten.«

»Was ist das für ein Typ?«

»Kommt vom Lande. Leicht zu behandeln. Der hat wirklich keine Ahnung.«

»Trotzdem, was schert mich die ganze Sache? Ich bin reich genug, um meine eigenen Geschäfte zu machen.«

»Boss, wenn du den Namen hörst von der Person, die wir abservieren sollen, dann fällst du vom Hocker.«

»Das glaube ich nicht. Mich haut nichts mehr um.« Er polkte mit einem Streichholz in seinen Zähnen herum und fühlte sich gelangweilt. Seitdem er aufgestiegen war und die Geschäfte gut gingen, war die Langeweile ziemlich groß geworden.

Auch Charly litt darunter. Vielleicht war das der Grund gewesen, dass er sich um Paul gekümmert hatte.

»Wer ist es?«

»Rate mal!«

»Doch nicht der Bundeskanzler?«, lachte er verächtlich.

»Nein, aber fast ebenso berühmt.«

»Los, spuck es aus! Ich habe keine Lust zum Denken, verstanden.«

Charly konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen. Er dachte, du hast ja auch nicht viel, um es zu riskieren. Die meisten Dinge muss ich doch gradebiegen. Verdammt, ich sollte eigentlich der Boss sein.

»Es ist Lavinia Linden!« Der Zuhälter sprang auf. »Ich habe dir doch gesagt, das wirft dich vom Hocker.«

»Die Schauspielerin?«

»Ganz recht!«

Sie starrten sich an.

»Das soll doch wohl ein Witz sein, wie? Das ist doch unmöglich. Warum gerade sie?«

»Tja, das habe ich bis jetzt noch nicht herausfinden können, Chef.«

Sie blickten sich an.

»Das ist ein verdammt heißes Eisen, Charly. Wir könnten uns die Finger verbrennen.«

»Nicht, wenn wir das so machen, wie wir wollen.«

»Was meinst du damit?«

»Nun, wir könnten doch unser eigenes Geschäftchen nebenbei betreiben.«

Der Zuhälter kniff die Augen zusammen.

»Eine Sache mit doppeltem Boden?«

Charly grinste.

»Wir gehen auf das Angebot ein und lassen uns erst mal bezahlen.«

»Und dann?«

»Dann holen wir uns das Püppchen.«

»Und weiter?«

»Lassen wir ein paar Tage verstreichen, bis wir wissen, weswegen sie abserviert werden sollte.«

»Und dann?«

»Dann geben wir bekannt, dass wir sie entführt haben und lassen uns ein dickes Lösegeld auszahlen, Boss. Die werden zahlen, darauf kannst du Gift nehmen, denn man braucht sie ja.«

Der Lude starrte ihn überrascht an.

»Hör mal, setzen wir uns da keine Laus in den Pelz?«

Charly Knopf lachte verächtlich.

»Boss, das ist ein Amateur, verstehst du? Der hat keine Ahnung. Wenn ich dem ein wenig drohe, dann wird der schon kuschen.«

»Ich finde, wir sollten erst einmal den Hintergrund ergründen, Charly. Ich mache keine halben Sachen.«

Er wurde ärgerlich.

»Hör zu, ich bin nicht zu dir gekommen, damit du mir Vorschriften machst. Also, du kannst den Kunden ja sprechen. Dann kannst du dich selbst davon überzeugen, wie blöde der ist.«

Der Zuhälter ging auf und ab.

»Die Sache ist wirklich nicht schlecht. Was meinst du, was wir verlangen können?«

»Eine Million ganz gewiss. Die kriegen doch viel mehr für sie, wenn sie weiterhin die Filme machen kann.«

»Ist sie denn nicht bewacht?«

»Nein, er sagt es zumindest. Wer klaut denn auch Schauspieler?«

»Nun, ist alles schon mal dagewesen.«

»Die leben da in einer Art Kulissenstadt. Die Serie spielt ja immer am gleichen Schauplatz. Wir brauchen uns also gar nicht schwer anzustrengen. Und dann Boss, wenn uns die Sache zu heikel wird, können wir noch immer abblasen und verduften.«

»Und der Kunde?«

»Der sieht natürlich sein Geld nicht mehr wieder. Höhere Gewalt, verstehst du. Anzeigen wird der uns ganz gewiss nicht.«

Sie grinsten sich an.

»Man sollte sich also wirklich das Ganze überlegen?«

»Eben!«

»Nun, dann bringe mir den Kunden und ich sage dir anschließend Bescheid.«

 

 

5

Paul hätte sich gern ein wenig volllaufen lassen. Aber er musste jetzt einen klaren Kopf behalten. Wenn alles unter Dach und Fach war, würde er sich Hamburg gründlich ansehen. Doch jetzt wartete er nervös auf den Mittelsmann. Nur gut, dass er nicht seinen Namen genannt hatte. Wenn etwas schiefging, würde man nie erfahren, dass er der Drahtzieher war. Aber es durfte einfach nichts schiefgehen. Es stand zu viel auf dem Spiel.

Der junge Mann ahnte nicht, wie gefährlich es sein konnte, wenn man sich mit der Unterwelt einließ.

Dann war der Zeitpunkt gekommen, wo sie sich wieder treffen wollten. Vor Nervosität kam er zu früh und musste warten. Endlich tauchte Charly auf. Er kam in das Lokal geschlendert und grinste ihn an.

»Nun?«

»Der Boss möchte dich kennenlernen. Ich soll dich hinbringen.«

Paul blickte ihn verdutzt an.

»Aber!«

»Willst du die Sache etwa hier verhandeln? Wo es nur so von V-Männern wimmelt?«

»Was sind denn V-Männer?«, stotterte er verblüfft.

Charly verdrehte die Augen.

»Hör zu, zeig nicht so, dass du aus der Provinz kommst, klar. Das sind Männer, die alles den Bullen hinterbringen und dafür noch Geld kassieren.«

»Aber wenn ihr wisst, wer das ist, dann, verteufelt, warum tut ihr nichts dagegen?«

»Du hast keine Ahnung, Onkelchen! Wenn wir wissen, wer es ist, dann können wir uns vorsehen. Beseitigen wir sie, dann kommen nur Neue, und bis wir herausgefunden haben, wer es ist, kann viel Zeit vergehen, und so manch einer von uns landet hinter schwedischen Gardinen. Clever muss man sein, verstehst du? Nur so kann man hier überleben.«

»Donnerwetter, das ist wirklich klug gedacht.«

»So, jetzt bezahle dein Bier und dann komm mit! Ich hab noch anderes zu tun.«

Paul fühlte sich doch ein wenig unwohl in seiner Haut. Wenn sie ihn jetzt überfielen, beiseite schafften? Was dann? Er hatte einen ganz trockenen Mund.

Charly führte ihn gründlich kreuz und quer, und er merkte gar nicht, dass sie fast wieder am Ausgangspunkt angelangt waren.

»Warte hier, ich muss das Zeichen geben.«

Die grüne Tür öffnete sich sofort. Man hatte sie also schon kommen sehen.

Paul ahnte nicht, dass er in diesem Augenblick vor einem der gefährlichsten Zuhälter der Stadt stand. An den stechenden Augen merkte er aber, dass er es mit einem harten Gegner zu tun hatte.

Dieser zeigte sich jetzt von seiner besten Seite. Auch er hatte sofort begriffen, dass er ein Windei war. Also würde man ihn ordentlich schröpfen.

Paul musste noch einmal seine Bitte vortragen. Der Lude ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Er fragte auch nicht nach dem Grund, worüber Paul sehr erstaunt war. Er konnte ja nicht ahnen, dass man hier mit falschen Karten spielte.

»Und wie hast du dir die Bezahlung gedacht?«

Paul starrte ihn an.

»Äh, ich weiß ja nicht, wie sich das verhält. Sofort? Ich habe kein Geld bei mir.«

Der Zuhälter machte eine verächtliche Geste.

»Zuerst einmal müssen wir uns über den Preis unterhalten. Bezahlt wird die Hälfte gleich zu Anfang und der Rest, wenn die Sache gelaufen ist.«

»Muss ich dann das Geld überweisen?«

»Nein, wir schicken dir einen Boten. Dem gibst du dann den Zaster. Und ich rate dir, keine Tricks!«

Paul nickte und dachte gar nicht daran, zu fragen, wie denn der Bote ihn finden würde. Er hatte ja keine Adresse angegeben.

»Also, für die Sache nehmen wir fünfzigtausend.«

Details

Seiten
99
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935714
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512286
Schlagworte
redlight street sternchen strich

Autor

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Titel: Redlight Street #117: Ein Sternchen für den Strich