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Tödliche Gier nach dem Schwarzen Gold

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Tödliche Gier nach dem Schwarzen Gold

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Tödliche Gier nach dem Schwarzen Gold

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Werner Öckl, 2019

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

Oklahoma, 1898. Eine neue Zeit ist angebrochen. Die Revolvermänner vom Schlag eines Jim Matlock haben ausgedient, den Westen regieren skrupellose Geschäftsleute wie Ken Briscoe, den Erdöl, das Schwarze Gold, schwerreich gemacht hat. Briscoe terrorisiert die letzten Rancher, um sich ihr Land unter den Nagel zu reißen, und jeden, der sich seinem Willen nicht fügt. Durch einen tragischen Unfall verliert Jube Eastman seine Ranch und seinen Sohn und schwört Briscoe und den anderen Ölsuchern Rache. Die bekommt auch die junge Helen Kane zu spüren, die mit ihrer Crew dem Ruf des Öls ins Indian Valley gefolgt ist und von Eastmans Leuten überfallen wird. Unerwartete Hilfe bekommt sie von Matlock, der den alten Eastman besuchen wollte, der den Revolvermann einst wie einen Sohn aufzog. Als Matlock sich entscheidet, Helen Kane zu helfen, sät er Hass und Gewalt. Und das Öl und der Reichtum, den es verspricht, machen alle blind. Alte Loyalitäten hören auf, zu existieren, neue Feindschaften entstehen. Rechnungen sollen beglichen werden. Freunde verraten Freunde. Wen die tödliche Gier nach dem Schwarzen Gold erfasst, ist bedingungslos bereit, über Leichen zu gehen …

 

 

 

 

 

Roman:

Endlich stießen die Männer der Tulsa Oil Company bei einer Bohrung an der Weidegrenze der Eastman-Ranch auf Ölschiefer. Der Bohrschacht war zweitausend Fuß tief. Freigesetztes Gas gelangte in ein Netz verzweigter. Wasseradern, die im Umkreis von einigen Meilen mehrere Quellen und Brunnen speisten. Jube Eastman und seine Söhne Link und Bob erlegten zur selben Zeit den gefährlichen Einzelgängerwolf, der seit Wochen sein Unwesen in den Cherokee Hills trieb und bereits ein halbes Dutzend Kälber gerissen hatte.

Am Spätnachmittag kehrten sie ahnungslos auf die Ranch zurück. Das Wolfsfell hing an Links Sattel. Der kräftige, junge Ranchersohn lenkte sein Pferd zum Ziehbrunnen.

Old Jube und Bob zügelten ihre Tiere am Hofrand.

Der hagere, geiernasige Rancher schnüffelte misstrauisch.

„Da stinkt’s, verdammt noch mal, wie auf den Ölfeldern um Dawson!“

„Wenn ich die Kerle beim Bohren auf unserem Land erwische, gibt’s ein Bleigewitter“, knurrte Bob. Er spähte in die Runde. Es war heiß und still. Kein Lufthauch bewegte die verdorrten Halme der Oklahoma-Prärie.

„He, Link, riechst du’s auch?“

Link hielt am Brunnen, eine frischgedrehte Zigarette zwischen den Lippen. Er riss das Streichholz am Sattelknauf an.

Im nächsten Augenblick gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Link und sein Pferd verschwanden in einer riesigen Stichflamme.

Der Druck der Explosion fegte Old Jube aus dem Sattel. Sein Brauner wälzte sich im Sand. Bobs Wallach stieg. Trümmer wirbelten durch die Luft. Die Remise krachte wie unter einem Riesenhammer zusammen. Korralpfosten knickten. Dach und Wände des ebenerdigen Ranchhauses waren plötzlich in züngelnde Flammen gehüllt.

Als Old Jube Eastman sich benommen aufrappelte, klaffte anstelle des Brunnens ein riesiger Erdtrichter, über dem eine Feuersäule loderte.

Der Rancher tappte mit einem Ausdruck irren Entsetzens in den aufgerissenen Augen darauf zu. Zerzauste Strähnen umstanden seinen Kopf. Blut sickerte aus einer Platzwunde an der rechten Schläfe.

„Link!“, schrie er immer wieder. „Link!“

Ein zerfetzter Stiefel war alles, was an Link Eastman erinnerte.

Das Feuer brauste. Der Rauch war bis in Dawson zu sehen. Funken bissen sich in Old Jubes Kleidung. Er spürte nichts.

Bob zerrte ihn zurück.

„Weg hier, Pa! Du kannst nichts mehr für Link tun!“

Eastman wandte ihm das ruß- und schweißverschmierte Gesicht zu. Es glich einer Teufelsfratze.

„Wir werden ihn rächen!“

 

*

 

Zwei Wochen später errichtete ein Trupp der Tulsa Oil Company einen neuen Bohrturm am Rand der Cherokee Hills. Die Dampfmaschine stand betriebsfertig in einem offenen Schuppen.

Ein bärtiger Ire, der in dreißig Fuß Höhe einen Flaschenzug montierte, entdeckte die Reiter zuerst.

„He, Jackson, wir kriegen Besuch!“, meldete er dem Bohrmeister. „Die Burschen sind bewaffnet.“

„Lasst euch nicht auf halten, Jungs. Jede Minute bedeutet bares Geld. Außerdem wird nur ein Verrückter es wagen, sich mit der Tulsa Oil anzulegen!“

Es waren acht Mann, vorneweg Jube und Bob Eastman. Die Zeiten, in denen jeder Cowboy offen einen Revolver trug, waren vorbei. Um so auffälliger waren die patronenbespickten Coltgurte und die Winchester-Gewehre an den hochbordigen Sätteln. Ein reiterloses Sattelpferd trabte neben Old Jube. Der hagere Rancher wirkte um Jahre gealtert. Dunkle Linien furchten sein Gesicht.

Bobs Miene war verkniffen. Er besaß das gleiche scharfe Raubvogelprofil wie der Vater. Die Winchester lag quer über seinem Sattel.

Das Glitzern in seinen Augen warnte den Bohrmeister. Der Mann fühlte sich erst wieder sicher, als Scoffield, einer der zum Schutz der Bohrtruppe angeheuerten Revolverschwinger, neben ihn trat. Es war ein sehniger, dunkelgekleideter Spielertyp. Sein 38er Smith and Wesson steckte in einer Achselholster. Er musterte die Ankömmlinge kühl.

Old Jube beachtete ihn nicht. Er zügelte seinen Grauen knapp vor dem gedrungenen Vormann der Bohrmannschaft.

„Danken Sie dem Himmel, Mister, dass Sie nicht bewaffnet sind. Ich würde sonst nicht zögern, Ihnen ’ne Bleiladung zwischen die Rippen zu jagen. Ihre Leute haben fünf Minuten Zeit, sich aus dem Staub zu machen, bevor wir den ganzen verfluchten Krempel hier in die Wolken blasen!“

Scoffields Rechte verschwand prompt unter der vorn offenen Anzugjacke.

Doch Jube Eastman sah nur den Crewführer. Das Hämmern und Sägen ging weiter. Männer in ölverschmierten Overalls luden Bohrgestänge von den Wagen.

Bob und die übrigen sechs Reiter verharrten wie grimmige Denkmäler. Der Bohrmeister starrte den grauhaarigen Viehzüchter mehr verblüfft als erschrocken an. Nach einem absichernden Blick auf Scoffield spuckte er vor die Hufe von Old Jubes Pferd.

„In Dawson gibt’s neuerdings ’nen Doc. Sie sollten sich erst mal auf Ihren Geisteszustand untersuchen lassen, Rancher, bevor Sie uns hier die Zeit stehlen. Mann, wir sind keine Buschklepper, sondern arbeiten für Ken Briscoe. Und wer immer auch nur ein falsches Wort über Briscoe riskiert, der sollte ganz schnell aus Oklahoma verschwinden.“

„Fünf Minuten“, wiederholte Old Jube mit ausdrucksloser Miene. Er ließ den Sprungdeckel seiner Taschenuhr aufschnappen. „Die Zeit läuft. Da steht ein Gaul für Sie. Steigen Sie auf!“

„He! Soll das vielleicht ’ne Entführung sein?“

„Ich will nur, dass Sie sich ansehen, was von meiner Ranch übrig ist: ein Trümmerhaufen. Sie, Briscoe und all die anderen Bastarde, die dieses prächtige Land verwüsten, ihr sollt wissen, weshalb meine Leute und ich von dieser Stunde an jeden bekämpfen, der westlich vom Buffalo Creek nach Öl bohrt!“

„Aber das ist doch …“

„Mein Sohn Link starb bei der Explosion, die meine Ranch vernichtete. Steigen Sie auf, kommen Sie mit und berichten Sie Ihrem geldgierigen Boss, was Sie sehen!“

„Schätze, dass ich da auch ein Wörtchen mitzureden habe“, mischte sich Scoffield ein. Seine Hand kam mit dem bläulich glänzenden, kurzläufigen Revolver zum Vorschein. Da hob Eastmans Sohn die Winchester.

„Reden Sie!“, stieß er hervor und schoss.

Die Wucht des Treffers schleuderte Scoffield gegen einen Frachtwagen. Ein großer, dunkelroter Fleck erschien auf seinem Hemd. Dann knickten seine Beine ein. Entsetzt fuhr der Bohrmeister herum. Bobs ruckendes Gewehr bannte ihn. Gleichzeitig zogen die Eastman-Reiter ihre schwerkalibrigen Colts. Einer ritt mit einem Bündel Dynamitpatronen zur Bohrplattform, befestigte es und rollte eine mehrere Yard lange Zündschnur aus.

Die Bohrarbeiter standen da wie versteinert.

„Noch drei Minuten“, mahnte Old Jube den Bohrmeister.

Dicke Schweißtropfen glänzten auf der Stirn des Mannes.

„Was neulich geschah, war ein bedauerlicher Unglücksfall, den niemand voraussehen konnte!“

„Er wäre nicht geschehen, hätte Briscoe nicht angefangen, in dieser Gegend nach Öl zu bohren. So weit ich mich zurückerinnern kann, waren hier immer nur Büffel und Rinderland.“

„War! Mann, Eastman, Sie wissen so gut wie ich, dass die Zeit nicht stehenbleibt. Briscoe hat von den Cherokee, denen das Gebiet um Dawson gehört, ordnungsgemäß die Bohrrechte erworben, genau wie Sie den Pachtvertrag für Ihre Ranch. Unter diesem Boden, Rancher, liegt ein Meer von Petroleum im Wert von Millionen Dollars. Auch mit einer Armee schießwütiger Killer werden Sie nicht verhindern, dass wir’s anzapfen! “

„Noch zwei Minuten …“ Ein weiteres Dynamitbündel flog in den Schuppen, in dem die Dampfmaschine untergebracht war. Der Vormann verkrampfte sich. Seine Augen flackerten.

„Haut ab, Leute! Diese Verrückten machen ernst!“

Ein Hasten und Trampeln entstand. Nach Scoffields jähem, gewaltsamem Tod dachte keiner der Arbeiter an Gegenwehr. Old Jube steckte die Taschenuhr ein.

„Ich nehme nicht an, dass Sie hierbleiben wollen bis es kracht.“

Schwerfällig zog der Bohrmeister sich aufs Pferd. Dann starrte er auf den Funken, der sich knisternd an der Lunte entlangfraß.

„Sie werden sich noch dafür verfluchen, Rancher! Briscoe ist bisher mit jedem fertig geworden, der sich ihm in den Weg stellte. Eines Tages werden wir auch auf Ihrem Land nach Öl bohren.“

„Nicht, solange ich lebe.“

„Davon rede ich ja.“

 

*

 

Regen wusch die Radfurchen aus. Heftige Böen peitschten die Cottonwoodsträucher an den Hängen neben der Straße. Die Planen der beiden schwerbeladenen Frachtwagen knatterten. Die Konturen von Maschinenteilen und Bohrgestänge zeichneten sich darunter ab.

Das rechte Vorderrad des ersten Fahrzeugs steckte bis zur Nabe in einem Schlammloch. Die Zügel waren um die Seitenlehne geschlungen, die Maultiere verharrten mit gesenkten Köpfen. Seit einer halben Stunde war kein Schuss mehr gefallen, aber Helen Kane wusste, dass die Schützen, die von den Hügelkuppen plötzlich das Feuer eröffnet hatten, noch immer da waren.

Sie kauerte am Heck des steckengebliebenen Wagens, eine junge Frau mit bleichem, angespanntem Gesicht, über das der Regen perlte. Ein nasser Poncho umhüllte sie. Das dunkelblonde, im Nacken verknotete Haar klebte an ihrem Kopf. Der Lauf der Winchester in Helens verkrampften Händen glänzte vor Nässe.

Ein Schnaufen und Kratzen drang unter dem Wagen hervor. Eine rostige Stimme krächzte: „Schätze, sie sind abgehauen.“

„Schätze, nicht“, erwiderte die Frau mit spröder Stimme. Ihre brennenden blauen Augen hörten nicht auf, die buschbewachsenen Hänge nach einer verdächtigen Bewegung abzusuchen.

Unablässig jagte der Wind graue Schleier über die Straße. Düstere Wolkenmassen brodelten. Die Sicht reichte manchmal nicht weiter als zwanzig Yard. Von den Hängen plätscherte es. Immer mehr Wasser sammelte sich in den Furchen, die den Fahrweg nach Dawson markierten.

„Allmählich hab ich’s satt, mich wie ein Ferkel im Dreck zu wälzen“, meldete sich die Krächzstimme wieder. Ein rosiges Gesicht mit Knollennase und weißem, jetzt allerdings schlammbespritztem Bart lugte unter dem Fahrzeug hervor. Es war ein Bilderbuch Weihnachtsmann-Gesicht, das Sanderson McCall gehörte. Die kleinen, hellen Augen funkelten kriegerisch. „Der Teufel soll Briscoe holen, wenn er hinter der Sache steckt.“

„Wer sonst? Er weiß, dass wir kommen. Das war auch der Grund, weshalb wir in Coffeyville keine zusätzlichen Fahrer anwerben konnten. Wenn Briscoe uns die Wagen mit dem Bohrmaterial abnimmt, sind wir erledigt wie Pa.“

„Die Pest an Ken Briscoes Hals!“ Der Weißbart brachte ein doppelläufiges Monstrum von Parker-Schrotflinte zum Vorschein. Dann schob er seinen hünenhaften, schlammbesudelten Körper unter dem Planwagen hervor. „Wenn diese Hundesöhne wirklich noch da sind, werde ich ihnen Feuer unter den Hintern machen, bis sie nicht mehr wissen …“

Ein peitschender Knall durchdrang Regen und Wind. Aufgeweichte Erde spritzte dem Weißbart ins Gesicht. Er fluchte erschrocken, riss, auf dem Bauch liegend, die Parker hoch und drückte ab.

Es klickte nur. Die Sturzbäche, die über den Wagen flossen, hatten die Ladung verdorben. Dafür blitzte Helen Kanes Gewehr. Aber mehr als eine flüchtige, schattenhafte Bewegung war zwischen den Sträuchern nicht zu erkennen. Die Frau repetierte entschlossen.

Da krachte es auch von der anderen Seite. Eine Kugel durchlöcherte die Wagenplane, trat auf Metall und jaulte als Querschläger nach vorn. Die Maultiere stampften und zerrten an den festgeknoteten Leinen. McCall kroch wieder unter den Wagen.

„Dreckskerle! Feiglinge! Kommt her, wenn ihr was von uns wollt!“

„Wünsch dir das lieber nicht“, murmelte die Frau. „Ich hab nur noch ein paar Patronen. Die restliche Munition liegt auf dem zweiten Wagen. Es sind drei oder vier Schießer …“

Helen duckte sich. Der Lauf ihrer Winchester schwang nach rechts und spie einen Feuerstrahl. Aber nur ein höhnisches Lachen, das von einem vor das Gesicht gebundene Tuch gedämpft wurde, antwortete.

McCall fluchte inbrünstig. Seine massige Gestalt bot auch im Regen ein zu deutliches Ziel, dass er es wagen durfte, seine Deckung für einige Sekunden zu verlassen.

„He, Puppe, wir sind nur an den Wagen interessiert. Du kannst mit deinem Partner verschwinden“, schallte es zu ihnen. „Dawson ist nur vier Meilen entfernt. Das schafft ihr locker zu Fuß.“

„Der Bastard glaubt, wir bedanken uns auch noch“, knirschte Sanderson McCall. Seine Begleiterin jagte einen Schuss in die Richtung, aus der die Aufforderung kam. Diesmal war die Antwort kein Lachen, sondern ein Fluch. Dann blitzte und krachte es aus vier Gewehren. Schemen huschten zwischen den Cottonwoods.

„Gib mir Feuerschutz, McCall!“

Helen reichte dem unter dem Fahrzeug hegenden Hünen die Winchester. Bevor McCall protestieren konnte, stieß sie sich ab und rannte auf den zweiten Planwagen zu, auf dem sich außer der Munition ein weiteres Gewehr befand.

„Zurück, Helen!“, schrie McCall heiser.

Blei pfiff. Helen trat in eine Pfütze, glitt aus und stürzte. Nur ein Dutzend Schritte vor ihr erreichte einer der Angreifer den Straßenrand. Eine Bö riss den Regenschleier auseinander. Helen sah eine breitschultrige Gestalt in einem fast knöchellangen Ölhautmantel. Zwischen Hutkrempe und Tuchmaske waren nur die wild funkelnden Augen zu erkennen. Hastig schob der Mann Patronen in den seitlichen Füllschlitz seines Mehrladegewehrs.

Helen wollte aufspringen. Da gellte ein durchdringender Ruf von der gegenüberliegenden Anhöhe.

„Bleiben Sie liegen, Ma’am!“

Dann trommelten Hufe. Ein Pferd wieherte. Der Regenvorhang schloss sich wieder.

Helen presste sich instinktiv an die Erde. Der Maskierte zuckte herum. Ein Mündungsblitz peitschte durch den Regen. Dann verschwamm die Gestalt des Banditen wieder zu einem Schatten, den das Grau zwischen den Büschen aufsog. Ein Reiter brauste heran. An den Hängen wurde wild geschossen.

„Das ist ein verdammter Trick!“, brüllte McCall, vergaß alle Vorsicht und sprang, die Winchester wie eine Keule schwingend, neben dem Frachtwagen auf.

Der Reiter stob an Helen vorbei. Seine fransenbesetzte Wildlederjacke flatterte. Er hielt die Zügel in der Linken. Aus seiner Rechten, die einen langläufigen Sechsschüsser umklammerte, schienen Blitze zu springen.

McCall stürzte ihm wie ein wütender Grizzly entgegen. Geistesgegenwärtig bog der Fremde den Oberkörper zur Seite. Sein linker Stiefel traf den Hünen vor die Brust, worauf sich dieser ohne die Winchester loszulassen auf den Hosenboden setzte. Die vorbeihämmernden Hufe bespritzten ihn mit Schlamm.

„Hallo, Weihnachtsmann!“, verstand McCall. Dann ging alles im Dröhnen der Schüsse unter, die der Reiter ins Dickicht jagte.

Ein Getroffener schrie, Flüche ertönten, Pferde wieherten. Dann schwiegen die Waffen. Stampfende Hufe entfernten sich. Nur das Prasseln des Regens

blieb, der alle Spuren verwischte. Ein Gefühl der Unwirklichkeit überkam McCall. Er drehte seinen massigen Schädel dem Fremden zu, der jetzt, als sei nichts Besonderes passiert, neben seinem Braunen stand und sich trotz Regen und Wind eine Zigarette anzündete.

Der Mann war groß und sehnig, sein hageres Gesicht sonnengebräunt. Graue Augen, eine scharflinige Nase und ein energischer Mund beherrschten es. Der Colt steckte wieder in das Holster, das unter der schenkellangen Jacke hervorlugte. McCall schluckte.

„Muss mich wohl geirrt haben“, krächzte er, im Morast hockend.

Der Mann mit dem tiefgeschnallten Sechsschüsser grinste.

„Sieht fast so aus, Weihnachtsmann.“

„Zum Teufel, mein Name ist Sanderson McCall!“

„Macht nichts. Ich bin Jim Matlock.“

„Jim Matlock, der Revolvermann?“ McCall blieb der Mund offen.

Das Grinsen des Fremden erlosch. „Was dagegen?“

Da trat die Frau zu ihm. Sie war noch halb außer Atem und ebenso wie McCall von Kopf bis Fuß mit Schlamm bespritzt. „Ich dachte schon, wir würden Dawson nie erreichen. Der Himmel hat Sie uns geschickt!“

„Hm!“

Zweifelnd hob Jim Matlock den Blick zu den Wolken, aus denen es wie aus Kübeln goss.

 

*

 

Die Stadt war sozusagen über Nacht entstanden.

Jim Matlocks Blick schweifte vom Fenster im Obergeschoss des Philadelphia-Hotels über ein Gewirr von Zelten, Baracken, Saloons und Spielhöllen. Alle paar Yard prangte die Aufschrift „Tulsa Oil Company“ an irgendeiner Bretterwand. Der Geruch von Erdöl, der die Stadt einhüllte, drang sogar durch das geschlossene Fenster. Auf den schlammigen Straßen rollten Fuhrwerke, stampften derbgekleidete Männer. Unter den Vordächern lungerten Gestalten in Stadtanzügen: Spieler, Abenteurer, Dollargeier, die von jeder Boomtown magnetisch angezogen wurden. Grellgeschminkte Girls winkten aus den Fenstern von Ma Rileys und Crazy Janes Rotlichthäusern.

Dawson war eine Stadt ohne Gesetz, deren hektisches Leben auf die Zeit befristet war, in der die Ölquellen auf der Ebene ringsum sprudelten. Der Schein der Gasfackeln leuchtete durch die Dunkelheit. Laternen brannten. Es regnete zwar nicht mehr, aber der Himmel blieb wolkenverhangen. Die Ölleute behaupteten, dass die aus den Bohrschächten entweichenden Gase die Wolken und den häufigen Regen verursachten. Das war für sie so selbstverständlich wie der Schichtbetrieb, der Dawson rund um die Uhr mit Lärm und Hektik erfüllte.

Es war die erste Ölstadt, die Jim Matlock betrat.

Er fühlte sich fremd. Mehr als anderswo erinnerte der große Mann mit der Fransenjacke, den Texasstiefeln und dem tiefgeholsterten 45er hier an eine vergangene Zeit. Sein sonnengebräuntes, kantiges Gesicht spiegelte sich in der Fensterscheibe, ehe er sich abwandte. Er entkleidete sich und stieg in den Badezuber. Seife und heißes, sauberes Wasser erschienen ihm wie ein Luxus in dieser von Ölgestank und Schmutz verpesteten Umgebung.

Die Petroleumlampe füllte das karg möblierte Zimmer mit anheimelndem Licht. Das Rufen, Lachen und Grölen auf der Straße drang gedämpft herein. Jim entspannte sich. Der Coltgurt hing gewohnheitsmäßig in Griffweite über einem Stuhl.

Im selben Moment, da der Türknauf sich bewegte, lag die langläufige Waffe bereits in Jims Faust.

Helen Kane verharrte auf der Schwelle. Dann lachte sie und trat ohne Scheu ein.

„Ich hielt es bisher für Übertreibung, was ich über Männer wie Billy the Kid, John Wesley Hardin und Ben Thompson hörte. Jetzt weiß ich, dass es diese verblüffende Schnelligkeit mit dem Colt tatsächlich gibt.“

Jim legte den 45er weg.

„Sie vergaßen anzuklopfen, Ma’am.“

„Tut mir leid.“

„Sie lügen, Ma’am.“ Ein Grinsen nahm Jims Worten die Schärfe. Er lehnte sich in der Wanne zurück und musterte sie. Er hatte Helen Kane vom Regen durchnässt und mit Schlamm beschmiert kennengelernt. Nun trug sie ein elegantes Kleid und hatte das inzwischen trockene Haar zu einer kunstvollen Frisur aufgesteckt. Eine Kette schmückte den schlanken Hals. Von den Schultern hing eine wertvolle Stola. Sie stand wie ein Wesen aus einer fremden Welt in dem schäbigen kleinen Hotelzimmer.

Ein Lächeln umspielte ihren Mund.

„Ich wollte rausfinden, ob Sie der richtige Mann für den Job sind, den ich zu vergeben hab. Well, Sie sind es!“

„Ich hab nicht vor, für Ölleute zu arbeiten.“ Jim bot ihr absichtlich keinen Stuhl an. Doch Helen setzte sich ungeniert auf die Bettkante. Dass Jim im Badezuber saß, hinderte sie nicht, unbeirrt ihr Ziel anzusteuern.

„Weswegen sind Sie dann hier?“

„Ich wette, dass nicht nur auf den Ölfeldern, sondern auch in Dawson Geld zu machen ist.“

Helen beugte sich vor. Ihre blauen Augen brannten sich an Jims Gesicht fest.

„Wie viel Geld?“

„Fünftausend, zehntausend kommt drauf an.“

Jim wunderte sich nicht, als die junge, dunkelblonde Frau sich eine Zigarette anzündete. Sie blies den Rauch zur Zimmerdecke. Nur eine pochende Ader an ihrem Hals verriet, dass sie innerlich längst nicht so kühl war, wie sie sich gab. Ihre Stimme klang unverändert geschäftsmäßig.

„Ich biete Ihnen das Zehnfache, Matlock, wenn Sie für McCall und mich arbeiten.“

„Nehmen Sie’s mir nicht übel, Ma’am, aber weder Sie noch McCall sehen aus, als könnten Sie so viel Geld auftreiben.“

Helen nickte.

„Wir haben fast alles in die Bohrausrüstung gesteckt, stimmt. Darum war’s ja so wichtig, die Wagen nach Dawson durchzubringen. Der Rest unseres Geldes reicht gerade, ein halbes Dutzend Arbeiter anzuheuern. Ich denke dabei an die Männer, die bereits für meinen Vater gearbeitet haben.“

„Und wie wollen Sie mich bezahlen?“

Helens Zigarette glühte. Rauch verschleierte das hübsche, im Schein der Petroleumlampe fast mädchenhafte Gesicht.

„Mit einem Anteil an der Ölquelle, auf die wir acht Meilen westlich von Dawson in den Cherokee Hills stoßen werden.“

Jim, der die Hand nach seinem Rauchzeug ausstreckte, vergaß, dass er sich ebenfalls einen Glimmstengel anbrennen wollte. Er starrte die Frau ungläubig an. Dann lachte er rau.

„Ich wäre närrisch, wenn ich mich darauf einließe.“

„Sie wären es, wenn Sie’s nicht tun. Fünfzig, vielleicht sogar hunderttausend Dollar oder noch mehr! Nicht mal Briscoe kann Ihnen das bieten. Ich phantasiere nicht, Matlock! Ich weiß, wovon ich spreche. Das Öl ist da! Wir brauchen es nur anzubohren! Mein Vater und McCall garantieren dafür, die beiden erfahrensten Ölsucher westlich des Mississippi.“

„McCall kenne ich ja nun. Wo ist Ihr Vater?“

„Er liegt auf dem Friedhof von Coffeyville. Angeblich kam er bei ’nem Raubüberfall ums Leben. Ich weiß es aber besser. Er war Briscoe im Weg, nachdem er sich weigerte, der Tulsa Oil die Bohrrechte in den Cherokee Hills zu überlassen.“

Jim kniff die Augen zusammen.

„Was wollen Sie eigentlich, Ma’am: Vergeltung oder einen Anteil an dem schwarzen Gold, das zur Zeit halb Oklahoma in Aufruhr versetzt?“

„Beides.“

„Sie werden sich irgendwann entscheiden müssen.“

„Ich werde damit beginnen, dass ich das Öl in den Cherokee Hills nicht auch noch in Briscoes gierige Hände fallen lasse. Der Erlös aus einer Quelle wird McCall und mich in die Lage versetzen, noch ein Dutzend weitere zu erschließen. Dann werden wir Briscoe einkreisen, ihm die Arbeiter abwerben, die Kredite abwürgen, kurzum: Wir werden ihn mit den eigenen Waffen schlagen.“

Helen erhob sich und drückte fahrig die Zigarette aus. Ihre Augen funkelten, die Wangen brannten.

„Briscoe kennt meine Pläne. Er wird alles tun, sie zu vereiteln. Deshalb brauch ich einen Helfer, der besser mit dem Colt ist als seine Revolverschwinger. Sie, Matlock!“

„Der Haken dabei ist nur, dass Jube Eastman, der mich wie seinen eigenen Sohn erzog, die Cherokee Hills als Ranchland beansprucht“, erwiderte Jim mit ausdrucksloser Miene. „Ich kam nach Dawson, um ihn und seine Jungs nach zehn Jahren wiederzusehen.“

Helen Kane presste die Lippen zusammen. Das Kleid spannte sich über ihren festen Brüsten. Die langen Schenkel zeichneten sich unter dem glatten Stoff ab.

„Ein Grund mehr, dass Sie sich auf meine Seite stellen und Eastman begreiflich machen, dass wir nur das Öl wollen.“

„Nur!“ Jim lachte hart. „Da kennen Sie Old Jube schlecht! Er wird nie ’nen Bohrturm auf seiner Weide dulden!“

„Wir haben die Bohrrechte. Wenn es sein muss, werden wir auch noch mit Eastman fertig. Überlegen Sie’s sich.“

 

*

 

Der halb abschätzende, halb feindselige Blick des Saloonkeepers störte Jim Matlock ebenso wenig wie der freie Raum, der an der sonst dicht belagerten Theke um ihn blieb. Er kannte das aus Dutzenden anderer Städte. Nachdem er die Kane-Wagen begleitet hatte, durfte er hier, wo die Tulsa Oil Company das Gesetz verkörperte, nichts anderes erwarten, als dass man ihn wie einen Aussätzigen mied. Seine Reiterkluft und der tiefgeschnallte 45er waren für die Ölmänner und Saloonhaie ohnedies ein rotes Tuch. Doch der Stolz verbot es Jim Stetson, Fransenjacke und Texasboots mit einem unauffälligen Anzug zu vertauschen und die Waffe versteckt, statt offen zu tragen.

Ein Nebel aus Whiskydunst und Tabakqualm füllte Joe’s Paradise. Das Kichern und Kreischen der Flittergirls stach aus dem Gebraus der rauen Männerstimmen. Als an den benachbarten Tischen plötzlich Stille eintrat, spannte Jim sich unmerklich. Der Keeper zog sich mit auffälliger Hast ans Ende der Theke zurück. Jim legte eine Münze auf die Messingplatte und goss sich selbst einen weiteren Drink ein. Ein Lachen ertönte hinter ihm. Es klang, als würde eine Feile über rostiges Blech schaben.

„Mann, aus welchem Zirkus bist du abgehauen?“

Jim trank, ehe er sich gelassen umdrehte. Der Mann, der sich zwei Schritte vor ihm auf gebaut hatte, besaß schrankbreite Schultern, einen Stiernacken und Hände groß wie Kohlenschaufeln. Ein Grinsen dehnte die Wulstlippen. Die Augen glitzerten. Jacke, Hose und Stiefel waren verdreckt. Schräg hinter ihm warteten drei weitere hämisch grinsende Burschen.

Der Kleiderschrank deutete auf Jims Colt.

„Ich hab mir so ’nen Kracher als Dreikäsehoch immer zu Weihnachten gewünscht. Hast du keine Angst, dass du dir mal die Zehen wegschießt, wenn du dauernd in diesem Zirkuskostüm rumläufst?“

Jim wandte sich mit steinernem Gesicht ab. Da tappten Schritte hinter ihm. Eine schwielige Pranke senkte sich auf seine Schulter.

„He, Freundchen, ich red mit dir!“

„Aber ich nicht mit dir. Hau ab!“

„Verdammtes Großmaul! Ich werde …“

Jim bewegte sich so schnell, dass kein Auge mitkam. Seine geballte Rechte explodierte am Kinnwinkel des Bulligen. Schlagartig verstummten alle Geräusche. Eines der Animiermädchen begann, hysterisch zu lachen. Eine derbe Hand verschloss den knallig geschminkten Mund. Jim stützte sich lässig mit den Ellbogen auf.

„Wolltest du noch was, Büffel?“

Der Mann betastete die bläuliche Schwellung am Kinnwinkel. Dann schüttelte er sich, als hätte Jim einen Eimer Wasser über ihn ausgegossen. Keuchend und mit wutverzerrter Miene stemmte er sich hoch. „Na warte, du …“

„Tu ich ja. Du musst dich nicht wiederholen, du Ochse.“

Wutschnaubend stürzte sich der Ölarbeiter auf den zwar gleich großen, aber nur halb so breiten Gegner.

Jim trat blitzschnell zur Seite. Die Theke bebte, als der Kleiderschrank mit voller Wucht dagegenprallte.

Geistesgegenwärtig rettete Jim Flasche und Glas. Er fand gerade noch Zeit, beides abzustellen. Brüllend fuhr der Angreifer herum. Seine Hammerfaust zielte auf Jims Gesicht.

Jim, an Maßarbeit gewöhnt, bewegte den Kopf gerade so weit, dass der Hieb ihn knapp verfehlte. Dann traf seine Rechte den Angreifer über der Gürtelschnalle. Der Bulle krümmte sich und schnappte nach Luft.

„Das gibt sich“, tröstete Jim, richtete ihn mit einem knochenharten Uppercut wieder auf und schickte sofort eine gestochene Gerade hinterher. Die aus Kistenbrettern gezimmerte Theke bebte abermals.

„Na warte“, ächzte der Schläger, bevor er mit glasigen Augen an ihr niedersank.

Jim drehte sich sofort den Begleitern des Kleiderschranks zu. Das Grinsen war ihnen vergangen. Sie machten Gesichter, als hätten sie vor, Jim in der Luft zu zerreißen. Drohend schoben sie sich heran. Eine nicht sehr laute, aber schneidende Stimme stoppte sie.

„Nehmt Webster mit und verschwindet!“

 

*

 

Die Kerle duckten sich, als hätte der Sprecher einen Schuss über ihre Köpfe abgefeuert. Jims Augen hefteten sich auf den schwarzhaarigen Mann, der mit katzenhaften Schritten quer durch den Saloon kam. Er fiel mit seinem am Gürtel hängenden Revolver ebenso wie Jim in der Menge der Ölarbeiter, Frachtfahrer, Spekulanten und Berufsspieler sofort auf. Außerdem war er ganz in weichgegerbtes Wildleder gekleidet. Mit dem perlenbestickten Stirnband und den ebenfalls perlenbestickten Mokassins sah er wie ein halber Indianer aus. Jim ließ sich die Überraschung nicht anmerken.

„Hallo, Jones.“

Die wenigen über den Westen verteilten „letzten“ Revolvermänner kannten sich zumindest dem Namen nach.

Jim Matlock und Louisiana-Jones waren sich bereits mehrfach begegnet. Zuletzt in Texas, wo Jim den Rangers half, einer gefährlichen Schmugglerbande das Handwerk zu legen. Jones hatte damals für den Boss der Gegenseite „gearbeitet“. Mit knapper Not war ihm die Flucht aus dem Lonestar-Staat geglückt. Sein dunkles, glattrasiertes Gesicht verriet keine Erinnerung daran.

„Hallo, Matlock. Der Boss möchte dich sprechen.“

„Welcher Boss?“

„Mein Boss“, dehnte Louisiana-Jones grinsend. Seine Zähne blitzten. „Mister Kenneth Briscoe.“

Die Männer an den Tischen rührten sich nicht. Die Partner des Schlägers hatten es so eilig, dass sie den Bewusstlosen an den Füßen aus dem Saloon schleiften. Jim legte einen weiteren Dollar auf die Theke und goss sich ein.

„Auch einen, Jones?“

„Du weißt, dass ich im Dienst nicht trinke, Matlock. Komm! Der Boss wartet nicht gern!“

„Dein Boss“, betonte Jim. „Wenn er was von mir will, soll er mich besuchen. Philadelphia-Hotel, Zimmer siebzehn, erster Stock.“

Louisiana-Jones’ dunkle Augen bekamen jenen stechenden Ausdruck, der Jim jedes Mal an eine Klapperschlange erinnerte.

„Du hast dich nicht verändert, Matlock. Aber hier sind wir nicht in Texas, wo deine Rangerfreunde dir den Rücken freihalten. In dieser Stadt gibt’s kaum ’nen Nagel, der Briscoe nicht gehört.“

„Halleluja!“ Jim prostete ihm zu und trank. „Scheint fast so, als hättest du zur Abwechslung mal die Gewinnerseite erwischt.“

„Worauf du dich verlassen kannst, Matlock.“

„Gratuliere“, grinste Jim.

Der Schwarzhaarige legte die Hand auf den mit Kerben verzierten Revolverknauf. „Gehen wir.“

„Mir gefällt’s hier. Außerdem hab ich noch nicht zu Abend gegessen. Sag deinem Boss …“

„Du machst ’nen Fehler, Matlock. Ich hab den Auftrag, dich zu ihm zu bringen – jetzt.“

„Dein Pech.“ Jim wandte sich ab. Im nächsten Moment zuckte er herum. Sein Sechsschüsser flog hoch. Ein Donnerknall füllte Joe’s Paradise. Der Revolver, den Louisiana-Jones eben auf Jim richtete, wirbelte unter einen Tisch.

Für einen Augenblick malte sich blankes Entsetzen auf Jones’ Miene, dann erstarrten seine dunklen Züge. Jims Blei hatte nicht mal seine Haut geritzt. Keiner der Zuschauer hatte jemals solch einen Schuss erlebt.

Für Jones, dessen Name an erster Stelle auf Briscoes Lohnliste stand, war es eine Demütigung, die nur mit dem Tod des Gegners zu tilgen war.

Jim erkannte die tödliche Bereitschaft dazu in seinen Schlangenaugen. Ruhig holsterte er den Colt.

„Bis später, Jones.“

„Sicher, Matlock.“

Totenstille herrschte, als Ken Briscoes Bestman den Saloon verließ.

 

*

 

Ein paar Häuser weiter fand Helen Kane die Arbeiter ihres Vaters im Lone Man’s Rest. Sie saßen mitten in der überfüllten, lärmenden Spelunke an einem Tisch. Flasche und Gläser standen vor ihnen. Zigarettenkippen lagen ringsum. Die Luft war zum Schneiden.

Rauch und Whiskydunstschwaden reizten Helens Augen. Betrunkene grölten. In einer Ecke plärrte ein Orchestrion. Das Bild einer nackten Schönen hing über der Bar. Die Gäste waren durchweg Ölarbeiter, Männer mit klobigen Fäusten und wettergegerbten Gesichtern. Die meisten trugen ölfleckige Overalls und erdverkrustete Stiefel.

„Eine neue Mieze!“, rief einer.

Gelächter erscholl. Anzügliche Rufe ertönten. Sie verstummten schnell, als Helen entschlossen den Tisch ansteuerte, an dem Pratt Dobie und seine Gefährten saßen. Der feiste Keeper beobachtete sie Misstrauisch.

Helen hielt den Kopf erhoben. Ein energischer Zug spannte ihren Mund. Dobie bemerkte sie erst, als sie die Hand auf seine Schulter legte.

„Es ist so weit“, sagte sie nur.

Pratt Dobie war nur wenige Jahre älter als sie, knapp dreißig, ein kräftiger, blonder Mann. Verlegenheit zeichnete jetzt sein Gesicht. Seine vier Kameraden starrten angestrengt auf die Tischplatte. Schließlich räusperte Dobie sich.

„Tut mir leid, Miss Helen, Sie kommen zu spät.“

Helens Miene wurde hart. Sie ließ einige Sekunden verstreichen, bis sie sicher war, dass ihre Stimme nicht die innere Erregung verriet.

„Heißt das, dass Sie und Ihre Männer jetzt für Briscoe arbeiten, Dobie?“

„Nein, Ma’am, aber …“ Dobie wusste nicht, wohin er schauen sollte.

Helens Stola war verrutscht. Der Ausschnitt ihres Kleids befand sich genau in seiner Augenhöhe. Die Frau sagte rasch: „McCall bewacht die Wagen. Sie stehen auf dem Hinterhof von Redfields Store. Wir haben alles Nötige besorgt. Sobald …“

Dobie riss sich zusammen. „Seit Sie Dawson vor vier Wochen verließen, Miss Helen, hat Briscoe hier vollends alles unter Kontrolle gebracht. Campbell und Jennings sind die Einzigen, die noch auf eigene Rechnung bohren. Wahrscheinlich lässt Briscoe sie nur gewähren, weil ihre Quellen nicht sehr ergiebig sind. Auch Wellards Fuhrgeschäft gehört ihm nun zur Hälfte. Wir hätten, falls wir in den Cherokee Hills Öl finden, keine Absatzmöglichkeit.“

„Wir werden Öl finden, und wir werden es zur nächsten Eisenbahnstation schaffen, mit eigenen Wagen und Fässern.“ Helens Augen funkelten.

Dobies Gefährten bewegten sich unruhig. Als einer aufstand und ohne Helen anzusehen den Tisch verließ, folgten ihm die anderen. Dobie blieb verkrampft sitzen.

„Sie müssten zusätzlich Fahrer einstellen, Miss Helen. Sie werden niemanden finden …“

„Wenn’s sein muss hol ich Männer aus Kansas City oder Little Rock, für den doppelten Lohn, den Briscoe ihnen bietet. Aber erst muss die Quelle fließen. Dazu brauch ich Sie und Ihre Männer. McCall kennt die Stelle genau, wo wir bohren müssen.“

Dobie goss sich einen Drink ein. Seine Hand zitterte leicht.

„Briscoe kennt Ihre Pläne. Er hatte vier Wochen Zeit, mit eigenen Bohrungen in den Cherokee Hills zu beginnen. Wissen Sie, weshalb er bisher drauf verzichtete?“

„Wahrscheinlich fehlt ihm das nötige Bargeld.“

„Die Eastmans haben allen Ölsuchern den Kampf angesagt, nachdem Eastmans jüngster Sohn bei einer Explosion umkam.“ Dobie trank, so dass er Helens Zusammenzucken nicht bemerkte. „Die Ranch wurde dabei völlig zerstört“, berichtete er heiser. „Jetzt hausen sie in einem Versteck in den Cherokee Hills und lassen keinen Wagen mehr über den Buffalo Creek. Sie haben bereits zwei Bohrtürme gesprengt. Bob Eastman erschoss einen von Briscoes Revolverschwingern. Neulich überfielen sie einen Nachschubtransport. Es gab Verwundete.“

Dobie blickte die junge Frau eindringlich an.

„Diese verdammten Kuhtreiber führen einen richtigen Kleinkrieg. Sie tauchen unerwartet auf, schlagen blitzschnell zu und verschwinden wieder. Sie wollen, dass das Gebiet westlich vom Buffalo Creek Rinderland bleibt. Wenn wir Briscoes Schießern entkommen, erledigen uns die Eastman-Reiter. Ich sehe wirklich keine Chance!“

„Aber ich.“ Helen nahm Dobies Glas, füllte es halb mit Whisky und trank. „Ich kann reiten, schießen und kämpfen wie ein Mann. Wenn Sie Ihre Männer überzeugen, dass sie mitmachen, bin ich bereit, jeden Preis dafür zu bezahlen.“

Ihre Hand berührte Dobies Schulter. Ihr Blick hielt seine Augen fest. Dobie hörte das Vibrieren in ihrer Stimme. Die Wärme ihres biegsamen Körpers schien sich durch die Berührung auf ihn zu übertragen. Er spürte die innere Kraft der Frau. „Jeden Preis, Dobie“, wiederholte sie.

„Sie stiften Unruhe unter meinen Gästen, Ma’am“, beschwerte sich der Saloonbesitzer hinter ihr. „Mister Briscoe wird es nicht gefallen, wenn Sie in meinem Lokal versuchen, Leute für Ihr verrücktes Unternehmen anzuheuern. Gehen Sie!“

Der Dicke befand sich in Begleitung zweier bulliger Rausschmeißer, die Helen unverschämt angrinsten. Dobie erhob sich so ruckartig, dass er eine Flasche umstieß.

„Haut ab!“, knurrte er, schob die Jacke zurück und legte die Hand an den Revolver, der in seinem Hosenbund steckte. „Ich bring’ Sie ins Hotel, Miss Helen. Morgen früh haben Sie Ihre Crew.“

 

*

 

Jim witterte die Gefahr im selben Augenblick, als er das dunkle Hotelzimmer betrat. Die Wirkung der Drinks verflog sofort. Mit dem Colt in der Rechten glitt er katzenhaft zur Seite. Ein paar Schritte vor ihm leuchtete die Glut einer Zigarre.

„Ich bin’s – Briscoe“, meldete sich eine ruhige Stimme. Ein Streichholz flammte, der Docht einer Petroleumlampe begann, zu brennen. Eine ringgeschmückte Hand stülpte den Glaszylinder darüber. Briscoe saß mit dem Rücken zur Wand im einzigen Sessel.

Er war mittelgroß, schlank und sah mit dem grauen Anzug, der Kragenschleife und den Schnürschuhen wie einer von den Bodenspekulanten aus, die seit den ersten Ölfunden das Cherokee-Gebiet von Oklahoma überschwemmten. Seine fahle Gesichtshaut verriet, dass er wenig mit Sonne und frischer Luft in Berührung kam. Die blassgrauen Augen und die dünnen Lippen machten ihn älter als er tatsächlich war. Auf den ersten flüchtigen Blick wirkte er wie ein Mann, dessen Leben aus Geld, Zahlen und Papier bestand. Aber ein knappes Grinsen und ein spöttisches Blitzen in den ansonsten ausdruckslosen Augen verrieten Härte und Gerissenheit.

Briscoe war unbewaffnet. Er saß da, als wäre es sein Zimmer. Jim schloss die Tür, ehe er den Sechsschüsser holsterte.

„Wissen Sie, wie spät es ist?“

„Sie haben mich hergebeten.“ Wieder zuckte dieses halb arrogante, halb verwegene Grinsen über das fahle Gesicht des Ölbosses. Er bot Jim eine Zigarre an. Jim drehte sich statt dessen eine Zigarette.

„Was wollen Sie?“

„Sie kennenlernen. Louisiana-Jones ist höllisch sauer. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass jemand es schafft …“

„Reden Sie immer so lange um eine Sache herum?“

Briscoe sah Jim scharf an. Die Zigarre glühte. Kein Muskel bewegte sich in Briscoes Gesicht.

„Es war ein Fehler, dass Sie sich für Bill Kanes Tochter entschieden, Matlock, hoffentlich einer, der sich korrigieren lässt.“

„Ich hab mich nicht entschieden.“

Briscoes Lippen spannten sich zu einer scharfen Erwiderung. Dann begnügte er sich mit einem Achselzucken.

„Um so besser. Ich hab viel von Ihnen gehört, Matlock. Sie sind zwar ein Ass mit dem Colt, hatten in der Wahl Ihrer Auftraggeber jedoch nicht immer eine glückliche Hand. Wäre doch schade, wenn Sie sich wegen ein Paar schöner Augen in die Nesseln setzten. In wenigen Jahren, Matlock, ist die Zeit für Männer wie Sie und Louisiana-Jones endgültig abgelaufen. Kämpfer wird es immer geben. Aber Sie werden nach anderen Regeln und mit anderen Waffen kämpfen.“

„Sie stehlen mir den Schlaf, Briscoe“, murmelte Jim, nachdem er die Zigarette anbrannte. Lärm durchtoste die Stadt. Das rhythmische Stampfen der Förderpumpen, die Tag und Nacht in Betrieb waren, kam von der Ebene.

Briscoe beugte sich vor. „Fünfhundert im Monat, wenn sie mir Ihren Revolver vermieten.“

Jim kniff die Augen zusammen und grinste.

„Nicht schlecht. Aber Helen Kane hat mir mehr geboten, viel mehr.“

„Ich feilsche nicht, Matlock.“ Briscoe drückte die halb gerauchte Zigarre im Aschenbecher aus. Seine Stimme klang metallisch. „Fünfhundert für den Anfang. Das ist genauso viel wie Jones erhält. Zweihundert mehr, sobald wir die erste Ölquelle in den Cherokee Hills anzapfen. Machen Sie sich keine Sorgen wegen Jones. Er wird zwar nicht vergessen, dass Sie ihn vor aller Augen lächerlich machten, aber …“

„Ich bin mit Burschen wie Louisiana-Jones immer noch recht gut allein fertig geworden.“

„Diesmal könnten Sie sich verrechnen. Jones ist gefährlich. Wie ich ihn kenne, scheut er auch vor einem Schuss aus dem Hinterhalt nicht zurück.“

„Der richtige Mann für Sie, Briscoe, stimmt’s?“

„Werden Sie nicht unverschämt, Matlock.“ Es klang belustigt.

Jim begriff, wie unverwundbar und haushoch überlegen sich der Ölboss fühlte. „Jones ist nicht der Einzige, der für mich kämpft, wenn ich das befehle. Es ist meine Entscheidung, Matlock, wie alt Sie in Dawson werden. Und wie reich!“, fügte er mit einem Piratengrinsen hinzu.

„Kanes Tochter sprach von hunderttausend Bucks, die für mich drin sind“, bemerkte Jim lässig.

Briscoes Blick wurde starr.

„Lächerlich!“, schnarrte er. „Wenn’s drauf ankommt, wird sie keine hundert berappen. Ich weiß über ihre Finanzen ebenso Bescheid …“

Jim gähnte.

„Ich bin müde, und ich hab kein Verlangen danach, mich in eine Fehde hineinziehen zu lassen weder von Ihnen, noch von Miss Kane. Gute Nacht, Sir!“

Briscoe stand auf. Sein Zeigefinger zielte wie ein Revolver auf Jims Brust.

„Sie sind schon wieder dabei, einen Fehler zu begehen, Matlock. Es gibt keinen Platz zwischen den Fronten. Wer nicht für mich ist, den betrachte ich als Feind.“

„Das können Sie halten, wie Sie wollen.“ Jim öffnete ihm die Tür. Ein Flackern erschien in Briscoes Augen.

„Ich warte bis morgen, Matlock. Wenn Sie dann noch in Dawson sind, steht Ihr Name entweder auf meiner Lohnliste oder Sie liegen vierundzwanzig Stunden später auf dem Boothill.“

Plötzlich schallte wildes Gejohle von der Straße. Ein Revolver krachte. Direkt unter dem Fenster schrie ein Mann: „Sie haben sie! Bei Gott, sie sind’s!“

 

*

Türen knallten, Fenster klirrten, Stiefel dröhnten auf den hölzernen Vorbauten.

Briscoe eilte ans Fenster. Jim folgte ihm. Die ohnedies schon hektische Betriebsamkeit kochte förmlich über. Aus allen umliegenden Saloons, Spielhöllen und Bordellen quollen Männer. Alles schob und drängte der Gruppe entgegen, die vom Stadtrand kam.

Im trüben Schein der Vordachlampen erkannte Jim Matlock anfangs nur die Umrisse der beiden Reiter, die von einem Dutzend lärmender Ölarbeiter umringt wurden. Dann sah er, dass sie gefesselt waren. Sie trügen Weidetracht und hielten die Köpfe gesenkt.

Die hageren Gestalten kamen Jim bekannt vor. Sein Herz pochte schneller. Er stellte sich neben Briscoe, der das Fenster öffnete. Der Lärm traf sie wie eine Brandungswoge. Schreie und Pfiffe gellten. Fäuste drohten.

„Zur Hölle mit dem verfluchten Pack! Knüpft sie auf!“, grölte ein Betrunkener.

Ein anderer mahnte: „Sagt erst dem Boss Bescheid, Leute!“

Briscoe beugte sich hinaus. „Ich bin hier, Männer!“

Beim Klang seiner Stimme blickten die beiden Gefangenen ruckartig auf.

Jim spürte einen Stich, als er Old Jube und Bob erkannte. Coltgurte umgaben ihre Hüften, doch die Holster waren leer; ebenso die Scabbards an den hochbordigen Sätteln. Ein blutverkrusteter Riss lief über Bobs rechte Wange.

„Geh zum Teufel, Briscoe!“, schrie er.

Ein Kolbenhieb warf ihn beinahe vom Pferd. Von allen Seiten schwirrten Verwünschungen.

Old Jube biss die Zähne zusammen. Graue Strähnen lugten unter seinem verbeulten Stetson hervor. Er war knapp sechzig, wirkte aber wie siebzig. Die Petroleumlampe beschien Jim von hinten, so dass der Rancher und sein Sohn ihn nicht erkannten.

„Zwei Narren weniger, die sich einbildeten, sie könnten mir Steine in den Weg werfen“, triumphierte Briscoe.

„Wir haben sie an der Straße nach Coffeyville erwischt, Boss“, schallte es herauf. Jim durchzuckte es heiß.

Der Überfall auf die Kane-Wagen auf derselben Straße lag noch keine sechs Stunden zurück. Hinter den Sätteln der Eastmans waren lehmgelbe Ölhautmäntel festgeschnallt. Die Maskierten hatten ebenfalls solche getragen. Im nächsten Moment verwünschte Jim sich für seinen Verdacht.

„Hängt sie auf!“, befahl Briscoe. „Ich übernehm die volle Verantwortung!“

Die Menge tobte, dass Jim sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte.

Dawson glich einem Hexenkessel. Die halbe Stadt war auf den Beinen, und noch immer strömten mehr Gaffer auf die Fahrbahn vor dem Philadelphia-Hotel.

Derbe Fäuste rissen Old Jube und Bob aus den Sätteln. Die Pferde scheuten. Einige Männer hielten sie fest. Die anderen schleppten die Gefangenen zur Laderampe vor Wellards Frachtschuppen. Einer kletterte aufs Dach und befestigte zwei Seile an vorspringenden Balken.

„Nun wissen Sie, wie’s meinen Feinden ergeht“, wandte der Ölboss sich mit glitzernden Augen an Jim. „Zweifeln Sie noch immer an meiner Macht?“

„Allerdings.“

Briscoe erstarrte, als er den Colt des großen, sehnigen Revolvermannes auf sich gerichtet sah.

 

*

 

Jim stand neben dem Fenster, damit er von der Straße aus nicht gesehen wurde. Es war bemerkenswert, wie schnell Briscoe sich fing.

„Ich hab Ihren Hang zu einem höchst seltsamen Humor bereits festgestellt, Matlock. Nun treiben Sie’s zu weit.“

„Für Sie ist’s gesünder, Sie halten die Hängepartie auf.“

Briscoe musterte ihn aufmerksam.

„Ich glaub allmählich, dass Sie wirklich nicht für das Kane-Girl arbeiten. Hat Eastman Sie nach Dawson gerufen?“

„Denken Sie was Sie wollen …“

„Moment, jetzt fällt’s mir wieder ein! Heißt es nicht, dass Sie auf ’ner Ranch in Oklahoma aufwuchsen? Auf Eastmans Ranch?“

Jim packte ihn hart an der Schulter und drückte ihm die 45er-Mündung gegen den Bauch.

„Meine Geduld hat Grenzen, Briscoe! Befehlen Sie den Verrückten da draußen, dass sie Old Jube und Bob freigeben, sonst knallt’s!“

Das Johlen vor Wellards Frachtschuppen steigerte sich noch. Es ging schon auf Mitternacht zu, und die meisten Besucher der Saloons und sonstigen Amüsierbetriebe hatten bereits einiges über den Durst getrunken. Der Alkohol stachelte sie an.

Jim spürte einen Klumpen im Magen. Es kam auf jede Minute an.

„Vorwärts!“, zischte er.

Doch Briscoe war ganz Boss. Er spielte keine Rolle. Das Bewusstsein seiner Macht und Unbesiegbarkeit war tief in ihm verwurzelt.

„Also gut, schließen wir ein Geschäft ab. Sie kennen meinen Preis.“

„Bevor ich meinen Colt an Sie vermiete, ess ich lieber schimmeliges Brot.“

Der Ölboss hielt die Jacke auseinander, damit Jim sah, dass er kein Achselholster trug.

„Sie werden trotzdem keinen Unbewaffneten erschießen, Matlock.“

„Vielleicht mach’ ich mit Ihnen ’ne Ausnahme.“

„Ich lass es drauf ankommen.“

Briscoes Stimme besaß wieder den metallischen Klang.

Da traf ihn Jims Coltlauf.

 

*

 

Obwohl drei Männer Bob Eastman hielten, gelang es ihm, sich mit einer plötzlichen Kraftanstrengung loszureißen.

Er landete einen Kniestoß und schmetterte die gefesselten Fäuste in ein bärtiges, vom Alkohol erhitztes Gesicht.

Ein mehrstimmiger Wutschrei gellte. Der hagere, wildäugige Ranchersohn schaffte noch eine halbe Drehung, dann fielen sie zu fünft über ihn her.

„Bastard! Mörder! Bandit!“, schallte es.

Schläge und Tritte trafen ihn. Seine Jacke zerriss. Er wehrte sich verzweifelt, aber allein schon das Gewicht der Übermacht brachte ihn zu Boden.

„Ihr feigen Hunde!“, schrie Old Jube, als die wutentbrannten Bohrarbeiter nicht aufhörten, Bob mit Fäusten und Stiefeln zu traktieren. „Wenn ich nicht gefesselt wäre und ’nen Revolver besäße, würdet ihr vor Angst alle im Dreck liegen!“

Sie hatten ihn bereits auf die Rampe gestellt. Die Hanfschlinge baumelte vor seinem zerfurchten und schweißüberströmten Gesicht. Schwielige Fäuste umklammerten seine knochigen Arme. Da stampften Hufe.

Ein Reiter durchbrach das Gedränge um Bob. Die Nähte seiner Wildlederjacke waren mit Fransen besetzt. Ein breitrandiger Stetson beschattete das kantige Gesicht. In seiner Rechten glänzte ein langläufiger Sechsschüsser. Außerdem führte er die Pferde der Eastmans mit.

Old Jubes Augen weiteten sich. Er spürte die Fäuste seiner Bewacher plötzlich nicht mehr.

„Auseinander!“

Jim feuerte in die Luft. „Verschwindet, sonst ist Briscoe seinen Skalp los!“

Die Kerle, die Bob zu Boden geworfen hatten, fuhren hoch. Sie starrten den Fremden wie einen Geist an.

„He, was …“, begann einer. Jims Pferd rammte ihn. Ein wuchtiger Tritt prellte einem anderen den drohend erhobenen Knüppel aus der Hand.

„Wird’s bald!“, schrie Jim, damit sie keine Zeit bekamen, sich zu fassen. Ihre Blicke schnellten zum Fenster von Jims Hotelzimmer. Es war dunkel. Jim hatte die Lampe gelöscht, bevor er in aller Eile das Hotel verließ und seinen Braunen sattelte.

„He, Jack, alles in Ordnung?“, rief Jim hinauf. „Gib Briscoe eins auf die Birne, wenn er nicht spurt!“

Das wirkte noch mehr als der 45er. Die Menge stob auseinander. Die wütenden Verwünschungen störten Jim nicht. Er trieb die Pferde zur Rampe.

„Hallo, Old Jube, da bin ich wieder.“

Eastmans Adamsapfel begann zu hüpfen.

„Mann, Jim! Träum’ ich? Bist du’s wirklich?“

„Er ist es, Pa!“ Bob richtete sich schwankend auf. Dunkle Strähnen hingen ihm in das von Schlägen gezeichnete Gesicht. „Jim, du verrückter Kanonenschwinger, das gibt ein Fest!“

„Nicht, wenn ihr hier noch lange rumsteht und quatscht“, grinste Jim verkniffen. Er warf Bob die Zügel zu.

„Halt die Stellung, Jack!“, rief er zum Hotelfenster.

„Halleluja!“, krächzte Old Jube und sprang wie ein Junger von der Rampe in den Sattel. Die Riemen an seinen Handgelenken behinderten ihn nicht.

„Es ist Matlock, der Revolvermann!“, kam es keuchend aus dem sich weitenden Kreis der Lyncher.

„Stimmt, Kamerad.“ Jim hielt den Colt in die Richtung, aus der die Bemerkung kam. Eine Gasse klaffte auf. Jim trieb sein Pferd hinein. Old Jube und Bob folgten ihm. Die Hufe sanken ein. Pfützen schimmerten. Das Dröhnen der Ölpumpen auf der Ebene klang jetzt näher.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935660
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512073
Schlagworte
tödliche gier schwarzen gold

Autor

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Titel: Tödliche Gier nach dem Schwarzen Gold