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Neues Leben auf dem Treibacher-Hof

2019 94 Seiten

Leseprobe

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Neues Leben auf dem Treibacher-Hof

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Neues Leben auf dem Treibacher-Hof

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

 

Ernestine ist bei der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben, doch ihrem Mann Stefan ist das egal. Er hat seine Frau nur geheiratet, weil die Eltern es von ihm verlangt hatten. Es war um die Schulden gegangen, die auf dem Hof gelegen hatten. Aber die sind von Enerstines Geld beglichen worden. Der Hof ist schuldenfrei und Stefan ist nun wieder ungebunden. Doch der Hof gehört ihm nicht mehr. Die Bäuerin hat ein Testament gemacht und den Hof seiner ungeliebten kleinen Tochter vermacht. Wieder kann Stefan nicht so, wie er will.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Agnes Treibacher stand da, die Krücken umkrampft und kämpfte mit den Tränen. Irgendwie konnte sie es immer noch nicht glauben. Alles war so schnell gegangen, so schrecklich. Noch hörte sie die Schreie durch das Haus gellen. Ein wenig später folgte ein kleiner winziger Schrei, so dünn, so farblos, gar nicht irdisch. Dann herrschte Stille. War das nicht alles erst eben gewesen? Agnes lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Jetzt hatte sie festen Halt, konnte eine Krücke loslassen und sich mit der freien Hand über die Augen wischen.

»Ernestine«, flüsterte sie leise. »O Ernestine!«

Da lag sie nun in der guten Stube mit den prachtvollen gemalten Möbeln und dem Kronleuchter. In einem Meer von Blumen befand sie sich. Neben ihr standen zwei dicke Kerzen. Sie lag da, als schliefe sie nur. Und Agnes dachte, sie kann nicht tot sein, so grausam kann Gott nicht sein. Was hat sie denn getan? Sie war die Liebe und Güte selbst.

Über das starre Gesicht huschte der Schein der Kerze. Und dann das Kind in ihrem Arm. Mutter und Kind, beide tot. Der kleine Bub hatte nur eine Stunde gelebt. So vollkommen und schön war er.

Jetzt schluchzte sie laut auf. Da öffnete sich die Tür, und ein Mann trat über die Schwelle. Seine Augen waren düster und weiß das Gesicht.

Es war Stefan Treibacher, ihr Bruder und der Mann von Ernestine.

»So komm doch«, sagte er rau. »Quälst dich, das tut nimmer gut. Komm jetzt.« Er nahm ihren Arm und führte sie fort.

»Aber man muss doch Abschied nehmen«, stammelte sie. »Ich kann doch nit mit auf den Gottesacker.«

»Jeden Tag nimmst du Abschied, Agnes. Davon wird sie auch nit lebendig.«

Er führte sie in die Küche. Auf der Ofenbank zwischen den Großeltern Johanna und Karl saß ein winziges Persönchen mit goldenen Locken und großen blauen Augen. Es hielt eine zerzauste Puppe im Arm.

»Mizzi«, sagte Agnes schwach.

Das Gesicht des Kindes leuchtete auf. »Tante Agnes, da bist du ja. Gell, jetzt wirst mir wieder Märchen erzählen?«

»Märchen«, stammelte Agnes. »Oh, Mizzi!«

Das Kind rutschte von der Ofenbank und umarmte die Tante und zwar so stürmisch, dass diese bald gestürzt wäre.

»Sei nit so wild«, herrschte der Vater sie an. »Siehst doch, dass die Tante jetzt nicht will. Geh hinaus und spiel!«

Noch eben lachte der kleine Mund, jetzt rollten ein paar Tränen über die Bäckchen.

»Komm«, sagte Karl Treibacher hastig, »gehen wir hinaus und schauen nach, ob wir das Katzerl finden.«

»Ja«, rief Mizzi. Schon strahlten ihre Augen wieder hell.

Agnes war froh, dass der Vater sie mitnahm, so spürte sie nicht die Düsternis dieser Stube.

»Warum bist du so kalt gegen das Kind?«, wandte sich Agnes jetzt an den Bruder. »Es ist doch

dein Fleisch und Blut, und es ist doch so lieb und bezaubernd. Und lustig ist es auch, ein richtiger Sausewind ist die Mizzi.«

»Von mir aus«, brummte Stefan.

Die Schwester sah ihn entsetzt an. In dieser Sekunde spürte sie die ganze Tragweite. Der Vater hasste sein Kind. Es war ihm völlig egal, was damit wurde, ob es weinte oder lachte, ja, er beachtete es gar nicht. Bis jetzt hatte sie das nicht so bemerkt, weil Ernestine dagewesen war, sie hatte die Mutterhände über das Kind gehalten und ihm so alles gegeben, was das kleine Herz brauchte.

»Du versündigst dich, Sohn«, sagte nun auch die Mutter.

»Ich hab getan, was ihr wolltet«, schrie er sie unbeherrscht an. »Alles hab ich getan. Und jetzt gebt endlich Ruhe.«

»Stefan, Ernestine liegt tot nebenan in der Kammer, und du zeigst keine Trauer. Auch der Bub, der Erbe, ist tot. Und was tust du?«

Er lachte hart auf. »Soll ich Trauer vortäuschen? Nein, das kann ich nicht. Ihr wisst ganz genau, dass ich sie nie geliebt habe. Ja, ich bin froh, dass sie tot ist, jetzt bin ich wieder frei. Aller Druck ist von mir gewichen. Ich bin frei.«

Agnes hatte sich neben die Mutter auf die Ofenbank gesetzt. Ihr Herz war ganz kalt geworden. So hart konnte also der Bruder sein. Wie musste Ernestine gelitten haben, durchfuhr es sie in diesem Augenblick. Für sie musste das Leben auf diesem Hof die Hölle gewesen sein. Aber sie hatte nie geklagt, nie etwas gesagt, nur stumm gelitten. Ja, hatte sie nicht immer ein fröhliches Gesicht gemacht? Jetzt wusste sie, dass sie dies um des Kindes willen getan hatte. Und jetzt war sie tot, konnte nicht mehr für Mizzi sorgen. Aber die war noch da, und sie würde es nicht dulden, dass der Bruder der Kleinen auch nur ein Haar krümmte.

»Sohn«, sagte die Mutter leise, »hast du denn alles vergessen? Wär die Ernestine nit gewesen, so wärst du jetzt irgendwo Knecht oder in der Wirtschaft eines anderen angestellt, nicht mehr ein freier Bauer auf dem Hof seiner Vorväter. Hast das wirklich alles vergessen?«

»Lass mich in Ruh«, schnaufte er.

Agnes blickte aus dem kleinen Küchenfenster. Sie sah die Bergspitzen und darüber den wolkenlosen Himmel. Viele Urlauber kamen im Sommer hierher, um die Idylle kennenzulernen. Und oft hörte sie sie sprechen auf dem Weg: »Wie schön und friedlich ist es doch hier. Und die Menschen leben gut und friedlich nebeneinander, nicht so in der Stadt. Wenn man könnte, möchte man auch hierher ziehen.«

Ein bitteres Lächeln stieg in ihr hoch. Friedlich, lieb! Ach, sie kannte sie alle im Dorf. Wusste von vielen, wo es gärte und wo man sich alle Tage zankte und stritt. Auf dem Treibacherhof war es immer friedlich zugegangen, ja fröhlich, weil Ernestine es so wollte.

Vor vier Jahren hatte sie den Bruder geheiratet und ihn so vor dem Ruin gerettet. Den eigenen Elternhof hatte sie verkauft und das Geld in die Wirtschaft der Treibachers gesteckt, und auch die vielen Schulden und Hypotheken hatte sie bezahlt. Wunderschöne Möbel und Wäsche hatte sie mitgebracht. Und selbst war sie auch resch und fesch anzusehen gewesen.

Ernestine Buhl hatte Stefan Treibacher schon lange heimlich geliebt. Sie hätte viele andere bekommen können, war ja nicht arm gewesen, aber sie hatte ihn gewollt. Nur ihn! Der Herrgott musste wissen, warum.

Ja, und dann waren die Schulden immer drückender geworden. Da hatte dann der Vater mit dem Sohn gesprochen.

»Nimm die Ernestine«, hatte er gesagt, »das ist dein Glück. Worauf wartest du noch? So müssen wir nit alle in die Fremde, und deine Schwester, die ein Krüppel ist, hat dann auch kein Zuhause mehr. Du musst sie nehmen, und alle Sorgen haben ein Ende.«

Stefan hatte wild und heftig aufbegehrt. »Ich lieb sie nit«, hatte er den Vater angeschrien.

»Du hast den Hof verwirtschaftet, es ist deine Schuld. Jetzt sorg auch du dafür, dass wir aus diesem Schlamassel rauskommen.« Ja, so hatte er gesprochen, der Stefan. Er hatte nicht daran gedacht, dass seine Ausbildung viel Geld gekostet hatte, und all die Jahre, da er in Innsbruck auf der Fachschule gewesen war, hatte der Vater fremde Kräfte einstellen müssen. Dort in der großen Stadt hatte er den großen reichen Sohn gespielt. Einen Abschluss hatte er nicht gemacht, und nach Arbeit stand ihm auch nicht der Sinn. Er tat, was ihm beliebte. Doch als der Vater offen darlegte, wie schlecht es um den Treibacherhof stand, war er blass geworden. Das hieß ab sofort, das lustige Leben in der Stadt aufgeben müssen. Wie sollte er denn ohne Abschluss eine Anstellung bekommen. Daheim bleiben, wie ein Knecht schuften und ein Dirndl nehmen, das man nit liebte, weil man sich nicht die Mühe dazu gab.

Sie hatten eine Woche miteinander gekämpft, Vater und Sohn. Und die Mutter hatte gesagt: »Bub, hast du denn schon eine andere Braut? So sag es, wenn du dich versprochen hast, so müssen wir tun, was du willst. Wir müssen den Hof verkaufen. Wir sind alt, und mit dem Rest des Geldes werden wir wohl noch auskommen. Aber du bist dann auf dich allein gestellt.«

Er hatte überhaupt kein Madel, das er liebte. Er war flatterhaft und unstet. Zwei Tage war er allein in den Bergen herumgekraxelt und war dann zurückgekommen und hatte gesagt: »Ihr könnt alles zur Hochzeit richten.«

Wie hatten sich die Eltern gefreut, und auch Ernestine war von da ab mit einem glücklichen Gesicht herumgelaufen. Nur Agnes mit dem empfindsamen Herzen hatte einmal zaghaft zur Mutter gesagt: »Aber wenn er sie doch nit liebt, Mutter. Ist das denn recht?« Dabei hatte sie mit den Krücken im Sand gezeichnet. Zwei Herzen.

Die Mutter hatte damals geantwortet:»Weißt Kind, Liebe kommt mit der Zeit, und dann ist es die beständige Liebe, die nicht mehr flattert. Aber davon verstehst du ja nix, armes Kind.«

Agnes fühlte sich dann gedemütigt und verletzt. Sie war so wehrlos. Jeder konnte sie angreifen und mit Mitleid überschütten. Und Mitleid tat ja eben so weh.

Von Geburt an war sie mit einer seltsamen Krankheit behaftet. Die Ärzte hatten einst gesagt, die Sehnen seien nicht alle richtig mitgewachsen. So ging sie mit Krücken umher. Nur im Zimmer, wenn sie sich an Tisch und Wänden festhalten konnte, brauchte sie diese nicht.

Damals, als der Bruder heiratete, war sie zweiundzwanzig Jahre alt gewesen. Jetzt war sie sechsundzwanzig und eine voll erblühte Frau mit Sehnsüchten wie jede andere. Aber kein Mann sah sich nach ihr um. Ein Krüppel, wozu war der denn schon nütze?

Als ganz junges Ding war sie bei einer Schneiderin im Dorf in die Lehre gegangen. Sie verstand es ausgezeichnet, jedes Modell nachzuschneidern. Anfangs hatte sie auch wohl viel Zulauf gehabt. Aber dann kamen die preiswerten Kaufhauskleider auf, und niemand wollte sich mehr eins schneidern lassen. Und flicken tat man heutzutage auch kaum noch was.

So war sie denn ganz auf die Eltern und den Bruder angewiesen. Damals als die junge Ernestine ins Haus gekommen war, die immer freundlich und nett zu der Schwägerin war, hatte sie viel für sie nähen dürfen. Und es war für sie eine Freude gewesen, denn sie hatte eine so gute Figur. Und dann, als die kleine Mizzi auf der Welt war, ach, was machte das doch für Spaß, für sie die kleinen Kleidchen zu nähen.

Sie war glücklich gewesen, da Mizzi sie heiß und innig liebte und immer wieder zu ihr lief und sich von ihr Geschichten erzählen ließ. Sie kam sich nicht mehr so unnütz vor.

Trotzig und zornig hatte der Bruder Ernestine zur Frau genommen. Die junge Bäuerin musste es wohl sehr bald bitter bereut haben. Zudem war Stefan faul, nur ungern arbeitete er in der Wirtschaft mit. Alles war ihm zu gering und Knechtarbeit.

Die Eltern und die junge Frau hatten geschafft vom Morgen bis zum Abend. Und sie hatte das Haus reinlich gehalten und das Kind geboren.

Und Agnes dachte: Wie muss er sie gedemütigt haben droben in der gemeinsamen Kammer. Ich kenne doch Stefan, o mein Gott, warum hat sie mir nix gesagt? Aber hätte sie denn helfen können? Nein, sie war ja so schwach, und darum wohl hatte die Schwägerin auch geschwiegen.

Und jetzt war sie gestorben, bei der Geburt ihres zweiten Kindes. Das auch nur, weil es zu früh auf die Welt kam. Das kam daher, weil sie so hart geschafft hatte, der Mann war ja ins Wirtshaus gegangen. Dort waren um diese Zeit immer so viele Fremde, und mit denen ließ es sich so lustig plaudern. Das Bier war auch nicht zu verachten. Jedenfalls war das eine angenehmere Beschäftigung, als bei dieser Hitze auf dem Schräghang das Heu zu wenden.

Ernestine hatte es getan und war dabei über eine vergessene Hacke gestürzt und den ganzen Hang hinuntergerollt. Man hatte sofort den Arzt geholt. Aber dieser konnte auch nicht mehr viel tun. Er musste Mutter und Kind ein wenig später die Augen für immer zudrücken.

Der Arzt war es auch, der nach Unterbach ging, in die Wirtsstube trat und dem jungen Bauern vor allen Leuten die Leviten las. Agnes wusste das von der Nachbarin, die zufällig dort gewesen war.

Er hatte ihn angeschrien: »Schämen solltest dich, Treibacher. Hier herumflanieren und den fremden Frauen schöne Augen machen, während deine Frau die harte Arbeit verrichten muss, wo sie hochschwanger ist. Pack dich und scher dich heim, oder ich schlag dir den Schädel ein.«

Aber da war er dem Stefan gerade recht gekommen. Zornig war er aufgefahren und hatte zurückgeschrien: »Was geht dich meine Frau und meine Wirtschaft an? Lass mich endlich in Ruhe mein Bier trinken.« Er hatte laut aufgelacht und wollte allen in der Gaststube damit zeigen, dass ihn das Geschrei vom Doktor nix anging.

Währenddessen waren sie alle still geworden. Jeder kannte den Doktor als einen gutmütigen Menschen, den man zu allen Tageszeiten holen konnte.

Der Wirt mischte sich ein. »Macht mir keinen Ärger hier. Das dulde ich nicht. Doktor, sei du auch still.«

»Mich soll das nix angehen«, sagte der eiskalt. »Ich soll ruhig bleiben, während die arme Ernestine stürzt, dass ich kommen muss, weil das Kind zu früh kommt. Ich soll auch still sein, während sie beide tot sind?«

Da war Stefan Treibacher blass geworden. »Was hast du gesagt?«, keuchte er.

»Tot sind sie, alle beide, und du hast sie auf dem Gewissen, Stefan.«

Dieser stürzte aus der Gaststube und rannte den Berg hinauf. Oben in der Kammer waren die Eltern und Agnes und schluchzten und konnten es immer noch nicht fassen. Ganz still und stumm lag seine Frau da und neben sich ein winziges Kind. Das Grauen packte ihn.

Der Vater wollte etwas sagen, aber er kam ihm zuvor.

»Starr mich nicht so an!« Er knallte die Tür zu und verschwand aus dem Haus.

Morgen war nun die Beerdigung. Stefan war im Dorf nicht beliebt. Und jetzt, da der Doktor das gesagt hatte, konnte er sich an zwei Fingern abzählen, wie man über ihn dachte.

Böse und störrisch warf er den Kopf hoch. »Ich zeig’s ihnen allen«, knirschte er zwischen den Zähnen hervor. »Allen!«

Ach ja, der Stefan. Viel Schuld waren auch die Eltern selbst gewesen. Zuerst wurde die Tochter geboren. Als man wusste, sie würde nie wie andere Kinder sein, da hatten sie sich gegrämt und wagten gar nicht daran, ein zweites Kind zu bekommen, aus Angst, es könnte auch nicht gesund sein. Aber dann war vier Jahre später der Stefan gekommen. Und sie hatten ihn vom ersten Augenblick an verwöhnt. Er hatte einen starren Kopf, und anstatt dass sie den jungen Hüpfer richtig erzogen, bekam er jeden Willen. So lernte er nicht viel und tat auch nicht viel. Fesch sah er aus, man konnte es der Ernestine nicht verdenken, dass sie ihr Herz an ihn verloren hatte. Aber sie hatte es bitter bereuen müssen. Und jetzt war sie tot. Und ihr kleines Mädchen hatte keine Mutter mehr.

 

 

2

Gleich würden die Sargträger kommen. Agnes war noch einmal in das Totenzimmer gekommen, um endgültig Abschied zu nehmen.

»Ich schwör dir hier und jetzt, Ernestine, ich will für dein kleines Mädchen sorgen. Wie eine Mutter will ich dafür sorgen. Die Hand über sein Köpfchen halten und sehen, dass alles seine Richtigkeit hat.«

Ihr war, als wäre Ernestines Gesicht jetzt ein wenig weicher geworden. Und sie dachte, wie schrecklich muss sie wohl gestorben sein, da sie ja ein Kind zurücklassen musste. Mit dem Wissen im Herzen, der Mann hasst dieses Kind.

Wenig später war das Haus voller Trauergäste. Agnes in ihrem langen schwarzen Kleid ging in die kleine Hinterstube. Hier hatte sie das Kind hingeschickt. Und mit der Puppe im Arm saß Mizzi da und verstand die Welt nicht mehr. Agnes hörte laute Hammerschläge, und ihr Herz zuckte wild auf. Mit Ernestine verschwand das Lachen aus dem Haus.

Sie nahm Mizzis kleine Händchen und hielt sie fest. »Was für ein Märchen möchtest du hören, Mizzi?«

Diese legte das Köpfchen an die Schulter der Tante und sagte mit zerbrechender Stimme: »Keines, Tante Agnes. Sag mir, warum kommt meine Mutti nit wieder? Vater sagt, sie kommt nie mehr heim zu mir.«

Agnes eigenes Herz blutete, aber sie musste dem Kind Rede und Antwort stehen. Während die Totenglocken zu läuten begannen, versuchte sie dem kleinen Wesen begreiflich zu machen, warum das alles so war. Und zum Schluss sagte sie: »Wenn du willst, dann stellen wir heute Abend dein Bettchen zu mir ins Zimmer. Dann bist du nit mehr so allein. Ich bin dann immer bei dir, Mizzi. Möchtest du das?«

»O ja«, sagte die Kleine eifrig, und für eine Weile war der große Kummer wieder vergessen. Kinder vergessen recht schnell, wenn eine andere liebende Seele in der Nähe ist und sich ihrer annimmt.

Als Mizzi für eine Weile still im Bilderbuch blätterte, dachte die arme Kranke, nun bin ich doch noch zu etwas nütze. Für das Kind bin ich jetzt die wichtigste Person im Leben. Mutter und Vater sind schon recht alt. Und sie müssen sich ja auch um die Wirtschaft kümmern.

Am Nachmittag, sie hatten gerade den Leichenschmaus verzehrt, kam eine Amtsperson aus der benachbarten Kreisstadt. Er fragte: »Bin ich hier richtig auf dem Treibacherhof?«

»Ja«, sagte Karl Treibacher. »Aber können Sie nicht morgen wiederkommen. Heut ist nicht die rechte Stunde für ein Gespräch.«

»Man hat mich hierher bestellt und es ist wichtig«, sagte der Mann.

»Wer hat Sie bestellt? «

»Ich«, sagte Max Buhl, ein Vetter der Verstorbenen. »Ich habe es getan, und er kommt vom Vormundschaftsgericht. «

Karl und Johanna sahen ihn groß an. »Wir verstehen nit«, murmelten sie. »Aber warum denn?«

»Ja, er ist in der Eigenschaft als Vormund wegen der kleinen Mizzi hier«, erklärte Max und sah Stefan mit finsteren Augen an.

Dieser hob seine Augenbrauen und blickte ihn verächtlich an.

»Hast du etwa Angst, dass ich mein Kind verhungern lasse in Zukunft?«, höhnte er.

»Bitte«, flehte die Mutter. »Doch jetzt keinen Streit.«

»Ja mei«, Stefan schlug mit der Faust auf den Tisch, »was hat er sich in meine Angelegenheiten

zu mischen?«, schrie er unbeherrscht auf.

»Weil ich vor Monaten der Ernestine ein Versprechen hab geben müssen«, sagte Max Buhl kühl.

»Meiner Frau?«, sagte Stefan Treibacher und wurde blass.

»Ja, vor fünf Monaten ist sie bei mir in Oberbach gewesen. Und jetzt wo sie tot ist, da glaub ich ihr alles. Sie hatte schon so eine Todesahnung. Damals hab ich sie ausgelacht, aber jetzt ist sie tot. Also, um es kurz zu machen, ich soll mich um die kleine Mizzi kümmern, damit sie zu ihrem Recht kommt. Darum hab ich das Vormundschaftsgericht herbestellt.«

Der Beamte im schwarzen Rock hatte sich mittlerweile hingesetzt und die Aktentasche geöffnet.

»Ich hab hier gleich die Akten vom Grundbuchamt mitgebracht. Danach ist also die Ernestine Treibacher, geborene Buhl, Eigentümerin dieses Hauses und seiner Äcker wie Weiden und Almen.«

Stefan starrte den Vater an. »Was ist das?«, keuchte er. »Was sagt der Mann da?«

»Sie hat doch das viele Geld gebracht«, erklärte Karl Treibacher leise, »und da brauchte sie doch eine Sicherheit. Du wärst immer der Nutznießer gewesen, es sei, du hättest dich scheiden lassen, dann hättest du den Hof verlassen müssen. Aber es ist ja nit dazu gekommen.«

»Du mein Gott«, keuchte Stefan. »Verkauft habt ihr mich. An meine Frau verkauft.«

»Sei still«, sagte der Vater.

Stefan lachte auf, und dann wurde dieses Lachen immer stärker. Er schlug sich auf die Schenkel und lachte immer weiter. Für die Trauergesellschaft war das ein peinlicher Anblick. Und Agnes litt Höllenqualen. Mizzis rotgeweinte Augen starrten den Vater an.

»Herrje, dann ist das ja heute ein richtiges Freudenfest für mich«, lachte er weiter. »Denn jetzt gehört alles mir und keiner kann mich vom Hof fortjagen. Und wenn ich will, kann ich alles vertrinken.«

Alle blickten sie auf ihre Kuchenteller. Langsam begriff Stefan, wie peinlich er sich benahm. Und da sagte auch schon Max Buhl.

»Irrtum, Stefan Treibacher. Erbe ist jetzt deine kleine Tochter. Und darum hat sie jetzt auch einen amtlichen Vormund. Er passt auf, dass alles in Zukunft seine Richtigkeit hat.«

»Ja«, sagte nun auch dieser. »Mizzi Treibacher ist Erbin dieses Hofes. Das heißt, für das Vermögen, was er im Augenblick wert ist. Bis zu ihrem 21. Geburtstag sind Sie, Stefan Treibacher, ihr Vermögensverwalter. Und dann kommen wir und lassen alles taxieren. Haben Sie in der Zwischenzeit das Vermögen vermehrt oder auch verdoppelt, so wird das abgezogen, oder Sie zahlen Ihre Tochter aus.«

Nun sagte er gar nichts mehr. Ganz still und stumm war er geworden. Und Agnes dachte, o Gott, wenn er bis jetzt seine Tochter nicht gehasst hat, so wird er es jetzt tun. Und ein furchtbarer Gedanke stieg in ihr hoch. Ich muss auf sie achtgeben, es könnte sein, dass er ihr heimtückisch nach dem Leben trachtet. Denn erst wenn Mizzi auch tot ist, ist er wieder alleiniger Erbe unseres Hofes.

Dann hörte sie den Beamten plötzlich sagen: »In dem Testament, das uns Max Buhl vorgelegt hat, steht auch drin, dass Fräulein Agnes Treibacher ein Wohnrecht auf Lebenszeit auf diesem Hof hat. Daran hat sich auch Mizzi Treibacher zu halten.«

Zwei Tränen rannen aus Agnes’ Augen. Und sie sandte ein Stoßgebet zum Himmel. »Lieber Gott, ich danke dir. Ernestine weiß also, dass sie sich auf mich verlassen kann.«

Stefan verließ brüsk die Stube und stürmte den Berg hinauf. Oben saß er nun und starrte mit finsterer Miene ins Tal und auf seinen Hof. Plötzlich, wo er das Gefühl hatte, er würde ihm fortgenommen, da wollte er ihn unbedingt, glaubte alles zu lieben. Mit einer wilden Hassleidenschaft warf er sich ins Gras und verfluchte Gott und die Welt.

Unten verlief sich die Trauergesellschaft. Stefan wusste, nur wenn er jetzt hart arbeitete, konnte er sich die Zukunft sichern. Sonst würde einst die Tochter das tun, was die Mutter, seine Frau, nicht mehr hatte tun können, ihn vom Hof jagen.

Er dachte über seine Ehe nach. Nachteiliges konnte er über Ernestine nicht sagen. Das war ja eben das Schreckliche. Wäre sie ein Zankteufel gewesen und hätte ihn grob behandelt, dann wäre er vielleicht kusch geworden. Aber er hatte sie noch so mit Worten quälen können, immer hatte sie geschwiegen. Nie war ein böses Wort über ihre Lippen gekommen. Wie oft hatte er sie nachts weinen gehört. Und es hatte ihn sogar noch gefreut, dass seine Macht über sie so stark war.

Jetzt aber dachte er, sie hat es gewusst, alles hat sie gewusst. Warum hat sie mir nicht den Stuhl vor die Tür gesetzt? Ich war doch unausstehlich zu ihr. Sie muss mich doch gehasst haben.

Ganz langsam begriff er, was wirkliche Liebe fertigbrachte. Bis zum letzten Augenblick musste sie gehofft haben, er würde sich endlich ändern. So etwas wie Reue überkam ihn. Jetzt war es zu spät. Ein gutes Wort, einmal ihre Hand drücken, das alles konnte er nicht mehr tun. Plötzlich wendete sich sein Zorn gegen sich, und er war böse, dass er jetzt erst zu dieser Erkenntnis gekommen war.

Es war schon finster, als er endlich vom Berg stieg. In der Wohnstube brannte Licht. Aber er schämte sich so sehr, dass er an ihr vorbei schlich und sich in seine Kammer begab. Nun würde das eine Bett für immer leer bleiben. Er sah keinen blonden Schopf mehr auf dem Kissen liegen.

Das Hochzeitsbild über dem Schränkchen starrte er lange an. Wie schön war sie doch gewesen. Er war dumm, jung und zornig gewesen und hatte sich für sehr klug gehalten. Wie ein kleiner dummer Despot hatte er sich aufgespielt und damit sein einziges Glück zerschlagen.

 

 

3

Die ersten Wochen nach der Beerdigung waren ziemlich seltsam im Hause Treibacher. Agnes konnte sich nicht erklären, wieso der Bruder, nach allem was sich zugetragen hatte, so anders geworden war. Manchmal beobachtete sie ihn, wie er versuchte, mit dem Kind Kontakt aufzunehmen. Und sie freute sich darüber.

»Er ist also doch nit so schlecht, nur jung und ungestüm war er. Und dann die Erziehung. Nun wird doch noch alles gut.«

Aber Kinder sind nun mal sehr eigen. So lange hatte sich der Vater nicht um sie gekümmert. Jetzt blickte Mizzi ihn mit unergründlichen Augen an und zog sich zurück. Ihr kleines Herz verstand ihn nicht.

Stefan war es bald leid und ging seine eigenen Wege. Agnes, die Schwester, kümmerte sich ja um alles.

Doch wie früher in den Dorfkrug gehen, das tat er jetzt nicht.

Dazu schämte er sich zu sehr. Und die Dörfler mit ihren Dickschädeln vergaßen auch nit so schnell, was der Herr Doktor gesagt hatte. Immer wenn er mal runterkam, sah er ihre scheelen Blicke. Jetzt wussten sie auch alle, dass ihm der schöne Hof nicht mehr gehörte. Und das wurmte ihn sehr.

Es war das schönste Bauernhaus weit und breit, zwei Stockwerke hoch mit vielen Schnitzereien und üppiger Malerei. Das Dach war weit ausladend. Und die Viehställe waren für sich und die Scheunen auch. Das war eine Seltenheit im Gebirge. Sonst war alles unter einem Dach. Der Erbauer des Hofes war sehr hoch fahrend gewesen und hatte es auch weit gebracht. Viele Äcker und Almen sowie Wiesen gehörten zu dem Anwesen. Und das alles gehörte nun der kleinen Mizzi. Wenn Stefan das so recht bewusst wurde, lief ihm die Galle über.

Verbissen arbeitete er jetzt mit den Eltern zusammen auf den Feldern. Aber überall fehlte Ernestine. Im Haus ganz besonders. Agnes konnte die Wirtschaft nicht leiten. Kochen, nähen und auf das Kind achtgeben waren die einzigen Arbeiten, die sie verrichten konnte. Aber es gab ja so viel zu tun. Und die Mutter war schon alt.

Das Lachen war verschwunden. Verbissen und müde kämpfte man sich durch den Alltag. Nur in dem kleinen Hinterstübchen, in dem Agnes und das Kind schliefen, ertönte hin und wieder ein lustiges Lachen. Agnes hing mit zärtlicher Liebe an dem Kind und versuchte, diesem die Mutter zu ersetzen.

Dann kam der Winter. Mit dem ersten Schneesturm wurde der Vater krank und legte sich nieder. Der Arzt wurde geholt. Es war Lungenentzündung. Nach zwei Wochen war er tot. Man trug ihn auf den Gottesacker. Und seither kränkelte auch die Mutter. Sie hatte keinen Lebenswillen mehr. Alles war so anders geworden.

Agnes zitterte um die Mutter.

»Du darfst uns nicht auch noch verlassen, Mutter. Wir brauchen dich doch.«

»Ach, ich mag nit mehr. Ich bin müde und alt.«

Agnes versuchte ihr möglichstes. Aber der Mutter Leben zerrann ihr zwischen den Händen. Ein paar Monate später starb auch sie. Nun waren Bruder, Schwester und das Kind allein in dem großen Haus.

Stefans Blick wurde wieder böse und hart. Wozu sollte er sich abplagen und totschuften? Für

nix und wieder nix. Man hatte so gar keine Freude mehr. Und dann die Schwester. Ihre Augen verfolgten ihn ständig. Natürlich war alles seine Schuld. Und er dachte wieder an die Zeit, da er in der Stadt gelebt hatte. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn er das nicht wieder konnte. Und wenn er vortäuschte, er wolle jetzt endlich fertigstudieren? Das käme doch dem Hof gut zustatten. Und überhaupt, die Schwester hatte ihm ja nichts zu sagen.

Eines Abends sprach er darüber.

»Ich geh fort in die Stadt, um fertig zu studieren.«

Sie saß auf der Ofenbank und strickte Strümpfe. Das Kind schlief schon.

»So«, sagte sie ruhig. »Und wovon willst du leben, wenn man fragen darf?«

Er starrte sie verblüfft an. »Wirst mir alle Monate einen Scheck schicken wie früher. Jetzt sind wir ja nit mehr arm. Das können wir uns doch leisten.«

Sie ließ den Strickstrumpf sinken.

»So fein hast du dir das also ausgedacht, Stefan. Aber daraus wird nix, hörst. Geld kriegst du nit. Wenn du gehen willst, bitte, ich kann dich nit halten. Irgendwie werde ich es auch ohne dich schaffen.«

»Aber ohne Geld kann man in der Stadt nit leben. Verstehst denn nix?«

»O doch, du willst dir ein lustiges Leben machen auf anderer Leute Kosten. Dies ist nicht mehr unser Hof, und ich bin nicht der Vater. Sie haben dir viel zu viel durchgehen lassen. Kannst gehen, ja, vielleicht ist es sogar besser. Für dich werd ich dann einen Mann einstellen, der sich um die Wirtschaft kümmert. Und nach einem Mädchen für den Haushalt hab ich mich auch schon umgeschaut. Auf mich brauchst keine Rücksicht zu nehmen, du kannst gehen. Vielleicht machst du in der Ferne dein Glück, Stefan. Ich werde für dein Kind sorgen und dafür, dass es den Hof bekommt.«

Da wusste der Bruder, dass sie ihn durchschaut hatte. Und in der Tat, sie würde es tun. Er konnte noch nicht mal dagegen einschreiten; denn der Vormund des Kindes würde auch ein Wörtchen mitreden.

Er schlug auf den Tisch. »Fortjagen willst mich also. Mich um mein Erbe bringen«, schrie er sie an. »Aber den Gefallen tu ich dir nit. O nein, du Schlange. Ich geh nit fort, nie mehr geh ich fort. Wirst schon eines Tages sehen, wohin deine spitze Zunge dich führt.«

Agnes lächelte. »Du willst mir Angst machen? Ich hab hier ein Wohnrecht auf Lebenszeit.«

Stefan stürmte aus dem Zimmer. Mit der Agnes streiten, da zog er immer den kürzeren.

Furchtbar wütend war er und hätte am liebsten das ganze Geschirr zerschlagen. Sollte so sein Leben zerrinnen? Der Sklave seiner Schwester und Tochter? Er war doch so jung und stürmisch.

In seiner Kammer rannte er auf und ab wie ein gefangener Tiger. Und seine Gedanken zogen seine Bahn. Mit Gewalt wollte er sein Los ändern. Aber wie konnte er das?

»Ich müsste im Lotto spielen«, murmelte er vor sich hin. »Dann krieg ich so viel Geld, dass ich die Mizzi auszahlen kann und der Hof gehört wieder mir. Dann kann ich tun und lassen, was ich will. Ich bin dann mein eigener Herr.«

Aber er war klug genug, um zu wissen, dass dies wirklich ein Zufall sein müsste, auf den er vielleicht hundert Jahre warten konnte.

Er stand am Fenster und blickte nach draußen. Die Dunkelheit stand wie eine Wand vor den Bergen. Nur ganz schwach sah er hie und da ein Lichtlein am Berg aufleuchten. Unten im Tal rauschte der Bach. Nur im Winter, wenn er zugefroren war, hörte man ihn nicht mehr tosen. Es waren alles so bekannte Geräusche. Seine Heimat war schön, und besonders dieses Fleckchen Erde, auf dem der Hof stand. Immer wieder wurde ihm das klar.

Schlagartig erhellte sich sein Gesicht. Jetzt hatte er eine Eingebung.

»Heiraten«, murmelte er. »Bei Gott, ich muss wieder heiraten. Das ist die Lösung. Ich muss so eine Frau wie die Ernestine finden und heiraten. Sie bringt das nötige Geld mit in die Wirtschaft. Damit zahlen wir das Kind aus, und wir spielen dann die Herren. Bei Gott, es sollte mir doch wirklich nicht schwerfallen, so eine zu finden. Natürlich nicht aus diesem Tal, da weiß man zu viel von mir. Ich muss mich umschauen in den Nachbartälern. Und gut schau ich aus, die Frauen werden mir nachlaufen, wenn sie erst mal merken, dass ich auf Brautschau bin.«

Der Gedanke machte ihn wirklich glücklich. Stefan Treibacher fühlte sich in diesem Augenblick recht überheblich.

»So muss ich es machen. Damit werde ich ihnen allen das Maul stopfen. Sie werden dann nur noch gaffen und staunen, wie ich das geschafft hab. Pah, die verdammte Brut da unten im Tal. Ich werd es ihnen allen zeigen. Die Augen werden sie aufreißen, ganz weit sogar.« Und er lachte leise vor sich hin.

»Dass ich da noch nit früher drauf gekommen bin. Herrje, ich brauch eine Frau, ich bin jung und brauch wieder eine Frau.«

Es juckte ihm in den Fingern.

 

 

4

Am nächsten Morgen kam Stefan in seinem Sonntagsjanker die Treppe herunter. In der Küche sah er eine fremde Frau. Er blickte sie erstaunt an.

»Ich heiße Zita«, sagte sie. »Ich mache jetzt hier den Haushalt.«

»Tirolerin?«, wollte Stefan wissen.

Sie nickte eifrig.

Im Flur hörte er die Krücken der Schwester. Sie öffnete die Tür. »Ich habe gestern davon gesprochen. Zita wird jetzt wieder für Ordnung im Haus sorgen.« Dann sah sie den Bruder im Sonntagsstaat. Ihr Herz machte einen Sprung. »Willst du also wirklich fort?«, keuchte sie.

»Nein«, sagte er. »Will nur mal kurz fort. Muss was erledigen. Willst du etwas aus der Stadt haben?«, fragte er gönnerhaft.

»Ja, ich hab eine ganze Liste fertig. Wenn du so nett sein willst.«

»Gib her«, sagte er gutgelaunt. Und dann sah er Mizzi auf dem Küchenstuhl, strich ihr einmal über die blonden Locken und meinte fröhlich: »Soll ich dir auch etwas mitbringen, Mizzi?«

»Zuckerzeug«, sagte sie selig.

»Wird gemacht.« Dann ging er davon, um das Auto aus der Scheune zu holen. Agnes blickte ihm nach. Leise murmelte sie vor sich hin. »Er hat wieder Vernunft angenommen. Sieht endlich ein, wie dumm es von ihm war.«

Nur ein paar Kilometer, also hinter den Bergen, lag das Tal Sauerhofen. Früher war Stefan

öfters dort gewesen. Aber nach der Hochzeit mit Ernestine nicht mehr. Wieso er jetzt ausgerechnet auf Sauerhofen kam, hatte den Umstand, dass er den jungen Mühlbauern kannte. Sie waren zusammen in Innsbruck auf der Landwirtschaftsschule gewesen, nur mit dem Unterschied, dass der Mühlbauer fleißig lernte und auch sein Examen machte. Stefan bildete sich ein, dass dieser ihm vielleicht weiterhelfen konnte.

Wie sollte man sonst erfahren, wer im Nachbartal reich war und wer nicht?

Der Mühlbauer, der auch einen schönen Hof hatte, staunte nicht schlecht, als Stefan Treibacher an diesem Morgen auf seinen Hof fuhr. Freudestrahlend fielen sie sich in die Arme und lachten herzlich. Und sogleich war man beim Erzählen. So manchen lustigen Streich hatten sie zusammen gemacht.

»Herrje, da fühlt man sich ja wieder richtig jung«, lachte der junge Mühlbauer. »Komm mit in die Laube. Auf unser Wiedersehen müssen wir unbedingt einen heben.«

Stefan lachte. So hatte er es gern. Lustig und fidel und nicht immer von Arbeit sprechen.

»Marie«, rief der Bauer, »komm mal rasch! Rat mal, wer uns besuchen gekommen ist.«

Ein junges hübsches Frauenzimmer, adrett gekleidet und wirklich recht fesch von Angesicht, trat in die Laube. Stefan sah sie an, und sein Herz blieb einen Augenblick fast stehen. Grad so hatte Ernestine ausgeschaut. Genauso lieb und hübsch. Er schluckte.

»Vor drei Monaten haben wir geheiratet, die Marie und ich«, sagte der junge Bauer stolz.

Stefan beglückwünschte sie und war dann ein wenig schweigsamer geworden. »Ich hab vor einem halben Jahr meine Frau verloren«, erklärte er.

Der Mühlbauer wusste es in der Tat nicht. Stefan war froh darüber, denn so kannte er auch nicht die Umstände, die zum Tod von Ernestine geführt hatten.

»Das tut mir aber leid«, murmelte der Freund.

»Ohne Frau im Haus, das ist nix«, sagte Stefan rasch, »und wenn man dann noch ein Kind hat, das eine Mutter braucht.« Die Schwester erwähnte er gar nicht.

Der Mühlbauer blickte ihn scharf an.

»Warum erzählst mir das, Stefan Treibacher?«

»Weil ich hoff, dass du mir hilfst.«

»Ich? Wobei denn?«

»Bei der Suche nach einer neuen Frau«, sagte Stefan schnell.

Der Freund lachte auf. »Das ist gut. Ich soll mir also einen Kupplerpelz verdienen?«

Stefan sagte ärgerlich: »Wenn du nit willst, dann frag ich halt andere.«

»Sei doch nit so störrisch«, meinte der Freund. »Aber ist das nit reichlich früh? Ich mein, wo deine Frau erst ein halbes Jahr tot ist?«

Details

Seiten
94
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935646
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512071
Schlagworte
neues leben treibacher-hof

Autor

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Titel: Neues Leben auf dem Treibacher-Hof