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Warnung aus dem Hyperraum

2019 180 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Warnung aus dem Hyperraum

Copyright

Prolog

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Warnung aus dem Hyperraum

Utopischer Roman von W. W. Shols

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 180 Taschenbuchseiten.

Nach 920 Jahren kriegerischer Auseinandersetzung im galaktischen Raum, kam es im Jahre 13.268 endlich zu dem ersehnten Frieden. Auf Poldini II wurde der Friedensvertrag zwischen den Prokas und den Menschen unterzeichnet. Aber die Milchstraße war zu groß, als dass überall die Waffen schon geschwiegen hätten. Als die Sky-Master des Wirtschaftlers Dr. Preem überfällig wird, befiehlt Marschall Skeen Captain Barnett mit seinem Raumschiff CORA Nachforschungen nach dem Verbleib dieser Expedition anzustellen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Allan J. Stark

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Prolog

Auszug aus den Annalen des Keth-Darg:

Das entscheidende Ereignis der Barnett’schen Ära war zweifellos der Galaktische Krieg zwischen den Menschen und den kugelförmigen Prokas. Er dauerte 920 Jahre nach tellurischer Zeitrechnung, und zwar von 12.348 bis 13.268. Das Zeitalter wurde nach dem Menschen Perry Barnett benannt, dessen Vermittlung es allein zu verdanken war, dass im Jahre 13.267 Friedensverhandlungen zwischen den Prokas und den Menschen aufgenommen werden konnten. Der Friede von Poldini II wurde 13.268 unterzeichnet und trat mit sofortiger Wirkung in Kraft.

Doch die Milchstraße war zu groß, als dass überall die Waffen sofort geschwiegen hätten. Insbesondere die Hilfsvölker der Prokas, die über viele Generationen hinweg nichts als den Krieg kannten, hatten Mühe, sich in die neue, friedliche Ordnung einzufügen.

Einer der markantesten Rechtsbrüche war der Überfall der Tesdronen auf das System Mistral!

 

 

1

Im Jahre 13.271 hatte die Erde die erste Etappe eines geradezu hektischen Wiederaufbaus hinter sich. Die meisten Menschen wohnten zwar noch immer in den unterirdischen Höhlensystemen, doch an der Oberfläche war inzwischen wieder eine gesunde Atmosphäre entstanden, und die Vegetation hatte weite grüne Landstriche geboren. Etwa zweihundert neue Städte waren im Bau, und vor allem: Die Raumfahrtstationen mit ihren Startfeldern, Radarstationen und Schiffshangars brauchten sich nicht mehr tief in der Erde zu verstecken.

Es war Frieden!

Marshal Skeen stand versonnen am Fenster seines Dienstraumes, von dem aus er einen weiten Blick über die Ebene hatte. Im Vordergrund erstreckte sich das glatte Betonfeld mit mehr als einem Dutzend Startrampen für die Raumschiffe. Doch schon nach zwei Kilometern begann der junge Grünstreifen, der sich erst in den fernen Hügeln verlor.

Skeen sah auf die Uhr. Er ertappte sich bei einer gewissen Ungeduld. Eigentlich bestand dafür nicht die geringste Grund. Captain Barnett hatte seine Ankunft für 12 Uhr 30 gemeldet. Bis dahin waren noch zehn Minuten Zeit.

Drei Stockwerke tiefer nahm ein Funker im selben Augenblick einen weiteren Spruch auf und bestätigte die Landeerlaubnis für das Raumschiff CORA Kurz darauf senkte sich ein feuriger Strahl aus den Wolken herab. Im Büro Skeens meldete sich ein Lautsprecher: „Die CORA ist gelandet, Sir!“

„Danke!“, sagte der Marshal und setzte für sich hinzu: „Ich habe es gesehen, du Blitzmerker.“

Er zog sich vom Fenster zurück und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Barnett brauchte nicht zu sehen, dass er bereits mit ungebührlicher Nervosität erwartet worden war.

Als der Captain eintrat, machte sein Vorgesetzter zwischen Bergen von Akten den Eindruck, als habe er den ganzen Vormittag noch keine Gelegenheit gehabt, den Rücken gerade zu machen.

„Guten Tag, Sir! Ich melde mich mit voller Besatzung zur Stelle.“

„Guten Tag, Captain!“ Skeen drückte die Stopptaste seines Diktierroboters und hob den Kopf. Dann reichte er seinem Gast die Hand und gönnte ihm ein kurzes, privates Lächeln. „Die Flitterwochen gut überstanden, Barnett?“

„Seit einem Jahr, Sir! Es war bereits mein zweiter Urlaub mit Cora.“

„Ach ja. Ich erinnere mich …“ Skeens Blick fiel auf ein Bildtelegramm von der Venus, das Barnett und Cora ihm vor vier Wochen als Urlaubsgruß geschickt hatten, und das jetzt einen Ehrenplatz an der Wand einnahm. „War es schön?“

Barnett folgte einem stummen Wink und setzte sich.

„Das typische Venuswetter, Marshal. Und es war so schön, dass meine Frau meinte, wir hätten noch eine Woche länger bleiben sollen.“

„Schieben Sie nicht Ihre Frau vor!“, drohte Skeen mit einem Gesicht, dem man nicht ansah, ob er diese Bemerkung im Scherz meinte. „Ich denke, Sie führen Buch über die Ihnen zustehende Freizeit und werden mir noch früh genug vorrechnen, dass Sie noch eine Woche gut haben. Es ist keine Schikane, dass ich Sie vorzeitig zurückrief …“

„Es brennt wieder mal irgendwo?“

Skeen zuckte mit der Schulter. „Wir wissen vorerst nichts. Zur Zeit bin ich nur besorgt. Dr. Preem meldet sich nicht mehr.“

„Wer ist Dr. Preem?“

Der Marshal sah eine Sekunde lang verwundert aus. Dann schien er sich zu erinnern, dass Barnett beinahe ein Vierteljahr lang Urlaub gemacht hatte.

„Dr. Preem ist beauftragt, Handelsgespräche auf Mistral zu führen. Sie wissen, dass das System ziemlich abseits vom großen Kriege gelegen hat und sich Generationen hindurch verlustlos halten konnte. Die friedliche Entwicklung muss dort was hervorgebracht haben, das für unseren Wiederaufbau von Nutzen sein kann. Die Expedition hatte den Auftrag, alle drei Tage per Hyperraumspruch Bericht zu erstatten. Seit mehr als einer Woche aber hat sich Preem nicht mehr gemeldet.“

„Also zweimal nicht.“

Skeen nickte. „Heute ist der dritte Bericht fällig. Wenn der nicht erfolgt, wird jemand nachsehen müssen.“

„Jemand?“

„Um es genauer zu sagen, Captain Perry Barnett. Das System Mistral liegt im Sektor sieben Hc. Entfernung von Sol etwa zweitausenddreihundert Lichtjahre. Sie können gleich einmal mitkommen. Captain, damit ich Ihnen das neue Raumschiff zeige “

„Was für ein neues Raumschiff, Sir? Wollen Sie mir etwa die CORA wegnehmen?“

„Bin ich ein Bandit? Die CORA ist Ihr Eigentum. Solange Sie aber in staatlichem Auftrag fahren, stehen Ihnen auch staatliche Maschinen zur Verfügung.“

„Verzeihung, Marshal! Lässt sich da keine Ausnahme machen? Sie wissen, dass ich auf die Beteigeuze-Klasse schwöre. Und ich bin mit der CORA verwachsen …“

„Die CORA ist ein lahmer Schlitten gegen die neue Sky-Master-Klasse.“

„Ich will Ihnen nicht widersprechen, gebe aber zu bedenken, dass es ein Wagnis ist, mit einer neuen Maschine, auf die man nicht eingefahren ist, sofort zu einer größeren Expedition zu starten.“

„Ich habe Sie selten so bescheiden erlebt, Captain. Wollen Sie Ihre Qualitäten in Frage stellen? Und meinen Sie nicht, dass Sie sich auf einer solchen Strecke recht schnell an die Sky-Master-Klasse gewöhnen würden?“

Perry Barnett sah zum Fenster hinaus und zögerte mit der Antwort. Schließlich sagte er: „Ich bitte um Ihre Befehle, Marshal!“

Diese plötzliche Subordination kam für Skeen zu überraschend, als dass er sie für Barnetts ehrliche Meinung halten könnte. Er schwankte einen Augenblick, ob er vor seiner dienstlichen Gewalt Gebrauch machen sollte oder nicht. Nun aber vergegenwärtigte er sich, dass Barnett immer ein Individualist gewesen war und einer bleiben würde. Solange der Captain seine persönliche Freiheit besessen hatte, die von dienstlichen Vorschriften nicht allzu sehr beengt worden war, hatte er der Menschheit die bedeutungsvollsten Dienste erwiesen. Sogar die Art, wie er für den Frieden in der Galaxis gesorgt hatte, entsprach mehr einem Rebellen als einem gehorsamen Offizier. Und die Expedition, die in Aussicht stand, war nichts für einen Mann, der nur Befehle ausführte.

„Sie sind ein Dickkopf“, brummte Skeen schließlich. „Aber wenn ich Sie mit der CORA fliegen lasse, sind Sie zum Erfolg verpflichtet, ganz gleich, ob die Aufgabe lösbar ist oder nicht.“

Barnett kümmerte sich nicht um Skeens Redensart, mit der er sozusagen die Verrichtung von Wundern verlangte. Ihm kam es darauf an, sein eigenes Schiff zu benutzen, das keineswegs so veraltet war, wie der Marshal es darzustellen beliebte. Und außerdem ging er kein finanzielles Risiko dabei ein. Er bekam alle Auslagen und Unkosten ersetzt, jede Art notwendiger Energie gratis und war schließlich derart versichert, dass er sich bei einem eventuellen Verlust des Schiffes ohne jeden Kreditanspruch ein neues würde kaufen können.

„Darf ich jetzt um Einzelheiten bitten, Sir?“, fragte Barnett kurz.

Skeen nahm einen Stapel Akten, Tonbänder und gedruckte Broschüren aus seinem Schreibtisch.

„Nehmen Sie dies mit, Captain! Sie haben acht Tage Zeit, den Inhalt dieser Unterlagen zu studieren. Hier sind die Angaben über das System Mistral. 96 Seiten eng bedruckt – mit allem, was astronomisch, physikalisch, biologisch und historisch für Sie von Nutzen sein kann. Das Tonband enthält Aufnahmen unserer letzten Konferenzen mit Dr. Preem. Die Akten enthalten ausführliche Angaben über das Thema sowie die letzten Funksprüche, die wir mit der Expedition ausgetauscht haben.“

„Okay! Das erspart uns eine lange Konferenz.“

„Eben!“, nickte Skeen. „Ich hatte auch nicht die Absicht, Ihnen noch fünf Stunden lang einen Vortrag zu halten. Sie können alles während der Hyperreise studieren und gleichzeitig mit Ihren Leuten besprechen.“

„Das klingt, als sei mein Start bereits perfekt.“

Skeen nickte bedeutungsvoll.

„Sie müssen alles vorbereiten. Wir warten bis achtzehn Uhr. Wenn bis zu dem Zeitpunkt keine Nachricht aus sieben Hc vorliegt, müssen Sie sofort startklar sein. Grüßen Sie Cora von mir! Sie soll mir nicht böse sein, wenn sie für ein paar Wochen getrennten Haushalt führen muss.“

„Getrennten Haushalt?“

 

 

2

Perry Barnett hatte nicht darauf bestanden, auf die letzte Frage eine Antwort zu erhalten. Seit er Cora geheiratet hatte und der große Galaktische Krieg beendet war, hatte sich manches geändert. Für Augenblicke schweifte seine Erinnerung zurück. Damals in dem letzten Kriegsjahr hatte er gleich zwei Coras als Begleiter gehabt. Einmal die Frau, die er liebte – und das Schiff, das ihren Namen trug. Es war eine aufregende Zeit gewesen. In jeder Hinsicht.

Dann war der Friede von Poldini II gekommen. Die Menschen und die seltsamen, kugelförmig gebauten Prokas – eine Rasse von hoher Intelligenz – hatten nach 920 Jahren plötzlich Gelegenheit bekommen, über die Sinnlosigkeit ihrer gegenseitigen Vernichtung nachzudenken und zu verhandeln. Und bald darauf hatte die Vernunft gesiegt.

Es war Frieden in der Galaxis.

Und mit dem Frieden waren die meisten Frauen wieder an die Kochtöpfe zurückgekehrt. Der Frieden war etwas vollkommen Neues, an das man sich erst gewöhnen musste. Nicht einmal Perry Barnetts Urgroßeltern hatten ihn kennenlernen dürfen. Im Jahre 13.267 hatte es über ihn nichts als eine uralte Überlieferung aus den Archiven gegeben.

Es war gegen 18 Uhr, als Barnett mit derartigen Gedanken die Offiziersmesse seines Raumschiffes betrat.

„Du bist nicht der einzige, der sich nur langsam an den Frieden gewöhnen kann“, sagte Iks-Wol-Esak, der auf einem Hocker saß und in einer terranischen Illustrierten blätterte. Der kugelförmige Proka besaß telepathische Fähigkeiten. Die Menschen auf der CORA hatten sich inzwischen an diesen etwas indiskreten Sinn der einstmals gegnerischen Rasse gewöhnt.

„Hast du vielleicht auch Schwierigkeiten?“, fragte Barnett.

Der prokaskische Wissenschaftler schüttelte den mittleren seiner drei Arme. „Absolut nicht, Perry. Ich bin intelligent genug, um auch im Frieden meine Beschäftigung zu finden. Ich denke mehr an die Primitiven. Es wäre nicht unwahrscheinlich, dass Preem mit seiner Expedition irgendeiner wilden Armee in die Finger gefallen ist.“

„Unsinn! Die Bewohner von Mistral sind Menschen, auch wenn sie mehrere Jahrhunderte lang fast isoliert gelebt haben …“

„Es müssen nicht unbedingt die Mistralesen gewesen sein, die Preem in den Weg kamen. Auf einer Strecke von über zweitausend Lichtjahren kann sich manche Begegnung ereignen.“

Wieder schüttelte Barnett den Kopf. „Da du inzwischen Illustrierte liest, nehme ich an, dass du die Unterlagen von Skeen bereits durchgearbeitet hast. Demnach solltest du wissen, dass Dr. Preems Schiff bereits aus dem Hyperraum heraus war, als er seine letzte Meldung absetzte.“

„Was bedeutet das schon? Hatte er das System Mistral bereits ausgemacht? – Nein. Er verließ den Hyperraum, gut. Doch bevor er seine Position neu festlegen konnte, riss die Verbindung mit der Erde endgültig ab. Wir haben keine Beweise dafür, dass er sein Ziel ordnungsgemäß erreichte.“

„Du bist ein typischer Pessimist, Iks. Noch hat Skeen den Startbefehl nicht erteilt …“

„Natürlich“, erklärte der Proka unwillig. „Du denkst immer noch, dass Dr. Preem sich im letzten Augenblick melden könnte.“

„Wir wollen uns nicht streiten“, wehrte Barnett ab und warf einen Blick auf die Uhr. „In zwei Minuten ist die Frist verstrichen.“

Der prokaskische Wissenschaftler war für menschliche Begriffe ein ausgesprochener Pedant. Er las für die restlichen zwei Minuten des Wartens sofort wieder in der Illustrierten und legte sie wie auf ein geheimes Zeichen zur vollen Stunde beiseite.

„Okay“, schnurrte er mit seinen Sprechwerkzeugen, die Akustik durch Reibung erzeugten, aber durchaus für die Wiedergabe der menschlichen Sprache geeignet waren. „Okay! Die Frist ist um, Captain …“

Gleichzeitig schaltete sich auf Grund eines Sendeimpulses der Empfänger des Visifons ein. Auf dem Bildschirm tauchte Skeens Kopf auf.

„Keine Meldung von Dr. Preem, Barnett. Sie starten, wie vereinbart, in zehn Minuten. Maschinen und Besatzung klar?“

„Alles klar, Sir!“

„Well, Hals- und Beinbruch, Captain. Ich erwarte Sie in vier Wochen zurück. Ende!“

Die Bildverbindung brach ab. Es war ein wenig feierlicher Abschied. Skeen schien auf die Distanz von 2.300 Lichtjahren keine Rücksicht zu nehmen. Vier Wochen Raumfahrt waren nicht aufregender, als die Seereise eines Ozeanriesen in den Anfängen der Zivilisation.

Start in zehn Minuten!

Es war alles vorbereitet. In Barnetts Bewegungen lag keinerlei Hast.

„Komm, Iks!“, sagte er und verließ mit seinem langen, ausgreifenden Schritten die Offiziersmesse. Er ging wie ein Mann, für den alles klar war, der sich nach einer nie versagenden Routine richtete. Aber der Telepath spürte einen besorgten Gedanken an die Frau Cora, die Barnett zurücklassen musste. Nur sprach er nicht davon.

In der Kommandozentrale war die Mannschaft versammelt.

Die Männer standen rechterhand vom Eingang in einer Reihe. Und doch wirkten sie nicht wie angetretene Soldaten. Sie waren eine Truppe, die man weder mit Militär noch als die Mannschaft eines privaten Unternehmers bezeichnen kann, obgleich sie auf das tellurische Reich vereidigt waren. Sie waren eine Gemeinschaft, die der große Galaktische Krieg selbst geschmiedet hatte. Aus Glücksrittern, aus Besserwissern, aus Patrioten, aus harten Fahrensleuten und aus … Gegnern. Das Individuelle in ihnen, das immer wieder den Rahmen jeder Bindung hatte sprengen wollen, war durch die Lehren ihres Schicksals gebremst, aber nicht getötet worden.

Barnett brauchte fünf Sekunden, um die Gesichter dieser Männer zu streifen und zu erkennen, dass sie so waren, wie er sie sich wünschte.

Sie hatten es fertiggebracht, objektiv zu denken und danach zu handeln.

Lisman, der Erste Offizier; Praxlomza, der Co-Pilot; Perkins, der Maschinist; Lavista, sein Assistent und vielleicht schwierigste Charakter an Bord; Dr. Forry Bannister, Bordarzt und Funker. Und nicht zuletzt, Iks-Wol-Esak und Nam-Legak, die beiden prokaskischen Wissenschaftler, die noch vor vier Jahren erbitterte Gegner der Menschen waren, heute aber zu Perry Barnetts zuverlässigsten Freunden zählten.

Die Körperform der Prokas ist am besten und knappsten mit dem Ausdruck rund zu beschreiben. Sobald sie ihre drei langen, viergelenkigen Arme eng anlegen, wirken sie wie eine Kugel, denn der Träger ihrer Seh-, Geruchs- und Hörorgane ist lediglich eine kräftige Ausbuchtung oberhalb des Körpers, nicht aber als Kopf im Sinne unserer Vorstellung zu bezeichnen. Gehirn und Mund liegen etwas tiefer. Etwa dort, wo man den Hals vermuten müsste, wenn sie einen besäßen.

Die Prokas sind klein. Wenn sie so groß wie ein Mensch wirken wollen, müssen sie auf einen recht hohen Barhocker steigen. Trotz dieser scheinbar plumpen Form sind sie äußerst beweglich. Beinahe so flink wie Wildkaninchen. Und das, obwohl sie keine Beine besitzen. Zum Laufen und Springen benutzen sie einfach ihre Arme, indem sie sie senkrecht nach unten richten.

„Wir starten wie vorbereitet“, sagte Barnett. „Hat noch jemand eine Frage?“

„Die gleichen, die du hast“, erklärte Lisman trocken und nahm dann schweigend den Platz des Ersten Offiziers ein, den er im Dienst immer nur dann verließ, wenn er selbst das Kommando inne hatte. Diesmal aber flog Barnett selbst.

Die Besatzung war auf voller Kriegswache, bis sie im Hyperraum verschwand und für die zurückbleibende Erde unsichtbar wurde.

 

 

3

Acht Tage danach.

Das Raumschiff CORA kehrte aus dem Hyperraum zurück.

„Robotbesteck!“, rief Barnett laut. Praxlomza hatte die Hand jedoch schon Sekunden früher erhoben, um den Kartografenteil des Elektronengehirns anlaufen zu lassen. Es hatte ja kein anderer Befehl kommen können. Sobald ein Raumschiff aus dem Hyperraum zurückkehrt, ist es immer am wichtigsten, zu erfahren, ob der vorberechnete Transitionspunkt auch gewiss erreicht wurde. Und heute bewegte diese Frage die Männer besonders stark. Denn die Gerüchte und Gedanken um das Schicksal der Preem-Expedition begannen ja mit dem Verdacht, dass das andere Schiff an dieser Stelle wahrscheinlich Schwierigkeiten gehabt hatte.

Noch bevor der Elektronenrobot die gewünschten Daten auswarf, wusste plötzlich jeder im Schiff, dass ihre Befürchtungen durchaus begründet gewesen waren. Die automatische Alarmanlage setzte unmittelbar nach Barnetts Kommando mit allen ihr zur Verfügung stehenden Reaktionen ein. Unter der Decke schnarrte der Summer in einem hektischen Stakkato. Der Radarschirm reagierte mit einem leichten Pfeifton, der aus einem konkreten Musikstück zu stammen schien, und fesselte die Blicke der Männer. Die Materiewarnanlage registrierte in der nahen Umgebung sechzehn kleine Körper. Im ersten Augenblick hatte es den Anschein, als sei die CORA zwischen den Trümmern eines gesprengten Planeten materialisiert. Oder im Kernstück eines Asteroidenringes. Doch an diesem galaktischen Ort gab es laut Karte weder Kleinplaneten, noch große, die irgend jemand hätte zerschießen können … Es sei denn, die Transition hatte nicht ordnungsgemäß an dem Punkt stattgefunden, für den man sie berechnet hatte.

Alle Mitglieder der Besatzung waren derart geschult und erfahren, dass sich solche Gedankengänge automatisch jedem aufzwangen. Irgend etwas stimmte nicht, und sofort prüfte man routinemäßig alle Möglichkeiten, die zu einer Erklärung dieses Widerspruches geeignet waren.

Schulung und Erfahrung sorgten aber gleichzeitig dafür, dass man trotz aller theoretischen Verdachtsmomente die Warngeräte aufmerksam im Auge behielt. Die Technik war in solchen Augenblicken der Unsicherheit das zuverlässigste Mittel.

Die erste vernünftige Zielansprache gab Iks-Wol-Esak.

„Es sind Raumschiffe! Die Transition dürfte fehlerlos gewesen sein. Genau wie bei der Preem-Expedition. Wir müssen uns jetzt nur anders verhalten, als es Dr. Preem tat.“

„Dann verraten Sie uns bitte, wie sich Preem verhielt“, sagte Lisman herausfordernd. „Bisher konnte uns das nämlich noch niemand sagen.“

„Er verhielt sich falsch und wurde offenbar vernichtet oder gekapert.“

„Sechzehn Raumschiffe sind durch ihre bloße Existenz kein Beweis dafür, dass sie uns vernichten wollen“, gab Dr. Bannister zu bedenken. „Man schießt nicht auf uns, und man greift uns auch nicht an …“

„Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse, Doc!“, warnte der Proka. „Wir befinden uns seit kaum einer viertel Minute in diesem Raumsektor. So schnell reagiert nicht einmal der intelligenteste Feind. Man braucht … Hallo, bitte! Was sagen Sie jetzt? Die sinnlose Anordnung formiert sich. Gib Acht, Captain!“

Barnett hatte bereits geschaltet. Mit einem Knopfdruck brachte er die akustischen Warner zum Schweigen. Es genügten jetzt die optischen Anlagen der Radaranlage. Das dreidimensionale Bild hatte die Position aller sechzehn Schiffe erfasst. Die Endstufe des E-Gehirns warf laufend die genauen Messergebnisse über Entfernung, Größe und Bewegungsrichtung der unbekannten Flotte aus.

Sekunden später folgte das erste Ausweichmanöver. Es genügten drei Worte an Lisman und Praxlomza, um die Schubkräfte und den Antigravitator darauf vorzubereiten. Dann machte die CORA einen Sprung. Keinen Raumsprung im überdimensionalen Sinne, denn dazu reichte die Vorbereitungszeit bei Weitem nicht aus. Und wenn Hyperraumkoordinaten nicht genau festliegen, ist ein fünfdimensionales Sprungmanöver so gut wie Selbstmord. Man weiß nicht, wo man ankommt und kann sich hoffnungslos in den Weiten der Galaxis verirren. Die CORA machte lediglich einen „Satz“ innerhalb des Normalraumes, beschleunigte etwa mit 150 Gravos und machte dadurch eine erneute Zielbestimmung für den Gegner notwendig. Es war wie ein Spießrutenlauf – oder wie das Kesseltreiben auf einen Hasen.

„Warum versuchst du eigentlich nicht, dich mit den Burschen zu verständigen?“, fragte Forry Bannister, der für seine sinnvollen Kompromisse bekannt war.

„Weil ich ihnen von vornherein nicht trauen kann. An dieser Stelle ist Dr. Preem verschwunden. Ich möchte kein Risiko eingehen. Wenn wir mit denen da verhandeln, werden sie uns wahrscheinlich ihre unverbrüchliche Freundschaft anbieten. Aber davon halte ich nicht viel, solange ich nicht weiß, wer sie sind.“

„Dann laufe ihnen nicht weg, sondern lass sie so nahe herankommen, bis wir die Bauart ihrer Schiffe erkennen können.“

Barnett wandte sich achselzuckend dem Bordrobot zu und wechselte das Thema. „Bitte, Iks, sieh dir die Koordinaten an!“

„Schon gut“, machte dieser mit seiner schabenden Pseudostimme. „Ich weiß längst, dass unser Hyperraumsprung fehlerlos war. Der Fixstern im Bugbildschirm ist Mistral, und seine Entfernung beträgt zehn Lichttage. Wenn die Schiffe eine mistralesische Besatzung haben, so müssten es Menschen sein …“

„Also rätst auch du dazu, mit ihnen in Verbindung zu treten?“, fragte Captain Barnett. „Du ignorierst das Schicksal der Preem-Expedition?“

„Wie kann ich etwas ignorieren, das ich nicht kenne? Unter Umständen hat man der Sky-Master-Besatzung nicht ein Haar gekrümmt.“

„An deinen Optimismus glaubst du doch selber nicht“, sagte Barnett ungehalten. „Auf Terra hält man die Menschen auf Mistral für friedfertige Kaufleute und Techniker. Aber vergiss nicht, dass sie ihr ganzes System jahrhundertelang aus dem Kriege heraushalten konnten. Es hat in letzter Zeit so gut wie keine Verbindung zwischen ihnen und uns gegeben. Wenn mir ein tellurischer Experte erklärt, die Mistralesen seien harmlose und humane Leute, so brauche ich das längst nicht als eine Offenbarung zu nehmen. Für uns gilt allein die Tatsache, dass Dr. Preem verschollen ist. Und das gibt mir Anlass, zunächst das Schlimmste zu befürchten! So, und jetzt geht wieder auf eure Plätze! In zehn Sekunden folgt das nächste Ausweichmanöver.“

Barnett gab neue Befehle an Lisman und Praxlomza. Es war inzwischen dringend notwendig geworden, denn die Formation der unbekannten Schiffe wurde immer unmissverständlicher. Sie standen jetzt genau zehn Strich Backbord voraus in Keilform und näherten sich mit einem Viertel Lichtgeschwindigkeit.

„Mit der Technik scheint es zu stimmen“, meldete sich der wortkarge Perkins. „Bei einer derartigen Beschleunigung müssen sie über Schwerkraftneutralisatoren verfügen, für die unsereins ein Vermögen bezahlen würde …“

Und damit begann das, was Barnett kurz zuvor in Gedanken einen Spießrutenlauf genannt hatte. Das Flaggschiff der Fremden eröffnete das Feuer. Bevor sich die Energiestrahlen mit Lichtgeschwindigkeit an das Ziel heranfressen konnten, hatte die CORA das geplante Ausweichmanöver ausgeführt. Freilich erkannten die Männer um Barnett sofort, dass sie nur der Zufall gerettet hatte, denn eine Reaktion auf den lichtschnellen Angriff war nicht möglich gewesen, weil dessen Wirkung praktisch mit dessen Erkennbarkeit zusammenfiel.

Mit einem Seitenblick erkannte der Kommandant, dass jeder die Gefahr begriffen hatte. Die um Nuancen blasser gewordenen Gesichter verrieten es ihm.

„Dieses Kesseltreiben halten wir nicht lange durch“, stöhnte Lisman. „Wenn es sich nicht ausgerechnet um eine sechzehnfache Übermacht handelte, würde ich einen Gegenangriff vorschlagen.“

„Mach den Sender klar, Forry!“, befahl Barnett plötzlich. „Erst Vorspruch, dann Abstrahlung mit Frequenzstreuung …“

„Lass das“, sagte Iks-Wol-Esak und hob beschwörend seine drei Arme. Die anderen starrten ihn entsetzt an. Denn obwohl der Proka schon manches Mal einen besseren Rat gewusst hatte, so kam es doch selten vor, dass er in entscheidenden Augenblicken den terranischen Captain noch zu korrigieren versuchte. Schließlich war Perry Barnett der Kommandant, der auch dann die Verantwortung trug, wenn Entscheidungen innerhalb weniger Sekunden getroffen werden mussten.

Wenn der weise und beherrschte prokaskische Wissenschaftler in einer solchen Situation dennoch zu widersprechen wagte, so musste er schon triftige Gründe dafür haben. Barnett unterbrach sofort seine Anordnung an Dr. Barmister und wandte sich dem Kugelmann zu.

„Rede, Iks! Was willst du?“

„Gib dich nicht zu erkennen, bevor du nicht weißt, wer die anderen sind. Mach noch einen dreidimensionalen Sprung und überlasse das andere mir.“

„Weshalb sollen wir unsere Identität verheimlichen? An der feindlichen Haltung dieser Brüder ist sowieso nichts zu ändern. Und dass wir ein paar verrückt gewordene Mistralesen vor uns haben, dürfte kaum zu bezweifeln sein.“

„Du nimmst also ohne den geringsten Verdacht die Tatsache hin, dass man dich auf Terra über die hiesigen Verhältnisse falsch informiert hat?“

Barnett konnte seine Ungeduld nicht verbergen. „Keine Diskussionen jetzt, Iks! Ich richte mich nur nach den Tatsachen. Erklärungen können später die Historiker geben. Es kommt nur darauf an, dass jetzt richtig gehandelt wird …“

„Eben! Aber handelst du richtig?“

„Zum Teufel, schweig!“

„Hältst du es für vorteilhaft, wenn du jetzt deine Nerven verlierst? Ich wollte dir einen Vorschlag machen. Und nach den augenblicklichen Positionen hast du mindestens fünf Minuten Zeit, ihn dir anzuhören und auch danach handeln zu lassen.“

„Rede!“, befahl Captain Barnett unwirsch. Doch er gab nach, was der Proka mit einem hochschwingenden Laut zu würdigen wusste.

„Wir sollten meinen Teleporter nicht vergessen“, fuhr Iks-Wol-Esak in seiner trockenen, dozierenden Art fort, die weder Heiterkeit noch übertriebenen Ernst erkennen ließ.

„Bevor du einen Mann von uns auf eines der gegnerischen Schiffe teleportieren kannst, so brauchst du allein das Doppelte an Zeit für die Einrichtung“, widersprach Barnett. „Und dann ist mir die Entfernung zu riskant. Ich denke in der jetzigen ungünstigen Lage überhaupt nicht an einen Gegenangriff!“

„Dann werden wir eben nur mit der ersten Stufe arbeiten“, blieb der Proka hartnäckig. „Das genügt für eine Aufklärung, und wir wissen dann wenigstens, mit wem wir es zu tun haben.“

Perry Barnett zögerte kurz. „Du glaubst also nicht an die Mistralesen, Iks?“

„Ich glaube solange nicht, wie mir die Anhaltspunkte fehlen. Gib mir einen Mann mit! Am besten Nam-Legak.“

„Okay! Verschwindet! Aber ihr habt nicht mehr Zeit als fünf Minuten. Und wenn es die Lage erfordert, werde ich ohne Rücksicht auf eure Beobachtung manövrieren. Kommt also nicht auf die Idee, wirklich zu teleportieren! Ich verweigere euch jede Garantie für eine Rückkehrmöglichkeit. “

Die beiden Prokas verschwanden nach achtern.

Der von Iks-Wol-Esak erwähnte Teleporter war das Ergebnis seiner eigenen Weiterentwicklung aus verschiedenen prokaskischen Forschungen und Erkenntnissen. Obgleich er nur den Schlusspunkt unter eine geniale Entwicklung gesetzt hatte, galt er als der Erfinder des Teleporters. Es gab kurz nach dem Galaktischen Kriege kaum ein halbes Dutzend davon. Doch eins gehörte selbstverständlich zur Ausrüstung der Cora, solange sich die beiden prokaskischen Wissenschaftler an Bord befanden.

Um Iks-Wol-Esaks Plan, nur die erste Stufe arbeiten zu lassen, verstehen zu können, muss man sich kurz die prinzipielle Arbeitsweise des Teleporters vergegenwärtigen.

Die Erste Stufe ist das, was es bereits vor Iks-Wol-Esaks genialer Erfindung gab. Man konnte bei den Prokas schon seit Langem energetische Bilder eines beliebigen Gegenstandes oder auch Menschen in eine angemessene Entfernung schicken und dort naturgetreu wiedererstehen lassen. Das betroffene Intelligenzwesen existiert während des Teleportationsvorganges zweimal, nämlich am Start und am Ziel. Am Start nimmt es an Existenz immer mehr ab, am Ziel immer mehr zu. Bis es schließlich mit Beendigung des Vorganges nur noch am Ziel in voller konkreter Form vorhanden ist.

Das Phänomen der doppelten Existenz während des Teleportationsvorganges hat es möglich gemacht, das Gerät auch für Aufklärungszwecke einzusetzen. Denn der doppelt existente Mensch oder Proka fühlt sich in dieser Zeit natürlich an beiden Orten anwesend. Man kann also, wenn man sich auf die erste Stufe beschränkt, ungefährdet am Startort bleiben und dennoch den Zielort mit eigenen Augen erkennen. Im ersten Stadium ist die Sicht freilich noch sehr behindert, weil noch die notwendige Klarheit fehlt. Dennoch hilft in vielen Fällen auch schon die vage Erkennbarkeit der Dinge und lässt entscheidende Schlüsse zu.

Barnett konzentrierte sich ganz auf seine Geräte in der Kommandozentrale. Wenn er dem Proka nachgegeben hätte, so eigentlich nur aus einer bequem gewordenen Gewohnheit. Die Meldung aus dem Mittelschiff notierte er daher nur am Rande.

„Teleporter läuft, Captain!“

„Danke, Iks! – Lasst euch von den Kugelmännern nicht ablenken. Hier liegt die Gefahr.“

Den letzten Satz hatte er leise gesprochen und mit der ganzen Faust auf den Heckbildschirm gezeigt, wo der Keil von sechzehn nicht endgültig definierbaren Punkten Stück um Stück näherrückte. Was war denn an diesen Punkten undefinierbar?

Alles, außer der Tatsache, dass es sich um Raumschiffe handelte. Bei halber Lichtgeschwindigkeit ist die optische Beobachtung derart verzerrt, dass man nicht einmal die Form eines Raumschiffes klar erkennen kann, geschweige denn seine genaue Herkunft und gar irgendeine Aufschrift.

„Sie schwenken auf unseren Kurs ein!“, stöhnte Praxlomza. Das Schweigen danach war knisternde Erregung. Jeder wartete auf ein neues Manöver, und jede weitere Sekunde, die Barnett zögerte, steigerte die Angst.

„Jetzt keine Kursänderung!“, kam Iks-Wol-Esaks Stimme aus dem Mittelschiff.

„Zum Teufel! Der will uns hochgehen lassen!“, schrie Perkins. „Weshalb nehmen wir immer wieder Rücksicht auf den idiotischen Ehrgeiz dieser Kugelzwerge?“

Das Mikrofon war eingeschaltet. Die beiden Prokas konnten zweifellos jedes Wort mithören. Wenn sie bei ihrer Tätigkeit Zeit dazu fanden!

„Bitte, kein Sprung jetzt!“, drang Iks-Wol-Esaks Stimme erneut aus dem Lautsprecher. „Ich bin visuell am Gegner! Es handelt sich um. Kugelschiffe nach prokaskischem Vorbild. Sie sind aber nicht von unserer Rasse erbaut worden. Ich korrigiere um ein paar Meter und versuche den Kommandoraum des Flaggschiffes zu erreichen. Warte noch ein paar Sekunden, Barnett!“

Ein paar Sekunden?

Jeder auf der Brücke wusste, dass diese Galgenfrist das Ende bedeuten konnte. Der lichtschnelle Beschuss des Gegners ließ für ein dreidimensionales Sprungmanöver so gut wie keine Reaktionsspanne.

„Vorbereitung zum Hypersprung!“, befahl Perry Barnett in diesem Augenblick. Das würde etwas länger als eine Minute dauern, wenn jeder seine Handgriffe fehlerfrei und ohne Zögern ausführte.

In der Endstufen-Skala des E-Gehirns leuchtete seit dem ersten Angriff automatisch eine Distanzangabe, die für weitere Aktionen als Erfahrungswert gelten konnte. Barnett konnte sich an fünf Fingern abzählen, dass er höchstens noch hundert Sekunden Zeit hatte. Dann würde der rapide beschleunigende Gegner wieder in Schussposition sein. Dann würde nur noch ein Sprung in den Hyperraum Rettung erhoffen lassen.

Die Koordinaten wählte er selbst. Er entschied sich für die kürzeste Entfernung, die möglich war, ohne durch gravitatorische Verschiebungen das benachbarte Sonnensystem Mistral zu gefährden.

„Alles klar?“

„Alles klar, Captain!“, nickten Lisman und Praxlomza.

Alle Augen ruhten auf dem Entfernungsmesser. Die Distanzmarke rückte immer näher an den roten Warnstrich des E-Gehirns.

„Wie können diese Burschen derart beschleunigen?“, stöhnte Perkins. Es war eine rhetorische Frage. Er erwartete keine Antwort. Stattdessen schloss er die Augen wie ein Kind, das sich durch derartige Tricks ins schützende Dunkel retten will. Er wartete jetzt nur noch auf das Ende oder auf den Hypersprung, der die CORA in Sicherheit bringen würde.

Die Generatoren pumpten die letzten Reserven in die Brennkammern. Die Maximalbeschleunigung für Normalflug war erreicht. Und immer noch kroch die Distanzmarke auf den entscheidenden roten Strich zu. Noch zwanzig Sekunden, dann würden sie sich decken. Und diese zwanzig Minuten hatten auch nur dann Gültigkeit, wenn der Gegner nicht noch eine weitertragende Waffe einsetzte als beim ersten Angriff.

„Er hat die Brücke des Gegners erreicht!“, kam eine triumphierende Stimme aus dem Mittelschiff. „Beim Weltall! Jetzt Kommando für Energiefeuer!“ Aus Nam-Legaks Triumph wurde eine Warnung in Todesnot.

Und Perry Barnett schaltete auf Raumkrümmung. Die Struktur des vierdimensionalen Weltalls erfuhr in unmittelbarer Nähe der CORA eine künstliche Verzerrung. Wer den Versuch macht, sich einen solchen Vorgang ohne mathematische Formel bildlich zu vergegenwärtigen, der darf an die plastische Wirkung keine großen Anforderungen stellen. Man kann den Vorgang nur in das menschliche Begriffsvermögen zurückholen und auf geringere Dimensionen transponieren. In diesem Sinne wäre vielleicht erlaubt zu sagen, dass die CORA den Raum krümmte und eine Raumblase um sich bildete. Das entstandene Vakuum im vierdimensionalen Bereich rief Spannungen in der übergeordneten Dimension hervor und schleuderte das Schiff an einen anderen Ort.

Doch während wir uns durch umständliche Definitionen, die nur annähernd richtig sein können, um Verständnis bemühen, reagieren die naturgesetzlichen Faktoren spontan.

Der Schrei Nam-Legaks fiel mit dem Kommando des feindlichen Geschwaderchefs zusammen. Gleichzeitig aber nahm Barnett die entscheidende Schaltung vor, die das terranische Raumschiff rettete und zudem in einen Punkt brachte, an dem es für die nächsten Stunden vor jeder Entdeckung absolut sicher war.

Noch bevor die CORA in den Normalflug zurückkehrte, atmete Perkins erleichtert auf und wagte auch wieder einen Blick in seine Umgebung.

„Eines Tages wird es schief gehen, Perry. Das ist schon kein Leichtsinn mehr, sondern eine frivole Herausforderung des Schicksals.“

 

 

4

Perkins fühlte sich wieder sicher. Und dabei fiel auch seine Ansprache – gespickt mit Vorwürfen und vielen guten Ratschlägen – länger aus. Barnett unterbrach ihn, als er bei den Prokas angekommen war, denen man auch drei Jahre nach Beendigung des Krieges nicht trauen könne.

„Schweig jetzt, Langer! Wenn das einer von den Kugelmännern hört, wirst du dich wieder bei ihnen entschuldigen müssen. Und wenn du deine Löffel aufgesperrt hättest, wüsstest du, dass es keine Prokas waren …“

Der Captain wandte sich seinem Ersten Offizier und dem Co-Piloten zu.

„Hast du das neue Besteck, Prax?“

Praxlomza drehte noch ein wenig an der Bildklarstellung. Dann wurden auf der Mattscheibe außer den Sternen auch Schriftzeichen sichtbar.

„Wir haben praktisch das Mistralsystem durchsprungen und befinden uns jenseits desselben. Entfernung: 40 Lichtstunden vom Zentralgestirn.“

„Okay! Das ist gut“, nickte Lisman. „Hier werden sie uns so schnell nicht finden. Wir sollten uns einmal in Ruhe überlegen, wie wir dieser unbotmäßigen Flotte das Handwerk legen. Ich bin überzeugt, es handelt sich um Banditen.“

„Mit sechzehn Schiffen?“, fragte Lisman erstaunt und belehrend zugleich.

„Fragen wir Iks-Wol-Esak“, schlug Barnett vor. „Der scheint die Herrschaften besser zu kennen. Hallo, Iks! Ihr solltet zurückkommen. Auf den Teleporter können wir vorerst verzichten.“

Aus dem Mittelschiff kam keine Antwort.

„Mein Gott! Seid ihr eingeschlafen? Iks! – Nam! Kommt her!“

Der Lautsprecher blieb stumm. Stattdessen ging die Tür auf, und Nam-Legak trat ein. Er machte sie sogleich hinter sich zu.

Ein Proka hat kein Gesicht im menschlichen Sinne. Er trägt daher seine Gemütsregungen auch nicht offen zur Schau. Wenn er einer starken Schockwirkung unterliegt, kann es höchstens vorkommen, dass sein runder Körper in ein leichtes Vibrieren verfällt.

„Er zittert“, konstatierte Lisman.

„Wo ist Iks?“, fragte Barnett gerade heraus.

„Beim Gegner“, erklärte Nam-Legak. Er sprach es halb und teilte es auch halb telepathisch mit.

Barnett unterdrückte einen Fluch. „Hm, beim Gegner! Er kann das Spazierengehen nicht lassen, nicht wahr? Was glaubt ihr, weshalb ich meine Anweisungen gebe, Nam? – Stopp! Verschone mich mit drei gespreizten Armen. Ich weiß, dass ich euch Dankbarkeit schuldig bin. Aber wir waren uns einig, dass ich der Captain bin. Auf einem tellurischen Schiff ist es nun einmal nicht anders möglich, als dass ein Mensch kommandiert. Genügt es nicht, dass wir uns um Dr. Preem und seine Leute kümmern müssen? Jetzt können wir nach einem weiteren Mann suchen – wenn er noch lebt!“

„Ich teile dein Missfallen durchaus, Perry“, sagte Nam-Legak scheinbar völlig unpersönlich. „Doch welchen Sinn hat die Aufregung über geschehene Dinge? Ich habe dich bereits unterrichtet, dass die Bauart der sechzehn Schiffe an prokaskische Vorbilder erinnert.“

„Das scheint mir sehr diplomatisch ausgedrückt zu sein.“

„Es ist die Wahrheit. Wenn du glaubst, es handelt sich um Proka-Originale, dann irrst du du dich. Meine Rasse lebt in Frieden mit den Menschen. Und kein Proka wird jemals auf ein tellurisches Schiff schießen.“

„Und wieso war es notwendig, dass Iks sich nicht mit der ersten Stufe begnügte? Ihr solltet aufklären, aber nicht versuchen, Gefangene zu machen.“

„Die Sicht bei der ersten Stufe war ungenügend. Wenn Iks das sagt, dann gibt es keinen Grund daran zu zweifeln. Wenn es sich um Original-Prokas gehandelt hätte, wäre alles klar gewesen. Doch so hatten wir keinerlei Sicherheit. Iks musste springen.“

„Er wusste, dass er ins Verderben sprang. Je länger er seine Beobachtung ausdehnte, um so mehr musste er damit rechnen, dass wir uns nur durch ein Ausweichen in den Hyperraum retten konnten.“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Perry.“

„Das war auch nicht meine Absicht“, erwiderte der Captain, immer noch gereizt. „Was hat nun das Ganze für einen Sinn gehabt?“

„Iks landete zuerst in einem Vorratsraum, der zum Teil prokaskische Ausrüstungsgegenstände enthielt …“

„Aha!“, machte Perkins laut.

„Nichts aha!“, schnarrte Nam-Legak böse. „Warum kann ein Mensch nicht sachlich bleiben? Diese Entdeckung verstärkte natürlich unseren Verdacht und unsere Befürchtungen zugleich. Wir mussten mehr erfahren. Und vor allem brauchten wir Sicherheit. Deshalb entschloss sich Iks zum körperlichen Sprung. Er landete genau am Ort einer Trennwand, konnte aber die feindliche Kommandostelle genau erkennen und die Gespräche verstehen. Er teilte mir mit, dass die Besatzung aus sogenannten Knollen-Prokas bestand. Mehr Zeit blieb ihm jedoch nicht, denn der Gegner hatte schon auf die CORA gezielt und den Abschuss vorbereitet. Er konnte mir nur noch die Warnung zukommen lassen, die dich rechtzeitig den Raumsprung ausführen ließ.“

Nam-Legak schwieg.

„Und du hast dann ganz die Verbindung abreißen lassen.“

„Ich musste es, um Iks nicht zu gefährden. Für eine Rückkehr nach hier war es zu spät. Er hätte nicht mehr das Raumschiff CORA sondern nur noch eine Energiewolke erreicht.“

„Er hat sich geopfert“, sagte Praxlomza leise und nachdenklich.

„Ich hoffe immer noch, dass er lebt“, erwiderte der Proka. „Vielleicht ist er bei der totalen Materialisation in einen Nebenraum abgedrängt worden. Er stand in der Wand, als er ankam. Außerdem ist er ein guter Diplomat. Wenn die Tesdronen ihn entdeckt haben, besteht die Möglichkeit, dass er mit ihnen verhandelt und eine glaubhafte Geschichte erzählt.“

„Tesdronen heißen sie? Und man kann sie belügen?“

„Sie sind keine Telepathen. Nicht einmal verkümmerte. Sie waren eines unserer Hilfsvölker im Galaktischen Krieg. Kulturell nicht sehr anspruchsvoll, aber um so bessere Soldaten.“

„Die sich auch jetzt an den Frieden nicht gewöhnen können.“

„So wird es sein“, bestätigte der Proka. „Mehr, als ich euch erzählt habe, ist jedoch nicht erwiesen. Mir waren bis jetzt keine Unbotmäßigkeiten der Tesdronen bekannt.“

„Sie wären nicht die ersten, denen der Frieden nicht bekommt. Ab sofort also volle Kriegswache für die ganze Besatzung“, befahl Barnett. „Unsere Position zu Mistral ist günstig. Wir werden den fünften Planeten anfliegen und den Tesdronen zuvorkommen. Eine Verständigung mit den Mistralesen wird vielleicht schon das Rätsel klären …“

„Wenn es noch Mistralesen gibt“, gab Lisman in düsteren Ahnungen zu bedenken.

 

 

5

Die CORA hatte Kurs auf Mistral gesetzt.

Da die unmittelbare Gefahr vorüber war, ließ die Erregung etwas nach. Man brauchte auch nicht mehr mit Sekunden zu geizen, wenngleich das Schicksal des prokaskischen Naturwissenschaftlers Iks-Wol-Esak die Männer weiterhin in einer bohrenden Unruhe hielt.

Perkins war wie üblich am ungeduldigsten. Er verlangte nach weiteren Hyperraum-Sprüngen, um innerhalb weniger Stunden zu einer Klärung zu kommen. Barnett aber hielt an seinem Plan fest, der mehr von der Vorsicht diktiert war.

„Es eilt nicht, mein Junge. Lieber lassen wir uns drei Tage Zeit, als dass wir durch weitere Hyperraum-Sprünge das energetische Gefüge in diesem Sektor stören. Selbst wenn wir keinen Schaden dabei anrichten, können wir uns nur zu leicht dadurch verraten. Und vorerst gelüstet es keinen von uns, noch einmal auf dem Präsentierteller zu stehen wie vorhin. Bevor wir leichtsinnig werden, will ich wissen, wie stark der Gegner ist, mit dem wir es zu tun haben.“

„Er besitzt mindestens sechzehn Schiffe oder mehr. Auf günstigere Verhältnisse brauchst du gar nicht zu hoffen.“

„Danke“, sagte Barnett. Und um zu zeigen, dass er das wenig ersprießliche Gespräch mit Perkins für beendet hielt, wandte er sich Dr. Bannister zu.

„Ich wünsche, dass du den Raum nach jedem erreichbaren Funkverkehr abhörst, Forry. Wir haben eine Marschfahrt von etwas mehr als drei Tagen bei dreiviertel Lichtgeschwindigkeit vor uns. Während dieser Zeit müssen wir Augen und Ohren offen halten. Ich denke, bevor wir auf Mistral fünf landen, werden wir etwas klüger sein als jetzt.“

Perry Barnett sollte recht behalten. Doch nicht auf die Art, wie er dachte. Aus der geruhsamen Reise und dem gelegentlichen Abhören fremder Sender wurde nicht viel. Bannister nahm zwar einige Funksprüche auf Band. Doch selbst mit Nam-Legaks Hilfe konnte man sie nicht entziffern.

„Es handelt sich um verschlüsselte Sprache“, sagte der Proka. „Sie arbeiten mit einem Zerhacker. Und es wäre sinnlos, zu versuchen, hinter das System zu kommen.“

Vielleicht mochte es auch noch planetarischen Funkverkehr geben. Aber der war in dieser Entfernung nicht erkennbar. Das bewies auch gleichzeitig, dass man sie auf Mistral noch nicht entdeckt hatte, oder – dass man keine Verbindung mit ihnen wünschte.

Die erste nervöse Aufmerksamkeit schlief ein und ging in Routine über.

Barnett ließ Lisman, Praxlomza und Perkins abtreten, damit sie sich schlafen legen konnten. Nach vier Stunden mussten sie Bannister, Nam-Legak und den Captain ablösen.

Auf diese Weise ging es zweimal reihum – ohne besondere Ereignisse.

Die Spannung wuchs automatisch, als man sich der Bahn des äußeren sechzehnten Planeten näherte. Dieser stand zur Zeit allerdings in Konjunktion zum Zentralgestirn, also jenseits der Sonne Mistral. Ähnlich verhielt es sich mit dem 15. Planeten. Doch schon den vierzehnten würden sie mit einem Abstand von höchstens 23 Millionen Kilometern passieren müssen.

Barnett ließ sich allgemeine Informationen vom E-Gehirn geben, das vor der Abreise von Terra mit allen erdenklichen Daten über das System Mistral gefüttert worden war.

Das Ergebnis: Eiswelt. Temperaturen zwischen Nacht und Tag bei 214 bis 135 Grad minus. Also selbst am heißesten Mittag würde hier eine eventuell vorhandene Atmosphäre nicht auftauen.

„Also unwichtig“, meinte Forry Bannister.

„Strategisch ist absolut nichts unwichtig“, widersprach Barnett. „In der Galaxis gibt es

nachweislich mehr als siebentausend Eisplaneten, die für militärische Zwecke im Innern ganze Zivilisationen beherbergen.“

„Es geht nicht um siebentausend beliebige, sondern um Mistral 14. Und über den gibt das Gehirn keine entsprechende Auskunft. Wenn du misstrauisch bist, kannst du ja außerdem in deinen Büchern nachschlagen. Vielleicht hat man etwas übersehen, als man dir die Schablonen für die Elektronik übergab.“

Barnett nahm eine Zigarette, um zu zeigen, dass er sich trotz seines geringen Wissens um dieses Sonnensystems recht wohl und sicher fühlte.

Sie passierten die Nummer 14, ohne dass sich etwas ereignete.

Erst nach einer weiteren Stunde schlug die Alarmanlage an. Sie meldete nicht vorherberechnete Materie. Also mussten zwischen den Planeten Körper existieren, die weder der Sternatlas, noch der Ephemeridenkalender für Mistral auswies.

Barnett schaltete sofort die Sirene ab und konzentrierte sich auf den Bildschirm. Bannister musste sich um die Skala kümmern, die mittels eines sechsfachen Diagramms die wichtigsten Kurven zeigte, die das E-Gehirn nach dem Empfang durch die verschiedenen Spezialmessgeräte für das menschliche Auge interpretierte.

„Beim Weltall!“, schimpfte Bannister. „Wir waren heute schon einmal in Versuchung, einen Planetoidenring zu vermuten, den es gar nicht geben durfte. Und dann waren es Raumschiffe.“

„Jetzt aber ist es tatsächlich ein Planetoidenring“, konstatierte Barnett. „Bitte, überzeugt euch! Der zwölfte Planet existiert nicht mehr. Abgesehen von Tausenden von Trümmerstücken.“

„Aber das ist doch Irrsinn! Wo steht etwas in den Büchern darüber? Und warum verschweigt es das Elektronengehirn?“

„Weil sie es nicht wissen. Betrachte bitte die einzelnen Bewegungskurven nur etwas länger …“

Barnett unterbrach sich und hantierte am Rechengerät. Als in Sekundenschnelle mehrere Ergebnisse heraussprangen, fuhr er fort: „Du wirst stundenlang überlegen, ob du tatsächlich etwas erkennst, Forry. Hier, sieh dir die konkreten Zahlen an. Dann hast du Sicherheit ohne jede Sinnestäuschung.“

Inzwischen hatte sich auch der kleine Nam-Legak an einem Sessel emporgezogen, um die Geräte der Menschen besser ablesen zu können.

„Es besteht kein Zweifel“, bestätigte er. „Diese Trümmer haben äußerst exzentrische Bahnen. Vor allem scheinen sie noch keinen gemeinsamen Schwerpunkt gefunden zu haben.“

„Noch nicht gefunden zu haben?“, dehnte Bannister seine misstrauische Frage. „Das klingt, als sei der Asteroidenring vor einer halben Stunde entstanden.“

„Nicht vor einer halben Stunde. Aber vielleicht vor ein paar Tagen oder Wochen. Vielleicht, als Dr. Preem mit seiner Expedition hier auftauchte.“

„Du denkst also an eine kriegerische Auseinandersetzung, Nam?“

„Die Haltung der sechzehn Schiffe lässt sowieso keinen Zweifel darüber offen. Es handelt sich um Tesdronen, die in diesem Sektor von Rechts wegen absolut nichts zu suchen haben. Ihr Heimatgestirn befindet sich im C-Arm der Galaxis, also etwa dreizehntausend Lichtjahre von hier entfernt. Was steht also der Annahme im Wege, dass man hier kürzlich einen ganzen Planeten gesprengt hat? Ich kann mir nicht denken, dass die Menschen von Mistral sich ohne Weiteres mit dem Eindringen der Fremdlinge abgefunden haben.“

„Wenn jemand in friedlicher Absicht kommt, so kann man auch vernünftig mit ihm reden. Es muss nicht gleich geschossen und getötet werden.“

„Wem sagst du das? Wir sind freilich klüger geworden. Aber auch das hat bei den Menschen und Prokas mehr als achthundert Jahre gedauert.“

„Okay! Du bist nicht umsonst Philosoph“, stellte Perry Barnett fest. „Und du kennst die Tesdronen besser als wir. Wir dürfen demnach als ziemlich sicher annehmen, dass euer früheres Hilfsvolk die Mistralesen überfallen hat, dass es ferner den zwölften Planeten sprengte und vielleicht auch die Expedition des Dr. Preem auf dem Gewissen hat.“

„Es spricht alles dafür“, bestätigte der Proka. „Jedenfalls müssen wir darauf gefasst sein, dass wir jeden Augenblick von Neuem angegriffen werden. Spätestens bei Annäherung an den fünften Planeten, müssen wir auf Beschuss gefasst sein.“

„Du rechnest also damit, dass die Tesdronen auf Mistral fünf Fuß gefasst haben?“

„Die Begegnung mit ihrer Flotte scheint es zu beweisen, Anderenfalls hätten wir mistralesischen Schiffen begegnen müssen. Wenn die Menschen in diesem System schalten und walten könnten, wie sie es bisher gewohnt waren, so würde sich gewiss keine fremde Flotte hier im Bereich herumtreiben und sich derart aggressiv benehmen.“

Die CORA flog auf den Asteroidenring zu, der einmal der zwölfte Planet der Sonne Mistral gewesen war. Sie flog nicht genau in seiner Bahnebene, sondern passierte ihn – gemessen am Zentralgestirn – in einem Winkel von 12 Grad, was sich in dieser Entfernung zu einem beruhigenden Abstand von einigen Millionen Kilometern summierte. Es bestand also keine Gefahr, dass das Schiff mit Trümmerstücken kollidierte.

Bannister arbeitete unermüdlich am Radioempfänger. Er suchte das gesamte ihm zur Verfügung stehende elektromagnetische Spektrum ab, und Nam-Legak assistierte ihm, indem er alle auf Band festgehaltenen Funkmeldungen noch einmal abhörte.

Nach drei Stunden dieser nervenaufreibenden Tätigkeit fragte Barnett mit einem nachsichtigen Lächeln: „Glaubst du immer noch, dass die Herrschaften einmal das Verschlüsseln vergessen werden?“

„Wer nichts weiß, setzt sein Vertrauen in die Hoffnung …“

„Moment!“, rief da Bannister. Die beiden Freunde glaubten schon, dass er eine wichtige Entdeckung gemacht habe. Doch es stellte sich sofort heraus, dass ihm nur eine Idee gekommen war. „Warum wenden wir nicht unsere eigenen Schlüssel an?“

„Weil die Tesdronen mit Sicherheit nicht danach arbeiten werden, du Schlaukopf. Sie funken auf jeden Fall nach eigener Methode.“

„Wer sagt dir denn, dass nur die Tesdronen funken? Es steht immerhin fest, dass auch Dr. Preem sich in diesem Bereich aufhält. Ich halte es absolut nicht für richtig, ihn von vornherein auf die Verlustliste zu setzen.“

„Dein Optimismus ist wohltuend, Forry“, nickte der Captain. „Suche dir also eine zusätzliche Beschäftigung, wenn dir die eine nicht genügt!“

„Du bist ein verteufelter Ignorant, Perry! Hole lieber die Freiwache aus den Kojen, damit sie uns unterstützen. Ich bin nicht der Meinung, dass wir uns jetzt deine beliebte und berüchtigte Großzügigkeit leisten können. Eine einzige verpasste Gelegenheit kann den Fehlschlag unserer Expedition zur Folge haben!“

Anstatt Großzügigkeit hätte Bannister auch Leichtsinn sagen können.

Captain Barnett spürte den Vorwurf und war ehrlich genug, ihn anzuerkennen.

„Okay! Holt sie aus den Kojen. Bevor sie heraufkommen, sollen sie Energietabletten nehmen. Es kann sein, dass wir einen langen Dienst vor uns haben.“

Ein wenig mürrisch, aber ohne jede offene Reklamation nahmen Lisman, Praxlomza und Perkins wieder ihre Plätze ein. Schließlich kannten auch sie ihren Captain so gut, dass er Vorsichtsmaßnahmen nicht grundlos ergriff. Es musste schon etwas passiert sein.

Barnett erzählte von dem gesprengten Planeten.

„Nach unseren Aufzeichnungen hatte er kein eigenes Leben entwickelt. Er war auch von mistralesischen Menschen kaum besiedelt. Es muss aber angenommen werden, dass die Mistralesen wichtige Forschungs- und Verteidigungsstützpunkte darauf unterhielten. Nur so lässt sich die Zerstörung durch die Tesdronen erklären.“

„Man sagt, die Mistralesen wären sehr unkriegerisch.“

„Willst du daraus folgern, dass sie sich nicht bewaffnet haben? Vergiss nicht, dass wir den Galaktischen Krieg hatten. Auch ein Volk, das diplomatisch genug war, sich da weitgehend herauszuhalten, musste notgedrungen an eine Verteidigung denken …“

Dr. Bannister fiel dem Captain ins Wort. „Hört endlich mit eurer Stammtischpolitik auf. Es wäre besser, Prax hilft mir bei der Auswertung der Tonbänder.“

Barnett machte eine Bewegung mit dem Daumen, der Praxlomza zur Funkassistenz kommandierte.

Als sie die Bahn des elften Planeten überquert hatten, meldete sich die Warnanlage erneut. Diesmal zeigte das Radarbild Materie in einer Bewegungsrichtung, die niemals den natürlichen Schwerkraftverhältnissen im Mistral System entsprechen konnte. Die georteten Gebilde waren zweifellos Körper mit eigenem Antrieb. Also Raumschiffe.

„Ich zähle fünf“, sagte Lisman. „Und sie kommen auf uns zu.“

Nachdem sie den genauen Standort der Objekte geortet hatten, war es klar, dass sie vom fünften Planeten gestartet waren. Und der fünfte Planet war die Zentralwelt der mistralesischen Zivilisation.

„Ich brauche die linke Endstufe vom E-Gehirn“, sagte Barnett. Damit war Praxlomza gemeint, der sich hier soeben für seine Entschlüsselungsversuche breit gemacht hatte. Er gab brummend die Anschlussbuchsen frei.

Der Captain stieß Lisman in die Seite. „Los, versuche einmal herauszukriegen, was das für Schiffe sind! Wenn unsere bisherigen Prognosen zu phantastisch waren, bleibt noch die Hoffnung, dass es sich um Mistralesen handelt.“

„Du Optimist! Und wenn es wieder Tesdronen sind? Wenn sie wieder auf uns schießen?“

„Dafür liegen bereits Hyperraumsprung-Koordinaten an.“

„Vorhin hast du solche Experimente mitten in einem Sonnensystem als sträflich bezeichnet.“

„Das sind keine Experimente, sondern es wäre die letzte Notlösung. Und jetzt Schluss mit der Kritik! Vielleicht erinnert ihr euch daran, dass meine Kommandos auf diesem Schiff Befehle sind, denen kompromisslos Folge zu leisten ist. – Perkins, sind zwei Raumtorpedos klar?“

„Jawohl, Captain! Beide Bugrohre sind feuerbereit!“

„Okay! Weitere Kommandos abwarten! – Was ist mit dir los, Lisman?“

James Lisman saß mit krummem Buckel da. Er hatte es nicht gern, wenn ihn sein Captain und Freund mit dem Nachnamen anredete. Das war ihm trotz des einwandfreien Disziplinarverhältnisses um eine Nuance zu dienstlich.

„Sehen Sie selbst, Sir!“, sagte er schließlich. Das „Sir“ war die Revanche für den „Lisman“

„Kugelschiffe!“, kam es aus drei Mündern gleichzeitig. Und damit war klar, dass höchste Gefahr bestand. Das erste Gefecht hatte bewiesen, dass der Gegner in seiner Armierung weit überlegen war. Seine lichtschnellen Strahlgeschosse konnten immer erst erkannt werden, wenn sie Sekundenbruchteile vor der Detonation standen. Die tellurischen Raumtorpedos dagegen waren langsam kriechende Materiegeschosse mit einem Zehntel Lichtgeschwindigkeit. Wenn man sie auf größere Entfernungen abschoss, konnten sie von den tesdronischen Strahlern mühelos zerstört werden,,

Captain Barnett wusste, dass er viel riskierte und alles auf eine Karte setzte, als er sich zum Weiterflug entschloss. Das eisige Schweigen und die flackernden Blicke der anderen verrieten nur allzu deutlich, dass diese Entscheidung keinen allgemeinen Beifall fand. Doch den Männern lag noch der Hinweis auf Barnetts alleinige Befehlsgewalt in den Ohren. Sie blieben stumm und warteten auf die nächsten Kommandos.

„Lis! Antischwerkraftkontrolle! Energiereserven klarmachen für vierdimensionalen Sprung auf eine Million Kilometer!“

Lisman machte zwei routinemäßige Handgriffe.

„Reserve liegt an!“

„Danke! Nach Durchführung jedes Manövers selbstständig und unverzüglich nachladen! – Aus diesem Kessel kommen wir nur heraus, wenn wir laufend Haken schlagen …“

Die letzte Erklärung war eine Konzession an den Individualismus der Besatzung. Barnett wusste, dass er seine Leute mit kleinen Zugeständnissen am sichersten bei der Stange hielt. Die Tatsache, dass sie früher einmal private und völlig freie Raumfahrer gewesen waren, denen der kompromisslose militärische Drill nun einmal nicht in den Knochen steckte, ließ sich nicht einfach aus der Welt kommandieren.

Die CORA sprang mit einer minimalen Kurskorrektur. Wenn es die Absicht des Gegners gewesen war, in den nächsten Sekunden zu schießen, so musste er jetzt für mehrere Minuten eine Pause einlegen, um seine Strahlgeschütze einzurichten.

Und das war die Absicht der Tesdronen gewesen!

Sie schossen in dem Augenblick, als es zu spät war. Ihr Energiestrahl ging zweitausend Kilometer an der CORA vorbei.

Barnett schüttelte den Kopf. „Warum schießen sie ausgerechnet jetzt nach unserem Manöver? Können sie nicht beurteilen, dass für den Moment ihre Gelegenheit verpasst ist?“

„Es war eine Reflexbewegung des Schützen“, erklärte Nam-Legak. „Sie standen zweifellos kurz vor dem gezielten Abschuss.“

„Reflexbewegung?“, fragte Barnett mit einem verächtlichen Unterton. „Man kann auch sagen, Mangel an Disziplin, nicht wahr? Wäre das nicht ein Punkt, an dem wir unsere Überlegenheit ausprobieren sollten?“

„Das wäre zweifellos eine Chance“, gab Nam-Legak überraschenderweise zu. „Die Tesdronen besitzen eine hochgezüchtete Kriegstechnik. Das Kulturelle blieb bei ihnen dafür um so mehr zurück. Sie sind im Grunde stark animalische Wesen geblieben, die in erster Linie nach Instinkt und Reflexen handeln. Sobald sie auf einen Gegner mit großen Gehirnkapazitäten treffen, zeigen sich ihre Schwächen.“

„Du scheinst diese Burschen tatsächlich gut zu kennen.“

„Ich sagte schon, dass sie im letzten Kriege unsere Verbündeten waren. Oder – besser ausgedrückt – eines der vielen untergeordneten Hilfsvölker. Also muss ich sie kennen. Die Tesdronen waren für ihre militärischen Erfolge ebenso bekannt wie für ihre regelmäßigen hohen Verluste. Sie machten alles mit Masse, verstehst du?“

„Hm, das klingt absolut tröstlich. Eine Übermacht von fünf Schiffen wäre demnach weniger gefährlich. Aber irgendwie klingt deine Behauptung paradox. Allein mit Intelligenz wage ich unsere waffentechnische Unterlegenheit nicht auszugleichen.“

„Und trotzdem bist du im Begriff, es zu tun.“

„Ich habe gleichzeitig Hyperraumsprung vorbereitet, kann also wahrscheinlich noch ausweichen, wenn der Gegner allzu sehr drängt. Los, James! Es wird Zeit für das nächste Manöver!“

„Energiereserve liegt an!“

Die CORA arbeitete sich mit vier Sprüngen bis auf zwanzig Millionen Kilometer an die tesdronische Patrouille heran. Das heißt, sie selbst konnte innerhalb der wenigen Stunden, in denen diese Manöver ausgeführt wurden, eine derartige Entfernung nicht überwinden. Aber der Gegner kam ihr auf halbem Wege entgegen.

In Höhe der achten Planetenbahn kam die CORA in Schussposition.

Die Männer an Bord des tellurischen Schiffes betrachteten es schon als ein Wunder, dass sie es so weit geschafft hatten. Und an den Rückweg wagten sie kaum zu denken.

Nun, kritische Momente haben ein Gutes. Sie bringen derartig viele Probleme auf einmal, dass man sie selten sofort in ihrer Gesamtheit erfassen kann. Die Kardinalfrage war jetzt, wie man auf geschickte Weise die beiden Raumtorpedos los wurde.

Perkins wartete auf Barnetts Befehle.

Perkins war ein guter Waffenmeister und Schütze. Doch zu galaktischem Ruhm hatte er es erst unter Perry Barnetts Kommando gebracht. Auf Raumschiffen schießt selten der Kanonier allein. Er muss auch einen guten Piloten haben. Denn das Geschütz ist sozusagen das ganze Schiff.

Die starren Bugrohre zeigten auf einen Sektor, den die tesdronische Patrouille in etwa 12 Minuten erreichen würde, wenn sie auf Barnetts Kriegslist hereinfiel. Wenn …“ ! So dachte der Captain, so dachten die anderen. Denn obwohl Barnett kein Wort darüber verloren hatte, wussten sie, dass er längst einen Plan hatte, der ihre rein technische Unterlegenheit ausgleichen würde.

Der neue Ausweichwinkel war bereits vom E-Gehirn errechnet.

Perry Barnett gab den Feuerbefehl. Perkins drückte zwei Hebel und entließ damit die beiden Torpedos im Abstand von zehn Sekunden. Im selben Augenblick arbeiteten die Triebwerke der CORA auf Bremsbeschleunigung. Die Torpedos bekamen dadurch sehr schnell einen großen Vorsprung. Doch mehr noch! Sie erhielten vom Schiff aus neue Steuerimpulse, so dass sie einen scheinbar völlig falschen Kurs einschlugen.

„Teufel, es geht daneben!“, stöhnte Dr. Bannister, womit er bewies, dass er die Einzelheiten absolut nicht begriffen hatte.

„Ruhe jetzt!“, befahl Perry Barnett. Laienhafte Kritiken konnte er in den nächsten Minuten nicht brauchen. Er musste sich ganz auf den Plan konzentrieren. Denn obgleich das Elektronengehirn alle Einzelheiten berechnet hatte, würde eine verpasste Sekunde das Scheitern des Manövers bedeuten können.

Die CORA fiel schnell zurück, behielt die Torpedos aber durch Fernsteuerung noch immer in der Gewalt. Ihr scheinbar falscher Kurs, den Bannister beanstanden wollte, war die einzige Garantie dafür, dass der Gegner sie nicht entdeckte. Denn die tesdronische Beobachtung war zweifellos genau auf das tellurische Schiff konzentriert. Die abseits verlaufende Parabel der gefährlichen Geschosse blieb unerkannt.

Zwei Minuten später!

Barnett schaltete die Bremsbeschleunigung ab und gab wieder Energie auf die Hecktriebwerke. Der bereits anliegende Ausfallwinkel war der Maßstab für das nächste Steuermanöver. Ähnliche Hakentricks wandte Barnett noch dreimal an. Damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens wich er damit einem gezielten Strahlbeschuss aus, und zweitens führte er die Tesdronen damit auf einen Kurs, der sie in die Falle führen sollte.

Der dritte Kurswechsel bestätigte, dass Barnetts Manipulationen ein Vabanquespiel erster Güte waren. Was den Beschuss durch die Tesdronen betraf, so konnte er nur nach Gefühl und Vermutung reagieren. In diesem Falle ging es um Zehntelsekunden. Während die CORA ihren zuletzt gesetzten Kurs verließ, hatte der feindliche Schütze bereits den tödlichen Energiestrahl ausgelöst. Er verfehlte sein Ziel um höchstens zwei Kilometer. Und das ist nach kosmischen Maßstäben gerechnet so gut wie Stecknadelbreite.

Die Gefahr, der sie entgangen waren, demonstrierte der Bildschirm mit einem weiß-violett

aufblitzendem Licht. Es war, als zuckte vor ihren Augen eine Nova auf.

Barnett ließ der Mannschaft jedoch keine Zeit, über das Wenn und Aber der kaum überstandenen Gefahr lang und breit zu debattieren.

Die beiden Torpedos trieben jetzt etwa drei Millionen Kilometer backbord vom tesdronischen Flaggschiff aus gesehen. Die Möglichkeit der Entdeckung war nun in höchstem Maße akut. Die CORA brach also gleich nach dem dritten Kurswechsel scharf nach rechts aus und demonstrierte eine Wendung um 180 Grad. Mit dem Heckrohr musste Perkins einen weiteren Torpedo abfeuern, der lediglich den Zweck verfolgte, dass er möglichst bald entdeckt und vernichtet werden würde.

Der Trick gelang.

Die Tesdronen stürzten sich auf das an sich völlig harmlose Geschoss, schlugen dabei aber einen Kurs ein, der sie genau in die abseits lauernden scharfen Torpedos hineintrieb. Als sie die beiden todbringenden Körperchen endlich entdeckten, war es für viele von ihnen zu spät.

„Feuer!“, rief Barnett mit zusammengepressten Zähnen, so dass das „F“ zu einem Zischlaut wurde. Perkins drückte den Fernauslöser.

Im selben Augenblick standen zwischen den tesdronischen Schiffen zwei Miniatursonnen. Die Kraft der Kobaltbomben griff spontan um sich und machte auf drei feindlichen Booten jede weitere Reaktion sinnlos.

Die beiden letzten Schiffe drehten sofort ab und suchten ihr Heil in der Flucht.

„Sieg!“, brüllte Perkins und ließ ein Stöhnen des Schmerzes folgen. Er hatte aufspringen wollen und vergessen, dass er angeschnallt war.

„Sieg“, rezitierte auch Nam-Legak. Es klang jedoch wesentlich maßvoller und gar nicht so überzeugend. „Ich hoffe nur, dass nicht Iks auf einem dieser drei Schiffe gewesen ist.“

Die Andeutung dieser Möglichkeit dämpfte auch den Optimismus der anderen. Andererseits bedeuteten die Worte des Proka Hoffnung.

„Du glaubst, dass Iks noch lebt?“, fragte Barnett.

„Wer will uns die Hoffnung nehmen, solange wir nicht das Gegenteil wissen? Außerdem drängt mich der Zweifel zu diesem Optimismus. Wer soll den Teleporter bedienen, wenn Iks-Wol-Esak nicht zurückkehrt?“

„Ihr habt eben den Unterricht versäumt“, erklärte Perkins. „Jetzt kommt die Reue zu spät.“

„Schon gut“, winkte Barnett ab. „Du hast dafür die seltene Begabung deine Ratschläge zu spät zu erteilen.“

 

 

6

Sie studierten erneut ihre Unterlagen über das System Mistral.

Der Angriff der Tesdronen hatte bewiesen, dass sie auf Mistral 5 Fuß gefasst hatten. Ob es ihnen gelungen war, den ganzen Planeten zu erobern, war freilich nicht sicher. Trotzdem hielt Barnett es nicht für geraten dort zu landen.

„Die Mistralesen besitzen eine starke Kolonie auf Nummer sieben“, stellte Nam-Legak fest. „Es hätte für sie nahe gelegen, zunächst den sechsten Planeten zu besiedeln, doch der ist eine unwirtschaftliche Methanwelt, auf der sich ohne kostspieligen technischen Aufwand nicht leben lässt.“

„Okay!“, sagte Barnett. „Versuchen wir dort unser Glück.“

Sie setzten neuen Kurs.

Bannister und Praxlomza nahmen wieder ihre Entschlüsselungsversuche auf. Im Empfänger machte sich ein stärkerer Funkverkehr bemerkbar. Es handelte sich wahrscheinlich um Meldungen, die das soeben stattgefundene Gefecht betrafen. Es würde sich also kaum um gute Nachrichten handeln, die jetzt vermehrt durch den Äther gingen.

Auf gute Nachrichten aber warteten auch die Männer auf der CORA, obgleich sie eigentlich kaum einen vernünftigen Grund hatten, darauf zu hoffen. Trotzdem geschah das Wunder.

Alle erschraken, als sie plötzlich aus dem Lautsprecher Iks-Wol-Esaks deutliche Stimme hörten. Am blassesten war Praxlomza, der verwirrt an seinem Tonbandgerät hockte und nicht glauben wollte, dass eines seiner Zerhackersysteme haargenau passte.

„Zurückspulen und das Ganze noch einmal von vorn“, verlangte Captain Barnett. Praxlomza gehorchte. Dann hörten sie die vollständige Nachricht Iks-Wol-Esaks.

„Gruß von Iks, Freunde! Es geht mir gut. Ich bin unentdeckt, da meine endgültige Materialisation in einem Nebenraum der Kommandozentrale erfolgte. Der Typ des Schiffes ist mir gut bekannt. Seine feinmechanische elektronische Ausrüstung stammt ausschließlich aus der prokaskischen Industrie. Gebt bitte Antwort, damit wir in Verbindung bleiben. Um die Gefahr, angepeilt zu werden, möglichst gering zu halten, schlage ich Sendeplan alle fünfzig Minuten vor. Ich erwarte eure Nachricht um zwölf Uhr vierzig. Wenn sie ausbleibt, gehe ich im entsprechenden Rhythmus auf Empfang. Meldet euch schnellstens. Ende.“

„Er lebt!“, war der erste Gedanke gewesen. Niemand hatte ihn jedoch auszusprechen gewagt, weil das die Stimme im Lautsprecher unterbrochen hätte. Dann kam die Uhrzeitangabe. Praxlomza bestätigte es.

„Ganz recht, Leute. Dieses Band ist eines der ersten, das Doc Forry aufnahm. Die Nachricht ist ein paar Stunden alt und nicht einmal Garantie dafür, dass Iks noch lebt.“

„Wir brauchen jetzt keine Philosophie über Garantien, sondern müssen arbeiten“, erklärte Barnett kurz. „Es ist gleich sechzehn Uhr fünfunddreißig. Um sechzehn Uhr fünfzig müsste nach Iks‘ Plan unsere nächste Antwort erfolgen. Wir werden sie also pünktlich geben und bis dahin abwarten. Inzwischen nehmt ihr alle weiteren Bänder vor und überprüft sie mit diesem Code.“

Die nächste Viertelstunde brachte die Spannung bis zum Zerreißen. Praxlomza spielte nun Band für Band an, fand aber keine Nachricht mehr. Um 16.48 erklärte Barnett: „Hör auf, Junge! Lass den Empfänger weiterlaufen, Forry, aber gehe gleichzeitig auf Sendung. Schalte den gleichen Schlüssel ein und gib mir das Mikrofon!“

16 Uhr 50!

„Hier Captain Barnett, Raumschiff CORA! Hörst du uns, Iks?“

Details

Seiten
180
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935639
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512070
Schlagworte
warnung hyperraum

Autor

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Titel: Warnung aus dem Hyperraum