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Marianndl, das Kind des toten Kainhofersohnes

2019 93 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Marianndl, das Kind des toten Kainhofersohnes

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

Marianndl, das Kind des toten Kainhofersohnes

Bergroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 93 Taschenbuchseiten.

 

Die junge und hübsche Linde Bachler lebt mit ihren Eltern in den malerischen Bergen auf einen gepachteten Hof. Da ihre Eltern ihn nicht allein bewirtschaften können, nimmt Linde keine Stellung an, sondern packt mit auf dem Hof an. Als Fridolin Kainhofer, Sohn und einziger Erbe des Erbhofes, des größten Hofes weit und breit, von seinem Studium zurückkehrt, verliebt er sich in das hübsche und fleißige Mädchen. Er will sie heiraten, doch seine Eltern dulden diese Vermählung nicht und kränken Linde zutiefst. Dann geschieht ein Unglück, das alles ändert …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Schlucht war kühl und dämmrig. Fast tausend Meter fiel die Wand steil ab. Und mit einer Urgewalt stürzte der Bach herunter, um sich unten mit dem Flüsslein zu verbinden. Der Lärm war gewaltig, und man verstand sein eigenes Wort nicht mehr. Nur ein paar Schritte weiter öffnete sich das Schrattental zu beiden Seiten. Man sah liebliche Almen und Hügel, und nicht weit entfernt von der kleinen Kuppe konnte man ins Dorf blicken. Die Kirchturmspitze leuchtete in der Sonne wie pures Gold.

Linde Bachler saß etwas weiter unterhalb des Wasserfalls im kühlen Schatten. Obwohl es noch früh war, brannte die Sonne doch schon ziemlich heiß. Für die Urlauber war es eine Freude, aber wer hier lebte und sich das kärgliche Brot verdienen musste, für den war es wirklich nicht einfach. Ein Bergbauer war nicht mit Gütern gesegnet, der musste hart schaffen. Lindes Vater war Bergbauer, aber mit dem Unterschied, dass die Wiesen, Felder und das kleine Haus gepachtet waren. Obwohl er sich all die Jahre krumm geschuftet hatte, hatten sie oft nicht gewusst, wie sie den Winter überdauern sollten. Vor vielen, vielen Jahren, da hatte alles so einfach, so hübsch geklungen. Man war ja jung und kräftig und wollte arbeiten. Und wie hatten sie gearbeitet, die Mutter und der Vater, bis sie alt und krank waren. Aber auch jetzt schafften sie noch immer ums Haus herum.

Dazwischen waren dann noch die Kinder gekommen. Für andere vielleicht ein Segen, aber für die Bachlers eine große Belastung. Sechs Stück hatte die Mutter zur Welt gebracht. Alle waren sie groß und schmuck und kräftig, auch Linde, die jüngste Tochter. Die älteren Kinder waren fortgezogen, hatten in der weiten Welt ihr Glück gesucht und auch gefunden. Zwei Brüder waren über den großen Teich gezogen. Sie hatten in Kanada als Holzfäller im Sommer und im Winter als Skilehrer ihr Geld verdient. So viel, dass sie sich später Grund und Boden kaufen konnten und sich einen Hof darauf setzten. Dann waren zwei Schwestern nachgekommen, um den Brüdern den Haushalt zu führen. Aber das brauchten sie nicht lange, denn sie wurden sehr schnell geheiratet. Der Andra hatte Beamter werden wollen, aber dann war er vor gut einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. So lebte nur noch Linde mit ihren achtzehn Jahren bei den alten Eltern.

Oft stand sie mit sehnsüchtigen Augen auf dem Berg hinter dem Haus und blickte ins Tal. Dort unten herrschte Leben und Trubel. Gewiss hätte sie als Zimmermädchen oder Bedienerin in einem der Hotels ihr Geld gemacht. Der Krachlerwirt hatte sie letzten Sonntag noch daraufhin angesprochen.

»Hast es dir überlegt, Linde? Wie ist es? Willst nit zu uns kommen? Sollst es nit bereuen, wirklich. Wirst staunen, wie leicht die Leute das Geld bei uns ausgeben. Hast genug für dich und deine Eltern. So ein fesches Mädchen wie dich könnt ich grad gebrauchen. Du verstehst zuzupacken, ohne dass man es dir dreimal erklären muss. Und faul bist du auch nicht.«

»Nein, das bin ich net«, hatte sie mit ihrer hellen Stimme geantwortet. »Ganz gewiss nit. Aber Krachlerwirt, wie soll das denn gehen? Die Eltern, mein ich.«

»Willst denn immer droben hocken, bis sie mal sterben? Da wächst doch nichts als Steine. Schuftest dich krumm, und eines Tages hast auch du einen Buckel wie deine Mutter. Linde, denk doch mal an dich! Sieh, all deine Geschwister sind fort. Sollen die doch jetzt mal für die Eltern sorgen. Schreib ihnen!«

Sie war an diesem Nachmittag recht nachdenklich zum Häuschen raufgestiegen. Der Wirt hatte ja recht. Aber sie konnte doch die Eltern nicht allein lassen. Ihr ganzes Leben hatten sie hier verbracht. Und da waren die vier Kühe, und diese brauchten im Winter ihr Futter. Wer mähte? Und wer schaffte es hinein? Sie allein. Sie war es auch, die es wie heute in der prallen Sonne ständig umwenden musste. Ach, wenn doch noch was dabei rausgesprungen wäre, dachte sie bitter. Oder wenn das Hüttchen mir gehören würde, ich würde es schon schmuck herrichten und an Urlauber vermieten. Dann hätten wir endlich unser gutes Auskommen und brauchten nit so darben und jeden Groschen fünfmal rumdrehen.

Die Geschwister verließen sich auf Linde. O ja, sie schickten alleweil Pakete mit hübschen Sachen. Die machten es sich leicht. Ach nein, sie tat ihnen wirklich unrecht. Vor fünf Monaten hatten sie noch einen lieben Brief geschrieben und die Eltern nach Kanada eingeladen. Wenn sie schon nicht für immer dort bleiben wollten, so sollten sie doch ein paar Monate Urlaub machen.

Als Linde das gelesen hatte, hatte sie sich gefreut und gedacht, derweil schaff ich im Dorf und kann das Heu dann kaufen und hab noch einen Batzen übrig. Aber alte Bäume lassen sich nicht mehr verwurzeln. Die Eltern sagten nein.

»Es wird nit mehr lange dauern, und der Sensenmann holt uns. Dann wollen wir hier sein und nit in einem fremden Land. Wir wollen unten auf dem Gottesacker liegen, neben dem Andra. Nein, wir gehen nit mehr fort.«

Am liebsten hätte sie aufbegehrt und ihnen ins Gesicht gesagt: Aber ich bin doch jung, ich will fort, ich kann es hier nit mehr ertragen. Die Stille, die Einsamkeit, die macht mich kaputt. Die Zeiten haben sich geändert. Ein Mädel wartet nit mehr, bis einer kommt und sie freit.

Aber sie hatte es nicht getan, weil Linde ganz genau wusste, dass die Eltern in ihrer Selbstlosigkeit sie fortgeschickt hätten. Das war ja das Tragische an der ganzen Sache. Wären sie starrköpfig und hielten sie streng, dann wäre sie längst schon heimlich fortgelaufen. Aber sie waren so lieb, so gütig und versuchten mit dem wenigen ihr das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Die Mutter hatte ihr neulich noch nahegelegt: »Linde, willst du nicht aus dem Nest fliegen? Auf uns brauchst nit Rücksicht zu nehmen, wenn du fortgehen möchtest. Wir kommen auch allein zurecht. Haben es ja alle Jahre gekonnt.«

Sie hatte in das runzelige, gütige Gesicht geschaut, und ein Würgen war in ihrer Kehle gewesen. Linde hatte ihr einfach nit die Wahrheit sagen können. Nichts konnten sie mehr ohne die junge Tochter. Selbst das Holz für den Ofen musste sie zerkleinern, alles musste sie tun. Die Mutter konnte im Winter noch die Kühe melken, aber auch nur abends und nit am frühen Morgen, wenn es kalt im Stall war. Nein, sie würde keine Ruhe finden, wenn sie fortging. Immerzu würde sie nur an die Eltern denken müssen. Und so hatte sie nur schwach gelächelt und geantwortet: »Ich leb gern hier, Mutti. Wenn es an der Zeit ist, werd ich mein Ränzlein packen. Aber das wird noch lange dauern.«

Und die Mutter hatte ihre Hand gestreichelt und gesagt: »Du bist ein gutes Kind, Linde.«

Sie hatte sich jetzt genug ausgeruht. Die Arbeit musste getan sein, ehe die Sonne hoch am Himmel stand. Dann war es unerträglich, an diesem Hang zu schaffen. Man konnte sich einen Hitzschlag dabei holen.

Resolut wie sie war, stand sie auf und bückte sich nach dem Strohhut und dem Rechen. In diesem Augenblick spürte sie, dass irgendetwas sie beobachten musste. Ganz deutlich fühlte sie ein Augenpaar in ihrem Rücken. Für einen kletternden Urlaubsgast war es noch zu früh. Die schliefen meistens recht lang und kamen erst am Nachmittag bis hier herauf. Rasch wandte sie sich um. Eine Unmutsfalte stand zwischen ihren großen blauen Augen. So wie sie da stand, groß und schlank gewachsen, mit dem fast weißen Haar, war sie eine Erscheinung, die man nicht so schnell vergessen konnte. Obwohl sie ein billiges und einfaches Dirndl trug, sah sie bildhübsch aus.

Das dachte auch der Mann, der dort drüben an der krüppligen Kiefer stand und sie anblickte. Als er nun bemerkte, dass man ihn entdeckt hatte, lachte er leise auf, schob das Gewehr über den Rücken und kam gemächlich näher. Er trug das Jagdhemd offen, und der Schweiß rann in kleinen Bächen über die breite Brust.

»Grüß Gott, schöne Linde«, sagte er herzlich und lüftete sein Hütchen.

Helles Rot schoss ihr in die Wangen. Seit ein paar Sonntagen spürte sie nun schon den Blick auf sich ruhen. Es war Fridolin Kainhofer, Sohn und einziger Erbe des Erbhofes, des größten Hofes weit und breit. Auch ihre Wiesen und Äcker gehörten ihm, beziehungsweise seinem Vater. Alle Jahre mussten sie Pacht an den reichen Bauern zahlen.

»Grüß Gott«, sagte sie barsch und wollte weiter.

Aber der junge Fridolin ließ sich nit so leicht abspeisen. Besonders nit, da er, eigens um die schöne Linde zu treffen, heut so früh aus den Federn gekrochen war. Damit niemand merken sollte, was er vorhatte, hatte er dem Vater gesagt, er wolle den kranken Bock aufspüren.

»Linde, so wart doch. Ich möcht ein wenig mit dir plaudern.«

Inzwischen hatte sich das Mädchen wieder gefangen. Kühl maß sie ihn von oben bis unten.

»Ich muss arbeiten, kann nit müßig sein.«

»Aber vorhin hast die ganze Zeit dort gesessen und nichts getan«, erwiderte er lachend.

»So lange hast mich also beobachtet«, sagte sie wütend.

Fridolin lachte weiter.

»Sei mir nit böse, schöne Linde. Ich hat halt keinen Mut.«

Sie blickte ihn sprachlos an.

»Wozu keinen Mut?«

»Um aus dem Wald zu treten, auf die Wiesen, weißt.«

»Aber sie gehört doch dir«, sagte sie erstaunt. »Kannst überall herumlaufen, und ich kann es dir nit mal verbieten.«

Fridolin sah sie an und dachte: wie ist sie hübsch. Und wenn sie zornig ist, sieht sie noch schöner aus. In Innsbruck hab ich viele schöne Dirndl gesehen, aber mit Linde kann man die nit vergleichen.

»Das mein ich nit«, sagte er leise.

Linde sah ihn an. »Bist auf Urlaub hier? «

»Nein, ich hab jetzt fertig studiert. Jetzt bleib ich daheim, Linde. Für immer!«

Wieder spürte sie, wie ihr heiß und kalt zugleich wurde. Sein Blick ging durch und durch. Er sollte sie nit so anstarren. Das machte sie nervös. Ich muss ihn treffen, dachte sie. Ich bin kein Freiwild, das soll der Herrensohn ruhig wissen.

»So«, sagte sie lang gedehnt, »als Studierter willst jetzt den Hof deines Vaters führen? Da ward ja was Gescheites rauskommen. Kannst denn überhaupt eine Heugabel bedienen?«

Er hatte die gleichen blauen Augen wie das Mädchen. Doch darum lag ein Kranz kleiner Fältchen. Daran konnte man sehen, dass er ein lustiger Mensch war und viel lachte. Auch jetzt lachte er lustig auf. Die weißen Zähne blitzten in dem gebräunten Gesicht.

»Willst mich testen?«

Schon warf er Janker und Gewehr ins Gras und griff nach dem Rechen. Er schritt über die Wiese, und schnell und präzise wendete er dabei das Heu. Das ging so schnell, dass Linde ihm kaum mit den Augen folgen konnte. Verblüfft stand sie da und spürte, wie sie Herzstiche bekam. Ein Mann konnte doch viel mehr, so stark und schnell verrichtete er seine Arbeit, wozu sie viel mehr Zeit benötigt hätte.

»Na, was sagst jetzt?«

»Gib her, ich glaub dir«, sagte sie mit spröder Stimme.

Fridolin sah den Hang entlang und meinte fröhlich: »Weißt, ich bin grad so schön am Zug. Werd dir die Wiese fertig machen, schöne Linde.«

Sie biss sich auf die Lippen. Als sie sah, dass er schon wieder wendete und zurückschritt, lief sie ihm hastig nach.

»Ich kann dir keinen Lohn zahlen. Wir sind arme Leute«, sprudelte sie hervor.

»Hab ich nach Geld gejammert?«, lachte er. »Für ein Grüß Gott tu ich eine ganze Menge.«

Mit hängenden Armen blieb sie mitten auf dem Abhang stehen und blickte ihm nach. Wie breit doch sein Rücken war. Nein, er war nicht verweichlicht worden. Viele im Dorf hatten gespottet, als sie hörten, Fridolin wolle auf der Universität lernen, wie man ein richtiger Bauer wird.

»Kann dir dein Vater das nit beibringen?«, hatten sie gestichelt.

»Ein verdorbenes Bürschlein wirst sein, wenn du heimkommst. Magst dann eine Mistgabel nit mehr anfassen.«

»Nein«, lachten die anderen. »Der kommt gar nit mehr heim. Der bleibt in der Großstadt und genießt das Leben. Als Sohn eines Großbauern kann er sich das ja leisten. Andere schaffen für ihn, und er gibt dann das Geld aus.«

Fridolin hatte nur gelächelt und sie reden lassen. Er war kein Raufbold. Die anderen konnten sich ruhig die Köpfe heißreden und ihn herausfordern. Er sagte nur ganz ruhig: »Ihr werdet schon sehen.«

Und jetzt war er wieder hier und tat die Arbeit, die sie hätte tun sollen. Natürlich war er viel schneller fertig. Er gab ihr den Rechen wieder zurück und meinte ruhig: »Jetzt wirst doch ein wenig Zeit für mich haben?«

Sie blickte ihn an und wusste nicht so recht, was sie ihm antworten sollte.

»Komm, setzen wir uns in den Schatten! Ich bin so lange fort gewesen. Erzähl mir ein wenig aus dem Dorf! Klatsch oder was du willst.«

Mit spröder Stimme antwortete sie: »Ich kenne keinen Klatsch und komm selten runter. Ich stör mich nit daran.«

Er begann sich das Pfeifchen zu stopfen und meinte gemächlich: »Das gefällt mir sehr gut. Tratschende Weiber sind mir ein Gräuel. Ich hab in Innsbruck eine Wirtin gehabt, die konnt reden von morgens bis abends. Jeden auf der Treppe hat sie angehalten. Ich bin immer auf Strümpfen gekommen, bloß um ihrem Lästermaul zu entgehen.« Sie lachte hell auf, und er lachte mit. »Siehst, jetzt hab ich dich sogar zum Lachen gebracht, Linde. Wenn du es noch ein wenig übst, kannst du es auch bald.« Sofort brach sie mit dem Lachen ab. »Bist immer so schnell eingeschnappt?« staunte er.

»Ich hab nit viel zu lachen«, sagte sie böse.

»Aber hier ist es doch so schön, Linde. Die Städter beneiden dich doch, wenn sie sehen, wie schön und frei du lebst.«

Sie schob die Lippe vor und meinte aufbegehrend: »Sie müssen auch nit das ganze Jahr hier leben und rackern. Sie sind nur zum Zeitvertreib hier.«

Er blickte sie aufmerksam an. Und ehe Linde sich versah, erzählte sie von ihren Sehnsüchten. Der Mann spürte alles heraus, die Liebe zu den Eltern. Er ahnte, wie zerrissen ihr Herz sein musste. Nein, sie hatte es wirklich nicht einfach, die kleine Linde.

Als er zu studieren angefangen hatte, da hatte sie noch Zöpfe getragen und schlaksige Glieder besessen. Aber nun war sie ein schönes Mädchen geworden. Und er dachte: Warum merken die Burschen das nit? Sind sie denn alle mit Blindheit geschlagen?

Vorsichtig fragte er: »Aber dein Liebster kommt doch den Berg hinauf? Dann wird es nit mehr langweilig sein.«

»Ich hab keinen Liebsten, und sie sollen sich hüten, die Burschen da unten. Für ein Liebchen bin ich mir zu schade. Auch wenn sie sagen, es sei modern, alle täten es und ich sei eine blöde Gans. Ich werf mich nit weg. Eines Tages wird der Rechte kommen, und wie stände ich dann vor ihm? Könnt ich ihm dann noch in die Augen blicken? Nein!«

»Ich zieh den Hut vor dir«, sagte Fridolin.

Linde blickte ihn zornig an. Machte er sich vielleicht auch lustig über sie? Aber nein, seine Augen blickten sie nicht spöttisch an. Und das Dumme war, plötzlich kam sie sich ganz klein vor. Sie schlug die Augen nieder und nestelte an ihrem Mieder.

»Ich muss jetzt heimgehen. Die Mutter wird sich sonst Sorgen machen.«

Fridolin nahm sein Gewehr und das Hütchen und blickte auf seine Uhr.

»Wie man die Zeit doch verreden kann. Aber es hat mich wirklich gefreut, dich wieder zu treffen, schöne Linde.«

Dann ging er mit ausholenden Schritten den Berg hinunter. Sie stand da am Hang und sah ihm nach, und ihr Herz klopfte, als wolle es zerspringen.

 

 

2

Das weiße Leinentuch blähte im Wind. Sie konnte es kaum halten. Aber Linde gab nicht so schnell auf, und dann hatte sie es auch schon mit den Klammern an der Leine befestigt. Wieder bückte sie sich nach dem mächtigen nassen Wäschestück.

»Bravo«, hörte sie da eine Stimme.

Sofort drehte sie sich herum. Fridolin Kainhofer kam über den Anger geschritten.

»Von weitem sieht es so aus, als müsstest du mit einem Drachen kämpfen«, sagte er lachend. »Grüß Gott, Linde, ein schöner Tag, nit wahr?« Dann entdeckte er ihre Mutter. Sie saß auf der Hausbank und schälte Kartoffeln. »Grüß Gott, Frau Bachler, ein schöner Tag ist das wieder.«

»Grüß Gott«, rief sie zurück und lächelte freundlich.

Bei Linde stand wieder die Unmutsfalte zwischen den Augen.

»Solches Wetter ist grad für die Arbeit geschaffen«, gab sie unwillig zur Antwort. »Aber das wissen Herrensöhne wohl nit. Ihr habt ja auch genug Hände, die für euch schaffen.«

Er ließ sich nicht beirren.

»Ei, Linde«, neckte er sie, »wie störrisch du bist. Willst dich wieder mit mir anlegen? Jetzt treffen wir uns das vierte Mal - rein zufällig«, setzte er listig hinzu, »und du gräbst immer die Streitaxt aus. Weißt, bald glaub ich, du bist der Drache!«

Das hätte er wirklich nicht sagen dürfen. Hastig packte sie den Wäschekorb und wollte damit ins Haus stürmen. Doch er hielt sie noch rechtzeitig zurück.

»Sei mir nit böse, Linde. Du schaust immer so hübsch aus, wenn du zornig bist. Ich werd mich jetzt bremsen.«

Warum war das Herz plötzlich so unruhig, so heiß und schwer? Weshalb hatte man auf einmal keinen eigenen Willen mehr? Wieso konnte man nicht fortlaufen, wenn man seine Stimme hörte? Sein Lachen! Wie glücklich war man doch, wenn man es hörte. Alles Schwere fiel dann von den Schultern. Plötzlich fühlte man sich so leicht wie eine kleine Sommerwolke.

»Bitte lass mich los«, sagte sie leise.

Fridolin hatte sie die ganze Zeit angeschaut. Hatte er in ihren Augen lesen können? Warum, so fragte sich das Mädchen, kommt er so oft hier herauf? Er hat doch nichts hier zu suchen. Die Pacht ist doch erst im Herbst fällig. Was will er? Mich necken? Dazu bin ich mir zu schad, ich will mich nit zum Narren halten lassen. Lang wird es nit dauern, und das ganze Dorf lacht mich aus.

Als hätte er tatsächlich ihre Gedanken gelesen, sagte er jetzt: »Ich bin auf dem Weg zu unserer Alm. Soll vom Vater etwas ausrichten. Willst nit mitgehen, wo das Wetter so schön ist? Zu zweit wandert es sich viel besser. Dann ist der Weg nit so lang.«

Ohne dass sie es bemerkt hatte, war die Mutter zu ihnen getreten.

»Das passt sich ja gut«, sagte sie freundlich. »Linde, du wolltest doch auch heut aufsteigen. Da kannst du doch mitgehen. So bist nit allein. Geh nur, ich mach schon den Rest. Kannst dir Zeit lassen.«

Wieder schoss das Blut in Lindes Wangen. Etwas hilflos blickte sie Fridolin an. War er ein Zauberer, dass er wusste, dass sie gerade heut aufsteigen wollte? Oder war es nur Zufall? Sie hätte viel darum gegeben, es zu wissen.

»Ja«, meinte sie zögernd.

Linde ging ins Haus, band sich die Arbeitsschürze ab und die Dirndlschürze um. Sie nahm auch ein Kopftuch mit. Viel weiter droben pfiff der Wind auch im Sommer oft recht kühl. Zu essen brauchte sie nichts mitzunehmen, aber sie wollte für Florian zwei Flaschen Bier einpacken. Der Alte würde sich bestimmt darüber freuen.

Es war ein altes Gesetz der Berge: Wenn man zu einer Alm kam, erhielt man Milch, Käse und Butter umsonst. Auch die Urlauber. Aber sie kamen höchst selten auf die bewirtschafteten Almen.

Die Pechkaseralm gehörte den Kainhofers. Weil die Bachlers deren Pächter waren, durften sie ihre vier Stück Vieh mit auftreiben, ganz umsonst. Der Weg hinauf war wirklich anstrengend.

Fridolin stand mit dem alten Bachler vor der Tür und unterhielt sich. Er fragte nach dem Heu und wie es heuer wohl werden würde.

»Ein gutes Jahr wird’s sein«, erklärte der Alte. »Aber wer freut sich noch darauf? Es ist eine Plage. Die Bauern wollen nit mehr heuen. Es bringt nichts ein, sagen sie. Aber wegen der Touristen befiehlt es der Herr Bürgermeister. Die Hänge würden auch nicht mehr hübsch anzusehen sein, wenn man sie nit mehr schneidet. Aber einige richten sich nit nach den Worten des Bürgermeisters. Eine Schand ist das. Da lässt der liebe Gott das gute Gras für unser Vieh wachsen, und sie nehmen es nit, sie kaufen es lieber ein.«

Linde trat aus der Hütte. Fridolin sah sie dort stehen, und sein Herz klopfte hart gegen die Rippen. Wie schön sie doch ist, dachte er. Und sie weiß es nit, sie schnurrt nit um die Burschen.

Er grüßte ihren Vater noch einmal, und dann schritten sie Seite an Seite dem Berg entgegen. Als das Häusleranwesen außer Sicht war, wollte das Mädchen wissen, woher er erfahren hätte, dass sie grad heut zur Alm wollte. Er lächelte sie von der Seite an.

»Also neugierig bist, na, wenigstens ein menschlicher Zug an dir.«

Wieder schossen ihre Augen Blitze.

»Wenn du garstig wirst, geh ich allein.«

»O je, wie ich dich kenn, machst du deine Drohung wahr!« Er konnte einfach nicht aufhören, sie zu necken. »Ich hab es gestern gehört. Dein Vater sagte es zu deiner Mutter. Weißt, ich stand noch am Schuppen und wollt mir mein Pfeiflein anzünden. Es war schon dunkel, und sie müssen mich wohl nit mehr gesehen haben.«

Richtig, gestern war er ziemlich spät fortgegangen. Er habe den kranken Bock gesucht, hatte er gesagt. Und jetzt wolle er sich auf der Bank ein wenig ausruhen, um dann zurück ins Tal zu wandern.

Linde sah ihn spöttisch an.

»Ich glaub dir deine Ausreden nit mehr. Mir kannst du nit Sand in die Augen streuen.«

Fridolin blieb stehen. »Du kluges Kind. Wenn dem nit so ist, kannst du mir dann vielleicht sagen, was mich sonst hier herauf bringt?«

Nun hatte sie sich doch schon wieder verrannt. Gegen ihn kam sie einfach nicht an. Hastig lief sie weiter. Fridolin lachte leise auf und stieg ihr nach.

Sie hatte ja so recht, es waren alles nur Ausreden. Selbst die Eltern wunderten sich schon über ihn. Dabei hatten sie gehofft, er würde beim Einfahren helfen. Aber nein, der Bock saß ihm im Kopf. Der Vater meinte: »Lass ihn laufen, Frau. Wenn er sich die Füße wundgelaufen hat, wird er schon still. Die Stadtluft muss aus ihm raus, dann wird er schon braver. Soll er sich austoben. Grad so hab ich es in meiner Jugend auch gehalten.«

Nein, er musste sich nicht austoben. Fridolin musste mit sich ins Reine kommen. Seit er Linde gesehen hatte, lag sie ihm im Blut. Sie war kein leichtfertiges Mädel, das wusste er gleich zu Anfang. Und er hatte auch nie Böses im Sinn gehabt. Er wollte nur in Erfahrung bringen, ob es wirklich Liebe war. Er konnte schon nit mehr schlafen, war rein narrisch. Wenn er sie dann erblickte, spürte er tiefen Frieden in sich. Er sah hoch und blickte der schlanken anmutigen Gestalt nach. Wie schnell sie doch kraxeln konnte. Und wie er sie so gegen den blauen Himmel stehen sah, da fühlte er ganz deutlich: Sie ist mein Schicksal. Sie ist das Mädchen, auf das ich so lange gewartet habe. Sie möchte ich heiraten, mit ihr ein ganzes Leben verbringen. Alles sah er ganz deutlich vor sich - wie sie auf dem väterlichen Hof schaffte und im Haus alles zum Rechten brachte.

»Linde«, rief er.

Ein Bussard kreiste über ihren Köpfen und krächzte. Linde drehte sich herum, beschattete die Augen mit den Händen und sah Fridolin dort unten stehen. Nun lief er ihr entgegen.

»Linde, so wart doch!«

Sie stand reglos da, und er kam auf sie zu. So ganz anders sah jetzt sein Gesicht aus. Nicht mehr spöttisch, sondern weich und zärtlich. Noch stand sie über ihm und blickte auf ihn herab. Und er hob sein Gesicht zu ihr empor und schaute ihr in die Augen.

»Linde, du hast recht. Es ist alles nur eine Ausrede gewesen.«

Sie nickte ernsthaft. Sprechen konnte sie jetzt nicht. Ihr war ganz feierlich zumute. Warum, das konnte sie sich auch nicht erklären. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest.

»Linde, jetzt weiß ich es ganz genau.«

»Ja?«

Warum fühlte er sich so unbeholfen? Weshalb so scheu? Hatte er etwa Angst?

»Linde, ich liebe dich!« Nun hatte er es ausgesprochen. Wie bittend hingen seine Augen an ihren Lippen. Was würde sie jetzt tun? Ihn vielleicht auslachen? Sich hochmütig von ihm abwenden?

Ein heißer Schauer rann über ihren Rücken. Aber gleichzeitig spürte sie auch, wie etwas Kaltes ihr Herz ergriff und es zusammenpressen wollte.

Sie blickten sich lange an. Kein Ton drang über ihre Lippen. Ihre Brust hob sich, und ganz langsam öffnete sie den Mund. Der Mann sah sie an, von ihr würde alles abhängen. Er hatte ihr in diesem Augenblick sein Herz zu Füßen gelegt.

»Warum quälst du mich?«, fragte sie mit brüchiger Stimme.

Fridolin glaubte nicht richtig gehört zu haben.

»Was hast du gesagt?«, keuchte er.

»Warum tust du das?« Jetzt schrie es aus ihr heraus. »Du bist so gemein.«

Mit einem Satz stand er neben ihr, umfasste ihre Schultern und rüttelte sie.

»Linde, Linde, was ist denn los? So sprich doch endlich! Hast du denn nicht verstanden, was ich dir gesagt habe?«

»Doch«, erwiderte sie. Ihr Gesicht verzog sich, als habe sie plötzliche Schmerzen.

»Ich liebe dich, Linde. In diesem Augenblick ist es mir ganz klargeworden. Ich liebe dich, hörst du.«

Nun liefen ihr die Tränen über das Gesicht.

»Als wir uns kennenlernten«, stammelte sie, »habe ich dir gesagt, ich bin kein leichtfertiges Mädchen. Warum quälst und demütigst du mich trotzdem?«

Jetzt begriff der Mann endlich. Sie glaubte also, er wolle sie nur zum Zeitvertreib haben. Jetzt verstand er ihre Abwehr, ihre Bestürzung. Er lächelte sie weich an.

»Linde, ich liebe dich wirklich. Hörst du, ich liebe dich mehr als mein Leben. Ich möchte immer mit dir zusammenleben. Immer, mein ganzes Leben. Hast du mich auch so lieb wie ich dich? Willst du meine Frau werden?«

Sie schlug sich die Schürze vor das Gesicht, hockte sich nieder und weinte zum Steinerweichen.

Der Raubvogel war verschwunden. Nichts als Stille umgab sie, und darum hörte sich dieses Weinen auch so schrecklich an. Der Mann stand daneben und wusste nicht, was er tun sollte. Hilflos wie ein Kind fühlte er sich in diesem Augenblick. Sie hob ihr verweintes Gesicht dem Mann entgegen. Und er sah in ihre Augen und fühlte: Sie weint, weil sie mich liebt. Sie ist überwältigt. Sie weiß jetzt nicht, wie sie es mir sagen soll.

Er nahm ihr Gesicht in beide Hände, spürte die Wärme und die Weichheit der Haut, und ein heißer Schauer rann durch seinen Körper.

»Linde«, flüsterte er. Dann beugte er sich über ihr Gesicht und küsste sie.

Er hatte in seinem Leben schon viele Mädchen geküsst, und in Innsbruck hatte er viele willige Frauen gefunden. Aber nie war ihm dabei so zumute gewesen wie in diesem Augenblick. Linde hielt die Augen weit geöffnet, und er sah darin den blauen Himmel.

Sie erwiderte seinen Kuss, und er hätte auf jubeln mögen. Wer hätte gedacht, dass er hier an dieser Stelle, und heut, sein Glück finden würde!

»Fridolin«, sagte sie zärtlich. »Ach, Fridolin!«

»Du liebst mich also?«

Sie sah ihn an. Jetzt war ihr Gesicht nicht mehr herb und abweisend. Die Liebe hatte sie noch schöner gemacht. Vorher war sie die stolze Schöne gewesen, aber jetzt die weiche, zärtliche, mütterliche Schöne.

Um sie herum standen die Berge. Sie waren Zeuge ihrer Liebe. Und über ihnen der Himmel.

Da saßen diese beiden Menschenkinder nun, Hand in Hand und blickten über den Abhang. Ganz weit in der Ferne sahen sie eine winzige Kirchturmspitze leuchten. Das Glöcklein bimmelte. Es war Mittagszeit. Aber sie verspürten keinen Hunger.

»Alles ist so schön, so friedlich«, sagte das Mädchen nachdenklich.

»Und so wird es auch immer bleiben, meine Linde«, versprach Fridolin und zog sie an sein Herz.

Aber sie löste sich vorsichtig aus der Umarmung und blickte ihn an.

»Ich weiß net, ich spür da so einen Druck - ich hab Angst.«

»Wovor hast du Angst, mein Lieb?«

»Was bin ich denn schon?«, sprach sie mit herber Stimme. »Ein Nichts bin ich, Fridolin. Vergiss das nit!«

Er blickte sie an und erklärte: »Du bist das schönste Mädchen, das ich kenne. Weit und breit gibt es keine schönere Braut. Sie alle werden mich um dich beneiden. Und du bist nit nur schön und gut, sondern auch stark und rechtschaffen. Glaub mir, man wird mich um dich beneiden.«

Warum wollte er nicht verstehen? Linde war feinfühlig, und zudem kannte sie die Menschen im Tal. Sie lebten hier in den Bergen. Mochte da draußen sich auch die Welt ändern, die Städter anders denken. Hier regierte noch immer der Reiche. Nur wer Geld hatte, der zählte. Alles andere war ein Nichts! Oft genug hatte sie es schon am eigenen Leib spüren müssen. Wie oft schon hatte sie heimlich bittere Tränen weinen müssen.

»Deine Eltern«, sagte sie zögernd.

Fridolin streichelte ihren Arm und wollte sie wieder küssen, aber dann sah er ihre Angst und meinte fröhlich: »Sie werden sich freuen, glaub mir, mein Lieb. Warum sollten sie es nit? Eine bessere Schwiegertochter können sie doch gar nit bekommen. Noch neulich hat meine Mutter dich gelobt und gesagt, wie rechtschaffen und fleißig du bist. Sie wissen alle im Dorf, wärest du nit hier oben bei deinen Eltern, längst hätten sie den kleinen Hof aufgeben müssen. Mir selbst scheint es wie ein Wunder, wie du das alles schaffst. Ich seh doch selbst, wieviel Arbeit dahintersteckt.«

Ach, sie wollte ihm ja so gerne glauben.

»Komm, Linde, nun müssen wir aber wirklich weiter. Sonst kommen wir nie oben auf der Alm an.«

Sie lachte und warf alle Sorgen über Bord. Nun war sie auch glücklich und konnte ihre Liebe genießen. Fridolin sollte ihr Mann werden. Er, den sie ja auch vom ersten Augenblick an geliebt hatte. In Zukunft würden sie alles gemeinsam tun. Und dann war sie auch der Sorge für die Eltern enthoben. Gewiss würde sich auf dem schönen großen Hof ein Plätzlein für die beiden Menschen finden. Sie würde schaffen und fleißig sein. Niemand sollte ihr nachsagen, sie hätte nit für die Eltern gut gesorgt.

»Deine Gedanken möcht ich jetzt lesen können«, sagte Fridolin scherzhaft.

Linde errötete. »Ach geh, die sind frei. Die verkauf ich nit.«

»Auch nicht für ein Busserl?«

»Willst einen Kuhhandel mit mir schließen?«

Sie konnte auch fröhlich und ausgelassen sein, die ernsthafte Linde. Bis jetzt hatte die Zukunft für sie düster und schwarz ausgesehen. Aber jetzt würde alles gut werden. Sie würde die reichste Bäuerin sein im Dorf. Alle würden sie darum beneiden. Aber das war nicht das Wichtigste, Linde war glücklich, weil sie liebte. Sie liebte Fridolin so sehr, dass sie fast Schmerzen hatte.

Auf der Alm selbst blieben sie nicht lange. Der Alte bedankte sich für das Bier. Fridolin hatte ihm eine Flasche Enzian mitgebracht.

»Ei, da könnt ihr alle Tage zu mir kommen«, meinte er fröhlich. »Ich verrat auch nichts.«

»Was willst denn verraten?«, fragte Fridolin verblüfft.

»Dass ihr euch wie zwei verliebte Kater anschaut. Wenn ich auch schon alt bin, aber blind bin ich noch net.« Er lachte schallend.

»Du hast es wohl ganz dick hinter den Ohren?«, drohte ihm Fridolin zum Scherz.

»Wirst auch auf unserer Hochzeit tanzen dürfen«, sagte jetzt Linde.

»So ist das also. Dann gratulier ich auch schön.« Treuherzig streckte der Alte seine schwielige Hand hin.

 

 

3

Drunten im Tal bimmelte das Glöcklein, und droben in der Kammer stand Linde und zog sich ihr Sonntagsdirndl an. Da ging die Tür auf, und die Mutter kam herein.

»Ich hab schon alles hergerichtet, Mutti«, sagte sie mit ihrer hellen Stimme. »Wenn ich von der Kirche heimkomme, dann schäl ich schnell die Kartoffeln.«

»Das kann ich doch auch, Linde. Gar so gebrechlich bin ich doch nit.«

Linde kämmte sich ihr blondes Haar und steckte es dann auf. Die Mädchen im Ort hatten es sich schon alle abgeschnitten. Aber sie konnte es noch nicht übers Herz bringen.

Jetzt sah die Mutter sie so eigen an.

»Schaust so fröhlich aus, Linde. Ja, deine Augen strahlen ganz hell, als wär heut Weihnachten.«

»Ich bin auch fröhlich, Mutti«, erklärte die Tochter. »Sehr froh und glücklich.«

Die Alte bewegte den Kopf hin und her.

»Hängt das vielleicht mit dem Fridolin zusammen?«

Details

Seiten
93
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935622
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512064
Schlagworte
marianndl kind kainhofersohnes

Autor

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Titel: Marianndl, das Kind des toten Kainhofersohnes