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Die letzte Nacht von Greyrock

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Die letzte Nacht von Greyrock

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Die letzte Nacht von Greyrock

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Werner Öckl, 2019

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Der junge Arzt Dave Kenton kehrt nach vielen Jahren an der Ostküste zurück nach Greyrock zu seinem Onkel Ted Gilmore. Doch der Postkutschenunternehmer steht vor dem Untergang: Seit längerem werden seine Kutschen überfallen und seine Fahrer zum Teil getötet. Er verdächtigt den ebenso reichen wie skrupellosen Minenbesitzer Chavis, der die gesamte Gegend in seinen Besitz bringen will. Von den anderen Goldgräbern hat Gilmore keine Hilfe zu erwarten, denn die hat Chavis mit seinen Schießern eingeschüchtert. Mit seiner Handvoll Gehilfen und Dave Kenton steht Gilmore einer Übermacht gegenüber, die seine Existenz um jeden Preis auslöschen will. Chavis stellt Gilmore ein Ultimatum: Bis Mitternacht soll er verschwinden, sonst will Chavis die Stadt bis auf die Grundmauern zerstören. Dann wird es die letzte Nacht von Greyrock

 

 

 

 

 

 

Roman:

Ein scharfer Ruf auf dem Kutschbock riss Dave Kenton aus seinem bleiernen Dösen.

Die Fahrt hatte sich beschleunigt, und die Kutsche schlingerte wie ein Schiff bei hohem Seegang

Das bislang so monotone Stampfen der Hufe steigerte sich zu einem rasenden Trommeln.

Dave blickte aus dem Fenster – und in diesem Augenblick entdeckte er den Grund für das scheinbar irre Tempo, das der Postkutschenfahrer so plötzlich angeschlagen hatte.

Von einer Waldzunge her preschte ein Reiterrudel schräg auf die Straße zu und versuchte, der Kutsche den Weg abzuschneiden.

Tief geduckt saßen die Banditen auf ihren Gäulen – jeder einen Revolver in der Faust und ein Halstuch vor die untere Gesichtshälfte gebunden.

Das Poltern der Kutsche und die Hufschläge der Zuggäule übertönten das Hufewirbeln der Desperadopferde.

Dadurch entstand der widersinnige Eindruck eines lautlosen Näherkommens.

Dave hatte für einige Sekunden das Gefühl, eine völlig unwirkliche Szene zu erleben.

Dann zerfloss seine Erstarrung, und seine schmale gepflegte Rechte holte hastig einen 36er Remington-Colt aus der Rocktasche.

Auf dem Kutschbock krachte das Gewehr des Beifahrers.

Fast gleichzeitig sah Dave Kenton, wie es über den Pferdehälsen der vordersten Reiter rot aufflammte.

Das Knallen ging im Lärm unter.

Dave hörte nur die splitternden Einschläge im rotlackierten Holz der alten Concord-Kutsche. Der Wagenkasten schaukelte heftig in den Lederschlaufen.

Dave zog mit dem Daumen den Colthahn zurück und schob den kantigen Lauf am flatternden Samtvorhang vorbei aus dem Fenster.

Das Gewehr bellte jetzt in schneller Reihenfolge.

Der Stetson eines Banditen segelte in hohem Bogen durch die Luft.

Die Straße machte eine Kurve und brachte das Fahrzeug näher an die herangaloppierende Horde heran.

Unablässig klatschten die Geschosse ins Holz.

Die Stimme des Fahrers drang nur schwach durch das Dröhnen, Rumpeln, Knirschen und Trommeln. Dave schoss, und das Pferd des vordersten Reiters brach in die Vorderbeine. Der Bandit wurde aus dem Sattel geschleudert. Im nächsten Moment war er schon von den anderen Reitern verdeckt.

Das wilde Banditenrudel befand sich jetzt auf gleicher Höhe mit dem Fahrzeug, nicht mehr als ein Dutzend Yard entfernt.

Dave Kenton sah die maskierten Gestalten deutlich, und ohne zu zögern begann er wieder, zu schießen.

Die Kutsche war kaum aus der Biegung heraus, als die beiden vordersten Gespannpferde fast gleichzeitig im Kugelregen der Angreifer zusammenbrachen.

Ein schrilles, durchdringendes Gewieher stand kurz über dem dumpfen Tosen.

Dave wurde vom Sitz geschleudert, seine letzte Kugel stieg schräg zum Himmel empor.

Das Tempo war zu groß. Der Fahrer konnte die übrigen Tiere nicht rechtzeitig bremsen. Ein heilloses Durcheinander entstand.

Pferde stürzten, andere steilten schnaubend und wiehernd hoch, eines versuchte zur Seite auszubrechen – aber das Ledergeschirr hielt fest, verknotete sie alle zu einem scheinbar unlösbaren Knäuel.

Die Kutsche wurde an den Rand der Poststraße geworfen, balancierte einen Augenblick lang auf zwei Rädern – und kippte dann um.

Staub verhüllte alles. Als er sich allmählich verzog, waren die Banditen bis an den Straßenrand gekommen und brachten dort – noch immer mit schussbereiten Revolvern – ihre abgehetzten Pferde zum Stehen.

Die hochstehenden Kutschenräder drehten sich wild, die Speichen verschmolzen zu einer hellgrauen Scheibe, dann wurde das Kreiseln langsamer, aus der Drehscheibe lösten sich die Speichen als noch etwas verschwommene Streifen, bis die Räder schließlich Stillständen.

Zwei Pferde standen, eines richtete sich eben schnaubend hoch und ein viertes lag, von Zügeln und verstrickten Zugsträngen gefesselt, hilflos im Sand und schlug mit den Hufen. Die beiden vorderen Tiere waren tot.

 

*

 

Drinnen in der umgekippten Kutsche löste sich Dave Kenton mühsam aus seiner Benommenheit. Sein ganzer Körper schmerzte.

Aber es dauerte nur Sekunden, bis er feststellte, dass ihm nichts passiert war. Die Hautabschürfungen und der dünne blutende Riss an der linken Stirnhälfte zählten nicht.

Ächzend zog Dave sich hoch.

Er öffnete mit Mühe die Tür, legte die Unterarme über die Kanten und stemmte sich hoch.

Ein Revolverlauf richtete sich sofort auf ihn.

„Komm nur ganz heraus, Mister!“, befahl eine harte Stimme, die durch das vorgebundene Halstuch etwas gedämpft wurde. „Beeil dich und wirf dein Schießeisen weg!“

Erst jetzt wurde sich Dave , dass er den 36er noch immer in der Faust hielt.

Dave verharrte unschlüssig in seiner Stellung.

Es waren sechs Banditen, zwei davon saßen auf einem Pferd. Dem Desperado, dessen Pferd Daves Kugel getroffen hatte, war durch den Sturz also nichts geschehen. Dave hielt nach dem Kutscher und dem Beifahrer Ausschau. Vom langen knochigen Fahrer war nichts zu sehen. Den Beifahrer sah Dave regungslos am Straßenrand liegen.

„Hast du nicht gehört?“, schrie der Bandit, der ihn mit dem Colt bedrohte. „Du sollst herauskommen! Entweder gehorchst du oder …“ Er ruckte bedeutsam mit dem Coltlauf.

Dave blies grimmig den Atem durch die Nase. Er wollte sich höher stemmen und dem Befehl nachkommen.

Da krachte drüben am Waldrand ein Schuss.

Mechanisch registrierte Dave, dass er aus einem Gewehr abgefeuert wurde. Die Kugel strich dicht über den Banditen weg.

Ohne weiter zu überlegen, ließ sich Dave ins Innere der Kutsche zurückfallen.

Die Kugel, die auf ihn abgeschossen wurde, bohrte sich wirkungslos ins rissige Holz.

Durch den offenen Wagenschlag, der wie eine Luke über ihm klaffte, sah Dave den Himmel als blaues Viereck. Ein Staubschleier verdunkelte das Sonnenlicht.

Dave konnte nicht sehen, was nur wenige Yard von ihm entfernt auf der Straße vorging.

Er hörte nur das Hufestampfen, das Knarren des Sattelleders, heisere Rufe und dann das abermalige Wummern des schwerkalibrigen Gewehrs …

 

*

 

Ted Gilmore presste beide Fäuste gegen die Tischkante und neigte seinen schweren Oberkörper nach vorne. Unter seinem buschigen Schnurrbart wirkte sein breiter Mund wie ein messerscharfer Strich. Seine Augen glühten. Und seine Stimme war heiser vor mühsam zurückgedämmter Erregung.

„Ich sage Ihnen, Chavis, es hat gar keinen Sinn mehr, weiter über die Angelegenheit zu reden. Sie hätten sich den Weg nach Greyrock sparen können.“

Sein Gegenüber nahm die Zigarre aus dem Mund, blies ruhig den Rauch über die Lippen, zuckte gleichmütig die Schultern und meinte: „Sie denken nicht logisch über die ganze Angelegenheit nach, Gilmore, das ist es. Sie wollen es sich nicht eingestehen, dass Sie am Ende sind.“

„Zum Teufel! Ich bin nicht am Ende. Ich werde es Ihnen schon noch beweisen.“

Neil Chavis lächelte dünn. „Da bin ich aber gespannt.“

„Gespannt? Sie werden bald mehr als gespannt sein. Ich habe es endlich satt, Chavis, verstehen Sie? Sie können mich durch Ihre süße Rederei nicht mehr täuschen.“

Er schob sich grimmig um den Tisch herum und stapfte mit hängenden Armen und geballten Fäusten auf Chavis zu.

„Ihr überhebliches Auftreten werden Sie bald ablegen, Chavis! Sehr bald sogar! Treiben Sie es nur weiter so – und Sie werden mich kennenlernen!“

„Soll das eine Drohung sein, Gilmore?“

„Was denn sonst?“, brüllte Gilmore los. „Glauben Sie, ich hätte etwa Angst davor, Ihnen die Wahrheit zu sagen? Zur Hölle mit Ihnen, Chavis! Wenn Sie nicht …“

Chavis machte eine Handbewegung. Die Zigarre zog einen blauen Rauchfaden hinter sich her.

„Das sind keine klugen Worte, Gilmore. Sie vergessen, dass ich der einzige Mann bin, der Ihnen eine Chance gibt. Immerhin ist der Preis, den ich Ihnen nannte, nicht schlecht. Zwingen Sie mich nicht dazu, mein Angebot zu senken!“

Gilmores Schnurrbartenden zitterten. „Ihr Angebot können Sie sich an den Hut stecken, Chavis. Das habe ich Ihnen schon oft genug gesagt. Ich brauche Ihr dreckiges Geld nicht. Eine Chance geben Sie mir? Das ist gut. Das könnte sogar ein Witz sein, verdammt noch mal. Sie wollen mich vernichten – sonst nichts! Sie brauchen das gar nicht zu bemänteln, Chavis – ich kenne Sie. Sie sind ein Schuft, durch und durch.“

„Achten Sie auf Ihre Worte!“, sagte Chavis scharf, und seine grünlichen Augen waren plötzlich dünne Schlitze.

Gilmore hörte nicht auf ihn. Er schrie: „Aber noch bin ich nicht am Ende, wie Sie vielleicht hoffen. Und Sie werden es auch nicht schaffen. Ich verkaufe auf keinen Fall – ob sie nun mit klingender Münze oder heißem Blei bezahlen wollen. Die Greyrock-Great-Falls-Postlinie bleibt in meiner Hand – in meiner Hand, hören Sie, Chavis?“

Neil Chavis schüttelte unwillig den Kopf.

„Ich begreife Sie nicht, Gilmore. Wie kann ein Mann nur so halsstarrig sein. Sie machen doch ein gutes Geschäft. Mit dem Geld, das ich Ihnen biete, können Sie anderswo leicht von vorne anfangen. Was hält Sie also zurück?“

„Meine Kutschen sind schon zwischen Greyrock und Great Falls gefahren, als noch die Sioux das Land unsicher machten!“, grollte Ted Gilmore. „Und sie werden hier fahren, solange ich am Leben bin. Ich lasse mir von keinem Kerl, wie Sie es sind, mein Lebenswerk aus den Händen reißen! Ich bin keiner von der Sorte, die man durch Geld oder Kugeln zum Nachgeben bringt. Das sollten Sie schon herausgefunden haben.“

Chavis zog an der Zigarre. „Alles, was ich herausfand, ist, dass Ihre Unvernunft nicht mehr übertroffen werden kann, Gilmore.“

„Und wenn schon. Es ist meine Sache.“

„Gewiss, gewiss! Aber es wird bitter für Sie sein, wenn Sie am Ende doch einsehen müssen, wie verkehrt Ihr Verhalten war. Und – wie gesagt – es hängt von Ihnen ab, ob ich mit meinem Angebot nicht noch heruntergehe.“

„Chavis“, begann Gilmore knurrend, „ich sage Ihnen …“

„Lassen Sie mich weiterreden“, unterbrach ihn der andere kalt. „Überprüfen Sie doch einmal Ihre Situation! Sie haben nur noch eine Kutsche und vier Männer, die für Sie arbeiten. Das ist wenig, nicht wahr? Damit können Sie es doch nicht schaffen. Die Überfälle der Banditen nehmen kein Ende und …“

„Warum nennen Sie das Ding nicht beim Namen?“, grollte der Postkutschenunternehmer. „Warum sagen Sie nicht, die Überfälle Ihrer Revolverleute nehmen kein Ende? Sie brauchen kein Theater mehr zu spielen, Chavis! Ich lasse mich nicht mehr täuschen.“

„Das will ich überhört haben!“, erklärte Chavis kühl.

„Pah! Warum spielen Sie nicht endlich mit offenen Karten? Es gibt noch kein Gesetz in Greyrock, das Sie zu fürchten hätten. Es gibt doch nur Sie und Ihre Macht – Ihre verdammte Revolvermacht. Oder fürchten Sie, Chavis, dass sich die anderen Minenbesitzer auf meine Seite stellen würden, wenn offenkundig wird, was sich zwischen Ihnen und mir abspielt? Sie sind doch so stark, Chavis. Sie haben doch die Zügel fest in der Hand, oder? Warum also spielen Sie Verstecken?“

„Ich habe keine Lust mehr, mich mit Ihnen herumzustreiten, Gilmore. Sie wissen Bescheid. Aber das nächste Mal komme ich nicht mehr zu Ihnen. Das nächste Mal werden Sie zu mir kommen müssen, das merken Sie sich!“

„Sie sind sich Ihrer Sache sehr sicher, was?“

„Natürlich!“ Chavis’ Lippen kräuselten sich spöttisch. „Was sagen Sie zum Beispiel, wenn Ihre Kutsche diesmal nicht von der Fahrt zurückkommt? Dann ist es aus mit Ihnen, oder? Dann müssen Sie doch …“

„Was sagen Sie da?“, keuchte Gilmore. Seine Rechte klatschte auf den Coltkolben. Seine Augen quollen hervor. „Ihre Revolverschwinger sind wohl wieder unterwegs, was? Sie wollen es jetzt dem Ende zutreiben, was?“

Chavis zuckte gleichmütig die Schultern und ging auf die Tür zu. Die großen Silbersporen an seinen Stiefeln klingelten. Er trug Reiterkleidung, und das unterschied ihn von den meisten anderen Minenbesitzern in diesem Land.

Doch auch am teuren Hut, dem Seidenhemd und dem perlmuttbesetzten Revolverkolben war zu erkennen, dass er ein reicher Mann war – ein Mann, der gewöhnt war, mit dem Geld fast alles zu bekommen, was er sich wünschte.

Neil Chavis legte eben die Hand auf die Türklinke, als Gilmores langläufiger Colt aus dem Holster flog.

„Halt, Chavis! Bleiben Sie stehen!“

Chavis drehte sich langsam um. Seine Miene war völlig undurchdringlich geworden.

„Sie verlieren die Nerven, Gilmore“, sagte er leise. „Das ist ein ziemlich schlechtes Zeichen.“

„Halten Sie den Mund!“, fuhr Gilmore ihn an. „Ich will wissen, was Sie heute mit meiner Kutsche planten! Einen neuen Überfall?“

„Sie verkennen mich. Was weiß ich von Ihrer Kutsche?“

„Sie haben gesagt …“

„Ich habe nur die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Ihre Kutsche diesmal nicht zurückkommen könnte. Mehr nicht. Damit ist ja zu rechnen, nach den Überfällen in letzter Zeit. Ich wollte nur klarlegen, dass Sie einen solchen Schlag nicht verdauen könnten, Gilmore. Verstehen Sie?“

„Ich verstehe recht gut“, knurrte Gilmore mit dünnen Lippen. Sein Colt war unverwandt auf den schlanken Minenbesitzer gerichtet. „Und ich wette, dass Sie Ihre Banditen mit ziemlich eindeutigen Befehlen losgeschickt haben. Also, heraus mit der Sprache, Chavis!“

„Sie vergeuden Ihre Zeit“, sagte Chavis und zuckte die Schultern. Er drehte sich wieder zur Tür.

Gilmores Stimme kratzte vor heiserer Wut.

„Wenn Sie öffnen, drücke ich ab. Das ist mein Ernst, Chavis.“

„Was wollen Sie denn noch? Sie können mich nicht einfach über den Haufen schießen.“

„So? Kann ich das nicht?“

Neil Chavis’ Gesicht verlor die Gleichgültigkeit. „Hören Sie, Gilmore! In Greyrock gibt es zwar keinen Sheriff oder Marshal, aber das heißt noch lange nicht, dass sich ein Mörder hier halten kann. Sie werden nicht so verrückt sein und …“

„Keine Sorge, Chavis,“ knurrte Gilmore. „Ich drücke schon nicht ab, wenn Sie hierbleiben und ruhig sind.“

„Warum soll ich bleiben? Ich sehe keinen Grund …“

Gilmores Blick bohrte sich in Chavis’ grüne Augen. Seine Stimme war plötzlich ungewöhnlich leise. Doch gerade das betonte die Bedeutsamkeit seiner Worte.

„Wir werden jetzt warten, Chavis – gemeinsam werden wir auf die Postkutsche warten! Und wenn sie nicht eintrifft, Chavis – wenn irgendetwas passiert ist, dann garantiere ich für nichts mehr. Dann gnade Ihnen Gott, Neil Chavis.“

Sein Colt zielte genau auf Chavis’ Stirn, und das glatte Gesicht des Minenbesitzers schaute plötzlich gar nicht mehr ruhig und überheblich aus …

 

*

 

Das Krachen der Schüsse war verstummt. Hufgetrappel verebbte in der Ferne.

Mit einer fahrigen Handbewegung wischte sich Dave den Schweiß von der Stirn, schob den 36er-Remington in die Rocktasche zurück und kletterte aus der umgestürzten Postkutsche.

Dave klopfte den Staub von seinem dunklen Tuchanzug und schaute den Reiter an, der neben den Gespannpferden hielt.

Es war ein stämmiger dunkelhaariger Mann. Sein kantiges Gesicht verriet keine Erregung. Er hatte das schwere Spencer-Gewehr, mit dem er die Banditen in die Flucht getrieben hatte, quer über den Sattel gelegt.

„Ich kam wohl gerade noch zurecht“, sagte er mit dunkler Stimme.

„Das kann man wohl sagen“, erwiderte jemand neben Dave. Es war der baumlange Kutscher, der hinter dem umgekippten Fahrzeug hervorkam.

Er schleppte den jungen Beifahrer mit sich.

Dave atmete erleichtert auf, als er sah, dass der junge Mann nicht tot war, wie er befürchtet hatte. Beim Sturz vom Bock musste er hart aufgeschlagen und bewusstlos geworden sein. Er stand unsicher auf seinen Füßen und wäre bestimmt lang hingeschlagen, wenn ihn sein Gefährte nicht gestützt hätte. Die Kleidung beider Männer war verstaubt und zerschlissen. Der Fahrer blutete aus einer leichten Streifwunde am linken Oberarm.

Der fremde Reiter verstaute sein Gewehr im Scabbard und schwang sich aus dem Sattel. Wortlos und mit geschickten Handgriffen machte er das Pferd frei, das sich im Zuggeschirr verstrickt hatte, und zerschnitt dann die Zugstränge der beiden toten Gäule. Dann kam er mit ruhigen festen Schritten auf die Kutsche zu.

„Die Deichsel ist nicht gebrochen“, meinte er. „Wenn wir die Kutsche hochbringen, könnt ihr weiterfahren.“

Der Kutscher streckte ihm seine breite Hand hin. „Das hat Zeit, Mister. Zuerst möchten wir Ihnen danken. Die Schurken hätten keinen von uns lebendig zurückgelassen – da bin ich mir sehr sicher.“

„Sie scheinen ja ziemlich Bescheid über die Kerle zu wissen“, sagte der Fremde. Seine Miene wirkte ernst und beinahe etwas düster wie am Anfang.

Der Beifahrer stand jetzt besser auf den Beinen. Der Kutscher ließ ihn los. Er schaute noch immer den stämmigen Fremden an.

„Mein Name ist Kirby Flynn“, erklärte er. „Die Leute nennen mich Long Kirby, weil ich etwas groß geraten bin. Der Junge heißt Wess Bodeen. Und das ist unser einziger Passagier – Mister Kenton.“ Er schaute den Stämmigen abwartend an.

Der nickte. „Ich bin Burt Thorne und auf dem Weg nach Greyrock.“

„Dann können Sie mit uns reiten“, meinte Long Kirby Flynn eifrig und stellte weiter keine Fragen mehr.

Thorne wandte sich um. „Ich habe einen der Banditen erwischt. Wir müssen ihn suchen.“

„Mit Vergnügen“, brummte Flynn sofort und tastete nach seinem Revolver.

„Kommst du mit, Wess?“

Der Beifahrer schüttelte den Kopf und lehnte sich wortlos, die Hände gegen die Schläfen gepresst, gegen die Kutsche.

Flynn schaute Dave an. „Und Sie, Mister Kenton?“

„Ich komme.“

„Wo haben Sie ihn ungefähr getroffen, Thorne?“, fragte Flynn den Fremden.

„Dort drüben, bei den Felsbrocken muss er liegen.“

„Also los!“

Der Sand knirschte unter ihren Stiefeln, dann raschelten die hohen Halme des Schwertgrases gegen die staubigen Lederschäfte.

Dave sah den verwundeten Banditen zuerst. Er machte Thorne und Flynn aufmerksam. Der Desperado kauerte zwischen zwei Felsbrocken und starrte ihnen mit fiebrig glänzenden Augen entgegen.

In Long Kirby Flynns Augen blitzte es auf. „Das ist der Beweis!“, rief er. „Jetzt kann es Chavis nicht mehr abstreiten!“

„Was meinen Sie damit?“, fragte Dave.

„Well, das dort ist Mitch Haymes, und er reitet in Neil Chavis’ Revolvermannschaft.“ Dann fiel ihm ein, dass Dave fremd im County war, und er setzte hinzu: „Ich werde es Ihnen später erklären. In Greyrock werden Sie ohnehin mehr über Chavis und seine Machenschaften erfahren.“

Bevor Dave weiter über diese Worte nachdenken konnte, waren sie an den Banditen herangekommen. Die Reglosigkeit des Mannes wich plötzlich. Ein Revolver tauchte in seiner Rechten auf.

„Keinen Schritt näher – sonst drücke ich ab!“

Mit der Linken hielt er das Halstuch, das vorher sein Gesicht verhüllt hatte, gegen die rechte Schulter gepresst. Es kostete ihn merklich Mühe, den Revolver oben zu halten.

Kirby Flynn rief: „Mach keine Witze, Haymes! Du bist erledigt.“

„Es reicht immer noch, um einem von euch eine Kugel zu servieren. Bleibt nur, wo ihr seid!“

„Bist du verrückt, Haymes? Du hast kein Pferd und bist verwundet. Du hast …“

„Lass das nur meine Sache sein, Flynn. Ihr werdet mich nicht bekommen. Wer einen Schritt weiter macht, den erwischt meine Kugel. Du weißt, wie gut ich schieße, Flynn. Warne die beiden anderen!“

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da blitzte es neben Dave auf.

 

*

 

Der Knall traf ihn wie ein Schlag. Dave zuckte zusammen und erwartete, Mitch Haymes nach vorne sinken zu sehen.

Aber die Kugel prellte lediglich die Waffe aus der Faust des verwundeten Banditen.

Haymes fluchte, schlenkerte die Hand und wurde aschfahl im Gesicht. Flynn und Dave starrten Burt Thorne an. Keiner hatte gesehen, wie Thorne seinen Colt gezogen hatte – so blitzschnell war es gegangen. Dave hatte niemals einen derartigen Meisterschuss erlebt.

Flynn murmelte: „Toll! Mann, Sie sind ja ein wahrer Zauberkünstler mit dem Eisen.“

Thornes braunes Gesicht war ernst und verschlossen wie vorher. Er gab keine Antwort, ließ den Colt in das Holster zurückgleiten und ging schnell auf Haymes zu. Dave und der Fahrer folgten ihm.

Als Dave Kenton und der Postfahrer bei den Felsklötzen anlangten, kniete Thorne bereits neben dem Verletzten. Er blickte nicht auf, als er sagte: „Schulterschuss. Die Kugel steckt noch.“

Dave sagte: „Ich werde ihn verbinden.“

Haymes bog den Kopf zurück. Sein Gesicht war grau, verzerrt und schweißnass. „Lasst mich in Ruhe!“, keuchte er. „Rührt mich nur nicht an.“

Er versuchte, nach dem Colt zu greifen, der neben ihm im zertretenen Gras lag, aber Flynn stieß die Waffe rasch mit der Stiefelspitze weg.

Haymes schrie: „Ihr Schufte, gebt mir ein Schießeisen, dann kämpfen wir es aus.“

„Beruhigen Sie sich!“, sagte Dave fest. „Wenn Sie nicht sofort verbunden werden, verlieren Sie zu viel Blut. Also, seien Sie vernünftig.“

Das Halstuch, das der Bandit gegen seine rechte Schulter presste, war dunkel vor Blut. Zwischen den verkrampften Fingern sickerte es rot hervor. Trotzdem keuchte Haymes: „Nein! Ich will keinen Verband. Schert euch fort, Lasst mich in Frieden. Was geht euch meine Wunde an.“

Er stieß mit dem rechten Fuß nach Dave, als dieser neben ihm niederknien wollte. Dave schüttelte den Kopf.

Flynn lächelte grimmig. „Angst, Haymes, was? Du willst lieber, dass wir dich hier im Stich lassen, als dass wir dich mit in die Stadt nehmen.“

„Und? Was ist falsch daran? Was hab’ ich davon, wenn ihr mich verbindet und dann an den nächsten Ast hängt? Haut ab, verschwindet doch endlich!“

Sein Blick irrte gehetzt hin und her. Der Schweiß lief über sein verzerrtes Gesicht.

Dave sagte: „Sie verkennen die Tatsachen. Ich bin Arzt. Und ich werde …“

„Es ist mir egal, was Sie sind!“, schrie Haymes hysterisch. „Ich will, dass man mich in Ruhe lässt.“

Dave wandte sich an Thorne und Flynn. „Wollen Sie ihn festhalten? Er braucht wirklich unbedingt einen Verband.“

Thorne zog etwas die Augenbrauen hoch. „Sind Sie wirklich ein Doc?“

Dave nickte und schob sich wieder näher an den Verwundeten heran. Dieser versuchte keuchend, auf die Füße zu kommen. Hass und Angst vermischten sich in seinen Augen. Er trat abermals nach Dave und hörte nicht auf dessen beruhigende Worte.

Flynn meinte ärgerlich: „Wozu die Mühe, Doc? Drängen Sie ihm doch Ihre Hilfe nicht auf – er ist es nicht wert.“

Ehe Dave etwas erwidern konnte, traf ihn Burt Thornes dunkler Blick. „Warten Sie, Doc – ich werde Ihnen helfen.“

Haymes hatte sich halb hochgearbeitet und lehnte sich schwer atmend gegen den Felsblock, als er Thornes entschlossene Worte hörte.

„Was, zum Teufel, wollen Sie mit mir machen?“

„Nur keine Aufregung“, sagte Thorne ruhig.

Er machte einen schnellen Schritt auf Haymes zu und zog blitzschnell seine geballte Rechte hoch. Er traf den Desperado genau am Kinn. Haymes sackte lautlos zusammen. Thorne fing ihn auf, ließ ihn sachte ins Gras gleiten und trat dann zurück.

„Es ging wohl nicht anders, Doc“, sagte er achselzuckend zu Dave. „Aber jetzt können Sie ihn ungehindert behandeln.“

Die Unbewegtheit seiner Miene wirkte in diesen Sekunden fast unheimlich auf Dave Kenton. Dave hörte, wie Flynn murmelte: „Mann, Sie möchte ich nicht zum Gegner haben, Thorne.“

Er konnte im Stillen diesen Worten nur beipflichten.

 

*

 

Mit kreischenden Bremsen kam das Fahrzeug dicht neben dem Gehsteig zum Halten. Ted Gilmore warf einen schnellen Blick durchs Fenster, atmete erleichtert auf und schaute dann Neil Chavis misstrauisch an. „Glück für Sie, Chavis. Ich glaube, ich hätte wirklich auf Sie geschossen, wenn die Kutsche nicht zurückgekommen wäre.“

„Sie Narr!“, stieß der Minenbesitzer zornig hervor. „Eines Tages wird Ihnen das noch bitter leid tun.“

Gilmore hörte nicht mehr auf ihn, riss bereits die Tür auf und trat ins Freie. Chavis folgte ihm.

Seine Blicke tasteten unruhig über die rotlackierte, staubbedeckte und zerkratzte Kutsche hin. Als er sah, dass nur vier Gäule das Fahrzeug zogen, warf er einen hastigen Seitenblick auf Gilmore und leckte sich nervös über die Lippen.

Long Kirby Flynn und Wess Bodeen kletterten vom Bock.

Flynns baumlange Gestalt überragte den großen, schwergewichtigen Ted Gilmore noch um einen Kopf.

„Boss!“, rief er mit staubheiserer Stimme. „Diesmal wäre es beinahe schiefgegangen.“

„Ein Überfall?“, fragte Gilmore schnell.

„Und was für einer“, schnaufte Flynn. „Wess und ich fühlten uns völlig sicher auf dem Rückweg. Und dann …“

„Auf dem Rückweg?“, wiederholte Gilmore. „Ihr seid auf dem Rückweg überfallen worden?“

„Das ist es ja eben! Bisher griffen die Kerle nur an, wenn wir Gold von Greyrock hinüber nach Great Falls transportierten. Auf dem Rückweg ließen sie uns bisher ungeschoren. Das ist vorbei, Boss. Und weißt du, was das bedeutet? Sie haben es nicht nur mehr auf die Ladungen abgesehen. Sie wollen uns umbringen, jawohl, das wollen sie.“

„Verdammt!“, murmelte Gilmore. „Erzähle, Kirby!“

Im nächsten Augenblick fiel sein Blick auf den dunkelgekleideten hageren Mann, der aus dem Wagenschlag kletterte.

Ein Aufleuchten verwischte den Grimm auf Gilmores breitflächigem Gesicht.

„Dave! Ist das die Möglichkeit! Dave, mein Junge, bist du das wirklich?“

„Hallo“, sagte Dave mit einem leisen Lächeln und trat auf Gilmore zu.

Dieser packte ihn an den Schultern, rüttelte ihn und rief: „So eine Überraschung. Der Junge ist zurückgekommen. Ach, entschuldige, Dave – du bist ein Mann geworden, ein richtiger, ausgewachsener Mann. Wie alt bist du eigentlich? Warte mal, lass mich nachrechnen. Yeah, zum Donner, du musst schon siebenundzwanzig sein, was? Habe ich recht? Natürlich. Siehst du.“ Er klopfte Dave auf die Schulter.

Wess Bodeen sagte hastig: „Boss, vielleicht sollten wir uns zuerst um den Mann kümmern, der noch drinnen in der Kutsche steckt. Es ist einer von den Banditen. Eine Kugel hat ihn erwischt.“ Die Worte vertrieben sofort die Wiedersehensfreude von Ted Gilmores Gesicht. Er ließ Dave los. Sein eckiges Kinn schob sich vor.

„Heraus mit dem Burschen!“, befahl er schroff.

Flynn und Bodeen zogen den waffenlosen, verbundenen Desperado heraus. Gilmores graue Augen weiteten sich.

„Haymes“, flüsterte er. „Wahrhaftig, es ist Haymes.“ Und dann ruckte er jäh herum und schrie Neil Chavis an: „Jetzt haben wir Sie, Chavis. Wollen Sie jetzt die Karten aufdecken?“

Chavis sagte nichts. Sein Blick flog zwischen Gilmore und Mitch Haymes hin und her. Seine grünen Augen glitzerten. Eine steile Falte stand zwischen seinen Augenbrauen.

„Boss!“, keuchte Haymes. „Ich hatte Pech. Ich kann nichts dafür, Boss. Die Kugel …“

„Sei still, Mitch!“, unterbrach ihn Chavis schneidend.

„Boss …“, versuchte Haymes noch mal zu erklären.

Da schrie Chavis in losbrechendem Zorn: „Hast du nicht gehört? Du sollst deine Klappe halten!“

 

*

 

Haymes senkte den Kopf und schwieg. Der Verband hob sich als dicker Wulst unter dem blutverkrusteten Baumwollhemd ab.

Chavis schluckte und rang seine Wut nieder. Gilmore, Flynn, Bodeen und auch Dave Kenton starrten ihn an. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite scharrten Stiefel. Gemurmel lief matt über die Fahrbahn. Irgendwo knarrte ein Fensterflügel. Eine Tür wurde aufgestoßen. Eine Männerstimme brach mitten im Ruf ab. Die Stille wurde plötzlich drückend. Die vier Gespannpferde standen mit hängenden Köpfen und rührten sich nicht.

Schließlich brach Gilmores raue Stimme das Schweigen. Grimmig sagte er: „Was sagen Sie nun, Chavis, heh? Wollen Sie wirklich noch immer Theater spielen?“

Einen Augenblick wirkte Chavis unschlüssig. Dann gewann er seine Fassung zurück. Seine Miene nahm die alte Maske der Gleichmütigkeit an.

„Vielleicht haben Sie recht, Gilmore. Wir sollten ab jetzt wahrhaftig mit offenen Karten spielen. Diesmal hatten Ihre Männer noch Glück – das nächste Mal bestimmt nicht mehr. Noch gilt mein Angebot, Gilmore. Es wäre gut, wenn Sie darauf eingingen.“

„Was? Sie wagen immer noch …?“ Gilmores Hand zuckte zum Holster hin. Er hatte den Revolver halb heraus, da hielt Chavis seine Waffe bereits auf den Postkutschenunternehmer angeschlagen. Er lächelte spöttisch.

„Sehen Sie, Gilmore, Sie sind mir in jeder Beziehung unterlegen.“

„Dann drücken Sie doch ab! Überleben werden Sie die Sache nicht.“

„Ich bin doch kein Narr!“, sagte Chavis, noch immer lächelnd.

Dave Kenton fühlte von Anfang an eine tiefe Abneigung gegen diesen Mann. Als er sich etwas bewegte, sagte Chavis sofort: „Bleiben Sie stehen! Keiner rührt sich jetzt!“

„Damit erreichen Sie wenig“, grollte Gilmore.

„Mehr als genug“, zuckte Chavis überheblich die Schultern. Ohne den Blick von den Männern abzuwenden, sagte er zu dem Verwundeten: „Haymes, binde mein Pferd vom Haltegeländer los und nimm dir den Gaul daneben! Wir reiten!“

„Boss, ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Meine Wunde …“

„Du wirst es schaffen!“, unterbrach ihn Chavis eisig.

Haymes seufzte und ging wankend auf das Haltegeländer zu.

„Haymes!“, rief Dave. „Sie riskieren mit diesem Ritt Ihr Leben. Nehmen Sie die Verletzung nicht zu leicht.“

„Was geht Sie das an?“, sagte Chavis.

„Er ist Arzt, Boss“, erklärte Haymes über die Schulter.

„So?“, dehnte Chavis überrascht. Dann setzte er kalt hinzu: „Das ändert nichts. Haymes reitet mit mir. Ich lasse keinen meiner Männer von meinen Feinden hängen.“

„Die Kugel steckt noch in seiner Schulter“, erklärte Dave hastig. „Ich hab’ ihm lediglich einen Notverband angelegt. Ich muss das Geschoss herausholen.“

„Dazu ist später immer noch Zeit.“

„Eben nicht, Chavis! Haymes darf auf keinen Fall in den Sattel! Er hat ohnehin zu viel Blut verloren und …“

„Haymes ist ein zäher Mann. Und er tut, was ich bestimme. Also, seien Sie jetzt still, Doc!“

Dave wollte nochmals etwas sagen, doch Gilmore winkte ab.

„Lass ihn doch. Keiner von denen ist es wert, dass du deine Zeit für ihn vergeudest.“

Haymes brachte zwei Pferde heran. Er musste sich an den Zügeln aufrechthalten.

Chavis befahl: „Steig auf, Haymes!“

Der Verwundete keuchte erschöpft: „Ich … ich kann nicht, Boss. Ich bin … am Ende. Ich kann wirklich … nicht.“

Chavis sagte ungerührt: „Bodeen, schnallen Sie Ihren Gurt ab, und helfen Sie ihm hinauf!“

Der Beifahrer zögerte. Er schaute Gilmore fragend von der Seite an, aber der bemerkte den Blick nicht.

Bodeen hob kurz die Schultern und löste die Gürtelschnalle. Der patronengespickte Revolvergurt mit dem Colt klatschte in den Sand.

„Los. Beeilen Sie sich, Bodeen!“

Der Beifahrer half Haymes in den Sattel. Keuchend und schwitzend legte sich der Bandit die Zügel zurecht und stützte sich schwer aufs Sattelhorn.

Chavis zog sich langsam und ständig den Colt im Anschlag zu seinem Gaul zurück. Sogar während er aufsaß, blieb die Waffe drohend auf die Männer vor der Kutsche gerichtet. Sein Pferd tänzelte leicht.

Gilmore knurrte: „Chavis, wenn ich Sie nochmals vor meinen Revolver bekomme, überstehen Sie das nicht.“

„Narr!“, sagte Chavis spöttisch. „Sie hatten Ihre Chance nur einmal. Es gibt kein Nochmals für Sie, Gilmore. Sie hatten vorher wirklich recht. Es ist besser, mit offenen Karten zu spielen. In wenigen Tagen ist ohnehin alles vorbei. Wir brauchen nur noch einmal richtig zuzuschlagen – und dann gehört die Postlinie mir. Mehr will ich für den Anfang gar nicht.“

„Zur Hölle mit Ihnen!“, stieß Gilmore wild hervor.

„Los, Mitch, reiten wir!“, befahl Chavis seinem Banditen.

Der Verwundete hielt sich nur mit äußerster Anstrengung im Sattel. Chavis trieb bereits sein Pferd an.

Dave Kenton rief: „Haymes, hören Sie auf mich und bleiben Sie hier! Ihr Leben muss Ihnen doch mehr wert sein als der Befehl Ihres Bosses. So hören Sie doch, Haymes!“

Doch Mitch Haymes hatte seinen Gaul ebenfalls herumgezogen und drückte ihm die Sporen in die Seiten. Nebeneinander preschten die Reiter die Main Street hinab. Eine Staubwolke stieg hinter ihnen bis zu den Dachrändern hoch.

Long Kirby Flynn riss seinen Revolver heraus.

„Boss!“, schrie er. „Wir dürfen Sie nicht entkommen lassen!“

Aber Ted Gilmore regte sich nicht. Während er den davongaloppierenden Reitern nachblickte, legte sich ein Schatten tiefer Schwermut auf sein Gesicht.

Dave Kenton räusperte sich. „Du scheinst in argen Schwierigkeiten zu stecken, Onkel“, murmelte er.

Gilmore drehte ihm das breite Gesicht zu. Sein Blick schien aus weiter Ferne zurückzukehren. Er wurde wieder hart und entschlossen.

„Das scheint nicht nur so, Dave“, erwiderte er grimmig. „Das ist wirklich so.“

Seine Augen hefteten sich auf die Kutsche und die Gespannpferde.

„Kirby“, sagte er, „bring die Kutsche in den Hof und versorg die Gäule. Curtis hält sich im Stall auf, er soll dir helfen. Und du, Wess, kannst gleich die Post hinüber ins Office bringen.“

„Sollten wir nicht …“

„Tut, was ich sagte. Dave kann mir inzwischen erzählen, was draußen geschehen ist. Übrigens: Dave Kenton ist mein Neffe. Also, geht jetzt, Männer.“

Bodeen holte den großen ledernen Postsack aus der Kutsche und entfernte sich steifbeinig über die Main Street. Long Kirby Flynn trieb die Pferde durch eine enge Toreinfahrt auf den Hinterhof der Postkutschenstation. Während noch das Räder knirschen verklang, begann Dave mit seinem Bericht von dem Überfall.

Ted Gilmore hörte schweigend zu, nagte an der Unterlippe und legte die Stirn in scharfe Falten. Als Dave endete, meinte Gilmore: „Diesem Thorne habe ich also eine Menge zu verdanken. Wo steckt er jetzt?“

„Er ist mit uns in die Stadt geritten und beim Saloon abgestiegen. Er wollte nichts von Dank hören.“

„Ein merkwürdiger Mann, was?“

„Und gefährlich, Onkel Ted. Ich traute meinen Augen kaum, als er Haymes den Revolver aus der Hand schoss.“

„Hm“, machte Gilmore nachdenklich. „Weißt du mehr über ihn?“

Dave schüttelte den Kopf.

„Auf dem Weg in die Stadt sprach er kein einziges Wort. Warum fragst du?“

„Ich denke, dieser Thorne wäre der richtige Mann für mein Kutschenpersonal.“

„Du kannst ihn ja mal fragen, Onkel Ted. Ich denke, im Saloon finden wir ihn.“

„Gut, gehen wir also, Dave. Ein Drink kann jetzt sowieso nicht schaden.“

Er legte Dave die Hand auf die Schulter, und zusammen gingen sie den Gehsteig entlang. Straßenabwärts sah Dave ein hohes Gebäude, über dessen Verandadach ein großes Schild mit der Aufschrift Montana Palace angebracht war. Darauf steuerte Gilmore zu.

In das Klopfen der Tritte hinein fragte Gilmore: „Warum bist du nach Greyrock zurückgekommen, Dave? Gefiel es dir im Osten nicht mehr?“

Dave lächelte dünn. „Ich kann eben nicht vergessen, dass ich im Westen groß geworden bin.“

„Willst du länger bleiben?“

„Für immer.“

 

*

 

Gilmore blieb ruckartig stehen.

„Ist das dein Ernst?“

Das Lächeln war aus Daves Miene verschwunden. Er nickte.

Gilmore hustete. „Im Osten könntest du ein leichteres Leben führen, Junge.“

„Ich weiß. Aber im Osten gibt es viele Ärzte, hier im Westen dagegen werden Männer wie ich gebraucht, nicht wahr? Und, wie ich schon sagte, ich bin hier aufgewachsen.“ Er lächelte wieder. „Man kann eine Wildnispflanze schwerlich in eine Gartenblume verwandeln.“

Gilmore ging auf den leichten Tonfall nicht ein. Er schüttelte bekümmert den Kopf.

„Du hast dir einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, Dave. Sicher, Greyrock kann einen Doc brauchen. Über Arbeitsmangel wirst du dich bestimmt nicht beklagen können. Aber Greyrock ist in letzter Zeit ein ziemlich heißes Pflaster – vor allem für einen Mann, der mein Neffe ist.“

Über Daves Gesicht, das noch die Farblosigkeit der langen Großstadtjahre zeigte, huschte ein Schatten. Seine Frage klang etwas rau: „Dieser Chavis ist dein Feind, Onkel Ted. Scheint ein mächtiger und gefährlicher Mann zu sein. Was will er eigentlich?“

„Mein Kutschengeschäft.“

„Er ist Minenbesitzer, nicht wahr? Und er ist sicher reich. Warum will er dann auch noch die Postlinie?“

„Das kann ich dir genau sagen, mein Junge“, knurrte Gilmore. Er starrte auf die Gehsteigplanken, und der alte Hass flackerte heiß in seinen grauen harten Augen auf. Der Hass eines Mannes, der schon viele schwere Schläge hat einstecken müssen und der unaufhaltsam immer weiter auf den Ruin zugetrieben wird. Dave wartete schweigend, bis sein Onkel zu sprechen begann.

„Well, Dave, du kennst dieses Land. Schon damals, als du nach dem Tod deiner Eltern bei mir lebtest, wurde hier Gold gefunden. Und das ist auch heute noch so. Die Ausbeute wird in großem Stil von einem halben Dutzend Minenbesitzern betrieben, die alle droben in den Elk Mountains schürfen. Chavis ist einer von ihnen. Ihm gehört die größte Mine. Vor einiger Zeit machte er mir das Angebot, mein Postunternehmen aufzukaufen.“

„Und, du hast abgelehnt?“, fragte Dave.

„Ja, ich lehnte ab – schließlich ist das mein Lebenswerk, und es hängt mehr daran als nur ein Haufen Dollars. Well, von jenem Zeitpunkt an setzten die Überfälle ein. Das Gold, das die Minen nämlich gewinnen, muss hinüber nach Great Falls zu den Missouri-Flussbooten geschafft werden, und dafür sind meine Kutschen zuständig. Es war ein gutes Geschäft. Dann wurde aber eine Kutsche nach der anderen überfallen. Ich gab nicht auf, und als Chavis wieder mit seinem Angebot kam, lehnte ich erneut ab. Von Anfang an wusste ich, dass Chavis’ Revolvermannschaft hinter den Überfällen steckt, aber erst durch Mitch Haymes’ heutige Gefangennahme ist das völlig offenkundig.“

Gilmores Atem ging schwer. Die Ader an seiner Stirn war geschwollen.

„Von jetzt an wird Chavis um keine Tarnung mehr bemüht sein. Und das bedeutet, dass alles noch viel härter wird. Aber ich sage dir, Dave, ich gebe nicht auf – ich werde kämpfen, solange es geht!“

„Onkel Ted“, fragte Dave stirnrunzelnd, „diesmal wurde die Kutsche doch auf dem Rückweg von Great Falls überfallen. Da war doch kein Gold im Fahrzeug, oder?“

„Das ist es ja eben“, grollte Gilmore. „Kirby und Wess waren deshalb völlig ahnungslos. Chavis geht jetzt aufs Ganze. Er begnügt sich nicht mehr mit den Goldladungen. Er will meine Leute umbringen – er will mich endgültig vernichten, dieser abgefeimte Halunke.“

„Aber warum das alles? Warum ist Chavis so sehr auf die Postlinie versessen?“

„Dafür gibt es nur einen Grund, Dave“, antwortete Gilmore mit schmalen Lippen. „Er will die anderen Minenbesitzer vertreiben oder in die Hand bekommen. Er will sich alleine die Goldausbeute in den Elk Mountains sichern.“

„Wieso? Was hat das mit deinem Unternehmen zu tun?“

„Sehr viel, Dave“, brummte Gilmore. „Verstehst du, der Abtransport der Goldbarren ist von meinen Kutschen abhängig. Wenn Chavis aber das Unternehmen erhält, kann er sich weigern, das Gold der anderen Minen fortzuschaffen, oder so hohe Gebühren verlangen, dass sich der Transport für die anderen Minenbesitzer auf die Dauer nicht rentiert. Und das Gold muss fort. Hier in Greyrock nützt es nicht viel. Begreifst du jetzt, was Chavis bezweckt? Wenn er mich kleinbekommt, dann ist er sozusagen der Herr in diesem County – und ich glaube, ein Mann wie Chavis tut dafür eine ganze Menge.“

„Yeah“, nickte Dave. „So schätze ich ihn ebenfalls ein. Eine schlimme Sache, Onkel Ted.“

„Und schlimm für dich, Dave, dass du gerade jetzt hier auftauchen musstest.“

„Mach dir keine Sorgen!“ Dave lachte leise, aber es klang nicht echt. Dann fragte er: „Ich verstehe nicht, warum du mit deinen Leuten allein stehst, Onkel Ted. Warum helfen dir die anderen Minenbesitzer nicht? Sie müssen doch erkannt haben, worauf Chavis mit seinen verbrecherischen Plänen hinaus will.“

Gilmore zuckte die Schultern.

„Sie haben Angst vor Chavis’ Revolverleuten. Keiner von ihnen beschäftigt solche Kerle – nur Chavis. Nein, nein, Dave, es ist sinnlos für mich, auf Unterstützung zu hoffen.“

„Und deine Leute?“

„Ich kann nur hoffen, dass sie mich nicht im Stich lassen.“

„Vielleicht hast du Glück und kannst noch Burt Thorne dazu anheuern“, sagte Dave. „Er wäre dir sicher eine große Hilfe.“

„Das wollen wir herausfinden“, nickte Gilmore grimmig. „Komm, Dave, gehen wir weiter.

Als sie die Verandastufen des Montana Palace erreichten, drehte sich Gilmore nochmals Dave zu. Seine grauen Augen blickten ernst und forschend.

„Du weißt jetzt, wie die Sache liegt, Dave. Willst du noch immer in Greyrock bleiben?“

„Natürlich!“, entgegnete Dave sofort. „Es bleibt mir auch gar keine andere Wahl, Onkel Ted. Ich habe kein Geld mehr für die Rückreise.“

Einen Moment sah es so aus, als wolle Gilmore ihn von seinem Entschluss abbringen. Dann nickte er ernst und murmelte: „Well, du musst selbst wissen, was du tust, Dave. Und einen Vorgeschmack von den kommenden Tagen hast du ja heute bereits erhalten.“

Er wartete auf keine Antwort und stieg mit schweren Schritten die breiten ausgetretenen Stufen hinauf.

 

*

 

Die Dämmerung war in Nacht übergegangen. Wolken hatten den Himmel überzogen und verhüllten die Sterne. Ein stetiger Wind trieb von den Bergen herab und ließ Staubspiralen auf der Main Street von Greyrock tanzen.

Die Laternen an den Verandapfosten schaukelten. Die Lichtbahnen auf der sandigen Fahrbahn schwankten wie trunken hin und her.

Der Reiter kam von Norden in die kleine Stadt.

Im Schatten neben dem Montana Palace zügelte er sein Pferd, ließ den scharfen Blick über die Pferdereihe am langen Haltegeländer schweifen und saß dann ab.

Er stieg nicht die Verandastufen hinauf, sondern schlug einen Bogen und betrat das Haus durch den Hintereingang.

Rauchschwaden lagerten unter der Balkendecke und verdüsterten das gelbe Licht der Petroleumlampen. An den Tischen war kein Platz mehr. Eine Woge von Stimmengewirr, Gläserklirren, Kartenklatschen und Stiefelscharren schlug dem Eintretenden entgegen.

Erst jetzt, im Licht, war der Reiter deutlich zu erkennen.

Er war mittelgroß, schlank und drahtig, besaß dunkle glühende Augen und pechschwarzes Haar, das lang unter seinem Stetson hervorquoll. An seiner tiefbraunen Hautfarbe war erkenntlich, dass mindestens zur Hälfte Indianerblut in seinen Adern floss. Und der indianische Eindruck wurde noch durch die fransenbesetzte Hirschlederkleidung und die mit buntgefärbten Stachelschweinborsten verzierten Mokassins verstärkt.

Der Mestize trat sofort in den Schatten eines dicken Stützpfeilers, hakte die Daumen hinter den Ledergurt und schaute zur Theke hin.

Dort schenkte Marybell Shane, der dieser Saloon gehörte, eben eine Reihe Gläser voll.

Der Halbblutmann hatte keine Augen für die Schönheit der jungen rothaarigen Frau.

Sein Blick wandelte weiter und blieb an zwei Gestalten haften, die am Ende der Theke lehnten: Ted Gilmore und der stämmige Burt Thorne, dessen Gesicht auch in dieser Umgebung nichts von seinem düsteren Ernst verlor.

Gilmore redete eifrig auf Thorne ein. Dieser nickte manchmal, sagte aber nichts. Die Augen des dunkelhäutigen Beobachters wurden eng.

Seine nervige Hand kroch unwillkürlich zum Holster hin. Dann wurde er sich des Auftrages bewusst, mit dem er in die Stadt gekommen war.

Er änderte die Blickrichtung und sah Ray Brigham zwischen den rauchvernebelten Tischreihen auf die Theke zusteuern. Brigham war ein kräftiger, vierschrötiger Mann.

Er war so etwas wie ein Leibwächter für die junge hübsche Saloonbesitzerin, und er verrichtete alle anfallenden Arbeiten – vom Staub wischen bis zum Hinauswerfen betrunkener Randalierer.

Der Halbindianer schob sich einen Schritt aus dem Pfeilerschatten und ging zu Brigham.

„Hallo, Blackfoot-Jeff! Was gibt es?“ Brighams Stimme war rau, tief und weder freundlich noch abweisend.

Blackfoot-Jeff sprach leise und schnell: „Ein Fremder ist heute mit der Kutsche in die Stadt gekommen – ein großer, hagerer Mann mit dunklem Anzug.“

„Ich weiß.“

„Wo finde ich ihn?“

Ray Brigham zog die buschigen Augenbrauen zusammen.

„Solche Fragen beantworte ich nicht gerne, Jeff.“

Der Mestize machte eine ungeduldige Handbewegung. „Chavis schickt mich.“

„Willst du mich damit auf die Schwierigkeiten hinweisen, die mich erwarten, wenn ich nicht rede?“

„Genau“, sagte Blackfoot-Jeff kehlig.

Brigham schoss einen Blick zur Theke hinüber.

Marybell Shane unterhielt sich mit einem alten graubärtigen Minenarbeiter und lachte einmal silbern auf.

Brighams Blick kehrte zu Jeff zurück.

„Was willst du von dem Fremden, Blackfoot?“

„Das geht dich wenig an. Doch wenn es dir die Antwort erleichtert: Es wird ihm nichts geschehen. Also, wo finde ich ihn? Hat er sich hier im Palace einquartiert?“

„Nein“, sagte Brigham zögernd. „Ich glaube, er wird bei Gilmore wohnen.“

„Bei Gilmore?“

„Ja. Er ist erst vor einer halben Stunde gegangen, und ich hörte Gilmore zu ihm sagen, er solle sich das freie Zimmer im Obergeschoss seines Hauses nehmen. Genügt das?“

„Das genügt!“ Blackfoot-Jeff drehte sich lautlos der Tür zu.

Ehe Brigham etwas erwidern konnte, war das Halbblut wie eine Katze durch die Hintertür in die windige, sternenlose Nacht hinausgeglitten.

 

*

 

Dave Kenton stellte die schwarze Ledertasche, in der sich seine Arztutensilien befanden, auf den klobigen Tisch, drehte den Lampendocht etwas niedriger und setzte sich dann auf einen Stuhl.

Während er sich ohne Eile eine Zigarette drehte, überdachte er noch einmal die Ereignisse des verflossenen Tages.

Irgendetwas klirrte gegen die geschlossene Fensterscheibe. Dave beachtete es nicht. Er glaubte, der Wind habe ein dürres Aststück herangewirbelt.

Dave steckte die Zigarette an und rauchte langsam. Sein Körper entspannte sich. Er wollte die düsteren Gedanken an Chavis verscheuchen. Doch es gelang ihm nicht. Er konnte nicht so tun, als ginge ihn der Kummer seines Onkels nichts an.

Ted Gilmore hatte nach dem Tode von Daves Eltern wie ein Vater für ihn gesorgt. Er hatte ihm das Arztstudium ermöglicht. Und jetzt wurde er hier von einem skrupellosen Mann planmäßig ruiniert.

Dave begann unwillkürlich, schneller zu rauchen.

Da schlug wieder etwas gegen die Scheibe. Diesmal schreckte Dave hoch. Das war ein Stein gewesen, der vom Hof heraufgeschleudert worden war. Dave stand auf und öffnete das Fenster.

Draußen strich der Wind an der Hauswand entlang. Staub wehte ins Zimmer. Die niedrige Lampenflamme blakte.

„Wer ist da?“, rief Dave gedämpft.

„Sind Sie dieser Kenton, der heute mit der Kutsche ankam?“

„Ja! Was ist los?“

Dave konnte die schmale Gestalt des Mannes auf dem Hof nur undeutlich erkennen. Irgendwie beruhigte es ihn, dass der andere so offen dort unten stand.

„Ich brauche Sie“, kam es leise von unten herauf. „Sie sind doch ein Doc, nicht wahr?“

„Gewiss. Ich komme sofort.“

Dave schloss das Fenster, durchquerte das Zimmer und eilte in den Korridor hinaus. Eine steile Treppe führte ins Erdgeschoss. Die Hintertür schwang knarrend auf.

Der Fremde stand dicht vor Dave, von der tintigen Nachtschwärze verhüllt.

Erst jetzt wurde sich Dave bewusst, dass er zu voreilig gehandelt hatte. Der Ruf nach ihm als Arzt hatte ihn vergessen lassen, dass er sich hier nicht in Boston oder Baltimore befand.

Dave blieb auf der Schwelle stehen. „Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Blackfoot-Jeff“, kam kehlig die Antwort.

„Sind sie verletzt?“

„Nein. Ich bin ganz in Ordnung. Ein anderer braucht Sie. Los, kommen Sie mit!“

Der herrische Tonfall machte Dave unwillig. „Wer braucht meine Hilfe? Wohin soll ich kommen?“

„Das werden Sie schon sehen. Nun kommen Sie schon!“

Dave bezwang seinen Ärger.

„Ich werde zuerst einem von den Postfahrern Bescheid sagen und meine …“

„Das werden Sie nicht tun!“

Der andere machte eine kurze Bewegung, und trotz der Dunkelheit stellte Dave Kenton fest, dass plötzlich ein Coltlauf auf ihn gerichtet war.

Die Schnelligkeit, mit der der Mestize gezogen hatte, erinnerte den jungen Doc an Burt Thornes Revolvergeschicklichkeit.

Dave hielt sekundenlang den Atem an. Dann fragte er gepresst: „Was wollen Sie von mir?“

„Dass Sie mitkommen, sonst nichts!“

„Und wenn ich mich weigere?“

„Nur ein Narr würde das tun“, sagte Blackfoot-Jeff kalt und hob die Waffe etwas an.

Dave zögerte. Seine Gedanken jagten sich. Wollten die Banditen Rache für den vereitelten Kutschenüberfall nehmen, oder brauchten sie ihn tatsächlich als Arzt?

Dave kam zu keinen weiteren Überlegungen.

Der Halbindianer befahl: „Ich warte nicht mehr. Vorwärts, Doc!“

Dave spürte den Druck einer Coltmündung in der Seite. Blackfoot-Jeff war lautlos und schnell neben ihn getreten.

Dave atmete den Geruch der Hirschlederkleidung ein – diesen typischen Geruch von trockener Erde, Lagerfeuerrauch und Pferdeschweiß.

„Hören Sie“, sagte er eindringlich, „es hat wirklich keinen Sinn, wenn Sie mich jetzt einfach mitschleppen. Ich brauche zuerst …“

„Keine langen Reden, Doc!“

„Ich habe nicht einmal ein Pferd.“

„Das werde ich für Sie besorgen. Los jetzt!“

„Na schön.“ Dave atmete tief ein und trat über die Schwelle. Der Druck der Revolvermündung verschwand.

Dave rechnete sich eine Chance aus und wirbelte blitzschnell herum. Es war das erste Mal seit seinen Jugendjahren in Greyrock, dass er mit den Fäusten auf einen Gegner losging.

Im nächsten Moment wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Er war nicht schnell genug, war diesem sehnigen Halbindianer nicht gewachsen. Sein Schlag ging ins Leere.

Etwas Dunkles sauste auf ihn zu und erwischte ihn hart an der rechten Schläfe.

Dave Kenton drehte sich um die eigene Achse, seine Arme fielen herab, und er merkte schon nicht mehr, dass ihn Blackfoot-Jeff dicht über dem Boden gerade noch auffing …

 

*

 

„Ray“, sagte Marybell Shane zu Brigham. „Ich werde mich eine Stunde ausruhen. Wirst du alleine einstweilen fertig?“

„Natürlich, Madam. Gehen Sie nur. Wenn Sie wollen, können Sie sich ruhig schlafen legen.“

„Nein, Ray, wir müssen die Tageskasse noch abrechnen. In einer Stunde bin ich wieder unten.“

Marybell verließ den Platz hinter der Theke und stieg die mit einem roten Läufer belegte Treppe ins Obergeschoss hinauf. Das erste Zimmer links gehörte ihr.

Marybell zog zuerst die Vorhänge zu und machte dann Licht. Sie schob einen Stuhl vor den Spiegel, setzte sich und fing an, ihr hochgestecktes kupferrotes Haar zu ordnen.

Die Stille und die reine Luft taten ihr nach dem Aufenthalt im Saloon gut.

Und doch waren es immer diese Minuten, in denen sie von einer grenzenlosen Einsamkeit überwältigt wurde und sich nach einem Menschen sehnte, mit dem sie sprechen – und auch schweigen konnte.

An der Tür klopfte es.

Marybell hielt ihr etwas bleiches und nun müde wirkendes Gesicht dem Spiegel zugewandt. „Bist du es, Ray?“

Im Spiegel sah sie, wie die Klinke niedergedrückt wurde. Da wusste sie, dass es nicht Ray Brigham war. Der trat nie ein, ohne aufgefordert zu werden.

Die junge Frau legte den Kamm auf den Toilettentisch und erhob sich. Die Tür öffnete sich lautlos, und ein schlanker Mann mit sandfarbenem Haar schob sich zögernd herein.

Eine Unmutsfalte erschien auf Marybells Stirn.

„Wess! Findest du nicht, dass du zu weit gehst?“

Wess Bodeen schloss sorgfältig die Tür und blieb stehen.

„Unten im Saloon fand ich keine Gelegenheit, mit dir alleine zu sprechen. Marybell.“

Seine Stimme klang heiser.

Die Haltung der jungen Frau war steif und ablehnend.

„Ich wüsste nicht, was es zwischen uns noch zu reden gäbe, Wess.“

„Das darfst du nicht sagen, Marybell!“ Er drehte nervös seinen Stetson zwischen den Händen. „Du kannst mich nicht wie einen kleinen Jungen behandeln!“

„Dann benimm dich anders!“

Bodeen zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen.

„Marybell? Verstehst du denn nicht? Ich meine es ernst. Ich liebe dich! Ich will dich heiraten! Du musst …“

„Es ist besser, du fängst nicht wieder davon an“, unterbrach ihn die junge Frau leise. „Es ist sinnlos – wirklich, Wess!“

Er machte einige zögernde Schritte in ihre Richtung und blieb in der Zimmermitte stehen. Seine Schläfen brannten. Er starrte sie unverwandt an.

„Vielleicht hast du noch nicht lange genug darüber nachgedacht. Marybell. Du kannst doch nicht immer alleine bleiben in einer Stadt wie Greyrock. Ich will dich ja nicht drängen. Ich will nur …“

Marybell Shane lächelte bitter.

„Wess, du verkennst die Tatsachen. Es tut mir leid, aber ich liebe dich nun einfach nicht! Das lässt sich nicht erzwingen. Du machst es mit deiner Hartnäckigkeit nur noch schlimmer, für dich und für mich. Du solltest jetzt aber wirklich gehen.“

Bodeens Wangenmuskeln arbeiteten. Er schüttelte wild den Kopf. „Nein, Marybell, nein! Ich Lass mich nicht einfach fortschicken.

„Sei doch vernünftig!“, bat die junge Frau.

Er krampfte die Finger um die Hutkrempe. „Die ganze Zeit war ich voller Hoffnung. Ich …“

„Das war ein Fehler“, warf Marybell ein. „Ich gab dir gewiss keinen Anlass dazu.“

Er überhörte es und redete heftig weiter. „Ich machte schon Pläne, Marybell. Ich wollte mit dir nach Süden gehen. Dieses Saloongeschäft ist auf die Dauer nichts für dich. In New Mexico oder Texas werde ich mir eine Ranch kaufen. Dort blüht das Rindergeschäft, seit die Eisenbahn über den Mississippi führt. Du brauchst nicht mehr zu arbeiten, Marybell. Du wirst …“

„Du wirst alleine gehen müssen, Wess!“, sagte die Frau herb.

Er brach ab, schaute sie mit brennenden Augen an und stieß dann rau hervor: „Du weißt nicht, was das für mich bedeutet.“

„Vielleicht doch. Du bist noch jung, Wess, du kannst vergessen.“ Und mit einem leichten freudlosen Lächeln: „Ich bin nicht überzeugt, ob ich wirklich deine große Liebe bin.“

„Marybell!“

„Nein, nein, sei nur ruhig, Wess, es ist schon so. Wie gut kennst du mich denn? Wirklich gut genug, um mich zur Frau zu wollen? Ach, Wess, lassen wir das alles!“

„Du darfst doch nicht an mir zweifeln, Marybell!“, rief Bodeen erregt.

Sie winkte ab.

„Das spielt doch gar keine Rolle mehr, Wess.“ Und etwas kälter setzte sie hinzu: „Ich war doch deutlich genug, als ich nein sagte, oder? Geh jetzt. Wess, bitte, ich will mich ausruhen!“

Sie drehte sich ab. Im Spiegel sah sie, dass er unschlüssig zu Boden starrte. Dann kam er plötzlich mit langen Schritten über den dicken Teppich auf sie zu.

Sie fuhr herum. Das Brennen in seinen Augen trieb sie zurück.

„Wess!“, stieß sie erstickt hervor. „Wess, du sollst gehen!“

Er schleuderte den Stetson zur Seite und streckte die Arme nach ihr aus.

„Ich gebe nicht auf. Marybell! Ich lasse mich nicht fortjagen. Ich habe den Job bei Ted Gilmore nur behalten, um in deiner Nähe bleiben zu können. Außer dir hält mich nichts mehr in Greyrock. Meinst du, es war ein Vergnügen, Tag für Tag auf dem Kutschbock zu sitzen und dem Augenblick entgegenzufiebern, da die Banditenkugeln heranpfeifen? Glaubst du, ich habe das gerne getan? Ich hätte den Teufelsjob schon längst aufgegeben, wenn nicht du …“

„Wess! Das gibt dir noch lange kein Recht …!“ Marybell versuchte, zur Seite auszuweichen.

Da fasste er sie bereits an den Oberarmen. Eine Haarsträhne fiel ihm bis dicht über die Augenbrauen. Sein Griff war hart und schmerzhaft.

Er presste die Lippen zusammen und zog Marybell an sich heran.

„Wess! Lass los! Ich schreie sonst.“

Er glich einem Verrückten. Keuchend stieß er hervor: „Ich wollte dich glücklich machen. Ich habe gespart und gespart, und jetzt, da ich so weit bin, um meine Pläne zu verwirklichen, schickst du mich fort. Nein, Marybell, so kannst du mit mir nicht umgehen! Heute hätte es Long Kirby und mich beinahe erwischt. Und ich dachte, deinetwegen würde sich das Risiko schon lohnen.“ Er schüttelte sie wütend. „Zum Teufel. Und dich lässt das alles ganz kalt, was? Dir ist es egal …“

„Lass los!“, wiederholte Marybell Shane. „Sei doch vernünftig, Wess! Ich habe dir meinen Standpunkt schon von Anfang an klargemacht. Es ist nicht meine Schuld, wenn du …“

„Nicht deine Schuld?“, schrie er. Dann wurde er plötzlich leise. „Ich liebe dich doch, Marybell. Ich …“

Ein hartes Klopfen an der Tür ließ ihn verstummen.

Brighams raue Stimme wehte vom Korridor herein.

„Miss Shane! Ist alles in Ordnung?“ Bodeen ließ die junge Frau sofort los. Er glitt zur Seite und senkte die Hand auf den Revolverkolben. Seine Miene straffte sich, seine Augen glitzerten plötzlich gefährlich.

„Schick ihn fort!“, flüsterte er wild. „Los, sag, dass er gehen soll!“

Marybell Shane zögerte. Die Türklinke bewegte sich.

Bodeen keuchte: „Wenn er hereinkommt, schieße ich ihn zusammen.“

Da rief Marybell schnell: „Geh nach unten, Ray! Es ist schon alles …“

Sie kam nicht weiter. Die Tür flog knallend auf. Brigham stand mit einem Sharps-Gewehr an der Hüfte auf der Schwelle.

Bodeens Rechte schloss sich schraubend um den Revolverkolben.

Marybell schrie erstickt auf.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935615
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512062
Schlagworte
nacht greyrock

Autor

Zurück

Titel: Die letzte Nacht von Greyrock