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Redlight Street #115: Kalt bis ans Herz

2019 103 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Kalt bis ans Herz

Copyright

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Kalt bis ans Herz

Redlight Street #115

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.

 

Elena ist von Freunden schwer enttäuscht worden. Sie fühlt sich verraten und sieht in ihrem Leben keinen Sinn mehr. Von einer Brücke will sie sich in den Fluss stürzen. Doch sie wird beobachtet und angesprochen. Ulrike, eine Tülle, schafft es, Elena von dort wegzubringen. Das Schicksal hat sie beide zusammengeführt und sie wieder getrennt. Beide müssen noch einen steinigen Weg gehen, bis sie sich wieder gegenüberstehen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sie hatte nur noch einen Gedanken, der übermächtig war. Sie wollte sterben, nicht mehr leiden müssen, nie mehr enttäuscht werden und endlich alles hinter sich lassen. Es war doch sinnlos, sich an das Leben zu klammern. Die Tränen tropften auf die Hände, und sie merkte es nicht. Tief drinnen pochte das Herz. Hör auf, denke nicht mehr, lass dich einfach fallen, dann ist es gut. Ich nehme dich in meine Arme, ich bin der Frieden, das Glück. Ich werde dir nie mehr wehtun.

Die Sterne glitzerten, verzerrten sich und waren nicht mehr schön. Sie wollte auch keine Schönheit sehen, nur Schluss machen.

»Das ist also das Ende.«

Es wurde Elena nicht bewusst, dass sie diese Worte vor sich hin stammelte. Nein, sie hatte nicht geglaubt, dass man sie so sehr verwunden konnte. Sie konnte es einfach nicht fassen.

Viele Tage lagen jetzt schon dazwischen, aber für sie war alles brandfrisch, es schmerzte und zerrte. Sie musste ständig an die Worte denken. In der Nacht war es ganz besonders schlimm. Dann sah alles noch viel düsterer und schrecklicher aus. Sie war der Ausweglosigkeit ausgeliefert.

Weshalb war es so gekommen? Niemand konnte ihr darauf eine Antwort geben.

Elena wollte es gar nicht mehr wissen. Man hatte sie tief verletzt mit Wörtern von Menschen ausgesprochen, an die sie geglaubt hatte. Sie hatten es getan, einfach so.

Wieder rollten die Tränen über ihr Gesicht. Jetzt fragte sie sich verzweifelt, warum haben sie es getan. Dachten sie nicht über ihr Tun nach? Merkten sie nicht einmal, wenn sie anderen Menschen Schmerzen zufügten? Waren sie so gleichgültig. Was ist Freundschaft und nach so langer Zeit?

Ich habe an sie geglaubt, das habe ich getan, immerzu. Ich hielt sie für meine Freunde, war überzeugt, ich könnte mich auf sie verlassen, sagte sie sich immer wieder.

Gequält schloss sie die Augen.

Der Fluss lockte und ihre Hände umkrampften das Geländer. Der Tod war immer in ihr, sie spürte ihn. Sie wusste, dass sie ein anderes Leben führte und brauchte Vertrauen wie das tägliche Brot.

Warum sprang sie denn nicht endlich?

Der Fluss war schwarz, dunkel und furchteinflößend. Doch Elena wusste, sie würde springen, ihr war klar, dass sie nichts davon abhalten konnte.

Morgen würden sie es erfahren. Dann mussten sie alles begreifen und vielleicht geschockt sein. Sie brauchen mich, ich brauche aber sie nicht und doch lasse ich es zu, überlegte sie verzweifelt.

Sie war durch die Stadt geeilt, um sich an dieser Stelle das Leben zu nehmen. Den Glauben hatte sie verloren. Das Vertrauen in die Menschen. Sie waren rücksichtslos, besaßen kein Herz. Wo es in ihrer Brust schlug, da hatten die anderen einen Sack voller Geld und sonst nichts. Aus Raffgier konnten sie Menschen quälen.

»Ich will nicht mehr.«

»Springen Sie nicht!«

Elena stand schon mit einem Bein auf der Brüstung, als die Stimme sie wie ein Dolchstoß traf.

Sie zitterte vor Angst.

»Ich würde nicht springen. Das sind die verdammten Kerle gar nicht wert, glauben Sie es mir. Tun Sie es nicht!«

»Lassen Sie mich!«, flüsterte sie mit letzter Kraft.

Das Mädchen stand hinter ihr. Sie konnte es noch nicht sehen. Die Fremde musste lautlos über die Brücke gekommen sein. Warum war sie hier? Verflixt, weshalb war sie gekommen, und was tat sie in dieser Gegend?

»Ich sage es Ihnen, sie sind einen Dreck wert!«

Sie tat nichts, um die andere herunterzuziehen. Das überließ sie Elena ganz allein.

»Gehen Sie fort!«, keuchte sie. »Das ist meine Sache.«

»Natürlich ist das Ihre Sache«, sagte das Mädchen. »Und ich kann Sie auch nicht abhalten, es zu tun.«

»Sie springen mir nicht nach?«

»In diese Brühe? Hören Sie mal, dafür sind mir meine Klamotten zu wertvoll, das kann ich mir gar nicht leisten.«

Elena hatte einen Kloß in der Kehle.

»Dann gehen Sie doch. Sie brauchen es nicht zu sehen.«

»Es war doch ein Kerl, oder?« Die Stimme klang nicht neugierig. Sie sprach eine Tatsache aus, eine Feststellung.

Elena biss sich auf die Lippen, starrte in den Himmel und sah die Sterne über sich. Und plötzlich dachte sie, ich werde sie dann nie mehr sehen können. Wo ich hingehe, da ist alles schwarz und dunkel, tot.

Langsam zog sie den Fuß von der Brüstung.

Das Mädchen sagte: »Sie werden doch nicht mehr springen, nicht wahr?« Sie kam jetzt näher, tauchte aus dem Schatten auf und blickte Elena ins Gesicht.

»Verdammt, ich würde mich freuen, wenn ich Sie daran gehindert habe.«

»Warum?«

»Ich habe eine Selbstmörderin gerettet«, sie reckte sich. »Das ist ein verdammt gutes Gefühl.«

Elena lachte kläglich.

»Also soll ich am Leben bleiben, bloß damit Sie glücklich sind? Ist das nicht dumm?«

Das fremde Mädchen sagte: »Ich will dir mal was sagen, das kann man noch immer, verstehst du, springen, sich aufhängen oder Gift nehmen. Das läuft ja nicht weg. Es kann ja noch ganz dicke kommen, weißt du. Ich kann davon ein Lied singen, ich weiß Bescheid, verflucht. Das habe ich auch schon mal vorgehabt. Was einmal? Viele Male ist das so gewesen.«

»Und warum haben Sie es nicht getan?«

»Warum nicht? Das werde ich dir sagen.« Sie lachte böse auf. »Aus einem ganz bestimmten Grund, meine Liebe, weil ich mich rächen wollte. Zuerst die Rache, habe ich mir gesagt. Sie sollen es spüren. Ich will die Genugtuung mitnehmen, dann kommt man nicht so leer an. Rache ist süß, sie hält alles am Leben. Da kannst du Gift drauf nehmen.« Sie hatte sich ereifert.

Elena starrte das fremde Mädchen an.

»Warum rede ich eigentlich mit Ihnen?«

»Tja, warum wohl? Vielleicht, weil du sonst keinen Menschen hast?«

Elena senkte den Kopf. Sie hatte tatsächlich keinen Menschen, mit dem sie über sich sprechen konnte. Das war ja so schlimm! Sie musste alles allein mit sich herumtragen.

»Ich weiß schon«, sagte die andere, »dann ist man froh, so richtig schadenfroh, nicht wahr?«

»Ja, da hast du recht.« Sie duzte jetzt die Fremde.

»Der Kerl soll die Pest bekommen.«

Elena sagte: »Das, was du meinst, ist es nicht.«

»Nicht? Da brat mir einer einen Storch!« Sie hob fröstelnd die Schultern. »Scheißwetter, das wird ja was! Sag mal, müssen wir hier so stehen?«

»Ich weiß es nicht. Mir ist alles egal.«

»Komm mit, da unten ist die Kneipe, wir nehmen einen zur Brust, und dann wird uns wohler. Du wirst schon sehen.«

Elena wollte nicht. Wie eine Marionette ging sie trotzdem mit.

Die Absätze der Fremden klapperten über das Pflaster. Dann kamen die Häuser näher. Elena war noch nie in dieser Gegend gewesen.

»Hier ist es.«

Sie stemmte sich gegen die Tür und stieß sie mit einem Ruck auf. Dann fiel das Licht auf die zwei Gestalten und schien sie in die Kneipe zu ziehen. Elena fühlte unwillkürlich die Wärme, die Haut prickelte. Sie atmete tief durch, obwohl die Luft voller Tabakqualm war.

»Hier, ich habe doch gewusst, da ist noch ein Platz frei.«

Sie schob, stieß und drängelte die Menschen zur Seite und dann saßen sie in einer stillen Ecke der miesen Kneipe.

Das Mädchen lächelte Elena an. Diese konnte die Frau erst jetzt richtig in Augenschein nehmen. Sie musste an die fünfundzwanzig sein und war für ihren Geschmack viel zu sehr geschminkt. Ja, dachte sie unwillkürlich, wenn sie so weitermacht, wird sie schnell eine alte Haut haben. Ob sie das nicht weiß?

Sie trug ein knappes Lederjäckchen und ein ebensolches Röckchen. Sie hatte eine gute Figur, das musste man ihr lassen. Der Pulli schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren Körper und zeigte großzügig, dass sie oben etwas vorzuweisen hatte. Die Haare waren blond und auffallend lang. Fast gleichgültig schien sie diese Haarpracht zu behandeln. Jedenfalls hatte Elena das Gefühl. Sie sah den Ausdruck in ihrem Gesicht. Es lag ein etwas zu harter Zug um die vollen, weichen Lippen.

»Haste jetzt alles gesehen?«

Elena zuckte zusammen.

Der Wirt tauchte auf.

»Da schau her, die Ulrike! Sieht man dich auch mal wieder? Ich dachte, du wärst gar nicht mehr vorhanden.«

Sie lachte ihn an.

»Ja, das denken viele!«

»Eines Tages wirst du dir noch den Hals brechen!«

»Wirklich? Dann werden wohl ein paar Leute mitziehen müssen, mein Lieber.«

Er legte seine Hand auf ihre Schulter, und es schien ihr nichts auszumachen. Jetzt erst blickte der Wirt auch zu Elena herüber und wunderte sich ein wenig. Sie konnte an seinem Gesicht ablesen, was er dachte. Elena sah in ihrer einfachen Aufmachung auch reichlich komisch in dieser Runde aus. Auch wenn jetzt das dunkle Haar zerzaust war, so sah er doch, dass er eigentlich eine Dame vor sich hatte.

Sie lächelte schwach. Der Wirt starrte Ulrike an.

»Sag mal, was ist das denn für ein Vogel? Ist sie sauber?«

Elena verstand diese Sprache nicht und war verwirrt.

Ulrike maulte: »Geh und bring uns einen Grog, aber einen anständigen! Den haben wir beide verdient.«

Der Wirt zog die Augenbrauen hoch.

»Na ja, du musst es ja wissen.«

Ulrike wandte sich wieder an Elena.

»Er ist nun mal neugierig, kann man nichts machen. Aber ich verrate nichts.« Elena sah sie stumm an. »Wie heißt du eigentlich?«

»Elena!«, antwortete sie flüsternd.

Ulrike musterte ihr schmales Gesicht.

»Hör zu«, sagte Ulrike, »ich sag’ es dir gleich und wenn du dann nicht mehr willst, stehst du einfach auf und gehst. Das ist ganz natürlich. Ich bin eine Hure, kapiert!«

Elena blieb ganz ruhig sitzen.

»Warum sagst du mir das?«

»Mein Gott«, brauste Ulrike auf, »das wirst du in den nächsten Minuten bestimmt merken, und ich will kein Theater. Du kannst deinen Grog auch woanders trinken. Ich habe nichts dagegen, wenn du jetzt abhaust. Das bin ich gewöhnt.«

Elena lächelte dünn.

»Darf ich trotzdem bleiben?«

Ulrike legte den Kopf schief.

»Warum? Vielleicht tut es dir nachher leid.«

Sie spürte wieder diesen Kloß in ihrer Kehle. Die Erinnerung und die Qual hatte sie wieder eingeholt.

»Weil ich dich brauche, verzeih!«

Ulrike bekam jetzt einen weichen Zug um die Lippen.

»Das war verdammt anständig von dir, das zu sagen, bestimmt, das ist nett.«

»Es ist die Wahrheit, Ulrike, verzeih, ich werde mich nicht an dich klammern, nur kurze Zeit bleiben.«

»Fang bloß nicht wieder an zu denken!«

Der Grog wurde gebracht. Der Wirt warf Elena wieder einen fragenden Blick zu.

»Zieh ab, wir brauchen dich jetzt nicht mehr!«

Elena dachte, so bin ich also hier gelandet, unter diesen Menschen, dem Abschaum der Menschheit. So werden sie ja wohl bezeichnet. Aber sie haben Herz, mein Gott, sie scheint wirklich Herz zu besitzen. Wahrscheinlich könnte sie es sonst gar nicht ertragen.

»Elena, du scheinst in Ordnung zu sein, und darum möchte ich es dir auch noch einmal sagen. Es lohnt sich nicht, wegen einem Dreckskerl in den Fluss zu springen, hörst du!«

»Es hat mit Liebe und Verlassen oder dergleichen nichts zu tun, Ulrike, ich bin enttäuscht worden und verletzt, mit Worten, verstehst du mich. Man hat mich so lächerlich gemacht und das noch vor anderen. Es war gar nicht nötig, nicht mal wichtig, oder vielleicht doch?«

Ulrike fragte: »Also ein Kerl?«

»Ein Mann und eine Frau. Bei der Frau kann ich es einfach nicht verstehen. Wir haben uns gut verstanden. Bei dem Mann, nun, ich will mich mal so ausdrücken, Ulrike, wenn ein Pfau sein Rad dreht, dann merkt er nicht, wenn ihm die Maske vom Gesicht fällt, begreifst du?«

»Na klar, das kennen wir doch.«

»Das hat mir auch nichts ausgemacht. Er hätte sich drehen und wenden können, soviel er nur wollte. Ich habe mich darüber amüsiert, verstehst du! Doch dann verletzte er mich mit Worten, machte mich lächerlich.« Fast wäre sie wieder in Tränen ausgebrochen.

Das käufliche Mädchen saß da und meinte: »Das ist doch ganz normal, er wollte sich aufplustern, sich vor der anderen wichtig machen.«

Elena sah sie groß an.

»Ja«, sagte sie leise und erstaunt, «ja, das ist die Antwort. Er wollte sich wichtig machen und opferte dafür eine Freundschaft.«

»Blödsinn!«, lachte Ulrike verächtlich. »So etwas gibt es nicht, das ist alles Quatsch.«

Elena entgegnete ruhig: »Ich habe über zehn Jahre für ihn gearbeitet. Ich möchte nicht sagen, was er war, das ist auch unwichtig. Er hat durch mich gut verdient. Ich hätte mehr erreichen können, viel mehr, aber aus Freundschaft bin ich geblieben, weil ich an ihn glaubte.«

»Tja, und jetzt ist es aus?« Elenas Augen verdunkelten sich. Die Dirne sagte: »Warum rächst du dich nicht?«

Elena blickte in die klaren Augen der Dirne.

»Rächen? Das verstehe ich nicht.«

»Ja, was glaubst du, wie das wirkt. Ich sage dir, es macht dich größer. Wenn er da landet, wo du jetzt bist, dann hast du alles zurückbekommen.« Sie wurde nachdenklich. »Oder hältst du ihn noch immer für deinen Freund?«

Elena schwieg beharrlich.

Die Groggläser waren leer. Die Dirne bestellte wieder. Das Lokal füllte sich, aber Elena nahm es nicht wahr.

»Ich würde direkt gern mitmischen, ihm ein paar Knüppel zwischen die Beine werfen.« Die Augen der Dirne glitzerten schadenfroh. »Herrje, das wäre ein Freudenfest für mich.«

Elena musste unwillkürlich lachen. Es war das erste Mal, nachdem sie sich kennengelernt hatten.

Ulrike war in ihrem Element.

»Ich könnte dir eine Menge Tricks beibringen, die wären baff!«

Elena meinte: »Ich kenne auch eine Menge Tricks, aber ich glaube, ich könnte das nicht.«

»Lass dich bloß nicht von deinen Gefühlen überwältigen! Ich sage dir, das ist nicht gut. Halte ihn dir vom Leib! Zeig ihm die Zähne!«

Sie dachte über die Worte der Tülle nach. Rache sollte sie also nehmen. Ihr wurde heiß bei dem Gedanken. War das Gefühl der Freundschaft für ihn noch nicht ganz vorbei?

Die Dirne beugte sich über den Tisch. Elena sah ihre Brüste und dachte, sie ist wirklich schön. Sie verkauft ihre Schönheit.

»Was ist jetzt? Du scheinst es selbst nicht zu wissen.«

»Wie soll ich es erklären? Sagen wir einmal so: Er selbst hat die Fesseln gelöst. Ich bin frei!« Elena lehnte sich zurück. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht!« Sie strahlte plötzlich.

Die Dirne war perplex.

»Was soll das denn heißen?«

»Ich bin ja frei, nach so vielen Jahren! Jetzt kann ich wieder richtig denken.« Sie war außer sich vor Freude. »Mir ist, als wäre ich von einem schweren Fieber befreit worden, ich habe wieder klare Gedanken.«

»Und die schreien nach Rache?«

Elena lachte über den Eifer der Dirne.

»Das weiß ich noch nicht.«

»Schade«, sagte die Hure, »wirklich schade, das hätte verdammt gut in meinen Kram gepasst.«

Ulrike lehnte sich zurück.

»Glaubst du an Schicksalsfügungen?«

»Ich verstehe dich nicht.«

Ulrike raufte sich die Haare.

»Schwer zu erklären«, meinte sie, »aber ich habe das verflixte Gefühl, es die ganze Zeit gewusst zu haben, dass wir uns kennenlernen.«

Elena lächelte ziemlich verständnislos.

»Na ja, bei mir läuft nicht mehr viel. Ich will sagen, die Karre steckt im Dreck, verstehst du?«

»Ich komme nicht mit, verzeih.«

»Ich will sagen, mein Leben das ist ausgebufft, fertig, kaputt. Da läuft einfach nichts mehr. Ich gehe meinen Trott, weil ich muss. Und wenn ich daran krepiere, ich muss ihn trotzdem gehen. Du weißt ja nicht, wie das nervt und sauer macht. Manchmal, also wirklich, ich will nicht gleich in die verdammte Brühe springen, aber die Wände hochklettern. Heute war mal wieder so ein Tag.«

»Bist du unglücklich?«

Die Dirne lachte rau auf.

»Also, du findest Worte, an die hab ich eine Ewigkeit nicht mehr gedacht. Unglücklich, Mensch, ich bin fertig, und wenn ich fertig bin, krieg ich meinen Moralischen, und dann habe ich noch mehr Ärger.«

Die junge Frau versuchte sich in das Leben der Dirne zu versetzen, was ihr natürlich nicht gelang. Es war zu schwer, da sie zu wenig von diesen Menschen wusste. Was wusste sie überhaupt? Nur, was sie in den Zeitungen lesen konnte. Elena war fest davon überzeugt, dass die Hälfte davon erlogen war. Ulrike, die vor ihr saß, war ganz anders. Sie hatte Schnauze mit Herz, wie der Berliner sagen würde.

»Ja, als ich heute von daheim fort gemacht habe, also, da war ich im Brass. Du, ich kann dir sagen, wenn ich gleich zur Arbeit weitergezogen wäre, also wirklich, ich hätte für nichts mehr garantieren können. Und weißt du, was das Dämliche ist?«

»Nein, aber du wirst es mir sicher sagen.«

»Im Bauch hab ich gespürt, heute ist alles anders. Jawohl, das habe ich gefühlt, und deswegen war ich noch mehr sauer. Ich latsche also durch die stillen Straßen und warte darauf, dass alles anders wird. Und ich komme dem Strichviertel immer näher und da dachte ich, jetzt hat mich das Schicksal auch noch beschissen. Wenn man da nicht sauer wird! Bis jetzt habe ich mich immer darauf verlassen können.«

Elena saß ganz still da und hörte dem Freudenmädchen zu. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Ulrike lächelte etwas hilflos.

»Und dann sehe ich, wie du in die Suppe springen willst. Ich hab es schon gesehen, als ich unten auf der Straße war. Da ging ein Ruck durch meinen Bauch. So ist es, ich wusste es sofort. Du bist mein Schicksal.«

Elena war noch immer verblüfft.

»Und das hat dir geholfen?«

Die Tülle beugte sich über den Tisch. Sie hatte jetzt ganz glänzende Augen.

»Kannst du mir mal eine Tülle zeigen, die einem Menschen das Leben gerettet hat?«

»Ich kenne keine, das muss ich zugeben.«

»Es macht ein tolles Gefühl.«

Elena war jetzt ganz ernst.

»Du darfst dich nicht umbringen, hörst du!«

Elena prallte vor dem eindringlichen Blick zurück.

»Aber es ist mein Leben«, stammelte sie. »Wenn ich nicht damit fertig werde, dann ist es noch immer meine Sache.«

Vermutlich hätten sie sich in dieser Nacht noch viel erzählt, und vielleicht wären sie auch einander nähergekommen, aber dann passierte etwas.

 

 

2

Keiler hatte Dienst. Keiler war Hilu für den Luden Dolfo. Er war ein guter Hilu und stolz auf seinen Beruf. Er ließ seine Macht an den Mädchen aus. Dolfo war so reich, dass er sich um das Fußvolk nicht mehr viel kümmerte. Er hatte ganz andere Sorgen. Er machte die ganz großen Geschäfte und betrog außerdem die anderen Zuhälter. Keiler wusste darum, aber er schwieg. Das war nicht sein Bier. Zudem bewunderte er seinen Herrn und Meister und hoffte inbrünstig, er würde ihm eines Tages ebenbürtig sein.

Ein Mensch lebt nicht ewig. Er war noch jung, dreißig erst, der Zuhälter aber schon fünfzig. Er hoffte auf den Augenblick, an dem sich Dolfo zurückzog und nur noch aus der Ferne regierte. Dann war seine große Stunde gekommen. Dafür arbeitete er, und ihm war kein Mittel zu schmutzig. Er war ein eiskalter Bursche und im Gegensatz zu den anderen Hilus, ein Einzelgänger. So konnte er tun und lassen, was er wollte und hatte außerdem auch keinen Verräter neben sich.

Schon jetzt arbeitete er fleißig in seine Tasche. Dolfo würde es nie erfahren,

Dass er die Tüllen auf ein höheres Soll gesetzt hatte. Die Bienchen hatten viel zu viel Angst vor den großmächtigen Luden. Wenn es was zu regeln gab, dann riefen sie immer nur ihn, und er musste zu Dolfo gehen. So war die Lage. Er besaß die Macht, und die würde er sich nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Durch nichts und von keinem.

Es war weit nach dreiundzwanzig Uhr, als er das Strichviertel abklapperte. Die Mädchen mussten immer das Gefühl haben, er würde alles sehen und mitbekommen. Ihn konnte man nicht bescheißen, dafür war er zu gerissen.

Er war bereits eine geraume Zeit in der Gegend, als ihm endlich auffiel, dass er Ulrike noch nicht bei der Arbeit gesehen hatte. Zuerst machte er sich keine Gedanken deswegen, denn schließlich war sie eine gute Hure und verdiente nicht schlecht. Sie war auch ein Mädchen, das viele Stammkunden hatte. Wenn sie mal eine Stunde nicht zu sehen war, dann konnte sie nur oben sein. Doch die Zeit verstrich, und Ulrike blieb unsichtbar. Jetzt wurde Keiler nervös.

Er wartete, bis ihre Nachbarin wieder unten war, schlich an sie heran und sprach im Flüsterton. Die kleine Hure erschrak.

»Musst du immer so schleichen?«

»Schlechtes Gewissen?«, grinste er hämisch.

»Gib mir einen Glimmstängel!«

»Kauf sie dir selber, ich bin kein Wohlfahrtsinstitut.«

Sie zog einem Flunsch.

»Wo ist Ulrike?«

Die Augen der Dirne wurden sogleich wach.

»Was willst du von ihr?«

»Ich hab was mit ihr zu bereden.« Sie holte ihre Zigaretten aus dem Bukotäschchen. »Los, spucks aus, wo ist sie?«

»Wird sich wohl zeigen, wenn es so wichtig ist.«

»Sie hat einen Stammkunden?«

Das Mädchen zuckte die Schultern. Bis zu einem gewissen Grade deckten sich die Mädchen gegenseitig. Aber nicht lange, denn sie kannten keine Freundschaft. Bei Ulrike war es etwas anderes. Sie war die berühmte Ausnahme. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich für ein anderes Mädchen einsetzte. Deswegen war ihre Laternennachbarin noch ein wenig vorsichtig.

»Wenn ich wieder nach oben komme, sage ich ihr Bescheid, dass du sie sprechen willst.«

»Vergiss es nicht!« Keiler schlich davon und verschwand in der Dunkelheit.

Ein Kunde kam auf sie zu. Diesmal war sie nicht ganz bei der Sache, denn sie wusste ganz genau, dass Ulrike noch gar nicht auf dem Strich angekommen war. Verdammt, ihretwegen wollte sie sich keine Laus in den Pelz setzen. Das konnte ins Auge gehen. Sie hatte Angst vor den brutalen Schlägen des Mannes. Doch Ulrike war ein feiner Kerl.

»Na, was ist denn jetzt? Willst du oder willst du nicht?«

Sie riss ihre Puppenaugen auf.

»Auf dich hab ich doch schon den ganzen Abend gewartet«, plapperte sie gleich los.

Der Kunde war zufrieden. Die kleine Tülle dachte: Wie leicht man doch die Männer bescheißen konnte. Sie glauben mir doch jeden Serbus, es ist zum Schießen. Ich müsste mal ausprobieren, wie weit man gehen kann.

»Fünfzig ist aber reichlich viel«, murrte der Mann.

Sie blickte ihn von unten herauf an und zeigte ihr Sonntagslächeln.

»Ich denke, du bist nur für das Feinste zu haben. Ich habe nicht gewusst, na ja, dann nichts für ungut. Die ganz Billigen, also, die stehen da unten. Aber ich habe gedacht, ich könnte dir das nicht anbieten. Du hast so etwas Gewisses an dir. Nicht wahr, du bist doch bestimmt ein hohes Tier in deiner Firma?«

Der Mann fühlte sich gebauchpinselt. Er ahnte ja nicht, wie schnell gerade eine Dirne einen Mann eintaxierte. Das konnte sie schon, wenn sie ihn nur aus der Feme sah. Da sie ihn für erfolgreich hielt, wurde er sogleich weich und nachgiebig.

»Sicher, sicher«, sagte er eifrig. »Aber ich dachte, es ist doch etwas happig.«

Sie hakte sich bei ihm ein.

»Lass uns nicht mehr so viel denken, Süßer! Die Nacht ist kurz, und so jung kommen wir nicht mehr zusammen. Du hast eine gute Wahl getroffen. Bestimmt, ich kann dir sagen, ich muss mal wieder so richtig Dampf ablassen. Mensch, wir machen uns ein gemütliches Stündchen. Willst du?«

Er war in ihrem Netz gefangen und merkte es nicht einmal. Das Mädchen wusste nur zu genau, dass es noch mehr aus ihm herauspressen konnte.

Sie verschwanden in einem Haus. Keiler blickte ihnen nach.

Als sie an Ulrikes Zimmer vorbeikam, biss sie sich unwillkürlich auf die Lippen. Doch dann dachte sie, jetzt hab ich einen guten Kunden, mit dem werde ich meine halbe Stunde verbringen. Bis dahin wird sie sicherlich eingetroffen sein.

Sie schleppte ihn mit auf ihr Zimmer und gab vor, durstig zu sein. Er bestellte und zahlte. Er trank, und sie kippte es heimlich fort. Davon sah er nichts und war selig, denn sie zeigte, was sie konnte. Sie war bemüht, ihm eine schöne halbe Stunde zu bieten. Schließlich war er ein netter Kunde. Die traf sie nicht oft. Auch eine Dirne wollte gut behandelt werden. Er war ganz glücklich und wollte sie sogar zum Schluss aus lauter Dankbarkeit küssen, aber dagegen hatte sie etwas.

Dann standen sie wieder im Gang. Jetzt fiel ihr wieder Keiler ein.

»Moment«, stieß sie hervor.

»Was ist denn auf einmal?«

»Ich komme sofort, muss nur mal schnell zu meiner Kollegin.«

Sie klopfte, aber die Tür blieb geschlossen. Es drang auch kein Licht heraus. Sie biss sich auf die Lippen. Jetzt konnte sie keine Zeit mehr verlieren, schließlich musste sie noch mehr Kunden in dieser Nacht bedienen, denn sie hatte ihr Soll noch nicht zusammen.

»Gehen wir, es hat sich erledigt.«

Die Hure stand noch keine Minute allein unter ihrer Laterne, da war auch Keiler schon wieder zur Stelle.

»Hast du mit ihr gesprochen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Was soll das heißen?«, fluchte er.

»Sie ist nicht da! Vielleicht ist sie fort, als ich meinen Kunden bediente.«

»Verdammte Hure, ich habe die ganze Zeit hier gestanden und den Eingang im Auge behalten.«

»Tut mir leid, dann habe ich sie wohl noch nicht gesehen.«

»Was?«, schrie er sie an.

»Vielleicht ist ihr etwas zugestoßen?«

Keilers Wut war nicht zu bremsen.

»Wenn die Hure mich wieder versetzt, dann passiert was, dann lernt sie mich aber mal richtig kennen.«

»Ulrike ist aus anderem Holz geschnitzt«, sagte die Dirne hochmütig.

Er hätte sie vor Zorn schlagen mögen, doch jetzt waren zu viele Kunden unterwegs.

»Wir sprechen uns noch.«

Sie biss sich auf die Lippen.

»Na ja, ich habe alles getan, was in meiner Macht lag«, murmelte sie leise vor sich hin.

Dann hatte sie Ulrike schon wieder vergessen.

Keiler strich wie ein hungriger Wolf durch die Gegend. Seinen richtigen Namen kannte niemand. Eines Tages war er da, und sie nannten ihn Keiler, warum? Niemand wusste es genau. Doch der Name passte zu ihm. Er streunte durch die Gegend und suchte sein Rennpferdchen. Bei sich nannte er sie immer, meine Rennpferdchen. Eigentlich musste er viel mehr Geld für sie bekommen, Dolfo kümmerte sich ja nicht mehr um sie.

So sehr er auch das Strichviertel nach der verlorenen Dirne absuchte, sie tauchte nicht auf. Schon dachte er daran, zu ihrer Behausung zu fahren. Er war so zornig, dass er jeden anrempelte und sich fast eine Schlägerei einhandelte, denn ein paar junge Burschen, die herumlungerten, warteten nur darauf, sich mit jemandem zu prügeln.

Keiler ging dem aber aus dem Weg und stieß dann endlich auf Blümchen. Der war aus diesem Viertel nicht mehr wegzudenken. Sein Alter war unbestimmbar. Wovon er lebte, wusste auch keiner. Blümchen hörte die Flöhe husten und das Gras wachsen.

Keiler blieb vor ihm stehen.

»Grüß dich, lange nicht gesehen!«

Blümchen drückte sich an ihm vorbei und schob seinen Hut noch tiefer in die Stirn.

»Blümchen, eine Frage!«

Stur trottete er weiter. Erst als Keiler ihm einen Zwanziger hinhielt, blieb er stehen.

»Ach, Keiler, du bist es, hab dich gar nicht erkannt.«

Wieselflink verschwand das Geld in seiner Manteltasche.

»Hab viel zu tun, muss mich sputen.«

»Hast du Ulrike gesehen?«

Blümchen lächelte verträumt.

»Natürlich habe ich sie gesehen!«

Dem Hilu blieb die Luft weg. So selbstverständlich kam das von den Lippen des alten Mannes, als wolle er damit andeuten, er würde immer alles und jedes sehen.

»Wunderbar, dann wirst du es mir auch sagen, wo ich sie finden kann.«

Blümchen blickte ihn treuherzig an.

»Mein Gott, mein Alter und erst das Gedächtnis! Du wirst es nicht glauben, es ist schon so durchsichtig wie ein Sieb, ehrlich!« Er nickte dazu betrübt und wollte sich wieder fortstehlen. Keiler fummelte an seiner Brieftasche herum. Er kannte die Spielart des Alten. Ein brauner Schein wechselte seinen Besitzer.

»Warte, gleich kommt eine lichte Sekunde, ich spüre es schon ganz genau. Sofort!«

Keiler maß ihn mit eiskalten Blicken.

»Wenn du glaubst, dass du noch mehr Geld aus mir herausholen kannst, dann irrst du dich, Blümchen. Treib es nicht auf die Spitze, verstanden!«

Der alte Mann lehnte sich lässig gegen die Laterne. Er hatte keine Angst. Weder vor Keiler, noch vor sonst jemandem. Für ihn war das Leben gelaufen. Es gab ihm keinen Sinn mehr. Er hatte nur nicht den Mut, sich umzubringen. Und manchmal, wenn die Schmerzen besonders stark wurden, dann fluchte er vor sich hin.

»Ich habe sie bei Günter gesehen«, sagte er ruhig.

»Warum nicht gleich?« Blümchen gab darauf keine Antwort. »Wann hast du sie dort gesehen?«

»Nun, vor gut einer Viertelstunde, glaube ich.«

Keiler knirschte mit den Zähnen.

»Sonst noch eine Auskunft?«

»Nein, mehr weiß ich auch nicht.«

Keiler überlegte messerscharf, während er durch die Straßen hastete. Was sollte er mit Ulrike anfangen? Sie machte immer wieder Extratouren. Er musste ihr endlich eine Abreibung verpassen. Sie arbeitete darauf hin, das spürte er ganz deutlich. Sie wollte ihn mal wieder reizen, ihre Macht demonstrieren. Der Hilu ballte die Fäuste.

Diesmal ist sie zu weit gegangen. Ich habe sie oft genug gewarnt. Jetzt kenne ich kein Pardon mehr, nun ist sie endlich geliefert, dachte er wütend.

In seinem Eifer vergaß der Hilu mal wieder, wie gut sich Ulrike mit Dolfo verstand. Sie war seine Lieblingstülle. Sie hatte lange die erste Geige gespielt. Auch jetzt, als an ihre Stelle Ruth getreten war, konnte sie sicher sein, dass Dolfo sie noch mochte. Was das Gemeinste überhaupt war, er hörte sogar auf diese alte Fregatte.

Er stürmte in Günters Schuppen. Ulrike sah ihn nicht, denn er stand hinter ihr.

Keiler hatte sie im Gewühl sofort entdeckt. Günter, der Wirt, sah ihn und wollte dem Mädchen ein Zeichen geben. Doch dafür war es zu spät, außerdem war er zu weit weg von ihr.

Keiler stieß die besoffenen Kerle zur Seite.

»Verpisst euch, aber schnell!«

Sie wollten ihn anpöbeln, doch dann sahen sie, mit wem sie es zu tun hatten und hielten ihren Mund. Mit einer Viper legten sie sich nicht gerne an.

»Du verdammte Mistschlange!«

Ulrike hörte seine Stimme und drehte sich ganz langsam herum. Ihre Augen verengten sich.

In dieser Sekunde entdeckte der kleine Hilfslude die andere Frau. Er gaffte sie an.

»Aber«, sagte er nun.

Elena sah ihn groß an. Etwas mühsam brachte er hervor: »Was hat das alles zu bedeuten?«

Ulrike, die Strichbiene, erhob sich langsam.

»Kannst du mir mal sagen, warum du mich hier so anschreist?« Ihre Stimme war messerscharf.

»Ich suche dich. Das ist alles.«

Noch immer lag sein Blick auf Elena. Er war unsicher, verdammt, er fühlte sich wie auf Eiern. Er war gekommen, um ihr eine mächtige Abreibung zu verpassen. Er war aus dem Konzept geraten. Es machte ihn nervös, dass Ulrike ihm nicht sofort sagte, was das für eine Frau war. Als er ihr jetzt einen raschen Blick zuwarf, spürte er die Feindseligkeit, die von ihr ausging.

»Du musst zum Strich, verdammt!«

Lässig lehnte sie sich gegen die Wand.

»Das wollte ich auch, stell dir das einmal vor.«

Dann blickte sie Elena an.

»Ich muss jetzt gehen.«

So abrupt war ihr Gespräch beendet. Sie fühlte sich in einem luftleeren Raum. Elena wollte sagen: »Bleib, ich brauche dich doch noch.« Doch sie spürte die Kälte und Brutalität, die von diesem Mann ausging.

»Ja«, antwortete sie leise.

»Tschau, bis nächstens wieder mal!«

Ulrike warf einen Geldschein auf den Tresen, lächelte Günter zu und blickte dann den Hilu an. »Worauf warten wir noch?«

Er konnte seinen Blick noch nicht von Elena wenden. Sie war in seinen Augen ein Klasseweib. So etwas sah man nie in so einer schmierigen Kneipe.

»Ja, auf einmal hast du es eilig«, maulte Keiler.

Die Tür pendelte, und dann waren sie verschwunden.

 

 

3

Elena streifte langsam ihre Jacke über und überlegte, was sie noch zu bezahlen hatte. Sie war verwirrt. Dann stand der dicke Wirt vor ihr.

»Was wollen Sie von Ulrike?« Sie war verblüfft wegen seiner Aggressivität. »Hören Sie, sie ist ein nettes Mädchen. Ein verflucht nettes Mädchen, verstehen Sie. Sie hat schon Ärger genug. Ich will nicht, dass ihr etwas passiert. Ich warne Sie, machen Sie Ulrike nicht unglücklich.«

Sie hatte also einen Beschützer.

»Das habe ich auch nicht vor«, sagte sie leise.

»Nein? Warum sind Sie dann hier? Hauen Sie ab, machen Sie eine Fliege, und lassen Sie sich nie mehr hier blicken. Ist das klar genug? Mit Leuten wie Ihnen kriegen die Mädchen doch nur Schwierigkeiten.«

Sie fühlte sich buchstäblich herausgeschmissen. Was soll das, dachte Elena, ich habe doch nichts getan.

Als sie draußen war, spürte sie wieder Kälte und Einsamkeit. Es dauerte nur kurze Zeit, da stand sie wieder auf der Brücke. Sie starrte in die trüben Fluten. Doch sie wusste, sie würde jetzt nicht springen. Langsam ging sie weiter.

Die Tränen rannen über ihr Gesicht.

Sie hatte einen Freund für alle Zeiten verloren. Für immer, denn es gab kein Zurück mehr. Wer so enttäuscht worden war, wer den anderen endlich durchschaut hatte, der konnte keine Freundschaft mehr aufbauen. Sie würde ihm nie mehr trauen können.

In dieser verrückten Nacht hatte sie einen Menschen getroffen, der ihr Wärme gab, der zuhören konnte. Sie lachte bitter auf, als sie wieder daran dachte, dass es sich um eine Dirne handelte.

Ulrike war ein nettes Mädchen. Sie würde die Dirne nie mehr wiedersehen.

Sie biss sich die Lippen blutig.

Dann befand sie sich in ihrer kleinen Wohnung. Sie fiel auf das Bett und schlief bald ein.

 

 

4

Um die gleiche Stunde stand wenige Kilometer von ihr entfernt eine Frau vor dem Spiegel. Sie war mit sich zufrieden. Sie konnte sich ja auch pflegen und alles angenehme in Anspruch nehmen.

Ich wäre verrückt, wenn ich es nicht täte. Mit mir wird man noch lange rechnen müssen, sagte sie sich. Sie hatte eine gute Figur, ein apartes Gesicht und etwas, das die Männer fesselte. Sogar Dolfo war ihr erlegen. Auch wenn er in gewisser Weise Angst vor Ruth hatte, konnte er sich nicht von ihr lösen. Vielleicht ahnte er, dass sie eiskalt war. Ruth war eine teuflische Frau, mehr noch, sie war eine Dämonin. Nur wusste der Großzuhälter es noch nicht.

Eisern und zäh hatte sie sich an die Spitze gebracht, rücksichtslos alles niedergerissen. Als sie endlich die Geliebte von ihm wurde, da lehrte sie ihn, dass er mit ihr nicht so umspringen konnte wie mit den anderen Tüllen. Vielleicht war der Zuhälter schon zu müde zum Widerstand. Sein ganzes Leben hatte aus Kampf bestanden, um Macht, Reichtum, Geld, und dann musste er auch viele Personen schmieren. Er wurde im Laufe der Zeit hart und kalt. Doch jetzt war es anders, er war ausgelaugt und unendlich müde. Er wollte nur noch seine Ruhe haben. Vielleicht auch, weil er wusste, dass er krank war, sehr krank sogar. Dolfo war in eine andere Stadt gefahren und hatte sich untersuchen lassen. Wenn man hier erfuhr, was mit ihm los war, würden sie bald anfangen, ihn auseinanderzunehmen.

Jetzt lag er auf dem Sofa und musterte Ruth. Sie war ein Rasseweib, aber kalt.

Er dachte an Ulrike. Er wurde richtig sentimental. Das war wirklich verrückt. Aber wenn man fünfzig ist und krank, dann ist es nicht verwunderlich, wenn man überlegt, wie es weitergehen soll. Man fragt sich auch, ob es sich überhaupt gelohnt hat? Dieses Scheißleben!

Ruth kam mit wiegenden Hüften näher.

»Was ist denn heute mit dir?«

»Müssen wir wirklich gehen?« Er erhob sich ächzend.

»Der Empfang ist wichtig. Wir dürfen es mit ihnen nicht verderben.«

Dolfo sagte zögernd: »Ich weiß nicht, ob sie damit einverstanden sind.«

Ruth lächelte kalt und überheblich.

»Wir haben doch alles besprochen. Du kannst dich auf Albert nicht mehr verlassen, und ich bin jetzt deine rechte Hand. Das ist so abgemacht.«

»Du bist eine Frau. Ich weiß nicht, ob die Großluden damit einverstanden sind.«

»Ich bin mehr wert als zehn Kerle«, sagte sie zynisch.

Der Großlude blickte sie von unten herauf an.

»Das musst du ihnen erklären, nicht mir. Das lohnt nicht, Süße, das habe ich dir nun schon oft genug gesagt. Es kommt auf sie an, meine Liebe.«

»Du wirst mich unterstützen?«

Er lächelte leicht.

»Ich habe gar nicht gewusst, dass du Hilfe brauchst.«

Sie maß ihn verächtlich. Aber noch musste sie vorsichtig sein, noch durfte sie nicht ihr wahres Gesicht zeigen, sondern sich fügen. Das Eis, auf dem sie stand, war noch sehr dünn. Sie war schlau. Eines Tages musste ihre Stunde kommen, und dann würden sie sich wundern.

Sie lenkte ihn jetzt ab, das war besser so.

»Bin ich schön?«, fragte sie scheinheilig.

»Aber sicher, so schön wie eine Eisbombe«, sagte er und lachte.

Ruth fühlte sich geschmeichelt.

»Das habe ich auch bezweckt.«

»Dann können wir jetzt gehen?«

»Aber ja, ich warte doch die ganze Zeit nur auf dich Cheri!«

Sie verließen die elegante Wohnung. Dolfo japste ein wenig, als sie die Treppen nahmen. Obwohl ein Fahrstuhl im Hause war, ging er die Treppen, der Arzt hatte es angeordnet. Auch als Lude hing man am Leben und ganz besonders, wenn man so viel Geld gescheffelt hatte wie er. Schließlich wollte er jetzt sein Dasein genießen.

Er blickte Ruth von der Seite an. Sie hält mich für einen ausgemachten Trottel, dachte er. Aber sie wird sich wundern. Wenn das Täubchen glaubt, sie könne mich täuschen, dann irrt es sich. Ich weiß sehr wohl um ihre gefährlichen Gedanken. Am liebsten hätte er jetzt laut herausgelacht. Doch er unterließ es.

Ruth steuerte den teuren Wagen durch das Gewühl der Stadt. Als sie wenig später vor dem eleganten Hotel hielten, sah sie sich um. Niemand war in der Nähe. Sie kamen also als Letzte. Nun denn, umso schöner war der Auftritt.

Sie betraten die elegante Halle und das Mädchen dachte, ich möchte nur mal wissen, wieviel sie zahlen mussten, um die Räume zu bekommen. Oder sind die Leute hier wirklich so blöde und wissen nicht, um welche Geschäftsleute es sich heute Abend handelt?

»Wenn Sie gestatten, führe ich Sie.«

Ruth umkrallte ihr kleines Täschchen. Nein, sie würde nie mehr in der Gosse liegen. Sie nicht! Sie wollte immer höher und höher steigen. Diesen Luxus würde sie als Selbstverständlichkeit hinnehmen. Überhaupt, Dolfo verstand ja gar nicht zu leben. Er war ein Schlappi. Wenn sie erst einmal alles an sich gerissen hatte, würde sie ihm zeigen, wo es lang ging. Sie lächelte hintergründig.

Der Mann an ihrer Seite blickte sie erstaunt an. Galt das Lächeln ihm? So eine tolle Frau hatte er noch nie bewundern dürfen. Ein Schauer rann ihm über den Rücken. Dann fragte er sich, ob sie wohl käuflich war; natürlich nur für ganz hohe Tiere. Wen mochte sie schon in ihrem Bett gehabt haben?

Er öffnete die Flügeltür.

Sämtliche Großluden der Stadt waren zugegen. Sie trafen sich jedes Vierteljahr in einem Luxushotel. Es gehörte jetzt einfach zu ihrem Stil. Früher, da ging man in Bruchbuden.

Alle zehn drehten sich herum, als sich die Tür öffnete. Und alle kamen sofort näher. Sie warfen Ruth einen bösen Blick zu.

»Verpiss dich, auf der Stelle, verstehst du! Wenn du nicht eigenhändig von uns hinausgeworfen werden willst, dann zieh ab, mach Fliege!«

Ruth lachte rau auf. Damit hatte sie nicht gerechnet.

»Das könnte euch so passen, wie?« Sie stieß Dolfo an. »Los, sag es ihnen!«

Er räusperte sich.

»Ich habe sie zu meiner rechten Hand gemacht, Freunde. Sie hilft mir bei meinen Geschäften.«

Die Großluden warfen ihm einen zornigen Blick zu.

»In deinen Privaträumen kannst du machen, was du willst, du Schlappschwanz, aber hier kommt keine Hure herein. Hast du uns verstanden?! Uns ist es egal, wer deine Geschäfte führt. Über dieses Thema streiten wir nicht. In der Öffentlichkeit hat die Hure nichts zu suchen, kapiert?«

Details

Seiten
103
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935608
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512060
Schlagworte
redlight street kalt herz

Autor

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Titel: Redlight Street #115: Kalt bis ans Herz