Lade Inhalt...

Redlight Street #116: Zwei sind keine zu viel

2019 98 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Zwei sind keine zu viel

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Zwei sind keine zu viel

Redlight Street #116

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 98 Taschenbuchseiten.

 

Als Renate und Gisa ihren Luden loswerden, müssen sie darüber nachdenken, was sie nun tun wollen. Ohne einen Beschützer ist es völlig unmöglich, auf den Strich zu gehen. Der Zufall verhilft ihnen zu der Bekanntschaft mit Heini, einem rüstigen älteren Herrn, der der Liebe nicht abgeneigt ist, ebenso wie seine Freunde. Doch wie soll in einer Kleinstadt ein Zimmer gefunden werden, um das Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

 

1

Diese Renate!

Um den Ausruf richtig zu verstehen, müssen wir die ganze Geschichte wissen.

Beginnen wir also damit.

Ich will es mal so sagen, wo Renate hintrat, da sanken die Lebenschancen eines Regenwurmes oder eines Maulwurfes sofort auf den Nullpunkt. Sie besaß nicht nur stramme Beine, nein, sie hatte auch eine ansehnliche Figur. Sie maß genau von den Zehenspitzen bis zum letzten Löckchen 1,70 Meter. Wer behauptet, sie sei eine umwerfende Schönheit, die unweigerlich sämtliche Männer in ihren Bannkreis zog, der gehörte an den Lügenpranger.

Diejenigen, die nun vielleicht versuchten, sie als unbedarfte Person zu bezeichnen, waren zweifellos auf dem Holzweg.

Sie war schon eine interessante Persönlichkeit. Das konnte ohne Übertreibung von ihr gesagt werden. Besonders fein war ihr Busen. Vielleicht hatte damit alles angefangen. Das ließ sich jetzt, nach so langer Zeit, schlecht nachprüfen.

Wer sie nach ihrem Beruf fragte, vernahm die verblüffende Antwort; »Ja, wissen Sie es denn immer noch nicht? Ich bin eine Amorpriesterin.«

Das schlug jedes Mal wie eine Bombe ein, und die Frager erholten sich nur mit knapper Not.

Von Bundesmückenjägerinnen, Bordsteinschwalben und Liebesdienerinnen hatten sie ja schon im Laufe ihres Lebens etwas gehört.

Doch Amorpriesterin, was war das eigentlich?

Konnte sie in der gleichen Sparte tätig sein wie die Damen vom horizontalen Gewerbe? Langsam kamen ihnen Zweifel, und ein schlechtes Gewissen hatten sie auch.

Sie lagen durchaus nicht falsch mit ihrer Vermutung. Und Renatchen hatte einen sagenhaften Ludenverschleiß.

Wer sie sah, glaubte das zuerst gar nicht. Doch stille Wasser sind nun mal gefährlich. Das dunkle lockige Haar, die Augen, sie war schon eine ansehnliche Person. Sie tat, als könne sie nicht bis drei zählen. Genau das war das Schlimme. Manche glaubten, sie könnten Renatchen unterbuttern, und merkten leider erst zu spät, dass es ihnen selbst widerfuhr.

Mit dem sagenhaften Ludenverschleiß hatte es auch seine Bewandtnis.

Sie war nun mal ein Original.

Im Augenblick zählte sie einundvierzig Jahre. Es war kaum zu glauben; und dann noch Amorpriesterin. Das stimmte aber. Diese Auskunft erhielt jeder prompt von ihrer Freundin Gisa. Die musste es schließlich wissen, wo sie doch seit einer Ewigkeit mit Renatchen den Strich abklapperte. Mit ihr teilte sie sozusagen alles.

Zur Zeit waren sie beide ohne Beschützer. Das hatte Gisa auch Renatchen zu verdanken. Sie waren überglücklich, denn so konnten sie ihre Bundesmücken allein verbraten. Doch eine Amorpriesterin braucht nun mal außerhalb der Geschäftsstunden Liebe.

Ohne Lude keine Liebe, so einfach war das.

Sie hatten kräftig Ausschau nach ihnen gehalten. Doch in dem entzückenden Städtchen war keiner mehr bereit, die beiden anzumieten, obschon jeder wusste, dass sie noch ganz gut im Rennen lagen und so manchen Hunderter einbrachten. Sie hatten endlich die Nase voll von denen und ließen sie vorläufig in Ruhe.

Wohlverstanden würden sie die Damen nur so lange in Frieden lassen, wie sie nicht mehr auf den Strich kamen.

Dort hatten sie Hausverbot erhalten.

Gisa und Renate fragten sich, ob so etwas überhaupt für eine Straße ausgesprochen werden konnte. Wahrscheinlich meinten sie Straßenverbot.

Mit dem letzten Luden war es schnell bergab gegangen, im wahrsten Sinn des Wortes.

Das hatten sie nur einer der vielen Leidenschaften Renates zu verdanken.

Es war anzunehmen, dass, wenn ein Mensch die Nacht auf einer Strichstraße stand und tapfer anschaffte, er am nächsten Tag geschlaucht war. Und die Wochenenden daheim im Liegestuhl verbrachte, um neue Kräfte zu sammeln.

Das war bei allen Nutten der Fall, nur nicht bei Renate.

Es lag an ihrer blödsinnigen Leidenschaft. Sie musste wandern.

Wenn sie einen Wald erspähte, ließ sie nicht locker. Es gab einfach kein Halten mehr.

Sie war dann irre glücklich.

Nun sei ihr zugestanden, sie sah für ihr Alter noch prächtig aus. Rosige Bäckchen, herrliche stramme Beine und überhaupt. Ja, die Natur bedankte sich gewissermaßen bei Renatchen, dass sie so gütig war und sie besuchen kam.

Der Lude glaubte zuerst an eine kleine Marotte, denn niemand ließ seine kostbare Ware allein herumlatschen. Es könnte ja sein, dass irgendwer sie für Freiwild hielt und ein anderer Lude nahm ihm das gute Kind fort. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und mitzuwandern.

Nur erfuhren sie es erst, wenn sie sich ein paar Blasen gelaufen hatten, dass dies die reinste Marter war. Leider konnten sie auf dem Berg nicht nach einem Taxi rufen, sondern mussten auf Schusters Rappen runtergehen.

Danach waren sie so geschafft, dass sie eine Woche lang nicht den Strich besuchen konnten. Eine Nutte ohne Schutz kann nun mal nicht ihrem Gewerbe nachgehen, das ließ schon die Konkurrenz nicht zu.

Das bedeutete Lohnausfall auf der ganzen Linie.

Renate wurde streng ins Gebet genommen, mit den Wanderungen aufzuhören.

Sie tat es auch ernsthaft, denn sie war gutmütig bis zum Äußersten. Sie war dann so zerknirscht und sah bekümmert ihr verschandeltes Lüdchen an.

Doch war der Drang größer, und weil sie ja eine ganze Woche nicht auf Anschaffe war, hatte sie ihre Kräfte wiedergewonnen. Sie konnte sozusagen mal wieder aus dem Vollen schöpfen. Also ging das Elend wieder von vorne los. So kam es, dass der Lude, wenn er überleben wollte, seine Biene rechtzeitig an einen ahnungslosen Mitstreiter verkaufte. Deshalb ergab es sich, dass Renate und Gisa, ihr Anhang sozusagen, fast durch ganz Deutschland kamen.

Jetzt waren sie in einer süddeutschen Kleinstadt gelandet.

Der letzte Lude, der sie hier gekauft hatte, rieb sich die Hände und dachte: Die kriegt mich nicht klein. Es ist ja Winter und der Schnee liegt hoch, die kann jetzt nicht herumziehen wie eine Verrückte. Der werde ich das gründlich austreiben, darauf kann sie sich verlassen.

Er hörte zu spät von Renates zweiter Leidenschaft, die nicht minder stark ausgeprägt war.

»Skilandschaft«, säuselte sie dem sprachlos dastehenden Luden ins Gesicht.

»Das ist sehr gesund. Ich brauche das, verstehst du. Da kommt das Blut so richtig in Wallung. Ich fühle mich tipptopp und kann die ganze übrige Woche ruhig stehen. Wenn ich mir die Beine in den Bauch friere, das macht mir dann nix aus. Ich sage dir, das ist Spitze. Du musst das auch machen, denn du bist auch nicht mehr so taufrisch.«

»Du bist verrückt!«

»Nein, nur normal. Ich will nämlich hundert Jahre alt werden, verstehst du. Und das werde ich auch, denn wenn sich Renatchen mal etwas vorgenommen hat, dann tut sie es auch, klar.«

Er konnte nur noch schwach nicken.

»Es geht ganz einfach. Das hast du an einem Wochenende gelernt. Frag Gisa! Die hat es auch schnell kapiert.«

Gisa zog es vor, schnell ein Stück Torte in den Mund zu schieben, so brauchte sie nur mit den Augen zu rollen und keine Antwort zu geben.

Der Lude dachte gründlich nach. Dann kam er auf den Trichter und sagte sich: Auf ihre Weise hat sie recht. Ich brauche ja selbst gar nicht zu gehen. Ich stehe auf zwei Brettern und sause dahin. Eigentlich wird das ganz fix gehen, und ich hab sie unter Kontrolle. Wenn sie nun mal den Tick hat, werde ich ihn ihr belassen. Sie ist in der Tat eine gute Nutte. Sie bekommt gleich Stammkundschaft, egal wo man sie aufbaut. Sie hat etwas Mütterliches an sich. Deswegen mag ich sie ja persönlich gut leiden.

»Meinetwegen!«

Er wurde stürmisch umarmt.

»Du bist goldig.«

Der Lude tastete vorsichtig nach seinen Rippen. Sie waren noch heil.

»Sag mal, gehst du mit deinen Kunden auch so rau um?«

Sie grinste ihn an.

»Früher schon, also, ich kann dir Stories erzählen, da würdest du dich biegen vor Lachen. Jetzt mach ich das schon lange nicht mehr. Nur wenn ich in Rage bin, weißt du, dann kann ich mich einfach nicht mehr zurückhalten.«

»Ich hoffe nur, dass du das nicht bei mir bist.«

»Niemals! Ich hoffe, dass ich ziemlich lange hier bleibe. Das Städtchen gefällt mir über die Maßen gut. Vielleicht können wir hier ein Haus kaufen und richtig auf Familie machen. Was meinst du?«

Der Lude bekam den Mund nicht mehr zu.

»Du bist wohl total bekloppt!«

»Nun, ich werde auch mal älter, oder etwa nicht.«

Um sie von diesem Thema schnell abzulenken, fragte er sie, wann sie aufbrechen wollten.

»Morgen«, war die knappe Antwort.

 

 

2

Der Lude wunderte sich über Gisa, weil sie noch unten war und sich mit den Brettern abquälte. Fast gehässig warf er ihr die Worte an den Kopf: »So blöde wie du dich anstellst, also wirklich, das müsste verboten werden.«

»Ja, ich weiß«, sagte sie traurig. »Fahrt ihr man schon los. Ich komme später nach.«

»Gisa macht es auf ihre Art«, sagte Renate. »Sie wird nie eine Sportkanone.«

»Leider, das war vorauszusehen.«

Die beiden verschwanden hinter der nächsten Kurve. Gisa sah ihnen fröhlich nach. Kaum, dass sie weg waren, löste sie die Bretter, stapfte vergnügt zum Gasthof und begab sich in die warme Stube. Sie fragte sich, wie lange es diesmal dauerte, bis auch der Lude hier wütend eintrudelte.

Diesmal sollte sie lange warten müssen.

Inzwischen tat sich im Wald allerhand. Er begriff recht schnell, dass es eine elende Schufterei war. Er kochte vor Zorn, weil er ständig Fehler machte, schrie Renate an und hörte gar nicht auf sie. Dann war er an dem Punkt angelangt, wo er die ganze Sache abbrechen wollte. Er hielt sich für mächtig schlau und dachte: Ich latsche doch nicht den ganzen Weg zurück, nie und nimmer. Dort gibt es einen flachen Hang, den rutsche ich runter, und dann bin ich bald auf dem Parkplatz. Mag sie hier so lange laufen, wie sie will. Ein paar hohe Tannen am Hang sah er wohl. Doch dass er mit Skilanglaufbrettern keine Abfahrten machen konnte, wusste er nicht. Und überhaupt, Abfahrten waren etwas ganz anderes, die mussten mühsam erlernt werden.

Ehe sich Renate versah, war er schon dabei.

Sie stand oben auf dem Weg und schrie sich die Lunge aus dem Hals. Doch es war vergebens.

Sie sah das Unglück schon auf sich zukommen. Richtig, er fiel hin, und dann ging alles sehr schnell. Irgendwann blieb er mit seinen Brettern zwischen zwei Bäumen hängen. Danach hörte sie einen durchdringenden Schrei.

Als Gisa bei der dritten Tasse Kaffee war, kam Renate über den Platz gerannt. Sie war nicht in Begleitung des Luden.

Renate lief sofort zum Wirt und verlangte einen Krankenwagen.

Dann erzählte sie Gisa, was sich zugetragen hatte.

»Er ist vom Berg gefallen.«

»Nicht schon wieder«, jammerte Gisa gleich los. »Wir wollten doch hier sesshaft werden. Das geht doch nicht. Es gibt fast keine Stadt mehr, wo wir uns sehen lassen dürfen.«

»Ich kann doch nichts dafür«, verteidigte sich die Amorpriesterin.

»Herrje, du machst mich verrückt. Ich verlasse dich, hörst du.«

»Ach, reg dich doch ab. Wie oft hast du das schon gesagt und doch nicht getan. Du langweilst mich.«

Gisa zog es vor, zu schweigen.

Nach einer halben Stunde endlich war der Krankenwagen zur Stelle. Der Lude hatte sich beide Beine gebrochen und die Fußknöchel. Er musste in die Klinik gefahren werden.

Eigentlich hätten sie jetzt wieder Hausverbot auf dem Strich bekommen, aber nun mussten die Rechnungen bezahlt werden. Der Lude hatte mal wieder blanke Taschen. Weil das jedem mal passieren kann, drückten die anderen Luden ein Auge zu und meinten: »Gut, sie dürfen also hier für dich auf den Strich gehen und die Mäuse anschaffen. Sollten sie aber übermütig werden, dann fliegen sie, verstanden. Wenn sie Ärger bekommen, müssen sie das unter sich ausmachen. Wir helfen ihnen nicht. Sie erhalten keinen Schutz von uns, damit du es weißt.«

»Das geht nicht. Ihr kennt die Kunden. Es sind immer ein paar Verrückte darunter.«

»Deine Sache, wenn du dir eine Bekloppte als Tülle an Land ziehst. Das ist nicht unser Problem.«

Renate und Gisa wurden eingehend von ihrem Luden gewarnt. Sie versprachen, brav zu sein.

Schon in der ersten Nacht bekam Gisa mit einem Kunden Streit. Weil sie nun mal so klein und zierlich war und mit einem Wort, etwas mickerig neben Renate wirkte, glaubte der Mann, er könne sich alles bei ihr leisten.

Renatchen war gerade unterwegs, und Gisa konnte sich auch selbst ganz gut verteidigen. Nur, als noch ein Kunde kam und sich einmischte, wurde es ihr doch zu arg. Sie ging in die Knie und die Männer droschen eifrig auf die kleine Tülle ein. Die anderen Bienen standen am Ende der Straße, sie amüsierten sich hämisch und machten ihre Witze dazu.

Zum Glück hielt in diesem Augenblick ein Wagen. Renate kam zurück. Sie brauchte nur ein paar Sekunden, um zu wissen, dass sie gebraucht wurde.

Ihre Arme gingen wie Dreschflegel. Sie teilte so gründlich und tüchtig Schläge aus, dass nun ein Freier am Boden lag und jammerte. Sie tat ganze Arbeit. Die anderen, die noch hinzukamen, ergriffen die Flucht, da sie das Aufblitzen in den Augen der Tülle bemerkt hatten. In diesem Augenblick kam eine Streife.

Renate erklärte ruhig, dass es ihr leid täte, aber sie hätte sich nun mal verteidigen müssen. Sie sollten sich doch mal gefälligst das arme Gisachen ansehen. Während sie dies vorbrachte, war sie dabei, Gisas Kleidchen blank zu klopfen und ihre Haare zurechtzuzupfen. Ihrer Meinung nach sah sie jetzt einem gerupften Huhn ziemlich ähnlich.

Die Bullen lasen den gestürzten Freier auf, blickten ihm scharf in die Pupillen und erkannten einen stadtbekannten Stänkerer. Da hatten sie besonders großes Vergnügen daran, ihn mitzunehmen. Seine Alte sollte Zähne wie ein Haifisch haben. Er flehte und rang die Hände. Vielmehr wollte er es tun, aber dann sackte er wieder weg. Jetzt stellten sie fest, dass Renate wieder recht heftig ihre Meinung durchgesetzt hatte.

Der Mann landete in der Klinik und ausgerechnet in dem freien Bett neben dem lädierten Luden. Als Renate diesen besuchen ging, züchtig angezogen und mit Blümchen in der Hand, sah sie ihn wieder. Eine Frau stand am Bett. Der Arme lief fast blau-lila an.

Die Tülle Renate war nun einmal eine Seele von Mensch. Vielleicht hatte sie Russen unter ihren Ahnen. Anders konnte dieses Verhalten kaum erklärt werden. Sie war zart und mitfühlend, als sie sich an den geschundenen Mann wandte.

»Was haben Sie denn nur? Nein, wie tut mir das aber leid. Bei dem schönen Wetter müssen Sie hier liegen. Nein, mein Freund, so was!«

Die Frau erklärte bärbeißig: »Sie können sich nicht vorstellen, was für gemeine Weiber in unserer Stadt herumlaufen. Die haben meinen Paul einfach angefallen und zu Boden geworfen. Sieben an der Zahl sollen es gewesen sein.«

Die Tülle saß ganz aufrecht. Ein leichter Schimmer erschien in ihren blanken Augen.

»Ach, sieben Stück«, sagte sie leise.

Der Mann wäre am liebsten unter seiner Decke vollends verschwunden.

Renates Lude wunderte sich, weshalb sie so großes Interesse an dem Mann zeigte und sich um ihn gar nicht kümmerte. Schon wollte er wütend werden. Da mischte sich Gisa ein. Mit verhaltener Stimme erklärte sie den ganzen Sachverhalt. Der Lude grinste nicht schlecht. Du meine Güte, der Kerl hatte ihm die reinsten Schauergeschichten erzählt. An und für sich hätte er ja selbst darauf kommen müssen.

Renate, und keine andere, dabei sprach der Kerl von sieben Weibern.

»Sie müssen auf Ihren Mann besser aufpassen«, hörte er seine Tülle reden. »Vor allen Dingen darf er in der Nacht nicht allein durch die Straßen laufen. Warum war er denn zu so später Stunde unterwegs?«

Das war das Stichwort für sein Eheweib.

»Zum Kuckuck, die Dame hat ja recht. Warum bist du eigentlich so spät draußen gewesen? Kannst du mir das erklären?«

Renate wandte sich jetzt lammfromm an ihren Luden. Der Streit ging sie nichts mehr an.

Ihr Lude blitzte sie an. »Du hast mir versprochen, keinen Mist zu machen.«

»Aber sicher, wir halten uns auch daran. Du kannst Gisa fragen. Wir sind unschuldig. Außerdem, wir müssen uns selbst helfen, während du hier gemütlich in den Kissen liegst.«

»Ja, ich bin also wieder mal der Schuldige, wie?«

Sie tätschelte seine Backe.

»Werde nur schnell gesund. Dann haben wir wieder unseren Spaß.«

Mütterlich schüttelte sie die Kissen auf, schob das Blümchen zurecht und streichelte ihn.

»Jetzt müssen wir gehen.«

»Bis bald«, sagte auch Gisa, und dann waren sie verschwunden.

Draußen meinte Renate träumerisch: »Das Schicksal ist doch sehr seltsam, nicht?«

»Ja«, sagte Gisa inbrünstig.

Renate warf ihr aus lichter Höhe einen Blick zu.

»Wie meinst du das?«

Gisa meinte ernst: »Ich möchte nur wissen, was aus mir geworden wäre, wenn ich dich nicht kennengelernt hätte. Tatsächlich, das würde mich heftig interessieren.«

Renate maß sie von oben bis unten.

»Das kann ich dir genau sagen. Aus dir wäre nichts, aber auch gar nichts geworden, mein Mädchen. Wenn ich dir nicht auf die Zehen trete, stolperst du doch pausenlos in eine Falle. Ja, ja, auch damals, als sich unsere Wege kreuzten, musste ich dich retten. Du kannst froh sein, dass du meine Freundin bist.«

»Weiß ich, aber vielleicht wäre mein Leben auch gemütlicher verlaufen.«

»Sei kein Frosch. Das ist doch okay. Wir haben viel erlebt und gesehen.«

»Schon, aber wir müssen doch auch mal ans Alter denken, und außerdem ist da noch etwas.«

»Was meinst du denn?«

Gisa biss sich auf die Lippen.

»Die Liebe kommt bei mir zu kurz.«

»Mein Kerl ist ja auch nicht zur Stelle, wenn ich ihn brauche.«

»Trotzdem!«

»Gisa, warum machst du alles so kompliziert? Hör doch endlich auf, nach einem Ehemann auszuschauen. Das nervt mich.«

»Ich kann nur glücklich sein, wenn ich wirklich liebe. Das weißt du doch. Ich brauche einfach einen Mann fürs Herz. Einen anständigen, meine ich.«

»Ja, ja, die Leier kenne ich. Da lernst du einen Kunden kennen, bist in ihn verschossen und glaubst, er meint es ehrlich, und dann ist es zappenduster.«

»Ach, eines Tages werde ich den Richtigen finden, du wirst schon sehen.«

»Schick mir eine Postkarte, wenn du ihn hast, aber jetzt komm.«

 

 

3

Renate dachte über Gisas Worte nach. Nun, sie waren nicht in den Wind zu schlagen, wie es im Augenblick aussah. Sie hatte recht, langsam setzte auch sie Moos an. Nur zeigte sie es weniger deutlich.

Als sie sich vor gut zehn Jahren kennenlernten, waren sie nicht davon überzeugt, dass es von langer Dauer sei. Gisa hatte eine seelische Krise und heulte wie ein Schlosshund. Die Luden hatten sich über sie lustig gemacht und ganz schön ausgebootet. Weil Renate auch auf dem Strich keine Ungerechtigkeit duldete, hatte sie Gisa unter ihren Schutz gestellt. Ihr Lude war entzückt deswegen, denn sie musste ihm jetzt eine Schutzgebühr zahlen. Renate hätte sich nie an dem Luden von Gisa vergriffen. Nein, da war sie eisern.

Renate musste im Augenblick über ihre Worte nachdenken. Doch bald nahm die Arbeit sie wieder ganz in Anspruch. Schließlich waren die Krankenhauskosten ziemlich gesalzen, und der Lude stellte überdies allerhand Ansprüche. Zudem musste sie auch arbeiten, Gisa natürlich auch.

Sie schufteten sich die Seele aus dem Leib. Renate war ein sehr gutes Pferdchen, und in ihrem Windschatten lebte Gisa auch nicht schlecht. Sie sahnten ganz schön auf der Strichstraße ab, zum Missvergnügen der anderen Nutten. Die hatten mal daran gedacht, sie zu vertreiben. Doch ihre Luden hatten geschworen, sie in Frieden anschaffen zu lassen, solange der andere krank war.

So warteten sie sehnsüchtig auf den Tag, an dem er das Krankenhaus verlassen durfte.

Darüber wurde es Frühling.

Der Lude war endlich wieder draußen.

Renate bekam blanke Augen und ging auf Wanderschaft. Er ließ sie ziehen, aber sie kam nicht immer zurück. Sie hatte sich angeblich verlaufen. Das stimmte natürlich nicht. Nur ihr gutes Herz war schuld daran. Im Wald traf sie viele einsame Wanderer. Nun ja, und dann ging sie eben mit. Und dann kam es, wie es kommen musste.

Gisa, die ständig auf der Suche nach einem Ehemann war, begleitete Renate. Als sie wieder auftauchten, waren inzwischen zwei Nächte vergangen, aber sie hatten keine Einnahmen gemacht. In ihrer Arbeitszeit nahmen sie viel Geld für die Liebe, aber nicht in der Freizeit. Der Lude wollte sie deswegen mal schlagen, aber da kam er bei Renate schön an.

Er wusste es, er machte sich langsam zum Gespött der anderen Luden. Ich kann mich nur durchsetzen, wenn ich sie begleite, dachte er. Das tat er nur einmal, und dann war es aus. Er war so stinksauer, dass er die beiden Nutten ziehen ließ.

Kaum erfuhr der Straßenstrich diese Neuigkeit, waren die anderen Nutten richtig glücklich.

Als die zwei ahnungslosen Tippelmädchen sich am Abend wieder aufbauen wollten, war die ganze Straße gegen sie. Die wilde Jagd auf sie begann. Renate kam gegen diese Übermacht nicht an. Japsend rannten sie davon.

Schlicht und einfach erklärt, sie hatten wieder mal Stehverbot.

»Verflixt, und die Stadt gefällt mir so sehr«, murmelte Renate verdrossen. »Hier gibt es die schönsten Wanderwege. Verdammt, wir müssen uns etwas einfallen lassen.«

Sie saßen auf einer Parkbank und grübelten darüber nach, was zu tun sei.

Gisa machte tatsächlich den dummen Vorschlag, sie könnten es ja mal mit richtiger Arbeit versuchen.

Renate war so entsetzt, dass sie sage und schreibe fünf Minuten lang sprachlos war, und das sollte wirklich etwas heißen.

»Und wo?«

»Hast du sie gesehen?«

»Wen soll ich gesehen haben?«

»Nun, hier gibt es zwei große Fabriken. Die stellen bestimmt Leute ein.«

Renate war perplex. »Sag mal, wo sollen die denn sein?«

»Nun, da hinten an der breiten Straße, direkt gegenüber liegen sie.«

Renate dämmerte es langsam.

»Mensch, du blöde Kuh, das sind doch keine Fabriken, das sind Silos.«

»Ach so, dann ist nichts zu machen.«

»Vielleicht können die doch welche brauchen?«

Renate machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Wie viel Zaster hast du noch?«

»Zweitausend, mehr ist es leider nicht.«

»Ich hab noch fünfhundert, dann ist es ja gar nicht so schlecht.«

»Wie meinst du das?«

»Kommt Zeit, kommt Rat. Also, wir müssen jetzt anfangen, sehr einfach zu leben. Vor allen Dingen werden wir uns selbst beköstigen. Wir kaufen uns eine kleine Herdplatte und einen Kochtopf, dann geht die Kocherei los.«

»Hast du schon mal gekocht?«

»Nein, aber hast du schon mal gesehen, dass etwas nicht klappt, wenn ich es in Angriff nehme?«

»So war es nicht gemeint!«

»Du wirst schon sehen.«

Die Ergebnisse der Kochkünste der Tülle Renate waren grauenhaft. Nicht mal die Hunde auf der Straße nahmen sie zur Kenntnis, aber sie gab nicht auf.

Vielleicht hatten sie es der Sturheit Renates mal wieder zu verdanken, dass sie ein anderes Leben anfingen. Das Schicksal geht oft seltsame Wege, muss man wissen. Die Suche fing äußerst merkwürdig an.

 

 

4

Es war Markt, und Renate versuchte es mit Frischgemüse. Gisa war unterwegs auf der Suche nach einem Kochbuch für Anfänger. Renate hatte eingekauft und setzte sich nun ein wenig abseits auf eine Bank. Hinter ihr befand sich das Schlossrestaurant. Seufzend dachte sie an die Zeiten, wo sie einfach ein Lokal aufsuchte und sich satt essen konnte.

Vor ihr auf dem Weg krakeelten die Spatzen. Sie zankten sich um einige Brotkrumen. Renate war so vertieft, dass sie zuerst gar nicht bemerkte, dass sich jemand zu ihr auf die Bank setzte. Als dieser Jemand plötzlich jammerte und stöhnte, hob sie den Kopf. Zuerst dachte sie, Gisa sei wieder etwas passiert, dann sah sie zu ihrer Verwunderung einen älteren Herrn vor sich. Er war fesch und noch ganz gut beisammen. Als sie ihn näher betrachtete, entdeckte sie an der Schläfe eine Beule.

Sofort hatte sie Mitleid mit ihm.

»Haste deine Zeche nicht bezahlen können?«

Im selben Augenblick erfasste sie, wie elegant er gekleidet war und ganz bestimmt nicht unter Geldmangel litt.

Der ältere Herr mit den grauen Schläfen wandte sich stöhnend zur Seite und meinte: »Wie bitte?«

Er sah wirklich bedauernswert aus.

»Ich meine, wegen da oben. Das sieht scheußlich aus. Es tut auch bestimmt weh, nicht?«

»Und ob, das kann man wohl sagen.«

Eine Weile schwiegen sie.

»Ich will mich ja nicht einmischen«, wandte sich Renate wieder an den Nachbarn, »vielleicht kann ich helfen.«

Die blauen Augen wurden lebendig, er musterte die Frau und grinste versteckt. Er schien ein fröhlicher Mensch zu sein, wenn er nicht pausenlos Beulen zugefügt bekam.

»Helfen? Vielen Dank für das Angebot. Ich glaube, mir können Sie nicht helfen.«

»Warum nicht, wenn ich fragen darf?«

Er zuckte die Schultern.

»Wer hat Ihnen denn diese Unmenschlichkeit angetan?«

»Lisa war es.«

»Ein Weib also, hab es mir fast gedacht.«

»Lisa ist kein Weib«, hörte sie ihn scharf antworten.

»Ach du liebe Güte, jetzt nimmt er den Drachen auch noch in Schutz.«

Er zuckte zusammen, denn der Schmerz war war wieder da.

»Lisa ist meine Frau, nun wissen Sie es genau.«

Renate war verdutzt, dann lachte sie schallend los. »Jetzt wollen Sie mir wohl noch weismachen, dass Sie gegen einen Schrank gelaufen sind, wie?«

»Nein, es war eine Bratpfanne, die mittlere.«

Renate rutschte interessiert näher.

»So-so, die Bratpfanne, und die kam von ganz alleine?«

»Nein, Lisa hat mich damit geschlagen.«

»Das muss ja eine glückliche Ehe sein. Wie interessant und wie praktisch, denn wenn es Geschirr gewesen wäre, käme es mit der Zeit sehr teuer.«

Er musste lachen und blickte sie amüsiert an. »Sie haben wohl Humor, wie?«

»Immerzu, sonst wäre ich verloren.«

Er betupfte sich die Beule und seufzte.

»Warum ist das denn passiert?«

»Weil sie das Heft unter meiner Matratze gefunden hat.«

»Aha, ich versteh nur Bahnhof.«

»Das Pornoheft«, sagte der Mann ein wenig verschämt.

Renate legte schnell eine Hände auf ihren Mund, sonst hätte sie laut herausgelacht und ihn ganz sicher verärgert.

Er ließ das Taschentuch fallen und jammerte wieder.

»Sie Armer, hatten Sie denn kein anderes Versteck?«

Er wandte seinen Kopf der Frau zu und musterte sie erstaunt. »Ich wundere mich selbst, warum ich Ihnen das erzähle, aber irgendwie habe ich Vertrauen zu Ihnen.«

»Vielen Dank, das ehrt mich ungemein.«

Sie blickten sich an und lachten.

»Sie sind also nicht entsetzt?«

»Da hätte ich viel zu tun.«

Seine blauen Augen fingen an zu plinkern. »Nun, ich meine, dass ich, in meinem Alter, äh, ich kann mich so schlecht ausdrücken, es ist mir einfach peinlich.«

Sie nickte verständnisvoll.

Da gab sich der elegante Herr einen Ruck.

»Auch Opas brauchen Liebe.«

»Natürlich, das verstehe ich sehr gut«, sagte die Tülle, denn sie kannte sich gut aus. In der Tat hatte sie auch immer Kunden dieses Semesters und fand sie sogar richtig süß. Vor allem waren sie nicht wild darauf, eine Tülle zu betrügen, und waren außerdem oft treu wie Gold. Sie behielt diese als Stammkundschaft. Treu und einfach, das machte das Leben als Tülle angenehm, sofern sie die Herren mit den grauen Schläfen erobern konnte.

Renate interessierte sich jetzt für sein Seelenleben.

Es ist zu bedenken, dass sie diese Gattung Mensch sonst nur in der Nacht kennenlernte. Jetzt war heller Tag, und sie saßen in einem kleinen Schlosspark. Der Mann schien wirklich unter Kummer zu leiden.

»Müssen Sie denn auf Hefte zurückgreifen? «

Er war verwirrt.

»Nun«, meinte er zögernd, »so einfach ist das jetzt nicht mehr.«

»Wieso denn das?«

»Ich bin vor gut zehn Monaten pensioniert worden. Da kann ich nicht mehr so fort, verstehen Sie?«

»Nein, ich stehe auf der Leitung.«

»Karlsruhe, jetzt wissen Sie es.«

»Inwiefern Karlsruhe? Was soll das heißen?«

»Mensch, Mädchen, hier ist doch nix los. Ja, und dann ist ja auch noch das andere Problem.«

»Von welchem Problem sprechen Sie?«

»Man könnte mich doch hier erkennen.«

»Das ist wahr.«

Wieder lächelten sie sich an.

»Karlsruhe, also, das war nicht schlecht, aber jetzt geht das nicht mehr. Als ich noch im Dienst war, konnte ich mal schnell rüberfahren, und alles ging glatt über die Bühne.«

»Ich verstehe«, grinste Renate. Sie wusste Bescheid.

Der Mann machte ein betrübtes Gesicht.

»Komisch, ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das erzähle. Sie können mir doch nicht helfen.«

Renate kniff für einen Moment die Augen zu und dachte angestrengt nach. Dann ging ein Lächeln über ihr Gesicht.

»Vielleicht doch, obwohl Sie es nicht glauben.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

Erstaunt riss der Mann seine himmelblauen Augen auf.

»Ja, warum eigentlich nicht. Das ist eine Marktlücke«, murmelte sie vor sich hin.

Das hatte der Mann nicht verstanden.

Renate rückte noch ein bisschen näher.

»Sie tun mir leid.«

»Sie verstehen das also?«

»Natürlich, Sie haben ganz recht, wenn Sie sagen, auch Opas brauchen Liebe.«

»Ja, so ist es.«

Es kam aus vollem Herzen.

»Bestimmt haben Sie auch Angst, dass man über Sie lacht, nicht wahr?«

»Ja, das ist auch ein Problem.«

Er sah sie interessiert an.

»Junge Frau, Sie sind wohl nicht von hier?«

»Nein, das merkt man mir auch sehr schnell an, ich spreche hochdeutsch.«

»Es ist mir gleich aufgefallen.«

Renate dachte: Langsam muss ich mich erklären, sonst hat das alles keinen Zweck. Ich muss doch mal sehen, ob sich da nicht was machen lässt. Der Mann tut mir wirklich leid.

»Auf dem hiesigen Strich ist nichts mehr los.«

»Woher wissen Sie das?«

»Nun, weil ich mal dort gestanden habe.«

Der ältere Herr bekam den Mund nicht wieder zu.

Sie sah ihm fest in die Augen.

»Ich bin eine von denen.«

Das Atmen wurde ihm ein wenig erschwert.

»Sind Sie jetzt vielleicht geschockt?«

»Äh«, sagte er nur und wusste in der Tat nicht sofort zu antworten. Sie hatte ihn sofort überrumpelt.

»Nein, nein«, antwortete er hastig, als er den metallischen Glanz in ihren Augen bemerkte. »So meine ich es nicht. Ich denke bloß, eigentlich habe ich die mir ganz anders vorgestellt in der Freizeit. Überhaupt, ich kann es noch nicht so recht glauben. Nein, Sie sehen nicht danach aus. Ich finde, Sie wirken eher mütterlich.«

»Tue ich das?«, half sie ihm weiter.

»Ja«, sagte er fast erleichtert.

»Das ist ein Kompliment für mich.«

Er lächelte und fühlte ein seltsames Kribbeln. Erst jetzt machte er sich die Mühe und sah sich das Frauchen etwas näher an. Sie war noch ganz schön in Ordnung. Donnerwetter, mit der machte es bestimmt wieder soviel Spaß wie früher, als er noch ein Draufgänger war und die kleinen Mädchen aufkreischten, wenn er ihnen nachstellte.

Die Beule machte sich wieder bemerkbar.

Fast fürsorglich gab sie sich jetzt.

»Ja, wie können wir denn das Kind schaukeln?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie gefallen mir immer besser.«

»Ist das wahr?«

Die Glocke schlug an, und der ältere Herr zuckte zusammen.

»Du liebe Güte, gleich machen die Geschäfte zu, und ich muss noch einkaufen.«

»Sehen wir uns wieder in nächster Zeit?«

»Das könnte schon sein.«

Der Mann erhob sich. Renate blieb vor ihm stehen. Sie waren fast gleich groß.

»Ich stehe aber nicht mehr hier.«

»Ach so, ja, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.«

»Wir sollten uns hier wieder treffen, morgen.«

»Damit bin ich einverstanden.«

»Um die gleiche Zeit, ginge das?«

»Das lässt sich einrichten.«

Dann eilte er davon.

Renate ließ sich wieder auf die Bank fallen und dachte: Wo Gisa nur bleibt. Sie hat doch nicht wieder etwas angestellt?

Leider war dem so, es war etwas, womit selbst Renate bis jetzt nicht gerechnet hatte.

 

 

5

Gisa war, wie gesagt, auf der Jagd nach einem Kochbuch gewesen. Dabei kam sie an einem Obstgeschäft vorbei und entdeckte die Tomaten. Davon kaufte sie gleich drei Pfund. Sie konnte einfach nicht widerstehen, außerdem waren sie billig.

Das eingepackte Buch in der Hand, die Geldbörse und die Tüte mit den Tomaten, das war zu viel. Die Hand wurde wärmer, und die Tomaten waren ein wenig überreif. So kam es, dass die Tüte plötzlich ein Loch hatte.

Mitten auf der Einkaufsstraße geschah das Unglück.

Eine Tomate machte sich selbständig, dann kullerten sie alle hinterdrein, direkt einem jungen Mann vor die Füße. Er war so jung auch wieder nicht, im gleichen Alter wie Gisa.

Du meine Güte, war ihr das peinlich.

Der Mann war so groß wie sie und schmal gebaut, hatte dunkelbraune Augen, dunkles Haar und ein freundliches Lächeln auf den Lippen.

Arglos war er durch die Poststraße gegangen, auf dem Weg heimwärts, als plötzlich die Straße von überreifen Tomaten regelrecht versperrt wurde. Er musste sich mit einem schnellen Sprung zur Seite retten, sonst wäre er noch auf eine Tomate getreten.

»Ach du liebe Zeit, was mache ich bloß?«

Er hörte den verzweifelten Ausruf und blieb stehen, sah sich die bestürzte Gisa an. Sie stand mit erschrockenem Blick da und wusste nicht weiter.

Er war schon immer ein Kavalier, und so ging er auch jetzt auf die Frau zu und half die Tomaten auflesen. Das war leichter gewollt als getan. Als er eine Menge in der Hand hielt, wusste er nicht wohin damit, und die anderen lagen noch immer auf der Straße.

Die Tüte war hin, das sah er sofort.

Er musste ihr doch helfen, egal wie.

»Warten sie hier, ich bin gleich wieder zurück.«

»Wenn das mal stimmt.«

Gisa glaubte ihm nicht und war auf sich selbst mächtig wütend. Vielleicht sollte sie an Ort und Stelle ein paar Tomaten verdrücken und die anderen ihrem Schicksal überlassen. Während sie das dachte, kam doch tatsächlich besagter Kavalier zurück.

Er hatte im nächstliegenden Supermarkt eine Plastiktüte erstanden. Darin sammelte er die Tomaten ein und überreichte sie Gisa.

Währenddessen hatte sie verwirrt dort gestanden und auf den Mann gestarrt. Ihr Herz wurde weich wie Butter. Zärtlichkeit ergriff sie sofort mit Macht.

Gisa war gerührt und hielt sein Verhalten für eine Heldentat, für die sie sich bedanken musste. Der Mann wollte davon natürlich nichts wissen. Es sei doch ganz selbstverständlich gewesen, ereiferte er sich. Doch sie ließ nun mal nicht locker, zumal ihr Herz immer weicher wurde.

Ganz so blind für weibliche Reize war der Kavalier nun auch wieder nicht. So ging er denn mit, und sie tranken zusammen einen Schoppen Wein. Sie befanden sich im Badischen. Da wurde mit Wein begossen, was woanders mit Bier abgegolten wurde.

Gisa schwebte auf Wolken.

Auf der Stelle verliebte sie sich in den hübschen Mann mit den Plüschaugen. Je länger sie sich mit ihm unterhielt, um so glücklicher wurde sie.

Das Böse an der ganzen Sache war, dass sie ihm bald erzählte, welchen Beruf sie hatte. Sie war naiv und, nun ja, sie brauchte nun mal Liebe, keine gekaufte. Er sollte bloß nicht denken, sie würde auch nur einen Pfennig von ihm nehmen.

Der junge Mann schmunzelte und betrachtete sie nach einer Weile nachdenklich.

Sie deutete es als Liebe und war selig.

»Nicht wahr, wir verstehen uns ausgezeichnet.«

»Warum sollten wir nicht!«

»Es entsetzt Sie auch ganz bestimmt nicht, dass ich eine Bordsteinschwalbe bin?«

»Nein, wirklich nicht. Wissen Sie was, ich hätte nichts dagegen, wenn Sie mir noch eine Menge über Ihren interessanten Beruf erzählen.«

»Ach ja? Tatsächlich? Du meine Güte, Sie sind ein edler Mensch. Das hat noch nie einer zu mir gesagt. Wissen Sie, wenn wir mit Männern am Tage zusammentreffen, dann sind die immer ganz schön sauer, weil sie Angst haben.«

»Das kann ich mir gut vorstellen.«

Gisa glaubte, er interessiere sich deswegen so stark für ihren Beruf, weil er Feuer gefangen hatte. So blieb es nicht aus, dass sie ganz ungezwungen los plauderte. Und sie hatten eine Menge Spaß dabei.

Natürlich tranken sie reichlich Wein, und das am Tag. Sie waren dann auch die letzten, die das Lokal verließen. Es war Mittagszeit.

Als sie in der Kaufpassage standen, stellten sie fest, dass die Läden schon geschlossen hatten.

Gisa wollte nun seinen Namen wissen.

»Donald«, sagte er und winkte ihr fröhlich zu.

Gisa rannte ihm nach. »Sehen wir uns wieder?«

»Bestimmt, die Stadt ist doch nicht groß. Tschau und noch viel Spaß.«

Ihr Hirn war umnebelt, deshalb bekam sie den Abschied nicht genau mit. Nun stand sie da und dachte nach, und es fiel ihr wieder Renatchen ein.

Du liebe Güte, die würde sauer sein.

Sogleich rannte sie los. Von Weitem sah sie Renate auf der Bank sitzen.

»Hallo, ich habe mich ein wenig verspätet.«

»Macht nichts«, meinte Renate gönnerhaft.

Gisa staunte nicht schlecht.

»Bist du denn nicht sauer?«

»Nur, wenn du wieder etwas angestellt hast, Gisa.«

»Aber nein, was du nur hast.«

Gisa konnte die Neuigkeit nicht mehr für sich behalten.

»Ich habe einen Mann kennengelernt.«

»Ach, du auch?«

Gisa starrte sie an.

»Ich hatte auch eine interessante Begegnung.«

»Du hast doch nicht etwa wieder einen Luden aufgerissen?«, rief Gisa entsetzt aus.

»Weshalb regst du dich auf? Und wenn es so wäre?«

»Jetzt, wo ich gerade den Mann meines Lebens gefunden habe«, jammerte sie los. »Nein, ich mach nicht mehr mit.«

»Was hast du denn auf einmal?«

»Ich habe einen ganz süßen Mann kennengelernt, und ich glaube, er liebt mich auch. Du, der ist einfach himmlisch.«

»Wie alt ist er?«

»Hör mal, in meinem Alter natürlich.«

»Dann ist es ja gut. Ich dachte schon, du kämst mit Kindergartengemüse an.«

»Das tue ich nicht, und du weißt es.«

»Denke an Harry und mache keine großen Sprüche.«

Details

Seiten
98
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935592
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v512058
Schlagworte
redlight street zwei

Autor

Zurück

Titel: Redlight Street #116: Zwei sind keine zu viel