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Redlight Street #114: Die kesse Nola liebt gefährlich

2019 109 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die kesse Nola liebt gefährlich

Copyright

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Die kesse Nola liebt gefährlich

Redlight Street #114

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

 

In einem großen Bordell wird eine Dirne von einem Serienmörder erdrosselt und der läuft noch immer frei herum. Nola, ihre Freundin, ist außer sich vor Trauer und Entsetzen. Die Polizei ermittelt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Als sie die Augen aufschlug, ärgerte sie sich sofort. Sie brauchte nicht auf die Uhr zu schauen, sie wusste auch so, dass noch nicht »ihre Zeit« war.

»Verflucht, ich möchte bloß mal wissen, was mich jetzt schon wieder geweckt hat!«

Für ein paar Minuten blieb sie reglos liegen und starrte zur schmutzigen Decke hinauf.

»Dieser Parasit könnte sie auch mal wieder streichen lassen«, murmelte sie vor sich hin.

Sie führte recht oft Selbstgespräche. Irgendwie fühlte sie sich dadurch wohler. Der Mensch braucht nun einmal Unterhaltung und wenn er sie nicht anders bekommt, dann muss er sich eben selbst unterhalten. Jetzt drangen die Geräusche wieder ins Zimmer: Stiefel poltern und laute Rufe erschollen auf dem Gang.

»Nicht mal in Ruhe ausspannen können und dann fit sein sollen, das ist ja zum Mäusemelken!«

Fluchend sprang das schwarzhaarige Mädchen aus dem zerwühlten Bett und griff nach seinem Morgenmantel. Sie nahm nicht den besseren, den sie für die Arbeit benutzte, nein, sie hatte da einen alten Fummel, der dringend einer Reinigung bedurfte. Aber sie stand auf dem Standpunkt, möglichst wenig Geld ins Geschäft zu stecken.

Mit den zehn Fingern fuhr sie einmal durchs Haar. Dadurch wirkte es nicht mehr so zerdrückt, das Gesicht aber sah noch immer verschlafen aus. Dann schlurfte sie wie eine alte Frau zur Tür dabei war sie erst vierunddreißig. Sie hatte sich für ihr Alter gut gehalten. Nicht alle, die hier im Puff wohnten, kannten Nolas Alter; nicht einmal ihre früheren Zuhälter und das war schon ein kleines Kunststück.

Während sie die Tür aufschloss, musste sie an ihren letzten Luden denken. Das letzte Mal hatte sie ihn vor sechs Monaten gesehen. Verschwunden war er, ohne Nachricht! Nicht einmal die Zunft der Zuhälter hatte ihr was sagen können, ob sie für seinen Anwalt anschaffen gehen musste oder sonst etwas. Nichts!

Das gab es nur alle hundert Jahre.

Nola dachte auch jetzt, in diesem Augenblick: Dem wein ich keine Träne nach. Nee, so blöd war ich mal. Jetzt mach ich auf Solo und spar die Mücken. Der Kerl hat immer wieder versprochen, alles auf die hohe Kante zu legen. Wenn wir genug Geld hätten, dann wollte er sich eine Eigentumswohnung kaufen. Ja, in dieser Zeit muss man das Geld richtig anlegen, sonst ist man aufgeschmissen.

Besonders wir Strichmiezen müssen frühzeitig an die Zukunft denken; denn Rente und so was ist nicht drin. Das gibt es für uns einfach nicht.

Der schmale öde Gang lag wie ausgestorben vor ihren Augen. Aber hinten machte er einen Knick und dort waren das Hauptgebäude und das Treppenhaus. Zu einem Fahrstuhl hatte sich der Besitzer noch nicht aufraffen können. Na ja, sie wohnte im ersten Stock, für sie war das nicht so schlimm. Aber die Mädchen, die im vierten wohnten und x-mal rauf- und runter klettern mussten, die waren wirklich nicht zu beneiden.

Jetzt war ein Höllenlärm!

Nola dachte: So viel Krach können nicht mal zehn Freier auf einmal machen. Warum Bruno noch nicht hier oben ist, das kapier ich einfach nicht.

Jetzt wollte sie es genau wissen. Und wenn es sein musste, wollte sie dafür sorgen, dass sie nicht mehr schrien. Sie konnte zuschlagen, wenn es sein musste. Selbstverteidigung nannten die Dirnen so etwas.

Als sie um die Ecke bog, blieb sie erstaunt stehen. Der Flur war voller Polizisten.

»Du meinte Güte«, entfuhr es ihr.

Ein Streifenbeamter drehte sich um.

»Hau ab! Du hast hier nichts zu suchen! Oder kannst du vielleicht eine Aussage machen?«

»Aussage, nee, ich nicht. Hab nichts gesehen und auch nichts gehört«, sagte sie schnell.

Dirnen halfen der Polizei nie. Im Gegenteil, sie machten ihnen das Leben zur Hölle.

Ein schlanker Mann in Zivil kam näher und sagte: »So dürfen Sie nicht fragen, das wissen Sie doch, Mann. Dann schnappen die doch wie Taschenmesser zu.«

Nola hob ihre verklebten Wimpern.

»Kiek mal, das Kommissärchen! Auch schon so früh auf! Du meine Güte, das kann ja heute lustig werden.«

»Du kannst gleich wieder in die Heija kriechen. Und außerdem hast du die Nacht auch noch frei, denn der Puff wird für ein paar Stunden geschlossen.«

»He, seid ihr verrückt! Ich muss verdienen, verstanden!«

»Das tut mir leid, dann musste auf die Straße gehen.«

»Was, ich soll als Straßentülle gehen, als Asphaltantilope? Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank, wie?«

»Die Spurenleute sind noch nicht fertig, deshalb müssen wir schließen.«

Nolas schwarze Augen gingen in die Runde, und jetzt erst bemerkte sie, das Erikas Zimmertür offen war.

»Was ist denn los? Hat sie einen Freier beklaut? Also, das tun wir nicht!«

Manchmal war so etwas wie Solidarität unter den Dirnen zu finden. Aber nur ganz selten.

»Die klaut nicht mehr«, sagte der Kommissar.

Warum sich plötzlich ihre Nackenhaare sträubten, konnte sie nicht sagen. Aber sie hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

In diesem Augenblick kam ein Weißkittel-Mann aus dem Zimmer.

»Ich bin fertig!«

»Gut, dann können wir sie abholen lassen. Die Jungen warten schon unten!«

»Ich sag Bescheid!«

Er nahm seine kleine schwarze Tasche und stieg die Treppe hinunter.

Nola erwachte aus ihrer Erstarrung.

»Was ist denn passiert?«, fragte sie leise.

Der Kommissar sah sie kurz an, dann sagte er: »Komm mal mit!«

Auf staksigen Beinen stolperte sie hinter dem Beamten her. Ihr war, als befände sie sich auf einer Eisfläche, gleich würde sie ausrutschen und stürzen.

Dann konnte sie in Erikas Zimmer hineinsehen. Ihr wurde übel und doch konnte sie den Blick nicht von der toten Dirne wenden.

»Nein...«, röchelte sie leise und lehnte sich an die Wand.

»Sie ist mit ihrem eigenen Strumpf erwürgt worden.«

»Dieses Schwein«, stammelte sie.

»Hast du vielleicht gesehen, mit wem sie zuletzt in ihre Bude gegangen ist?«

Nola schüttelte zuerst den Kopf, dann sagte sie mit ersterbender Stimme: »Ich weiß nicht, ich muss nachdenken, das ist so viele Stunden her. Ich hab so ein Gefühl...«

Er packte sie am Arm und schob sie zur Seite. Zwei Männer kamen die Treppe herauf. Sie trugen einen Zinksarg, mit dem sie in Erikas Zimmer verschwanden. Sie konnte beobachten, wie man die Dirne hineinlegte. Ihre Arme schlenkerten hin und her, daran erkannte sie, dass der Körper noch warm sein musste. Also hatte sich das Verbrechen vor gar nicht langer Zeit erst zugetragen.

Und sie hatte ein paar Zimmer weiter friedlich geschlafen und nichts gehört.

Vielleicht hatte sie geschrien?

Der Kommissar schien ihre Gedanken zu erraten.

»Dazu ist sie ganz bestimmt nicht mehr gekommen. Er hat sie von hinten erwürgt.«

»Diese Schweinekerle!«, fluchte sie vor sich hin.

Der Kommissar meinte: »Aber du hast doch gewusst, dass euer Beruf gefährlich ist.«

Sie schnüffelte.

»Wo sind denn die anderen Mädchen?«

»Wir haben sie in die Betten zurückgeschickt. Sie können nichts sagen, sie waren ja auch nicht mit Erika zusammen. Aber ihr beiden habt doch immer zusammen angeschafft.«

Die Männer trugen den Sarg fort.

Sie musste sich festhalten, sonst wäre sie zu Boden geglitten.

Allmählich entfernten sich einige Beamte, die Tür wurde versiegelt. Der Puffwirt stand mit offenem Mund im Hintergrund. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab.

»Komm, gehen wir woanders hin. Dann können wir miteinander reden, Mädchen.«

Sie taumelte wie eine Betrunkene den Gang entlang. In ihrem Kopf war eine große Leere. Sie konnte es noch nicht glauben. Dieser rothaarige Teufel sollte nicht mehr sein. Oft hatten sie sich gezankt. Erika war mit allen Wassern gewaschen gewesen, wie man so sagt. Man hatte nie erfahren, woher sie gekommen war. Plötzlich war sie in diesem Haus aufgetaucht und dann war sie geblieben! So viele Jahre!

Nola öffnete die Tür zu ihrem Koberzimmer. Hier lebte sie auch, weil es billiger und bequemer war. Irgendwann wollte sie ausziehen und dann ganz groß leben. Aber das wollten alle diese Mädchen.

Irgendwann, eines Tages, wollten sie alle einmal aufhören mit dem »Anschaffen«. Nur noch ein Jahr, nur noch diese Monate, dann mach ich für immer Schluss, so sagte jede von ihnen.

Ein paar schafften es, aber die meisten blieben hängen, sanken mit der Zeit tiefer und endeten schließlich in der Gosse.

In diesem Augenblick schämte sie sich ein wenig, dass ihre Bude so unaufgeräumt war. Sonst war sie sehr für Reinlichkeit. Sie hatte es als einzige geschafft, so etwas wie Gemütlichkeit in dieses Zimmer zu bringen.

Der Kommissar war nett und sagte: »Aber das kenne ich doch! Glaubst du, bei mir sieht es morgens anders aus? Nee, ich glaub sogar noch schlimmer.«

Nola lächelte schwach.

Komisch, das konnte sie noch? Erika war tot, erwürgt, der Strumpf hing noch um ihren Hals. Ob sie wohl damit begraben wird? Welch schauerliche Gedanken man doch haben konnte!

Sie fiel auf das noch warme Bett, zog den Mantel enger um sich und schauderte abermals.

Der Kommissar war ans Fenster getreten und warf einen Blick in den Hinterhof. Aber der würde sich wohl auch in hundert Jahren nicht ändern. Er mochte diese leichten Mädchen und behandelte sie ganz normal. Viele seiner Kollegen sträubten sich dagegen, wenn es hieß, im »Anschaffviertel« ist mal wieder was los. Wir müssen raus.

Der Kommissar hatte schnell festgestellt, dass dies auch nur Menschen waren, sehr labile und zerbrechliche Geschöpfe, auch wenn ihr großes Mundwerk immer voran war. Davon ließen sich viele verwirren. Aber das alles war nur Tarnung, war nur Schutz.

Nola hatte er dienstlich noch nie besuchen müssen. Deshalb wunderte er sich ein wenig über ihr Zimmer. Diese Dirne hatte sogar Bücher im Regal und nicht einmal wenige. Sie sahen auch so aus, als würden sie gelesen. Gute Bilddrucke hingen an den Wänden. Alles was recht war vom Teppich über die Stühle, sie schien wirklich so etwas wie Geschmack zu besitzen. Bei den meisten Dirnen dieser Stadt wurde man von Kitsch buchstäblich geblendet.

»Hast du sie wirklich gelesen?«

»Was?«

Nola hob den Kopf.

»Ach so, du meinst die Bücher ja!«

Sie schien noch schmaler zu werden; ihre müden Augen blickten den Mann an.

»Wenn ich das Schwein erwische, der das getan hat, bringe ich ihn mit meinen eigenen Händen um.«

»Dann müssen wir dich einlochen, Nola. Das führt zu nichts. Überlass das lieber uns.«

Sie schniefte laut.

»Ihr findet ihn ja doch nicht! Heute macht ihr den wilden Mann, aber nach ein paar Stunden ist das doch alles schon wieder vergessen. Eine Nutte wurde umgebracht was ist das denn schon, ist doch nicht so schlimm. Eine weniger, das bedeutet, weniger Ärger. Da kommt schon ne nächste und besetzt das Zimmer. Wer vermisst sie denn? Vielleicht ihr Lude? Der tröstet sich auch schnell mit frischer Ware. Man, ihr denkt doch alle so!

Wir sind gemeine Schweine, man kann uns ruhig mit Füßen treten. Und wenn wir dann noch aufmucken, dann kriegen wir es noch dicker. Wenn man uns ans Leder will, braucht man nur die Straßen oder Häuser zu schließen. Das ist eure Rache, wenn wir mal unser Recht verlangen und aufbegehren.«

Jetzt konnte sie nicht mehr an sich halten und weinte los. Die Tränen stürzten über ihr Gesicht und vermischten sich mit der Schminke. So war sie kein schöner Anblick für den Mann.

»Verflucht, ihr seid alle Schweine, hörst du, alle! Ihr denkt doch nur so, du doch auch! Du kannst mir keinen Sand in die Augen streuen!«

Sie weinte bitterlich und war nach einer kurzen Pause darüber selbst erstaunt. Nola konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal so geweint hatte.

Er ging auf sie zu, packte sie bei den Schultern, sah in das Gesicht und fand ehrliche, echte Trauer. Oder beweinte sie sich und ihr Schicksal?

»Hör zu, Nola, es ist Mord, verstehst du? Da kenne ich kein Pardon. Mord, nicht Angriff oder irgend etwas anderes, was bei euch so häufig vorkommt Mord! In dieser Stunde läuft noch ein Mörder frei herum. Er kann jederzeit wieder zuschlagen!«

Sie schauderte.

»Willst du damit sagen, dieser Hundesohn kommt wieder und murkst dann die nächste ab?«

»Ich weiß es nicht. Es ist möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich. Aber er kann sich auch an andere Frauen heranmachen. Wir kennen ja noch nicht einmal sein Motiv!«

»Ist es denn kein Wahnsinniger?«

»Woher soll ich diese Gewissheit nehmen, Nola?«

Sie wischte die Tränen ab, stand auf, ging hinter den Vorhang in die kleine Waschkabine und wusch sich gründlich das Gesicht. Als sie wieder herauskam, ohne alle Schminke, dachte der Beamte: Sie sieht nicht einmal übel aus. Im Gegenteil, sie hat ein ganz apartes Gesicht. Wenn sie so auf die Straße ginge, würde sie niemand für ein käufliches Mädchen halten.

»Deswegen muss ich ja alles über Erika in Erfahrung bringen, Nola, um euch zu schützen, verstehst du? Wenn es nämlich kein Mann ist, der für irgend etwas Rache nehmen wollte, dann kann es sich nur um einen abartig Veranlagten handeln; und dann weißt du so gut wie ich, wie gefährlich deine Situation ist.«

»Ja«, antwortete sie schwach.

»Du musst mir alles erzählen, was du weißt. Vor allen Dingen musst du deinen Kopf durchwühlen. Versuche, dich an alle Kunden von gestern zu erinnern, hörst du? Wenn du uns jeden beschreiben kannst, wäre das sehr wichtig. Damit würdest du dir doch auch selbst helfen.«

»Ja. Aber ich bin ganz durcheinander. Im Augenblick kann ich keinen klaren Gedanken fassen.«

»Das glaube ich dir. Ein Mord am frühen Morgen, das schlägt mir auch auf den Magen. Hör zu, Nola, wir machen das so: Sobald du dich besser fühlst, kommst du zu mir und dann reden wir über alles.«

»Ich soll in die Bullenhochburg kommen?«

»Wir fressen dich nicht!«

Sie starrte ihn an.

»Gut«, sagte sie dann langsam.

Der Kommissar ging zur Tür.

»Kannst ja deinem Luden vorher Bescheid sagen. Ich will ja nicht, dass du Schwierigkeiten bekommst.«

»Ich bin solo!«, antwortete sie ärgerlich. »Außerdem, wenn ich auch einen hätte, ich bin doch kein Kind mehr, dass ich um Erlaubnis bitten müsste!«

Er lächelte sie an.

»Ja, du, du hast auch Rückgrat, Nola. Aber denk mal an die vielen anderen hier im Haus!«

»Hat denn keine eine Aussage machen wollen? Ich meine, wir sind doch nachts nicht allein unten; die anderen vier müssen doch auch was gesehen haben.«

»Sie haben mir schon unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie mit der Sache nichts zu tun haben wollen.«

»Diese Bande! Na warte, denen werd ich auch noch den Kopf waschen!«

Der Kommissar ging.

 

 

2

Nola stand eine ganze Weile am Fenster und starrte nach draußen, ohne wirklich etwas zu sehen. Als sie die Kälte auf ihrer Haut spürte, schloss sie das Fenster, nahm das Badetuch und ging über den Gang in die Duschkabine.

Nicht alle Dirnen duschten regelmäßig; deshalb konnte Nola sicher sein, sie immer leer anzutreffen.

Nola hatte schon einige Jahre hinter sich, und dass sie sich noch immer hier hielt, hatte zum Teil mit ihrer peinlichen Pflege zu tun. Sie hatte schon im ersten Jahr begriffen, wie schnell gerade bei einer Dirne das Aussehen verfällt, wenn man nichts dagegen tut. Hatte sie doch meistens ein ganz anderes Leben zu bewältigen. Nicht die vielen Freier setzten ihr zu, sondern die Umstände, dass man nachts arbeiten musste. Die meisten Dirnen tranken und rauchten auch zu viel. Und von einer richtigen, wertvollen Ernährung hielten sie nichts. Mit der Zeit wurden sie faul und träge und nur die Luden hielten sie dazu an, etwas auf sich zu achten. Aber wie gesagt, wenn keiner sie unter Druck setzte, wuschen sie sich nicht einmal ordentlich.

Inge kam über den Flur.

»Na, hast es mal wieder nicht lassen können! Mensch, du kannst einen wirklich aufregen.«

Solche Reden regten Nola schon lange nicht mehr auf. Aber wenn eine Dirne, wie Inge, besonders schlampig war, konnte sie sich allein deswegen aufregen, weil sie beide im gleichen Haus arbeiteten.

So antwortete sie jetzt boshaft: »Deine Faulheit stinkt mal wieder zum Himmel. Ich möchte bloß mal wissen, wie die Kerle das bei dir aushalten und Günter auch!«

Inge wurde sofort aggressiv.

»Ach ne, willst mich wohl verpfeifen, wie? Aber wenn ich davon was höre, schlag ich dir ein paar Zähne ein!«

Nola fiel ein, dass Günter ja hinter Gittern saß. Deswegen war seine Schwalbe in letzter Zeit auch so faul.

»Weißt du nicht, dass Erika ermordet wurde? Und du kreischst hier herum!«

Inge zuckte zusammen.

»Sag das noch mal! Ich hab mich schon wegen der vielen Bullen auf der Straße gewundert. Erika? Ne, du machst doch nur mal wieder einen Scherz.«

»Mit so etwas spaßt man nicht. Aber wo warst du denn, dass du nichts davon weißt?«

»Ich hatte einen Kunden auswärts zu bedienen, bin grad wiedergekommen. Wir haben uns verpennt. Aber hör mal, Erika, wie denn?«

»Mit einem ihrer Strümpfe erwürgt, von hinten.«

Inge erschauderte.

»Hat man schon das Schwein?«

»Nein. Niemand weiß, wer es war!«

Inge kreischte sofort wie ein Papagei auf. »Da sieht man mal wieder, Egon ist ein faules Luder! Dem müsste doch was aufgefallen sein! Verflucht, der hat doch Order, wenn einer ohne uns runterkommt, ihn festzuhalten und gleich Alarm zu schlagen! Ich könnt ihn in Stücke reißen!«

Inge weinte los. Das ging ihr an die Nieren. Nicht, dass sie Erika geliebt hatte, nein, aber sie hatte einfach Angst, buchstäblich Angst vor der nächsten Nacht.

»Er kann ja auch durch das Flurfenster abgehauen sein. Du weißt doch wie blöd der Bau hier ist. Egon passt doch wie ein Luchs auf. Na ja und dann, vielleicht war es auch im Hochbetrieb, da kann es schon mal vorkommen, dass er nicht mehr so genau weiß, wer von uns jetzt oben ist und wer unten.«

Inge schniefte: »Mensch, das halt ich nicht aus! Darauf muss ich einen trinken. Hast du keinen, den man zur Brust nehmen könnte?«

»Du weißt doch, ich trinke kaum.«

»Wenn man dich reden hört, wundert man sich, dass du im Puff arbeitest und nicht im Kloster bist.«

Nola antwortete: »Ich hab jetzt keine Zeit mehr, muss weg. Wenn du noch was wissen willst, die anderen Mädchen können dir alles erzählen.«

»Ich hau mich jetzt in die Falle. Außerdem, das muss ich erst mal verdauen. Also, das sag ich dir, ob ich jetzt noch auf Anschaffe gehe, das ist eine Frage.«

»Die sollst du lieber deinem Günter erzählen, bevor er dich wieder in die Mangel nimmt.«

Inge fauchte sie an.

»Mein Günter hat was für mich übrig, sag das nicht noch mal!«

»Gut, gut. Ich glaub es dir ja. Aber bitte, wenn du nächstens wieder geflickt werden musst, komm bitte nicht zu mir.«

Damit ließ sie die Dirne stehen und ging in ihr Zimmer zurück. Sie wollte sich erst anziehen, aber dann spürte sie Hunger und ging nach unten.

Da gab es so etwas wie ein Frühstückszimmer, in dem sich die Dirnen aufhielten, wenn sie nicht gerade schliefen oder anschafften. Morgens gab es hier Frühstück und wer verschlief, musste mit dem sich zufrieden geben, was die Dirnen übriggelassen hatten, die zuerst unten gewesen waren.

Im Augenblick befanden sich nur Jette, Lis und Zita unten. Sie hatten sich ausführlich über den Mord unterhalten. Als Nola eintrat, drehten sie sich um und starrten sie an. Ihre schwarzen Löckchen waren noch feucht. Sie machte einen frischen appetitlichen Eindruck. Sie kam nie ungewaschen herunter; die Dirnen kamen sich gleich muffig und schäbig vor und hassten sie allein schon aus diesem Grunde.

»Ist noch Kaffee da?«

»Guck doch nach! Wir sind doch nicht deine Bedienung!«

Nola nahm die Kanne und goss sich etwas ein. Die Brötchen waren ein wenig klumpig und die Butter mit dem Honig verschmiert. Sie dachte: Jeden Morgen ärgere ich mich darüber. Können sie denn nie Ordnung lernen? Das Leben wäre um so vieles leichter.

Automatisch begann sie wieder einmal aufzuräumen, machte alles ein wenig gefällig auf dem Tisch. Wo Nola auftauche, da wirkte es bald gemütlich.

»Du hast deinen Beruf verfehlt«, sagte Lis ätzend. »Ein Ehekrüppel wäre wunschlos glücklich bei dir geworden. Ich frag mich wirklich, warum du bei uns bist!«

Nola schaute sie mit ihren schwarzen Augen ruhig an, dann sagte sie: »Du wirst es nicht glauben, aber ich hab es mal versucht.«

Die Dirnen starrten sie an.

»Was hast du versucht?«

»Heirat und alles. Hab ich alles schon hinter mir!«

Die Münder standen offen.

»Du warst verheiratet?«, gab sie zurück.

»Ist das so schrecklich?«, gab sie zurück.

»Mensch, und warum biste dann hier?«

Sie rümpfte die Nase und ärgerte sich, dass sie den Mädchen etwas von sich erzählt hatte.

»Das ist eine lange Geschichte, Mädchen. Ich hab jetzt keine Zeit dazu. Vielleicht erzähl ich sie euch später einmal, mal sehen.«

Sie wussten, dass sie jetzt nichts mehr aus ihr herausbekamen und so murmelten sie vor sich hin und sahen Nola schräg an. Wenig später stand sie auf und verließ den Raum. Sie aß nie hier im Puff zu Mittag. Die anderen Mädchen dagegen waren zu faul. Niemand wusste, wo sich Nola in ihrer freien Zeit aufhielt.

Als sie draußen war, meinte Zita ärgerlich: »Das sollen wir ihr glauben?«

»Warum nicht? Irgendwie sieht sie mir danach aus. Und Nola hat uns noch nie belogen. Warum sollte sie auch? Das ist ihr nur so herausgerutscht.«

»Ob sie schon während der Ehe auf den Strich gegangen ist?«, wollte Jette wissen.

Lis meinte: »Ich finde es gemein, da sie mit ihren vierunddreißig Jahren hier noch immer Stardirne ist. Wir sind alle jünger und doch nehmen wir nicht so viel ein wie sie. Das ärgert mich. Andere Huren sind in diesem Alter schon fast auf dem Abstellgleis. Verflucht, sie soll auch endlich abhauen!«

»Tja, biste neidisch? Sie hat eben das gewisse Etwas, damit müssen wir uns abfinden.«

»Erika hat es auch gehabt und man hat sie abgemurkst!«

Da hatten sie es für eine Weile vergessen wollen und jetzt war es wieder da. Ängstlich sahen die Dirnen sich im Raum um, als glaubten sie, der Mörder stünde noch hinter der Tür und belauerte sein nächstes Opfer.

Jette sprach es aus: »Vielleicht ist er noch im Haus?«

»Hör auf, du machst uns noch ganz verrückt!«

»Aber im Keller haben sie nicht nachgesehen. Ehrlich, das weiß ich.«

»Verflucht, der Kerl ist schon über alle Berge, verstanden! Und jetzt geh ich pennen, sonst krieg ich heute Abend die Augen nicht mehr auf.«

Wenige Augenblicke später war der Raum leer.

 

 

3

Nola hatte sich ein einfaches Kostüm angezogen und auch kaum Schminke aufgelegt. Alles an ihr dezent: Schuhe, Bluse, einfach alles. Als sie das Haus verließ, sah die Tagschicht sie neidisch an. Die Dirnen lehnten an den Laternen und machten missmutige Gesichter. Wer schon am Tage anschaffen gehen musste, der war nicht mehr viel wert.

»Erzähl mal, was ist denn bei euch im Bunker passiert?«, wurde sie von allen Seiten angesprochen.

»Aber das wisst ihr ja schon längst! Lasst mich in Ruhe, ich muss fort.«

Sie nahm ein Taxi und fuhr in die Stadt. Vor dem großen Polizeigebäude stieg sie aus. Ein mulmiges Gefühl erfüllte sie. Einmal war sie hier gewesen und hatte Anzeige gegen ihren Zuhälter erstattet. Wie gut konnte sie sich noch daran erinnern! Er hatte sie grundlos zusammengeschlagen. Sie hatte geglaubt, sterben zu müssen. Dann hatte sie die Wut gepackt und sie hatte ihn angezeigt. Ihr Lude war toll gewesen und auch die anderen hatten sie arg bedrängt und von ihr verlangt, alles wieder zurückzunehmen.

Man hatte ihr gedroht, sie umzubringen, wenn sie ihre Anzeige nicht auf der Stelle zurückziehen würde.

»Gut«, hatte sie gesagt, »dann soll er die Krankenhauskosten blechen und abhauen. Dann bin ich dazu bereit.«

Das hatte es in diesem »Gewerbe« noch nicht gegeben. So ein freches Luder! Die Luden waren immer schnell mit Messer und Totschläger zur Hand und hätten sie sicher auf der Stelle umgebracht, wenn sie nicht zurückgesprungen wäre und ihnen zugerufen hätte: »Bevor ihr mich umbringt, möchte ich nur noch sagen, dass ich so etwas schriftlich bei den Bullen hinterlegt habe!«

»Was hast du?«

»Glaubt ihr, ich wäre so naiv? Wenn ich abgemurkst werde, dann wissen die Bullen, wer meine Mörder sind. Ich habe eure Namen aufschreiben lassen und meine Unterschrift gegeben. Die haben gesagt, sie warten nur auf euch. Wahrscheinlich werde ich auch schon beschattet!«

Das war ein Tiefschlag. Die Luden zogen sich sofort zurück und meinten zu Fred, ihrem damaligen Zuhälter: »Also, werd mit deiner Mieze allein fertig. Deswegen gehen wir doch nicht in den Bau! So verrückt sind wir nicht. Schick den Teufel fort, der macht dir nur Schwierigkeiten.«

»Wie soll ich das? Ihr habt versprochen, mir zu helfen. Ich glaube nicht, was sie sagt. Los, haltet sie fest, ich schlag ihr ein paar Zähne ein!«

Doch sie waren wirklich in Sorge und glaubten, die Polizei hätte sie als Lockmittel benutzt. Zuzutrauen war ihr alles. Herrje, das konnte ja heiter werden.

Fred hatte geschimpft und getobt, aber sie hatten keinen Finger mehr gerührt.

»Aber ich kann diese verfluchte Rechnung nicht bezahlen!«, schrie er. »Das kann ich nicht, sie geht ja nicht mehr für mich auf den Strich!«

»Ach ne«, sagte sie wütend. »Hast du mir nicht immer gesagt, du würdest einen Teil an die Krankenkasse zahlen? Also war alles nur Lüge! Tja, mein Lieber, dann geh du mal hübsch in den Bau.«

Das war dann in der Tat auch so gekommen. Noch so einiges andere war dabei ans Tageslicht gekommen. Vor allen Dingen deckte die Polizei auf, dass er eine große Sache gegen die anderen Luden geplant hatte. Das hatten diese im Gerichtssaal erfahren und ihm am liebsten vor Wut den Hals umgedreht. Jetzt waren sie Nola sogar dankbar, dass sie diesen Hai aus dem Verkehr gezogen hatte. Und sie versprachen ihr, sie aus Dankbarkeit in Ruhe zu lassen. Sie hatte dann die Rechnung selbst abgearbeitet. Später hatte sie dann noch andere Zuhälter gehabt, aber nie richtiges Glück mit ihnen gehabt.

Aber das war jetzt alles schon wieder vergessen.

Als sie vor dem Kommissar saß, merkte sie, dass dieser auch übenächtigt aussah. Er hatte Nachtdienst gehabt. Kurz vor seiner Ablösung war dann dieses Verbrechen gemeldet worden, nun musste er die weiteren Untersuchungen überwachen.

»So, dann erst einmal zur Person!«

»Mein Name ist Grete Vinzenz«, sagte Nola.

»Mädchenname?«

»Ja!«

Ihr Gesicht wirkte wieder kantig.

»Sie waren fünf Jahre verheiratet?«

»Wenn Sie schon alles wissen, warum fragen Sie mich dann?«

»Du weißt doch, das müssen wir.«

»Ich bin gekommen, weil ich es Ihnen versprochen habe. Aber verhören lasse ich mich nicht.«

Der Kommissar sagte: »Gut, seh ich ein, alles andere kann ich mir ja aus der Akte besorgen. Also, machen wir es kurz, hast du nachgedacht?«

»Die ganze Zeit.«

»Und?«

»Erika und ich haben für gewöhnlich zusammen im Fenster gesessen, du kennst ja die Örtlichkeiten.«

»Ja.«

»Also, gestern hatte sie in der Regel fast nur Stammgäste zu bedienen.«

»Angemeldet?«

»Ja, per Telefon. Das dürfen sie, weil sie ja nicht lange warten können. Ich habe auch solche Gäste.«

»Weißt du die Namen?«

»Erika müsste ein Buch darüber führen. Ich weiß aber nicht, ob die wirklichen Namen darin stehen. Ich glaube fast, dass es nicht so ist. Du weißt doch, wegen Erpressung und so. Da sind wir ziemlich vorsichtig.«

»Also könnten wir das schon mal ausklammern. Und Erika war auch kein falscher Fünfziger?«

»Ganz bestimmt nicht. Das hatte sie nicht nötig, ihr Lude ist soweit auch reell. Nein, der weiß doch, dass man sich irgendwie rächt. Dazu sind die Stammkunden meistens reich genug und haben sehr viel zu verlieren. Außerdem sind sie mit allen Wassern gewaschen. Es wäre Selbstmord. Nein, soweit ich mich erinnern kann, waren sie auch alle schon fort, bevor es vier Uhr war.«

»So lange,habt ihr angeschafft?«

»Nun, es kommt ganz darauf an. Ich habe so lange gemacht, weil ich als letzte so einen Opa hatte. Er zahlte gut, konnte aber nicht mehr. Ich war halt nett zu ihm. Er hat mir drei blaue Scheine gegeben, also hatte er Anrecht darauf. Aber ich glaube, Erika ist schon vor mir hinauf gegangen.«

»Mit einem Kunden?«

»Wahrscheinlich. Und da weiß ich eben nicht, wer es war. Ich war oben und als ich wieder runterkam, fragte Egon mich, ob er den Laden dicht machen solle. Erika wäre schon oben. Da hab ich dann auch Schluss gemacht.«

»Es war also ihr letzter Kunde. Niemand hat ihn gesehen, auch der Puffwirt hat mir keine Angaben machen können.«

»Es tut mir leid«, sagte Nola.

»Das weiß ich. Aber wenn dir wieder etwas einfallen sollte, dann sag bitte Bescheid. Du weißt, wie lebenswichtig das für euch ist, Nola.«

»Ich weiß.«

Wenig später stand sie wieder auf der Straße. Da jetzt schon fast Mittagszeit war, ging sie gleich in die Stadt. In einem kleinen Lokal hatte sie ihren Mittagstisch. Vor Jahren hatte sie es zufällig entdeckt, die Wirtin kochte vorzüglich, vor allen Dingen sehr viel Gemüse und auch Salate. Davon konnte sie nie genug bekommen.

In diesem kleinen Lokal hielt man sie für eine Sekretärin, niemand ahnte die Wahrheit. Es lag so versteckt, dass sie sicher sein konnte, niemanden von ihrer »Zunft« zu treffen. Traf sie zufällig mal Kunden, dann verhielt sie sich völlig normal. Außerhalb des Puffhauses kannte sie keinen von ihnen. Das hatte sie schnell verstanden und waren deswegen dankbare Kunden bei ihr geworden.

Nola dachte heute: Komisch, manchmal hab ich direkt Sehnsucht danach, mal wieder selbst zu kochen. Warum kaufe ich mir eigentlich keine eigene Wohnung? Dann wäre ich mein eigener Herr.

War es die Einsamkeit, die sie davon abhielt? Wenn man sich im Puff auch nicht liebte, so waren doch andere da. Man hatte jemanden, mit dem man sich unterhalten konnte.

Seit sie heute aufgewacht war, fühlte sie eine große Leere in sich. Sie hatte Erika nicht geliebt nein, Trauer war es ganz bestimmt nicht. Einen Schock hatte sie davongetragen, so plötzlich war dieses Verbrechen in ihr Leben getreten. Sie fühlte plötzlich, wie sinnlos doch eigentlich das Leben war. Jetzt wusste sie, wie schnell alles vorbei sein konnte. Wofür kämpfte man eigentlich? Warum machte man weiter und nicht einfach Schluss? Da schuftete man, zahlte die Miete, die Beiträge und hatte im Gegensatz zu den anderen Dirnen sogar ein hübsches Konto. Und doch würde dies alles nicht ausreichen, um sie glücklich zu machen.

Rasch stand sie auf und verließ das Lokal.

Nola lief ziellos durch die Straßen. Sie hatte keine Lust, zurückzugehen. Da hinten, in dem grauen Haus, verfolgte die Vergangenheit sie. Und sie hatte geglaubt, alles für immer abstreifen zu können.

 

 

4

Er war fast siebzehn! Unfertig, pickelig und sah wirklich nicht gut aus. Mit der Schule war das auch so ein Kampf. Dumm war er wirklich nicht, aber man hatte ihm nie Mut zugesprochen, im Gegenteil, immer nur auf ihm herumgehackt. In den Augen der anderen Menschen war er ein Versager. Sie sagten ihm das immer. Sobald er wirklich denken konnte, hatte er begriffen, dass sie ihn nicht liebten, ja fast wütend über seine Existenz waren. Aber nun war er einmal da und musste auch gekleidet und ernährt werden. Für jedes Ding, das man ihm reichte, muss er Dankbarkeit heucheln, sonst war das Leben unerträglich.

Immer die gleichen Predigten.

»Wir meinen es ja nur gut mit dir. Das musst du doch verstehen. Wir wollen nicht, dass du so schlecht wirst, nein, wir passen schon auf. Jetzt sei ein lieber Junge und werd nicht störrisch. Mein Gott, was haben wir nicht alles für dich getan! Wir erwarten ja wirklich nichts von dir, nein bei der Veranlagung. Aber ein wenig Dankbarkeit können wir doch wohl verlangen, oder?«

Er war zehn Jahre alt gewesen, als er begriff, dass er ungeliebt war. Der Vater hasste ihn, warum, das merkte er erst, als er mal ein Foto seiner Mutter gesehen hatte. Er sah ihr so ähnlich. Als er jung war, hatte er ihr vermutlich verblüffend ähnlich gesehen. Er hatte sich also immer an sie erinnert.

Er und sein Vater lebten bei dessen Mutter. Aus Gnade habe sie die beiden aufgenommen, sagte sie zu den Nachbarn. Aber dabei nahm sie dem Vater fast alles Geld ab. Dieser war nur ein kleiner Handwerker, nicht einmal selbständig. Also besaß er auch nicht sehr viel Rückgrat.

Warum er in all den Jahren nicht wieder geheiratet hatte, wusste, der Junge nicht. Später verstand er, dass die Frauen ihn nicht mochten. Er nörgelte wie die Oma. Nichts war ihm gut genug. Aber selbst mal etwas zu tun, auf diese Idee kam er gar nicht.

Seine Frau hatte ihn nach vierjähriger Ehe verlassen. Sie hatten heiraten müssen. Die Mutter war lächerlich jung gewesen, als der Vater sie geschwängert hatte. Die Oma war gegen diese Frau gewesen. Und bestimmt trug sie auch ein Teil der Schuld daran, dass sie dann fortgelaufen war. Hugo dachte: Warum hat sie mich nur nicht mitgenommen? Dann wäre das Leben bestimmt nicht so grässlich für mich geworden. Aber sie hatte es nicht getan.

Früher hatte er deswegen viel geweint, jetzt weinte er nicht mehr. Er wollte erwachsen sein, war es aber noch lange nicht. Und jetzt hatte der Chef ihn mal wieder gefeuert. Er hatte die Lehre abgebrochen. Der Vater hatte ihn in diese Schreinerei gesteckt, wozu er überhaupt keine Lust hatte.

Nun lungerte er auf der Straße herum. Solange noch kein Monatserster war, konnte er morgens aus dem Haus gehen und sich den ganzen Tag herumtreiben. Niemand wusste, dass er keine Arbeit mehr hatte. Aber am Ersten hielt die Oma die Hand auf. Bis dahin waren noch fünfzehn Tage. Er musste sich Geld beschaffen.

Die Stadt war groß. Irgendwo müsste doch was zu finden sein, dachte der Junge. Ich will nicht mehr in die Sklaverei zurück. Wenn sie erst mal wissen, dass der Boss mich rausgeschmissen hat, dann geht es mir an den Kragen. Bestimmt werfen sie mich dann hinaus. Das haben sie mir ja schon immer angedroht: Rausschmiss oder Erziehungsheim. Ich wart also gar nicht darauf, sondern geh von allein.

Aber dann ging er am Abend doch wieder zurück, setzte sich an den Tisch, schlang das Essen in sich hinein und stieg wenig später in die kleine alte Dachkammer hinauf.

Hier träumte er von einem wundervollen Leben, vor allen Dingen von Frauen. Bis jetzt hatte er noch mit keiner etwas gehabt, aber er fühlte, dass er es bald wagen musste, sonst würde er noch verrückt werden. Aber er mochte die jungen Mädchen nicht ansprechen, spürte schon die würgende Angst in der Kehle, wenn sie nur an ihm vorbei strichen. Er wusste um seine Hässlichkeit, seine Unfertigkeit und dass er kein Geld in der Tasche hatte. Das alles waren Minuspunkte.

So strich er wie ein hungriges Hündchen durch die Stadt, drückte die Nase an den Schaufenstern platt und sehnte sich zugleich nach einem gemütlichen Heim. So klein waren seine Ansprüche, aber nicht einmal die hatte man ihm erfüllt.

Er war eine leichte Beute für die Ausgekochten. Man irrt, wenn man denkt, dass nur junge Mädchen verführt werden. Völlig falsch! Auch junge Männer, unfertige Jünglinge werden verführt, werden zu Verbrechern gemacht. Man braucht sie als Zuträger, will sie ausbeuten. Und hat man sie erst einmal in festem Griff, dann ist kein Zurück mehr möglich. Entweder zerbrechen sie endgültig daran oder sie werden zu eiskalten Gaunern, die sich langsam hocharbeiten und dann selbst andere Jungen verführen.

Hugo Bauer, so war sein Name, ahnte also nicht, dass man schon seit ein paar Tagen ein Auge auf ihn geworfen hatte. Er hielt sich viel im Bahnhof auf. Hier konnte man sich ungestört unter die vielen Menschen mischen, fühlte sich ein wenig geborgen. Hin und wieder verloren eilige Fahrgäste ein paar Geldstücke, die er dann aufhob und sich dafür eine Cola, ein Würstchen kaufte.

Heute sollte es also soweit sein. Sie hatten genau abgefragt, erfuhren also sehr bald seine Adresse und noch so einiges. Man war sehr vorsichtig, denn man wollte kein Risiko eingehen.

 

 

5

Als Hugo so gegen vierzehn Uhr wieder das Bahnhofsgebäude betrat, kam ein Mann auf ihn zu sehr elegant gekleidet, sehr seriös. Sie verstanden ausgezeichnet, nach außen hin einen gepflegten Eindruck zu machen. In Wirklichkeit waren sie oft die größten Verbrecher.

»Hallo!«

Hugo drehte sich um.

»Ja, dich meine ich! Komm doch mal näher!«

Hugo schaute sich suchend um. Nein, es war keine Verwechslung, man meinte ihn.

»Ja?«

»Hast du Zeit?«

Er nickte schwach.

»Würdest du für mich eine Kleinigkeit erledigen? Kriegst einen Zehner!«

Er hatte eine ganz pelzige Zunge. »Zehn Mark?«, würgte er hervor.

»Ja!«

»Klar. Was soll ich denn tun?«

Plötzlich hielt der Mann ein Päckchen in der Hand. »Das braucht dringend mein Freund. Er wohnt Bahnhofsgasse 12. Ich muss telefonieren und kann es ihm nicht bringen. Würdest du wohl so nett sein?«

»Klar mach ich das!«

»Gut, bring es ihm, dann komm zurück und ich geb dir den Lohn.«

Hugo ahnte nicht, dass dies sozusagen ein Test sein sollte. In dem Päckchen waren tausend Mark in Hundertern. Das Päckchen war ziemlich lose geschnürt. Er wusste nicht, dass er verfolgt wurde, das jüngste Gericht über ihn kommen würde, wenn er versuchen sollte, damit zu verschwinden.

Hugo war eifrig wie ein kleines Hündchen, nahm das Päckchen an sich und rannte gleich los. Nein, ihm kam überhaupt nicht in den Sinn nachzuschauen. Er dachte nur an die zehn Mark. Der Mann im dunklen Hausflur nahm es ihm ab und lobte ihn sehr. Dann lief der Junge zurück. Natürlich musste er den Mann in der großen Halle suchen. Doch als er vor ihm stand, gab dieser ihm wortlos das Geld.

Hugo konnte es noch immer nicht fassen. So viel Geld hatte man ihm nie gelassen. Immer hätten die Oma und der Vater alles bestimmt.

»Auf dich ist Verlass. Sag mal, ich könnte dich vielleicht gebrauchen, aber sicher hast du keine Zeit für mich?«

Hugos Zunge fuhr über die Lippen. »Doch!«, sagte er eifrig. »Zeit hab ich genug! Aber ich kann nicht viel, wissen Sie und mit der Schule...?«

»Junger Mann«, vertrauensvoll klopfte der Ältere ihm auf die Schulter, »hör mal zu. Du bist ein cleveres Bürschlein, ehrlich. So etwas seh ich sofort. Was man dir da eintrichtert, das stimmt überhaupt nicht. Siehst du, ich bräuchte in der Tat so etwas wie einen Laufjungen und ich zahle nicht schlecht. Bei dem heutigen Verkehr kommt man ja mit dem Auto kaum mehr vorwärts. Wenn ich jemanden hätte, der für mich Botengänge machte, ich sage dir, bei mir kann man sogar aufsteigen.«

Hugos Augen hingen an seinen Lippen.

»Und was krieg ich dafür im Monat?«

»Achthundert für den Anfang!«

Hugo staunte nicht schlecht. »Das soll wohl ein Witz sein«, keuchte er.

Der Mann zog die Augenbrauen hoch. »Wie? Ist das zu wenig? Für den Anfang?«

»Nein, nein!«, korrigierte Hugo rasch. »Ich meine...« Dann hüpfte sein kleiner Adamsapfel auf und ab.

»Also, ist das Geschäft abgemacht? Aber, pass mal auf, was stehen wir herum. Gehen wir doch dort drüben in das Lokal. Dort können wir alles in Ruhe besprechen.«

Der Mann ging voran, ohne sich umzusehen, ob der Junge ihm auch folgte. Hugo ahnte ja nicht, dass er es mit einem Rauschgifthai zu tun hatte.

Wenig später saß er an einem weiß gedeckten Tisch und durfte sich alles bestellen, worauf er Hunger hatte. Eiskalt sah ihn der Mann an. Er kannte keine Gnade, obwohl er wusste: Wenn man den Jungen schnappte, kam er ins Gefängnis, denn jetzt war er ein kleiner Zubringer.

»Hör zu, ich muss mich darauf verlassen, dass du in Ordnung bist, verstanden? Dass du alles tust, was ich dir sage und nicht neugierig bist. Denk daran: Du bist noch zu jung, um die Geschäftstaktiken zu durchschauen. Also verlange ich absoluten Gehorsam! Und jetzt sage mir, wann du kommen kannst! Ich meine die Zeit.«

Details

Seiten
109
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935554
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511879
Schlagworte
redlight street nola

Autor

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Titel: Redlight Street #114: Die kesse Nola liebt gefährlich