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Ein Jack Braden Thriller #16: Wer einmal einen Mord begeht

2019 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wer einmal einen Mord begeht

Copyright

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Wer einmal einen Mord begeht

Ein Jack Braden Thriller #16

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Wer hat Lee Molden umgebracht? Dieser Frage soll Jack Braden im Auftrag der Witwe nachgehen. Doch der Fall liegt gar nicht so einfach, und als es weitere Morde gibt, die scheinbar willkürlich, doch mit der gleichen Waffe ausgeführt werden, stehen Braden und die Polizei vor einem Rätsel. Aber dann zeigt sich ein Hoffnungsschimmer, der jedoch zu einem weiteren Mord führt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© BILD STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Notiz in der New York Times vom 23. April.

Wie wir hören, wurde heute James Tuck, der wegen Mordes zweiten Grades vor siebzehn Jahren zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist, vorzeitig aus der Haft entlassen. Tuck, der damals bis zur letzten Sekunde seine Unschuld beteuerte, war auf Grund eines lückenlosen Indizienbeweises schuldig befunden worden, seinen Vormund Raimond Schepps erschlagen und beraubt zu haben.

Jack Braden überflog diese Notiz, ohne sich viel dabei zu denken. Er kannte diesen Fall nicht. Das Drama hatte sich lange vor seiner Zeit abgespielt. Einen Augenblick dachte er daran, wie es wohl einem Menschen zumute sein muss, der siebzehn Jahre hinter Zuchthausmauern verbracht hatte und in eine völlig veränderte Welt zurückkehrte, in der er sich nur mit Mühe zurechtfinden konnte.

Dann blätterte er weiter.

„Hello, Jack! Haben Sie etwas dagegen, wenn ich schnell hinüber zum Friseur husche? Ich brauche dringend eine neue Wasserwelle.“

Dawn Barris, Bradens Sekretärin, stand mit bittendem Lächeln neben seinem Schreibtisch.

„Wenn Sie im Augenblick nichts zu tun haben und es nicht wieder drei Stunden dauert, wie beim vorigen Mal, so habe ich nichts dagegen“, sagte er.

„Das war eine Dauerwelle, aber davon verstehen Sie ja nichts, Jack. Es wird höchste Zeit, dass Sie heiraten“, neckte sie.

„Das überlege ich mir schon lange, aber die einzige die ich haben möchte, will ja nicht.“

Dawn Barris drehte sich schnell um. Sie wollte nicht, dass ihr Chef ihre Verlegenheit und ihr Erröten bemerkte.

„In spätestens einer Stunde bin ich wieder hier.“

Damit wirbelte sie hinaus, und gleich darauf klappte die Flurtür.

 

 

2

Es war eine kühle und regnerische Nacht. Die Bowery, die man auch Skid Row, die Rutschbahn nennt, war noch trostloser als gewöhnlich. Die Straßenlaternen hatten einen Hof. Die wenigen Passanten drückten sich mit hochgeschlagenen Mantelkragen an den alten grauen Häusern entlang.

Die Stadtverwaltung hatte zwar die Hochbahn abgebaut, aber Skid Row war die gleiche geblieben, die letzte Station für Menschen, die irgendwie auf die schiefe Bahn gekommen waren und es nicht fertig brachten, wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Ein alter Mann ging mit schleppenden Schritten in Richtung Houston Street. Er schien kein Ziel zu haben. Vor einer Kneipe blieb er eine Weile unschlüssig stehen, dann trat er ein. Er blinzelte ins Licht und schlurfte hinüber zur Bar. Seine Kleider waren neu und gut, aber sie saßen nicht. Sie schlotterten um ihn, als ob sie ihm nicht gehörten. Der Mann war gar nicht so alt, wie er aussah. Sein Haar war frühzeitig ergraut, und sein Gesicht von gelber ungesunder Farbe.

Er stützte sich auf die Theke.

„Einen Scotch, bitte!“, sagte er leise und fügte nach kurzem Zögern hinzu: „Mit Soda, bitte.“

„Soda?“, grinste der Wirt und maß den unbekannten Gast mit prüfendem Blick. „Du bist wohl nicht mehr an das Zeug gewöhnt?“

„Kann sein“, war die einsilbige Antwort.

Der Mann mischte sich das Getränk und nahm einen tiefen Zug. Dann fingerte er eine Brieftasche heraus und blätterte durch den dicken Packen Scheine, die sich darin befanden. Er legte zwanzig Dollar hin.

„Höre, mein Junge!“ Der Wirt beugte sich vertraulich herüber. „Ich würde hier nicht zeigen, dass ich so viel Geld habe. Wohl eine Bank geknackt?“

„Nein. Ich habe gespart.“

„So kann man es auch nennen“, grinste der Kneipier und gab das Wechselgeld zurück.

Der Mann trank noch einen zweiten und einen dritten Scotch. Auf den gelben Wangen erschienen rote Flecken. Jedes Mal zahlte er sofort.

„Na, Liebling, willst du mir nicht einen ausgeben?“ Ein geschminktes Mädchen drängte sich an ihn.

Der Mann rückte zur Seite.

„Geh weg!“, zischte er, und seine Augen blitzten böse. „Mit Weibern will ich nichts zu tun haben.“

„Ach, so einer bist du!“, lachte die Frau schrill.

„Lass den Mann in Ruhe“, knurrte der Wirt. „Der ist nichts für dich!“

Der Mann mit dem gelben Gesicht raffte sich auf. Er durfte sich nicht betrinken. Was tat er überhaupt hier auf der Skid Row?

Er wollte nicht abrutschen. Er hatte ein Ziel, und dieses Ziel musste er erreichen. Er war froh, als er wieder auf der Straße stand, die Hand auf die linke Brustseite gepresst, wo unter der wohl gefüllten Brieftasche sein Herz in wilden Schlägen pochte. Dann ging er eilig weiter.

Als ihm zwei Cops begegneten, schrak er unwillkürlich zusammen. Dann aber fasste er einen Entschluss. Er ging auf sie zu, tippte an den Hut und fragte: „Verzeihung, Officer. Ich bin fremd hier. Können Sie mir ein kleines anständiges Hotel nennen?“

„Und das suchen Sie hier? Wissen Sie denn nicht, wo Sie sind?“

„Ich muss mich wohl verlaufen haben.“

„Kommen Sie mit. Wir bringen Sie zum Roten Löwen … oder wollen Sie lieber im Bradon absteigen?“, lachte einer der Cops.

Der Mann gab keine Antwort.

Der Rote Löwe befand sich in der Fourth Avenue und war billig, aber solide. Der Mann schrieb sich als Jim Brown in die Liste ein und bezahlte drei Dollar im Voraus. Als er im Bett lag, beschloss er, dass es anders werden müsse. Vielleicht würde alles anders werden müssen. Er musste sich nur zusammenreißen.

Niemand hätte ihn wiedererkannt, als er am folgenden Tag in einer Taxe und mit zwei neuen Koffern am Barkley Hotel in der 48. Straße vorfuhr und ein Zimmer mit Bad verlangte. Immerhin hatte Mr. Jim Brown mehr als dreitausend Dollar in der Tasche, eine Summe, die er in langen Jahren mühselig erspart hatte.

 

 

3

Mr. Lee Molden hatte sein Office im 5. Stock des alten Geschäftshauses am Broadway 42, mitten in der City. Er war ein hoher Vierziger, klein, dick und cholerisch. Die Angestellten seines Maklerbüros wussten, dass mit dem Chef schlecht Kirschen essen war.

Pünktlich wie immer ging er um neun Uhr fünfzehn durch die Halle, grüßte den Pförtner mit einem herablassenden Nicken und wartete, bis der Selbstbedienungslift herunter kam. Er öffnete und stieg ein. Ein Fremder, der hinter ihm gewartet hatte, folgte mit einem leise gemurmelten:

„Verzeihung!“

Der Lift setzte sich in Bewegung. Die beiden Männer standen sich gegenüber.

Ein komischer Vogel!, dachte Mr. Molden, und dann dämmerte eine leise Erinnerung in ihm auf, eine Erinnerung, die ihm einen kalten Schauder über den Rücken jagte.

„Lee!“, flüsterte sein Gegenüber. „Lee! Kennst du mich noch?“

Mr. Molden stand wie erstarrt.

Standen die Toten auf? Drängte die lange unterdrückte Vergangenheit wieder ans Licht?

Es war unmöglich! Es konnte nicht sein, und es durfte nicht sein!

Der andere grinste. Es war ein bösartiges Grinsen, als er in die Tasche griff.

Eine Pistole mit aufgesetztem Schalldämpfer richtete sich auf Molden. Der wollte schreien, aber er brachte keinen Ton heraus. Er deckte die Hände über die Augen und wartete auf das Ende.

Ein leiser Puff, und dann war es vorüber.

Im 4. Stock stieg der andere aus. Er schlug die Tür des Aufzuges zu und lachte leise. Dann ging er langsam die Treppen hinunter, trat auf die Straße und verschwand im Strom der Passanten.

 

 

4

„Eine Dame möchte Sie dringend sprechen, Jack“, sagte Dawn Barris. „Hier ist ihre Karte.“

„Elsa Molden?“ Braden zog die Brauen zusammen. „Elsa Molden? Ich habe diesen Namen kürzlich gehört oder gelesen … Ja, jetzt weiß ich es. Es muss eine Verwandte dieses Lee Molden sein, der vor ein paar Tagen ermordet wurde.“

„Sie trägt Trauer“, ergänzte Dawn Barris.

„Lassen Sie die Dame hereinkommen.“

Elsa Molden war 37 Jahre alt und eine ebenso elegante wie aparte Frau. Ihr Haar war rotblond und so glänzend, dass es fast blendete. Ihre Augen waren so dunkel, dass man ihre Farbe nicht mehr erkennen konnte, ihre Nase fein und ihr Mund schön geschwungen und rot. Sie hatte die Figur einer Siebzehnjährigen.

„Bitte nehmen Sie Platz, Mrs. Molden. Was kann ich für Sie tun?“, fragte Braden.

„Ich setze voraus, dass Sie von dem rätselhaften Mord an meinem Mann wissen“, sagte sie und tupfte mit einem feinen Batisttuch zwei Tränen aus den dunklen Augen. „Die Stadtpolizei steht vor einem Rätsel, genauso wie ich selbst. Lee hat keinem Menschen etwas getan. Er hatte keine Feinde, und auch ein Raubmord ist ausgeschlossen. Die Brieftasche, in der er mehrere hundert Dollar bei sich trug, war unberührt. Darum komme ich zu Ihnen um Hilfe. Ich kenne Ihren Ruf und weiß von Ihren guten Beziehungen zur Polizei und zum FBI. Sie müssen Lees Mörder finden. Geld spielt keine Rolle.“

Mit nervösen Fingern holte sie ein Scheckbuch aus der Handtasche.

„Wie viel Honorarvorschuss darf ich Ihnen ausschreiben?“

„Ist die Stadtpolizei über diesen Ihren Schritt orientiert?“, fragte Braden vorsichtig. „Ich habe heute morgen bereits mit dem High Commissioner gesprochen. Er erhebt keine Einwendungen. Im Gegenteil, er würde Ihre Unterstützung begrüßen.“

„Wenn ich den Fall übernehme, so stelle ich die Bedingung, dass Sie mir nichts verschweigen und mir Einblick in die geschäftlichen und privaten Papiere Ihres Gatten gewähren. Nur wenn ich alles weiß, kann ich einen Erfolg erzielen.“

„Das ist selbstverständlich, Mr. Braden. Ich werde die Mitarbeiter anweisen, Ihnen jede Auskunft zu geben, und stelle Ihnen alles zur Verfügung, was Sie nötig haben. Ich habe nur einen Wunsch, nämlich dass der Mörder zur Rechenschaft gezogen wird.“

„Tausend Dollar werden genügen. Meine Rechnung schreibe ich, wenn der Fall mit oder ohne Erfolg abgeschlossen wird. Ich kann natürlich nichts garantieren.“

„Das verstehe ich, Mr. Braden.“

Dawn Barris, die mitstenographiert hatte, erhob sich, glitt hinaus und kam mit der Quittung zurück, die Braden unterschrieb.

„Und jetzt erzählen Sie mir bitte ausführlich.“

„Wo soll ich anfangen?“

„So weit zurück wie möglich. Wie lange sind Sie verheiratet?“

„Seit fast siebzehn Jahren. Unsere Ehe war kinderlos, aber glücklich. Wir hatten keine Geldsorgen, und abgesehen von kleinen privaten oder beruflichen Ärgernissen verlief alles harmonisch. Ich wüsste niemanden, der einen Grund hätte, Lee umzubringen. Ich glaube manchmal, es kann nur ein Irrsinniger gewesen sein.“

„Oder jemand, der Ihren Gatten mit einem anderen verwechselte. Aber Mord bleibt Mord. Ich werde die Stadtpolizei bitten, mir die Akten zur Einsicht zu überlassen, und Sie dann heute oder morgen besuchen. Ich rufe vorher an.“

„Vielen Dank, Mr. Braden. Ich baue auf Sie.“

Mrs. Molden lächelte zaghaft und verabschiedete sich.

„Eine bemerkenswerte Frau“, sagte Braden, als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte.

„Ein Blender!“, war Sunnys Urteil. „Sie weiß, dass sie gut aussieht, und macht davon Gebrauch. Haben Sie das kurze Röckchen gesehen?“

„Das habe ich, und zwar mit viel Vergnügen.“

„Ich finde es schamlos, wenn man ein paar Tage nach dem tragischen Verlust seines Mannes so herumläuft.“

Jack Braden lächelte. Es hatte keinen Zweck mit Sunny über derartiges zu streiten. Frauen beurteilen einander viel strenger, als ein Mann das jemals tun würde.

„Ich gehe aus. Wenn Sie mich erreichen wollen, ich bin im Polizei-Hauptquartier.“

Dort erfuhr Braden, dass Detektive Lieutenant Temper, mit dem er auf besonders gutem Fuß stand, den Fall Molden bearbeitete.

„Eine vertrackte Angelegenheit!“, schimpfte der Lieutenant. „Es gibt kein Motiv und kein Indiz. Der Mann wurde mit einer zweiunddreißiger Pistole erschossen. Die Hülsen und Geschosse wurden untersucht. Die Hoffnung, dass die Waffe hier bekannt sei, erfüllte sich nicht. Der Mörder muss einen Schalldämpfer benutzt haben, andernfalls wäre der Schuss gehört worden. Der Pförtner erinnert sich, dass ein Fremder in dunkelgrauem Mantel und Homburg-Hut zu Molden in den Lift stieg. Er hat nicht gesehen, dass dieser Mann das Gebäude wieder verließ, aber das will nichts sagen. Eine Menge Menschen gehen dort ein und aus, und zudem gibt es einen Hinterausgang, der auf den Hof und von da in der New Street mündet.

Natürlich wurde die Aufzugkabine auf Fingerabdrücke untersucht, aber das ist ein nutzloses Beginnen. Hunderte von Leuten stehen tagaus, tagein in diesem Lift, und jeder von ihnen hinterlässt seine Abdrücke. Wir haben das Personal vernommen und über jeden Auskünfte eingezogen. Es sind sieben Leute, drei Mädchen und vier Männer, und alle sind unverdächtig. Wir sind noch dabei, die geschäftlichen Transaktionen der letzten Monate zu überprüfen, aber auch da wird sich kaum etwas finden, andernfalls hätte Miss Margret Steach, Moldens persönliche Sekretärin, davon wissen müssen. Ich habe überhaupt den Eindruck, als ob diese Miss Steach, wie man so sagt, den ganzen Laden geschmissen hat.“

„Was ist diese Miss Steach für eine Frau?“, fragte Braden.

„Die typische kompetente Sekretärin, smart und nicht unhübsch. Ich habe an dasselbe gedacht wie Sie, aber das Mädel hat einen festen Freund, einen sehr wohlhabenden jungen Mann. Sie hatte keinerlei Grund sich mit ihrem nicht gerade anziehenden Chef abzugeben.“

„Daran dachte ich nicht, Lieutenant. Ich hatte eine andere Idee. Sie sagten soeben, dass diese Miss Steach den Laden schmeißt. Sie hätte sicherlich auch Gelegenheit an Beträge zu kommen, die ihr nicht gehören. Schon mancher Mord ist zur Verschleierung derartiger Verfehlungen begangen worden.“

„Sehen Sie sich das Mädchen an. Ich kann mir das nicht denken.“

„Und was halten Sie von Mrs. Molden? Sie sagten vorhin, der Mann sei nicht anziehend gewesen. Ich nehme an, dass Sie sich dabei vorsichtig ausgedrückt haben. Elsa Molden dagegen ist eine sehr attraktive Frau, und sie ist sich dessen bewusst.“

„Aber sie ist auch nicht dumm. Es ist durchaus möglich, dass sie einen Boyfriend hat, aber wenn das so sein sollte, so hat der ihren Mann bestimmt nicht ermordet. Dafür hätte sie gesorgt. Ich bin der Überzeugung, dass sie auf ihre Art mit dem kleinen Dicken glücklich war.“

„Aber irgend jemand muss einen Grund gehabt haben, Molden zu beseitigen. Es kann Hass gewesen sein, Eifersucht, Geldgier oder Angst, Angst vor Entdeckung.“

„Suchen Sie sich aus, was Sie wollen, Mr. Braden. Ich weiß es nicht. Wenn Sie aber etwas herausfinden, so unterrichten Sie mich.“

„Wenn ich meiner Sache gewiss bin. Ich möchte Sie nicht mit Vermutungen auf eine falsche Fährte hetzen.“

„Jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Glück“, grinste Lieutenant Temper.

„Das kann ich wirklich brauchen.“

Es war inzwischen 12 Uhr 30 geworden. Braden ging essen und rief dann im Office an.

„Etwas Neues, Sunny?“, fragte er.

„Nichts. Es herrscht eine himmlische Ruhe, sogar das Telefon schweigt.“

„Langweilen Sie sich?“

„Ich kann nicht klagen. Ich lese den neuesten Krimi. Oh, Jack, wenn Sie die Streiche machten, die der Held dieser Geschichte macht, so säßen Sie schon längst im Gefängnis. Aber amüsant ist es doch. Was sagen die Herren im Hauptquartier?“

„Ich habe mit Lieutenant Temper konferiert, und wir haben Theorien aufgestellt und wieder verworfen. Immerhin gibt es ein paar Punkte, die ich nachprüfen muss.“

„Und die wären?“

„Nummer eins, ob die schöne Mrs. Molden einen Freund hat, der vielleicht von Eifersucht geplagt wurde. Und Nummer zwei, wes Geistes Kind die angeblich sehr tüchtige und ansehnliche Sekretärin des Ermordeten ist, die wie Temper behauptet, die Geschäfte fast selbständig geführt hat.“

„Beides dürfte der Mühe wert sein. Wann kommen Sie zurück, Jack?“

„Das kommt auf die Umstände an. Ich will sowohl Mrs. Molden als auch dem Büro einen Besuch abstatten. Wie lange das dauern wird, kann ich nicht im Voraus sagen.“

„Soll ich auf Sie warten, Jack?“

„Keinesfalls. Wenn ich bis fünf Uhr nicht aufgetaucht bin, so fahren Sie ruhig nach Hause.“

Das Haus, in dem Mrs. Molden residierte, lag in der Park Avenue und trug die Nummer 1114. Es war eines der guten alten Häuser, wie man sie vor fünfzig Jahren baute. Es war altmodisch, aber imponierend. Es roch förmlich nach dem Geld seines Besitzers.

Dass es eine wilde Mischung verschiedener Stilarten aufwies, störte weiter nicht. Es gab Säulen, Türmchen, Zinnen und ein paar nackte steinerne Männlein und Weiblein, die offensichtlich irgendwelche griechischen Götter sein sollten.

Mrs. Molden musste also noch viel mehr geerbt haben, als Braden vorausgesetzt hatte. Im Stillen registrierte er das als Punkt drei. Wenn man mit einem kleinen dicken Mann – Braden hatte bei Temper das Bild des Ermordeten gesehen – verheiratet ist, und so aussieht wie Elsa Molden, und wenn dieses Scheusal von Mann unmäßig viel Geld hat, so könnte der Gattin schon der Gedanke kommen, es sei doch entschieden vergnüglicher und angenehmer, ohne ihn zu leben.

An der Haustür hing ein riesiger, bronzener Klopfer, aber nicht weit davon gab es auch eine sehr moderne, elektrische Klingel. Jack Braden zog diese Klingel vor.

Gleich danach wurde geöffnet. Ein ungefähr 17-jähriges außerordentlich hübsches Mädchen in schwarzem Kleid, weißem Schürzchen und ebensolchem Häubchen auf dem brandroten Haar stand in der Tür. Sie versuchte freundlich zu lächeln, aber es gelang ihr nicht ganz. Ihre Augen waren rotgerändert und verschwollen. Sie musste geweint haben.

Braden nahm das zur Kenntnis.

„Ich möchte Mrs. Molden sprechen“, sagte er. „Ich bin Jack Braden.“

„Es tut mir sehr leid, aber Mrs. Molden ist nicht zu Hause. Sie ist bereits vor einer Stunde ins Office gefahren.“

„Hat sie hinterlassen, wann sie zurückkommt?“

„Ich weiß es nicht. Ich …“ Plötzlich schluchzte sie kurz auf.

Sie griff nach dem Tuch in der Schürzentasche und wischte sich die Tränen aus den Augen. Scheinbar hatte das Mädchen sehr an Mr. Molden gehangen.

Eine zweite Angestellte, eine ältliche Frau, die ebenso ein schwarzes Kleid und eine Schürze trug, kam eiligen Schrittes durch die Diele.

„Lass doch die Flennerei, Pam. Was soll denn der Herr von dir denken?“, rügte sie. „Sie dürfen der Kleinen das nicht übel nehmen. Der Schock war zu groß. Mr. Molden war wie ein Vater zu ihr.“

Ein großer Cadillac de Luxe bog von der Straße her in die Auffahrt ein und stoppte. Mrs. Molden saß im Fond, am Steuer ein livrierter Chauffeur, der dann heraussprang und, die Mütze in der Hand, die Tür des Wagens öffnete.

Elsa Molden stieg mit graziösen Bewegungen aus, ohne darauf zu achten, dass ihr kurzes Röckchen bis weit über die Knie rutschte. Sie lächelte den Fahrer an, der mit unbewegtem Gesicht dastand, nickte und kam zum Haus herüber.

Dieser Fahrer war, wie Braden feststellte, ein sehr gut aussehender junger Mann, und Mrs. Moldens Lächeln zeigte, dass auch sie dieser Ansicht war. Ein weiterer Punkt, den Braden in Gedanken registrierte.

„An Sie habe ich gerade gedacht, Mr. Braden!“, begrüßte ihn Elsa Molden. „Bitte kommen Sie herein.“

Jack Braden machte die Andeutung einer Verbeugung und folgte der Dame des Hauses nach drinnen.

Als sie das verweinte Gesichtchen des Mädchens Pamela sah, strich sie ihr mitleidig über die Wange.

„Du musst dich langsam beruhigen, Kind. Es ist ja nun nichts mehr daran zu ändern.“

Pamela nickte, aber es sah so aus, als ob sie sich der Berührung durch die gepflegten Finger der Mrs. Molden entzog. Sie wich zurück und lief nach hinten, wo sich wohl die Wirtschaftsräume befanden.

„Mein armer Mann hat die Kleine maßlos verwöhnt“, sagte Mrs. Molden. „Jetzt ist sie natürlich trostlos, aber auch das wird sich wieder geben. Mädchen in ihrem Alter vergessen schnell.“

Jack Braden warf einen Blick auf die ältliche Hausangestellte, die sich nicht von der Stelle gerührt hatte. Vielleicht war sie gar nicht so alt, wie sie aussah. Sie war vergrämt, und ihre Augen hingen mit einem Ausdruck an Elsa Molden, den sich Braden nicht erklären konnte. Er glaubte Hass darin zu lesen.

Jede Person, die er bis jetzt im Zusammenhang mit dem Mord gesehen oder gesprochen hatte, schien irgendeine besondere Rolle zu spielen. Vorläufig konnte er sich nicht klar darüber werden, wie sich diese Rollen verteilten. Aber er würde dahinterkommen.

Er beeilte sich, Mrs. Molden beim Ablegen des Mantels behilflich zu sein. Sie nahm das kleine Hütchen mit dem schwarzen Schleier ab und legte es auf den Tisch. Dann warf sie einen Blick in den Spiegel und strich sich über das rotblonde Haar, das ihr glatt und schimmernd wie ein Goldhelm um den Kopf lag.

Dabei kam ihm in den Sinn, dass auch die ältere Hausangestellte, bevor sie grau geworden war, rotes Haar gehabt haben musste. Drei Rothaarige so dicht beieinander! Das konnte nicht gut gehen!

Dann saß er der Dame des Hauses in einem geschmackvoll eingerichteten, boudoirähnlichen Zimmer gegenüber.

„Ich bin entrüstet!“, sagte sie mit klagender Stimme. „Ich hätte so etwas nie für möglich gehalten!“

„Wollen Sie mir nicht erklären, was Sie nicht für möglich gehalten hätten?“

„Also, ich fuhr vorhin ins Office meines …“, sie stockte einen Augenblick, „meines verstorbenen Mannes, um dort nach dem Rechten zu sehen und darum zu bitten, dass man einen Geldbetrag auf mein Privatkonto überweise. Was denken Sie, was diese Steach mir erklärt hat?“

„Das kann ich nicht wissen, Mrs. Molden“, lächelte Braden. „Wer ist diese Person überhaupt?“

Er wusste natürlich von Lieutenant Temper, dass es sich um die kompetente Sekretärin handelte, die „den Laden schmiss“.

„Dieses Weib, das sich in Lees Vertrauen geschlichen hat, das Colley unter dem Daumen hat und tut, als ob die Firma ihr gehöre. Sie hat mir rundweg erklärt, solange die Testamentseröffnung nicht stattgefunden habe, könne sie keine Anweisungen von mir entgegennehmen. Ich habe mich sofort bei Colley beschwert …“

„Verzeihen Sie, Mrs. Molden, aber wer ist Colley?“

„Lees Prokurist, ein alter sturer und unmöglicher Kerl. Er sagte mir, die Steach habe recht. Der Anwalt habe alle Transaktionen mit Ausnahme der bereits laufenden Geschäfte gestoppt, bis nach der Beerdigung meines Mannes sein Testament in Kraft treten könne.“

„Das dürfte den gesetzlichen Vorschriften entsprechen, Mrs. Molden“, erwiderte Braden. „Ich nehme doch nicht an, dass Sie in Geldverlegenheit sind? Dann müsste der Anwalt Ihnen eine entsprechende Summe vorschießen.“

„Natürlich bin ich nicht in Geldverlegenheit. Ich habe mein eigenes Konto. Ich sehe aber nicht ein, warum ich etwas davon abheben soll.“

„Es wird Ihnen wohl nichts anderes übrigbleiben. Wer ist denn Ihr Rechtsanwalt?“

„Mr. Ray Hodges, ein ekelhafter Kerl.“ Mrs. Molden schien alle Leute für ekelhaft zu halten, die nicht nach ihrer Pfeife tanzten.

„Wissen Sie schon, wann die Bestattung ist?“, fragte Braden.

„Morgen. Gestern hat die Polizei ihn freigegeben.“

„Dann brauchen Sie ja nicht mehr lange auf die Testamentseröffnung zu warten.“

„Darum handelt es sich ja nicht. Es geht mir um die Frechheit, dass man mir mein eigenes Geld verweigert.“

Braden gab keine Antwort. Es war zwecklos dieser Frau klarmachen zu wollen, dass es eben nicht anders ging. Schließlich führten der Prokurist und die Sekretärin ja nur die Anweisungen des Anwalts aus.

„Man hat überhaupt nichts als Ärger!“, beklagte sich Mrs. Molden. „Julia und Pam sind vollkommen durcheinander. Es ist nichts mit ihnen anzufangen. Julia ist schon bei uns, seitdem wir verheiratet sind, seit siebzehn Jahren. Pam ist ihre Tochter, unehelich natürlich! Lee, mit seinem mitleidigen Herzen, erlaubte ihr, das Kind mitzubringen. Als ob sie die Kleine nicht in ein Heim hätte geben können!“

„Ich finde das einen sehr netten Zug von Ihrem verstorbenen Gatten“, erwiderte Braden, der anfing sich über die Frau zu ärgern.

„Das sagen Sie, aber ich habe jetzt die Last davon.“

„Sie hatten mir versprochen, dass ich die Papiere Ihres Gatten durchsehen dürfe. Vielleicht findet sich darunter ein Hinweis darauf, wer Grund gehabt haben könnte, ihn zu ermorden“, kam Braden auf den Zweck seines Besuches zurück.

„Kommen Sie mit. Ich gebe Ihnen die Schlüssel zu seinem Schreibtisch. Wenn Sie wollen, können Sie auch den Inhalt des Safes durchsehen, obwohl darin bestimmt nichts ist, was Sie interessieren könnte.“

Sie stand auf und ging voraus.

Wieder musste Braden ihre biegsame, schlanke Figur bewundern, als sie vor ihm die Treppe zum ersten Stock hinauf ging. Dort befand sich ein Raum, wie Männer ihn ihre „Höhle“ nennen. Es gab einen Schreibtisch, einen großen Bücherschrank, ein paar abgenutzte tiefe Clubsessel, einen Rauchtisch, eine Hausbar und eine Unzahl von Aschenbechern.

„Hier ist das Schlüsselbund. Der Safe ist dort drüben unter dem unmöglichen Bild. Amüsieren Sie sich.“

In der Tür blickte sie sich nochmals um und lächelte. Es war fast dasselbe Lächeln wie das, mit dem sie den Chauffeur beglückt hatte.

Braden kam immer mehr zu der Ansicht, dass Elsa Molden gewöhnt war, die Feste zu feiern, wie sie fielen.

Es war zwei Uhr, als Braden die erste Schublade des Schreibtisches öffnete und sich in die Papiere vertiefte. Er fand nichts, das auch nur den geringsten Verdacht auf jemanden hätte werfen können. Das Einzige, was er aus den Schriftstücken lernte war, dass Lee Molden ein Vermögen von fast zwei Millionen Dollar hinterlassen haben musste.

Als er dann den Inhalt des Safes prüfte, dessen Stahltür unter einer Kopie der „nackten Maja“ von Goya verborgen war, fand er noch verschiedene Aktienpakete und eine Lebensversicherungspolice über 50 000 Dollar, die auf Überbringer ausgestellt war.

Es war alles so sachlich und unpersönlich, dass er sich des Verdachtes nicht erwehren konnte, jemand habe die Papiere durchgesehen und alles Verdächtige aussortiert.

Um vier Uhr war er fertig. Er schloss Schreibtisch und Safe ab und ging hinunter, um Mrs. Molden die Schlüssel zurückzugeben.

Sie lag in einem Negligé aus Nylon auf der Couch, gerade so, als ob sie die verführerische Stellung einstudiert hätte, um Braden zu beeindrucken.

„Well, haben Sie etwas gefunden?“, fragte sie.

„Leider nicht. Es ist alles in bester Ordnung, eigentlich in zu guter Ordnung.“

„Das habe ich vorausgesehen, Mr. Braden. Sie werden wohl hier im Haus keinen Hinweis auf Lees Mörder finden. Da müssen Sie schon an anderer Stelle suchen. Aber selbst wenn Sie Lees Mörder finden, so gibt mir das meinen Mann nicht zurück.“

Sie reckte sich und verschränkte die Hände im Nacken. Braden glaubte zu bemerken, dass sie ihn dabei verstohlen beobachtete, als wolle sie feststellen wie diese Pose, die ihre jugendliche Figur zur Geltung brachte, auf ihn wirkte.

„Darf ich Ihnen einen Drink anbieten, Mr. Braden? Ich selbst hätte eine Stärkung nötig, aber allein …“

Sie zuckte die Achseln und schien nicht zu bemerken, dass das leichte Kleidungsstück von der rechten weißen Schulter abglitt.

Um nicht unhöflich zu erscheinen, war Braden einverstanden.

„Seien Sie doch so freundlich zu klingeln“, bat sie. „Ach nein! Lassen Sie es.“

Geschmeidig glitt sie von der Couch und zum Barschrank. Es war wirklich ein Genuss, den graziösen Bewegungen zuzusehen, mit denen sie die Drinks mixte. Lee Moldens Witwe war eine außerordentliche Frau, und sie wusste das.

 

 

5

Als Jack Braden im Office der Firma Lee Molden Brokerage am Broadway 42 ankam, war es fast fünf Uhr und das Personal beim Aufbrechen. Dieses Personal bestand aus sieben Clerks und Stenotypistinnen. Er erkannte sofort, welches Miss Steach, die Sekretärin war. Sie mochte 27 oder 28 Jahre alt sein und sah auf eine strenge Art sehr gut aus.

Sie trug das schwarze Haar glatt und gescheitelt, ihre großen dunklen Augen blickten durch eine Hornbrille mit breitem Rand, und auf der Oberlippe über dem gut geschnittenen, aber etwas schmalen Mund spross ein neckisches kleines Bärtchen.

„Sie wünschen?“, fragte sie und maß Braden mit einem misstrauischen Blick.

„Ich bin Jack Braden, Privatdetektiv und von Mrs. Molden im Einverständnis mit der Stadtpolizei beauftragt, an der Suche nach dem Mörder ihres Mannes mitzuwirken.“

Der Mund der Sekretärin wurde noch schmaler.

„Ich setze also voraus, dass Sie das, was Sie Nachforschungen nennen, auch hier vornehmen wollen. Leider kann ich den Auftrag von Mrs. Molden nicht anerkennen. Die Leitung der Firma liegt zur Zeit in Händen des Anwalts Ray Hodges, der mir Vollmacht für die laufenden Geschäfte gegeben hat. Ihr Anliegen ist ein außerordentliches, Sie müssen sich also mit Mr. Hodges in Verbindung setzen.“

„Ich dachte, dass auch Sie, Miss Steach, daran interessiert sein müssten, dass Mr. Moldens Mörder gefunden und zur Rechenschaft gezogen wird“, entgegnete Braden steif.

„Selbstverständlich bin ich das, aber in diesem Fall handelt es sich um eine prinzipielle Frage. Mrs. Molden hat bereits den Versuch gemacht, sich Rechte anzumaßen, die sie nicht hat. Wenn ich nun Ihrem Anliegen stattgebe, so schaffe ich einen Präzedenzfall. Ich nehme an, Sie verstehen das.“

Jack Braden verstand, aber trotzdem irritierte es ihn, dass Moldens engste Mitarbeiterin wenig Neigung zeigte, bei der Aufklärung des Mordes an ihrem Chef behilflich zu sein. Das Prinzip und die sogenannte Schaffung eines Präzedenzfalles hielt er für Ausreden, denn er hatte ja ausdrücklich betont, er komme im Einverständnis mit der Polizei.

Er beschloss, Nummer zwei auf seiner Verdächtigenliste besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Für heute war es zu spät, um den Anwalt aufzusuchen. Also fuhr Jack Braden nach Hause, um seine Gedanken und Überlegungen zu ordnen und zu Papier zu bringen.

Dawn Barris saß an ihrem Schreibtisch und blätterte in einem Modemagazin.

„Dass Sie sich auch einmal wieder sehen lassen, Jack!“, stichelte sie. „Lieutenant Temper hat schon zweimal angerufen. Ich weiß nicht, was er wollte. Er tat recht geheimnisvoll.“

„Dann wollen wir einmal hören, was er zu sagen hat.“

Braden wählte die Nummer des Polizei Hauptquartiers und ließ sich mit der Mordkommission II verbinden.

„Was gibt es Neues, Lieutenant?“, fragte Jack Braden.

„Ich habe da etwas herausgefunden, was wahrscheinlich ohne Belang ist, aber mir trotzdem zu denken gibt. Waren Sie bei Mrs. Molden?“

„Ja, und ich habe festgestellt, dass sie eine Frau ist, die genau weiß, was sie will und sich ihrer Macht über Männer mehr als bewusst ist. Im Übrigen waren meine Nachforschungen ergebnislos. Ich habe Moldens Papiere, in die sie mir bereitwilligst Einsicht gewährte, durchgesehen, ohne auch nur den geringsten Anhaltspunkt für ein Mordmotiv zu finden.“

„Haben Sie sich auch das Personal angesehen?“

„Ja. Mrs. Molden hat einen außerordentlich smarten Chauffeur, für den sie anscheinend etwas übrig hat, außerdem zwei Hausangestellte, Julia und Pam, Mutter und Tochter, die schon lange Jahre dort sind.“

„Um diese Julia Bales und deren Tochter geht es. Einer meiner Leute hat herumgeschnüffelt und erfahren, dass diese Julia, die heute vierzig Jahre alt ist, schon drei Jahre, bevor Molden heiratete, seine Haushälterin und auch Verhältnis war. Sie war damals genauso hübsch wie ihre Tochter heute und – jetzt kommt die Hauptsache – das Mädchen Pamela ist Moldens Tochter, eine Tatsache, von der Mrs. Molden nichts weiß. Ich habe außerdem gehört, dass Julia Bales, als sie hörte, dass Molden Elsa Irving zu heiraten beabsichtigte, einen Selbstmordversuch gemacht hat. Sie werden bemerkt haben, dass sie recht alt und vergrämt aussieht. Ich könnte mir denken, dass sie siebzehn Jahre lang eifersüchtig gewesen ist und diese Eifersucht zuletzt zu einer Explosion geführt hat.“

„Sie vergessen eines, Lieutenant. Die Person, die mit Molden im Lift fuhr und ihn zweifellos umbrachte, war ein Mann.“

„Einen Mörder kann man jederzeit mieten, und zwar leider verhältnismäßig billig. Das müssten Sie doch wissen, Braden. Nur eines begreife ich nicht, nämlich, warum diese Julia sich darauf einließ, auch nach der Heirat bei Molden zu bleiben.“

„Wahrscheinlich machte sie das Beste aus einer verfahrenen Situation.“

„Jedenfalls ist diese Frau eine undurchsichtige Person, und sie hatte allen Grund Molden zu hassen.“

„Dann hätte sie nicht siebzehn Jahre zu warten brauchen, bis sie Rache nahm“, widersprach Braden. „Allerdings ist es auch mir rätselhaft, warum sie als Untergebene dablieb, wo sie hätte Herrin sein können. Ich werde sehen, ob ich etwas darüber herausbekomme. Wenn nicht anders, so werde ich sie einfach fragen.“

„Tun Sie das. Ich möchte offiziell noch keine Schritte unternehmen. Ich muss zuerst sicher sein.“

Sunny hatte mitgehört.

„Das ist eine ganz unglaubliche Sache“, meinte sie kopfschüttelnd. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Julia Bales diesen Affront widerspruchslos hingenommen hat. Stellen Sie sich vor, Jack: Sie war Moldens Geliebte und erwartete ein Kind von ihm, als er sich plötzlich entschloss, eine andere zu heiraten! Es wäre nur natürlich gewesen, dass sie ihm den Bettel hinwarf und gerichtlich gegen ihn vorging. Er hätte unbedingt zahlen müssen, und zwar gar nicht wenig.“

„Sie sind selbst ein Mädchen, Sunny, und Sie müssten wissen, zu was Frauen fähig sind, wenn sie lieben. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Julia zu allem bereit war, wenn sie nur in Moldens Nähe bleiben durfte.“

„Ich hätte den Kerl auf der Stelle umgebracht!“, sagte Sunny. „Wenn Sie wirklich Recht hätten, so würde diese Julia Bales es nicht besser verdienen, als sie es gehabt hat. Wenn sie auch nur eine Spur von Charakter hat, so geht sie jetzt und nimmt ihre Tochter mit.“

„Warten wir ab.“

 

 

6

Um halb sieben, genau zu der Zeit, zu der Braden sich von seiner Sekretärin verabschiedete und die Tür seines Office versperrte, saß im Lesezimmer des Barkley Hotels der unauffällige gelbgesichtige Gast, der vor einigen Tagen in der Kneipe auf der Bowery gesessen und im Roten Löwen übernachtet hatte. Bei ihm war der Privatdetektiv Stan Bell.

„Ich habe meinem Bericht nur sehr wenig hinzuzufügen“, sagte Mr. Bell, ein breitschultriger schwerer Mann, der aus der Schule der Pinkerton Agency hervorgegangen war und sich selbständig gemacht hatte. „Morgen hoffe ich Ihnen mehr sagen zu können, die dazu nötigen Verbindungen habe ich bereits angeknüpft. Was ich aber unbedingt wissen möchte ist, worum es bei Ihrem Auftrag geht. Ich möchte nicht in irgendwelche kriminelle Machenschaften verwickelt werden. Ihre Geheimnistuerei gefällt mir absolut nicht.“

„Und mir passt Ihre Neugier nicht. Ich zahle Ihnen fünfzig Dollar plus Spesen am Tag. Dafür verlange ich, dass Sie tun, um was ich Sie bitte, ohne nach dem Grund zu fragen. Das war unsere Abmachung, und ich denke nicht daran, davon abzugehen. Wenn es Ihnen nicht passt, so brauchen Sie das nur zu sagen. Es gibt in New York Hunderte von Privatdetektiven, die sich das Honorar gern verdienen würden.“

„Auch ich verdiene gern, Mr. Brown, aber nicht um jeden Preis“, erwiderte Mr. Bell. „Ich will aber einen Kompromiss schließen. Wenn Sie mir die Versicherung geben, dass Sie meine Ermittlungen nicht für illegale Geschäfte oder Machenschaften verwenden, so bin ich zufrieden.“

Mr. Brown wurde ärgerlich.

„Ich gebe überhaupt keine Versicherungen und verspreche nichts. Entweder Sie tun das, für was ich Sie bezahle, oder Sie lassen es bleiben.“

„Dann lasse ich es eben bleiben, Mr. Brown! Ich gebe mich zu schiefen Sachen nicht her. Sie haben sich an die falsche Adresse gewandt.“

Er griff in die Tasche und zählte hundert Dollar ab.

„Hier, Mr. Brown! Sie haben noch zwei Tage vorausbezahlt, die ich Ihnen hiermit zurückerstatte. Darf ich um eine Quittung bitten?“

Er zog einen Block aus der Tasche, warf ein paar Zeilen darauf und schob ihn hinüber.

Browns Gesicht war noch gelber geworden. Seine Augen stachen, und sein Mund war ein schmaler wütender Strich. Er fing an seinen Namen zu kritzeln, hielt inne, strich den ersten Buchstaben durch und machte ihn unleserlich. Dann setzte er „Jim Brown“ darunter.

Der Detektiv hatte das wohl beobachtet, und er war doppelt mit sich zufrieden, dass er den undurchsichtigen Auftrag abgelehnt hatte. Er ging mit kurzem Gruß.

Draußen nahm er die Quittung heraus. Der erste Buchstabe den Jim Brown unkenntlich zu machen versucht hatte, war noch zu entziffern. Es war ein T und dahinter ein Strich der ein I sein konnte. Eines war sicher: Brown hieß der Mann keinesfalls.

Besagter „Mr. Brown“ saß immer noch mit zusammengekniffenen Augen und geballten Fäusten. Seine Zähne nagten an der Unterlippe. Dann drückte er auf die Klingel und ließ sich einen doppelten Scotch bringen. Jetzt brauchte er kein Soda mehr.

Um acht Uhr wechselte Brown in die Hotelbar über. Um neun Uhr aß er im Grill-Room ein Steak. Dann ließ er sich eine Taxe holen. Um zehn Uhr betrat er dieselbe Kneipe, in der er seinen ersten Whisky seit langen Jahren getrunken hatte.

Kurze Zeit saß er an der Bar und beobachtete die Gäste. Dann führte er ein langes Gespräch mit einem verwegen aussehenden jungen Mann. Er steckte diesem einen Zwanzigdollarschein zu und sagte: „Bis morgen also!“ und beeilte sich, aus der Gegend zu kommen, die er nur gezwungenermaßen aufgesucht hatte.

 

 

7

Wahrscheinlich ist es ein Aberglaube, oder auch der Wunsch ist der Vater des Gedankens, wenn behauptet wird, den Mörder ziehe es zu dem Begräbnis seines Opfers. Lieutenant Temper war nicht abergläubisch, aber es war schon zur Routine geworden, dass man einen Beamten zur Bestattung eines Ermordeten schickte.

So kam es, dass Sergeant Welch von der Mordkommission II der Beerdigung von Lee Molden auf dem Woodlawn Friedhof in der Bronx beiwohnte. Er sah die Witwe, die ein elegantes Trauerkostüm mit dazu passendem Hütchen und langem Schleier trug. Das Röckchen erschien ihm für diese feierliche Gelegenheit zu kurz, obwohl er das Format der in hauchdünnen Nylons steckenden Beine zu schätzen wusste.

Mrs. Molden stützte sich auf den Arm eines grauhaarigen würdigen Herrn, des Rechtsanwalts Ray Hodges. Auch das Personal der Firma war vollzählig vertreten

Der Sergeant konnte beobachten, wie sich Miss Steach, die Sekretärin, verstohlen die Augen wischte.

In der hintersten Reihe der zahlreichen Trauergemeinde standen zwei bitterlich schluchzende Frauen. Es waren Julia Bales und ihre schöne Tochter, die ihr dunkelrotes Haar unter einem Filzhütchen versteckt hatte.

Als die ersten Schollen auf den Sarg polterten, gingen die beiden. Sie bestiegen die U-Bahn, die sie schneller als jeder Wagen zur Park Avenue brachte. An der Ecke der 86. Straße stiegen sie aus und gingen in aller Eile die vier Blocks bis zu Mrs. Moldens Haus zurück.

Sie kamen dort noch so zeitig an, dass sie bereits umgekleidet waren, als die Witwe zusammen mit dem Anwalt erschien.

Auf der Beerdigung des Mr. Molden waren auch noch andere Leute gewesen, die Sergeant Welch wahrscheinlich erkannt hätte, wenn sie sich nicht vorsichtig im Hintergrund gehalten und sich hinter Grabsteinen und Büschen verborgen hätten.

Mrs. Elsa Molden und Mr. Ray Hodges, der Anwalt, saßen in demselben Zimmer, in dem am Vortag Jack Braden gewesen war.

„Was darf ich Ihnen zu trinken anbieten?“, lächelte die Witwe,

„Vorläufig noch nichts. Sie haben gewünscht, den Inhalt des Testaments Ihres verstorbenen Gatten so schnell wie möglich zu erfahren. Ich habe das Schriftstück mitgebracht.“

Er nahm die Aktentasche, die er neben sich auf die Erde gestellt hatte hoch, zog ein Schlüsselchen aus der Westentasche und schloss umständlich auf. Dann entnahm er ihr einen dicken gelben Umschlag mit fünf Siegeln.

„Bitte überzeugen Sie sich, dass das Dokument unversehrt ist“, sagte er.

Mrs. Molden nickte. Der Anwalt förderte ein Taschenmesser zu Tage, ließ die Klinge aufspringen und schnitt den Umschlag sorgfältig auf. Dann entnahm er ihm einen eng beschriebenen Bogen. Dieser Bogen trug die Überschrift:

Mein letzter Wille.

Der Inhalt war kurz und sachlich. Es war ein Verzeichnis sämtlicher Besitztümer des Verblichenen, die insgesamt einen Wert von 1 850 000 Dollar darstellten. Die Maklerfirma war dabei mit rund einer Million eingesetzt. Mr. Molden stellte es seiner Gattin frei, diese Firma mit Hilfe seines Anwalts weiterzuführen oder so vorteilhaft wie möglich zu verkaufen.

Von dem Rest des Vermögens gingen einige kleinere Legate für wohltätige Anstalten ab, die nicht ins Gewicht fielen. Der Schluss des Testaments lautete:

Der Betrag, der in meinem Safe aufbewahrten Lebensversicherungspolice soll an Julia Bales als Anerkennung für treue Dienste ausbezahlt werden. Die ebenfalls in diesem Safe liegenden fünfundzwanzig Aktien je tausend Dollar der Chemical Com Exchange Bank hinterlasse ich Pamela Bales. Ich ernenne meinen Anwalt, Ray Hodges, zum Testamentsvollstrecker.

Lee Molden

Für eine unendlich lange Minute saß Elsa Molden mit zusammengezogenen Brauen, ohne ein Wort zu reden. Mr. Hodges faltete das Dokument wieder zusammen und schob es in den Umschlag. Das Papier knisterte.

„Das ist doch unmöglich!“, murmelte Mrs. Molden. „Eine Lebensversicherung von fünfzigtausend für die Alte und noch fünfundzwanzigtausend Dollar für ihre Tochter, das Flittchen! Wie kommt Lee dazu?“

Der Anwalt zuckte die Achseln. „Ich hatte keine Veranlassung, Mr. Molden nach den Gründen zu fragen.“

„Aber ich werde fragen, und zwar die beiden Weiber!“, zischte Elsa Molden. „Ich habe dem Frieden nie ganz getraut. Zuerst hatte er die Alte, und später die Junge! Wenn ich denke, dass das alles unter meinen Augen geschah, dass ich in meinem eigenen Haus einen Harem hatte!“

Ihre Stimme war laut und schrill geworden. Der Anwalt hob beschwichtigend die Hand.

„Ich fürchte, Sie schießen über das Ziel hinaus, Mrs. Molden. Sie wissen ganz genau, dass Julia Bales schon vor Ihrer Heirat vorbildlich für Mr. Molden gesorgt hat. Sie war auch, wie er mir wiederholt sagte, stets eine ehrliche und tüchtige Angestellte. Sie selbst haben ein paarmal geäußert, dass Ihr Gatte das Mädchen Pamela gewissermaßen als sein Pflegekind ansah. Es ist darum naheliegend, dass er beide Frauen sicherstellen wollte. Das beweist nur seine Anständigkeit und Dankbarkeit.“

„Geben Sie sich keine Mühe, mir etwas vorzumachen! Sie sind wahrscheinlich noch viel besser im Bild als ich. Sie versuchen nur, diese beiden Weiber zu decken. Aber ich werde es ihnen zeigen!“

Sie sprang auf und klingelte.

Es klopfte, und Julia Bales trat ein.

„Bitte, Mrs. Molden, Sie wünschen?“

„Ich wünsche zu erfahren, wann und wie lange Sie das Verhältnis meines Mannes waren! Schneiden Sie nicht so ein entrüstetes Gesicht! Antworten Sie!“

Julia Bales wurde abwechselnd rot und bleich.

„Sie irren sich, Mrs. Molden …“, begann sie.

Details

Seiten
122
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935462
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511583
Schlagworte
jack braden thriller mord

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #16: Wer einmal einen Mord begeht