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Ein Jack Braden Thriller #15: Das geheimnisvolle Blockhaus

2019 137 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das geheimnisvolle Blockhaus

Copyright

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Das geheimnisvolle Blockhaus

Ein Jack Braden Thriller #15

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten.

 

Kidnapping ist schlimmer als Mord. Da ist es für den Ermittler Jack Braden keine Frage, sofort den Fall zu übernehmen, als ausgerechnet der Chef des Rauschgiftdezernats aus Chicago zu ihm kommt, weil man seinen neugeborenen Sohn entführt hat. Doch die Entführer sind schlau, und Braden muss mehr als nur kombinieren können, um den Kidnappern auf die Spur zu kommen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© BILD STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Auf der South West Highway, die, von Joliet kommend, nach Chicago hineinführt, schien ein Bürgerkrieg ausgebrochen zu sein.

Da raste eine schwarze Limousine mit fast hundert Meilen in Richtung Chicago. Und plötzlich bekam sie zwei gut gezielte Treffer in den rechten Hinterreifen. So etwas hält kein Auto aus.

Obwohl der schwarze Wagen sein Tempo beizubehalten versuchte, geriet er auf den rechten Grünstreifen, schleuderte hinten herum und schlug einen Salto, wie ihn selbst die drei Codonas nicht besser darzubieten vermochten.

Doch die Männer, die sich in dem Wagen befanden, schienen aus Gummi zu sein. Sie arbeiteten sich aus ihrem umgestürzten Fahrzeug heraus. Wahrscheinlich hatten sie die Absicht, ihr Gepäck noch in Sicherheit zu bringen, um mit dem nächsten Autobus weiterzufahren.

Damit schienen aber ihre Verfolger gar nicht einverstanden zu sein. Drei, vier Bleiwespen flogen den beiden schwarzhaarigen Autofahrern um die Köpfe. Das sind unangenehme Insekten. Die Männer taten das einzige, was sie tun konnten: Sie schlugen sich rechts seitwärts in die Büsche.

Dann aber gab es einen Zwischenfall, mit dem weder die eine noch die andere der beiden streitenden Parteien gerechnet hatte.

Auf der Highway tauchte ein langer, schlanker, weiß und schwarz abgesetzter Wagen auf, auf dessen Dach in Sekundenabständen blaues Licht aufblitzte.

Plötzlich setzte eine allgemeine Betriebsamkeit ein. Die beiden Schwarzhaarigen aus der umgestürzten Limousine setzten zu einem Langlauf an, der jedem olympischen Marathonläufer zur Ehre gereicht hätte, und die beiden anderen – die unklugerweise ihr sicheres Fahrzeug verlassen hatten, um sich draußen im Schießen zu üben, nahmen schleunigst ihre Plätze wieder ein und gaben sofort Gas, bis man die beiden roten Rücklichter auf dem nächtlich einsamen Highway in der Ferne verschwinden sah.

Das Polizeifahrzeug stoppte. Die beiden Policemen sahen die Bescherung am rechten Straßenrand. Sie stiegen aus und untersuchten die Sache.

Ein Unfall? Als erstes suchten sie Tote – aber es gab keine.

„Sieh mal nach, Jerry, ob etwas im Kofferraum ist!“, schlug der eine Policeman dem anderen vor, während er selbst sich mit dem Handschuhfach und den Seitentaschen des verunglückten Fahrzeuges beschäftigte.

Im Kofferraum war etwas. Es waren zweiundzwanzig Päckchen, die aussahen wie Butterbrotpakete. Jerry öffnete eines der Päckchen, und darin waren Tüten, zehn kleine Tüten in je einem großen Päckchen. Ein weißes Pulver rieselte heraus.

„Backpulver“, vermutete Jerry.

Sein Begleiter kam näher. Er war Sergeant und hatte einiges auf dem Kasten.

„Mann, wenn das Backpulver ist, dann war meine Großmutter eine Chinesin“, stellte er tiefgründig fest. „Würde dir verdammt schlecht bekommen, dieser Kuchen. Pack mal den ganzen Krempel in unsere Lokomotive! Werden sich freuen auf dem Präsidium, wenn sie soviel Opium rauchen können.“

„Was soll das sein? Opium?“

„Na klar, Opium oder Marihuana oder irgend so’n Zeug, das sieht ja ein Junge im ersten Schuljahr. Wollen uns mal die Nummer dieses Kastens notieren. Die Leute, die dringesessen haben, sind anscheinend zu Fuß weitergegangen.“

Und so geschah es, dass die Polizei von Chicago ohne Anstrengung in den Besitz von 22 Päckchen echtem Marihuana gelangte.

Der umgekippte Wagen mit den zerschossenen Reifen war ein Leihwagen – es waren immer Leihwagen, die in solche Sachen verwickelt wurden –, und der Mann, der ihn geliehen hatte, war schwarzhaarig.

Schwarzhaarig – das sagte gerade was aus! Alle Rauschgiftfritzen waren schwarzhaarig, denn das Zeug kam meistens aus Südamerika, wenn nicht gerade Chinks ihre Hände im Spiel hatten. Sollte man mehr als zweihundert Rauschgiftkandidaten von nun an ständig überwachen? Da müsste man im Präsidium anbauen.

So blieben nur die beiden Einschüsse. Sie bewiesen, dass es zwei Parteien gab, die sich um das Marihuana stritten, und beide schienen über den Leihwagentransport informiert gewesen zu sein.

Der einzige, der verhört werden konnte, war also der Besitzer der Leihwagenfirma. Und wer aus dessen dürftigen Angaben ein solches Verbrechen aufklären konnte, der wäre schon ein Hellseher gewesen.

Die Menge des gefundenen Rauschgiftes hätte genügt, ganz Chicago rauschgiftsüchtig zu machen. Vorläufig wurden Päckchen und „Fall“ einmal im Präsidium auf Eis gelegt. Aber dann kam eine heiße Sache und die taute das Eis.

 

 

2

Jack Braden, der Privatdetektiv mit dem jungenhaften Gesicht, dunkelblond und hochgewachsen, ein Mann, dem die Mädchen nicht nur einzeln, sondern in ganzen Rudeln nachliefen, saß am heutigen Vormittag in seinem Büro, das sich auf der 74. Straße im Osten New Yorks befand.

Er war in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters getreten, der schon Jahrzehnte eine kleine Detektei in New York betrieben hatte. Jack – er war heute ungefähr 34 Jahre alt – hatte sich seitdem einen Ruf als guter Detektiv geschaffen. Selbst das FBI erkannte ihn an, und das wollte schon etwas heißen. Da war einmal ein Kidnappingfall gewesen, den er meisterhaft gelöst hatte – und seit dieser Zeit hatte Jack Braden das, was man einen „Namen“ nennt.

Er konnte es sich leisten, sich unter den Aufträgen, die man ihm stellen wollte, die interessantesten auszusuchen. Für kleine, unwichtige Sachen hatte er absolut keine Zeit, und Ehestreitigkeiten – die Hauptaufgabe eines durchschnittlichen Detektivbüros – lehnte er ab.

In diesem Augenblick blätterte er unlustig in einer Korrespondenzmappe, die einen Haufen Aufträge und Anfragen enthielt, für dessen Übernahme er sich noch nicht entschließen konnte.

Und da ließen ihn drei Schüsse, die draußen auf dem Gang seines Stockwerkes krachten, starr aufhorchen.

Dann hörte er seine Sekretärin Dawn Barris einen hellen Schrei ausstoßen. Um Gottes willen, hatte man Dawn Barris, hatte man seine „Sunny“ etwa beschossen?

Jack reagierte in Bruchteilen von Sekunden. Er riss den Schreibtischkasten auf, nahm die FN heraus, entsicherte sie noch während des Laufens, riss die Tür zu dem Büro auf, in dem Sunny arbeitete – und sah sie Gott sei Dank noch am Leben.

Die Tür zur Diele war weit geöffnet, aber auch die Tür zum Flur. Dort sah er den Blondkopf seiner Sekretärin. Dawn beugte sich gerade über einen am Boden liegenden Mann.

Mit einigen raschen Sprüngen war Jack Braden neben ihr. Er fragte nicht lange, sondern packte den fremden Mann im Sommermantel unter den Armen, zog ihn vollends in die Diele herein und zog die Flurtür hinter sich zu.

„Was ist geschehen, Sunny?“, fragte er kurz.

Der Sekretärin war noch der ganze Schrecken am Gesicht abzulesen.

„Ich hörte die Schüsse, sprang auf und stürzte in die Diele“, erzählte sie in fliegender Hast. „Da draußen auf dem Gang alles still war, öffnete ich die Tür. Aber dieser Mann muss sich von draußen dagegen gelehnt haben und fiel nach innen herein. Ich erschrak so darüber, dass ich aufgeschrien habe. Es muss ein Mann sein, der Sie besuchen wollte, Jack.“

Erst jetzt fand Braden Zeit, sich das Gesicht seines Besuchers anzusehen. Auf Jacks Stirn bildeten sich einige steile Falten, die vom Nachdenken herrührten – und plötzlich machte er eine erschrockene Bewegung.

„Um Gottes willen, Sunny!“, rief er aufgeregt. „Das ist … das ist doch …“

Er sprach den Namen nicht aus, sondern fragte plötzlich: „Ist jemand im Besuchszimmer?“

„Nein, Jack.“

„Wir rücken die beiden Sessel zusammen und legen ihn hinein. Getrauen Sie sich, den Mann an den Füßen zu tragen?“

„Natürlich! Kommen Sie rasch!“

Ohne unnötige Worte transportierten sie den angeschossenen Mann, der von einer tiefen Ohnmacht befallen war, ins Besuchszimmer, das rechts neben der Diele lag. Hier legten sie ihn vorsichtig auf die beiden zusammengerückten Sessel.

„Verbinden Sie mich gleich mit dem Polizeipräsidium, Sunny!“

Dawn Barris eilte hinaus, und schon nach Kurzem erklang ihr Zeichen, dass die Verbindung hergestellt war. Jack Braden eilte zum Telefon

„Hallo, hier spricht Jack Braden, Privatdetektiv. Bitte sofort Dr. Summer, den Arzt!“

Jack trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, bis er nach zwanzig Sekunden den Polizeiarzt an der Strippe hatte. „Hallo, Dr. Summer, hier spricht Braden! Sie müssen sofort in mein Büro kommen … Ich habe hier einen Besucher, der angeschossen wurde. Wer es ist? Der Leiter des Rauschgiftdezernats Chicago, Commander Ronald Goodman … Ich glaube, dafür sind Sie zuständig! Jawohl, ich erwarte Sie!“

Ronald Goodman war der Dezernatschef in einem der berühmtesten Polizeipräsidien der Vereinigten Staaten. Was mochte er bei ihm gewollt haben? Was konnte einen Mann, dem doch ein riesiger Polizeiapparat zur Verfügung stand, bewogen haben, zu einem Privatdetektiv zu kommen?

Das war eine Frage, die Jack einstweilen auf sich beruhen lassen musste.

Schon zehn Minuten später war Dr. Summer zur Stelle. Er schien sich besonders beeilt zu haben, nachdem er den Namen des großen Chicagoer Kollegen vernahm. Hastig begrüßte er den Privatdetektiv, der für ihn auch kein Unbekannter mehr war. Dann begab er sich sofort ins Wartezimmer, wo Dawn Barris neben dem Verletzten saß.

Mit einer Handbewegung scheuchte Dr. Summer Jack und Sunny aus dem Zimmer. Dann öffnete er seinen Koffer. Diesen Fall wollte er mit ganz besonderer Sorgfalt erledigen. Man sollte ihm in Chicago nicht nachsagen, dass er als New Yorker Polizeiarzt nicht kollegial eingestellt sei.

Es dauerte fast eine Stunde, ehe Dr. Summer das Zimmer wieder öffnete. Er begab sich in den anschließenden Waschraum, um sich zu reinigen.

„Wir nehmen ihn sofort ins Polizeihospital“, erklärte er. „Er hat einigermaßen Glück gehabt. Die eine Kugel, die ihn traf, ging hart am Leben vorbei, die andere war ein unbedeutender Streifschuss. Darf ich Ihr Telefon benutzen, Mr. Braden? Ich muss sofort den Krankenwagen herbeordern. Er ist aufgewacht und will unbedingt noch einige Worte mit Ihnen sprechen, obwohl ich es eigentlich verbieten müsste. Gehen Sie zu ihm, aber ich empfehle Ihnen dringend, ihn nicht anzustrengen – Sie verstehen mich wohl?“

„In Ordnung, Doc. Das Telefon zeigt Ihnen Miss Barris.“

Leise trat Jack Braden in sein eigenes Wartezimmer. Der Patient bewegte den Kopf. Die Sessel waren blutbefleckt.

„Hallo, Mr. Goodman“, begrüßte ihn Jack Braden so sanft wie möglich. „Haben ein bisschen Pech gehabt. Aber Doc Summer sagte mir eben, dass er Sie wieder hoch kriegt. Sie wollten zu mir?“

Der Verletzte bewegte bejahend den Kopf. Jede Bewegung fiel ihm noch sehr schwer, kleine Schweißperlen standen auf seinem markanten Antlitz.

„Ich kam zu Ihnen“, sagte er stockend. „Man hat mir mein Kind geraubt. Es lag in der Klinik von Jeremy Houston, Millstone Street … Meine Frau liegt noch dort … Vor zehn Tagen wurde Mike geboren. Wir stehen alle vor einem Rätsel … Sie haben vor fünf Jahren einen ähnlichen Fall gelöst, ganz Amerika sprach davon. Die Polizei arbeitet mit den üblichen Routinemitteln, aber … aber das ist mir nicht genug.“ Goodman stöhnte auf und fasste mit der Hand an die Brust.

„Nur Ruhe, Mr. Goodman!“, unterbrach ihn Jack Braden leise. „Alles mit der Ruhe! Weiß die Öffentlichkeit schon von dem Kindesraub?“

„Ja, die Zeitungen bringen es heute.“

„Ich werde mich sofort um die Sache kümmern“, erklärte Jack.

„Danke Ihnen, Sir! Ich zahle Ihnen …“

„Hören Sie mit dem Quatsch auf! Hier geht es nicht ums Zahlen, sondern einzig und allein um Ihr Kind! Ist schon ein Erpresserbrief eingelaufen?“

„Nein, noch nicht. Ich habe stündlich darauf gewartet. Mein Diener ist bei mir zu Hause und überwacht das Telefon … Chicago-Süd, Miami Street 21 … Sie können bei mir wohnen einstweilen, mein Diener William weiß Bescheid …“

„Habe ich Zugang zu Ihrer eingehenden Post?“

„Selbstverständlich! Sie haben alle Vollmachten und jede polizeiliche Unterstützung … Ich selbst werde wohl noch nicht mitkommen können.“

„Noch eine Frage, Sir. Haben Sie in letzter Zeit einen Fall gehabt, den Sie damit in Verbindung bringen können? Ich frage deshalb, weil man auf Sie geschossen hat und Sie wahrscheinlich unter Beobachtung stehen.“

Goodman schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es wirklich nicht … Es sind so viele Sachen in einem Präsidium.“

„Ich verstehe“, nickte Jack. In seine sonst so sanftmütig blickenden Augen war ein harter Glanz getreten. Hastig überlegte er, was er noch für Fragen stellen könnte, bevor man Goodman ins Polizeihospital überführte. „Ach ja, Mr. Goodman … Ich habe hier einen sehr zuverlässigen Mann, einen ehemaligen Sergeanten der New Yorker City Police. Darf ich ihn mitnehmen?“

„Tun Sie alles, was Sie wollen! Aber bringen Sie mir meinen Mike zurück! Er … hat einen Stempel. Meine Frau wollte das so wegen der Verwechslungen. Drei kleine rote Punkte unter dem rechten Arm.“

„Das ist wichtig! In einer knappen Stunde fahre ich los.“

Der Krankenwagen war gekommen. Dr. Summer überwachte persönlich den Transport. Behutsam wurde Ronald Goodman auf die Bahre gelegt.

„Moment, Sir!“, rief Jack, dem in letzter Sekunde ein Gedanke gekommen war. „Wir müssen zunächst die Straße sichern.“

„All devils, das ist sehr richtig!“, meinte der Arzt. „Wollen Sie einmal nachsehen?“

Jack Braden fuhr im Lift die drei Stockwerke nach unten. Zwei Polizeibeamte saßen im Hospitalwagen. Jack bat sie, die Straße links und rechts zwanzig Meter weit abzusperren.

„Es ist ein Dezernatschef der Polizei von Chicago, auf den man das Attentat verübte“, erklärte er den beiden Beamten.

„Okay, Sir“, sagten die beiden. Es waren zwei Schwergewichtler von mindestens je zweihundert Pfund. Binnen weniger Sekunden spazierte niemand mehr an dem Hause No. 241 vorbei.

Jack untersuchte die Eingänge der Nebenhäuser, ebenso auch die Häuser gegenüber. Niemand war zu sehen, der verdächtig sein konnte. Als man die Bahre herausbrachte, verwandte Jack keinen Blick auf Goodman, sondern blickte in die Runde. Kein Schuss fiel, kein Unberufener ließ sich sehen. Trotzdem schärfte er noch dem Fahrer ein, auf Zusammenstöße achtzugeben. Man hatte es mit gefährlichen Verbrechern zu tun, die zweifellos kein Mittel scheuten.

Der Wagen fuhr los. Jack blieb noch eine Weile vor dem Haus stehen.

Dann brachte ihn der Lift wieder nach oben. Dawn Barris war schon damit beschäftigt, die Blutspuren von den Polstersesseln auszuwaschen. Jack Braden aber begab sich zum Telefon und drehte eine Nummer.

Als sich einer meldete, sagte er seinen Namen und bat, mit Mr. Anthony Gilford sprechen zu dürfen.

„Hallo, Tony“, rief er, „hier spricht Jack, Jack Braden … Ich stecke da bis zum Halse in einer Kindesraub-Geschichte … Commander Goodman von Chicago – Sie kennen ihn ja – war gerade hier. Es ist sein eigenes Kind. Wären Sie so freundlich, das FBI in Chicago zu unterrichten, dass ich die Sache in die Hand nehme.“

Dies war nicht der Augenblick für eines der Geplänkel, die Anthony Gilford und Jack Braden in aller Freundschaft so oft ausfochten. Gilford gab knapp Antwort.

„Wir bekamen schon die Meldung, Jack. Ganz Amerika ist benachrichtigt. Well, ich werde Chicago informieren. Vielleicht sehen wir uns noch! Viel Glück, Jack!“

„Danke, Tony!“

Hörer aufgelegt, Hörer wieder abgenommen, eine neue Nummer.

„Hallo, George“ rief Jack Braden. „Hast du einige Tage Zeit?“

„Was gibt’s denn?“, ließ sich eine tiefe Stimme vernehmen.

„Ich weiß nicht, ob Sie’s in der Zeitung gelesen haben … ein Kindesraub in Chicago. Machen Sie mit?“

„Aber klar, da bin ich dabei! Ich sage nur noch Melinda Bescheid, dann nehme ich mir ein Taxi.“

So, das wäre erledigt. Nun wandte Braden sich an Dawn.

„Sunny, ich fahre sofort mit George nach Chicago. Man hat Commander Goodman das Kind geraubt!“

Dawn Barris wäre keine Frau, und schon gar keine Amerikanerin gewesen, wenn diese Mitteilung sie nicht auf Tiefste betroffen hätte. Kindesraub – das galt in Amerika als das furchtbarste Verbrechen. Seit dem tragischen Fall mit dem Lindbergh-Baby war man sehr empfindlich geworden. Schon der Versuch eines Kindesraubes wurde mit dem Tode bestraft.

Tränen standen in den schönen, dunkelblauen Augen der hübschen Mitarbeiterin Bradens, die allgemein nur unter dem Namen „Sunny“ bekannt war. Seit damals, als er jenen Kidnappingfall gelöst hatte, der ihn berühmt machte, arbeitete Sunny in seinem Büro. Und für keine Million Dollar hätte sie diesen Job jemals wieder verlassen. Ob es das Interesse am Beruf ihrem Boss war, oder am Boss persönlich – das wusste niemand so recht, vielleicht nicht einmal das Mädchen selbst.

Mit ihrem goldblonden Haar, der blendenden Figur und einer äußersten Gepflegtheit hätte Dawn Barris eine Filmdiva der Meisterklasse sein können. Und Jack Braden war in Bezug auf Weiblichkeit durchaus kein Kostverächter. Aber er hielt das Geschäftliche und Private streng getrennt, wenn auch aus seinen Worten oft herauszuhören war, dass er bei Sunny nicht nur ihre Qualitäten als Sekretärin erkannte.

„Ich würde am liebsten mitfahren, Jack“, sagte Sunny.

„Sie müssen das Haus hüten, Sunny“, lachte er mit schmalen Augen.

„Nehmen Sie wenigstens George mit! Diese Verbrecher scheinen sehr gefährlich zu sein.“

„George ist schon unterwegs hierher!“

„Fein!“, freute sich Sunny. Doch dann schien es ihr, dass sie schon zu viel von ihren geheimen Gefühlen verraten hatte. In geschäftsmäßigem Ton fuhr sie fort: „Mit den vorliegenden Fällen weiß ich ja Bescheid. Es wäre also nichts weiter zu besprechen. Soll ich Ihnen Ihren Koffer packen?“

„Das wäre furchtbar nett von Ihnen, Sunny. Sie wissen ja, was man so braucht.“

Dawn Barris nahm den Wohnungsschlüssel vom Haken und begab sich nach draußen.

Jack Braden hatte im gleichen Haus ein Stockwerk höher noch ein Wohnapartment. Als gute Sekretärin wusste Dawn Barris natürlich genau Bescheid in diesen Wohnräumen, ebenso auch in den Wäschefächern und Schuhablagen. Und sie wusste auch Bescheid, was ein allein reisender Mann benötigte. Jack konnte sich in dieser Beziehung völlig auf sie, ihren guten Geschmack und ihren praktischen Sinn verlassen.

Eine Stunde später brummte der graue Porsche, diesmal von dem massiven George Patterson gelenkt, über die Highway, die von New York über Pittsburgh nach Chicago führt.

 

 

3

Professor Jeremy Houston war stadtbekannt. Sein graues Haar, die goldumrandete Brille und sein ruhiges, gelassenes Wesen strahlten Zuverlässigkeit und eine gewisse Würde aus, die Vertrauen verdienten. Seine Gestalt war etwas untersetzt und neigte zur Fülle.

Wenn Houston jetzt, da der angemeldete Besucher das Zimmer betrat, ebenfalls eine aufgeregte Miene zeigte, so war das nicht zu verwundern. Denn es war in seiner Klinik etwas passiert, etwas Unerhörtes. Professor Houston wäre erledigt, restlos erledigt, wenn die Sache nicht schnell geklärt werden konnte.

„Mr. Goodman hat mich mit der Wahrung seiner Interessen beauftragt“, sagte der Besucher. „Leider konnte mich Mr. Goodman nicht selbst einführen, da er mit mehreren Schussverletzungen im New Yorker Polizeihospital liegt. Ich stehe also im doppelten Sinne als sein Stellvertreter vor Ihnen.“

„Schussverletzungen?“, fragte der Professor erschrocken. „Hängt es mit diesem furchtbaren Fall zusammen?“

„Wir wissen es noch nicht, Professor. Verschwenden wir jetzt keine Zeit mit überflüssigen Gesprächen. Wir müssen jetzt vor allen Dingen das Sachliche erörtern.“

„Was in meinen Kräften steht, soll geschehen, Mr. Braden“, beteuerte der Arzt. „Bitte setzen Sie sich!“

Jack Braden nahm Papier und Bleistift aus der Tasche, um sich Notizen zu machen.

„Bitte erzählen Sie mir den Hergang der Sache aus Ihrer Perspektive, Herr Professor!“

„Ja, es war also vorgestern früh gegen acht Uhr“, begann der Chefarzt der Frauenklinik. „Die diensthabende Schwester begab sich zu dem Kinderbett, um den Kleinen herauszunehmen. Sie stellte fest, dass das Bett leer war, dachte sich aber zunächst nichts Schlimmes dabei. Es hätte ja immerhin so gewesen sein können, dass eine andere Schwester unseres Hauses das Kind schon vorher in ihre Obhut genommen hatte. Man suchte dann überall nach. Nach zehn Minuten erhielt ich die Mitteilung, dass das Kind nicht auffindbar sei. Nunmehr ließ ich die ganze Klinik vom Dach bis zum Keller durchsuchen und beteiligte mich auch selbst an dieser Aktion.“

Jack Braden fragte den Arzt: „Wie kamen Sie auf den Gedanken, Professor, die Klinik vom Dach bis zum Keller durchsuchen zu lassen, wie Sie sagen? Haben Sie solche Fälle schon öfters gehabt?“

„Aber nein, Mr. Braden! Aber ich wollte selbstverständlich nichts unversucht lassen, ich wollte jede Möglichkeit, auch die absurdeste, in Erwägung ziehen. Es war natürlich Unsinn, das Kind im Keller oder auf dem Dachboden zu vermuten, aber Sie ersehen daraus, dass ich tatsächlich alles tat, um diese Sache zu klären. Ich ließ auch sämtliche Schränke und Kommoden öffnen, ich ließ unter den Betten und Möbelstücken nachsehen – wer weiß denn, auf welche Gedanken ein Verrückter kommt, der einem Menschen schaden möchte?“

„Haben Sie in Ihrem Hause Angestellte, die unter Anfällen leiden oder denen man einen geistigen Defekt zusprechen muss?“

„So etwas würde ich in meinem Haus niemals dulden“, entgegnete Houston. „Bitte lassen Sie mich kurz weiter berichten. Es gab nun für mich keinen anderen Ausweg, als Mr. Goodman in seiner Eigenschaft als Vater und als hohen Beamten der Polizei zu benachrichtigen. Was das für mich bedeutete, können Sie sich wohl denken.“

„Nicht nur für Sie, Professor, sondern mehr noch für die Eltern“, sagte Jack Braden eiskalt. „Werden die Kinder auch während der Nacht beaufsichtigt?“

„Selbstverständlich, Mr. Braden. Das besorgt die jeweilige Nachtschwester. Sie ist angehalten, in jeder halben Stunde einen Gang durch sämtliche Zimmer zu machen.“

„Befanden sich in der fraglichen Nacht Personen in der Klinik, die nicht zu Ihrem Personal gehörten?“

„Soviel ich weiß – nein.“

„Gibt es manchmal einen solchen Fall?“

„Ja. Wir haben dafür besondere Gästezimmer. Es handelt sich meistens um Ehemänner, die von auswärts kommen und deren Frauen vor der Entbindung stehen. Soviel ich weiß, war in der vorvergangenen Nacht niemand hier.“

„Wie steht es mit dem Einlass? Werden die Besucher an der Pforte kontrolliert?“

„Im Allgemeinen nicht. Der Pförtner ist hauptsächlich für Auskünfte da. Wer hätte denn jemals mit einer solchen Möglichkeit gerechnet?“

„Ist die Klinik auch nachts geöffnet?“

„Ja, natürlich, aber nicht für Besucher. In diesem Fall wüsste der Pförtner Bescheid.“

„Führt der Pförtner Buch über Besucher?“

„Nein, es ist bei uns nichts derartiges vorgesehen.“

„Dürfen Gäste oder Besucher die Zimmer betreten, in denen sich Neugeborene befinden?“

„Das ist wegen der Bakteriengefahr strengstens untersagt.“

„Besitzt die Klinik noch einen anderen Ausgang?“

„Ja, hinten zum Garten. Außerdem noch einen Kellerausgang vom Waschhaus, der ebenfalls in den Garten führt.“

„Sind diese beiden Ausgänge nachts abgeschlossen?“

„Ich weiß es nicht, Mr. Braden. Da die Ausgänge dauernd benutzt werden, werden sie wohl nicht abgeschlossen sein.“

Jack Braden erhob sich unvermittelt.

„Ich danke Ihnen, Professor. Wären Sie wohl so freundlich, mir einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem ich einzelne Ihrer Angestellten ungestört vernehmen kann?“

„Selbstverständlich, Mr. Braden! Ich stehe natürlich auch persönlich jederzeit zur Verfügung. Darf ich Sie bitten, mir zu folgen?“ Houston ging voraus und gab Anweisung, einen der Warteräume freizumachen. Ebenso befahl er der Oberschwester, jede Störung fernzuhalten.

Auf dem Gang wartete George Patterson. Er begrüßte Houston durch eine knappe Verbeugung und völlig unpersönlich.

Für das erste Verhör hatte sich Jack Braden die Oberschwester gleich dabehalten. Sie hieß Katharina Lintford, war 60 Jahre alt, eine beleibte Frau von ausgeprägtem Selbstbewusstsein, sehr energisch und durchaus vertrauenswürdig.

„Sie sind schon lange Zeit in dieser Klinik tätig, Frau Lintford?“

„Mehr als dreißig Jahre“, antwortete sie.

„Können Sie sich erinnern, dass sich hier schon einmal ein ähnlicher Fall ereignete?“

„Nein, natürlich nicht. Es ist der erste Fall.“

Jack fragte nach ihren Obliegenheiten, nach ihrer Arbeitszeit, nach allem, was ihm wichtig schien.

„Wann haben Sie das Kind des Mr. Goodman das letzte Mal gesehen?“

„Es lag gegen sieben Uhr Abends in seinem Bett.“

„Sie wissen das genau?“

„Wenn es nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich mich bestimmt nach dem Kind erkundigt.“

„Wer stellte vorgestern früh das Verschwinden des Kindes fest?“

„Schwester Germaine … Sie trat gegen sieben Uhr früh ihren Dienst an.“

„Und was tat die Schwester, als sie das feststellte?“

„Zunächst nichts. Sie glaubte, dass man den Kleinen zur Mutter gebracht hatte.“

„War das an jedem Morgen so?“

„Ja, um diese Zeit herum gab man den Kleinen immer zu seiner Mutter.“

„Entschuldigen Sie, Jack“, mengte sich George Patterson in das Verhör. „Darf ich eine Frage stellen?“

„Bitte, George.“

„Hat man den Kleinen“, fragte jetzt George die Schwester, „auf das ausdrückliche Verlangen der Mutter zu ihr hingebracht – oder war das eine Routineangelegenheit?“

„Natürlich hat man sich immer erst erkundigt, ob die Mutter aufnahmebereit war“, sagte die Oberschwester.

„Ah, so ist das. Dann müsste also noch eine andere Schwester gleiche Funktionen wie Schwester Germaine ausgeübt haben?“, folgerte Patterson. „Sie sagten doch, dass Schwester Germaine nichts weiter dabei gefunden habe, dass das Kinderbett leer war.“

„Nun, vielleicht hatte sie angenommen, dass ich selbst der Mutter auf ihr Verlangen das Kind gebracht habe.“

„Hat sich denn die Mutter nicht gemeldet, da doch die Zeit längst überschritten war?“, fragte George weiter.

„Ja, doch … das heißt, nein, sie hatte sich nicht gemeldet“, sagte die Oberschwester, die anscheinend durch die präzisen Fragen des einstigen Sergeanten etwas verwirrt war.

„Beides gibt es nicht!“, erklärte Patterson brüsk. „Entweder ja – oder nein! Hatte sie sich nun gemeldet oder nicht?“

„Nein, gerade vorgestern früh hatte sie sich nicht gemeldet. Sie schlief ausnahmsweise an diesem Morgen etwas länger.“

„Ah, ausnahmsweise? Und ausgerechnet an jenem Morgen? Wie kommt das?“ George warf Jack Braden einen bezeichnenden Blick zu. Und Jack zog die Stirn in Falten und schob die Schultern vor, zum Zeichen dafür, dass er das Verhör jetzt selbst fortzuführen gedachte.

„Ich kann es Ihnen nicht sagen“, erwiderte die Schwester. „Das dürfte ein reiner Zufall gewesen sein.“

„Hier gibt es keine Zufälle, Schwester!“, wandte Braden in sehr bestimmtem Ton ein. „Oder ist vielleicht der Kindesraub auch nur ein Zufall? Ich bin hierhergekommen, um jede, auch die allerkleinste Einzelheit festzustellen. Auch Dinge, die Ihnen als alltäglich und unwichtig erscheinen mögen, gewinnen für mich vielleicht entscheidende Bedeutung … Bringen Sie mir jetzt bitte die Schwester Germaine!“

Schwester Germaine kam, klein und zierlich, mit großen, ängstlichen Augen.

„Was haben Sie sich dabei gedacht, als Sie das Bett leer fanden?“, fragte Jack gleich zu Anfang.

„Eigentlich nichts Besonders, Sir. Ich dachte, dass man den Jungen schon vorzeitig zur Mutter gebracht hatte.“

„Und wie stellten Sie dann fest, dass dies nicht der Fall war?“

„Ich ging ins Zimmer von Mrs. Goodman, um mich darum zu kümmern. Da sah ich, dass Mrs. Goodman noch schlief.“

„Es war selten, dass sie so lange schlief, nicht wahr?“

„Ja, sie war sonst immer schon sehr zeitig wach gewesen.“

„Einen Augenblick, Schwester! Können Sie sich erinnern, ob das Bett des Kleinen noch warm war, als Sie die Decke zurückschlugen?“

„Eigentlich nichts Besonderes, Sir“, sagte sie zögernd. „Es sah so aus, als sei der Junge gerade erst herausgenommen worden.“

„Haben Sie in dieser Klinik einen guten Arbeitsplatz?“, wollte Jack wissen. „Ich meine: Ist die Bezahlung gut und auch die Behandlung?“

„O ja, wir können uns nicht beschweren. Die Oberschwester ist sehr freundlich mit uns, aber sie lässt nichts durchgehen. Sie kümmert sich um alles, auch um die kleinsten Dinge.“

Die Oberschwester betrat das Vernehmungszimmer. Sie trug ein Tablett, auf dem sich eine Flasche Whisky, zwei Gläser und eine Kristallschale mit Zigaretten befanden.

„Eine Empfehlung vom Herrn Professor“, sagte sie.

George stellte sein Glas mit einer entschiedenen Bewegung zur Seite. Jack sah seinen alten Freund beinahe fassungslos an. George verzichtete auf Whisky?

„Danke, ich möchte jetzt nichts trinken“, erklärte George Patterson. Dieser Fall mit dem verschwundenen Kind musste ihm doch sehr nahegehen. Oder wollte er nicht Gast dieser Klinik sein?

Nunmehr kam die Nachtschwester an die Reihe, die Jack Braden hatte rufen lassen.

Sie berichtete im Großen und Ganzen dasselbe, was schon die Oberschwester und Schwester Germaine erzählt hatten.

„Es war so wie in jeder Nacht. Gegen vier Uhr morgens kam Dr. Houston zu mir. Er hatte eine schwierige Entbindung.“

„Ist Dr. Houston auch während der Nacht in der Klinik?“

„Nein, die Hebamme rief ihn aus der Wohnung herbei. Die Entbindung dauerte länger als zwei Stunden. Ich musste ebenfalls dabei sein.“

„Während dieser Zeit konnten Sie sich wohl nicht um die Kinder kümmern?“

„Nein, ich kam nicht dazu.“

„Hatten Sie keinen Ersatz?“

„Nein, Sir.“

„Kommt es öfters vor, dass Sie der Arzt während Ihrer Dienstzeit benötigt?“

„Ja, das kommt schon zuweilen vor.“

„Und wann sind Sie noch einmal zu den Kindern hineingegangen?“

Die Nachtschwester – Gesine Maine – eine massive Frau, ungefähr 50 Jahre alt, dachte einige Augenblicke lang nach.

„Ich bin nicht noch einmal bei den Kindern gewesen“, sagte sie endlich.

„Warum nicht?“, fragte Jack Braden kurz und beinahe verstimmt.

„Es war schon ziemlich spät, als mich der Doktor entließ. Er sagte, ich solle nur gleich nach Hause gehen. Als ich mich anzog, kam auch schon Schwester Germaine.“

„So waren Sie also zuletzt gegen vier Uhr morgens bei den Kindern?“

„Ja, so ungefähr.“

„Dann müsste also die Entführung des Kindes in der Zeit von vier Uhr bis sieben Uhr morgens geschehen sein. Während dieser Zeit war das Kinderzimmer ohne Aufsicht.“

„Das ist eine verdammte Schweinerei!“, warf George ein.

„Das muss ich auch sagen, George. Das ist eine Unverantwortlichkeit ohnegleichen“, meinte Jack.

„Ich kann nichts dafür, meine Herren!“, erklärte die Nachtschwester. „Wenn mir der Chef des Hauses eine Anweisung gibt, so muss ich dieser Folge leisten.“

„Wir machen auch nicht Ihnen den Vorwurf, Schwester!“, beruhigte sie Jack. „Aber der Professor hätte daran denken müssen, die Kinder nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Das ist eine grobe Fahrlässigkeit.“ Er nickte der korpulenten Frau zu. „Es ist gut, Schwester. Schicken Sie mir jetzt den Nachtportier!“

Auch dieser Mann war schnell zur Stelle. Er war klein und schmächtig. Die Sache schien ihm schwer in die Glieder gefahren zu sein. Er erwartete, jetzt mit Vorwürfen überhäuft zu werden.

„Sie heißen John Matthews?“, fragte Jack.

„Ja, Sir.“

„Wer ging während dieser Nacht weg, und wer kam?“

„Niemand, Sir.“

„So? Wie ist es mit dem Professor?“

„Ach so. Nun ja, der kam allerdings gegen vier Uhr. Aber ich dachte …“

„Sie sollen nicht denken, sondern nur meine Fragen beantworten!“, entgegnete Jack barsch. „Kam der Professor zu Fuß?“

„Nein, mit dem Wagen.“

„Hatte er einen Begleiter bei sich?“

„Nein, er war allein.“

„Und wann fuhr er wieder weg?“

„Gegen dreiviertel sieben Uhr … Ich wollte dem Herrn Doktor noch den Koffer zum Wagen bringen. Aber er hatte es sehr eilig und sagte, ich solle zurückbleiben.“

„Kam die Nachtschwester Gesine vor oder nach dem Arzt?“

Der kleine Pförtner blickte zur Zimmerdecke empor, als wollte er sich dort die Antwort auf diese Frage holen.

„Schwester Gesine?“, fragte er. „Ich glaube … sie kam nach dem Doktor.“

„Und sonst hat niemand das Haus betreten? Keiner vom Personal? Oder vielleicht Lieferanten der Klinik? Der Brötchenjunge? Die Wäscherei? Der Lebensmittelhändler? Der Zählerableser? Irgendein Handwerker? Überlegen Sie genau, Mr. Matthews, jede Kleinigkeit kann von größter Wichtigkeit sein!“

Der Portier schüttelte den Kopf. „Nein, Sir, es war niemand da.“

„Wie ist das eigentlich mit dem hinteren Eingang – ist er nachts verschlossen?“

„Er sollte eigentlich verschlossen sein“, erwiderte der Pförtner, „aber die Schwestern nehmen es damit nicht genau. Im Hinterhof befinden sich auch die Abfallgruben, so dass der Ausgang dauernd benutzt wird.“

„Wer wäre für das Abschließen verantwortlich?“

„Die Oberschwester. Aber ich will nichts gesagt haben. Diese Frau kann sich auch nicht um alles kümmern.“

„Nein, das kann sie nicht“, sagte Jack unwillig. „Sie können gehen, Mr. Matthews.“

„Das wäre es dann wohl?“, fragte George.

„Für den Augenblick – ja“, antwortete Jack.

Der Whisky und die Gläser standen noch auf dem Tisch im Wartezimmer. Beide waren unberührt.

 

 

4

Die Presse überschlug sich. Es hätte nicht viel gefehlt, dass man den Gang der Ermittlungen durch tägliche Extrablätter der Öffentlichkeit mitgeteilt hätte.

Es war nicht nur das Geschäft und die Sensation, dass die Presse solchen Aufwand trieb. Da war noch das in allen Amerikanern schlummernde Gerechtigkeitsgefühl, das alle zu einer Art Gemeinschaft zusammenschloss. Hier war ein Fall, in dem es keine Meinungsverschiedenheiten gab. Überall erschienen auf den Titelseiten der Blätter die Fragen:

„Wer hat in seiner näheren Umgebung beobachtet, dass ein unbekannter Säugling aufgetaucht ist?

Wo wurden Beobachtungen gemacht, die mit dem Kindesraub in Zusammenhang gebracht werden könnten?

Wer hat irgendwelche Gespräche aufgeschnappt, deren Teilnehmer einer Mitbeteiligung verdächtig sein könnten?

In welchem Kinderheim, Waisenhaus oder in welcher Klinik wurde ein Säugling eingeliefert, dessen Herkunft nicht einwandfrei feststeht?

Wer hat ein fremdes Kind bei sich aufgenommen, und auf wessen Veranlassung geschah dies?

Wo wurde eventuell ein ausgesetztes Kind gefunden oder schlimmstenfalls die Leiche eines Kindes?“

Die ersten Belohnungen wurden ausgeschrieben. Bald waren mehr als 100 000 Dollar zusammengekommen.

Jack Braden aber wartete darauf, dass sich die Entführer endlich bemerkbar machten. Wenn es um eine Erpressung ging, mussten sie ja ihre Forderungen auf irgendeine Art anmelden. Dies musste recht bald geschehen, denn die Entführer gingen mit jeder Verzögerung ein höheres Risiko ein, dass man ihnen doch noch auf die Spur kam.

Jack Braden saß in dem vornehmen Villenhaushalt auf der Miami Street 21 wie auf heißen Kohlen. Der Diener William, ein im Dienste für seinen Herrn ergrauter, außerordentlich vertrauenswürdiger Mann, ließ es ihm und George an nichts fehlen. Aber sie waren ja nicht hergekommen, um sich satt füttern zu lassen und dabei die Hände in den Schoß zu legen.

Endlich, endlich kam am übernächsten Tage mit der Morgenpost der langersehnte Brief. Er war in Milwaukee aufgegeben und abgestempelt.

Mit aller Vorsicht öffnete Jack den Briefumschlag. Er warf nur einen kurzen Blick auf den Inhalt – dann rief er George Patterson herbei.

„George! Der Brief ist da!“

„Damned! Und was steht drin?“

„Eine Überraschung! Hören Sie zu:

An Commander Ronald Goodman,

Miami Street 2.

Wir teilen Ihnen hierdurch mit, dass Ihr Kind lebt und sich in unseren Händen befindet. Leider können wir Ihnen das Kind erst dann wieder aushändigen, wenn Sie uns die seit einem Jahr im Besitz des Präsidiums befindlichen 22 Päckchen Marihuana wieder zur Verfügung stellen.

Sie werden verstehen, dass es sich hier für uns um ein recht belangreiches Objekt handelt, dessen Verlust wir auf mindestens 1,5 Millionen Dollar beziffern. Wir dürfen jedoch annehmen, dass es für Sie mit keinen zu großen Schwierigkeiten verbunden sein dürfte, das Paket wiederzuerlangen, zumal es ja letzten Endes um Ihr Kind geht.

Wir möchten Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass jegliche polizeilichen Maßnahmen von uns durchschaut werden. In einem solchen Fall würden wir auch vor den härtesten Konsequenzen nicht zurückschrecken.

Sie hatten die Absicht, in New York einen Privatdetektiv mit dieser Angelegenheit zu beauftragen. Möge Ihnen das, was Sie dabei erlebten, eine Warnung sein!

Über die Verschickung des Paketes ergehen von uns folgende Anweisungen: Sie geben das Päckchen am Donnerstag zwischen 11 und 12 Uhr vormittags auf dem Hauptpostamt Chicago ohne Wertbezeichnung auf. Als Adresse schreiben Sie:

Chiffre Z. Z. Postlagerkarte Hauptpostamt Milwaukee.

Details

Seiten
137
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935455
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Dezember)
Schlagworte
jack braden thriller blockhaus

Autor

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Titel: Ein Jack Braden Thriller #15: Das geheimnisvolle Blockhaus