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Ein Fall für Mike Torringer #9: Killers Grabgesang

2019 126 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Killers Grabgesang

Copyright

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Killers Grabgesang

Ein Fall für Mike Torringer #9

Krimi von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Ein klug ausgetüftelter Raub mitten in New York ist nur der Auftakt zu einer ungeheuerlichen Verbrechensserie. Mike Torringer und seine Kollegin Pat Morton greifen zuerst nur unterstützend ein, doch dann wird Pat entführt und soll als Geisel dienen. Das FBI und Torringer müssen auf die Forderungen eingehen, um das Leben der Kollegin zu retten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Bully Bluff war mittlerweile ziemlich fett geworden.

Dazu hatte er neunzehn Vorstrafen und ein abgeschossenes Ohrläppchen. Sein bestes Schmuckstück war jedoch die rotblonde Shelly.

17 Jahre und achteinhalb Monate alt!

Ein süßes, wohlproportioniertes Imitatiönchen von Jayne Mansfield. Sie bevorzugte cremefarbene Kleider im Charleston Schnitt und tanzte Black Bottom genau so gut wie Twist und Rumba.

Shelly war nicht seine Tochter, auch nicht seine Frau oder seine Geliebte, sie war einfach nur sein bestes Schmuckstück. Er trug sie so wie andere Männer eine Krawattennadel aus Platin oder einen Drei-Karäter am kleinen Finger. Nicht mehr, denn er hatte mit einer anderen Frau so schlechte Erfahrungen gemacht.

Bully Bluff war dumm, aber was Repräsentation in einer Zeit wie dieser bedeutet, das wusste er ganz genau. Deswegen nannte man ihn in Fachkreisen auch: Clever Bluff oder kurz C. B.

Und darauf war er stolz!

Nur diesmal hatte er wenig Grund dazu. Seine kleinen, dicken Finger pressten schwitzend den Telefonhörer an das Ohr ohne Läppchen, und in einem Ton unterwürfiger Ergebenheit flüsterte er:

„Selbstverständlich, Boss, es ist alles bedacht, es ist alles einkalkuliert, es ist bis ins Letzte hinein geplant und ausgetüftelt, es ist gewissermaßen mein Meisterstück!“

„Du bist nicht mehr der alte, Bully! Wirst du das auch garantiert schaffen?“

„Boss, du wirst deine helle Freude haben an mir!“

„Du weißt, was passiert, wenn du versagst?“

„Ich – ich kann – ich kann es mir denken“, hauchte Bully und wischte sich den Angstschweiß von seiner Stirn.

„Also schön“, sagte die Stimme aus dem Telefon, „dann halte dich auf Abruf bereit!“

„Immer bereit, Boss“, sagte Bully und richtete sich etwas auf. „Du weißt doch … für dich … immer!“

Es klickte. Der Boss hatte aufgehängt.

Und Bully blickte hinüber zu der breiten Ledercouch in seinem eleganten Wohnzimmer.

Shelly lag dort und blätterte in einem Magazin. Ab und zu tastete ihre sorgfältig manikürte Hand zu einer auf dem Teppich stehenden großen Konfektschachtel und nahm ein Stückchen heraus, um es zwischen ihre niedlichen Lippen zu schieben und genüsslich zu zerkauen.

Bully räusperte sich.

„Wie oft soll ich dir noch sagen, Shelly, dass du nicht diese engen Hosen tragen sollst? Wie sieht denn das aus! Was werden die Leute reden? Alle werden denken, du bist ein Luder!“

Sie ließ das Magazin sinken und blickte ihn groß an. „Na und?“

„Na und? Immer sagst du nur: Na und! Ich will nicht, dass du rumläufst wie … wie, na wie so ein Luder!“

„Willst du etwa sagen, ich sehe nicht gut aus in diesen Hosen? Die sind doch modern, vor allem das Leopardenmuster. Das ist schick, das ist der letzte Heuler, Bully!“

Er stöhnte getroffen auf.

„Heuler! Was sind das wieder für Ausdrücke! Habe ich dir nicht Sprachunterricht geben lassen? Habe ich dir nicht fünfhunderttausend Mal gesagt, du sollst nicht wie ein Flittchen aus der Gosse sprechen? Und nenne mich nicht Bully, nenne mich …“

„Schon gut“, seufzte sie gelangweilt, „ich nenne dich nur noch C. B, aber dann musst du mir auch erlauben, dass ich diese Hosen tragen darf. Erstens stehe ich auf diese Schauröhren, und zweitens geben sie mir ’ne persönliche Note. Außerdem siehst du doch sowas auch ganz gerne, oder etwa nicht?“

Er setzte sich in einen Sessel, streckte die kurzen, dicken Beine von sich und faltete die Hände über dem Bauch. Die Augen schließend, flüsterte er: „Wie soll ich aus dir jemals einen Filmstar machen, wenn alle Leute merken was mit dir los ist, wenn du den Mund aufmachst?! Da nutzen auch meine guten Beziehungen nichts.“

„Seit wann kommt es beim Film darauf an, was man im Mund hat?“

„Die Ansprüche wachsen, das Publikum will Figur mit Kopf!“

„Wieso? Ich geh ins Kino, seit ich laufen kann, und alle hatten einen Kopf.“

„Mit Kopf meine ich doch Geist!“

„Wie soll ich wissen, dass du Geister meinst, wenn du Köpfe sagst, Bullybum? Oh, Bullybum, was ist nur heute wieder mit dir los? Andauernd nörgelst du an mir herum. Schick toupierte Haare sind fotogener als ’n Lexikon in Großaufnahme. Und mein Lächeln! Ist das etwa nichts?“

„Aber ja, Kleines, die Aussichten für ’ne Rolle sind bestens, aber du musst lernen! Geist, Shelly, Geist! Gehirnschmalz, verstehst du?“

„Ich verstehe sehr gut, aber ich frage mich, warum die das ausgerechnet von mir verlangen? Sollen sie es doch von jemanden verlangen, der es hat. Ich habe dafür eben was anderes! Und nicht zu knapp!“

Er wandte sich mit einem resignierenden Kopfschütteln ab, ging an die Wandbar und goss sich zwei Finger breit Whisky in ein Glas. Dann füllte er es mit sechs Fingern Sodawasser auf, rührte um und trank in kleinen Schluckern

„Es hat keinen Zweck“, murmelte er zwischendurch, „es ist einfach aussichtslos!“

Sie war katzengewandt von der Couch geglitten, hatte sich hinter ihn gestellt und zischte: „Was hat keinen Zweck? Was ist aussichtslos? Ich werde dir mal was sagen, Bully! Ich glaube bald, dass es aussichtslos ist, hier bei dir herumzuhocken, deinen Freunden Pfötchen zu geben und die Grande Dame zu markieren, statt mir selbst ’ne Hauptrolle zu suchen. – Ich denke, du warst mal Sensationsdarsteller? Ich denke, du hast mal als Artist die dollsten Sachen gemacht? Ich denke, du bist mal das bestbezahlte Double gewesen und ’ne ganz dolle Nummer?! Und jetzt kannst du nicht mal für mich ’ne Rolle besorgen? Na, da bedank ich mich aber!“

Er starrte sie trübselig an.

„Erinnere mich nicht an meine große Zeit! Warte nur, wenn mein Comeback erst geschafft ist!“

Sie tippte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger an den Bauch und lachte ihm ins Gesicht.

„Du und ein Comeback? Ach, Bully, das ist zum Quietschen! Das möchte ich sehen, wie du aus dem Flugzeug springst und auf Eisenbahndächern landest, wie du mit Krokodilen kämpfst und dich von explodierenden Brücken in Abgründe stürzt! Mein Lieber, da kann ich ja nur kichern!“

Er blickte auf die Uhr und sagte leise: „Es dauert gar nicht mehr so lange, da mache ich ein Ding, Shelly, ein Ding, gegen das alles, was ich früher machte, Spielkram war!“

 

 

2

Der Raum war abgedunkelt.

Durch die Rollos an den Fenstern drang das Licht von der Straße, das Aufblitzen der vielen Neonreklameschriften, nicht herein, und die mattgrüne Lampe auf dem breiten Schreibtisch war so tief herabgezogen, dass ihr Schein nicht weit fiel.

Er fiel auf eine Reihe von Zahlen, Telefonnummern.

Ein Mann im Sessel hinter dem Schreibtisch las die Zahlen ab und wählte sie auf dem Telefonapparat.

Jedes Mal wartete er, bis sich der Teilnehmer mit einem kurzen Wort gemeldet hatte, dann sagte er tonlos: „Jetzt!“ und legte wieder auf, um die nächste Nummer zu wählen.

Er wählte insgesamt zwölf Nummern und sagte zwölfmal: „Jetzt!“

Dann legte er die Unterarme auf die Tischplatte und blickte auf die beiden Uhren an seinen Handgelenken.

22 Uhr 27!

Um 22 Uhr 28 stand der Mann auf, knipste die Lampe aus, hielt ein Streichholz an den Zettel mit den Nummern und blickte düsteren Gesichts in die knisternde Flamme.

Um 22 Uhr 29 verließ er das Büro, schloss die Tür ab und trat um 22 Uhr 30 auf die siebenundvierzigste Straße von New York.

Punkt 22 Uhr 30 trat auch C. B. aus der Tür seines Hauses in der 52. Straße und ging langsam in Richtung Washington Allee und Central Park.

Er musste langsam gehen. Weil er eine dunkle Brille vor den Augen, eine gelbe Binde um den rechten Arm und einen Blindenstock in der Hand trug.

Er setzte Schritt vor Schritt, tastete sich um Hindernisse herum und wirkte so echt, dass ein junger Navy-Soldat ihn an einer Kreuzung hilfsbereit am Arm fasste.

„Kommen Sie, Kamerad, ich bringe Sie hinüber!“

„Danke“, murmelte C. B., „danke vielmals, lieber Freund! Sie sind sehr gütig!“

So schritt er durch die Stadt, deren Nachtleben aufschäumend begann, und wirkte wie ein lebendes Mahnmal für den Übermut der vielen jungen Pärchen, denen er begegnete.

Scheue Blicke trafen ihn, man machte ihm bereitwillig Platz. Er spielte seine Rolle aber auch vollendet gut.

Bis er den vorausberechneten Punkt erreichte.

Er konnte nicht auf die Uhr blicken, aber er wusste, dass er auf die Minute genau zur Stelle war.

Ein auf der anderen Straßenseite parkendes Auto fuhr langsam an.

Ein Mann blieb vor ihm stehen und zündete sich eine Zigarette an.

C. B. fragte leise: „Uhrzeit?“

„Zweiundzwanzig – dreiundfünfzig!“

Der Blinde ging schlurfend weiter.

Der Mann mit der frisch angesteckten Zigarette wechselte die Straßenseite und ging in einigem Abstand hinterher. Niemand nahm von ihm Notiz.

Er schlenderte, die Zigarette zwischen den Lippen haltend, beide Hände in den Hosentaschen, von einem Schaufenster zum anderen, schien sich interessiert die Auslagen zu betrachten und war doch zunächst nur auf eine Aufgabe konzentriert:

Sich in vorgeschriebenem Abstand, in fast gleicher Höhe mit dem „Blinden“ drüben vorwärtszubewegen.

Ein Polizeiwagen patrouillierte in langsamer Fahrt die Straße ab. Die beiden Citizen-Männer in ihren dunklen Lederjacken, unterhielten sich gut gelaunt.

Plötzlich schlug der Lautsprecher im Armaturenbrett an.

„Achtung, Wagen neun und elf, in der einundsechzigsten, Ecke Bondstreet, eine Explosion! Ursache unbekannt!“

Der Beifahrer beugte sich schnell vor, denn der Fahrer hatte mit einem Griff die Sirene eingeschaltet und das Gaspedal durchgetreten.

Heulend raste der Wagen los.

Keiner der Passanten achtete darauf, dass der scheinbar erschreckt zusammenzuckende Blinde ein wohlgefälliges Lächeln um den Mund hatte.

Auch sein Schatten auf der anderen Straßenseite pfiff heiter vor sich hin.

 

 

3

Die Explosion in der einundsechzigsten Straße an der Ecke Bondstreet ließ die Schaufenster und Bürofensterscheiben der anliegenden Hochhäuser bis hinauf in das zehnte Stockwerk zerspringen.

Zwei Autos wurden aus der Bahn geschleudert und lagen brennend und zerquetscht an den Häuserwänden.

Mehrere wurden durch herumfliegende Trümmer verletzt.

Tote gab es zum Glück keine.

Dafür zwei Nervenschocks, mehrere Knochenbrüche und erhebliche Splitterwunden.

In dem von der Explosionswelle eingedrückten Schaufenster eines Uhrengeschäfts blieben mehrere Uhren schlagartig stehen. Sie zeigten übereinstimmend auf:

22 Uhr 57!

 

 

4

22 Uhr 57 zeigte die Dienstuhr des Polizisten Smith in der Gouverneur Street, als er die gellenden Hilfeschreie hörte.

Noch während er sich in Trab setzte, blies er aus voller Lunge in seine Trillerpfeife, schlug sein schnellstes Tempo ein und blies aus Leibeskräften, als sich in die Schreie auch noch Schüsse mischten.

Die Schießerei schien wilde Formen anzunehmen, und deutlich konnte er das rhythmische Hämmern einer Maschinenpistole heraushören.

Er schlug die Glasplatte einer Notrufsäule ein und alarmierte die in der Nähe befindlichen Streifenwagen.

Er tat damit genau das, was zu dem Plan jenes Unheimlichen gehörte, der, über Leichen gehend, New York noch in Atem halten sollte.

Der Cop zog ahnungslos die Streifenwagen aus einem ganz bestimmten Bezirk heraus, so wie andere Wagen durch die Explosion abgelenkt worden waren.

Der „blinde“ C. B. hob seinen Kopf, als schmerzte ihn sein Nacken.

In Wirklichkeit blickte er nach der hellerleuchteten Normaluhr an der Warenhausecke gegenüber.

22 Uhr 59 … Der Zeiger rückte auf 23 Uhr.

Der Schatten auf der anderen Straßenseite bückte sich und knüpfte an seinen Schnürsenkeln. Beim Aufrichten glitt seine Hand unter das Jackett.

Dann geschah es.

In verhältnismäßig flotter Fahrt bog ein geschlossener Lieferwagen um die Warenhausecke. Der Fahrer, ein breitschultriger Mann mit einem gutmütigen, zuverlässigen Gesicht, hatte abgebremst und beschleunigte wieder.

In diesem Augenblick begann der Höhepunkt eines Coups, der in der Kriminalgeschichte seinesgleichen suchte. Planung und Ausführung waren meisterhaft und wirklich neu.

Ein blinder Mann, der sich mit seinem Stock an die Gehsteigkante herangetastet hatte, betrat die Fahrbahn in der gleichen Sekunde, in der das geschlossene Lieferauto um die Ecke bog und wieder beschleunigte.

Der Blinde lief dem Wagen direkt vor die platte Frontfläche.

Es knallte und schepperte.

Der Fahrer und sein Beifahrer schrien auf vor Schreck, als sie den Körper des Blinden auf die Mitte der Fahrbahn geschleudert sahen.

Der Fahrer stieg mit voller Wucht in die Bremsen. Sein Beifahrer stieß den Schlag auf und sprang geschockt heraus, von dem Verlangen getrieben, dem Opfer zu helfen.

Der Fahrer sprang ebenfalls heraus, grau im Gesicht, das Entsetzen in den herausquellenden Augen.

Die wenigen Straßenpassanten waren wie gelähmt stehengeblieben und starrten voller Grauen auf den armen blinden Mann, der sich stöhnend aufzurichten versuchte und nach seinem Stock tastete.

Er sah wie ein ganz normaler Blindenstock aus, mit einem geschwungenen Handgriff und einem Gummiende.

Alles geschah in Sekundenfrist … so schnell, dass niemand die Bewegungen der einzelnen Akteure später mit Sicherheit in der chronologischen Reihenfolge rekonstruieren konnte.

Die Fahrer des Unglückswagens waren zu beiden Seiten des Führerhauses herausgesprungen und im Begriff hervorzustürzen, um dem Opfer zu helfen, das etwa sechs Meter von ihnen entfernt auf dem Rücken lag.

Der Blinde riss seinen Stock an sich, machte an dem runden Griff eine repetierende Bewegung wie an einem Gewehrschloss.

Zwei Schüsse peitschten aus dem Stockende.

Die Fahrer des Wagens wurden mitten in ihrer Vorwärtsbewegung ruckartig angehalten, griffen nach ihrer Brust – fassungslos, Todesgrauen in jeder Bewegung.

Bis der eine zusammenbrach und begriff, dass da eben auf ihn geschossen worden war, dass der Blinde nicht blind, das Opfer kein Opfer, der Stock kein Stock, sondern eine tödliche Waffe war! Und er griff an die Hüfte, um seine Dienstwaffe zu ziehen.

Aber da fielen hinter ihm in schneller Folge vier Schüsse. Ein von allen unbeachteter Straßenpassant hatte sie abgegeben.

Stumm, lautlos, kippten die beiden Fahrer auf die Straße.

Der Blinde war aufgesprungen. Den Stock wie eine MP haltend, raste er trotz seiner Körperfülle mit unglaublicher Behändigkeit auf den Wagen zu, sprang in das Führerhaus, hockte sich auf den Beifahrersitz und riss den Schlag zu.

Um ihm den Rückzug zu decken, feuerte sein Komplice einige Schüsse wahllos in die Gegend, so dass die wenigen verblüfft stehengebliebenen Passanten sich schreiend hinwarfen oder in die Hauseingänge flüchteten. Dann bückte er sich zu den beiden Fahrern und tat, was noch zu tun war.

Im nächsten Augenblick saß er am Steuer, ließ den Motor aufheulen. In rasendem Tempo schaltete er das Fahrzeug hoch und raste mit ihm die kurze Straße hinunter, scherte rücksichtslos in den Querverkehr und war knapp zwölf Sekunden nach dem Beginn des Coups im Verkehrsgewühl verschwunden.

Lange danach wagten sich die ersten Passanten hoch, liefen zu den beiden Toten, glaubten helfen zu können und wichen entsetzt zurück, als sie in deren glasige, erstarrte Augen blickten!

Bis jemand auf den Gedanken kam, das Nächstliegende zu tun, waren zwei Minuten vergangen. Ein junger Mann lief in das nächste Haus, drückte die Klingelknöpfe, brüllte, dass er telefonieren müsse. Bis ihm jemand auf die Schulter klopfte.

„Da wohnt niemand, da sind nur Büros … die sind jetzt dicht. Da müssen Sie es dort mal versuchen.“

Der junge Mann brauchte viereinhalb Minuten, bis er einen Telefonapparat fand.

Die beiden eiligst von der Radioabteilung der New Yorker Citizen Police beorderten Streifenwagen waren über eine Meile von dem Tatort entfernt und benötigten fast acht Minuten, ehe sie an der Unfallkreuzung, an der sich der Verkehr staute, eintrafen.

Die ersten Verhöre ergaben, dass die beiden Opfer mit einer Maschinenpistole, einem Colt, einer Pistole, einem Gewehr oder einem neuartigen Karabiner erschossen worden wären. Jeder angebliche Tatzeuge wollte es genau gesehen haben und es natürlich auch besser wissen.

Am unglaubhaftesten klang die Aussage einer älteren Frau, die steif und fest behauptete, der Blinde hätte aus seinem Spazierstock geschossen. Der Beamte notierte sich diese Aussage eigentlich nur, um die Frau nicht zu beleidigen.

Zum Aussehen des Blinden gab es siebzehn verschiedene Versionen: klein und dick, groß und hager, mittelgroß mit Glatze, zwergenhaft mit Baskenmütze, Schlapphut, blaue Brille, grüne Brille, gar keine Brille, Mantel, Lederjacke, Pelerine, Sportanzug, Monteur-Overall.

Als wenig später das Sonderkommando der Homeside Commission eintraf, stellte man sofort fest, dass die beiden Toten auch Einschüsse von hinten aufwiesen. Da gerieten die Aussagen noch mehr durcheinander.

Jemand wollte gesehen haben, dass ein zweiter Wagen kurz gehalten und jemand aus einer Maschinenpistole kurze Feuerstöße abgegeben hätte.

„Der Kerl, der drin saß war ein Schwarzer mit Bärtchen … eine gemeine Visage hatte der Kerl, und ich habe genau gesehen, dass er gegrinst hat …“

„Unsinn“, rief da die Frau, die behauptet hatte, der Blinde hätte aus seinem Stock geschossen, „das war ein junger Bursche, der von der anderen Straßenseite kam. Er zog eine Waffe, ich glaube einen Trommelrevolver, und schoss die beiden nieder. Er war es auch, der den Wagen fortgefahren hat.“

„Na hören Sie mal“, entrüstete sich eine andere Frau empört, „das stimmt ja gar nicht! Das war ein Mädchen!“

„Wer war ein Mädchen?“, fragte der Sergeant. „Die Person, die geschossen oder den Wagen weggefahren hat?“

„Beides war sie! Es war ein Mädchen, so ein Flittchentyp, mit ganz kurzem Rock und mächtig aufgedonnert …“

Da wollten sich zwei Männer ausschütten vor Lachen.

„Die kleine June meinen Sie? Aber die ist doch vor Schreck weggelaufen!“

„Ich dachte, sie ist in den Wagen gestiegen …“

Sie widersprachen sich. Sie waren alle hilfsbereit und wollten der Polizei die Arbeit erleichtern, aber in ihrem Eifer schossen sie über das Ziel hinaus.

Zwar lief die Großfahndung nach zwölf Minuten an … Aber da war es zu spät!

 

 

5

Beim ersten Klingeln ließ Pat Morton alles liegen und stehen und eilte durch den Flur ihrer kleinen Topflat-Wohnung zur Tür.

Sie hatte diese Wohnung erst vor wenigen Tagen bezogen, nachdem sie vorher in einem Appartementhaus gewohnt hatte.

Pat Morton, Mitarbeiterin des CIA in Washington und zur Zeit ins FBI abgestellt, hätte viele reizende und vorteilhaft gelegene Wohnungen haben können, vom Bungalow am Rande der Stadt bis zur Villenetage in ehemals teuren und luxuriösen Stadtteilen. Aber Pat hatte eine eigene Vorstellung von ihrem künftigen Heim gehabt.

Die Topflat-Wohnung war eigentlich ein kleiner Bungalow, ein flaches Haus auf dem Dach eines Hochhauses. Hervorragend gesichert gegen Überraschungsbesuche ungebetener Gäste, und in dieser Höhe so still und ruhig wie eine Blockhütte am Waldrand.

Etwas atemlos riss sie die Tür auf. Ihr Gesicht erstrahlte.

Sie hatte braunes Haar und braune Augen. Sie war ein bisschen mollig, und es stand ihr gut. Niemand hätte dieser niedlichen Person angesehen, was in ihr steckte. Lieutenant Mike Torringer aber wusste es, und strahlte sie an.

„Mike“, sagte sie heiter, „willkommen, lieber Mike! Tritt ein, bring Glück …“

Er schnitt ihr das Wort ab, indem er ihr einfach die Blumen in die Hand drückte. Dann sah er sich um.

„Hoppla“, sagte er, „du solltest umsatteln und den Geheimdienst verlassen, Sugardarling!“

„Umsatteln?“

„Du gäbst eine großartige Innenarchitektin ab.“

„Ich will es schön haben, und meine Familie später auch …“

„Du und heiraten“, sagte er. „Du bist doch mit deinem Beruf verheiratet – wie wir alle!“

„Aber heute sind wir privat, nicht wahr, Mike?“

„Hoffen wir, dass es dabei bleibt!“

Sie führte ihn durch die Wohnung, in die kleine Pantry und die Bibliothek mit der am breiten Fenster eingerichteten Arbeitsecke. Sie führte ihn in den großen, anheimelnden Wohnraum mit dem Flügel vor dem riesigen Balkon, den sie mit bunten Reihen schimmernder Lampions geschmückt hatte, die von dem Überdach einer Hollywoodschaukel zu der kleinen improvisierten Bar reichten und traulich schimmernd im warmen Abendwind schaukelten.

Mike machte große Augen.

„Wie viel Gäste erwartest du noch?“

„Colonel McDaritt, Captain Garland und seine Frau, dann Rosy aus der Dechiffrierabteilung und natürlich Frank und Marry.“

„Frank? Fein, dass er kommt. Ich dachte, er fliegt jetzt bei Lockhead in Frisco?“

„Ja, aber er hat Urlaub bekommen, weil Marry doch das Baby erwartet. Übermorgen soll sie hier in die Klinik, na und …“

Es klingelte wieder. Pat lief lachend zur Tür und riss sie auf.

Colonel McDaritt stand da. Einen Riesenstrauß Blumen in der Hand. Als er sie begrüßt hatte, erschien Mike in der Bibliothekstür.

McDaritt kniff ein Auge zu und grinste Pat an.

„Wie kommt dieser junge Flegel in Ihr kultiviertes Heim, Pat? Ich an Ihrer Stelle schickte ihn in die Küche, damit er die Eiswürfel aus dem Eisschrank bringt, weil ich einen ungeheuren Durst habe und den Whisky warm nicht leiden mag.“

Alle drei lachten.

„Ich begreife nicht“, rief Mike, „dass unser Sektionschef auch noch ins Privatleben eingreift.“

„Weil man solch grünen Lieutenant nicht mit so zauberhaften Mädchen allein lassen darf“, konterte der Colonel ungerührt. „Außerdem wäre es sowieso nichts mit dem Abend geworden.“

Mike gab sich einen Ruck und stand plötzlich gerade.

„Sagen Sie bloß, Sie haben einen niedlichen kleinen und ganz schrecklich dringenden Auftrag für mich in Honolulu?“

„Für Sie nicht MT 002, und Honolulu schon gar nicht. Das würde ich doch den vielen netten Hula-Mädchen dort nicht antun! Aber Pat, so leid es mir tut … ausgerechnet heute Abend …“

„Moment mal“, knurrte Mike. „Ich verstehe immer, ausgerechnet heute Abend? Hören meine zarten Kinderohren da eigentlich richtig?“

„Leider, Sie kleiner Boyscout! Pat fliegt in vierzig Minuten nach New York!“

„Ach? Ich dachte schon, sie muss in drei Minuten am Nordpol sein? Und was ist in New York geschehen, dass man ausgerechnet die Spezialistin für internationale Fragen in dieses lausige Häusermeer schickt?“

McDaritt zündete sich eine Zigarette an, machte ein paar Züge und sagte dann achselzuckend. „Ich hab’s ja versucht, ihr das heute Abend zu ersparen, aber da war nichts zu machen. Sie muss hin!“

„Brennt die UNO?“

„Nein, aber zur UNO muss sie tatsächlich.“

Pat hatte Eis gebracht und drei Gläser zubereitet. Jetzt richtete sie sich auf und lächelte die beiden so unterschiedlichen Männer an.

„Nochmals, willkommen in Pats Wolkenkuckucksheim! Trinkt auf mein Wohl und das Wohl aller Freunde des Hauses. Ich packe meine Tasche und bin in zweieinhalb Minuten wieder da.“

Sie wollte hinauseilen, aber Mike hielt sie am Arm fest.

„Einen kleinen Augenblick! Sieh dir diesen Sklaventreiber an, wie gut ihm der Whisky seines Parias schmeckt. Ich werde ihn erwürgen, wenn er mir jetzt nicht auf der Stelle sagt, warum du ausgerechnet heute Abend nach New York musst!“

Der Colonel feixte.

„Weil der UNO in einem tollen Hold-up zweihundertachtundsiebzigtausend Dollar geklaut wurden.“

Mike fasste sich an den Kopf.

„Er ist betrunken“, knurrte er, „betrunken von einem Whisky! Ein Geldraub von zweihundertachtundsiebzigtausend Dollars … was macht das der UNO bei ihrem Permanent-Defizit schon aus? Und was hat Pat damit zu tun? Hat New York keine Polizei?“

„Der Raub forderte zwei Tote, die Fahrer des Lohngeldtransporters.“

„Colonel, was hat ein simpler Lohngeldraub mit uns zu tun? Da hängt doch noch etwas dran?“

„Bestimmt nicht! Aber die Sicherheitsvorschriften der UN verlangen nun mal eine Überprüfung der Sache durch uns. Und da kurz nach Mitternacht eine Besprechung zwischen allen beteiligten Dienststellen, dem Raubdezernat, der Sicherungsgruppe und der Mordkommission stattfindet, muss Pat mit der nächsten Maschine fliegen, wenn sie rechtzeitig zur Stelle sein will. – Ich habe versucht, Kitty Anderson zu schicken, aber die ist in einer anderen Sache in St. Louis, und die beiden Spezialistinnen von der zweiten Sektion flogen gestern nach Europa.“

Mike begann auf einmal zu lachen.

„Sie wissen, dass ich ein freies Wochenende habe, Chef?“

„So?“

„Ich werde Pat ein wenig begleiten. Wie finden Sie das?“

McDaritt nahm einen Schluck.

„Ich fände es unbegreiflich, wenn Sie es nicht täten.“

„Und Sie zeigen den Gästen die Wohnung und geben ihnen zu trinken und zu essen. Lassen Sie aber noch etwas übrig, damit wir nicht verhungern, wenn wir morgen zurückkommen.“

„Okay, MT 002. Wir sehen uns Montag in meinem Büro. Ich glaube, da ist ein rundes Ding im Werden.“

„Wo?“

„Venezuela!“

Mike pfiff leise durch die Zähne.

„Okay“, sagte er und nahm Pat die kleine Reisetasche ab.

„Es war ein reizender Abend mit Ihnen, Sir! Ich hoffe, wir sind Ihnen nicht zur Last gefallen. Good-bye, bis Montag. Und … halten Sie mir den Caracas-Job frei!“

 

 

6

Mike wartete in der Hotelbar. Der Mixer warf ihm teilnehmende Blicke zu.

„So ist das mit den Frauen, Mister! Erst verabredet man sich, dann lassen sie einen sitzen. Ich könnte Ihnen Sachen erzählen. Kein Abend vergeht, dass nicht irgend so eine Lady einen Gentleman aufsitzen lässt. Aber solange wir noch genügend Stoff haben, geht es ja noch! Noch einen?“

„Nein!“

„Nein? Oh!“

„Nein!“, knurrte Mike. „Dein Bacardi schmeckt wie die Fischsuppe vom vorigen Freitag, und außerdem ist die Dame, auf die ich warte, ein First-Class-Girl! – Jetzt verschwinde mal ein bisschen und kümmere dich um die Typen, deren einziger Halt im Leben die Stange an der Bar ist.“

Der Mixer wollte sich empören, aber als er sich Mikes Gesicht noch einmal genau anguckte, hielt er nur den Atem an und ging leise weiter, hinter die Kaffeemaschine in der Ecke.

Pat kam kurz nach zwei Uhr morgens. Sie sah so frisch aus, als wäre sie eben erst aufgestanden.

„He, mein Ritter, vergib der Prinzessin, aber ein paar Strauchdiebe machen die Gegend unsicher. Ich musste einen Umweg über die UNO wählen.“

„Na, wie sieht es aus? Wir können doch morgen wieder zurück, oder?“

Sie nickte.

„Natürlich, Mike! Wir können zurück; wir werden zusammen auf der Sonnenterrasse frühstücken und uns in der Sonne baden. Dann werden wir tanzen und …“

„Apropos tanzen. Oben im Nachtclub spielt eine ganz flotte Band. Wollen wir?“

Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. „Jetzt nicht! Es war nicht sehr schön, was ich vorhin hörte! Bei der Besprechung im Stadthaus …“

„Zweihundertachtundsiebzigtausend wird die UNO leicht verschmerzen. Das ist kein Grund für dich, mir einen Korb zu geben.“

„Es ist ja nicht das Geld – aber die Begleitumstände waren furchtbar. Ein Blinder hat sich vor den Geldtransport fallen lassen, hat die beiden Fahrer erschossen und ist mit seinem Komplizen und dem Wagen samt Geld entkommen.“

„Den Wagen fand man einsam an einer Ecke?“

„Nein, in einer alten Fabrikgarage. Keine Fingerabdrücke, keine Spuren, dazu ein Sammelsurium von Zeugenaussagen, die völlig unbrauchbar sind. Und außerdem: Zwei Tote, zwei Witwen, fünf Waisenkinder und irgendwo in der Stadt ein paar lachende Mörder.“

„Ihnen wird das Lachen vergehen, so wie ich die New Yorker Cops kenne.“

„Na, ich weiß nicht. Der zuständige Attorney war ziemlich deprimiert. Es sieht ganz so aus, als sollte dieser Fall zu einem Skandal werden. Die Zeitungen werfen der UNO-Haussicherungsgruppe vor, sie hätte ihre Transporte nicht genügend gesichert. Man erwartet von der Citizen Police, dass sie die Mörder schleunigst findet …“

„Man wird sie finden, und ich möchte jetzt diesen Foxtrott mit dir …“

„Mike, das ist nicht alles.“

„Was denn noch?“

„Die Mörder sind nach ihrer Tat mit dem Lohntransporter so wild gerast, dass es bei den zwei Toten nicht blieb.“

„Haben sie jemanden überfahren?“

„Eine zweiundzwanzigjährige Frau … sie erwartete ein Baby!“

Mike trank seinen Bacardi aus.

„Ich kann gut verstehen, dass es dir die Stimmung verdorben hat. – Warte, wir machen noch einen Bummel, oder willst du auf dein Zimmer?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Frische Luft!“

Mike zahlte. Sie gingen hinaus. Lange war Pat Morton schweigsam, bis sie nachdenklich sagte:

„Ich verstehe das alles nicht. Dieser Lohntransporter hat seit Jahr und Tag immer fast die gleiche Summe in seinen Ladekisten gehabt. Es sind die Löhne und Gehälter der UN-Angestellten, vor allem des Personals im großen UNO-Gebäude. Er holt das Geld von der Richmont-Bank und wechselt häufig die Routen.“

„Du siehst ja, wie die Bande vorging. Sie haben Generalstabsarbeit geleistet. Aber so eine Tat wird immer aufgeklärt, Pat, immer! Nur Narren können glauben, dass sie davonkommen.“

„Aber wenn zu der Sache wirklich Generalstabsarbeit gehörte, dann muss das viel Vorbereitungszeit, wahrscheinlich auch Bestechungsgelder und ähnliches gekostet haben. Dann waren die Gangster auch genau über die Summe unterrichtet, die sie erwarten konnten.“

„Worauf willst du hinaus?“

„Aber, Mike, das liegt doch auf der Hand.“

„Was liegt auf der Hand? Dass die Vorbereitung in keinem Verhältnis zum möglichen Erfolg stand? Dass sie mehr investierten, als die Sache lohnte?“

„Genau! Das lässt mir keine Ruhe. Ein solcher großer Coup auf ein Millionenobjekt … na schön, aber wegen zweihundertachtund …“

„Was erwartest du von solchen Gehirnen, Pat? Der Coup, den diese Gangster landeten, sieht nur so gut angelegt aus. In Wirklichkeit können die Ausführenden vom Zufall begünstigt gewesen sein.“

Sie schwieg. Erst als sie wieder in der Nähe ihres Hotels angelangt waren, fing sie wieder an.

„Halte mich nicht für schrullig, Mike, aber ich habe so ein Gefühl …“

„Pat, du solltest damit aufhören! Das ist nicht unser Fall. Wir können nicht anfangen, uns die Köpfe anderer Leute zu zerbrechen … Auf deinem Sektor bei der Sache ist doch alles in Ordnung?“

„Ich wurde nur gefragt, ob Washington in irgend einer Form einzugreifen wünscht, weil es sich immerhin um die UN handelt.“

„Ich hoffe, du hast ihnen richtig geantwortet.“

„Natürlich, was sollte ich sonst sagen? Solange keine Spionage dahintersteht …“

„Ach, und jetzt glaubst du, dass die Gangster ein zweites Motiv neben ihrer Geldgier hatten? Sie hofften, die Geheimnisse aller UNO-Staaten in dem kleinen Lieferwagen zu finden?“

„Spotte nicht! Natürlich weiß ich, dass es absurd scheint, aber mein Gefühl …“

„Und meines sagt mir, dass du dich jetzt noch ein bisschen ausschlafen solltest!“

„Lass uns erst die nächste Maschine nehmen“, bat Pat während des Frühstücks im Hotel. „Ich möchte noch einen Bummel über die Fifth Avenue und den Broadway machen …“

Mike nickte. „Wenn das der einzige Grund ist?“

„Welchen Grund sollte ich sonst haben.“

Mike biss in sein Brötchen und antwortete nicht.

Sie errötete leicht.

„Na schön, wenn du es genau wissen willst: Ich will noch mal zu dem zuständigen Attorney und dem Abschnittsleiter der Kriminalpolizei. Schließlich muss ich ja auch in Washington genau berichten.“

Er seufzte. „Dies ist ein Sonntag, Liebling!“

„Fragst du danach, wenn du im Einsatz bist?“

„Aber dies ist doch kein richtiger Einsatz für dich, Pat! Eine Dienstreise … das ist alles.“

„Ich sehe keinen Grund, eine Dienstreise nachlässiger durchzuführen als eine Spezialfahndung.“

„Na schön, du Superagentin, ich komme mit zum Attorney … aber danach geht es ab nach Washington, in dieses liebe alte Nest!“

 

 

7

Attorney Laskins war ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren mit freundlichen Manieren, aber einem leicht sarkastischen Zug um den schmalen Mund.

Aufmerksam blickte er Pat Morton und Mike Torringer über seinen Schreibtisch hinweg an.

„Die UNO liegt ja nun mal in meinem Bezirk, obwohl sie eigentlich eine Enklave darstellt und selbstverständlich auch eigene Sicherheitsorgane hat. In dieser Sache lässt sich meine Zuständigkeit leider nicht leugnen.“

„Haben die nächtlichen Ermittlungen etwas Besonderes ergeben? Seit vorgestern Abend muss doch …“

„Neue Zeugenaussagen, neue Hinweise, das Übliche! Je mehr Zeit die Leute haben, ihre Phantasie springen zu lassen, desto üppiger werden die Aussagen. Wir haben mindestens fünfzig Briefe bekommen, in denen Nachbarn ihre Nachbarn beschuldigen, weil diese angeblich Abends nicht zu Hause waren oder in der Tatnacht nebenan auffällige Geschäftigkeit herrschte. Nein, nein … das ist schon eine harte Nuss, aber ich nehme an, dass wir sie bald knacken.“

„Was schreibt die Presse? Ich meine die Auslandspresse?“

Laskins legte sein Gesicht in Falten.

„Ihre Anwesenheit, Miss Morton, verbietet mir, darauf das einzige Wort zu sagen, das angebracht wäre. Natürlich spielen die Ausländer die Sache hoch und erregen damit eine gewisse Hysterie. Seien wir nur froh, dass keine Geheimdokumente geklaut wurden.“

„Wie schätzen Sie die Tätergruppe ein, Attorney?“, fragte Mike und rauchte sich eine Zigarette an. „Gelegenheitsamateure oder Profis? Große oder kleine Gruppe?“

Laskins hob die Schultern.

„Alles deutet auf ausgekochte Profis hin, und es müssen mindestens vier oder fünf Mann gewesen sein. Freilich kann es auch die Tat geistesgestörter Amateure sein. Darauf deutet die Tatsache, dass sie sich für zweihundertachtundsiebzigtausend die UNO aussuchten, während sie mit dem gleichen Aufwand das dreifache …“

„Das habe ich doch auch gesagt“, rief Pat eifrig aus. „Was für ein Interesse konnten sie haben, sich mit einem Überfall auf UNO Eigentum alle Fluchtchancen ins Ausland zu verderben. Die mussten doch damit rechnen, dass sie jetzt überall fällig sind!“

Mike lächelte leicht und fragte mehr höflichkeitshalber als wirklich interessiert: „Transportierte der gleiche Lieferwagen gelegentlich auch andere Sachen? Akten? Geheimes Material?“

Staatsanwalt Laskins schüttelte den Kopf. „Die Akten verlassen das UN-Gebäude nie! Dazu hat dieser Riesenbau im Keller eigene Aktentresore, in die jeweils die gemeinsamen Papiersachen, aber auch die einzelnen Länderunterlagen eingeschlossen werden.“

„Jedes Land hat – soweit ich unterrichtet bin – einen eigenen Tresor von nicht unbeträchtlicher Größe?“

„So ist es! Allerdings liegt da selten ausgesprochen geheimes Material drin.“

Mike blickte zu Pat, die etwas mühsam zurück lächelte und sich erhob.

„Vielen Dank für die Auskunft, Attorney, ich werde in Washington entsprechend berichten.“

 

 

8

Bully Bluff prustete unter der heißen Brause wie ein Nilpferd. Er plätscherte, bis zu den dicken Waden in der Wanne stehend, wie ein Walross.

Seine fliehende Stirn und das Doppelkinn, das noch unrasiert war, gaben seinem Grinsen etwas diabolisches, zumal seine Augen so stumpf wie Wasserlachen waren

Er drehte die Dusche ab, weil er von draußen Shellys Stimme hörte.

„Bully … Telefon!“

„Sage, ich kann nicht!“

„Aber es ist dringend … da will dich einer unbedingt an die Strippe haben.“

„Er soll mich … Wer ist es denn?“

„Er sagt, das ginge mich einen feuchten Lappen an! Soll ich ihm sagen, was ich von ihm denke?“

„Nein“, rief C. B. aufgeregt und ängstlich. „Stell den Apparat vor die Badtür und und schließe ihn im Flur an. Ich melde mich gleich.“

Eine Minute später hauchte er in die Sprechmuschel: „Was kann ich für Sie tun, Chef?“

„Nichts!“

„Aha!“

„Lass deine blöden Bemerkungen!“

„Warum schimpfst du mit mir? Habe ich nicht gute Arbeit geliefert … war es nicht ein Meisterstück?“

„Shut up! – Sei in zwanzig Minuten an der U-Bahnstation Brooklyn-Nord! Ende!“

„Hallo … Moment doch mal, Chef! Ich bin ja splitterfaser … und nicht rasiert! Sagen wir, in vierzig Minuten …“

Der andere Teilnehmer hatte aufgehängt.

Traurig stand C. B. in einer Wasserlache und blickte den Telefonhörer an.

Von nebenan kam ein amüsiertes Lachen. „Hat es dir die Sprache verschlagen, Dicker?“

„Hör bloß auf! Ich muss weg! Ich muss mich beeilen. Fahr den Wagen aus der Garage, schnell! Wo ist mein … Ach was, sieh zu, dass du den Wagen vor die Tür stellst!“

„Kann ich mitkommen?“

„Nein!“

„Aber, Bully, du hast mir doch versprochen …“

„Du sollst tun, was ich dir sage, Shelly! Ich nehme dich ein anderes mal in die Studios mit. Du wirst schon sehen … deine Rolle kriegst du erst, wenn du mich nicht blamierst!“

„Wer hier wen blamiert, wird sich noch ‘rausstellen!“

Sie kicherte, als hätte sie einen besonders guten Witz gemacht. Dann schlugen zwei Türen, aber C. B. nahm sich nicht die Zeit, nach ihr zu suchen.

Fluchend zog er sich an und stürzte aus dem Haus. Er lief rot an vor Zorn, weil der Wagen noch nicht dastand, musste noch einmal zurück, die Schlüssel holen und startete dann in wilder Hast.

Eine Straßenpolizist notierte seine Nummer, weil er in überhöhter Geschwindigkeit eine Rotlichtampel überfuhr.

Mit sieben Minuten Verspätung kam er an dem vereinbarten Treffpunkt an. Er stieg hastig aus und blickte sich um.

Von der gegenüberliegenden Straßenseite löste sich der Mann, der in jener Nacht seinen Schatten gebildet hatte. Der andere steuerte direkt auf ihn zu, bog vorher kurz ab und setzte sich auf den Rücksitz des Wagens.

Eilig stieg C. B. wieder ein.

„Was gibt’s?“, fragte er gepresst. „Irgendwelche Pannen?“

„Keine Ahnung! Der Chef will dich unter vier Augen sprechen.“

„Unter vier Augen?“ Bully erschrak. „Wieso denn das? Hat er was gegen mich?“

„Fahr zu!“, grinste sein Schatten. „Du wirst es schon zeitig genug zu wissen bekommen.“

C. B. fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach.

„Sage mir die Wahrheit“, drängte er, „wir haben doch immer gut zusammengearbeitet!“

Sein Schatten kaute auf einem Streichholz herum und knurrte: „Höre mit dieser kindischen Fragerei auf. Ich weiß nicht, warum der Chef dich sprechen will. Ich weiß es nicht, hörst du?“

„Aber du wirst wissen, wie die Stimmung ist?“, bohrte C. B. mit ängstlicher Hartnäckigkeit. „So etwas spürt man doch. Man hat es doch im Gefühl, ob so eine Sache positiv oder negativ ist. Ich spüre so etwas immer im Voraus.“

„Du bist ja auch das kleine Genie, nicht wahr?“

Bully Bluff zuckte nervös mit dem rechten Augenlid. Er biss sieh auf die Lippen und seufzte tief und schwer. Angestrengt blickte er auf die Fahrbahn.

„Fahren wir zum alten Treff?“

„Nein, weiter! Erst mal die alte Richtung, dann sage ich dir schon Bescheid.“

„Wie denn? Bekomme ich den Chef zu sehen?“

„Natürlich nicht. Aber du wirst ganz in seiner Nähe sein.“

Angsterfüllt grübelte C. B. vor sich hin. Das Doppelspiel, das er seit Jahren trieb, ging ihm auf die Nerven. Als ehemaliger Hollywood-Sensationsdarsteller hatte er frühzeitig sein Nervenkostüm verschlissen und geriet seit dem Zusammenbruch seiner Ehe immer öfter an den Rand der Panik. Zwar hatte ihm sein gelungenes Kunststück als Blinder einen Teil seines schwindenden Selbstvertrauens wiedergegeben, doch war er noch lange nicht wieder der Alte.

„So“, sagte sein Schatten nach einer Weile, „jetzt biegst du nicht rechts ab, sondern fährst bis zur einhundertzwölften Straße, biegst links ein und hältst am fünften Hause rechts.“

Bully nickte. „Eine feine Gegend.“

Der Schatten ging nicht darauf ein. Er warf das feuchte Streichholz aus dem Fenster und packte einen Streifen Kaugummi aus, den er sich behaglich zwischen die nikotingelben Zähne schob.

Er schwieg, bis der Wagen hielt. Dann räusperte er sich.

„Ich bleibe sitzen. Geh zum Eingang, klingle einmal kurz und warte! Wenn man dir öffnet, sage, du möchtest die Versicherung umtauschen.“

„Ist das alles?“

„Das ist alles!“

Bully Bluff war bleich, aber gefasst, als er die breiten Stufen zum Hauseingang emporstieg, stehenblieb, sich die Krawatte zurecht zupfte und kurz mit dem fetten Zeigefinger auf den Klingelknopf tippte.

Es dauerte eine ganze Weile, dann öffnete ein Mädchen in einem leichten schwarzen Hauskleid mit einer gestärkten weißen Schürze und einem Spitzenkrönchen im Haar. Sie sah so reizend aus, dass C. B. zu anderer Zeit und unter anderen Umständen schlagartig guter Stimmung geworden wäre. So aber flüsterte er mit belegter Stimme nur: „Ich … ich möchte die Versicherung umtauschen.“

„Bitte, treten Sie näher, mein Herr“, erwiderte das Mädchen und lächelte wie ein kleines Kätzchen, das eben einen Kanarienvogel verspeist und sich nun wohlig und müde fühlt.

C. B. trat in die schmale Diele. Er kratzte sich verlegen das Kinn und grinste etwas hölzern, als das Mädchen eine Tür aufstieß und ihn mit einer kurzen Handbewegung aufforderte, hineinzugehen und sich zu setzen.

Bully ging hinein, aber er setzte sich nicht. Er musterte in versteckter Angst die luxuriösen Möbel und ließ seine Augen eilig über die Wände und zu den Fenstern huschen.

Notfalls würde er das immer noch schaffen. Ein Sprung durch das Glas hatte ihm zwar einmal einen vollen Monat Hospitalaufenthalt eingebracht, aber er fand, dass ein Monat im Hospital besser wäre als ein ganzes Leben mit einer Kugel im Frack unter der Erde.

Fast schrie er auf, als ihn eine Stimme ansprach, obwohl niemand ins Zimmer getreten war. Da stand auch kein Radioapparat und kein sichtbarer Lautsprecher. Die Stimme war einfach und plötzlich da, mitten im Raum, direkt neben ihm.

C. B. drehte sich hilflos im Kreis, dann grinste er verlegen und hilflos.

„Ich habe dich etwas gefragt!“, sagte die Stimme barsch, und C. B. nickte eifrig.

„Ja, natürlich, aber ich habe es nicht mitbekommen.“

„Träumende Mitarbeiter gefährden den ganzen Betrieb.“

„Ich träume sonst nicht, Chef!“

„Dafür leistest du dir ein Mädchen, das doppelt träumt!“

„Shelly? Ach, Chef, die hat dazu gar keine Phantasie.“

„Ich habe mit dir über sie zu reden. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass du sie wegschicken solltest. Ohne Krach, einfach und schlicht! Schenk ihr ein paar Kleiderfummel oder gib ihr einen Scheck und schaff sie aus deinem Haus.“

Es gelang Bully nicht, seine Überraschung zu verbergen. Konsterniert stotterte er: „Aber die Kleine … ist doch ganz in Ordnung … Die hat auch ihre Qualitäten, und sie ist viel zu dumm, um jemals gefährlich werden zu können. Glauben Sie mir, Chef, da besteht nicht die geringste …“

„Ich wiederhole mich ungern! Ich sagte, du sollst sie abservieren, und zwar so schnell und radikal wie möglich. Sagen wir … bis morgen Mittag.“

„Morgen Mittag?“, flüsterte Bully und bekam plötzlich rasendes Herzklopfen. „Das ist … Wir haben noch einiges miteinander zu klären … Das geht verdammt überraschend, Chef, ich meine … Wenn es möglich wäre …“

„Du schaffst sie aus dem Haus, verstanden?“

Bully wusste nicht, woher er den Mut nahm, er sammelte jedenfalls alle seine Kräfte in einem einzigen tiefen Atemzug und sagte gepresst: „Ich begreife das nicht, Chef. Ich habe gute Arbeit geleistet. Ich werde gute Arbeit machen. Was hat denn meine … Freundin damit zu tun? Sie ist doch ganz harmlos und hat von nichts eine Ahnung?“

„Du hörst wohl schlecht?“

„Chef, ich kann sie nicht so einfach von einem Tag auf den andern kalt stellen. Dazu brauche ich Zeit. Du weißt doch: C. B. macht alles! Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern …“

„Wunder? Du Narr sprichst von Wundern? Schick dieses Flittchen in die Wüste. Nimm dir eine Freundin aus ’ner anderen Gegend. Diese Shelly kommt aus den Slums. Sie braucht nur einem Ganoven aus ihrer Gosse zu begegnen und von ihm erpresst zu werden, schon hast du Ärger, Bully. Und das wird weder dir noch mir gefallen.“

C. B. hielt lauschend den Kopf erhoben. Was waren denn das für milde, wohlklingende Töne? Er blieb auf der Hut.

„Chef, natürlich werde ich mit ihr Schluss machen, wenn du es anordnest, aber doch nicht von heut auf morgen, Chef … Das wäre verdammt hart, das hätte ich nicht verdient.“

Es knackte leicht in dem unsichtbaren Lautsprecher.

Bully stand lauschend vorgebeugt. Sein Gesicht drückte eine Mischung aus Zweifel, Hoffnung, Angst, Unterwürfigkeit und Trotz aus.

Details

Seiten
126
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935448
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511580
Schlagworte
fall mike torringer killers grabgesang

Autor

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Titel: Ein Fall für Mike Torringer #9: Killers Grabgesang