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Der Wolf der Sierra Madre

2019 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Der Wolf der Sierra Madre

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Der Wolf der Sierra Madre

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild:

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

El Lobo, der Adjutant des selbsternannten Generals Alvarado, regiert die Sierra Madre mit brutaler Gewalt. Immer wieder lässt er junge Männer aus Dörfern wie San Juan entführen, um sie auf Alvarados sagenumwobener Bergfestung wie Sklaven arbeiten zu lassen. Der General soll dort einen Goldschatz im Wert von einer halben Million Dollar horten. Auf der Flucht vor seinem ehemaligen Freund Frank Stedloe verschlägt es den alternden Revolverhelden Lon Callahan nach San Juan, der keine Lust mehr hat, den Colt zu heben. Doch Callahan muss sich noch einmal seiner Vergangenheit stellen: Mit einer Bande goldgieriger Schießer wagt er sich in Alvarados Festung, um die Frau zu befreien, die er liebt. Sein Schicksal erfüllt sich in der letzten Begegnung mit dem Wolf der Sierra Madre

 

 

 

 

 

Roman:

Der große sehnige Mann lag wie ein angeschossener Wolf im dichten Gestrüpp. Der Schmerz brannte wie Feuer in seiner verletzten linken Schulter. Blut sickerte unter dem verrutschten Verband hervor und vermischte sich mit dem Schweiß, der sein Hemd am Körper festklebte. Seine Rechte umklammerte den schweren 45er-Colt, aber der Lauf der Waffe zitterte. Zwischen halbverdorrten Kreosot-, Mesquite- und Rotdornsträuchern staute sich erdrückende Hitze. Kugeln fetzten durchs Laubwerk. Die Abschüsse klangen wie wütend schmetternde Axthiebe.

„Es ist aus mit dir, Callahan!“, gellte Frank Stedloes hasserfüllte Stimme durch die flimmernde Luft. „Von hier kommst du nicht mehr lebend weg, das garantiere ich dir!“

Wieder raste ein Bleihagel in die graugrüne Buschmauer. Lon Callahan biss die Zähne zusammen und schob sich mühsam auf dem Bauch weiter. Dornen schlitzten sein Hemd auf, zerkratzten seine Arme, seinen Rücken. Sein hageres Gesicht war grau und schweißbedeckt. Verzweiflung glühte in seinen dunklen eingesunkenen Augen.

„Rechne dir keine Chance mehr aus, Coltfaust-Callahan!“, schrie Stedloe höhnisch. „Gleich kommst du bestimmt freiwillig vor unsere Schießeisen. Pass auf, du Hundesohn, was hältst du von ’nem kleinen Vorgeschmack aufs Höllenfeuer?“

Stedloes Lachen war wie ein Peitschenhieb. Coltfaust-Callahan! Wie lange war es her, dass viele Männer geschwitzt und gezittert hatten, wenn sie diesen Namen nur gehört hatten? Callahan verzog bitter den Mund. Jetzt besaß er nicht mal mehr ein Pferd, um zu fliehen, kein Gewehr, keine Munition, außer den sechs Patronen in seinem Frontier-Colt.

Ein Knistern und Knacken im Gesträuch riss seinen Kopf herum. Seine Augen weiteten sich. Rauchschleier tanzten über den Büschen. Rotgelbe Flammen züngelten zwischen den dichtbelaubten Zweigen, wuchsen zu einer unheimlich wabernden Wand zusammen, die prasselnd auf ihn zuraste.

Stedloes wildes Gelächter wirkte nun weiter entfernt. Irgendwie schaffte es Callahan, auf die Füße zu kommen. Sekundenlang drehte sich alles um ihn, aber er fing sich. Schwankend und stolpernd hastete er los. Zweige peitschten sein Gesicht. Sand knirschte unter seinen Stiefeln. Das dürre Gestrüpp brannte wie Zunder. Eine Walze aus Feuer und Rauch brauste hinter dem Flüchtenden heran. Callahan stürzte, raffte sich keuchend wieder auf, lief einige Schritte weiter und fiel abermals. Vor ihm lichtete sich das Dickicht. Dunkle vulkanische Felskegel ragten grotesk aus einer gelben Sandfläche. Zwischen ihnen warteten Stedloes Schießer.

Callahan sah sie wie Schemen in Abständen von zwanzig, dreißig Yard voneinander, geduckt lauernde Gestalten auf staubbedeckten Pferden. Der Stahl ihrer Revolver und Gewehre glänzte silbrig im Sonnenglast.

Callahan spürte sein Herz bis in die Kehle. Er kannte sie alle. Frank Stedloe hatte die fünf gefährlichsten Killer von Arizona zur Jagd auf ihn angeheuert, Kerle, deren Steckbriefe in fast jedem Sheriff's Office hingen.

Jube Mackenzie war der bullige ledergekleidete Mann mit dem schweren Sharps-Büffelgewehr, ein ehemaliger Skalpjäger. Frenchy Moreau, ein kleiner drahtiger Kanadafranzose, war als Kartenhai und Messerheld berüchtigt. Die nächsten waren Joe Griffin und Billy Brooker. Griffin, ein hagerer finsterer Zwei-Revolver-Mann, Brooker, jung, wild und unbeherrscht, bekannt dafür, dass er wegen jeder Kleinigkeit zum Colt griff. Der letzte Mann in Stedloes Killercrew hieß Jaroslav Kowalski, ein Pole, der nie einen Revolver, dafür aber ständig ein oder zwei Gewehre bei sich trug. Er gehörte zu den besten Scharfschützen im Südwesten. Sie alle hatten Coltfaust-Callahan zäh und verbissen über die Grenze zwischen Arizona und Mexiko bis zu den Ausläufern der Sierra Madre verfolgt.

Callahan duckte sich tief zwischen die Büsche. Rauch drang ihm in Mund und Nase. Funken fraßen sich in sein zerschlissenes Baumwollhemd. Die dumpf sausende Flammenwand dicht hinter ihm, vor sich die fünf gefährlichsten Schießer Arizonas – das also war das Ende. Schluss mit seiner Karriere als gefürchteter Revolvermarshal, Postkutschenbegleiter und Eisenbahnagent.

Ein Schimmer der alten tödlichen Entschlossenheit blitzte in seinen Augen auf. Er raffte sich auf. Mit dem Colt in der verkrampften, zitternden Faust trat er aus dem Dickicht.

„Hier, Mackenzie!“, rief er heiser den rauchumnebelten bulligen Reiter an, der vor ihm den Rand des Buschstreifens bewachte.

Jube Mackenzies schwerkalibriges Gewehr flog blitzschnell hoch und spuckte einen Feuerstrahl. Gleichzeitig schoss Callahan. Vor ein paar Jahren noch hätte dieser Schuss Mackenzies Todesurteil bedeutet. Jetzt fauchte die Kugel an dem ehemaligen Skalpjäger vorbei. Im Dröhnen der Detonationen wirbelte Callahan halb herum und stürzte schwer zu Boden.

Die Hufe von Mackenzies Pferd stampften los. Der massige ledergekleidete Mann stieß triumphierend sein Gewehr in die Luft. „Ich hab’ ihn! Sagt Stedloe Bescheid!“

Callahan lag auf dem Gesicht, den Colt in der angewinkelten Faust unterm Körper versteckt. Schmerzen und Blutverlust schwächten ihn, aber wenn es überhaupt noch eine Chance für ihn gab, dann musste sie jetzt kommen. Mackenzies Kugel hatte ihn um Haaresbreite verfehlt. Nun kam es darauf an, ob er noch immer die stählernen Nerven von einst besaß, die Kaltblütigkeit, mit der er es gegen die gefährlichste Übermacht aufgenommen hatte.

 

*

 

Er brauchte ein Pferd, Mackenzies Pferd! Denn Flucht war alles, was ihm jetzt noch blieb, ihm, der sonst nie vor einem Gegner davongelaufen war.

Er blieb reglos liegen, als das Pochen der Hufe dicht neben ihm verstummte. Sattelleder knirschte, Sporen klirrten. Mackenzie saß ab. „Na, Callahan, wo hat’s dich erwischt?“

Die raue Stimme passte zu dem derben, ungeschlachten Mann mit dem bartumwucherten Gesicht. Callahans Rechte schloss sich verstohlen fester um den Coltgriff. Seine Nerven vibrierten. Er hörte die anderen Reiter gemächlich näher kommen. Sie redeten miteinander. Billy Brooker lachte schrill. Jede Sekunde war jetzt wichtig, aber die geringste Voreiligkeit würde tödlich sein. Callahan war überzeugt, dass Mackenzies Sharps nach wie vor auf ihn deutete.

Ein Fußtritt traf ihn gegen die Rippen. Er biss die Zähne zusammen, um nicht zu stöhnen.

„Der ist erledigt!“, rief der junge Brooker. „Jube, du alter Indianerfresser, Worauf wartest du denn? Willst du dir nicht seinen Skalp nehmen, he?“

Gelächter erscholl. Über den ausgestreckten linken Arm sah Callahan Mackenzies Schatten auf der trockenen Erde neben sich. Dieser Schatten drehte sich nun den langsam herantrabenden Reitern zu. Mackenzie wollte etwas sagen, kam jedoch nicht mehr dazu. Denn Callahan warf sich herum. Er verbiss den jähen, wilden Schmerz in der verletzten Schulter und stieß beide Füße in Mackenzies Kniekehlen.

Frenchy Moreaus schriller Warnruf kam zu spät. Aufbrüllend stürzte der Skalpjäger zu Boden. Wie der Blitz war Callahan über ihm und schlug mit dem Coltlauf zu. Jetzt war er wieder der in die Enge getriebene Wolf, entschlossen, bis zum letzten Atemzug um sein Leben zu kämpfen.

Fluchend schwangen Moreau, Griffin, Brooker und Kowalski ihre Waffen hoch. Sie zögerten einen Augenblick, um Mackenzie nicht zu gefährden, Callahan federte hoch, stürzte zu Mackenzies grobknochigen Braunen und erwischte die Zügel, ehe das Pferd durchgehen konnte. Seine Faust mit dem Colt stieß über den leeren Sattel, jene einstmals so unheimlich schnelle, treffsichere Faust, die ihm vor Jahrzehnten zu seinem Kriegsnamen verholfen hatte.

Auf die Entfernung war Kowalski mit seinem modernen Marlin-Gewehr am gefährlichsten. Callahan feuerte einen Sekundenbruchteil, bevor die Mündungsflamme aus der Waffe des Polen zuckte. Kowalskis grauer Wallach brach nach vorne ein. Sein Reiter rollte über den Sand, ließ das Gewehr jedoch nicht los und schnellte katzenhaft wieder in die Höhe. Da saß Callahan bereits im Sattel. Sein 45er steckte in dem tiefhängenden Revolvermannholster. Mit harter Faust riss er Mackenzies großen, kräftigen Braunen herum.

Kugeln schwirrten wie Hornissen an ihm vorbei. Schreiend spornten Griffin, Brooker und Moreau ihre Gäule auf ihn zu. Von der Seite jagte Stedloe heran, ebenfalls die blitzende qualmende Waffe in der Faust. Er trug denselben eleganten grauen Tuchanzug und dazu den teuren weißen Stetson wie vor vier Tagen, als ihn Lon Callahan auf der verlassenen kleinen Ranch am Rand der Gilawüste gestellt hatte. Und wie damals war Stedloes schmales, gutgeschnittenes Gesicht mit den blauen Augen von grenzenlosem Hass verzerrt.

„Knallt ihn nieder! Lasst ihn nicht entkommen! Fünfhundert Dollar dem, der ihm die Kugel gibt!“

Die Jahre als Revolvermann, der sein Geld immer dort verdiente, wo es am heißesten zuging, hatten Coltfaust-Callahan nicht nur gestählt, sondern ihm auch eine Menge Erfahrung beigebracht. Oft genug hatte er sein Leben nur gerettet, indem er genau das tat, was seine Feinde am wenigsten erwarteten. Danach handelte er auch jetzt. Es sah verrückt aus, wie er den Braunen geradewegs auf die knisternde Flammenwand zutrieb, die den Rand der Büsche erreicht hatte und langsam zusammensank.

Der Gaul wollte seitwärts ausbrechen, aber Callahan hielt ihn mit gestrafften Zügeln und hartem Schenkeldruck unter Kontrolle. Wiehernd sprang das Tier in den wabernden, durchsichtigen Todesvorhang hinein. Der Mann im Sattel hielt den Atem an, presste einen Arm schützend vors schweißnasse Gesicht. Es war, als würde ihn der feurige Rachen der Hölle verschlingen.

Hart setzten die Hufe auf. Asche wirbelte hoch. Der sengende Feuerhauch ließ nach, und als Callahan durchatmete, strömte frische Luft in seine Lungen. Mit bloßer Hand schlug er die Funken aus, die sich an seiner Kleidung und am Fell des Braunen festgesetzt hatten. Seine Haare und die Pferdemähne waren angesengt. Das Tier rannte in wilder Flucht weiter über den aschebedeckten Boden. Von den Sträuchern waren nur noch verkohlte Skelette übrig. Da und dort züngelten noch Flämmchen, aber sie waren keine Gefahr mehr für Mann und Pferd. Matt drang das Wutgeschrei der Verfolger durch das dumpfe Trommeln der Hufe.

Callahan hatte seine letzte Kraft und Energie geopfert. Jetzt packte ihn die Erschöpfung. Der Schmerz in der durchschossenen Schulter drohte ihn vom Pferd zu werfen. Die Zügel entglitten ihm. Er sank nach vorn und klammerte sich verzweifelt am steilen Horn des Texassattels fest. Sein linker Arm baumelte wie ein nutzloses Anhängsel herab. Blut tropfte von seinen Fingern.

Vor die blau herüberschimmernden Flanken des mexikanischen Gebirgszuges senkten sich dunkle Schleier. Aus ihnen grinste ihn wieder Frank Stedloes höhnisches Gesicht an. Er glaubte, wieder das Krachen der Schüsse zu hören, die vor vier Tagen auf der verlassenen Ranch gefallen waren. Sie hatten das Ende einer berühmt-berüchtigten Revolvermannlaufbahn eingeleitet …

 

*

 

Der Sand, den der heiße Wind seit Tagen aus der Gilawüste herübertrug, hatte die morschen Ranchhütten wie mit einem grauen Tuch überzogen. Sandwehen türmten sich an den rissigen Bretterwänden, bedeckten die niedergerissenen Korralpfosten und hatten sich durch das offene Tor in die alte, baufällige Scheune hineingeschoben. Nur noch da und dort lugten die Spitzen dürrer Grashalme aus. diesem Sand hervor, den der Wind in immer neuen Wolken über die niedrigen kahlen Hügel brachte. Ein stetes Raunen und Klagen erfüllte die Luft. Die Sonne war nur noch ein blasser Fleck, der manchmal gänzlich von den treibenden Staub und Sandschleiern verdeckt wurde.

Lon Callahan ritt wie ein Gespenst aus den brodelnden grauen Schwaden heraus, eine dunkle verlorene Gestalt in der Weite des öden, winddurchbrausten Landes. Er zügelte sein Pferd mitten auf dem Hof der verlassenen Ranch und schwang sich geschmeidig aus dem Sattel. Ein dünner langer Staubmantel umflatterte seine hagere Gestalt. Mit ruhiger Hand schob er den Mantel hinter den rotbraunen Walnussholzkolben seines tiefgeschnallten 45er-Colts. Es war eine Bewegung, die Callahans ganze unbeirrbare, tödliche Entschlossenheit verriet. Seine kalt funkelnden Augen waren unter der breiten Krempe des Stetsons verborgen, den ein straffer Kinnriemen festhielt. Callahan starrte auf die Front des Haupthauses mit den gezackten Scherbenresten in den dunkel gähnenden Fensterhöhlen und der hin und her schwingenden, leise knarrenden Tür.

„Komm raus, Stedloe! Ich weiß, dass du hier bist. Ich gebe dir zwei Minuten, dann hole ich dich!“

Seine Stimme klang wie immer, wenn er sich einem Gegner stellte und wusste, dass er gleich kämpfen musste: kalt, unpersönlich, ohne den leisesten Anflug einer Erregung. Er stand breitbeinig und hoch aufgerichtet da, die Hand an der Waffe, als könnte ihm keine aus der Deckung heraus abgefeuerte Kugel etwas anhaben.

Sekunden vertropften. Der Wind heulte und jammerte, zerrte an Callahans Mantel und peitschte düstere Sandfahnen von den Hügeln herab. Nach einer Minute hörte die Hüttentür auf zu knarren. Eine schlanke Hand hielt sie fest. Der Mann war zuerst nur ein verschwommener Schatten im Halbdunkel des Gebäudes, dann trat er unter das schiefe löchrige Vordach. Sand knirschte unter seinen Stiefeln.

„Hey, Callahan, da bist du ja endlich! Ich wusste, dass du kommen würdest. Ich habe dich bereits vorgestern auf meiner Spur gesehen. Lange her, dass wir uns gesehen haben, was?“

Stedloe lächelte spöttisch, aber dieses Lächeln war eine Waffe, die wirkungslos an Callahans versteinerter Gestalt abprallte. Mit seinem maßgeschneiderten grauen Tuchanzug und dem blütenweißen Dreißig-Dollar-Stetson , wirkte Frank Stedloe an diesem trostlosen, verlassenen Ort wie ein Fremdkörper. Das Revolverholster des hochgewachsenen schlanken Mannes war mit dünnen Lederschnüren an seinem Oberschenkel festgebunden. Die Mündung der Waffe lugte unten aus dem eingefetteten Leder hervor. Auf Stedloes linker Schulter lasteten pralle Satteltaschen.

„Ich will dich nicht töten, Stedloe“, sagte Callahan hart und unbeweglich. „Ich will nur das Geld.“

„Wie großzügig!“, höhnte der schlanke Mann unterm Vordach. „Der Haken ist nur, dass du das eine ohne das andere nicht erreichen wirst. Callahan, du kennst mich doch! Du weißt, dass ich ein Leben lang davon geträumt habe, einmal ein reicher Mann zu sein. Well, jetzt bin ich es.“ Er klopfte grinsend auf die prallen staubbedeckten Ledertaschen. „Fünfzigtausend Bucks! Erinnerst du dich, Callahan, wie oft wir uns ausgemalt haben, was wir mit so ’nem Haufen Zaster anfangen würden?“

„Du wirst gar nichts damit anfangen. Ich werde das Geld der Silverstar Mining Company zurückbringen.“

Frank Stedloes Grinsen erlosch. Ein wildes Brennen war plötzlich in seinen blauen Augen. „Du bist ja verrückt, Callahan! Zum Teufel, wie lange ist es denn her, dass du zum letzten Mal deinen Colt auf einen Gegner gerichtet hast, he? Drei Jahre? Vier, fünf? Du hast verdammt lange nichts mehr von dir hören lassen, Coltfaust-Callahan! Und warum? Weil du alt geworden bist, Muchacho! Weil du längst nicht mehr so schnell wie früher bist!“

„Für dich reicht es noch immer!“

„Meinst du?“ Stedloe lachte schrill auf. „Du armer Narr, du ahnst nicht, wie wild ich mit dem Schießeisen geübt habe, seit wir damals Seite an Seite droben in Denver die Sanderson-Brüder aufs Kreuz gelegt haben! Ich bin ein gutes Stück besser geworden seit damals, und wenn du zurückdenkst, musst du zugeben, dass ich schon damals verflucht fix mit der Kanone war. Als ich mich schließlich dazu entschloss, den Lohngeldtransport der Silverstar Company hochzunehmen, da wusste ich, wen ich auf der Fährte haben würde, nämlich dich. Damals, bevor du in der Versenkung verschwunden bist, hast du doch für die Kerle von den Silberminen gearbeitet, nicht wahr? Du hast sogar dem Oberboss mal das Leben gerettet. Das war Grund genug für ihn, dir noch mal ’ne Chance auf einen Job zu geben – sicherlich dein letzter. Schlimm, wenn man es versäumt hat, rechtzeitig was auf die hohe Kante zu legen, wie ich es tue. Schlimm, wenn man auf seine alten Tage noch auf einem so heißen Trail reiten muss, was?“ Jedes Wort war wie ein Nadelstich. Doch der große Revolvermann, dessen dunkles volles Haar von dichten grauen Strähnen durchzogen war, zuckte ruhig die Schultern.

„Schlimm für dich, Stedloe, wenn du mir nicht sofort die fünfzigtausend Bucks auslieferst!“

„Du kannst es wohl einfach nicht lassen, den alten Coltfaust-Callahan herauszukehren, he?“, spottete der Bandit. „Für wie viel riskierst du denn diesmal wieder dein Leben? Fünfhundert? Tausend?“

„Ich bekomme genug, um mir dafür eine kleine Ranch zu kaufen und den Colt endlich ein für allemal an den Nagel zu hängen.“

„Ach, so ist das! Die letzte große Chance zum Absprung, was?“ Stedloe lachte wieder. „Mit großartigen Versprechungen sind diese Burschen ja immer schnell zur Hand, egal, ob sie nun ein Dutzend Silberminen, eine Eisenbahnlinie oder ein Rinderreich regieren! In Wahrheit haben Sie dich längst abgeschrieben, Callahan. Oder sie hoffen darauf, dass wir uns gegenseitig über den Haufen knallen. Es ist doch immer wieder das alte Lied. Für ein paar lumpige Kröten sollst du ihnen die Kastanien aus dem Feuer holen. Was ist auch schon ’ne lausige Kleinranch gegen fünfzigtausend Piepen! Nein, Callahan, ich habe es jedenfalls satt, mir auf diese Tour mein Brot zu verdienen. So kommt unsereins ja doch nie zur Ruhe. Hör zu, Muchacho, ich hab’ ein besseres Geschäft für dich. Pfeif auf deinen Job! Komm mit nach Mexiko, alter Junge! Zehntausend Dollar dafür!“

Callahans schmale Lippen deuteten ein grimmiges Lächeln an. „Angst, Stedloe?“

„Pah!“, schnaubte der Bandit wütend. „Wenn hier einer Angst haben sollte, dann bist du es, du Narr! Ich werde …“

 

*

Seine Rechte bewegte sich blitzschnell, schraubte sich um den Kolben des tiefhängenden Revolvers und flog mit der Waffe hoch. Sein Finger krümmte sich am Abzug – und erstarrte. Callahans Coltmündung war hinter dem schleiernden Staub auf ihn gerichtet.

„Vielleicht hattest du vorhin recht, Stedloe“, sagte der dunkelhaarige Revolvermann schwer. „Vielleicht werden wir uns tatsächlich gegenseitig in die Hölle befördern. Es liegt bei dir.“

Stedloes glattes, gutgeschnittenes Gesicht schien plötzlich Risse und Sprünge zu bekommen. Hass und Erschrecken flackerten in seinen aufgerissenen Augen. Er starrte Callahan über den matt blinkenden Revolverlauf an.

„Sei nicht verrückt, Lon! Wir können uns noch immer einigen. Ich erhöhe mein Angebot auf fünfzehntausend.“

„Fünfzehntausend Dollar dafür, zum Verräter und Banditen zu werden? Nein, Stedloe, ich will nur, was mir zusteht. Ich bringe entweder das ganze Gold nach Tombstone zurück – oder wir gehen hier beide drauf.“

Die Linien in Stedloes verkrampftem Gesicht zuckten. Schweiß perlte auf seiner Stirn. „Du Mistkerl bluffst ja nur!“

„Das kannst du sehr leicht herausfinden. Du brauchst nur abzudrücken.“ Stedloe atmete heftig. Langsam sank seine Waffe herab. Er trat unter dem Vordach hervor in den wirbelnden Sand. „Du freust dich zu früh, Callahan! Du hast nicht …“

„Bleib stehen, Stedloe! Wirf deinen Revolver weg!“

„Callahan, ich …“

Ein Feuerstrahl peitschte aus Callahans Frontier-Colt. Die Kugel hieb auf Kopfhöhe mit Stedloe in einen morschen Stützpfeiler. „Tu, was ich dir sage, Bandit!“

Zähneknirschend schleuderte Frank Stedloe seinen Revolver weg. „Ich schwöre dir, Callahan, das bereust du noch!“

„Und jetzt die Satteltaschen mit dem Geld!“, forderte der Revolvermann hart. „Wirf sie zu mir herüber!“

Stedloe blickte gebannt auf die langläufige Waffe in Callahans Faust, schluckte und fuhr sich mit dem Ärmel übers Gesicht. „Ich hoffe, du erstickst daran!“

Schwungvoll warf er die Ledertaschen zu Callahan herüber. Sie landeten mit dumpfem Klatschen vor Callahans Stiefelspitzen. Noch immer bewegte sich kein Muskel in Callahans verwittertem, hagerem Gesicht. „Geh an die Wand zurück, Stedloe!“

Der Verbrecher gehorchte. Mit flackernden Augen beobachtete er, wie Callahan sich auf ein Knie niederließ und die linke Hand nach den geldgefüllten Satteltaschen ausstreckte, während der Colt unverwandt auf ihn deutete.

 

*

Zwei Schüsse krachten gleichzeitig. Das an und abschwellende Raunen des Wüstenwindes war für etliche Sekunden wie ausgelöscht. Callahan wurde wie von einem unsichtbaren Lasso herumgerissen. Er schlug neben den prall vollen Ledertaschen schwer in den Sand, rollte jedoch sofort herum und zielte im Liegen auf eine staubvernebelte Gebäudeecke, hinter der ein neuer Mündungsblitz hervorglühte. Der Schuss ging wie ein Peitschenhieb an Callahans Gesicht vorbei. Sein 45er bäumte sich dröhnend in seiner Faust, der Pulverdampf wurde im Nu vom Wind mitgerissen. Eine Gestalt trat hinter der Hütte hervor, sank auf die Knie und fiel langsam vornüber.

Callahan schwang seine Waffe auf das Wohnhaus herum, aber Stedloe war verschwunden. Seine vor Hass überkippende Stimme kam aus der offenen dunklen Tür. „Macht ihn fertig, Jungs! Schießt ihn zusammen!“

Schatten huschten in den treibenden Staubschwaden. Lon Callahan feuerte abermals, doch jetzt bebte seine Faust. In seiner linken Schulter stach es wie mit glühenden Messern. Der Schmerz presste ihn zu Boden, trieb ihm den Schweiß aus allen Poren, zauberte ihm feurige Kreise vor die Augen. Ein warmes, klebriges Rinnen war auf seiner Haut: Blut. Callahan biss die Zähne zusammen und zog mühsam, Zoll für Zoll, die geldgefüllten Ledertaschen zu sich heran. Kugeln bohrten sich neben ihn in den Sand. Der heiße Wind jagte ihm nadelspitze Sandkristalle ins vor Anstrengung verzerrte Gesicht.

Aus der halbverfallenen Ranchhütte gellte Stedloes wildes Triumphgelächter, genauso, wie es Callahan vier Tage später und viele Meilen weiter südlich in Mexiko hören sollte. „He, Coltfaust, ich hab’ dir doch gesagt, dass du es nicht schaffst! Glaubst du wirklich, ich hätte dir auch nur einen Dollar hingeblättert? Niemals! Ich wollte dich nur hinhalten, du Bastard, und das ist mir ja glänzend gelungen. Du bist alt geworden, Callahan! Früher wäre dir das nicht passiert!“

Der Wind verzerrte Stedloes erneutes Lachen, riss es mit sich fort, erstickte es in dumpfem Gebraus. Die wirbelnden grauen Schleier waren Callahans einziger Schutz. Noch wagten sich Stedloes Kumpane nicht näher an ihn heran. Noch schlichen sie wie Wölfe um den sandbedeckten Ranchhof herum. Callahans einstmals gefürchteter Kämpfername hatte noch immer seine Wirkung auf diese Halunken! Der große hartgesichtige Revolvermann richtete sich mühsam auf die Knie. Der Wind hatte seinen Hut fortgewirbelt, sein langes, strähniges Haar flatterte. Mündungsfeuer blitzten bei der Scheune. Eine Kugel durchlöcherte Callahans aufgebauschten Staubmantel.

Stedloe schrie: „Zum Teufel, geht doch endlich mal richtig an ihn ran! Wovor habt ihr denn Angst, ihr Narren? Vor seinem Namen? Dass ich nicht lache! Coltfaust-Callahan gibt es nicht mehr. Seht ihr denn nicht, dass er kaum noch sein Schießeisen halten kann? He, Callahan, du wirst den Traum von ’ner eigenen kleinen Ranch endgültig begraben müssen. Denn hier ist Endstation für dich. Ich war hier mit meinen Freunden verabredet, die mich nach Mexiko begleiten werden, als Schutztruppe sozusagen. Sie sind gerade noch zur rechten Zeit gekommen. Dein Pech, alter Junge!“

Callahan jagte einen Schuss gegen die Hüttenfront, obwohl er wusste, dass die Kugel verschwendet war. Aber er konnte Stedloes höhnische, siegesgewisse Stimme nicht mehr hören. Verzweiflung erfüllte ihn. Sein linker Arm hing taub und kraftlos herab, und mit dem Blut schien langsam alle Energie aus ihm zu verströmen. War er wirklich zu alt für diesen gefährlichen Job geworden? Eins war ihm klar: Auch wenn er es schaffte, hier lebend fortzukommen, würde er das Geld nicht mehr nach Tombstone durchbringen. Jetzt ging es nur noch um seinen Skalp. Die fünfzigtausend Dollar waren jetzt schon so gut

wie verloren. Zum ersten Mal hatte Coltfaust-Callahan versagt.

Mit einem brennenden Blick schätzte er die Entfernung zu seinem Pferd, das als großer verwischter Schatten im heulenden Wind stand. Und da waren noch andere Schatten. Sie bewegten sich auf ihn zu. Die Umrisse geduckter Männer mit Colts in den Fäusten wurden daraus. Sie waren zu dritt. Ihre Waffen zielten auf ihn. In weit auseinandergezogener Linie kamen sie heran.

„Her mit dem Zaster, Callahan!“, rief eine von Gier angeraute Stimme.

Taumelnd fuhr Callahan hoch, zerrte die Verschlüsse der Satteltaschen auf, und sofort packte der Wind wie mit Geisterfingern hinein. Geldscheine wirbelten durch die Luft. Ein wilder Schrei aus mehreren Kehlen ertönte. Feuerlanzen rasten über den Hof! Aber die Halunken waren durch die davonwehenden Dollarnoten abgelenkt, ihre Kugeln pfiffen an Callahan vorbei.

Callahan schoss, hörte den Aufschrei eines Verwundeten, warf sich herum und rannte zu seinem Gaul. Dabei schüttelte er den Rest des Geldes aus den Satteltaschen und schleuderte diese schließlich in hohem Bogen von sich. Der Wind riss die zusammengeknäulten Scheine auseinander, trieb sie hoch in die Luft, peitschte sie wie Blätter eines seltsamen Baumes vor sich her.

Stedloes Kumpane brüllten und tobten, hüpften wie die Irren herum und versuchten, so viele Scheine wie nur möglich zu grapschen. Stedloe stürzte kreidebleich, mit hervorquellenden Augen aus der Hütte. Der Wind schleuderte ihm wie zum Hohn mehrere Geldscheine ins verzerrte Gesicht.

„Nein!“, kreischte der Bandit. „Nein, das darf nicht wahr sein! Callahan, du Teufel, das bezahlst du mir! Dafür werde ich dich bis ans Ende der Welt jagen und nicht eher ruhen, als bis du tot vor meinen Füßen liegst!“

Fünfzigtausend Dollar flatterten wie welkes Laub über die verfallene Ranch in die kahlen Hügel hinein. Callahan hatte sich keuchend und schmerzgepeinigt aufs Pferd geschwungen. Er war zu mitgenommen, um jetzt noch einen Funken Genugtuung zu empfinden. Er kannte Frank Stedloe. Er wusste, der Verbrecher würde alles Geld, das er jetzt noch erwischte, opfern, um ihn zur Strecke zu bringen. Callahan hatte nicht mehr die Kraft, einen gezielten Schuss abzufeuern. Er schob den 45er in das Holster, zog sein Pferd herum und trieb es mit müden Hackenschlägen in die Sandwolken hinein.

Zwei Tage später, als er mit notdürftig verbundener Schulter, wie ein Betrunkener im Sattel schwankend, die mexikanische Grenze überquerte, entdeckte er die Verfolger auf seiner Spur: sechs Mann. An der Spitze Stedloe, hinter ihm die fünf gefährlichsten Schießer, die er in aller Eile in der Umgebung von Tombstone aufgetrieben hatte. Von da an konnte Callahan sie nicht mehr abschütteln, bis zu dem Tag, an dem sie das Pferd unter ihm zusammenschossen und ihn in das brennende Dickicht hetzten …

 

*

Der hagere staubbedeckte Mann lag, wie von einem Schuss hingeworfen, auf den glühenden Steinen. Geier flatterten krächzend neben ihm auf, als er langsam den Kopf hob. Einen Moment schloss er, vom grellen Sonnenlicht geblendet, die Augen. Dann spürte er wieder den heftigen Schmerz in der Schulter. Die Erinnerung kehrte in blitzartig aufzuckenden Bildern zurück: die heranrasende tödliche Feuerwand, Jube Mackenzies bartumwuchertes Gesicht am Kolben der schussbereiten Sharps, die qualmumnebelten Gestalten von Stedloes Killertruppe, der verzweifelte Sprung durchs Feuer.

Ächzend stemmte Callahan seinen Oberkörper hoch. Ringsum türmten sich steile, rötlich schimmernde Felswände. Die Sonne loderte wie eine riesige weiße Brandfackel am wolkenlosen Firmament. Kein Lufthauch regte sich. Die Hitze war wie ein unsichtbarer glühender Bleipanzer. Mackenzies Brauner war fort. Die einzigen Lebewesen weit und breit waren die Geier, die sich so hoch hinaufgeschraubt hatten, dass sie nun wie verkohlte Papierfetzen über den Felsen schaukelten. Callahan schluckte würgend. Er fühlte sich verloren und verdammt, gefangen in einem riesigen steinernen Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg mehr gab.

Er war in die Sierra geflohen. Er hatte gehofft, auf dem steinigen Boden endlich seine Spur zu verwischen. Die letzten Meilen hatte er nur noch wie in Trance im Sattel durchgehalten. Er wusste nicht, wie lange es her war, dass er vom Pferd gekippt war. Minuten? Stunden? Seine Rechte tastete zittrig nach der lederüberzogenen Wasserflasche, die neben ihm im Sand lag. Sie war leer, der Verschluss offen, der letzte Tropfen Feuchtigkeit längst im Boden versickert. Callahans Kehle war ausgedörrt, sein ausgebrannter, noch immer zäher Körper lechzte nach Flüssigkeit.

Die Sonne stach wie mit Feuerspeeren auf ihn herab. Er kroch unter einen schattigen Felsvorsprung. Einige Sekunden lang hatte er den Wunsch, einfach liegenzubleiben und alles zu vergessen. Aber der alte, zähe Wille, niemals aufzugeben, war in ihm verwurzelt. Er trieb ihn hoch. Sekundenlang drehte sich alles um ihn, die Felsmauern schienen auf ihn herabzustürzen. Aber Callahan stand, überwand seine Schwäche und blieb auf den Beinen, auch wenn seine Kniekehlen weich wie Gummi waren.

Stedloes Killer suchten sicherlich noch immer nach ihm. Sie sollten ihn nicht als jämmerliches, hilfloses Wrack finden! Ein Funken des alten Stolzes war noch immer in Coltfaust-Callahan lebendig. Irgendwo musste es doch in dieser Wildnis eine Quelle, einen Tümpel geben, irgendwo ein einsames Mexikanerdorf, wo er Unterschlupf und vielleicht sogar ein Pferd finden konnte.

„Verdammt noch mal, ich muss es schaffen!“, murmelte der große schwankende Mann rissig. „Ich werde nicht auf diese erbärmliche Art vor die Hunde gehen!“

Nach zwei Meilen konnte er nicht mehr. Er hatte das Gefühl, die zehnfache Strecke zurückgelegt zu haben und dabei immer nur im Kreis gelaufen zu sein. Ein trockenes Schluchzen kam aus seiner Kehle, als er an einer rissigen Felswand niederrutschte. Wie hatte Stedloe damals gehöhnt? „Coltfaust Callahan gibt es nicht mehr!“ – Der Verwundete schloss die Augen. Seine Zähne knirschten aufeinander. Er war verrückt gewesen, als er geglaubt hatte, seine Zukunft auf einen schnellen Colt auf bauen zu können! Verrückt genug, für lumpiges Geld anderer Leute Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Callahan schüttelte den Kopf. Zu spät …

Raue Stimmen drangen zu ihm, ein Pferd wieherte. Callahan erstarrte. Stedloe! schoss es ihm durch den Kopf. Er griff zum verrutschten Holster. Der Colt war noch da, vier Patronen in den Kammern der Trommel. Ein bitteres Grinsen zerrte an Callahans Mundwinkeln. Stedloe würde leichtes Spiel mit ihm haben. Callahan lauschte gespannt. Die Geräusche näherten sich nicht. Ein hartes Auflachen wehte zu ihm her, ein Mann rief etwas auf Mexikanisch. Das waren nicht Stedloe und seine Schießer!

Nochmals zog sich der Verwundete an einer Felskante hoch. Nochmals zwang er sich, Fuß vor Fuß zu setzen, vorsichtig, den langläufigen Frontier-Colt in der verkrampften Faust. Die Stimmen wurden lauter. Rauch kräuselte zwischen den schartigen Felsen hoch. Die letzte Strecke legte Callahan auf dem Bauch zurück.

Er war in Schweiß gebadet. Vorsichtig bog er die Zweige eines Manzanitabusches auseinander. Das erste was er sah, waren die Pferde mit den schweren mexikanischen Bocksätteln, hinter denen pralle Wasserschläuche festgeschnallt waren. Kräftige hochbeinige Tiere mit schlanken Fesseln! Ihr Anblick war wie eine Verheißung für den ausgepumpten, verwundeten Mann. Beim genaueren Hinsehen stellte er fest, dass sie alle das Brandzeichen der US-Army trugen. Mitten in der trostlosen Einsamkeit der Sierra Madre, weit weg von jedem Stützpunkt der US-Kavallerie, bedeutete dies nur eins: Die Tiere waren irgendwann mal gestohlen worden.

Callahans Blick wanderte von ihnen zu den Männern, die um ein niedriges Feuer hockten und eine Hammelkeule am Bratspieß drehten. Sie waren zu fünft, zerlumpte, braunhäutige, gefährlich aussehende Kerle mit wagenradgroßen Strohsombreros. Patronenschwere Gurte kreuzten sich über ihren Oberkörpern, großkalibrige Revolver und Messer baumelten an ihren Hüften.

Neben jedem lag ein griffbereites Gewehr.

 

*

 

Callahan wusste sofort Bescheid. Bandoleros! Ehemalige versprengte Rebellen, die sich zu Banden zusammengeschlossen hatten, die Bewohner dieses einsamen Landstrichs terrorisierten und gelegentlich auch Raubzüge über die Grenze nach Arizona und New Mexico unternahmen. Sie schwatzen und lachten miteinander. Callahan ließ sich nicht davon täuschen. Jeder dieser Kerle war wie pures Gift. Für die Handvoll Dollar, die Callahan noch in der Tasche hatte, würde ihm jeder dieser Halunken ohne Wimpernzucken die Kehle durchschneiden.

Ein Stück abseits lag eine zu einem Bündel verschnürte schlanke Gestalt, ein etwa achtzehn oder neunzehnjähriger Mexikaner in der ärmlichen Kleidung eines Dörflers. Er trug Bastsandalen an den nackten Füßen. Das rabenschwarze Haar hing ihm ins schlägegezeichnete schmale Gesicht. Einer von den Kerlen am Feuer stand auf, schlenderte zu ihm hinüber und versetzte ihm gleichgültig ein paar Fußtritte, so als hätte er gerade nichts Besseres zu tun. Dann kehrte er zu seinen Kumpanen zurück, spuckte ins Feuer und knurrte missmutig: „Wie lange dauert das denn noch, bis ich was zwischen die Zähne kriege? Ich bin verdammt hungrig.“

Callahan wartete nicht mehr. Er kannte sein Risiko, aber er wusste auch, dass er nur noch eine Chance besaß, wenn er Wasser und ein tüchtiges, ausgeruhtes Pferd bekam. Er richtete sich auf. Mit dem Colt in der Faust trat er hinter dem Busch hervor.

„Buenas dias, Senores!“

Sie schnellten, wie von Skorpionen gestochen, hoch. Ihre braunen nervigen Fäuste zuckten zu Messer und Revolvergriffen.

„Das würde ich lieber nicht versuchen“, warnte Callahan in gepresstem fehlerfreiem Mexikanisch. „Ich bin ein friedlicher Hombre, aber nur, solange mir keiner an den Kragen will.“

Er sah aus, wie von der Hölle ausgespien, hohlwangig, stoppelbärtig, mit tiefliegenden, fiebrig flackernden Augen. Seine Kleidung war verrußt, verdreckt, verschlissen. Nur der Stahl seines Colts schimmerte wie blank poliert. Der Metallhahn knackte unter seinem Daumen.

Die Mexikaner ließen ihre Fäuste sinken. Sie standen geduckt wie sprungbereite Raubtiere da. Ihre schwarzen Augen glühten. Augen, denen nicht entging, wie angeschlagen Coltfaust-Callahan war, wie mühsam er sich auf den Beinen hielt. Über das verkniffene dunkle Gesicht des Kerls, der den Gefangenen getreten hatte, huschte ein hinterhältiges Grinsen.

„Seit wann ist es Sitte bei euch Gringos, sich mit dem Schießeisen in der Faust zu einem Besuch anzumelden? Setz dich, Compadre, du siehst hungrig und durstig aus. Nur keine Sorge, wir gehören nicht zu den Leuten, die viele Fragen stellen.“ Er lachte gekünstelt.

Callahan schnurrte: „Ihr könnt fragen, so viel ihr wollt. Ihr werdet ja doch keine Antwort bekommen. Haltet bloß eure Pfoten still, sonst knallt es!“

Die Augen des Mexikaners blitzten gefährlich. Sein Lächeln war falsch wie eine Fünfzehndollarmünze. „Du bist ziemlich nervös, Gringo. Was ist los mit dir? Was willst du?“

„Ein Pferd, Wasser, Proviant …“ Gerade noch verbiss sich Callahan die Bemerkung, dass er auch Munition für seinen Colt brauchte. Das würde diese Banditen nur auf dumme Gedanken bringen!

Der Anführer des gefährlichen Rudels musterte ihn abschätzend. „Hast du Geld?“

„Ich habe einen Colt“, brummte Callahan. „Mehr ist nicht nötig. Ich wette, ihr habt sowieso keinen Peso für diese Gäule bezahlt. Ich nehme den Falben da drüben. Bring ihn her!“

Das aufreizend lässige Grinsen des Bandoleros versickerte. Er stieß wie ein Geier seinen Kopf vor. „Verschwinde, Gringo!“, fauchte er. „Sonst werden wir dich töten!“

„Ich werde verschwinden, wenn ich das Pferd habe. Pronto, bring es her, sonst jage ich dir eine Kugel in den Bauch, Muchacho!“ Das war die einzige Sprache, die diese Halunken verstanden. Sie fluchten zwar, aber ihr drahtiger dunkelgesichtiger Anführer setzte sich zähneknirschend in Bewegung.

Nach ein paar Schritten blieb er stehen. Das tückische Lächeln geisterte wieder um seine Lippen. „Wir werden dich trotzdem töten, Gringo. Ich glaube nämlich nicht, dass du es überhaupt schaffst, in den Sattel zu kommen. Es hat dich schlimm erwischt, nicht wahr? Du hast kaum noch die Kraft, deinen Colt zu halten. Wir brauchen nur darauf zu warten, bis du umfällst. Das wird sicher nicht mehr lange dauern.“ Callahan spürte ein Kribbeln im Nacken. Sein Magen war wie ein Bleiklumpen! Der Schuft hatte recht! Aber um keinen Preis der Welt hätte sich Callahan jetzt anmerken lassen, wie flau ihm zumute war. „Freu dich nicht zu früh, du Lump!“, schimpfte er. „Tu endlich, was ich dir sage! Ich verliere allmählich die Geduld.“

„Wie du willst, Gringo. Aber bald wirst du noch eine Menge mehr verlieren.“ Der Bandit lachte dreckig, band den Falben los, den Callahan sofort als das beste Tier in der Remuda erkannt hatte, und führte ihn auf den Lagerplatz. Mit einer übertriebenen höhnischen Verbeugung wich er zur Seite. „Bitte sehr, Senor, bedienen Sie sich.“ Jetzt lachten auch seine Companeros.

Der 45er ruhte schwer wie Blei in Callahans Faust. Er sah die hämischen, lauernden Gesichter der Bandoleros wie hinter einer Wand aus ungeschliffenem Glas. Während sie ihn starr beobachteten, tasteten ihre Hände verstohlen zu den Waffen. Die hitzegesättigte Stille sirrte in Callahans Ohren. Nur das Feuer knisterte leise. Die Hammelkeule begann anzubrennen.

Mit schleppenden Schritten erreichte der Revolvermann das Pferd. Er musste sich an das Tier lehnen, denn die Beine drohten ihm wieder durchzuknicken. Schweiß strömte über seine sonnenverbrannten Wangen. Wie aus weiter Ferne hörte er das leise Lachen des Bandoleroanführers.

„Worauf wartest du, Gringo? Steig auf! Oder sollen wir dir dabei helfen, he?“

„Senor, befreien Sie mich!“, rief da der junge Gefangene, den Callahan ganz vergessen hatte. „Ich werde Ihnen helfen. Gemeinsam schaffen wir es. Ich verspreche Ihnen, Senor, ich bringe Sie in Sicherheit!“ Die Stimme klang beschwörend, wild und verzweifelt zugleich.

 

*

 

Callahan riskierte es nicht, die fünf Mexikaner auch nur einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen. Der Bandolerohäuptling spuckte aus. „Hör nicht auf ihn, Gringo. Er weiß nicht, was er redet. Er kann dir so wenig helfen, wie du dir selber.“

„Binde ihn los!“

Der drahtige Bandit mit dem dunklen Fuchsgesicht schüttelte verächtlich den Kopf. „Ein angeschossener Gringo und ein junger Dorfbursche, der nicht einmal weiß, wo bei einem Schießeisen vorn und hinten ist. Wirklich, ein großartiges Gespann! Halb Mexiko wird sich über euch totlachen!“

„Binde ihn los!“, wiederholte Callahan gereizt.

Der Fuchsgesichtige ließ sich Zeit. Immer wieder warf er einen gehässig funkelnden Blick auf den Mann beim Pferd. Als er bei dem Gefesselten niederkniete, griff er zum Messer.

„Nein!“, sagte Callahan scharf. „Losbinden, habe ich gesagt, nicht losschneiden!“

Der Halunke knirschte einen Fluch, gehorchte aber. Der schwarzhaarige schlanke Junge rollte rasch von ihm weg, sprang auf und rieb sich keuchend die wundgescheuerten Gelenke. „Gracias, Senor! Das werde ich Ihnen nie vergessen!“

„Wie heißt du?“, fragte Callahan rau.

„Antonio Perez …"

„Well, Antonio, schnapp dir ’nen Gaul und ’ne Waffe und pass auf diese Hundesöhne auf, bis ich im Sattel sitze.“

Der Junge lief wieselflink zu den Pferden und zog einen Karabiner aus dem Sattelfutteral. Die Art und Weise, wie er die Waffe anpackte, verriet, wie ungewohnt sie ihm war.

„Du musst das Ding durchladen!“, stieß Callahan rissig hervor. „Drück den Bügel nach unten! Ja, zum Teufel, so ist’s richtig! Und jetzt pass gut auf! Bei der geringsten verdächtigen Bewegung eines dieser Schurken feuerst du. Klar?“

„Si, Senor!“ Antonio nickte eifrig, aber seine Stimme klang nicht sehr überzeugt.

Die Bandoleros starrten Callahan wütend an. Der Fuchsgesichtige murmelte mit schmalen Lippen: „Ihr werdet bestimmt nicht weit kommen. Gringo, du weißt noch nicht, mit wem du es zu tun hast. Wir gehören zu General Alvarado!“

„Kenne ich nicht!“

„Du wirst ihn kennenlernen, Gringo, wenn du nicht gleich deinen Colt wegwirfst und allein verschwindest. Es gibt keinen mächtigeren, gefährlicheren Mann als ihn in diesem Teil der Sierra. Frag Perez! Der General hat ihn zum Tode verurteilt, nachdem Perez nicht mehr für ihn arbeiten wollte und floh. Dieser Narr! Als ob irgend jemand dem General entkommen könnte! Er wird dafür sorgen, dass auch du stirbst, Gringo, wenn du Perez jetzt zur Flucht verhilfst.“

„Ich pfeife auf deinen General, du Halsabschneider! Halt endlich die Klappe, sonst verschluckst du dich noch an einem Stück heißem Blei!“ Callahan musste seinen Frontier-Colt wegstecken, da er sich mit der wie abgestorbenen linken Hand nicht aufs Pferd ziehen konnte. Kaum hatte er die Füße vom Boden gehoben, da riskierte es einer von den Banditen, der vom Anführer halb verdeckt wurde.

Ein bläulich glänzender Revolverlauf sauste hoch. Antonio stieß einen Schrei aus. Sein Karabiner krachte, aber der junge Mexikaner hielt die Waffe nicht fest genug. Der harte Rückstoß verriss den Lauf, die Kugel schmetterte ins Campfeuer. Glutbrocken flogen nach allen Seiten. Callahan entging der tödlichen Kugel aus dem Revolver des Bandolero durch eine geistesgegenwärtige Körperdrehung. Während die Detonationen noch zwischen den Felsen und dürren Sträuchern grollten, feuerte er durch den Boden des blitzschnell nach vorn gedrehten Coltholster.

Es war ein Schuss wie in alten Zeiten. Der Bandit bekam die Kugel mitten in die Brust. Mit einem gurgelnden Aufschrei fiel er hintenüber. Seine Füße zuckten heftig, dann lag er still. Zwei, drei andere Mexikaner hatten ihre Revolver halb aus dem Leder, als Callahans Stimme wild über sie wegpeitschte.

„Nur zu, ihr verdammten Narren! Ich habe für jeden von euch noch eine Kugel!“

Jetzt war ihm nichts mehr von seiner Schwäche, seinen Schmerzen anzumerken. Für Sekunden war er wie verwandelt. Fluchend gaben die Halunken auf.

„Tut mir leid, Senor!“, krächzte Antonio verstört. „Ich …“

„Schon gut, mach es beim nächsten mal besser. Steig jetzt auf Es wird Zeit, dass wir verschwinden Ich hoffe, du kannst wenigstens reiten.“

„Nicht besonders, Senor“, antwortete Antonio kleinlaut. „Aber es wird reichen. Ich schaffe es schon.“

Der Fuchsgesichtige lachte höhnisch. Callahan verbiss eine Verwünschung. Da hatte er ja einen großartigen Helfer gefunden! Doch jetzt gab es kein Zurück mehr. Und wenn er beim nächsten Mal wieder vom Pferd kippte, würde wenigstens jemand da sein, der sich um ihn kümmerte und verhinderte, dass der Gaul auf und davon ging. Das war immerhin etwas – vorausgesetzt, General Alvarados wilde Krieger holten sie nicht vorher ein.

Callahan behielt den Finger am Abzug, bis er und Antonio den Rand des Lagerplatzes erreicht hatten. Gleichzeitig warfen sie ihre Pferde herum und preschten in einer Staubwolke davon. Wutgeschrei und Schüsse folgten ihnen. Callahan blickte nicht zurück. Er hatte genug damit zu tun, sich auf dem Pferd zu halten. Antonio jagte dicht an ihn heran und stützte ihn. Das wilde, zerklüftete Land nahm sie auf.

 

*

 

Mitten in der Nacht fuhr er junge Mexikaner hoch. Er lauschte einen Moment angespannt, dann streckte er die Hand nach Callahan aus. „Sie kommen, Senor! Sie haben im Mondlicht unsere Fährte wiedergefunden!“

Das hohle Pochen von Pferdehufen klang matt durch die sternenklare Sierranacht. Bleiches Mondlicht tropfte durch die dichtverästelten Pinienkronen auf den verborgenen Lagerplatz. Callahan war ein schwarzes regloses Bündel. Antonio Perez kniete rasch bei ihm nieder und rüttelte ihn aufgeregt.

„Senor Callahan, um Himmels willen, wachen Sie auf! Wir müssen weiter! Alvarados Männer kommen!“

Callahan rührte sich nicht. Seine Augen blieben geschlossen. Sein hageres Gesicht war fahl und schweißbedeckt. Nur seine flachen, unregelmäßigen Atemzüge verrieten, dass überhaupt noch Leben in ihm war. Verzweifelt starrte Antonio auf ihn hinab. Das Hufgetrappel in der Dunkelheit zwischen den mächtigen Felswänden wurde lauter. Antonio wischte sich fahrig mit dem Ärmel übers Gesicht, sprang auf und lief zu den Pferden. Die Tiere waren an einem schlanken Pinienstamm festgeleint. Der junge Mann brauchte jetzt nur den Sattelgurt seines Braunen festzuschnallen, das Pferd loszubinden und sich hinaufzuschwingen. Er zögerte, blickte wieder auf den bewusstlosen Revolvermann, der nun mitten in einer Bahn silbernen Mondscheins lag, und schüttelte den Kopf.

„Bei der Heiligen Mutter von Guadalupe, ich kann ihn nicht einfach hier liegen lassen!“, flüsterte er brüchig. Mit zitternden Händen öffnete er die Satteltasche und zog einen langläufigen Revolver heraus, der einem Bandolero gehört hatte. Fremd und klobig ruhte die Waffe in seiner Hand. Antonio starrte auf sie hinab und schluckte würgend. In seinem jungen Gesicht arbeitete es heftig.

Schließlich gab er sich einen Ruck und lief zu Callahan zurück. „Senor!“, rief er leise, mit einem verzweifelten Unterton.

Callahan drehte stöhnend den Kopf, wachte jedoch nicht auf. Der Wulst des frischen Verbandes, den ihm der junge Mexikaner nach ihrer halbwegs geglückten Flucht angelegt hatte, zeichnete sich deutlich unter seinem zerschlissenen Hemd ab. Antonio horchte wieder auf die näher kommenden Hufschläge, schaute sich gehetzt nach einer Deckung um und wusste einige Sekunden lang nicht, was er anfangen sollte. Er duckte sich, als das Hufgeklapper plötzlich nur etwa zweihundert Yard entfernt zwischen den Felsen verstummte.

„Madre de Dios, gib, dass sie vorbeireiten!“, murmelte er tonlos.

Die Stille war abgrundtief. Trotz der Nachtkühle lief der Schweiß in glitzernden Rinnsalen über Antonios mondbeschienenes braunes Gesicht. Eines der festgebundenen Pferde stieß plötzlich ein lautes, trompetendes Wiehern aus. Es wurde aus den tintenschwarzen, undurchsichtigen Schatten beantwortet.

Eine kehlige Männerstimme rief etwas, dann herrschte wieder Ruhe.

Antonio lief zum nächstbesten Baum, schob den Revolver in den Hosenbund und kletterte ins tief herabreichende Geäst hinauf. Piniennadeln zerstachen seine Arme. Er spürte nichts davon. Gleich darauf lag er wie eine geschmeidige, auf Beute lauernde Raubkatze in der Gabelung eines dicken Astes und wartete mit heftig klopfendem Herzen. Seine Rechte war um den glattgewetzten Revolverkolben gekrampft. Callahan lag wie ein ausgeworfener Köder nur wenige Yard von Antonios Baumversteck entfernt.

Zähflüssig versickerten die Minuten. Nichts rührte sich. Aber die beiden festgebundenen Pferde hatten die Köpfe gehoben und witterten in die Dunkelheit hinein. Ihre Ohren zuckten nervös. Antonio fuhr leicht zusammen, als der hohle, klagende Ruf eines Käuzchens zwischen den Felsen und Sträuchern erklang. Ein leises Rascheln war jetzt zu hören, dann ein flüchtiges Scharren im Sand.

Antonio starrte besorgt auf Callahan, der sich von einer Seite auf die andere wälzte und wieder stöhnte. Wenn jetzt plötzlich Schüsse aus der Dunkelheit rasten, konnte er nichts mehr für den großen fremden Mann aus dem Norden tun. Plötzlich entdeckte der junge Mann eine schemenhafte Bewegung am Rand des Lagerplatzes. Für den Bruchteil einer Sekunde brach sich ein Strahl Mondlicht auf blankem Stahl. Antonios Faust mit dem Revolver zuckte hoch, aber da war schon nichts mehr zu sehen.

Die Geräusche und Bewegungen rings um den Lagerplatz waren mehr zu ahnen, als richtig wahrzunehmen. Das Käuzchen rief wieder, näher als zuvor, und diesmal erkannte Antonio einwandfrei, dass es sich um ein Signal handelte. Callahan lag jetzt ruhig auf der Seite und atmete tief und gleichmäßig.

Eine dunkle lauernde Gestalt stand auf einmal direkt unter dem Ast, auf dem sich der junge Mexikaner verbarg. Antonio hielt den Atem an, sah, wie der Mann unter ihm die hohlen Hände vor den Mund hielt, und gleich darauf ertönte zum dritten Mal der Klageruf des Käuzchens.

Zwischen den schartigen Felstrümmern auf der gegenüberliegenden Seite des Lagerplatzes trat ein Mann hervor, dessen Gesicht gänzlich vom Schatten des riesigen Strohsombreros verdeckt wurde. Ein breitklingiges Haumesser, eine Machete, blinkte wie versilbert in seiner Rechten. Der Mann bewegte sich katzenhaft, geschmeidig auf Callahan zu, so lautlos, als würden seine Sohlen nicht die Erde berühren. Zwei weitere Bandoleros tauchten als schattenhafte Umrisse an verschiedenen Stellen am Lagerrand auf. Sie warteten mit Gewehren in den Fäusten. Der Mann unter dem Baum hatte inzwischen einen Revolver gezogen.

Sie waren also alle da, keiner bei den Pferden zurückgeblieben: vier zum Äußersten entschlossene und mitleidslose Schurken. Antonio war in Schweiß gebadet, sein Mund fest zusammengepresst. Der Lauf seines Sechsschüssigen wanderte wie von selbst mit dem Kerl mit, der auf Callahan zuschlich. Noch nie hatte Antonio Perez auf einen Menschen geschossen, nie zuvor einen Colt in der Faust gehalten …

Der Bandit mit der Machete blieb neben Callahan stehen, richtete sich vorsichtig aus seiner geduckten Haltung auf und blickte zum Baum. Die dunkle Gestalt darunter bewegte sich.

„Schlag zu, Pancho! Töte ihn!“

 

*

 

Die Faust mit dem gefährlichen Haumesser fuhr hoch. In diese Bewegung hinein krachte Antonios Schuss. Nach der gespannten, atemlosen Stille war es, als würde eine Kanone abgefeuert. Der Kerl mit der Machete wirbelte halb herum und knallte, wie von einer Riesenfaust getroffen, aufs Gesicht.

Einen Augenblick waren die drei anderen Bandoleros wie gelähmt. Mit einem heiseren Schrei warf sich Antonio auf den Mann unter der Pinie hinab. Es war der fuchsgesichtige Anführer. Er wollte gerade zur Seite springen und seine Waffe hochreißen, als der Junge wie eine Raubkatze auf ihn herabsauste und ihn unter sich begrub. Mit voller Wucht hieb er ihm den heißen Revolverlauf gegen die Stirn. Die Gestalt unter ihm bäumte sich auf und erschlaffte. Alles ging so schnell, dass der junge Mexikaner überhaupt nicht zum Denken kam. Instinktiv schleuderte er sich sofort zur Seite und rollte über den Boden.

Jenseits des Lagerplatzes spuckten die Karabiner der beiden übrigen Verbrecher Feuer, Rauch und heißes Blei. Die Kugeln fetzten Rindenstücke von den Bäumen, klatschten gegen Felsen und jaulten als Querschläger ins Gestrüpp. Antonio lag auf dem Bauch, schoss, rollte weiter und feuerte wieder. Aber er traf nicht. Mit Wutgebrüll und flammenden Gewehren stürmten die beiden Halunken auf ihn los. Sie hatten ihre Sombreros verloren, ihr langes schwarzes Haar flatterte, ihre dunklen Gesichter waren wild verzerrt. Im Mondlicht und Pulverqualm wirkten sie wie Höllengeister.

„Perez, du verdammter Verräter, jetzt bist du dran!“, kreischte der Kerl rechts, blieb ruckartig stehen und richtete den Karabiner auf Antonios schweißbedeckte Stirn.

Plötzlich veränderte sich seine Miene. Seine Augen weiteten sich entsetzt. Er taumelte, sank auf die Knie, und – den Blick noch immer starr auf den jungen Mann gerichtet kippte langsam nach vorn. Der andere Bandit war herumgezuckt, aber auch er war nicht mehr schnell genug, um dem auf ihn zustechenden Todesblitz zu entkommen. Callahan kniete, von Pulverdampf umbrodelt, im Sand und jagte sofort den nächsten Schuss hinterher. Der Bandolero ließ sein Gewehr fallen, griff sich an die Brust und brach zusammen.

Callahan hatte nicht die Kraft zum Aufstehen. Das dunkle strähnige Haar hing ihm bis über die Augen. Seine Brust hob und senkte sich heftig. Er behielt den 45er im Anschlag, und als nun Antonio zögernd unter den Pinien hervortrat, flog der matt schimmernde Coltlauf unheimlich schnell herum.

„Senor, ich bin’s!“, krächzte der Junge erschrocken.

Die maskenhafte Starre auf Callahans fahlem Gesicht zerbröckelte. Langsam sank seine Coltfaust herab. „Hallo, Amigo“, sagte er müde. „Ich schätze, du hast mir das Leben gerettet. Ich fürchtete schon, ich hätte nur eine Last mit dir. Ich hab’ mich gründlich geirrt.“

„Es war furchtbar, Senor. Ich hatte schreckliche Angst.“

„Das ist natürlich. Angst hat jeder, wenn es auf Leben und Tod geht. Es kommt nur darauf an, mit dieser Angst fertig zu werden. Du hast es geschafft. Ich wette, du wirst noch ein gefährlicher Kämpfer …“

Antonio schüttelte den Kopf. „Wenn General Alvarado erfährt, was hier geschehen ist, wird er dafür sorgen, dass wir beide den Geiern zum Fraß vorgeworfen werden. Glauben Sie mir, Senor Callahan, er hat die Macht dazu!“

„Zum Teufel mit diesem Kerl! Er wird nichts erfahren, wenn keiner von diesen Halunken entkommen ist. Wo ist der vierte?“

„Er liegt unter dem Baum dort drüben. Ich hab’ ihn niedergeschlagen. Es ist Gomez, der Anführer.“

„Sieh nach ihm!“, befahl Callahan rau. Antonio warf ihm einen unsicheren Blick zu, entfernte sich und kam nach einer Weile mit gesenktem Kopf zurück.

„Er ist tot“, meldete er gepresst. „Die Kugeln seiner eigenen Gefährten haben ihn getroffen. Fünf Tote an einem Tag … Es ist schrecklich!“

„Sei lieber froh, dass wir nicht dabei sind! Hilf mir aufstehen. Meine Beine sind wie aus Gummi. Dieser verdammte Blutverlust nimmt mich zu sehr mit. Sehen wir zu, dass wir weiterkommen. Hier ist es mir nicht mehr gemütlich genug.“

Antonio ging zu ihm. Nachdenklich forschten seine schwarzen Augen in Callahans scharfgeschnittenem Gesicht. „Sie sind ein harter Mann, Senor. Ich habe noch keinen Mann getroffen, der so gut schießt.“

Callahan grinste verkniffen. „Es gab eine Zeit, da war ich besser, viel besser, mein Junge. Ich habe fünfzehn Jahre vom Colt gelebt, und manchmal kommt es mir selber wie ein Wunder vor, dass ich noch nicht längst in der Erde liege.“

„Ein Pistolero also“, sagte Antonio leise. „Ein Revolvermann! Ich glaube, Senor, Sie hat uns der Himmel geschickt! Sie werden uns helfen, das zu tun, was noch niemand fertigbrachte: General Alvarado zu besiegen.“

„He, zum Teufel!“, fuhr Callahan auf. „Wie komme ich denn dazu?“

„Sie haben selber gesagt, dass Sie mir Ihr Leben verdanken, Senor“, lächelte Antonio. Ein hoffnungsfrohes Leuchten war in seinen Augen. Aber gerade deswegen wurde Callahan nur noch wütender. Er hatte diesen Ausdruck bei Menschen, die ihn um Hilfe angingen, schon zu oft gesehen. Es war immer dasselbe, was dabei herauskam: Kampf, Tod, Blutvergießen, hinterher ein paar gestammelte Dankesworte, meistens auch ein Packen Geldscheine, die ihm in die Hand gedrückt wurden, und dann: „Adios, Callahan!“ Er hatte genug davon.

„Scher dich zum Teufel!“, knurrte er den jungen Mexikaner giftig an. „Nach meiner Rechnung sind wir quitt miteinander. Verschwinde! Ich komme auch ohne dich zurecht!“

„Ich glaube nicht, Senor“, meinte Antonio gelassen. „Sie brauchen einen Platz zum Ausruhen. Sie brauchen jemanden, der Sie gesundpflegt. Ich werde Ihnen dazu verhelfen. Ich bringe Sie nach San Juan, in mein Heimatdorf.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er zu den Pferden.

Callahan sank ermattet auf die Erde. „Verdammt will ich sein, wenn ich ohne zwingenden Grund auch nur eine Hand gegen diesen Alvarado rühre!“, brummte er wütend. „Ich habe schließlich so schon Ärger genug.“

 

*

Beim harten Zuklappen der Tür reagierte Lon Callahan, wie er es immer in den Jahren als Revolvermann getan hatte: Seine Hand fuhr wie der Blitz zu dem über einer Stuhllehne hängenden Revolvergurt. Im nächsten Augenblick zielte er schon, halb im Bett aufgestützt, mit der langläufigen Waffe auf den Mann, der den dämmrigen, angenehm kühlen Raum betreten hatte. Es war ein gedrungener weißhaariger Mexikaner mit einem faltenbedeckten Gesicht, aber wachen, wie Kohlestücke glühenden Augen. Ein schmales Lächeln verzog die Lippen des Alten. Er drehte ein wenig den Kopf zur Seite, ohne dabei jedoch Callahan aus den Augen zu lassen.

„Du hattest recht, Antonio“, sagte er leise. „Er ist schnell – schneller als jeder andere Pistolero, dem ich bisher begegnet bin, obwohl seine Wunde noch immer nicht ganz verheilt ist.“

Callahan machte ein Gesicht, als hätte er eine Tasse Essig geschluckt. Er legte den Frontier-Colt neben sich auf den Stuhl und ließ sich aufs Kissen zurücksinken. „Du liebe Zeit, geht das schon wieder los? Ich kann das Wort Pistolero schon nicht mehr hören. Antonio hat mir unterwegs bereits stundenlang die Ohren damit vollgeredet. Zum Teufel, Senor, wer sind Sie eigentlich? Wo bin ich?“

Der Weißhaarige kam lächelnd auf ihn zu. „Sie sind in San Juan, Senor Callahan, in Sicherheit. Ich bin Antonios Vater, Diego Perez, der Alkalde in diesem Dorf.“

Sein freundlicher Ton konnte die Bitterkeit und Bedrücktheit, die in seiner Stimme mitschwangen, nicht ganz verbergen. Diego Perez trug die übliche weiße Leinenkleidung der mexikanischen Peonen und Bauern. Auch er hatte nur Bastsandalen an den schwieligen braunen Füßen. Eine rotweiß gestreifte Schärpe war um seinen Leib geschlungen. Perez trug keine Waffe. Sein junger Sohn tauchte nun mit einem etwas verlegenen Lächeln aus dem Zwielicht des karg möblierten Raumes auf.

„Hallo, Senor Callahan!“

Callahans tiefliegende Augen funkelten ihn zornig an. „Ich hoffe, du hast deinem Vater erklärt, dass ich nicht daran denke, jemals wieder zu kämpfen, wenn es nicht unbedingt um meinen Skalp geht!“

Vater und Sohn tauschten einen unbehaglichen Blick. Ihr Lächeln erlosch. Der weißhaarige Dorfvorsteher hob seufzend die Schultern. „Kein Mann könnte es allein gegen General Alvarado und seine Banditenarmee aufnehmen. Aber wir würden an Ihrer Seite stehen, Senor Callahan, wenn Sie uns dabei helfen, dass San Juan wenigstens in Zukunft von den Plünderungen und Überfällen der Alvarado-Leute verschont bleibt.“

„Wenn ihr schon so entschlossen seid, warum wollt ihr dann unbedingt mich dabeihaben?“

„Wir sind keine Kämpfer, Senor Callahan“, antwortete Perez niedergeschlagen. „Wir sind mit Pflug und Hacke groß geworden, nicht mit Gewehr und Revolver.“

„Ein Grund mehr für mich, die Finger von dieser Sache zu lassen!“, lachte Callahan rau auf. „Außerdem – ich kenne Alvarado ja nicht einmal,.

„Sie haben seine Leute kennengelernt. Sie haben erfahren, wie grausam, hinterhältig und gefährlich diese Männer sind. General Luis Alvarado übertrifft sie alle. Viele nennen ihn die Geißel der Sierra. Er ist ein Mann, der nie genug Macht und Reichtum bekommen kann, der diesen Teil der Sierra mit erbarmungsloser Faust regiert. Er wurde aus der Armee gejagt, als er versuchte, eine Revolution anzuzetteln. Seit damals nennt er sich General. Er hat Banditen aus allen Teilen des Landes um sich versammelt und sich in einer ehemaligen spanischen Festung hoch droben in den Bergen eingenistet. Die Dörfer zwischen dem Rio Yaqui im Süden und der Grenze von Arizona im Norden sind ihm hilflos ausgeliefert. Alvarados Banden lassen sich manchmal ein halbes Jahr nicht blicken, dann wieder kommen sie bis zu dreimal im Monat. Sie rauben uns unsere Ernteerträge, sie stehlen unsere Schafe und Ziegen. Sie lassen uns immer nur so viel, damit wir nicht gerade verhungern und weiterhin für sie arbeiten können. Wer sich ihnen widersetzt, wer auch nur ein falsches Wort gegen sie verliert, wird ausgepeitscht, gefoltert, gehängt oder erschossen.“

„Schlimm!“, gab Callahan widerwillig zu. „Aber was habe ich damit zu tun? Warum fordert ihr keine Rurales oder Regierungstruppen an, die diesem Spuk ein Ende bereiten?“

Diego Perez zuckte hilflos die Achseln. „Natürlich haben wir auch schon daran gedacht. Aber es ist unmöglich. Die Hauptstadt ist viel zu weit entfernt. Wenn wir einen Boten ausschicken, fällt er bestimmt General Alvarados Reitern in die Hände. Sie haben Pferde, wir nur Maulesel. Sie kontrollieren jeden Weg und Steg, der aus der Sierra herausführt. Außerdem haben die Soldaten weiter unten im Süden genug mit den aufständischen Yaquis zu tun und keine Zeit, sich um ein Dutzend weltvergessener Dörfer irgendwo in der Sierra zu kümmern. Seit einigen Monaten haben nun Alvarados Horden angefangen, junge, kräftige Männer aus unseren Dörfern fortzuschleppen, damit sie droben in ihrer Gebirgsfestung wie Sklaven für sie schuften. Alvarado will die alte, halbverfallene Spanierfestung zu einer uneinnehmbaren Bastion ausbauen. Dazu braucht er Arbeitskräfte. Mein Sohn war einer der Gefangenen. Doch er ist auf dem Weg zu Alvarados Festung geflohen. Irgendwann werden Alvarados Männer kommen und hier nach ihm suchen …“

Perez blickte Callahan erwartungsvoll an. Der große hagere Mann, der wie ein abgemagerter, aber noch immer gefährlicher Wolf wirkte, schüttelte den Kopf. „Geben Sie sich keine Mühe, Perez. Ich kann euch nicht helfen, auch wenn ich es wollte. Sicher, ich war mal ein gefürchteter Revolverkämpfer. Aber das ist lange her, zu lange. Sehen Sie mich an, Perez: Ich bin ein angeschossener, erledigter Mann, der froh ist, wenn er es schafft, seinen eigenen Skalp zu behalten. Wenn Sie meinen, ich bin noch schnell und treffsicher genug, um es gegen eine Übermacht hartgesottener Bandoleros aufzunehmen, dann irren Sie sich. Dann wissen Sie verdammt wenig von Hombres, deren Job der Umgang mit dem Schießeisen ist. Ich fürchte, es gibt ’ne Menge drittklassiger Revolverschwinger, die mich in meiner jetzigen Verfassung schlagen könnten.“

„Käme es nicht auf einen Versuch an, Senor Callahan?“

„So was von stur!“, brummte Callahan. „Caramba, begreifen Sie doch endlich, dass mich dieser Versuch, wie Sie’s nennen, das Leben kosten könnte!“

Der Alkalde breitete müde die verarbeiteten rissigen Hände aus. „Vielleicht haben Sie recht, Senor Callahan, vielleicht bin ich stur. Aber ich muss es sein. Es geht nicht nur um mich, es geht um das Leben meines Sohnes. Es geht um alle Menschen, die hier in San Juan in Frieden leben wollen. Sie haben früher als Pistolero Ihr Leben aufs Spiel gesetzt und gewonnen. Tun Sie es noch einmal! Tun Sie es für eine gute Sache!“

Callahan setzte sich ruckartig auf. Schmerz stach in der frisch verbundenen Schulter, doch Callahan beachtete ihn nicht. Sein Blick war wölfisch. „Ich habe nie gekämpft, wenn das Gesetz nicht auf meiner Seite war, aber … Ich habe es immer für Geld getan!“

Er sagte es scharf und herausfordernd, um endlich diese unangenehme Diskussion zu beenden. Perez blickte zu Boden, schwieg eine Zeitlang, dann murmelte er heiser: „Si, ich verstehe, Senor Callahan. Aber Sie müssten es nicht umsonst tun …“

„Nein?“ Callahan lachte. Es klang fast beleidigend. „Glauben Sie denn, ich bin ein Mann, den man für ein paar lumpige Pesos kaufen kann?“

„Keine lumpigen Pesos, Senor Callahan! Gold – viel Gold! Sie würden ein reicher Mann sein, für alle Zeiten.“

 

*

 

„Perez“, sagte Callahan mit erzwungener Ruhe, „Sie sehen eigentlich nicht wie ein Lügner aus …“

Das verwitterte Gesicht des Alkalden lief dunkel an. Sein Kopf ruckte hoch, seine Augen blitzten. Aber er hatte sich eisern in der Gewalt. „Antonio, sag du es ihm! Erzähl ihm von General Alvarados Schatzkammer.“

„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich habe Gomez und seine Freunde darüber reden gehört, als ich noch ihr Gefangener war. Damals, als Alvarado seinen hohen Armeeposten verlor und mit seinen Getreuen in die Berge flüchten musste, damals brachte er durch einen verwegenen und blutigen Handstreich einen riesigen Goldtransport, der zur Hauptstadt unterwegs war, in seine Gewalt. Er ließ das Gold in die alte spanische Bergfestung schaffen, die von da an sein festes Hauptquartier wurde. Niemand weiß, wo genau das Gold dort oben versteckt ist, denn die Männer, die dem General beim Transport halfen, wurden hinterher eigenhändig von ihm getötet. Es heißt, Alvarado will mit diesem Gold irgendwann das ganze Land unter seine Kontrolle bringen. Seine Leute sagen, dass er davon träumt, eines Tages selber auf dem Präsidentenstuhl zu sitzen.“

„Die Regierung hat zehn Prozent des Goldes als Wiederbeschaffungsprämie ausgesetzt“, fügte der alte Perez hinzu. „Das ist sicherlich mehr, als man braucht, um zehn mittlere Ranchos zu kaufen."

Die Erinnerung an seinen alten Traum von einer eigenen kleinen Ranch war auf einmal wieder in Callahan lebendig. Aber im nächsten Moment fiel ihm auch wieder ein, wie eben dieser Traum damals am Rande der Gilawüste im Peitschen der Schüsse zu Ende gegangen war – für immer. Callahan schüttelte bitter den Kopf.

„Zehn Ranchos sind noch immer nicht genug, um dafür in der Hölle zu schmoren. Nein, Perez, ich kämpfe nicht mehr, nicht für und nicht ohne Revolverlohn. Ich habe Antonio nicht gebeten, mich hierherzubringen. Wenn er es nur getan hat, damit ihr einen Verbündeten gegen Alvarados Plünderer und Menschenräuber bekommt, well, dann verschwinde ich eben wieder.“

Vater und Sohn standen reglos, enttäuscht und niedergeschlagen da, als Callahan die Beine aus dem Bett schwang. Er hatte Hose und ein frisches, sauberes Hemd an und wollte jetzt nach seinen Stiefeln greifen. Da wurde der bunte Vorhang, der die Tür zum Nebenraum ersetzte, zur Seite geschlagen.

„Lass es nicht zu, Vater“, rief eine helle, jugendliche Stimme. „Er ist verwundet, krank und dein Gast. Du darfst ihn nicht so einfach gehen lassen.“

Es kam nicht oft vor, dass Lon Callahan, der abgebrühte, erfahrene Revolvermann, sprachlos war. Doch jetzt verschlug es ihm für etliche Sekunden regelrecht den Atem. Die junge, gertenschlanke Frau, die nun mit energischen Schritten auf ihn zukam, war nicht nur irgendein hübsches mexikanisches Dorfmädchen, das war eine richtige glutäugige schwarzhaarige Schönheit. Sie trug eine leuchtendweiße Bluse mit nichts darunter. Ihre runden festen Brüste zeichneten sich deutlich unter dem luftigen, dünnen Stoff ab. Der weinrote Rock schmiegte sich eng an ihre weichen Hüften und bauschte sich glockenförmig über ihren nackten Knöcheln. Sie war barfuß. Ihr einziger Schmuck waren die großen vergoldeten Ohrringe. Ihre Haut besaß einen sanftbraunen, ins gelbliche übergehenden Schimmer.

„Hallo, Ma’am!“, brachte Callahan schließlich rau hervor und vergaß dabei ganz, dass er perfekt Spanisch sprechen konnte. Ihr Gesicht war jetzt dicht vor ihm, ein faszinierendes Gesicht, schmal, rassig, mit funkelnden schwarzen Augen und einem roten lockenden Mund.

„Legen Sie sich lieber wieder hin, Senor Callahan. Bestimmt sind Sie hungrig und durstig. Ich bringe Ihnen gleich etwas.“

Der alte Perez nickte schwer. „Maria hat recht. Sie sind unser Gast, egal, wie Sie sich entscheiden. Entschuldigen Sie, wenn ich es vergessen habe. Bleiben Sie nur. Übrigens, Maria ist meine Tochter. Sie versorgt Antonio und mir den Haushalt, seit ihre Mutter nicht mehr lebt. Sie hat sich auch um Sie gekümmert, nachdem Antonio Sie bewusstlos hier anschleppte. Wenn es Ihnen jetzt schon wieder bessergeht, dann ist das einzig und allein Marias Verdienst. Sie weiß wie keine andere im Dorf mit Verletzungen und Krankheiten Bescheid. Sie kennt alle Heilpflanzen, alle Salben, alle Säfte. Sie hat goldene Hände, wie die Leute im Dorf hier sagen. Sie …“

„Aber Vater, nun hör auf, mich zu loben!“, Die junge Frau lachte perlend. Sie mochte etwa ein oder zwei Jahre älter als Antonio sein, ein halbes Mädchen noch und doch schon fraulich und selbstsicher. „Was soll denn Senor Callahan von mir denken!“

„Bestimmt nur das Beste!“, erklärte Callahan, aufrichtig bewundernd.

Es war lange her, dass er so gelöst und warm gelächelt hatte. Sein hageres, scharf geschnittenes Gesicht wirkte für Sekunden wie verwandelt. Ihre Blicke tauchten nur kurz ineinander, aber es war ein Moment, der sich Callahan unauslöschlich einprägte. Es hatte schon viele Frauen in seinem langen rauen Leben gegeben, doch dieser Moment war anders als alle ersten Begegnungen zuvor. Es war, als würde ein unsichtbarer Funke zwischen ihnen überspringen. Maria Perez zuckte unmerklich zusammen. Ein dunkler Hauch glitt über ihre Wangen, und ihre schmale Hand, die auf Callahans unverletzter Schulter ruhte, zitterte plötzlich leicht.

Sie wandte sich rasch ab, vermied es, ihn nochmals anzusehen. Als sie den Raum verlassen wollte, flog die Tür auf. Ein hagerer, ärmlich gekleideter Mexikaner stolperte herein.

„El Lobo kommt!"

 

*

 

Die Perez’ fuhren herum. Die Farbe wich aus ihren Gesichtern. Diego bekreuzigte sich. „Madre de Dios, das ging schneller, als ich dachte. Felipe, wie viel Mann hat er bei sich?“

„Acht! Sie sind bewaffnet, als wollten sie in den Krieg ziehen!“

Details

Seiten
110
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935431
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511579
Schlagworte
wolf sierra madre

Autor

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Titel: Der Wolf der Sierra Madre