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Falsches Spiel auf der River Queen

2019 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Falsches Spiel auf der River Queen

Klappentext:

Roman:

John F. Beck

 

Falsches Spiel auf der River Queen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author/Titelbild: Werner Öckl

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

Duke Fillmore ist ein abgefeimter Kartenhai, der jeden schmutzigen Trick kennt, um eine Pokerpartie zu seinen Gunsten zu entscheiden. Aus diesem Grund spielt er eine wichtige Rolle in den skrupellosen Plänen einer Verbrecherbande, die es auf das Geld eines reichen Minenbesitzers abgesehen hat und weiß, wie sie sich Fillmore gefügig machen muss: Sie entführen seine Schwester, um ihn zur Mithilfe zu erpressen. In Omaha trifft Fillmore Ward Bannister, der seit Jahren nach seinem, nach dem Bürgerkrieg verschwundenen Bruder sucht und weiß, dass Fillmore ihn kennt. Die Not macht die beiden ungleichen Männer zu Partnern: Während Bannister versucht, Fillmores Schwester zu befreien, spielt dieser auf einem Missouri-Dampfer eine betrügerische Pokerpartie. Als Bannister die ganze Wahrheit erkennt, sprechen schon die Colts, denn nicht nur Fillmore treibt ein falsches Spiel auf der River Queen

 

 

 

 

 

Roman:

Vier Reiter brachen aus dem Juniperen-Gebüsch, schwärmten blitzschnell aus und versperrten der näherkommenden Postkutsche den Weg.

Jeder der Banditen hielt einen schussbereiten Revolver in der Faust. Sie hatten schwarze Halstücher vor die untere Gesichtshälfte gebunden.

„Anhalten! Sofort anhalten!“, schrie einer der Banditen durch das Stampfen der Hufe und das Mahlen der Räder.

Der junge Mann, der neben dem Postfahrer auf dem Bock saß, riss die doppelläufige Parker-Schrotflinte von den Knien in die Höhe.

„Vorwärts, Bill!“, keuchte er heiser. „Nimm die Peitsche! Schnell, vorwärts!“

Der Kutscher zögerte. Er starrte in die vier drohenden Revolvermündungen. Unterdessen rannten die Pferde weiter auf die Front der vier Maskierten zu.

Aus den Revolvern der Banditen zuckten plötzlich orangefarbene Flammen. Das Knallen vermischte sich zu einem einzigen berstenden Dröhnen.

Die beiden vordersten Gespannpferde brachen zusammen. Die nachfolgenden Gäule prallten gegen sie, stolperten und bäumten sich schrill wiehernd im Geschirr auf.

Die Kutsche wurde hart an den Straßenrand geschleudert.

Einen beängstigenden Moment sah es so aus, als würde sie umkippen, dann kam sie mit knirschenden Rädern zum Stehen. Der aufgewirbelte gelbe Staub senkte sich zögernd auf die Fahrbahn nieder.

Die vier Banditen kamen näher und bildeten einen Halbkreis um das Fahrzeug. Einer von ihnen ließ den Revolverlauf zwischen dem Kutscher und dem Beifahrer hin und her wandern.

„Kommt ‘runter und versucht keine Dummheiten!“

„Zur Hölle mit euch Halunken!“, brummte der Postfahrer, während er vom Bock kletterte. Sein Begleiter warf die Schrotflinte wütend auf die Fußbretter und kam hinterher.

Inzwischen hatte ein Bandit sein Pferd dicht an die Kutsche herangelenkt und den Wagenschlag vom Sattel aus aufgerissen. „Aussteigen, Herrschaften!“, rief er höhnisch. „Eine kurze Pause schadet nicht, oder?“

Zuerst erschien ein beleibter Mann in zerknittertem dunklen Anzug, hochrot im Gesicht, Schweiß auf der Stirn. Er hatte die Hände gehoben, seine Finger zitterten.

„Bei mir gibt es nicht viel zu holen, Gents“, keuchte er. „Ich sage euch, es ist …“

„Halt den Mund!“, fuhr ihn einer der Desperados an. „Mehr verlangen wir gar nicht von dir!“

Hinter dem Dicken stieg ein Mädchen aus der Kutsche. Das Sonnenlicht legte einen goldenen Schimmer auf ihr blondes Haar. Ihr schmales hübsches Gesicht war bleich. Angst und Überraschung vermischten sich in ihren dunkelblauen Augen.

Der Anführer der Banditen trieb sein Pferd einige Schritte auf sie zu. Er beugte sich etwas im Sattel vor und fragte ruhig: „Miss Ellen Fillmore, nicht wahr?“

„Ja!“, Die feingeschwungenen Lippen des Mädchens zitterten unmerklich. „Ich verstehe nicht …“

Der Maskierte wandte sich einem seiner Kumpane zu. „Johnny, hol das Pferd!“

Der Angesprochene zog wortlos seinen Gaul herum, verschwand zwischen den Sträuchern am Straßenrand, und als er gleich darauf wieder auftauchte, führte er eine rehbraune Stute am Zügel. Das Pferd trug einen Damensattel.

„Miss Fillmore“, sagte der Banditenführer ruhig, „steigen Sie auf!“

Das Mädchen zuckte zusammen. „Nein! Was soll das? Das muss ein Irrtum sein!“ Ihre Stimme war tonlos vor Furcht.

„Steigen Sie auf!“, wiederholte der Verbrecher scharf. „Das ist kein Irrtum. Ich kenne Ihren Namen, das sollte Ihnen genug beweisen. Also, vorwärts, Madam!“

Ellen Fillmore krampfte ihre Finger in die Jacke ihres grauen Reisekostüms. Zwei grellrote Flecken brannten auf ihren Wangen. „Warum nur? Ich verstehe nicht, warum Sie das tun?“

„Keine Fragen jetzt! Wir haben nicht viel Zeit!“

In den Augen des Mädchens stand blankes Entsetzen. Der junge Kutschenbegleiter trat einen Schritt vorwärts. „Ihr Schufte!“, stieß er wild hervor. „Die Entführung einer Frau ist das schlimmste Verbrechen im Westen, das wisst ihr ganz genau. Man wird euch jagen, bis der letzte von euch am Galgen gelandet ist.“

Der Bandit, der ihn und den Postfahrer bewachte, lachte trocken.

„Jagen? Wer denn? Du etwa? Du würdest nicht weit kommen, Freundchen, glaube mir!“

Einer der anderen Desperados war abgesessen und ging schnell auf das Mädchen zu. Sie streckte abwehrend eine Hand aus.

„Ich komme schon.“

Der Anführer der Banditen nickte zufrieden, als sie zu der Stute ging. Die Art, wie sie in den Sattel stieg, verriet, dass sie eine geübte Reiterin war.

Sie hielt den Kopf gesenkt, ihre Schultern waren verkrampft. Es war ihr anzusehen, dass sie alle Energie aufbieten musste, um nicht die Fassung zu verlieren.

„Johnny, du bleibst neben ihr!“, befahl der Anführer. „Los, wir reiten!“ Als die Banditen ihre Pferde wendeten, riskierte es der Postkutschenbegleiter. Seine rechte Faust stieß zum

Holster nieder, packte den Coltkolben und riss die langläufige Waffe heraus.

Ehe der Lauf hochschwingen konnte, krachte ein Schuss. Der Begleitfahrer schrie auf, seine Finger lösten sich vom Colt, einen Moment hielt er sich noch wankend auf den Füßen, dann stürzte er vornüber und regte sich nicht mehr. Der Bandit ließ den Revolver in das Holster zurückgleiten.

„Das soll eine Lehre für jeden sein, der beabsichtigen sollte, unsere Fährte aufzunehmen!“, erklärte er hart, gab seinem Gaul die Sporen und preschte hinter den anderen her, die zusammen mit der jungen Lady bereits zwischen den Juniperen verschwunden waren.

 

*

 

Duke Fillmore lehnte sich auf dem Stuhl zurück.

Sein schmales Gesicht mit dem dünnen Bärtchen über der Oberlippe war völlig ausdruckslos. Er hob den Blick von den Karten, die er fächerförmig in seiner Linken hielt, und sagte gelassen: „Ich erhöhe um fünfzig Dollar!“

Einer seiner drei Mitspieler warf die Karten auf die mit grünem Samt überzogene Tischplatte.

„Ich passe!“, knurrte er mit ärgerlich verzogenen Mundwinkeln. „Ich habe genug für heute!“

Er schob den Stuhl zurück und stand auf.

„Wie Sie wollen, Barkley“, nickte Fillmore.

„Ich bin jederzeit bereit, Ihnen ein andermal Revanche zu geben.“

Barkley brummte etwas und entfernte sich.

Fillmores dunkle Augen hefteten sich auf die beiden anderen Männer am runden Spieltisch. Einer von ihnen trug die typische Kleidung eines Rinderzüchters, der andere sah wie ein Geschäftsmann aus der Stadt aus.

„Und Sie, Gentlemen?“

Der Geschäftsmann nagte an der Unterlippe und betrachtete zögernd seine Karten. Schließlich zuckte er die Schultern.

„Barkley hat recht“, murmelte er. „Es ist genug für heute! Zum Teufel, Fillmore, Sie haben mir eine Menge Geld abgeknöpft.“

„Vielleicht haben Sie beim nächsten Mal mehr Glück.“

Der andere antwortete nicht, schob die Karten zusammen, legte sie auf den Tisch und erhob sich ebenfalls.

„Geben Sie auch auf?“, fragte Fillmore gelassen den Rinderzüchter.

Der schüttelte den Kopf. Sein eckiges Kinn schob sich etwas vor.

Der Blick aus seinen harten grauen Augen bohrte sich in Duke Fillmores Gesicht, aber dessen Miene verlor nichts von der Undurchdringlichkeit des geübten Berufsspielers.

„Ich gehe mit, Fillmore!“, erklärte der Rancher rau. „Und ich will sehen!“

Fillmore nickte. Er warf einen schnellen Blick über die rauchverschleierten Tischreihen zur Theke des Nebraska Saloons hinüber.

„Barkley!“, rief er. „Werden Sie morgen wieder hier sein?“

Er schüttelte den Kopf, als keine Antwort kam, und als er den Viehzüchter anschaute, der ebenfalls unwillkürlich in Barkleys Richtung gesehen hatte, geisterte zum ersten Mal ein dünnes Lächeln um seine Lippen.

„Er will nicht mehr hören. Ich schätze, er hat heute wirklich zu viel verloren.“

„Halten Sie nicht das Spiel auf!“, sagte der Rancher unwillig. „Legen Sie auf, Fillmore!“, sagte der Rancher. Gleichzeitig breitete er seine Pokerkarten offen auf den Tisch.

Fillmore nickte anerkennend.

„Nicht schlecht, Mister. Aber leider nicht gut genug!“

Er zeigte die eigenen Karten.

Der Rancher fluchte gepresst. Fillmore lächelte bedauernd und zog den Einsatz zu sich herüber.

Da legte sich ihm von hinten schwer eine Hand auf die Schulter.

„Sie sollten die Dollars lassen, wo sie sind!“, sagte eine harte Stimme.

Sekundenlang saß Fillmore ganz starr, dann wandte er langsam den Kopf.

Hinter ihm stand ein hochgewachsener, hagerer Mann mit breiten Schultern und einem Gesicht, das Sonne, Wind und Regen gegerbt hatten. Die blauen Augen blickten den Spieler kalt an.

„Zum Teufel, Fremder, was soll das?“, stieß Fillmore hervor.

Der Hagere nahm die Hand von seiner Schulter. Er blieb ganz ruhig.

„Sie hörten doch, dass ich sagte, Mister, geben Sie das Geld zurück, und alles ist in Ordnung!“

Fillmore erhob sich so rasch, dass sein Stuhl polternd umkippte.

„Was fällt Ihnen ein, Mann?“

Die rechte Hand des Spielers näherte sich dem Ausschnitt der dunklen Jacke.

Der Fremde regte sich nicht.

„Ich will nur den kleinen Fehler in dem Spiel korrigieren“, sagte er gelassen. „Haben Sie denn nichts davon bemerkt?“

„Behaupten Sie etwa, ich habe falsch gespielt?“

Die Stimme des Spielers kratzte vor Heiserkeit. Seine Rechte war unter der Jacke verschwunden.

Der Fremde schien es nicht bemerkt zu haben. Jedenfalls veränderte er seine Haltung nicht im Geringsten. Er schaute dem Spieler fest in die Augen und erwiderte:

„Ich habe nur etwas von einem Fehler erwähnt. Genügt Ihnen das nicht? Seien Sie vernünftig und geben Sie das Geld zurück!“

„Den Teufel werde ich!“, knirschte Duke Fillmore. Er wollte die Hand aus der Jacke ziehen, da hielt sein Gegenüber plötzlich wie durch Zauberei einen Colt in der Faust.

 

*

„Verlieren Sie nur nicht die Nerven!“, sagte er sanft.

Fillmore stand wie versteinert. Sein Gesicht hatte sich grau gefärbt. Er starrte in die Mündung des schweren 45ers und schluckte trocken.

„Also?“, sagte der andere gelassen.

Fillmores Rechte kam zögernd aus dem Jackenausschnitt – sie war leer.

Ringsum waren die Gäste von den Tischen aufgesprungen und beobachteten die Szene. Der Lärm im Nebraska Saloon war verebbt. Das Licht der Petroleumlampen spülte über angespannte, unruhige Gesichter.

Dicke Rauchschwaden lagerten unter der niedrigen Decke und zogen nur allmählich über die halbhohen Schwingtüren ins Freie ab. Von der Nachtkühle im Missouri-Tal war hier drinnen im Saloon nichts zu spüren.

Fillmore drehte sich langsam der Tischplatte zu. Er legte die Hand auf die Geldscheine und Münzen und schob sie über den Tisch dem Rancher hin.

„Ich habe wohl keine andere Wahl“, murmelte der Spieler gepresst. „Ich hoffe nur, ich kann Ihnen das eines Tages heimzahlen, Fremder!“

Der Rinderzüchter schob sich mit gerunzelter Stirn um den Tisch herum. Sein Blick wanderte zwischen dem Spieler und dem hageren Fremden hin und her. Er ballte die Hände zu Fäusten.

„Bin ich betrogen worden?“, fragte er rau. „Hat Fillmore wirklich falschgespielt?“

Der Fremde zuckte die Schultern. „Sie haben Ihre Dollars, genügt das nicht?“

„Nein, zum Satan!“, brüllte der Rancher los. Eine Ader schwoll an seiner Stirn. „Wenn dieser Kerl mich hereingelegt hat, dann gebe ich mich nicht damit zufrieden, nur den Einsatz zurückzubekommen!“

„Beruhigen Sie sich, Mann!“, sagte der Fremde. Und zu Fillmore: „Kommen Sie mit.“

„Was wollen Sie von mir?“ Fillmore war nervös.

„Ich habe mit Ihnen zu reden.“

„Ich sehe nicht ein …“

„Kommen Sie!“, wiederholte der andere nur. Sein Tonfall ließ keinen Widerspruch zu. Er schob den Colt in das Holster zurück, aber die Kälte wich nicht aus seinen stahlblauen Augen.

Duke Fillmore schaute sich gehetzt um.

Ringsum war niemand, auf dessen Unterstützung er rechnen konnte. Er sah nur abweisende, finstere Blicke. Er war ein Spieler und erst seit kurzer Zeit in Omaha. Niemand mochte ihn. Zorn stieg in ihm auf, und gleichzeitig regte sich sein Stolz. Seine Miene gewann die alte Ausdruckslosigkeit zurück. Er nickte knapp.

„Wie Sie wollen!“

Als er sich in Bewegung setzte, packte ihn der Rinderzüchter hart an der Schulter.

„Moment, Fillmore! Zuerst möchte ich diese Sache klären!“, sagte er drohend.

„Lassen Sie los, Carter! Sie haben ohnehin mehr Glück, als Sie erwarten konnten. Der Gewinn wäre an mich gegangen.“

„Und warum geben Sie ihn einfach zurück?“

„Weil ich dazu gezwungen wurde!“

„Gezwungen? Niemand kann Sie zwingen, wenn es ein ehrliches Spiel war! Schließlich sind wir hier nicht allein. Fillmore, Sie haben betrogen, wie?“

„Verdammt, Carter!“, presste Fillmore hervor. „So etwas lässt sich kein Mann sagen!“

„Unternehmen Sie doch etwas dagegen!“, knurrte Carter wild und ließ die schwielige Rechte auf den Revolverkolben klatschen.

Duke Fillmore atmete scharf ein. Einen Augenblick wirkte es, als wolle er die Herausforderung annehmen. Dann wich das Feuer aus seinen Augen.

„Ein anderes Mal vielleicht, Carter. Nicht jetzt!“

Es fiel ihm schwer, diese Worte auszusprechen. Mit bleichem Gesicht wandte er sich um.

Der Rancher schrie eine Verwünschung und warf sich vorwärts. Seine Faust war nur noch zwei Handbreit von Fillmores Kopf entfernt, da schloss sich eine nervige Faust um sein Handgelenk.

„Ich sagte doch schon: Beruhigen Sie sich!“, sagte der hagere Fremde.

Carter sah das sonnengebräunte, von dunklen Linien gezeichnete Gesicht ganz nahe vor sich. Er fauchte wütend.

„Zur Hölle mit Ihnen! Zuerst nehmen Sie diesen Kartenhai vor den Colt und dann …“

Er riss sich mit einem kräftigen Ruck los. Mit einem gleitenden Schritt war der Fremde zwischen ihm und dem Spieler. Carters breite Brust hob und senkte sich.

„Zur Seite, Mann!“

„Nein!“

 

*

„Wie Sie wollen!“, knurrte Carter, bog die Schultern nach vorne und schlug zu.

Der Hieb ging ins Leere. Der Fremde war blitzschnell zur Seite gewichen, und jetzt kam seine Faust. Er erwischte Carter seitlich am Kinn. Der Rancher taumelte, riss einen Stuhl um, stolperte und fiel mit dem Oberkörper über den Tisch. Als er hochkam, war sein breites Gesicht von Hass verzerrt. Seine Rechte umklammerte den Hals einer halbvollen Whiskyflasche.

„Nicht, Carter!“, schrie jemand erschrocken.

Die Flasche sauste hoch, und schon kam sie mit tödlicher Wucht nach unten.

Ohrenbetäubendes Splittern und Klirren füllte den Saloon, als sie an dem Stuhl zerschellte, den der Fremde geistesgegenwärtig zu seiner Deckung hochgerissen hatte.

Carter stand einen Atemzug lang wie betäubt und starrte aus geweiteten Augen auf seine rechte Faust, die nur noch den gezackten Flaschenhals umschloss.

Der Fremde ließ den Stuhl fallen, ein rascher, geschmeidiger Satz brachte ihn dicht vor seinen Gegner.

Und in dem Moment, da Carter erneut zum Angriff ansetzte, traf die Faust des Fremden den Rinderzüchter genau am Kinn. Carter schien sich auf die Zehenspitzen aufzurichten, dann stürzte er hintenüber, steif wie ein Brett. Er fiel auf die Tischplatte und blieb über den Pokerkarten und den Dollars besinnungslos liegen.

Dumpfes Gemurmel lief durch die Reihen der umstehenden Saloongäste. Stiefel scharrten über den ungehobelten Bretterboden.

Langsam lichtete sich der Kreis, den die Zuschauer bildeten. Jemand rief nach dem Keeper. Männer drängten zur Theke.

Ein Fenster wurde geöffnet, und frische Nachtluft strömte angenehm kühl in den Saloon.

Der Fremde hob seinen Stetson auf, der ihm während des Kampfes entfallen war, und wandte sich dem Spieler zu. Fillmore hatte sich die ganze Zeit über nicht gerührt. In seinen dunklen Augen vermischten sich Besorgnis und Erstaunen.

Der Fremde nickte ihm kühl zu.

„Wir haben Zeit verloren! Gehen wir!“

Er steuerte, ohne einen Blick zurückzuwerfen, auf den Saloonausgang zu, völlig sicher, dass Duke Fillmore ihm folgen würde.

 

*

 

Erst an der Kante des Plankengehsteigs blieb er stehen. Hinter ihm schwangen die Pendeltüren des Nebraska Saloons aus. Fillmore schob sich neben ihn.

Der Blick des Fremden schweifte ruhig die Straße entlang. Überall fielen breite Lichtbündel aus den erhellten Fenstern. Pferde waren vor den Saloons angebunden, hochrädrige Ranchwagen standen neben den Gehsteigen. Männer schlenderten plaudernd und rauchend vorbei. Irgendwo klimperte ein verstimmtes Klavier.

Hinter den Häusern, die die Aussicht auf das Missouri-Ufer verdeckten, stieg dünner Nebel zum sternenübersäten Firmament empor.

Seit der Bürgerkrieg zu Ende gegangen war, war Omaha gewachsen. Aus der kleinen Handelssiedlung war eine große Stadt geworden. Von hier zogen Siedlertrecks nach Westen in die endlosen Prärien hinein, Fallensteller sammelten sich hier, um zur Jagd hinauf ins Felsengebirge zu ziehen, und für die Flussboote, die den Missouri befuhren, war Omaha zu einem wichtigen Anlegeplatz zwischen St. Louis und Great Falls geworden.

Der Fremde drehte sich ruhig dem Spieler zu. „Sie sind also Duke Fillmore?“

„Ja! Und es würde mich gewaltig interessieren, wer Sie sind!“

„Ich glaube“, sagte der andere gedehnt, „der Name Bannister ist Ihnen nicht unbekannt.“

„Bannister?“ Fillmore zuckte zusammen.

„Genau! Sie kennen Ray, nicht wahr?“

Fillmore nickte mit zusammengepressten Lippen.

„Er ist mein Bruder!“, sagte der Fremde schwer. Ein seltsamer Hauch von Bitterkeit lag in seinen Worten.

Fillmore blickte ihn schräg an. „Was wollen Sie von mir?“

„Erfahren, wo ich Ray finde!“

Die Haltung des Spielers entspannte sich unmerklich. Er atmete sacht aus.

„Ich verstehe nicht ganz“, murmelte er. „Wenn Sie sein Bruder sind …“

„Hat er Ihnen nicht von mir erzählt? Von seinem großen Bruder Ward?“

„Ward Bannister? Nein, ich höre den Namen heute zum ersten Mal.“

„Ich habe Ray zwei Jahre nicht mehr gesehen – seit ich aus dem Krieg zurückkam. Ich suche ihn, Fillmore, und Sie werden mir sagen, wo ich ihn finde!“

„Und Sie glauben, ich kann das?“

„Man hat Sie vor drei Monaten zusammen mit Ray in Kansas City gesehen.“

„Das stimmt!“ Fillmore hielt den Kopf gesenkt. Die Dunkelheit unter dem Vordach verhüllte den Ausdruck seines Gesichts.

„Sie haben wohl keine Mühe gescheut, Bannister, wie?“

„Seit unsere Eltern tot sind, fühle ich mich für meinen Bruder Ray verantwortlich“, sagte Ward Bannister einfach.

„Und da ich weiß, dass Ray ein ziemlich wilder und heißblütiger Junge ist, mache ich mir Sorgen um ihn. Also, Fillmore, was wissen Sie von ihm?“

„Eine ganze Menge!“ Duke Fillmores Stimme hatte sich schlagartig verändert. Sie war nicht mehr zögernd und unsicher, sie war fest, sogar ein wenig überlegen.

Ward beugte sich vor. Die Kälte aus seinen blauen Augen war verschwunden. Sein Blick brannte sich förmlich in Fillmores Miene fest.

„Vorwärts, Fillmore!“, drängte er.

„Langsam, Bannister, langsam!“ Fillmore hob eine Hand. „Was werden Sie tun, wenn ich gesprochen habe? Werden Sie mich dann zum Sheriff schleppen und wegen Falschspiels anzeigen? Drinnen im Saloon haben Sie doch gesehen, was los war, wie?“

„Yeah! Als Sie hinter diesem gewissen Barkley herriefen, war das nur ein Trick, um Ihren letzten Pokerpartner abzulenken. Sie sind äußerst fix damit, ein Ass aus dem Ärmel zu zaubern, Fillmore.“

„Ich kann das Kompliment zurückgeben“, sagte Fillmore beißend, „nur ein Mann mit wirklich wachsamen Augen kann so etwas sehen. Aber kommen wir nicht vom Thema ab! Sie haben mir anschließend nur geholfen, weil Sie meine Auskunft brauchen, nicht wahr? Was werden Sie tun, wenn ich sie Ihnen gegeben habe?“

„Nichts! Ich bin nur an Ray interessiert – um Sie dem Sheriff zu bringen, brauche ich noch einen Zeugen, Sie Kartenhai!“

„Ich höre das Wort Kartenhai nicht gern“, sagte Fillmore leise und gepresst. „Auch nicht von Ihnen! Wer garantiert mir, dass Sie die Wahrheit sagen?“

„Ich kann Ihnen nicht mehr geben als mein Versprechen.“

Fillmore starrte eine Weile zu Boden. Dann war ein Lächeln aus seiner Antwort zu hören:

„Well, ich glaube, Sie gehören tatsächlich zu der Männersorte, bei der das eine echte Garantie ist.“ Die Ironie seines Tonfalls war nur ganz schwach zu spüren.

„Worauf warten Sie also noch?“

Fillmore schüttelte den Kopf. „Nicht hier auf der Straße. Ich habe Ihnen vielleicht mehr zu sagen, als Sie erwarten. Kommen Sie, Bannister. Ich habe im Obergeschoss ein Zimmer gemietet. Dort sind wir ungestört.“

Er wandte sich zum Gehen, ohne eine Erwiderung abzuwarten. Mit angespannten Nerven folgte ihm Ward Bannister. Zwei Jahre lang hatte er die Sorge um seinen Bruder Ray mit sich herumgetragen. Das Verhalten von Duke Fillmore trug nicht dazu bei, diese Sorge schwinden zu lassen!

An der Seitenwand des Nebraska Saloons befand sich eine steile Außentreppe, die zu einer breiten Galerie hinaufführte. Dort oben waren die Türen zu den Fremdenzimmern.

Die Stufen knarrten leise unter den Tritten der beiden Männer. Keiner sprach mehr ein Wort. Der Lärm aus dem Saloon drang wie durch eine dicke Nebelwand zu ihnen. Straßenabwärts wieherte ein Pferd, Hufe stampften, und ein Mann fluchte betrunken. Ward Bannister schlug fröstelnd den Kragen seiner Wildlederjacke hoch. Fillmores Rücken war dicht vor ihm. Der Spieler blieb vor der ersten Tür stehen, drückte die Klinke nieder und sagte über die Schulter: „Kommen Sie nur herein, Bannister. Ich mache sofort Licht.“ Er tauchte in der Finsternis unter.

Ward zögerte auf der Schwelle. Vor ihm waren die sicheren Schritte des Spielers, der zum Tisch ging. Sonst war kein Laut zu hören. Die Nachtschwärze verhüllte jeden Gegenstand. Ward hatte das unbestimmbare Gefühl, eine Drohung gehe von diesem Raum aus. Aber es gab nicht das geringste Anzeichen dafür, und er schalt sich einen Dummkopf.

„Machen Sie die Tür zu, Bannister!“, sagte Fillmore. „Draußen ist es kalt.“

Ward hörte, wie der Spieler die Petroleumlampe rückte.

Er trat ein und zog die Tür ins Schloss.

Vor ihm in der Dunkelheit kratzte ein Schwefelholz. Ein gelbes Flämmchen leuchtete auf und bohrte blitzschnell einen hellen Kreis in die Schwärze des Raumes.

Fillmore zündete den Docht an, und ehe er noch den Zylinder darübersetzen konnte, drang aus der finsteren Ecke hinter der Tür eine kalte Stimme:

„Keine Bewegung, ihr beiden – sonst ist diese Nacht eure letzte!“

 

*

 

Ein Colthahn knackte trocken. Ward stand wie versteinert. Er wusste, dass er keine Chance hatte. Wenigstens nicht im Augenblick.

Ward schaute auf Fillmore, der ihm den Rücken zuwandte. Die Schultern des Spielers waren verkrampft. Er stand reglos da, den Lampenzylinder noch immer in der linken Hand. Das Streichholz brannte herab, das Flämmchen verlöschte zwischen seinen Fingerspitzen. Fillmore schien den Schmerz nicht zu spüren.

Das Erkennen, dass er von dem Spieler nicht in die Falle gelockt worden war, brachte für Ward keine Erleichterung.

Hinter sich hörte er schnelle harte Stiefeltritte. Die harte Stimme war jetzt ganz nahe:

„Johnny, Ned! Nehmt Ihnen die Schießeisen ab!“

Zwei Gestalten lösten sich aus dem Schatten außerhalb des Lichtkreises. Von der Seite her kamen sie vorsichtig auf Ward und Fillmore zu.

Duke Fillmores Erstarrung löste sich. Er ließ das verkohlte Streichholz fallen, setzte den Zylinder auf die Petroleumlampe und wandte sich um. Das Licht traf ihn von der Seite. Seine Augen funkelten wild.

„Corbett!“, sagte er zu dem Mann hinter Ward. „Wann seht ihr es endlich ein, dass es keinen Sinn hat?“

Einer der beiden anderen Banditen war neben Ward angelangt. Der große hagere Mann rührte sich nicht, als ihm der 45er-Colt aus dem Holster gezogen wurde.

Noch während Fillmore auf eine Antwort wartete, wurde er ebenfalls entwaffnet.

Die Desperados warfen die Colts achtlos in eine Zimmerecke und wichen, die Revolver immer noch im Anschlag, an den Rand des Lichtkreises zurück.

Der Bandit, der bisher vor der Tür gestanden hatte, schob sich tiefer ins Zimmer. Er tat es so, dass er ständig Fillmore und auch Ward Bannister im Schussfeld hatte. Er war ein stämmiger, kräftiger Mann mit einem buschigen Schnurrbart, kalten Augen und einem wuchtigen Kinn.

Fillmore starrte den Stämmigen an. „Hast du nicht gehört, Corbett? Es hat keinen Sinn, so oft ihr es auch versucht! Es ändert sich nichts!“

„Irrtum, Freund Fillmore! Heute wirst du unser Angebot nicht mehr ablehnen! Und dein Freund da kann dir überhaupt nicht helfen.“

„Er ist nicht mein Freund.“

„Wer dann?“

„Er ist … „, ein Zucken ging flüchtig über Fillmores Gesicht, „… er ist ein Mann, der mir Geld schuldet und nicht bezahlen kann!“

Corbett grinste breit. „Du arbeitest mit den Karten also immer noch so gut wie früher, was? Well, ein Grund mehr, dich auf unsere Seite zu bringen.“

„Das schafft ihr nicht! Ich habe euch oft genug gesagt, dass ich nicht mitmache.“

„Wir wissen jetzt auch, warum.“

Fillmore erbleichte. „Was willst du damit sagen?“

„Oh, mein Lieber, du brauchst kein Theater mehr zu spielen. Finde dich damit ab, dass du verloren hast.“

Einer der beiden übrigen Verbrecher bewegte sich. „Link“, fragte er unruhig, „soll dieser Kerl da alles mit anhören?“ Er wies mit dem Revolverlauf auf Ward.

„Hm! Du hast recht, Ned! Es ist besser …“

„Nein!“, rief Fillmore schnell. „Lasst ihn in Ruhe! Was er auch hört, er wird nichts verraten!“

„Bist du dessen sicher, Fillmore?“

„Absolut sicher!“

„Wenn er etwas ausplaudert, wird nicht nur er sterben“, erklärte Corbett drohend, „dann bist auch du an der Reihe, Fillmore!“

„Er wird schweigen!“

Fillmore warf Ward einen Blick zu, den dieser nicht zu deuten wusste.

Corbett zuckte die Achseln. „Meinetwegen! Du warst immer klug genug, dein Risiko genau einzuschätzen.“

Duke Fillmore lehnte sich gegen die Tischkante. „Ich verstehe nicht, dass ihr euch solche Mühe um mich macht.“

„Es ist alles genau eingefädelt, und du wirst eine wichtige Figur in unserem Spiel sein, Fillmore. Und schließlich – es geht um vierzigtausend Dollar!“

Fillmore hielt den Atem an. „Vierzigtausend?“

„Du hast schon richtig gehört!“ Wieder grinste Corbett. „Und die Tatsache, dass ich dir diese Summe nenne, sollte dir doch zeigen, wie sicher wir uns sind, dass du nun doch ja sagen wirst.“

In Fillmores Miene arbeitete es. „Ihr habt also einen Trumpf im Ärmel, wie?“

„Einen Trumpf, den du nicht überbieten kannst!“, nickte Link Corbett mit kalter Genugtuung.

„Heraus damit!“, forderte Fillmore. Langsam schob Corbett seinen Colt in das Holster zurück, langte in die Brusttasche seines Reithemdes und zog eine dünne Kette mit einem silbern schimmernden Medaillon hervor.

Ein tückisches Licht stand in seinen Augen, als er fragte: „Nun, Freund Fillmore, kennst du das?“

Fillmore erbleichte. „Woher hast du das, Corbett?“

„Woher?“, lachte der Bandit rau auf. „Welche Frage! Von deiner Schwester, Fillmore! Ihr gehört doch diese Kette, nicht wahr?“

 

*

 

Fillmores Hände krampften sich um die Tischkante.

„Was ist mit Ellen?“, keuchte er. „Was habt ihr ihr getan?“

„Nur keine Aufregung!“, sagte Corbett kalt. „Der Lady passiert gar nichts – vorausgesetzt, du bist vernünftig. Verstehst du jetzt?“

Einen Moment schloss Duke Fillmore die Augen. „Ihr Schufte!“, flüsterte er. „Ihr gemeinen Halunken!“

Corbett zuckte ungerührt die breiten Schultern. „Wärst du anfangs sofort in die Sache eingestiegen, hätten wir dir das ersparen können. Aber du warst ja fest davon überzeugt, uns abschütteln zu können. Well, es war dein Pech, dass wir herausfanden, warum du noch hier in Omaha bliebst. Der Besuch deiner netten kleinen Schwester aus Topeka stand bevor. Und ihretwegen wolltest du mit uns nichts mehr zu tun haben. Sie scheint dir ja eine Menge zu bedeuten, wie?“ Er grinste hämisch.

Fillmore stieß sich vom Tisch ab. „Corbett, ich verlange, dass ihr Ellen sofort freigebt! Ich werde …“

„Du hast gar nichts zu verlangen!“, unterbrach ihn Link Corbett schroff.

„Die Forderungen stellen wir. Wenn du zur rechten Zeit an Bord des Flussdampfers River Queen gehst und tust, was wir verlangen, dann ist alles in bester Ordnung – für dich, für deine Schwester und auch für uns. Also?“

Fillmore senkte den Kopf und schwieg.

Corbett wart die Kette achtlos auf die Tischplatte. „Ich denke“, erklärte er leise und gepresst, „du hast gar keine andere Wahl mehr. Das Leben deiner Schwester sollte dir doch ein gewisses Risiko wert sein. Und noch etwas, Fillmore: Du kennst doch unseren Boss! Wenn es um vierzigtausend Dollar geht, schreckt er bestimmt vor nichts zurück.“ Fillmore seufzte tief auf. „Ihr habt gewonnen!“

„Schön, dass du das einsiehst. Die River Queen legt morgen Nachmittag ab. Halte dich bis dahin bereit. Wir werden dir noch rechtzeitig Bescheid geben.“

Er klopfte dem Spieler auf die Schulter.

„Und vergiss nicht: Was hier geredet wurde, bleibt unter uns. Für diesen Mister, der dir angeblich Geld schuldet, bist du verantwortlich! Glaubst du nicht doch, es ist besser, wenn wir ihn …“

„Nein! Er wird tun, was ich verlange. Er ist keine Gefahr.“

„Gut, das wäre alles. Boys, wir gehen!“

Er winkte den beiden anderen Männern zu und ging zur Tür.

Die Schritte der Banditen verklangen auf der Außentreppe. Schnell durchquerte Ward Bannister den Raum und hob seinen Colt auf. Er drehte sich Fillmore zu. Dieser stand noch immer reglos vor dem Tisch, bleich und mit zusammengepressten Lippen.

Ward räusperte sich und sagte: „Sie sind da in eine schlimme Lage geraten, wie?“

Langsam wandte der Spieler den Kopf. Seine Miene war merkwürdig kalt, eine wilde Entschlossenheit brannte in seinen Augen. „Es ist gut, dass Sie alles mit angehört haben.“

Ward zog die Augenbrauen hoch. „Das verstehe ich nicht.“

Fillmore achtete nicht auf den Einwand. Er sagte langsam: „Ich werde Ihnen genau erklären, um was es geht. Corbett braucht mich zu einem Raubüberfall. Auf dem Flussdampfer, der morgen Nachmittag Omaha verlässt, reist der Teilhaber einer großen Goldmine in Montana. Die Bande hat irgendwie herausgefunden, dass er Lohngelder befördert. Vierzigtausend Dollar, Sie haben es vorhin selber gehört! Was ich dabei tun soll, weiß ich noch nicht.“

„Warum sagen Sie mir das alles?“

„Weil ich Ihre Hilfe brauche, Bannister.“

Ward runzelte die Stirn. „Sie haben früher schon mit diesen Leuten zusammengearbeitet?“

„Yeah!“

„Ich bin keine Freund von Desperados“, erklärte Ward trocken. „Ich glaube, Fillmore, es war ein Fehler, mich so viel wissen zu lassen. Wie konnten Sie vorhin Corbett gegenüber nur behaupten, dass Sie meines Schweigens gewiss sind.“

„Ich bin es tatsächlich!“

„Und ich denke nicht daran, einfach so zu tun, als hätte ich nichts gehört!“, entgegnete Ward scharf.

Fillmore verzog die Mundwinkel. „Sie vergessen eines, Bannister – Ihren Bruder Ray!“

 

*

 

Ein Schatten huschte über Wards wettergegerbtes Gesicht. „Ich fange an, Sie zu durchschauen.“

Fillmore lächelte kalt. „Ich stecke in der Klemme. Ich muss zu jedem Mittel greifen, das sich mir bietet. Sehen Sie, Bannister, ich habe ganz und gar keine Lust, mich auf die Sache mit den vierzigtausend Dollar einzulassen. Ich …“

Ward unterbrach ihn: „Würde für Sie nicht ein schöner Anteil abfallen? Ist das gar keine Verlockung für Sie?“

„Vielleicht!“ Duke Fillmores Miene gewann die alte Undurchdringlichkeit zurück. „Aber wie gesagt, meine Schwester bedeutet mir sehr viel. Sie soll mich nicht als Helfer einer skrupellosen Verbrecherbande finden. Deshalb werde ich alles tun, um morgen nicht an Bord der River Queen gehen zu müssen.“

„Es gäbe nur einen einzigen Ausweg dafür: die Befreiung Ihrer Schwester!“

„Genau! Und jetzt hören Sie mir gut zu, Bannister. Ich bin nicht nur fix mit den Karten, ich verstehe auch zu denken. Meine Rechnung ist ganz einfach. Ich kann nichts unternehmen, ohne Ellen zu gefährden. Sie dagegen werden die Bande wahrscheinlich nicht besonders interessieren. Im Saloon haben Sie bewiesen, wie schnell Sie mit dem Colt und wie gut Sie mit den Fäusten sind, genau der richtige Mann für mich. Bannister, Sie werden noch in dieser Nacht losreiten, um Ellen zu helfen.“

„Meinen Sie wirklich, Ihre Rechnung geht auf?“

„Wenn Ihnen wirklich so viel daran liegt, Ihren Bruder zu finden, dann schon! Ich allein weiß, wo Ray zu treffen ist. Und ich sage Ihnen, Bannister, es ist höchste Zeit, dass Sie ihn finden – das ist kein Bluff!“

Ward machte zwei schnelle Schritte, bis er dicht vor dem Spieler stand. Heiser stieß er hervor: „Was ist mit Ray?“

„Geben Sie sich keine Mühe, Sie bekommen nicht mehr aus mir heraus!“

Wards Mundwinkel verkniffen sich. „Fillmore, überspannen Sie den Bogen nicht!“

„Keine Drohungen, Bannister! Sie werden Ray treffen, wenn Sie mir helfen. Ich werde Sie zu ihm bringen, mein Wort darauf.“

„Ihr Wort? Wie viel ist das wert?“, fragte Ward beißend.

„Sie kennen mein Angebot. Es liegt bei Ihnen, darauf einzugehen. Erwarten Sie nicht, dass ich nachgebe.“

„Sie sind verrückt, Mann!“, stieß Ward in jäher Heftigkeit hervor. Die Anspielung des Spielers über seinen Bruder hatte ihn mehr getroffen, als er sich eingestehen wollte. „Wer sagte Ihnen denn, dass ich überhaupt eine Chance habe, an die Entführer Ihrer Schwester heranzukommen.“

„Sie müssen es jedenfalls versuchen. Ich habe Ihnen gesagt, dass ich schon früher mit diesen Leuten zusammenarbeitete. Ich kenne eine Blockhütte elf Meilen westlich von Omaha. Ich nehme an, dass man Ellen dorthin gebracht hat, da diese Hütte der Bande bereits vor längerer Zeit als Quartier diente. Well, Bannister, ich werde Ihnen den Weg dorthin beschreiben.“

„Ein Mann gegen eine ganze Bande?“, fragte Ward bitter. „Fillmore, Sie stellen sich die Sache zu einfach vor.“

„Gewiss nicht! Aber es ist für mich die letzte Chance – und für Sie auch!“

Ward atmete tief ein. Die dunklen Linien um seinen Mund kerbten sich tiefer.

„Sie sind wirklich ein gerissener Spieler, Fillmore“, murmelte er rau, „und nicht nur am Pokertisch.“

„Kann ich das als Zustimmung werten?“

„Zum Kuckuck, ja!“, knurrte Ward. „Beschreiben Sie mir den Weg zu der Hütte!“

 

*

 

Blau und seidig spannte sich der Himmel über dem welligen Grasland. Die Sonne hatte fast ihren höchsten Stand erreicht, und die Schatten in den Mulden brachten keine Kühlung.

Die Hufe des braunen Wallachs pochten dumpf auf dem dicken Grasteppich.

Ward Bannister hatte den Stetson tief in die Stirn gezogen.

Seine stahlblauen Augen tasteten wachsam jede Einzelheit des Geländes ab. Nichts deutete drauf hin, dass es außer ihm und seinem Pferd noch ein weiteres Lebewesen in dieser Einsamkeit gab.

Die erste Hälfte des Weges hatte er in flottem Tempo zurückgelegt, jetzt ritt er langsam und vorsichtig, vermied es, einen Hügelkamm zu überqueren und hielt sich sorgfältig in den Senken und Rinnen, die das Prärieland westlich von Omaha durchfurchten.

Wards Miene war gestrafft. Seine Gedanken arbeiteten. Er wusste genau, was auf dem Spiel stand: für ihn, für Ellen Fillmore und deren Bruder. Der Gedanke an den Spieler ließ kalten Grimm in Ward auf steigen. Er sagte sich zwar, dass Duke Fillmores Situation gewissermaßen verzweifelt war, und vielleicht sprach es sogar für ihn, dass er alles daransetzte, um nicht zum Helfer einer Bande Gesetzloser zu werden. Trotzdem konnte Ward seinen Widerwillen gegen die Gerissenheit, mit der Fillmore jede nur erdenkliche Möglichkeit nutzte, nicht unterdrücken.

Und dabei war er – Ward Bannister – nunmehr auf Gedeih und Verderb mit dem Schicksal dieses Mannes verbunden.

Die Sorge um seinen jungen Bruder Ray kam wieder. Zwei Jahre war sich Ray allein überlassen gewesen – zwei Jahre, die in Rays Alter eine lange Zeit waren. Und wieder musste er sich daran erinnern, wie Fillmore gesagt hatte, es sei höchste Zeit, dass er ihn finde!

Er erreichte den Fuß eines langschwingenden strauchbewachsenen Hanges. Oben auf dem Kamm standen drei mächtige alte Sykomoren. Goldenes Sonnenlicht spielte im dichten Laubwerk der ausladenden Kronen, die Rinde war rissig und grau. Ward hielt den Wallach an. Er hatte Fillmores Wegbeschreibung genau im Kopf und wusste, dass gleich hinter diesem Hügel eine Schlucht lag – die Schlucht mit dem Banditenblockhaus!

In Wards Augen erschien ein kaltes Leuchten, das unnachgiebige Entschlossenheit verriet.

Geschmeidig schwang er sich aus dem Sattel.

Er tätschelte dem Tier flüchtig den Hals und schlang die Zügel locker um das steile Sattelhorn. Er konnte sich darauf verlassen, den Braunen an derselben Stelle zu finden, wenn er zurückkam. Wenn! – Seine Gedanken verweilten einen Moment bei diesem Wort. Dann rückte er mit einer knappen Bewegung den Revolvergurt zurecht und bewegte sich geduckt, die Hand am Coltkolben, zwischen den Dogwood- und Juniperensträuchern den Hang hinauf.

Die Stille dauerte an. Da war nur das leise Rascheln des Gammagrases an seinen Stiefelschäften. Oben auf dem Hügelkamm drückte Ward sich hinter den Stamm der mittleren Sykomore.

Vor ihm fiel der Hang steil ab. Unten klaffte eine breite Schlucht. Cottonwoodbäume und Sykomoren wuchsen da unten, dazwischen lagen riesige moosüberzogene Felsblöcke, wie von Riesenhand achtlos hingestreut. Auf der anderen Seite türmten sich steile glatte Felswände in die Höhe.

Blitzschnell hatte Wards Blick alles abgetastet. Nun heftete er sich auf die kleine windschiefe Blockhütte am schattigen Ende der Schlucht. Ein Korral befand sich daneben, er war leer. Die Hüttentür hing schief in den Angeln. Die Dämmerung dahinter war undurchdringlich. Kein Mensch war zu sehen. Nur das zertretene Gras innerhalb des Korrals deutete darauf hin, dass sich in letzter Zeit da unten Pferde aufgehalten hatten.

Ward leckte sich über die trockenen Lippen. Es gab nur eine Möglichkeit: Er musste in die Schlucht hinab. Seine Finger schlossen sich hart um den abgewetzten Kolben seines 45ers. Langsam schob er sich hinter dem schützenden Baumstamm hervor – ein deutliches Ziel für jeden guten Schützen, der sich da unten im Blockhaus aufhalten mochte.

Nichts geschah.

Bei den buschbewachsenen Schluchträndern auf der anderen Seite stieg eine Prärielerche steil zum Himmel empor, und ihr schwereloses Trillern war weit über die Hügel zu hören. Ward Bannisters Anspannung lockerte sich ein wenig.

Die letzte Hangstrecke legte er in langen schnellen Sätzen zurück. Dann tauchte er zwischen den Bäumen und Felsen unter und atmete erleichtert auf. Sein Misstrauen war verschwunden. Doch dann kam die Enttäuschung. Er war umsonst hierhergekommen! Würde Ellen Fillmore sich hier befinden, dann musste mindestens ein Wächter bei ihr sein, der Wards Kommen bemerkt hätte.

Bitterkeit kam in Ward auf.

Es war kurz vor Mittag. Nachmittags würde die River Queen vom Anlegeplatz in Omaha abdampfen, und es gab nun nichts mehr, was Duke Fillmore davon abhalten konnte, an Bord zu gehen.

Alles in Ward sträubte sich dagegen, schon aufzugeben. Das zertretene Gras im Korral verriet, dass sich vor kurzem Reiter in der Schlucht aufgehalten hatten: Ellen Fillmores Entführer, daran zweifelte er nicht. Vielleicht fand er in der Hütte etwas, was ihm Aufschluss gab, wohin sich die Banditen mit ihrer Gefangenen gewandt hatten.

Ward blieb vor der Schwelle stehen. Seine Augen versuchten, die Dämmerung hinter der halboffenen Tür zu durchdringen.

Von einer seitlichen Fensterluke fiel ein Bündel goldener Sonnenstrahlen mitten in den Raum. Sie bildeten einen viereckigen Lichtfleck auf einer rissigen Tischplatte, und mitten in diesem goldenen Fleck, der in die Dämmerung des übrigen Raumes wie hineingestanzt wirkte, lagen zwei weiße lange Damenhandschuhe.

Ward hielt unwillkürlich den Atem an. Dann gab er sich einen Ruck, stieß die Tür vollends auf und trat mit einem langen Schritt über die Schwelle – direkt in die Falle hinein!

„Hände hoch, und keine Bewegung!“, sagte eine kratzende Stimme hinter ihm. Gleichzeitig war ein metallenes Knacken zu vernehmen: Ein Gewehr- oder Revolverhahn wurde gespannt.

 

*

 

Zwei Schritte vom Tisch entfernt blieb Ward stehen. Er spürte ein seltsames Kribbeln im Nacken.

Er hob langsam die Arme, und seine Muskeln verkrampften sich in Erwartung des Schusses, der ihn mitten in den Rücken treffen würde.

„Jetzt kannst du dich umdrehen, Mister!“, knurrte da der Mann hinter ihm.

Ward gehorchte. Er sah in ein derbes schwarzbärtiges Gesicht. Kleine gefährliche Augen funkelten unter dicken schwarzen Brauen. Der Mann war hochgewachsen und breit gebaut. Er hielt eine langläufige Volcanic-Rifle im Hüftanschlag, sein Finger ruhte am Abzug.

„Ein unbekanntes Gesicht!“, brummte der Bärtige. „Wer bist du? Wie kommst du hierher?“

„Ich bin auf dem Weg nach Omaha. Ich kam zufällig an diese Schlucht. Und als ich diese Hütte sah …“

„Lüge! Das kannst du dir sparen, Mann! Wie heißt du?“

Wards Gedanken suchten fieberhaft nach einem Ausweg. Es gab keinen Zweifel daran, dass er einen von Link Corbetts Komplizen vor sich hatte. Aber solange sich der Mann auf eine Unterhaltung mit ihm einließ, war noch nicht alles verloren. Vorerst blieb ihm nur eines: Er musste Zeit gewinnen.

„Hast du nicht gehört?“, grollte der Schwarzbärtige. „Deinen Namen will ich wissen!“

„Bannister! Ich …“

Der Bandit lachte rau auf.

„Bannister! Das ist gut. Jetzt sage nur noch, dass du Ray Bannister bist!“

Er lachte wieder. Doch die Riflemündung zielte unverwandt auf Wards Brust.

Ward vergaß die Gefahr, die von der Waffe ausstrahlte. Er beugte sich erregt vor. Sein Blick bohrte sich in das derbgeschnittene Gesicht seines Gegenübers.

„Ray!“, keuchte er. „Ray Bannister! Wo steckt er? Was wissen Sie über ihn?“

Die kleinen schwarzen Augen des Desperados verengten sich. Er schob sich langsam aus dem dunklen Winkel hinter der Tür so nahe an Ward heran, dass der Gewehrlauf fast Wards Gürtelschnalle berührte.

„Ich dachte es mir doch!“, knurrte der Mann. „Du bist also doch nicht nur zufällig hier hereingeschneit, wie?“ Er presste grimmig die Lippen zusammen und rammte den Riflelauf nach vorne.

Ward krümmte sich blitzschnell, wich dadurch dem brutalen Stoß aus, und schon schlossen sich seine Fäuste um den Gewehrlauf und drückten ihn mit aller Kraft zur Seite.

Der Bandit fluchte laut, dann füllte das berstende Dröhnen des Schusses die kleine Hütte.

Ward spürte den sengenden Hauch der Stichflamme. Die Kugel zischte an seiner linken Hüfte vorbei und bohrte sich irgendwo hinter ihm in die Balkenwand. Beizender Pulverrauch wölkte auf.

Der Bandit ließ geistesgegenwärtig das Gewehr los, warf sich rückwärts zur Tür und langte gleichzeitig zum Revolver. Ward verlor einen kostbaren Sekundenbruchteil dadurch, dass er die Rifle gepackt hielt. Er schleuderte das Gewehr zur Seite, sah, wie der Colt des Banditen bereits aus dem Holster kam und ließ sich auf die Knie fallen.

Die Waffe des Verbrechers spie eine gelbrote Feuerzunge. Ward fühlte den Luftzug des Geschosses an der rechten Schläfe, dann sprang ihm sein eigener 45er förmlich in die Hand.

Er schoss, doch die Kugel klatschte nur in das morsche Holz des Türrahmens. Der Bandit hatte sich rückwärts ins Freie fallen lassen.

Für einen Augenblick waren noch seine Stiefel zu sehen, dann war er verschwunden.

Ward schnellte hoch und war mit einem Tigersprung an der Tür. Draußen mahlten Schritte im zertretenen Gras.

Von der Hüttenecke her fauchte ein neuer Schuss. Neben Wards Gesicht wirbelten Holzsplitter durch die Luft.

Ward Bannister biss sich auf die Unterlippe. Dieser schwarzbärtige Bandit war ein gefährlicher Gegner.

Wenn er jemals lebendig aus dieser verborgenen Schlucht herauswollte, dann musste er diesen Mann besiegen!

Ein jäher Gedanke zuckte durch sein Gehirn.

Die Hüttentür stand nach innen offen. Er packte sie, hob sie aus den Angeln und schleuderte sie ins Freie.

An der Hüttenecke rasten Schüsse auf, die Kugeln bohrten sich knirschend in die Türbretter.

Den Moment, da der Bandit abgelenkt wurde, benutzte Ward, um sich mit einem wilden Hechtsprung ins Freie zu schnellen.

Er landete auf Knien und Ellenbogen im Gras, warf sich herum, und während er noch feststellte, dass er die Schmalseite der Blockhütte einsehen konnte, blitzte es vor ihm abermals auf. Er rollte zur Seite, sein 45er schwang flirrend hoch, und der Knall seiner Waffe vermischte sich noch mit der Detonation des Banditencolts.

Ward kam geduckt in die Höhe, den Colt in der Faust bereit, einen weiteren Schuss hinauszujagen.

Der Schwarzbärtige taumelte hinter der Ecke hervor, beide Hände gegen die Brust gepresst. Seine Augen waren aufgerissen und starrten Ward mit einem Ausdruck tiefster Ungläubigkeit an. Dann gaben die Beine unter ihm nach. Er fiel vornüber und rührte sich nicht mehr.

Ward ließ den Colt sinken.

Mit einer müden Bewegung schob er die Waffe in das Holster zurück und ging steifbeinig auf den Getroffenen zu. Er kniete nieder und drehte den Mann auf den Rücken. Die Augen des Schwarzbärtigen waren geschlossen, sein Atem ging flach und stoßweise.

Beim Anblick des Blutes auf seinem Hemd kniffen sich Wards Mundwinkel noch mehr nach unten. Er beugte sich hinab.

„Können Sie mich verstehen?“, fragte er eindringlich. Seine Stimme war heiser. „Ich habe eine Frage an Sie.“

Die Augen des Verletzten öffneten sich. Sie starrten Ward trübe an.

Nichts deutete darauf hin, dass der Bandit Ward gehört oder verstanden hatte. Wächserne Blässe überzog allmählich sein breites Gesicht und bot einen scharfen, fast unheimlichen Kontrast zu der Schwärze seines dichten Vollbarts.

„Wo ist Ellen Fillmore?“, drängte Ward. „Wohin wurde sie gebracht?“

Die Lippen des Desperados bewegten sich. Es dauerte eine Weile, bis die Worte leise und brüchig hervorkamen. „Sie bringen … sie nach … Yankton. Dort wollen sie…“ Die Stimme versagte ihm.

„Und noch etwas“, sagte Ward rasch, und ein Schwanken lag in seiner heiseren Stimme, „woher kennen Sie den Namen Ray Bannister? Was ist mit Ray?“

Die Lider des Schwarzbärtigen flatterten. Seine Hände krallten sich in die dünne Grasnarbe, die die Schluchtsohle bedeckte.

Die trockenen, rissigen Lippen bewegten sich matt. „Warum …“

„Er ist mein Bruder!“, stieß Ward hervor. „Ich suche ihn seit zwei Jahren. Ich muss ihn finden!“

„Ihr … Bruder? Mein Gott, und Sie … wissen nicht…“ Sein Kopf fiel plötzlich zur Seite.

Ward starrte in das farblose Gesicht, und eine bleierne Leere breitete sich in ihm aus. Er wischte sich fahrig über die Stirn.

Langsam erhob er sich. Ein Würgen saß in seiner Kehle. „Was wollte er nur sagen“, flüsterte er. „Mein Gott! Wenn ich das nur wüsste!“

Dann fiel ihm ein, was der Bandit über Ellen Fillmore gesagt hatte. Die anderen Bandenmitglieder brachten sie also in die Stadt Yankton am Missouri, an der Nordgrenze des Nebraska-Territoriums. Weil Yankton auf dem Weg lag, den der Flussdampfer River Queen nehmen würde? Ward Bannister fiel es schwer, in diesen Minuten darüber nachzudenken.

Momentan zählte nur, dass er eben einen unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod hatte ausfechten müssen, dass ein toter Mann zu seinen Füßen lag und dass die Sorge um seinen jungen Bruder Ray zu einem quälenden Brand angewachsen war.

 

*

 

Das Klopfen an der Tür war hart und ungeduldig. Duke Fillmore sprang sofort hoch, warf die halbgerauchte Zigarette in den Aschenbecher und öffnete. Das erregte Funkeln schwand aus seinen Augen, als sich wortlos eine schmale mittelgroße Gestalt über die Schwelle schob. Es war einer von Link Corbetts gestrigen Begleitern.

Der Bandit warf die Tür zu, lehnte sich daneben an die Wand und grinste den Spieler schief an.

„Enttäuscht, wie? Hast du jemand anderen erwartet?“

„Was willst du, Hogarth?“

„Bist du zur Abreise fertig?“

„Es ist noch nicht Mittag. Ich dachte …“

„Wir gehen jetzt, Fillmore.“

„Aber …“

„Das ist ein Befehl, verstehst du?“ Ned Hogarth langte in die Innentasche seiner Jacke. „Hier ist deine Fahrkarte. Ich habe bis Pierre gebucht. Bis dorthin haben wir alles erledigt.“

Fillmore nahm wie automatisch die Karte entgegen. Er drehte sie zwischen den Fingern und starrte zu Boden. Hogarth erklärte:

„Ich werde ebenfalls an Bord der River Queen sein. Du wirst dort von mir alle weiteren Anweisungen erhalten.“

Fillmores Kopf ruckte hoch. „Ihr habt doch gesagt, der Dampfer fährt erst nachmittags ab. Ich brauche noch Zeit …“

„Du brauchst gar nichts! In einer halben Stunde legt die River Queen ab. Wir müssen uns beeilen.“

„In einer halben Stunde?“, wiederholte Fillmore erregt.

„Genau!“ Hogarth grinste. „Sie muss außerhalb von Omaha noch Brennholz an Bord nehmen, deshalb.“

„Ich wette, das habt ihr bereits gestern gewusst.“

„Sicher, Fillmore. Warum bist du so aufgeregt? Wartest du vielleicht doch auf jemanden?“

Ned Hogarths Blick wurde lauernd. „Vielleicht auf diesen Mister, der dir angeblich Geld schuldet, wie? Es ist doch seltsam, dass er seit heute Morgen nicht mehr in der Stadt zu sehen ist.“

„Zur Hölle mit dir!“, knurrte Fillmore und drehte sich ab. Seine rechte Hand kroch vorsichtig in den Ausschnitt seines dunklen Rocks. Den Blick starr auf die Wand geheftet, sagte er heiser: „Es wird euch kein Glück bringen, dass ihr mich zu dieser Sache zwingt!“ Und dann wirbelte er blitzschnell herum, seine Hand zuckte aus dem Jackenausschnitt und hielt einen doppelläufigen Derringer umklammert.

„Du unterschätzt mich, Fillmore!“, sagte Hogarth kalt. Der Lauf seines Colts zielte schon auf den Spieler.

Fillmore staute den Atem, die Farbe wich aus seinem Gesicht. Langsam kam Hogarth auf ihn zu. „Was hattest du dir eigentlich davon erhofft? Hast du vergessen, dass sich deine Schwester in unserer Gewalt befindet? Oder willst du plötzlich keine Rücksicht mehr auf sie nehmen?“

„Vielleicht irrst du dich!“, presste Fillmore hervor. „Vielleicht ist Ellen gar nicht mehr eure Gefangene.“

Ned Hogarth lachte leise. „So rechnest du also. Mein Lieber, deine Rechnung geht nur leider nicht auf. Du hast also doch auf den Mister mit dem Ledergesicht gewartet, wie? Und gehofft, dass er dein Schwesterlein heil zurückbringt! Hast du ihn etwa zur Hütte in der Schlucht westlich von Omaha geschickt? Ich fürchte, dann wird er nicht lebend zurückkehren. Dort wartet man nämlich schon auf ihn. Und jetzt, Fillmore, steck dein Schießeisen weg! Es ist nicht schön, dass du wieder einmal ein falsches Spiel eingefädelt hast. Aber ich will es vergessen, wenn du vernünftig bist.“

Er stand jetzt so dicht vor Fillmore, dass seine Coltmündung beinahe den Spieler berührte.

Auf Duke Fillmores Stirn standen dünne Schweißperlen. Er starrte auf den Derringer in seiner Rechten, schaute in Hogarths kaltes verschlagenes Gesicht und ließ schließlich die Waffe sinken.

„Ein Falschspieler muss auch verlieren können, nicht wahr?“, sagte Ned Hogarth mit einem spöttischen Lächeln. „Gehen wir jetzt?“

Fillmore nickte wortlos.

 

*

 

Ein leises Geräusch riss Ward Bannister aus seiner düsteren Versunkenheit.

Er wirbelte geduckt herum, und seine Rechte klatschte auf den abgewetzten Kolben des schweren 45er-Colts.

Ein Dutzend Schritte von ihm entfernt stand ein Mann im Schatten eines hohen Felsblocks. Ward schaute in die Mündung einer Winchester 66, die erst voriges Jahr auf den Markt gekommen war.

„Hand weg vom Colt!“, sagte der Fremde mit gutturaler Stimme. „Nicht rühren!“

Wards Blick hob sich von der Gewehrmündung und traf in ein breitflächiges dunkelhäutiges Gesicht mit kohlschwarzen Augen und scharf hervortretenden Backenknochen. Er hatte einen Indianer vor sich, einen gedrungenen, stämmigen Mann in fransenverzierter Lederkleidung.

Der Rote kam langsam und lautlos auf ihn zu.

„Du hast ihn getötet“, sagte er dumpf. „Du wirst dafür bezahlen müssen. Warum bist du gekommen?“

„Bist du sein Freund?“

„Ich arbeite mit den weißen Männern zusammen. Muss ich deshalb ihr Freund sein?“

„Dann gehörst du also zur Bande!“, sagte Ward.

„Ich habe dich gefragt, warum du gekommen bist!“ Der Indianer blieb drei Schritt von Ward entfernt stehen. Sein dunkles Gesicht wirkte wie eine holzgeschnittene Maske.

„Ich wollte die weiße Frau befreien, die ihr entführt habt“, antwortete Ward achselzuckend.

„Du hast den verkehrten Weg eingeschlagen!“

„Ich weiß“, sagte Ward müde und bitter.

„Schnall deinen Gurt ab!“

„Was hast du mit mir vor?“

„Du wirst gefangen in dieser Schlucht bleiben, bis die anderen zurückkommen. Schnall ab!“

Ward tastete zur Schnalle des Revolvergurts. Er wusste genau, dass er keine Chance mehr besaß, wenn er die Waffe einmal abgelegt hatte. Seine Gedanken arbeiteten fieberhaft. Aber da war die starre Gewehrmündung, und die Wachsamkeit in den schwarzen Augen des Roten ließ keinen Sekundenbruchteil nach.

Ward presste die Lippen zusammen. Seine Finger öffneten die Schnalle. Er ließ den Gurt jedoch nicht zu Boden fallen, nahm ihn in die Rechte und warf ihn seinem Gegenüber zu.

„Hier, nimm!“

Für einen Moment war die Aufmerksamkeit des Indianers abgelenkt. Seine Linke zuckte vor und fing den Gurt mit dem Coltholster daran auf.

Der Winchester lauf ruckte einige Zoll zur Seite.

Ward stieß sich mit dem rechten Fuß vom Boden ab. Seine Fäuste schossen nach vorne, drückten das Gewehr zur Seite, und schon rammte seine Schulter gegen den indianischen Banditen.

Kein Laut kam über die Lippen des Roten. Er reagierte blitzschnell, ließ Winchester und Revolvergurt fallen und klammerte sich mit beiden Händen an Wards Hemd fest.

Wards Anprall warf ihn zurück, er ging zu Boden, riss jedoch den großen ledergesichtigen Weißen mit sich. Sie rollten keuchend im Gras. Ward versuchte, seinen Gegner mit einem Fausthieb zu treffen. Doch der Indianer bog geistesgegenwärtig den Kopf zur Seite und fing Wards Arm ab. Ward riss sich von ihm los und kam auf die Knie.

Details

Seiten
130
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935424
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511578
Schlagworte
falsches spiel river queen

Autor

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Titel: Falsches Spiel auf der River Queen