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Sendbote der Hölle

2019 117 Seiten

Zusammenfassung


Seltsame Todesfälle beschäftigen Doc Landon. Er glaubt, dass er etwas Großem auf der Spur ist. Als Gregor Handock wegen urplötzlich auftretender brauner Flecken auf seinem Körper diesen Doc aufsucht, sieht der seine Chance. Landon betäubt Handock und bringt ihn in seinen Keller.
Handocks Frau wendet sich an die drei Dämonenjäger, da sie glaubt, dass die Polizei ihr nicht helfen wird, ihren vermissten Mann zu finden. Die Dämonenjäger ahnen, dass die Orkusen ihre Hand im Spiel haben …

Leseprobe

Table of Contents

Sendbote der Hölle

Copyright

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Sendbote der Hölle

Grusel-Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

Seltsame Todesfälle beschäftigen Doc Landon. Er glaubt, dass er etwas Großem auf der Spur ist. Als Gregor Handock wegen urplötzlich auftretender brauner Flecken auf seinem Körper diesen Doc aufsucht, sieht der seine Chance. Landon betäubt Handock und bringt ihn in seinen Keller.

Handocks Frau wendet sich an die drei Dämonenjäger, da sie glaubt, dass die Polizei ihr nicht helfen wird, ihren vermissten Mann zu finden. Die Dämonenjäger ahnen, dass die Orkusen ihre Hand im Spiel haben …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Werner Öckl, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Doc Landon war verstört. Er bedeckte die Leiche mit einem weißen Tuch. Wie konnte das nur passieren? Marc Steeman war in seine Praxis gekommen und hatte darauf bestanden, auf Herz und Nieren untersucht zu werden. Landons Diagnose war rasch gestellt. Es handelte sich um einen Hypochonder, der so gesund wie ein Zuchtstier war und sich doch reif für den Friedhof fühlte.

Patrick Landon schrieb ein Rezept gegen Schnupfen aus, als den Mann ein Hustenkrampf überfiel. Sein Gesicht hatte sich verfärbt. Er schoss vom Stuhl hoch, verzog schmerzhaft das Gesicht, stieß einen Schrei aus und wollte Worte formen. Doch es kam nur ein unverständliches Gestammel zustande, bis der Ire mit einem Blutsturz zusammenbrach. Dann gab der Mann kein Lebenszeichen mehr von sich.

Patrick Landon fasste es nicht und pries die späte Stunde. Um diese Zeit war seine Sprechstundenhilfe längst fort.

Brach seine große Chance an? Hatte das Schicksal ihm die Gelegenheit zugespielt, ein noch unbekanntes Leiden zu erforschen?

Seine Praxis ging mehr schlecht als recht. Man stufte ihn in der Fachwelt als drittklassigen Mediziner ein. Jetzt konnte er es den Kollegen beweisen. Er beugte sich über den Toten, der ihm gehörte. Kein Mensch würde erfahren, wo die Spur Marc Steemans endete.

Landon griff nach dem Koffer mit dem Sezierbesteck und klemmte sich einige Tücher unter den Arm. Bevor er im Keller mit der Obduktion begann, machte er einige Eintragungen in ein großes, schwarzes Heft. Dann schleppte er den Toten nach unten und setzte das Skalpell an …

*

Gregor Handock war beunruhigt. Die braunen Flecken auf seiner Haut, die über Nacht aus dem Nichts aufgetaucht waren, machten ihn misstrauisch. Er hatte von Hautkrebs gehört, der wie ein kosmetischer Schönheitsfehler begann und nach langem Martyrium mit einem qualvollen Tod endete. Er besah sich im Spiegel. Er hätte zufrieden sein können mit seinem durchtrainierten Körper und der gleichmäßigen Bräune der glatten Haut. Das markant geschnittene Gesicht brauchte keinen Bart, der Unvollkommenheiten verstecken müsste.

Doch da waren die Flecken, handtellergroß auf Brust und Rücken ...

Da er noch nie gegen irgendetwas allergisch gewesen war, konnte es sich nur um ein ernstes Warnzeichen handeln.

Chris hatte noch nichts bemerkt. Aber länger konnte er es ihr unmöglich verheimlichen.

Gregor Handock liebte seine Frau über alles. Sie waren glücklich miteinander. Seit über vier Jahren schon. Sollte dieses Glück jetzt zu Ende sein?

Einen Tag wartete Chris Handock. Als ihr Mann dann noch immer nicht aufgetaucht war, ging sie zur Polizei. Sergeant Willis nahm das Protokoll auf. Er ließ sich Zeit dabei. So eine hübsche Dame verirrte sich selten in eine muffige Dienststube.

»Seit wann, sagten Sie, ist Ihr Mann nicht mehr nach Hause gekommen?«

»Seit er gestern früh zur Arbeit fuhr.«

»Und ist er dort eingetroffen?«

»Ja. Er hat normal Dienst gemacht. Er ist in einem Reisebüro als Reiseleiter beschäftigt.«

Sergeant Willis machte seine Eintragungen.

»Haben Sie ein Foto von ihm dabei?«

»Natürlich!« Chris Handock förderte aus ihrer Handtasche ein dünnes Mäppchen mit Fotografien zutage.

Der Polizist studierte die Bilder. Wenn er so aussehen würde wie dieser Handock, käme er wahrscheinlich öfter mal eine Nacht nicht nach Hause, dachte er.

»Hat Ihr Mann Schulden?«, wollte er wissen. »Oder ist er sonst in irgendwelchen Schwierigkeiten? Je offener Sie mir alles sagen, umso größer ist die Chance, dass wir ihn bald finden.«

Die junge Frau schluchzte. Nein, Schwierigkeiten gab es nicht ...

Gregor hatte nie Geheimnisse vor ihr gehabt. Wenn er sich einen ganzen Tag nicht bei ihr meldete, konnte ihn nur jemand mit Gewalt daran hindern.

Dem Polizeibeamten lief bei dem Gedanken an ein Kapitalverbrechen ein leichter Schauder über den Rücken. Von so etwas konnte man in Cornbrush bisher nur träumen. Ein Verkehrsunfall war das Aufregendste, das auf seinen Schreibtisch geflattert war. Vielleicht entwickelte sich da eine große Sache, die Aufsehen erregte. So was wie eine Spionageaffäre zum Beispiel. Da könnte er endlich mal zeigen, was er auf dem Kasten hat.

»Reiseleiter ist Ihr Mann, sagten Sie?« Chris Handock nickte. »Da ist er wohl häufig im Ausland?«

»Zu oft. Nur manchmal kann ich mitfahren.«

»Naher und Ferner Osten?«

»Selbstverständlich. Erst vor zwei Monaten betreute er eine Kreuzfahrt bis nach Hongkong.«

»Interessant.« Der Sergeant machte sich eifrig Notizen. Die Sache ließ sich gut an. Die Ermittlungen könnten sich über einige Zeit hinziehen. Vielleicht bekam er sogar Gelegenheit, endlich mal eines dieser faszinierenden Länder zu sehen.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, beschwichtigte er die Frau. »Wir werden alles tun, Ihren Mann zu finden. Möglicherweise sitzt er jetzt schon gemütlich zu Hause. Bitte, rufen Sie uns in diesem Fall sofort an.«

Chris Handock verabschiedete sich verzagt.

Sergeant Willis zuckte während der folgenden zwei Stunden bei jedem Telefonanruf zusammen. Aber keines der Ferngespräche zerstörte seinen Plan. So ging er schließlich zu Inspektor. Davis und machte Meldung von der offensichtlich heißen Sache.

 

 

2

Das Stadion war bis auf den letzten Platz ausverkauft. An den Kassen mussten Hunderte abgewiesen werden, die sich keine Karten im Vorverkauf besorgt hatten. Sie hätten wissen müssen, dass ein Pokalspiel ein Magnet war, der auch jene Fans anzog, die ihre Mannschaft für gewöhnlich nur daheim vor dem Pantoffelkino anfeuerten.

Auf der Tribüne, der Gegengeraden und in den Kurven wogten die Massen. Kampfgesänge erklangen. Vereinzelt entbrannte eine kleine Schlägerei, die aber meist im Keim erstickt werden konnte. Am Rand eines Fußballfeldes spürte man nichts mehr von der sprichwörtlichen britischen Kühle.

Einer der Zuschauer machte darin eine Ausnahme. Er war gekleidet wie ein enthusiastischer Anhänger der Heimmannschaft, doch Gesicht, Haltung und Benehmen passten nicht dazu. Sein Mund wirkte wie ein Strich, die glattgestriegelte Frisur glänzte wie Kunststoff. Die schief sitzende Schirmmütze passte nicht dazu. Die Augen waren hinter einer Brille mit blauen Gläsern versteckt. Der Mann hielt ein Programmheft in den Händen. Seine Finger knüllten das Papier und strichen es wieder glatt, alle fünf Minuten einmal. Dies war die einzige Reaktion, die auf eine brodelnde Erregung in ihm schließen ließ. Ansonsten machte er einen absolut unbeteiligten Eindruck.

Als die beiden Mannschaften von der tobenden Menge begrüßt auf den Rasen liefen, sprang er nicht wie die anderen in die Luft, sondern vergewaltigte lediglich erneut das Programmheft, um es danach wieder zärtlich zu streicheln. Niemand nahm den eigenartigen Besucher zur Kenntnis. Seine Platznachbarn waren viel zu sehr mit ihrer Begeisterung beschäftigt.

Die Mannschaften hatten Aufstellung genommen. Die Begegnung hatte ihren besonderen Reiz. Nicht nur, dass das Spiel über ein Weiterkommen im Pokalwettbewerb entschied, es bestimmte auch die Zukunft eines Spielers, der der erklärte Liebling der Fußballnation war.

Edward Hunt war nur fünf Fuß groß, doch seine Gegenspieler ließen sich nicht durch seine schmächtige Statur täuschen. Sie wussten, dass England seit dem legendären Bob Decrest keinen intelligenteren Fußballartisten besessen hatte. Besonders hoch rechneten ihm alle an, dass er den Verlockungen der finanzstarken Vereinsbosse auf dem Kontinent widerstand und seinem Land treu blieb. Deshalb jubelten ihm nicht nur die Anhänger von Wokingham United zu, sondern gleichermaßen die Fans des heimischen FC Aycliffe.

Der kleine Fußballstar dankte seinem Publikum. Dann ging es los.

Gleich von Beginn an zeigten die Jungs um Edward Hunt, wem die Punkte aus dieser Begegnung zustanden. Wenn auch der FC Aycliffe durch einen umstrittenen Foulelfmeter in Führung ging, bei dem Bob Smith solange protestierte, bis ihn der Schiedsrichter vom Platz stellte, so war im weiteren Verlauf der Begegnung nichts von der zahlenmäßigen Unterlegenheit oder gar einem Schock bei Wokingham United zu spüren.

Als in der achtunddreißigsten Minute Edward Hunt nach einem furiosen Alleingang schließlich einen Bilderbuchpass genau auf Stat Parker gab, der nur noch seinen Kopf hinzuhalten brauchte, um den Ausgleich zu erzielen, da tobte das Stadtion. Die Sitzkissen wurden in die Luft geschleudert.

Nur den seltsamen Fremden mit der blauen Brille riss es nicht von der Bank. Gleichmütig ertrug er die Stöße, denen er von der entfesselten Menge ausgesetzt war. Als das Spiel seinen Fortgang nahm und sich die Gemüter zögernd wieder beruhigten, erhob er sich langsam und verließ seinen Platz. So versäumte er den begeisternden Angriff der Gäste in der Minute vor dem Halbzeitpfiff, der die Jungs aus Wokingham in Führung brachte.

Während der Pause entbrannten leidenschaftliche Diskussionen. Trotz gegnerischer Standpunkte war man sich einig, dass man Zeuge eines Fußballfestes wurde, das man nicht zuletzt dem alles überragenden Edward Hunt verdankte.

Der Fremde kehrte erst Minuten nach dem Wiederangriff auf seinen Platz zurück. Sein Gesichtsausdruck war um eine Nuance spöttischer.

Aller Blicke waren gebannt auf das Spielfeld gerichtet, wo sich der kleine Edward Hunt den Ball erkämpft hatte und mit ihm zum gegnerischen Tor dribbelte. Sofort waren zwei Abwehrspieler bei ihm, doch mit einem Trick, den ihm keiner nachmachte, ließ er die beiden ins Leere laufen. Nun hatte er nur noch den Torwart vor sich. Dieser hastete aus dem Gehäuse, warf sich dem anstürmenden Wirbelwind entgegen, doch gefühlvoll hob der kleine Ed den Ball über den Goalkeeper und schlenzte ihn unter der tobenden Begeisterung seiner Anhänger ins Netz. Frenetischer Jubel begleitete diese Glanztat des im Körperwuchs so benachteiligten Stürmerstars.

Der kleine Ed Hunt war nicht nur ein hochkarätiger Profi, er hatte sich auch die Fähigkeit zu echter Freude noch bewahrt. Mit ausgebreiteten Armen lief er auf die Eckfahne zu, sprang er in die Luft und schlug einen Purzelbaum. Der tierische Schrei, den er dabei ausstieß, ging in dem allgemeinen Tumult unter. Erst als Hunt bewegungslos liegen blieb, mündete der tausendfache Schrei atemberaubend schnell in lähmendem Schweigen.

Das Spiel wurde vom Schiedsrichter unterbrochen. Betreuer liefen aufs Spielfeld, beugten sich über den am Boden Liegenden und winkten in höchster Erregung den Arzt herbei, der mit seinem Köfferchen den Bewusstlosen jedoch auch nicht in die Gegenwart zurückholen konnte.

Man brachte eine Trage und legte den Mann darauf. Er war völlig schlaff, als hätte er überhaupt keine Knochen. Ein Blutsturz schoss aus seinem Mund. Der Publikumsliebling wurde in die Kabine getragen. Wenig später traf ein Rettungswagen ein. Der Arzt bestätigte die unvorstellbare Diagnose des Mannschaftsarztes. Edward Hunt war tot!

Im Stadion wurde das Spiel mit einem Auswechselspieler fortgesetzt.

Der seltsame Fremde hatte kein Interesse am weiteren Verlauf und verließ die Tribüne ...

 

 

3

Eisige Stille herrschte in dem halbkugelförmigen Raum. Es war eine trügerische Stille. Jeder Anwesende wusste, dass eine Entladung unmittelbar bevorstand. Die Miene von Maximus, dem Erhabenen, drückte genau das aus, wovor sich alle fürchteten, obwohl keiner von den übrigen sechs so aussah, als würde er das Wort Angst kennen. Alles Hässliche, alles Böse schien versammelt zu sein. Für ein Menschenauge unerträgliche Gestalten saßen um einen runden Tisch. Die winzige Öllampe verbreitete spärliches Licht.

Ein Untier mit riesigen geschwungenen Hörnern schien wie ein Wesen aus sagenhafter Vorzeit.

Ein überdimensionaler Vogel hockte neben ihm mit mörderischen Krallen und einem furchterregenden Schnabel. Sein Gesicht glich eigentümlicherweise dem eines Menschen. Ein Gerippe schloss sich der Runde an. Zwischen den Fingern und Zehenknochen besaß es Schwimmhäute, sonst konnte es der Tod in Person sein.

Daneben hockte ein Monstrum. Aus verfilztem Fell glotzten gelbe Augen. Die Eckzähne ragten aus dem geschlossenen Mund weit heraus. Seine Arme endeten in mörderischen Klauen mit nadelspitzen Krallen. Der Nächste war völlig körperlos. Seine Existenz war lediglich an einer steten Luftbewegung und einem unregelmäßigen Stöhnen zu erkennen. Dieser Stuhl war nur scheinbar leer.

In seiner Abscheulichkeit konnte sich ein glatzköpfiges Wesen mit den übrigen messen. Es schien noch nicht richtig fertig zu sein. Es trug keine Kleidung und war am ganzen Körper absolut glatt. Es besaß weder Mund noch Augen, noch die übrigen Sinnesorgane. Auch die Gliedmaßen waren nur in schwachen Andeutungen vorhanden.

Ganz anders als bei dem Siebten der merkwürdigen Runde. Dieser glich einem Menschen noch am ehesten, aber sein Gesicht strahlte so viel Bosheit aus, dass von ihm keine menschliche Regung zu erwarten war. Sein Gesicht war fast schwarz. Auf dem flachen Schädel breitete sich eine Bürstenfrisur über die Wangen bis zum Kinn aus. Die Ohren saßen auf dem Kopf spitz und behaart. Der Mund war fest zusammengekniffen. In den Augen glühte ein Feuer, das jeden, auf den es fiel, zu verbrennen drohte. Auch in der Kleidung unterschied er sich grundlegend von den anderen. Der schwarze Lederanzug, die metallenen Stiefel und die breiten Stulpen an den Handgelenken gaben ihm einen Hauch von Eleganz. Aber es war kalte, leblose Vornehmheit. Diese Kreatur war das Oberhaupt der Versammlung. Das war unschwer zu erkennen.

Es war beklommen still. Maximus hatte aus keinem erfreulichen Anlass die Versammelten einberufen. Ein Gewitter stand im Raum. Wen würde der Blitz treffen? Sie wussten, dass es kein Entrinnen gab. Nicht nur, weil der Raum weder Tür noch Fenster besaß. Wem der Zorn des Abgründigen galt, der hatte auch auf offenem Feld keine Chance. Seine Strafe war entsetzlich. Jeder von ihnen besaß unvorstellbare Macht, aber gegen Maximus, den Obersten der sieben Orkusen, waren alle ohnmächtig.

Endlich hob er den Kopf und begann zu sprechen. Leidenschaftslos plätscherten die Worte.

»Wir alle wissen«, sagte er, »dass wir unser Ziel nicht in einer einzigen Periode des Orkus erreichen können. Dazu ist unser Gegner zu raffiniert. Wir haben es bereits mehrfach versucht und haben dabei schmählich den Kürzeren gezogen.«

Die Zuhörer nickten eifrig. Sie wussten genau, auf welche Niederlagen der Abgründige anspielte.

»Wir hatten schon fast gesiegt«, erklärte er, noch immer im Plauderton, »aber Krakus erwies sich als unfähig.« Er machte eine kleine Pause. »Er wurde angemessen bestraft.«

Der Kreis geriet in Bewegung. Selbst wenn die Anwesenden nicht von der erwähnten Strafe betroffen waren, so bereitete ihnen allein der Gedanke daran äußerstes Unbehagen. Jeden konnte sie treffen, falls er sich als unfähig erwies.

Krakus hatte den Auftrag übernommen, die Vernichtung der Menschheit einzuleiten. Er hatte ein Insekt in die Welt gesetzt, das sich rasend schnell fortpflanzte und dessen Größe und Mordlust mit jeder Generation enorm wuchs. Erst im allerletzten Augenblick scheiterte er.

Maximus verbannte ihn aus dem Kreis der Orkusen, die sich über sieben Sektionen hochgedient hatten und immer wieder beweisen mussten, dass sie das Böse verkörperten.

Die Vernichtung der Menschheit, war nur ihr erstes Ziel. Danach sollten die stärkeren Feinde folgen, die Lemuren zum Beispiel, jene Geister, die mit erheblich wirksameren Fähigkeiten ausgestattet waren als die Menschen.

Krakus hatte Glück. Er wurde nur um drei Sektionen strafversetzt. Theoretisch konnte es ihm nach einer gewissen Zeit und unter Aufbietung seiner ganzen Niedertracht gelingen, die oberste Stufe erneut zu erreichen. Doch diese Möglichkeit bestand nur theoretisch. Noch nie war es einem Degradierten gelungen, zurückzukehren. Zu den Orkusen zu zählen, bedeutete, ungeahnte Macht zu besitzen. Allerdings nicht so viel wie Maximus selbst.

Auch in diesem engsten Kreis gab es noch eine Hierarchie. Wer die besondere Gunst des Abgründigen genoss, wurde von den übrigen beneidet. Allerdings war er auch der verschärften Kritik der Gemeinschaft ausgesetzt. Wehe ihm, wenn er versagte! Jeder seiner >Kollegen< war mit Freuden bereit, ihn in den Abgrund zu stürzen.

»Inzwischen«, fuhr der Schwarzgekleidete fort, »haben wir einen neuen Angriff gestartet. Der Plan erschien mir gut und erfolgversprechend. Umso schlimmer, dass gleich zu Beginn unverzeihliche Fehler begangen werden, die das ganze Unternehmen in Frage stellen.« Der gefährliche Unterton war nicht zu überhören.

Fünf der monströsen Gestalten reckten sich erleichtert, während die sechste erschrocken in sich zusammensackte. Nur zu gut wusste sie, dass der Tadel nur auf sie gemünzt sein konnte.

»Welche Fehler meinst du, Erhabener?«, hauchte das glatzköpfige Wesen, das direkt neben dem Fürsten des Schattenreiches kauerte. »Es läuft alles nach Wunsch. Die Menschen ahnen nicht, was auf sie zukommt. Einen nach dem anderen reiße ich aus ihren Reihen. Es ist ein herrliches Spiel, dass ...«

»Es ist kein Spiel, Embrynus«, donnerte der Abgründige. Er gab sich nun keine Mühe mehr, seinen Zorn zu mäßigen. »Wir führen einen unerbittlichen Kampf. Wenn du der Ansicht bist, dass er lediglich deiner Unterhaltung dient, bist du fehl am Platz.«

Auf dieses Stichwort hatten die anderen gewartet. Aufgeregt schnatterten sie auf den Meister ein. Jeder von ihnen war bemüht, dem Höchsten der Orkusen klarzumachen, dass Embrynus ein unfähiger Tropf war, und dass nur er dagegen in der Lage war, die wichtige Aufgabe zu erfüllen.

»Stoß ihn fort!«, schrien sie. »Bestrafe ihn mit sieben Sektionen!«

Der Erhabene verschaffte sich mit einer einzigen Gebärde Gehör.

»Embrynus erhält seine Chance wie jeder andere vor ihm«, fuhr er dazwischen. »Sieben Perioden des Orkus. Dann muss das Ziel erreicht sein.«

»Gib mir zehn, Erhabener!«, bettelte Embrynus.

»Sieben! Du warst sehr ungeschickt. Niemals hättest du Edward Hunt schon jetzt opfern dürfen. Er war ein Liebling des Volkes. Es ist töricht, durch einen solchen Schritt die Aufmerksamkeit der Massen zu erregen. Man wird den Fall untersuchen. Wie leicht kann man hinter dein Geheimnis kommen ...«

Das glatthäutige Scheusal lachte gluckernd.

»Man wird keine Untersuchungen über den Tod von Hunt anstellen können. Seine Leiche ist verschwunden. Seit das Böse in den Menschen wohnt, können wir uns auf ihre Hilfe verlassen.« Wieder lachte Embrynus. Aber Maximus hob warnend die Hand.

»Leider wohnt das Böse nur in einem Teil der Menschen. Wir müssen auf der Hut sein.«

»Du kannst dich auf mich verlassen, Erhabener«, beeilte sich Embrynus zu versichern.

»Das hoffe ich. Für uns und für dich ... Und nun der Schwur!«

Er streckte seine Arme vor und legte sie auf den Tisch. Alle folgten seinem Beispiel. In der Mitte des Tisches trafen Krallen und Klauen, Knochen und Fleischstümpfe zusammen. Als sie sich berührten, knisterten bläuliche Funken im Zentrum. Brodelnde Dämpfe bildeten einen undurchdringlichen Nebel, der die Versammelten einhüllte. Die Farbe des Nebels wechselte von schmutzigem Grau in leuchtendes Gelb und schlug dann in glühendes Rot um, um in einem totalen Schwarz zu erlöschen. Der halbkugelförmige Raum ohne Tür und Fenster glich nun dem Innern eines Kamins. Die ätzenden Rauchschwaden explodierten lautlos. Sein Innerstes erbrach sich ins Freie. Der Spuk war vorbei.

 

 

4

Patrick Landon kicherte in sich hinein. Er stellte sich die törichten Gesichter vor, als sie die Leiche des Fußballers vermissten. Er hatte schnell geschaltet. Als er am Bildschirm während der Fußballübertragung an dem kleinen Ed Hunt die gleichen Symptome bemerkte wie bei dem Iren, der in seiner Praxis gestorben war, ahnte er die kommenden Ereignisse. Deshalb war er rechtzeitig zur Stelle, um die Leiche in Empfang zu nehmen. Keiner war auf den Gedanken gekommen, er könnte nicht dazu berechtigt sein.

Nun lag der Körper auf dem Tisch in seinem Keller, wo vor kurzem der Ire gelegen hatte. Die Obduktion hatte ihm ein gewaltiges Rätsel aufgegeben. Er wurde aus dem Befund nicht klug. Was er entdeckt hatte, gab es im medizinischen Bereich nicht. Es war so unfassbar, dass er schon jetzt kaum erwarten konnte, das Skalpell zu gebrauchen.

Mit Erstaunen registrierte der Arzt, dass seine Hand leise zitterte. Ihn brachte so leicht nichts aus der Ruhe. Krankheit und Elend, Trauer und Tod waren sein Geschäft. Warum kam ihn ausgerechnet jetzt das Grauen an? War es der Leichendiebstahl? Oder war es der unheimliche Fremde, der ihn gestern stumm angestarrt hatte, als wüsste er um sein verbotenes Tun?

Doc Landon beugte sich über den Leichnam und setzte das Skalpell an. Er ging sehr behutsam zu Werke. Er tastete sich nur in winzigen Schritten vorwärts und trug jede neue Entdeckung gewissenhaft in sein schwarzes Heft ein. Auch in diesem Körper fand er keine Anzeichen für das Versagen eines der Organe. Es war, als wäre in dem Toten eine Bombe explodiert. Muskeln, Sehnen und Därme bildeten einen undefinierbaren Brei, der von winzigen Knochensplittern durchsetzt war. Alles schwamm in schwarzem Blut und wurde nur von dem äußeren Gewebe und der Haut zusammengehalten. Das gleiche Bild wie bei Marc Steeman ...

Fieberhaft entnahm er unterschiedlichste Proben, füllte Reagenzgläser und stellte jene Hautpartien sicher, an denen noch jetzt die braunen Flecke sichtbar waren.

Die restlichen Nachtstunden verbrachte er in seinem Labor über das Okular gebeugt. Seite um Seite des schwarzen Heftes füllte sich. Er fühlte sich in seine Studienzeit zurückversetzt und war sicher, etwas Großem auf der Spur zu sein.

Wieder und wieder schüttelte er den Kopf. Was er auch betrachtete, was er auch analysierte, alles war gesund. Normalerweise kam bei diesem Befund nur ein Unfall in Frage. Doch gerade das traf mit absoluter Sicherheit nicht zu.

Die Voraussetzungen für seine Forschungen mussten als optimal bezeichnet werden. Er besaß zwei frische Leichen, an denen er herumschneiden durfte. Niemand schränkte seine Handlungsfreiheit ein. Aber er musste erbittert zugeben, dass er stets zu spät kam. Die Toten gaben ihr Geheimnis nicht preis. Nur wenn es ihm gelang, die Gewebe vor der infernalischen Zerstörung zu untersuchen, war mit einem Ergebnis zu rechnen, das ihn weiterbrachte.

Seufzend löschte er die Mikroskopbeleuchtung. Sorgfältig verschloss er den Kellerraum. Die Leichen hatte er in zwei großen, nagelneuen Kühltruhen untergebracht. Eine dritte war erst heute geliefert worden. Sie war noch nicht ausgepackt.

Er öffnete mit einem komplizierten Schlüssel einen anderen Raum und schaltete die Deckenbeleuchtung ein. Ein wilder Blick traf ihn aus zornigen Augen. Diese Augen gehörten einem Mann, der mit breiten Riemen auf ein Bett gefesselt war. Ein Knebel hinderte ihn daran, einen Ton von sich zu geben. Patrick Landon trat dicht an ihn heran und betrachtete ihn prüfend. Die braunen Flecken auf dem nackten Oberkörper waren nicht größer geworden und nicht verschwunden. Der Doc nickte zufrieden.

»Heute habe ich leider keine Zeit mehr für dich, mein Freund«, murmelte er. »Aber bevor du in der Kühltruhe liegst, werde ich das Geheimnis gelüftet haben.«

Er jagte dem unfreiwilligen Gast eine Injektion in die Vene, worauf dessen Augenlider flatterten und bald zufielen. Danach gönnte sich der Mann ein paar Stunden Schlaf. Er durfte während der kommenden Sprechstunde keinen Anlass zum Misstrauen geben.

 

 

5

Chris Handock war keineswegs beruhigt, nachdem sie die Polizei eingeschaltet hatte. Nur zu deutlich fühlte sie, dass die Beamten auf einem völlig falschen Weg waren. Die wichtigtuerischen Fragen von Sergeant Willis und das oberflächliche Gerede von Inspektor Davis brachten sie förmlich zur Raserei. Hier verstrich wertvolle Zeit, ohne dass etwas Wesentliches geschah. Die Leute brachten es doch tatsächlich fertig, ihn unterschwellig eines Verbrechens zu beschuldigen. Zwar leugneten sie jeglichen Verdacht energisch. Doch um das zu glauben, war sie nicht einfältig genug. Sie hatte es hier offenbar mit Männern zu tun, die eine Sensation suchten und dabei die wirkliche Gefahr übersahen.

Es gab schließlich in dieser Sparte genügend andere, die den Bedrängten Hilfe bringen wollten. Sie kannte da eine Frau, die zu einer Art Spezialpolizei gehörte. Von der erhoffte sie mehr Verständnis. Von Frau zu Frau konnte man leichter sprechen. Auch stand hinter der Betreffenden nicht der ungeheure Ballast des staatlichen Polizeiapparates.

Chris Handock eilte zum Bahnhof. Sie musste nach London. Für Gregor wäre sie auch nach Bangkok gereist. Sie lachte bitter auf bei dem Gedanken an das exotische Land, das Gregor ihr gezeigt hatte. Sergeant Willis verband es mit einer finsteren Rauschgiftaffäre. Hatte sie schon zu viel Zeit verloren? War Gregor noch am Leben?

Bei dem Gedanken an den möglichen Tod ihres Mannes stiegen Chris Handock Tränen in die Augen.

Der Zug nach London war ziemlich voll. Trotzdem gelang es ihr, einen Sitzplatz zu erwischen. Die beiden Männer, die nach ihr einstiegen, mussten draußen im Gang stehen. Die junge, verzweifelte Frau achtete nicht auf sie. Es entging ihr daher, dass während der ganzen Fahrt mindestens einer von beiden sie unauffällig durch die Fensterscheibe beobachtete.

 

 

6

Zehn Minuten lang hörte die attraktive Frau aufmerksam zu, ohne Chris Handock zu unterbrechen. Ihr Gesicht drückte weder Glaube noch Zweifel aus. Trotzdem hatte die Hilfesuchende sofort das Gefühl, diese Fahrt nicht umsonst auf sich genommen zu haben.

»Die Polizei glaubt mir nicht«, wiederholte sie bekümmert. »Sie wühlt verbissen in Gregors Vergangenheit in der Hoffnung, dort einen dunklen Punkt zu entdecken, der sein Verschwinden motivieren könnte. Aber ich weiß, dass er hier ein passives Opfer geworden ist. Glauben Sie, dass Sie mir helfen können, Miss Andrews?«

Die Angeredete erhob sich aus ihrem Sessel und glitt ans Fenster. Einige Sekunden blickte sie hinaus, dann wandte sie sich an die Verzweifelte.

»Sie besitzen ein paar anhängliche Freunde, wie mir scheint.«

Chris Handock trat neben sie und sah die beiden Männer auf der Straße. Einer lehnte gelangweilt an einer Anschlagsäule und war in die ,Times‘ vertieft, der andere fütterte ein paar zerrupfte Tauben.

»Kennen Sie die beiden?«

Chris Handock schüttelte den Kopf. Doch dann wurde sie nachdenklich.

»Warten Sie!«, sagte sie. »Es wäre möglich, dass ich Sie im Zug gesehen habe. Ja, ich bin sicher, dass sie in Cornbrush zugestiegen sind.«

Violette Andrews lachte. Aber ihre Augen blieben ernst.

»In diesem Fall«, meinte sie, »ist das das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß. Die Burschen benehmen sich so geschickt, dass ein Vierjähriger ihre Absicht erkennt.«

»Aber warum verfolgen sie mich?«

»Darauf weiß ich auf Anhieb vier Antworten. Erstens, weil Sie bezaubernd aussehen. Zweitens, weil sie eine Schurkerei mit Ihnen vorhaben. Drittens weil sie mit dem Verschwinden Ihres Mannes in Zusammenhang stehen. Und viertens, was ich für die wahrscheinlichste Lösung des Rätsels halte, weil sie von der Polizei sind.«

»Sie meinen, man beschattet mich, weil man mir misstraut?«

»Oder um Sie zu beschützen«, wich Violette Andrews aus.

»Beschützen?« Chris Handock lachte bitter. »Nicht die Polizei von Cornbrush. Die trauen mir doch zu, dass ich gemeinsam mit Gregor ein Rauschgiftsyndikat leite oder der Kopf eines Spionagerings bin.«

»Wir werden die Herren ein bisschen an der Nase herumführen«, versprach Violette Andrews.

»Sie werden mir also helfen?«, fragte Chris Handock zaghaft.

»Das kann ich nicht allein entscheiden. Wir sind eine Crew, die sich nicht darauf spezialisiert hat, der Polizei die Fälle wegzunehmen. Wie Sie vielleicht wissen, befassen wir uns nur mit solchen Verbrechen, die keine natürliche Ursache haben.«

»Ich weiß. Man nennt Sie die Dämonenjäger. Gerade deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen. Ich habe Angst, dass Gregor in solch einen übernatürlichen Fall verwickelt ist.«

»Worauf stützt sich Ihre Vermutung?«

»Es ist nichts Konkretes«, gab Chris Handock zögernd zu. »Aber ich habe ein merkwürdiges Gefühl, das mich nicht mehr loslässt.«

Jeder andere, dem sie mit diesem typisch weiblichen Gefühl gekommen wäre, hätte sie wahrscheinlich ausgelacht. Nicht so Violette Andrews ...

Sie hatte Chris Handock wie ein Medium auf sich wirken lassen und war von dem Ergebnis überrascht gewesen. Ob die Frau ahnte, wie dicht sie mit ihrer vagen Vermutung bei der Wahrheit lag? Sie wollte ihr nicht zusätzliches Entsetzen einjagen, aber ihr eigener Verdacht ließ das Allerschlimmste befürchten.

»Ich werde den Fall mit meinen Freunden besprechen«, erklärte sie. »Sie bleiben auf jeden Fall bis morgen bei uns. Ich gönne den beiden Amateurspürhunden da draußen eine schaflose Nacht.« Sie lachte vergnügt und brachte es sogar fertig, auch auf Chris Handocks Gesicht den Schimmer eines Lächelns zu zaubern.

Dann schloss sie scheinbar das unerfreuliche Thema ab. Sie begann, von allem Möglichen zu plaudern. Von Mode, von Reisen, von Theater und von der Queen. In Wahrheit diente dieses Gespräch dazu, auf unverfängliche Weise Chris Handock besser kennenzulernen, deren restloses Vertrauen zu erwerben und da und dort ein paar winzige Einzelheiten über ihr Leben mit dem verschwundenen Reiseleiter Gregor zu erfahren.

Es war schon längst dunkel, als Chris Handock mit einem geliehenen Schlafanzug im Gästezimmer verschwand und einer Nacht entgegen schlummerte, die zwar nicht frei von Angst und Sorgen war, in der jedoch ein winziges Hoffnungslicht flackerte.

 

 

7

Chuck Mamulian und Terence Thurley trafen erst nach Mitternacht ein.

»Du solltest deine Verehrer nicht so lange draußen in der Kälte zittern lassen«, neckte der Größere seine hübsche Kollegin.

»Die beiden verzehren sich leider nicht nach mir, Chuck«, entgegnete sie betrübt. »Ihr Interesse gilt einem Mädchen, dem ich Asyl gewährt habe.«

»Eine Verwandte?«, fragte Terence Thurley.

Die harmlose Frage brachte Violette Andrews in Rage.

»Lass die albernen Witze!«, fauchte sie. »Du hast dir deinen Vater auch nicht aussuchen können. Wenn du nichts Intelligenteres weißt, als mir meine Herkunft vorzuhalten, werde ich dir eines Tages deinen morschen Schädel einschlagen müssen.«

Diese Drohung entbehrte angesichts des ehemaligen Boxers nicht einer gewissen Komik, aber der Unmut der bildschönen Frau hatte seine Gründe.

Violette Andrews war keine gewöhnliche Frau. Sie war von Doc Dracusi als Waffe in die Welt gesetzt worden, mit der er die Menschheit vernichten wollte. Doc Dracusi gehörte zum Kreis der Orkusen um Maximus. Mit Violette, dem künstlichen Menschen, hätte er das Ziel fast erreicht. Er impfte sie mit dem Eiter des Hades und nannte sie Dracurana. Ihr Biss hatte verheerende Folgen. Vorprogrammiert erschlich sie sich mit List das Vertrauen von Chuck Mamulian und Terence Thurley, die bereits damals gegen die Orkusen kämpften. Nur dem Hass von Meduso, der wegen seines Versagens von Maximus verstoßen worden war, verdankten es die Freunde, dass sie nicht Dracuranas Giftbiss zu spüren bekamen.

Das waren Erlebnisse, die Terence Thurley einfach nicht ganz vergessen konnte. Zwar hatte Violette, nachdem sie den Eiter des Hades verloren hatte, sich der Sache der Freunde verschrieben, zwar hatte sie inzwischen mehr als einmal bewiesen, dass keine Falschheit in ihr war und dass die Crew von ihren übersinnlichen Fähigkeiten profitierte, aber gerade diese Fähigkeiten waren es, die Terence Thurleys Misstrauen von Zeit zu Zeit aufflammen ließen.

Es war nicht zu erklären, warum sie noch immer vereinzelte Impulse aus dem Schattenreich empfing. Ihr Denken war sowohl das einer Frau und wie auch das eines Computers.

Chuck vertraute ihr bedingungslos. Wahrscheinlich war er sogar verliebt in sie. Auch Terence akzeptierte sie als vollwertige Partnerin. Doch manchmal beschlich ihn das Gefühl, dass sie ihr Vertrauen einer Bombe mit Zeitzünder schenkten.

»Lass dich nicht von diesem Büffel ärgern«, schaltete sich Chuck Mamulian ein. »Du weißt doch, dass er damals auf dem College zu viel Schläge auf den Kopf bekommen hat.« Er spielte damit auf den Beginn der fragwürdigen Karriere seines Freundes an. Dessen Vater war ein angesehener Dozent in Oxford. Er sah seinen Sohn schon als anerkannten Mediziner, als Terences Liebe längst dem Faustkampf gehörte. Aber auch im Ring ließ ihn das Glück im Stich. Intriganten sorgten dafür, dass es mit ihm bergab ging und er einen Job als Leibwächter von millionenschweren Wirtschaftsgrößen annehmen musste. Bei dieser Gelegenheit lernte der ,Tiger‘, wie er aus seiner Boxerzeit hieß, Chuck Mamulian kennen. Der war zu jener Zeit Inspektor bei Scotland Yard. Seine Aussichten auf Beförderung standen ausgesprochen günstig, als er freiwillig seinen Abschied von der Polizei nahm, um sich der Bekämpfung übersinnlicher Gegner zu widmen.

Terence ,Tiger‘ Thurley war von diesem Gedanken derart fasziniert, dass er seinen einträglichen Job an den Nagel hängte und sich dem Freund anschloss. Seit damals haben sie zusammen mit Violette Andrews, die bald hinzukam, manche als unlösbar geltende Fälle aufgeklärt.

»Ich nehme an, du beherbergst einen Schützling unter unserem Dach«, vermutete Chuck Mamulian.

Details

Seiten
117
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935387
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Dezember)
Schlagworte
sendbote hölle

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Titel: Sendbote der Hölle