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Leseprobe

Table of Contents

Aus dem Reich der Finsternis

Ripper reloaded

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Phantome

Die Toten von Kezar Falls

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

Keenans verhängnisvolle Wette

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Das Irrenhaus des Grauens

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

Kalte Vergeltung

Nachts enthauptet

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Tödlicher Hass

Den Teufel im Display

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Wir sind keine Menschen

Parasiten der Hölle

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Prozession ins Totenreich

Die blutige Spur des Werwolfs

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Aus dem Reich der Finsternis

 

 

Horror-Sonderedition

anlässlich 20 Jahre Edition Bärenklau

 

 

Nationale und internationale Autoren

geben sich die Ehre,

den Leser mit ihren Werken zu unterhalten.

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: nach einem Motiv von Pixabay mit Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat/Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Anlässlich 20 Jahre Edition Bärenklau gibt der Verlag im Bereich Horror eine Auswahl der besten Romane und Kurzgeschichten nationaler und internationaler Autoren in dieser Sonderedition heraus.

In A.F. Morlands RIPPER RELOADED ist Jack the Ripper zurück und wütet schrecklicher denn je! Grauenvolle Morde, die alles bisher Erlebte übersteigen, sind an der Tagesordnung. Niemand ist vor ihm sicher. Wen er einmal ins Visier genommen hat, ist auf Gedeih und Verberben verloren – bis eines Tages die überaus schöne, langbeinige Eve Freeman auf der Bildfläche erscheint …

Diese und weitere Geschichten aus dem Reich der Finsternis, die ihresgleichen suchen, sind in diesem Band vereint. Lassen sie sich in eine abwechslungsreiche Welt des Horrors entführen, in der Angst und Schrecken verbreitet werden und grauenvolle Dinge geschehen …

 

 

***

 

 

Folgende Horror-Romane und Horror-Kurzgeschichten sind in dieser Sonderedition enthalten:

 

› Ripper reloaded - A.F. Morland

› Phantome - von Christopher T. Dabrowski

› Die Toten von Kezar Falls - von Manfred Weinland

› Keenans verhängnisvolle Wette - von Rainer Keip

Das Irrenhaus des Grauens - von Walter G. Pfaus

Kalte Vergeltung - von Alexander Naumann

Nachts enthauptet - von Wolf G. Rahn

Tödlicher Hass - von Benyamen Cepe

Den Teufel im Display - von Olivier Watroba

› Wir sind keine Menschen - von Christopher T. Dabrowski

› Parasiten der Hölle - von Hans-Jürgen Raben

› Prozession ins Totenreich - von Alexander Naumann

› Die blutige Spur des Werwolfs - von A.F. Morland

 

 

***

 

 

Ripper reloaded

 

 

A.F. Morland

 

 

***

 

 

Er war gefährlich.

Er war grausam.

Er war blutrünstig.

Er war vor langer Zeit gestorben, doch er kam zurück.

Und er hatte nichts verlernt …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Er ist anders, dachte Maya Frazer, während sie den keuchenden Mann geduldig auf sich ertrug. Ganz anders als alle Typen vor ihm. Ohne Leben. Kalt. Irgendwie tot. Obwohl er sich hart und brutal in mir bewegt. Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Hört sich irre an, ist aber so.

Sie hatte ihn in einem kleinen, gemütlichen East-End-Pub angesprochen. „Hi, ich bin Maya.“

„Hi, Maya“, hatte er lächelnd erwidert. Ein Mann, dessen Äußeres sich schlecht einordnen ließ. Nicht schön. Nicht hässlich. Im Grunde genommen unscheinbar.

Sie hatte lasziv ihr Becken vorgeschoben, damit er wusste, was für eine sie war. „Spendierst du mir einen Drink?“

Er hatte genickt. „Warum nicht? Was darf’s denn sein?“

Sie hatte kokett mit einer blonden Locke gespielt und ihm einen Blick in den tiefen Ausschnitt ihrer gut gefüllten Bluse gegönnt. „Ein doppelter Scotch würde mich ganz schnell in Stimmung bringen.“

„Kannst du haben.“ Er hatte den Drink für sie geordert und mit ihr angestoßen.

„Wie ist dein Name?“, hatte sie sich erkundigt, obwohl es ihr eigentlich egal gewesen war.

„Jack“, hatte er geantwortet.

Sie hatte ihre Lider verführerisch gesenkt und leise gefragt: „Möchtest du ein bisschen Spaß haben, Jack?“

Er hatte gegrinst. „Hört sich gut an.“

„Ich bin ein ziemlich schlimmes Mädchen.“

„Noch besser.“

Sie hatte aufgezählt, wofür sie sich begeistern konnte und ihre Preise dafür genannt. Nachdem sie sich geeinigt hatten, hatte Maya Jack in ihre Wohnung mitgenommen, wo er jetzt tun durfte, wofür er bezahlt hatte.

Nachdem er das vereinbarte Kontingent weidlich ausgeschöpft hatte, verschwand sie ins Bad, um sich seinen Lustschweiß vom Leib zu waschen – mit ein bisschen mehr Sorgfalt als sonst, ohne dafür eine plausible Erklärung zu haben.

Anschließend schlüpfte sie in einen flauschigen weißen Frotteemantel, kehrte ins Schlafzimmer zurück und riss erschrocken die Augen auf.

 

 

2. Kapitel

 

„Hör mal, bist du von allen guten Geistern verlassen?“, herrschte Maya Frazer den Freier an. „Was ist dir denn da eingefallen?“

Er stand komplett angezogen auf dem hellen Flokatiteppich neben dem Bett. „Ich denke, ich muss dir das erklären.“

„Was gibt es da zu erklären?“, konterte sie bissig. „Du kannst doch nicht …“

„Ich musste das tun“, fiel er ihr ins Wort.

„Mann, du bist wohl nicht ganz dicht“, empörte sie sich mit schriller Stimme. „Was ist los mit dir? Bist du bescheuert oder was? Was soll das Geschmiere? Du wirst mir den Schaden bezahlen.“

„Es ist eine Nachricht“, sagte Jack.

„Für wen?“

„Eine Information.“

Für wen, verdammt?“, schrie Maya wütend.

Er stellte die Spraydose, mit der er die Wand besprüht hatte, auf den Nachttisch. Über der extra breiten Lustwiese stand in blutroten Lettern: JACK IS BACK.

„Machst du das überall, wo du hinkommst?“, fragte ihn Maya Frazer aggressiv. „Mir sind ja schon viele Spinner untergekommen, aber …“

„Wenn du mir zuhörst, wirst du alles verstehen.“

„Ich muss die Wand neu tapezieren lassen.“

„Ich denke nicht, dass das nötig sein wird.“

„Soll das etwa so bleiben?“

„Hör mir doch endlich zu!“, verlangte Jack, den Maya für geisteskrank hielt.

Sie streckte die Hand vor. „Geld“, forderte sie forsch. „Ich will Geld sehen.“

Er ignorierte ihre Hand. „Ich war schon mal in der Gegend“, begann er ernst, still, gelassen, beinahe verträumt. „Ist schon eine Weile her. Ziemlich lange sogar. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sah hier alles ganz anders aus. Das Pub, in dem du mich angesprochen hast, existierte zum Beispiel noch nicht. Und so manches Haus auch nicht. Oder nicht in der heutigen Form. Damals kam es in England – wie man überall nachlesen kann – durch Einwanderung und hohe Geburtenraten zu einem explosionsartigen Bevölkerungszuwachs. Zahlreiche Iren flüchteten vor einer mörderischen Hungersnot in unser Land und viele Zuwanderer kamen aus Osteuropa und Russland noch hinzu. Das führte zwangsläufig vor allem in London zu katastrophalen Umweltproblemen. Das Gebiet um den Hafen war total übervölkert. Es gab kaum Arbeit und so gut wie keine Wohnmöglichkeiten. Geld war knapp. Gelegenheitsprostitution war an der Tagesordnung. Es wurde gestohlen, geraubt, geplündert, vergewaltigt und gemordet. Du kannst dir das wahrscheinlich nicht vorstellen, aber ich habe es erlebt und mit eigenen Augen gesehen. Vor dir steht ein Zeitzeuge, Maya.“

Vor mir steht ein gottverdammter Psychopath, dachte sie, während es ihr kalt über den Rücken lief.

„Der Metropolitan Police Service schätzte, dass es im Oktober 1888 allein in Whitechapel um die tausendzweihundert Prostituierte und zweiundsechzig Bordelle gab“, sagte Jack. „Diese käuflichen Weiber verbreiteten bedenkenlos Lustseuchen jeder Art. Viele brave Männer, die sich bei ihnen infiziert hatten, gingen elend an schrecklichen Krankheiten zugrunde. Ich sagte mir, wie viele andere auch, dass man nicht länger tatenlos zusehen dürfe, dass man das eindämmen und dagegen ankämpfen müsse, doch niemand hatte die Courage, tatsächlich etwas zu unternehmen. Das war zu allen Zeiten so und wird immer so sein. Die Menschen sind grundsätzlich feige. Alle wollen, dass etwas geschieht, sind aber nicht bereit, die Ärmel hochzukrempeln, Verantwortung zu übernehmen und wirklich etwas zu tun.“ Jack zog die Augenbrauen zusammen und knurrte mit finsterer Miene: „Ich habe etwas getan.“

Mayas Kehle wurde eng. Meine Güte, er denkt doch nicht etwa, schon mal gelebt zu haben, ging es ihr durch den Sinn. Er kann unmöglich allen Ernstes glauben …, Jack the Ripper zu sein.

 

*

 

Jack lächelte. „Ich sehe, du kannst mir folgen.“

„Ich möchte, dass du gehst, Jack“, sagte Maya Frazer mit belegter Stimme. Allmählich bekam sie Angst vor ihm.

„Ich bin mit meinen Ausführungen noch nicht fertig.“

„Sie interessieren mich nicht.“

„Es ist mir sehr wichtig, dass du verstehst …“

„Geh!“, fauchte sie ihn an. „Sofort! Sonst rufe ich die Polizei!“

„Fürchtest du dich vor mir?“

„Verschwinde, Psycho!“, schrie sie hysterisch. „Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben!“

„Dazu ist es leider zu spät“, sagte Jack mit aufgesetztem Bedauern. „Die Würfel fielen in dem Moment, als du mich im Pub angesprochen hast. Da haben die Dinge ihren Lauf genommen und nun ist nichts mehr davon rückgängig zu machen, Herzchen.“ Er nahm seinen Gesprächsfaden wieder auf. „Man hat viel Unwahres über mich verbreitet. Man nannte mich Leather Apron und Whitechapel Mörder, schob mir Morde unter, die ich nie begangen habe. In Wahrheit waren es fünf. Nur fünf. Nicht mehr. Mary Ann Nichols war mein erstes Opfer und mit Mary Jane Kelly war Schluss. Vorgehabt hatte ich allerdings – das gebe ich gerne zu – mehr Morde. Ein Dutzend hätte es werden sollen, aber mich suchte eine schwere Krankheit heim, die es mir unmöglich machte, das gesteckte Ziel zu erreichen. Als es mit mir zu Ende ging, flehte ich den Teufel an, mir die Rückkehr zu ermöglichen, damit ich das Dutzend voll machen kann, doch er ließ sich sehr, sehr lange damit Zeit. Bis heute. Aber nun ist Jack back, und du hast die Ehre, mein sechstes Opfer zu werden.“

Maya stand vor einer Kommode aus hellem Kirschholz. Sie riss aufgewühlt die oberste Lade auf, griff nach dem Revolver, der darin zwischen Slips, String-Tangas, Spitzen-Dessous und Push-up-BHs lag, und richtete ihn auf Jack.

„Raus, du kranker Bastard!“, fauchte sie. „Auf der Stelle! Sonst verpasse ich dir eine Kugel in deinen hohlen Schädel.“

Er blickte fast traurig auf die Waffe in ihrer zitternden Hand. „Wenn die Kugel nicht aus Silber und nicht geweiht ist, kann sie mir nichts anhaben.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sorry. So sind die Regeln. Ich habe sie nicht gemacht.“

Er griff nach hinten und brachte mit einer raschen, fließenden Bewegung ein Messer zum Vorschein. Die Klinge, auf der blitzende Reflexe tanzten, war beängstigend lang und frisch geschliffen, wie Jack sein entsetztes Opfer wissen ließ.

„Keine Sorge“, sagte er mit unpassender Sanftheit. „Es wird sehr schnell gehen. Ich bin schließlich kein Unmensch. Kurz nachdem ich dir die Kehle durchgeschnitten habe, wirst du nichts mehr spüren – und auch keine Angst mehr haben.“

Er setzte sich ohne Eile und in aller Ruhe in Bewegung. Für ihn stand fest, dass Maya ihrem Schicksal nicht entrinnen konnte. Sie drückte verstört und angstbebend ab. Der Schuss krachte ohrenbetäubend laut.

Die Waffe bäumte sich wild in ihrer Hand auf, spie Feuer und Blei und die Kugel traf ihn auch, doch es war so, wie er gesagt hatte.

Der Treffer blieb ohne jede erkennbare Wirkung. Das Projektil stoppte ihn nur kurz. Dann ging er, fast gemächlich, weiter auf sein Opfer zu.

 

 

3. Kapitel

 

Eve Freeman stieg mit katzenhafter Geschmeidigkeit aus ihrem weißen Prius. Die langbeinige Schöne trug ein elegantes Kostüm von Donatella Versace, das ihre makellose Figur hervorragend zur Geltung brachte.

Sie hatte glattes, brünettes, schulterlanges Haar, braune Samtaugen und ein bezauberndes Lächeln, mit dem sie jetzt den uniformierten Polizisten begrüßte, der darauf zu achten hatte, dass die Absperrung mit dem blau-weißen Plastikband auch ernst genommen wurde.

„Hallo, Ron.“

Der Bobby strahlte sie an. „Oh, Miss Freeman. Schön, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?“

„Ich kann gar nicht genug klagen“, scherzte sie schmunzelnd.

„Ich habe Ihr letztes Buch gelesen.“

Eve Freeman, die Nichte des bekannten Parapsychologen Owen McAdams, war sowohl als Journalistin als auch als Autorin erfolgreich.

„Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen“, sagte sie lächelnd.

„War ein echter Pageturner“, sagte der Uniformierte begeistert. „Spannend von der ersten bis zur letzten Zeile.“

„Das freut mich.“ Eve zeigte auf das Plastikband. „Darf ich durch?“

„Sie immer.“ Ron Major hob das Band so hoch, dass sie sich kaum zu bücken brauchte, um die Sperre zu passieren.

„Danke, Ron.“

„Ist mir eine Ehre.“

Hinter der Absperrung herrschte der gewohnte organisierte Tumult. Auf der Straße. Vor dem Haus. Im Treppenhaus. Und erst recht in der Wohnung der ermordeten Prostituierten. Polizeiarzt, Tatortfotograf und Spurensicherungsexperten machten mit Routine ihren Job.

Das Ganze glich einem bis ins kleinste Detail durchinszenierten Ameisenhaufen, in dem es keine Leerläufe gab, weil jeder genau wusste, was zu tun war.

Nahezu alle Anwesenden kannten Eve Freeman – nicht nur, weil sie Journalistin war und Bücher schrieb, sondern vor allem deshalb, weil sie eine Zeit lang mit Oberinspektor Fisher zusammen gewesen war.

Zwei schöne Menschen, die aneinander Gefallen gefunden hatten und einen Teil ihres Lebensweges gemeinsam zurückgelegt hatten. Eve Freeman hörte Russell Fishers sonores Organ schon, bevor sie ihn sah.

Es war diese unverwechselbare, wohlklingende Stimme gewesen, in die sie sich zuerst verliebt hatte. Und dann erst in den Mann. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wären sie noch immer ein Paar gewesen.

Doch Russell Fisher waren Beruf, Karriere, vor allem aber Geld, Wohlstand und Luxus, wichtiger gewesen – und ein solch komfortables Paket hatten ihm die Boysens, die zu den zehn reichsten Familien des Landes gehörten, in Aussicht gestellt, wenn er sich entschließen würde, die nicht besonders attraktive Ludmilla Katharina Emma Yolanda Boysen – ein Mauerblümchen par excellence – zur Frau zu nehmen. Er hatte hungrig angebissen und den Köder gierig geschluckt.

Inspektor Leone von Scotland Yard, ein kleiner Mann mit zerknittertem Gesicht, der entfernt an den legendären TV-Inspektor Columbo erinnerte (nur der abgelutschte Zigarrenstummel fehlte), trat soeben aus der Wohnung. Er war zwar keine Respektsperson wie Russell Fisher, aber schlau, scharfsinnig und intelligent. Ein loyaler Freund, Partner und zuverlässiger Intimus des Oberinspektors. Er hatte Aufstieg und Ende der Liebe von Eve und Russell aus nächster Nähe miterlebt und bedauerte noch immer, dass diese – in seinen Augen märchenhafte – Love Story nicht gehalten hatte.

Er wirkte geistesabwesend. Vielleicht sogar ein wenig verstört. Als Eve ihn ansprach, zuckte er zusammen und richtete seinen blinzelnden Blick – noch nicht ganz da – auf sie. Ein unechtes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Eve.“

„Ist alles in Ordnung, Luke?“, erkundigte sie sich. „Du siehst blass aus.“

Er wackelte mit dem Kopf. „Du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe.“

„Ist es so schlimm?“

„Noch schlimmer“, antwortete Luke Leone mit belegter Stimme. „Ich bin ja nun schon ein paar Jährchen beim Yard, aber das … Nein … Was zu viel ist, ist genug.“

Eve wollte an ihm vorbeigehen.

Er verzog sein faltenreiches Gesicht und schüttelte den Kopf. „Das würde ich mir an deiner Stelle nicht antun.“

Sie lächelte ihn beruhigend an. „Ich weiß, ich sehe nicht so aus, aber ich kann was vertragen.“

„Das dachte ich bis heute auch“, seufzte der Inspektor.

Eve ließ sich von ihm nicht aufhalten und ging in die Wohnung. Die meisten Beamten befanden sich im Schlafzimmer. Aber einige waren auch in den anderen Räumen.

Als der gut aussehende Oberinspektor Eve erblickte, kam er ihr entgegen. „Mal wieder den Polizeifunk abgehört?“, fragte er mit rügendem Unterton. „Du weißt, dass das …“

„Verboten ist?“, fiel sie ihm schmunzelnd ins Wort. „Haben Sie noch nie etwas Verbotenes gemacht, Oberinspektor Fisher? Wie geht es Ludmilla Katharina Emma Yolanda? Ist sie noch glücklich mit dir?“

Er ging auf ihren leichten Spott nicht ein. „Und du? Bist du wieder in festen Händen?“

„Ich bin mit meiner derzeitigen Situation zufrieden“, behauptete Eve Freeman.

Er sah sie zweifelnd an. „Ehrlich?“

„Warum sollte ich lügen?“ Eve deutete mit dem Kopf Richtung Schlafzimmer. „Was gibt’s da drinnen?“

„Hast du Lukes Gesicht gesehen?“

„Erlaubst du mir einen Blick?“, fragte Eve.

Russell Fisher runzelte die Stirn. „Willst du dir das wirklich antun? Einem Kollegen wurde schlecht. Er hat sich übergeben. Da drinnen hat ein Wahnsinniger ganz schrecklich gewütet. Er hat sein Opfer grausam abgeschlachtet und ausgeweidet, hat der Frau die Kehle durchgeschnitten, den Bauch aufgeschlitzt, ihr die Gedärme um den Hals geschlungen und einen Teil der Gebärmutter mitgenommen. Kein normaler Mensch ist zu so etwas fähig.“

„Ich möchte trotzdem …“

Der Oberinspektor atmete schwer aus. „Na schön. Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

Eve nickte und ging an ihm vorbei. Sie machte sich auf einen entsetzlichen Anblick gefasst, doch was sie gleich darauf zu sehen bekam, überstieg ihre grässlichsten Befürchtungen. Das war tatsächlich das Werk einer grausamen, herzlosen, abgrundtief bösen Bestie.

 

 

4. Kapitel

 

„Jack is back?“, fragte Owen McAdams. „Stand das wirklich so an der Wand?“

„Genau so“, bestätigte Eve Freeman. „Mit roter Farbe. Ich dachte zuerst, es wäre mit Blut geschrieben. Aber es war gesprayt.“

Sie befand sich im Haus ihres Onkels. Bücher, wohin man blickte. Das ging schon in der Diele los, erstreckte sich über das gesamte Erdgeschoss, zog sich die Treppe hinauf und bis in die letzten Winkel der oberen Räume hinein. Bücher, Bücher, Bücher. Schwere Folianten. Alte und neue Schriften über paranormale Phänomene, Teleportation, Telekinese, Spiritismus, Wunder, Himmelserscheinungen, Aberglaube, Okkultismus, Parapsychologie, Hexerei, Mysterien, Dämonologie, Geisterglaube, Exorzismus und vieles mehr.

Und der alte, eingetrocknete Mann mit den langen, schlohweißen Haaren und der dicken Hornbrille auf der Nase hatte sie alle gelesen.

Er war ein Experte auf all diesen Gebieten, eine Koryphäe und gern gesehener Gastdozent in den Hörsälen vieler einschlägiger Institutionen im In- und Ausland.

„Jack is back“, murmelte Professor McAdams nachdenklich. „Der Ripper ist zurück.“

„Hältst du das für möglich, O.O.?“, fragte Eve Freeman. Sie hatte irgendwann im zarten Kindesalter angefangen, ihn nicht mehr Onkel Owen, sondern liebevoll O.O. zu nennen, und das hatte sie – sie war inzwischen fast dreißig – beibehalten.

Der Parapsychologe nahm die Brille ab und rieb sich die müden Augen. „Wenn die Hölle die Hand im Spiel hat, ist so gut wie nichts unmöglich.“

„Es könnte sich um einen geisteskranken Nachahmungstäter handeln.“

Professor McAdams setzte seine Brille wieder auf und schaute seine Nichte durch die dicken Gläser ernst an. „Glaubst du das?“

Eve Freeman seufzte. „Im Gegensatz zu dir fällt es mir sehr schwer, zu akzeptieren, dass der Ripper tatsächlich zurückgekehrt ist, O.O.“

Der Parapsychologe betrachtete seine knöchernen Hände. „Er hat sich wieder eine Prostituierte geholt. Du hast gesehen, was er mit ihr gemacht hat. Das ist haargenau seine Handschrift.“ Er strich sich über das widerspenstige schlohweiße Haar. „Man nimmt an, dass er nach dem fünften Mord verstorben ist …“

„1888!“, warf die junge Journalistin und Buchautorin ein. „Und jetzt erst kommt er zurück? Warum erst jetzt? Nach so langer Zeit?“

Owen McAdams zuckte mit den schmalen Schultern. „Die Wege des Teufels sind unergründlich.“

„Schreiben wir irgendein – aus Sicht der Hölle – besonderes Jahr?“, fragte Eve.

„Nicht, dass ich wüsste“, gab ihr Onkel zur Antwort. „Es gibt Teufelsjahre und – ganz allgemein – Jahre des Bösen. Doch nach geheimen kirchlichen Aufzeichnungen hat die Welt erst wieder in drei Jahren mit dem nächsten schwarzen Schatten zu rechnen. Dann wird sich das globale Unheil häufen, schlechte Menschen werden an die Macht kommen und nichts unversucht lassen, um die Apokalypse über ihr Volk zu bringen.“ Er musterte seine Nichte nachdenklich. „Ich gehe davon aus, dass sich Scotland Yard des Falles angenommen hat.“

Eve nickte.

„Und – wer …“

„Russell.“

„Ist er noch immer mit Ludmilla Katharina Emma Yolanda Boysen verheiratet?“

„Selbstverständlich. Warum fragst du?“

„Du hast viel besser zu ihm gepasst“, befand der Parapsychologe.

„Äußerlich ja“, pflichtete Eve dem alten Mann bei. „Aber charakterlich …“

McAdams rümpfte die Nase, als würde ein übler Geruch durch den Raum schweben. „Die Boysen ist eine unmögliche Person. Ich hatte das Pech, sie auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung kennenzulernen. Ich mag sie nicht.“ Er hob die Hände. „Okay, für ihr Aussehen kann sie nichts. Aber sie meint, alles besser zu wissen, ist dünkelhaft und unbelehrbar. Das macht sie extrem unsympathisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Russell mit ihr glücklich ist.“

„Sein Bier“, sagte Eve gleichgültig.

„Angenommen, die Ehe hält nicht …“

Eve ahnte, worauf er hinaus wollte. Sie hob warnend den Finger. „O.O.!“

„Nur mal angenommen“, sagte der Weißhaarige. „Hätte Russell noch mal eine Chance bei dir?“

„Er hatte seine Chance“, antwortete Eve emotionslos. „Eine zweite gibt es für ihn nicht.“

Ihr Onkel wusste nicht alles. Es gab inzwischen einen anderen Mann in ihrem Leben. Sein Name war Vince Eaton. Ein heller Kopf. Sportlich, dynamisch und liebenswert. Er lektorierte ihre Bücher, war ein guter, aufrichtiger Freund. Ein Mann, mit dem man Pferde stehlen konnte, der mit einem durch Dick und Dünn ging. Die Beziehung war noch ein sehr junges, zartes Pflänzchen, das sich erst entwickeln musste, deshalb hatte Eve dem Professor noch nichts davon erzählt.

Sie kam wieder auf den Ripper zu sprechen und fragte: „Wie kann man diesem Scheusal das Handwerk legen, O.O.?“

McAdams Augen wurden groß. „Um Himmels willen, du willst dich doch nicht etwa mit ihm anlegen? Tu das bitte nicht. Das ist viel zu gefährlich. Ich flehe dich an, halte dich vom Ripper fern. Er ist kein Mensch mehr, genießt jetzt den Schutz der Hölle.“

„Aber er ist nicht unsterblich, oder?“

„Nein, das ist er nicht“, gab der Parapsychologe zu. „Unter bestimmten Voraussetzungen und mit der entsprechenden Waffe kann man jedes schwarzblütige Wesen vernichten.“

„Maya Frazer hat auf ihn geschossen, sagen die Ermittler.“

„Wenn du ihn mit einer gewöhnliche Kugel triffst, lacht er dich aus“, erklärte Owen McAdams mit finsterer Miene. „Sie muss geweiht und aus Silber sein, sonst ist sie wirkungslos.“

„Hast du die entsprechende Munition im Haus, O.O.?“

Der Professor atmete schwer aus. „Hast du mir nicht zugehört? Wenn der Ripper merkt, dass du hinter ihm her bist, sucht er dich heim.“

„Umso wichtiger ist es, gegen ihn entsprechend gewappnet zu sein.“

„Du weißt nicht, worauf du dich da einlässt, Eve.“

„Er darf keinen weiteren Mord begehen, O.O.“, sagte die junge Frau entschieden.

„Wie willst du das verhindern?“

„Das weiß ich im Moment nicht“, gab Eve ehrlich zur Antwort. „Mir ist nur klar, dass diesem grausamen Unhold keine Frau mehr zum Opfer fallen darf. Wenn du gesehen hättest, was er mit Maya Frazer gemacht hat …“

„Ich kann es mir vorstellen“, versicherte er ihr. „Schließlich sind mir die Berichte von damals bekannt. Ich weiß von den Kanonischen Fünf, wie die Whitechapel-Morde bezeichnet werden, die zwischen dem 31. August und dem 9. November 1888 begangen wurden. Die Opfer hießen Mary Anne Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kellys. Und ich könnte dir haarklein schildern, was der Ripper diesen bedauernswerten Opfern angetan hat. Deshalb warne ich dich noch einmal mit größter Eindringlichkeit …“ Er brach ab, sah seine Nicht an und wusste, dass er zu tauben Ohren sprach.

 

 

5. Kapitel

 

Tags darauf chattete Eve Freeman online mit ihrem Lektor. Vince Eaton meinte, in dem Manuskript, das sie ihm kürzlich geschickt hatte, eine Schwachstelle entdeckt zu haben, doch es gelang ihr, seine behutsam vorgebrachte Kritik mit klugen, stichhaltigen Argumenten zu entkräften. Danach drifteten sie in den privaten Bereich ab.

Darf ich dich zum Essen einladen?, erkundigte sich Vince.

Eve schrieb schmunzelnd: Kannst du dir das leisten?

Na ja, zwei Hotdogs …

Für jeden?

Für jeden einen, scherzte Vince Eaton.

Sie musste lachen. Wann und wo?

Ich rufe dich an.

Okay.

Damit beendete Eve Freeman den Chat und fuhr ihr Notebook runter. Vince war ein lustiger Typ. Er brachte sie immer wieder zum Lachen, und das gefiel ihr. Sie hatte es bisher tunlichst vermieden, ihn mit Russell zu vergleichen, doch diesmal tat sie es – zum ersten Mal.

Vince Eaton sah zwar nicht ganz so umwerfend aus wie Russell Fisher, aber er hatte ganz zweifellos den wesentlich besseren Charakter.

Er war rücksichtsvoll und einfühlsam und verstand sie sehr viel besser als der kalte, berechnende und ehrgeizige Mann, der es inzwischen beim Yard zum Oberinspektor gebracht hatte. Eve hob die Arme, streckte sich, gähnte herzhaft und stand auf. Sie ging in die Küche und trank ein Glas Milch.

An der Kühlschranktür klebten bunte Magnetbilder. Urlaubsandenken aus Prag, Krakau, Brüssel, Stockholm, Kopenhagen, Wien, Rom …

„Wo werde ich die hintun, die ich noch kaufen werde, wenn die Tür eines Tages voll ist?“, murmelte sie amüsiert.

Warum sie sich auf einmal unbehaglich fühlte, konnte sie sich nicht erklären. Eine seltsame Kälte kroch ihr schlangengleich in die Glieder.

Sie meinte, jemandes Blick zu spüren, trat ans Fenster und schaute hinaus. Die Straße war menschenleer, und aus den gegenüberliegenden Gebäuden sah niemand zu ihr herüber. War es möglich, dass sie unbewusst die Nähe des Rippers witterte? Onkel Owen hatte gemeint, die Hölle könnte den Serienmörder mit Fähigkeiten ausgestattet haben, über die er früher nicht verfügt hatte.

Sollte dies der Fall sein, dann ist der Ripper jetzt wesentlich gefährlicher als bei seinem ersten Auftritt 1888, ging es Eve durch den Sinn.

Sie hatte sich am Laptop erste Notizen gemacht. Ihr schwebte vor, ein Buch über den zurückgekehrten Serienmörder zu verfassen, wie es noch keiner geschrieben hatte.

Vielleicht würde sie die gruselige Story auch einem der Hochglanzmagazine, die sie häufig mit Texten belieferte, in mehreren Teilen anbieten.

Das kam darauf an, wie ergiebig das Material sein würde, das sie in den nächsten Tagen und Wochen zusammenzutragen gedachte. Eve trat vom Fenster zurück.

Du hast in Maya Frazers Wohnung Schreckliches gesehen, sagte sie sich, um sich zu beruhigen. Das hat dich in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzt, und nun meinst du, Blicke zu spüren und bildest dir ein, beobachtet zu werden. In Wahrheit aber ist alles wie immer. Du hast keinen Grund, nervös zu sein.

„Fehlt nur noch, dass ich anfange, Stimmen zu hören“, murmelte Eve, während sie ins Wohnzimmer ging. „Dann bin ich reif für die Klapse.“

Ihr Blick fiel auf das schlanke, silberne 15-Zoll-Notebook. Sie hatte es zwar abgeschaltet, aber nicht zugeklappt – und plötzlich geschah etwas höchst Seltsames.

Das Programm fuhr ganz von selbst wieder hoch. Hatte ein Unsichtbarer den Laptop eingeschaltet? Der Bildschirm wurde hell. Eve Freeman trat verblüfft näher und verfolgte ungläubig, wie auf der weißen Fläche ein Buchstabe nach dem andern erschien – groß, dick und pechschwarz. Zwei Worte brannten sich in ihre staunenden Augen: RIPPER RELOADED.

 

 

6. Kapitel

 

Eve Freeman prallte erschrocken zurück. Wer hat das geschrieben?, hallte es in ihr. Ich war das ganz bestimmt nicht. Aber wer sonst? Es ist ja außer mir keiner hier. Oder … doch? Kann ich ihn nur nicht sehen? Oder tue ich auf einmal Dinge, ohne es zu wissen. Werde ich von jemandem zu Handlungen verleitet, ohne dass es mir bewusst ist? Bin ich plötzlich irgendjemandes Marionette?

„Großer Gott, ich schnappe doch nicht etwa über!“, flüsterte Eve verdattert.

Sie gab sich einen Ruck und schaltete das Notebook ab. Jedenfalls versuchte sie das, aber es funktionierte nicht. So sehr sie sich auch darum bemühte – das Gerät blieb eingeschaltet. Und es begann allmählich ein unerklärliches Eigenleben zu führen. Die großen, dicken, pechschwarzen Buchstaben RIPPER RELOADED fingen an, mehr und mehr zu verblassen. Bis sie schließlich nicht mehr zu sehen waren.

Doch damit war der Spuk nicht vorbei. Jetzt begann der Wahnsinn erst richtig zu sprießen. Jemand fing an, auf dem Laptop zu schreiben. Oder kam die Botschaft von irgendwo her?

Ich habe dich gesehen, las Eve Freeman fassungslos. Ich weiß, wer du bist, kenne deinen Namen und weiß, wo du wohnst. Das ist nicht gut für dich, denn nun bist du in meiner engeren Wahl. Du warst in Maya Frazers Wohnung und hast gesehen, was ich mit ihr angestellt habe.

Vielleicht bekommst auch du schon bald mein Messer zu spüren. Du bist deines Lebens nirgendwo mehr sicher, Eve Freeman. Von nun an wirst du in ständiger Furcht leben.

Die Angst wird mit glühenden Zähnen an deiner Seele nagen. Ich kann dir überall und jederzeit entgegentreten. Freue dich auf unsere Begegnung. Sie wird unser erste und zugleich unsere letzte sein …

Eve hatte das Gefühl eine dicke Hanfschlinge würde sich gnadenlos um ihren Hals zusammenziehen. Sie schnappte nach Luft. Ihr Mund war völlig ausgetrocknet.

Sie konnte nicht begreifen, was sie sah, hatte absolut keine Erklärung dafür – nicht einmal die verschrobenste, skurrilste oder abgedrehteste. Und auf dem Bildschirm kamen laufend weitere Worte hinzu.

Bluuuut. Es wird sehr viel Bluuuut fließen. Dein Blut, Eve Freeman. Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass ich – wie früher – nur Prostituierte abschlachte, denn inzwischen weiß ich, dass ALLE Weiber Huren sind.

Nicht bloß die auf dem Straßenstrich. Das sind die Ehrlichen, die zu dem, was sie tun, stehen. Aber glaube nicht, dass du besser bist als Maya Frazer.

Ihr seid alle gleich. Jede verkauft sich bloß auf eine andere Art. Das ist der einzige Unterschied. Deshalb kann mein Messer auch nie die Falsche töten.

Ganz gleich, welchem ehrlosen Luder ich die Gurgel durchschneide. Es wird immer die Richtige sein und niemals eine Unschuldige treffen.

Eve Freeman schüttelte heftig den Kopf. Das kann nicht sein, dachte sie aufgewühlt. Das gibt es nicht. Ich halluziniere. Grundgütiger, ich hätte nicht darauf bestehen sollen, einen Blick in Maya Frazers Schlafzimmer werfen zu dürfen. Das hat mir nachhaltig geschadet. Der fürchterliche Anblick der Toten hat mir den Verstand geraubt. Ich bin übergeschnappt.

Mein Messer sehnt sich nach deinem Fleisch, Eve Freeman. Kann sein, dass ich sehr hungrig bin, wenn wir einander begegnen. Dann werde ich dir das Herz aus der Brust schneiden und es gierig fressen.

Du hast meine Botschaft in Mayas Schlafzimmer gelesen: JACK IS BACK. Das ist wahr. Ich bin es wirklich. Der Whitechapel-Mörder von einst … Zurück aus der Hölle …

„Genug!“, stieß Eve Freeman heiser hervor. „Es reicht! Ich will kein Wort mehr von dir lesen!“

Sie stürzte sich auf das Notebook und klappte es zu. Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn, und in ihren Ohren rauschte das kochende Blut.

 

 

7. Kapitel

 

„Das – das kann nicht sein, O.O.“, stotterte Eve Freeman. Sie war mit ihrem Laptop zu ihrem Onkel gerast und hatte ihm die Message des Rippers zeigen wollen, doch sie war nicht mehr vorhanden.

Eve hatte den gesamten Speicher durchforstet. Die Botschaft, die mit RIPPER RELOADED begonnen hatte, war nirgendwo zu finden. Sie existierte nicht mehr. Der Mörder musste die Nachricht, die nur für Eve bestimmt gewesen war, gelöscht haben.

„Ich schwöre dir, die Zeilen waren da, O.O.“, krächzte die junge Frau.

Der weißhaarige Parapsychologe zweifelte keine Sekunde an ihren Worten, und das sagte er ihr auch.

„Aber – aber wie ist das möglich?“, stammelte Eve. „Wie kann er auf meinem Computer schreiben? War er da? War er in meiner Wohnung? War er – unsichtbar?“

„Er kann sich unter Zuhilfenahme schwarzmagischer Energien in dein System gehackt haben.“ Der Professor zog die schmalen Schultern hoch. „Ich bin ein alter Mann. Ich weiß zwar sehr viel, aber leider bei Weitem nicht alles. Vor allem mit diesem neumodischen elektronischen Kram kenne ich mich nicht besonders gut aus. Diese Entwicklung habe ich bedauerlicherweise verschlafen. Sie hat mich überholt, ohne dass es mir auffiel.“

Da sich der Ripper mit seiner schönen Nichte in Verbindung gesetzt hatte, stieg seine Sorge um sie um ein Vielfaches. Er musterte sie nachdenklich.

„Kann ich dich dazu bewegen, London zu verlassen, Eve?“ Es hörte sich an, als wollte er sie inständig darum bitten.

Sie schüttelte trotzig den Kopf. „Nein, O.O.“

„Du reist doch gern.“

„Das stimmt. Aber ich fliehe nicht gern.“

„Eine kleine Aus-Zeit in Amsterdam oder in den Schweizer Alpen …“

„Kommt nicht infrage, O.O. Ich laufe vor diesem Teufel nicht weg.“

„Du hast gesehen, wozu er fähig ist.“

Eve zeigte wütend auf ihr Notebook. „Er hat mir gedroht“, fauchte sie. „Und ich habe einen Onkel, der weiß, wie man mit solchen Kreaturen fertig wird“, ergänzte sie kämpferisch.

Owen McAdams machte ein Gesicht, als hätte er Essig getrunken. Er sah großes Ungemach auf seine Nichte, die er wie ein eigenes Kind liebte, zukommen.

Da er sie nicht zwingen konnte, die Stadt zu verlassen, beschloss er, sie auf die bestmögliche Weise gegen eine Konfrontation mit dem Bösen zu wappnen.

 

 

8. Kapitel

 

Alex Dunne war Geschäftsmann, und jedes Mal, wenn er in London zu tun hatte, besuchte er Rachel Lowery. Zu Hause, in New York, hatte er eine zänkische, fanatisch religiöse Ehefrau und drei extrem nervige, in allen unerträglichen Phasen pubertierende Kinder.

Skrupellose Parasiten, von denen er sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit bei Rachel Lowery erholte. Sie nahm zwar Geld und kleine Geschenke (es durften auch größere sein) von ihm an, wenn sie mit ihm ins Bett ging, hätte es sich aber verbeten, sie deswegen als Prostituierte zu bezeichnen.

Wenn eine Frau einem Mann einen sexuellen Gefallen erwies und ihm aus gewissen triebgeschuldeten Nöten half, damit er bei der nächsten Konferenz wieder klar denken und nicht über den Tisch gezogen werden konnte, war sie alles andere, nur keine würdelose Dirne.

Auch dann nicht, wenn sie dafür die eine oder andere mehr oder weniger großzügige Zuwendung annahm und nicht – was außerordentlich dumm gewesen wäre – entrüstet zurückwies. Fragte man die ungemein attraktive rothaarige Rachel Lowery, was sie beruflich mache, bekam man zur Antwort, sie sei Dolmetscherin, und das stimmte auch. In dieser Funktion hatte der Amerikaner sie vor drei Jahren bei einem Meeting mit spanischen und französischen Geschäftsleuten kennengelernt. Der Rest hatte sich so nach und nach ergeben.

Dunne, ein kleines, schusseliges Wiesel mit schütterem Haar und einer Figur, die mit jeder vernünftigen BMI-Marke auf Kriegsfuß stand, war heute, an diesem wolkenverhangenen Nachmittag, mal wieder bei der schönen Britin seinen Überdruck, der ihn seit Wochen in den Lenden gequält hatte, losgeworden und fühlte sich nun unbeschreiblich wohl.

So wohl, dass er beim Abschied mit voller Absicht im Wohnzimmer einige große Geldscheine auf dem marmorierten Couchtisch liegen ließ.

Er war nicht ihr einziger … Nun, sagen wir Klient, denn das Wort Kunde gefiel ihr nicht. Aber er war der Einzige, dem sie erlaubte, sie beim Kommen und beim Gehen auf den Mund zu küssen. Weil er sie stets korrekt und respektvoll behandelte und ihr das Gefühl gab, eine Dame, eine Königin zu sein.

Sie hatte ihm vor einer Minute alles Gute und viel Glück für die bevorstehende Verhandlung gewünscht, und da er spät dran gewesen war (er erledigte immer alles auf den letzten Drücker, das war so seine Art), war er hektisch und mit roten Wangen zur Tür hinausgeflitzt, als wäre er vor irgendetwas oder vor irgendjemandem auf der Flucht.

Rachel Lowery schüttelte schmunzelnd ihre rote Mähne und murmelte: „Was für ein liebenswerter, sympathischer – großzügiger – Chaot.“

Sie schickte sich an, ins Wohnzimmer zurückzukehren, um die Banknoten vom Couchtisch zu entfernen. Da klopfte es. Rachel nickte.

„Aha. Der Wirrkopf hat etwas vergessen.“ Sie kehrte zur Tür zurück und öffnete, ohne einen Blick durch den Spion zu werfen, wie sie es normalerweise immer machte. Ihre Augen weiteten sich, als sie den Fremden sah, der auf ihrer Matte stand. Er bleckte die Zähne.

„Hallo, Rachel.“ Er grinste mit bösen Augen.

Sie fröstelte unwillkürlich. „Wer sind Sie?“

„Jack“, antwortete er. „Ich bin Jack.“ Er kicherte. „Jack is back.“

Er machte ihr Angst, deshalb wollte sie die Tür hastig schließen, doch das ließ er nicht zu. Er stellte den Fuß vor. Die Tür knallte mit Schwung dagegen. Und plötzlich hatte der Unbekannte, der sich Jack genannt hatte, ein großes Messer in der Hand.

 

 

9. Kapitel

 

Woher Eve Freeman den Mut nahm, wusste sie eigentlich selbst nicht so genau. Wie konnte sie bloß den lebensgefährlichen Entschluss fassen, das Böse in die Schranken weisen zu wollen? War das nicht blanker Irrsinn? Vielleicht wäre sie nicht auf diese absurde – um nicht zu sagen wahnwitzige – Idee gekommen, wenn der Serienkiller sich nicht mit seiner mysteriösen RIPPER-RELOADED-Botschaft an sie gewandt hätte.

Damit hatte er ihr die Konfrontation mit Jack, dem Schlächter, praktisch aufgezwungen. Sie musste sich der Auseinandersetzung stellen.

Der Kampf gegen den zurückgekehrten Unhold stand ihr unausweichlich bevor, ließ sich aus ihrer Sicht auch keinesfalls verhindern. Es fragte sich nur noch: Wann würde es dazu kommen? Und wo?

Ihr Telefon schlug an. Sie zuckte heftig zusammen. „Bald wirst du vor deinem eigenen Schatten erschrecken“, murmelte sie ärgerlich. „Du hattest auch schon mal bessere Nerven, Mädchen.“

Sie drehte sich um und starrte das Telefon wie einen persönlichen Feind an. Eine innere Stimme riet ihr, nicht ran zu gehen.

„Lass es läuten, Eve.“

Sie erwiderte im Geist: „Aber ich muss doch …“

„Der Anruf bringt nur Ärger.“

„Das kann keiner wissen.“

„Vielleicht ist es Jack.“

„Es kann auch jemand anders sein.“

Sie griff entschlossen nach dem Hörer, meldete sich heiser – und es war tatsächlich nicht Jack, sondern Oberinspektor Fisher. Privat.

„Störe ich?“, erkundigte er sich. Seine Stimme klang seltsam hohl.

„Äh, nein“, gab sie zögernd zur Antwort.

„Was machst du gerade?“

„Ich telefoniere mit dir“, gab sie gallig zur Antwort.

„Und sonst?“

„Warum willst du das wissen?“, fragte sie distanziert zurück.

„Nur so.“

Eve runzelte die Stirn. „Hast du was getrunken, Russell? Du hast etwas getrunken, stimmt’s?“

Der Yard-Oberinspektor lachte seltsam. „Sag bloß, du kannst meine Alkoholfahne riechen.“

„Was ist los mit dir, Russell?“

„Darf ich zu dir kommen?“

„Das halte ich für keine gute Idee.“

„Bitte, Eve. Ich brauche jemanden, bei dem ich mich ausweinen kann.“

„Dafür bin ich ganz bestimmt nicht die richtige Adresse“, sagte sie abweisend.

„Doch, bist du“, widersprach er.

„Warum gehst du nicht zu seiner Frau?“

„Du bist noch immer mein Lebensmensch, Eve. Du. Nicht sie. Das weißt du.“ Er seufzte leidend. „Es war ein Fehler, Ludmilla zu heiraten.“

„Es war deine Entscheidung“, gab sie kühl zurück. Warum hätte sie mit ihm Mitleid haben sollen? „Dein freier Wille. Niemand hat dich gezwungen.“

„Mein Gott, ja“, ächzte er, als würde er eine schwere Last schleppen. „Und nun muss ich diesen Schritt in die falsche Richtung täglich büßen. Diese Frau und ihre Familie machen mich fertig. Sie lassen mich spüren, dass ich nicht zu ihnen gehöre. Ich greife immer öfter zur Flasche …“

„Du weißt, dass Alkohol keine Lösung ist.“

„Selbstverständlich weiß ich das“, gab er zu. „Ich bin schließlich nicht dumm. Er tut mir gesundheitlich auch gar nicht gut und beeinträchtigt immer öfter meine berufliche Leistung. Noch kann ich es vor meinen Kollegen verbergen. Doch über kurz oder lang werden sie es merken und anfangen, an meinem Stuhl zu sägen.“

Eve hörte unten einen Lastwagen vorbeifahren, und dasselbe Geräusch kam auch aus dem Telefonhörer. Das bedeutete … „Wo bist du, Russell?“, fragte Eve spröde.

„Ich stehe vor deinem Haus“, gestand er. „Darf ich hochkommen?“

„Auf gar keinen Fall“, antwortete Eve grob. „Geh nach Hause, Russell. Ich will dich nicht sehen.“

„Was, wenn ich trotzdem …“

„Damit würdest du dir eine Menge Ärger einhandeln“, erklärte sie ihm zornig. „Ich würde nämlich die Polizei rufen. Ein Oberinspektor von Scotland Yard stalkt und bedrängt seine Ex … Das würde dich und deine Karriere erheblich beschädigen.“

Sie legte auf und wartete. Aber Russell Fisher kam nicht. Obwohl er betrunken war, siegte die Vernunft und er ließ sie in Ruhe.

 

 

10. Kapitel

 

Das Messer zuckte vorwärts und Rachel Lowery spürte so etwas wie einen Schlag gegen die Kehle. In Wahrheit aber war es sehr viel mehr.

Die scharfe Klinge traf sie nicht nur, sondern fügte ihr einen so tiefen Schnitt zu, dass sie nicht mehr schreien konnte. Blut schoss aus ihren durchtrennten Adern.

Sie kippte ohne Gegenwehr nach hinten. Der Ripper trat ein, stieß die Tür zu, um mit seinem Opfer allein zu sein und tobte sich an der Frau, die mehr Männerbekanntschaften gehabt hatte, als es der Durchschnitt tolerierte, bestialisch aus. Er wütete wie damals – 1888.

Sein Hass auf Frauen war noch immer ungebrochen. Deshalb tat er Rachel Lowery das Gleiche an wie all seinen anderen Opfern. Er packte die Tote bei den roten Haaren, schleifte sie von der Tür weg und ins Wohnzimmer.

Nachdem er der Leiche die Kleider vom Körper gefetzt hatte, setzte er die Spitze seines blutbesudelten Messers an und schnitt die Bauchdecke auf.

Er nahm sich für diese abartige Operation sehr viel Zeit, und niemand störte ihn dabei. Die Sorgfalt, mit der er schon früher seine Opfer verstümmelt hatte, hatte die Ermittler auf die Idee gebracht, nach einem geisteskranken Arzt zu suchen. Auch einen Metzger hätten sie sich als Ripper vorstellen können, doch was er wirklich von Beruf gewesen war, würde man niemals in Erfahrung bringen.

Nachdem er Rachel Lowery eine Niere entfernt hatte, begann er, einer grausamen Eingebung gehorchend, ihr Gesicht zu zerstören. Er setzte viele Schnitte kreuz und quer und hörte erst auf, als das Antlitz seines Opfers nicht mehr zu erkennen, ja nicht einmal mehr vorhanden war.

Diesmal sprayte er seine Botschaft JACK IS BACK nicht mit roter Farbe zwischen den beiden Wohnzimmerfenstern an die Wand, sondern verwendete dafür das reichlich vorhandene Blut der getöteten Frau. Anschließend ging er ohne Hast in die Küche, stellte eine Grillpfanne auf den Herd, briet Rachels Niere, quetschte Hot Ketchup auf einen Teller, schippte die Niere darauf, würzte sie mit Pfeffer und Salz und verschlang sie mit großem Appetit und unbeschreiblicher Gier.

Hinterher legte er die Hände auf seinen Bauch, rülpste laut und murmelte: „Das war ein Teufelsmahl vom Feinsten. Bist ein exzellenter Koch, Jack.“

Er überlegte, ob er sich noch ein Stück von Rachel holen sollte, entschied sich dann aber dagegen, weil er sich nicht überfressen wollte.

Er verließ die Küche und folgte der Blutspur zur Tür. Als er diese öffnen wollte, ging die Tür der gegenüberliegenden Wohnung auf.

Er warf einen Blick durch das Guckloch und sah Rachel Lowerys Nachbarin. Graue Raucherhaut. Herbe Gesichtszüge. Pechschwarzes, negroides Kraushaar. Figur noch einigermaßen okay. Jack schätzte, dass sie Mitte fünfzig war.

„Nicht mein Beuteschema“, murmelte er, während er die Frau mit kalten Augen beobachtete. „Süße, du ahnst nicht, wie viel Glück du hast. Wenn du fünfzehn Jahre jünger und ein klein wenig attraktiver wärst, wärst du jetzt fällig.“

Die Frau verschwand aus seinem Blickfeld. Er ließ sicherheitshalber ein paar Minuten verstreichen, trat dann aus Rachel Lowerys Wohnung und ließ die Tür offen, damit es nicht zu lange dauerte, bis die Leiche entdeckt wurde.

 

 

11. Kapitel

 

Oberinspektor Fisher rief sechzehn Stunden später wieder an.

„Wächst sich das jetzt zu einer Art Telefonterror aus?“, fragte Eve Freeman genervt.

„Ganz sicher nicht“, gab der Yard-Mann bestimmt zurück.

„Bist du wieder nüchtern?“

„Hört es sich so an, als wäre ich noch immer betrunken?“

„Hast du in deinem privaten Telefonbuch keine anderen Nummern, die du anrufen könntest?“

„Ich möchte mich entschuldigen, Eve.“

Sie schwieg.

„Ich habe mich gestern unmöglich benommen.“

„Schön, dass du das einsiehst“, bemerkte Eve sarkastisch.

„Es wird nicht wieder vorkommen. Versprochen. Ich war …“

„Ich weiß, was du warst“, fiel sie ihm ins Wort.

„Was du nicht weißt, ist, dass ich eine ziemlich böse Auseinandersetzung mit meiner Frau hatte.“

„Hast du deshalb …“

„Ja“, sagte er zerknirscht. „Unsere Ehe scheint total zerrüttet zu sein … Ich halte sie für irreparabel … Sie ist nur noch ein desaströser Scherbenhaufen … Es gibt zwischen Ludmilla und mir keinen gemeinsamen Nenner mehr … Da sind nur noch Abneigung und emotionale Kälte …“ Er stockte kurz. Dann fuhr er fort: „Aber keine Sorge. Ich mache mir nichts vor. Ich weiß, dass es für mich keinen Weg zurück gibt … Zu dir … Zu deinem Herzen … Diese Chance habe ich leider verspielt. Man sollte mich dafür jeden Tag ohrfeigen. Doch vielleicht können wir eines Tages Freunde sein. Nur Freunde. Das würde mir schon genügen. Ob du mir glaubst oder nicht. Es würde mich glücklich machen.“

Eve war nicht bereit, ihm den kleinen Finger zu reichen, denn sie kannte ihn. Er würde sich nicht lange damit begnügen. Schon bald würde er mehr haben wollen. Noch einen Finger. Und noch einen. Und schließlich die ganze Hand. So war er. Das war Russell Fisher. Er konnte sich nie mit einer Kleinigkeit zufriedengeben, wollte immer alles haben.

Deshalb schob sie einer solchen unerfreulichen Entwicklung lieber jetzt schon einen Riegel vor, indem sie sagte: „Es ist ein für alle Mal vorbei, Russell.“

„Hast du wieder jemanden?“, erkundigte er sich traurig.

„Ja.“

„Darf ich wissen, wer es ist?“

„Nein“, antwortete sie kalt.

„Warum nicht?“

„Weil es dich nichts angeht.“

„Kenne ich ihn?“

Eve seufzte. „Lass es gut sein, Russell.“

„Ich kann es herausfinden.“

„Das führt zu nichts, Russell. Ich wünsche dir einen schönen Tag.“ Sie wollte auflegen.

„Eve!“

Sie verdrehte gefrustet die Augen. „Was denn noch?“

„Der Ripper hat wieder zugeschlagen.“

Ihr wäre vor Schreck beinahe der Hörer aus der Hand gerutscht. „Was? Wo? Wen hat er diesmal …“

„Der Name des Opfers ist Rachel Lowery.“

„War sie eine …“

„Nun ja, sie war keine Bordsteinschwalbe, wie solche Damen in manchen Kreisen genannt werden, aber sie hatte häufig Herrenbesuche – sagt die Nachbarin“, antwortete der Oberinspektor. „Angeblich hatte sie erstaunlich viele betuchte Freunde.“

„Ich verstehe.“

„Aber es war nicht ihr Beruf“, erklärte Russell Fisher.

„Sondern?“

„In ihren Papieren steht, dass sie Dolmetscherin war. Ihr Mörder, diese grausame, abartige Bestie, hat eine ihrer Nieren verspeist.“

„Entsetzlich“, stöhnte Eve Freeman schaudernd.

„Er hat sie in der Küche in einer Grillpfanne gebraten, mit Salz und Pfeffer gewürzt und Hot Ketchup dazu genommen.“

Perverser geht’s wohl nicht mehr, dachte Eve angewidert.

„Und er hat wieder JACK IS BACK an die Wand geschmiert“, ergänzte Oberinspektor Fisher seinen Bericht. „Diesmal mit dem Blut seines Opfers.“

Angenommen, es gelingt Russell und seinen Leuten, den Serienmörder auszuforschen, in die Enge zu treiben und zu stellen, ging es Eve durch den Kopf. Was dann? Jack kommt aus dem Reich der Verdammnis. Er genießt – laut O.O. – den Schutz der Hölle, ist kein Mensch mehr. Man kann ihn nicht töten, weil er schon seit langer Zeit tot ist. Wie würde eine solche Konfrontation verlaufen? Würde es den Yard-Beamten gelingen, das Scheusal zu überwältigen und einzusperren? Kann man so ein schwarzblütiges Wesen überhaupt festhalten?

„Eve!“, rief Russell Fisher in ihre Gedanken. „Bist du noch dran?“

„Ja“, gab sie lahm zurück. Und obgleich sie nichts mehr für ihn empfand, sagte sie: „Pass auf dich auf, Russell.“

 

 

12. Kapitel

 

Einen Tag nach dem zweiten Mord des Rippers (genau genommen war es sein siebter) nahm Eve Freeman einen Termin wahr, den der Verlag für sie arrangiert hatte. Sie sollte in einer großen, alteingesessenen Buchhandlung einige interessante Passagen aus ihrem neuesten Werk vorlesen, und obwohl sie das nicht zum ersten Mal machte, war sie ungemein nervös. Begründen konnte sie ihre Kribbeligkeit nicht.

„Alles in Ordnung, Eve?“, erkundigte sich Vince Eaton, dem ihre Fahrigkeit nicht entgangen war, fürsorglich. Der junge Lektor war adrett gekleidet.

Er trug einen dunkelblauen Anzug und eine dezent gemusterte blaue Seidenkrawatte. Seine schwarzen Schuhe waren auf Hochglanz poliert.

Schließlich musste er als Verlagsvertreter den allerbesten Eindruck auf die Menschen machen, die die Autorin sehen und hören wollten.

„Du siehst gut aus“, raunte ihm Eve zu.

Er griente. „Kleider machen Leute.“ Sein Blick huschte über ihr biederes taubengraues Kostüm, das ihr so perfekt passte, als wäre es nach Maß geschneidert.

Sie trug ein schlichtes, mehrreihiges Halsband aus dunklen, matt glänzenden Blutsteinen im Gothic-Stil, das er bei ihr noch nie gesehen hatte.

Es gefiel ihm ausnehmend gut, und er wollte das auch erwähnen, doch als er merkte, dass sie gedanklich nicht ganz bei ihm war, ließ er es bleiben.

„Darf ich fragen, wieso du heute so nervös bist, Eve?“, flüsterte Vince.

Die Buchhandlung füllte sich nach und nach mit Menschen. Hielt sich Jack unter den Anwesenden auf? Möglich wäre es gewesen. Aber war dies tatsächlich der Fall?

Eve wollte nicht über den Ripper reden, deshalb sagte sie ausweichend: „Keine Ahnung, was mich heute so zappelig macht. Manchmal hat man einfach solche Tage. Die Nervosität wird sich bestimmt verflüchtigen, sobald ich die ersten Zeilen gelesen habe.“

Und so war es dann auch. Die Buchhandlung war zum Bersten voll, als Vince Eaton im Namen des Verlages und der Autorin das zahlreich erschienene Publikum herzlich begrüßte und allen einen angenehmen, ebenso spannenden wie entspannenden Lesenachmittag wünschte …

Freundlicher Applaus für ihn. Und doppelt so lauter Applaus für die attraktive Schriftstellerin, die sich lächelnd an einen dunklen Chippendale-Tisch setzte, das Mikrofon näher zu sich bog, ihr Buch aufschlug und mit fester, gut akzentuierter Stimme zu lesen begann.

Nach der Lesung, die alle begeistert hatte, schrieb Eve Freeman unzählige Autogramme und Widmungen. Sie hatte das angenehme Gefühl, von einer Woge der Sympathie getragen zu werden. Die Menschen liebten sie und brachten ihr deutlich spürbar Bewunderung, Respekt, Wärme und allergrößte Zuneigung entgegen. Das tat ihr gut und verdrängte ihre hässlichen Gedanken an den grausamen Ripper.

Sie unterhielt sich hinterher noch mit einigen Hardcore-Lesern, die glaubhaft versicherten, alles gelesen zu haben, was jemals von ihr gedruckt worden war. Und später fuhr Vince sie dann nach Hause.

„War eine gelungene Veranstaltung“, sagte er während der Fahrt.

„Ich hab’s genossen“, behauptete Eve, die es sich neben ihm auf dem Beifahrersitz gemütlich gemacht hatte. Aber stimmte das auch? War sie nicht die ganze Zeit ein ganz klein wenig wegen dieses mysteriösen Monsters angespannt gewesen? Hatte sie nicht öfter als sonst einen prüfenden Blick ins Publikum geworfen? Waren ihre Augen nicht öfter als bei anderen Lesungen auf der Suche nach dem Ripper gewesen?

Eigentlich wollte Eve Freeman vor Vince Eaton keine Geheimnisse haben. Schließlich liebte sie ihn. Trotzdem hatte sie ihm nichts von Russell Fishers beiden Anrufen (einmal betrunken, einmal nüchtern) erzählt, weil sie nicht wollte, dass der Lektor, der bisweilen sehr impulsiv sein konnte, und der Oberinspektor ihretwegen unnötig heftig aneinander krachten.

Da Eve nicht besonders gesprächig war, nahm Vince an, dass sie müde war. Deshalb fragte er auch nicht, ob er noch mit hochkommen dürfe, als er den Wagen vor ihrem Haus anhielt. Sie war ihm dafür sehr dankbar und drückte ihm einen warmen, innigen Kuss auf die Wange.

„Wir telefonieren morgen“, sagte er.

„Okay.“ Eve glitt aus seinem Wagen.

Er wartete, bis sie im Haus verschwunden war, dann fuhr er weiter. In ihrer Wohnung schüttelte Eve die Schuhe von den Füßen und ging in Strümpfen ins Wohnzimmer.

Sie nahm sich einen Drink und schaltete ihren Laptop ein, um ihre Mails zu checken … Werbung von einem dänischen Möbelhaus, von einer Online-Apotheke und von einem Reiseveranstalter, der auf Urlaube in Permafrost-Regionen spezialisiert war. Gutscheine für preisreduzierte Windschutzscheibenreparaturen, Allwetterreifen und Car Tuning …

Eve flüsterte: „Sorry, kein Interesse.“ Und löschte eine Nachricht nach der andern.

Plötzlich begann der Bildschirm geisterhaft zu flimmern, und Eve hatte einmal mehr keine Macht über das Gerät. Wie ein Firmenlogo prangten mit einem Mal die beiden Worte RIPPER RELOADED in großen fetten Lettern auf der Scheibe.

Die Bestie hatte sich abermals – auf nicht nachvollziehbare Weise – in ihr System gehackt und sich mit ihr in Verbindung gesetzt.

Ich war da, ließ Jack sie wissen. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Aber das weißt du ja. Du warst gut. Dein Vortrag hat mir gefallen.

Und allen andern auch. Bist ein Profi, Eve Freeman. Du weißt, was bei deinen Zuhörern ankommt. Deine Sprache ist klar und deutlich.

Du hast dein Publikum von Anfang an gut im Griff. Obwohl … Heute war ein Hauch von Unsicherheit dabei, stimmt’s? Gehe ich recht in der Annahme, dass du ein bisschen nervös warst? Meinetwegen?

Das würde mir schmeicheln. Du hast mich gesucht. Deine Augen wanderten nach jedem Absatz suchend durch den Raum. Einmal sind unsere Blicke einander auch begegnet, aber du hast mich nicht erkannt.

Welch ein Spaß, dieses Verstecken spielen mit dir. Das bereitet mir unerhörtes Vergnügen. Ich habe übrigens wieder zugeschlagen. Diesmal hat mein Messer Rachel Lowery getroffen. Ich habe das rothaarige Luder wie ein Blitz aus heiterem Himmel niedergestreckt.

Ein rascher, kräftiger Schnitt, und schon war sie verloren. Ich habe sie ausgeweidet und eine ihrer Nieren gefressen. Sie war äußerst delikat.

Eve Freeman schluckte angewidert.

Ist nicht schade um Rachel, behauptete der Ripper. Sie war nichts wert. Wie Maya Frazer, wie du oder wie irgendeine andere Schlampe auf dieser Welt.

Ich war damals, 1888, sehr gut im Töten, und nun stellt sich heraus, dass ich nichts verlernt habe, dass ich es noch immer so exzellent kann wie einst. Sogar noch besser, perfekter. Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich es dir demonstrieren. Du und deinesgleichen – ihr seid eine Seuche, die man mit allen Mitteln bekämpfen muss.

Ich werde dafür sorgen, dass andere meinem Beispiel folgen. Der zündende Funke des Frauenhasses wird überspringen und einen landesweiten Flächenbrand auslösen, der das gesamte charakterlose Weiberpack vernichten wird.

Eve Freeman hatte genug von den gemeinen Hasstiraden des wiedergekehrten Serienmörders. Da sie das Notebook nicht abschalten konnte, weil der Ripper dies nicht zuließ, packte sie es und schleuderte es wild durch den Raum in die düsterste Ecke und drückte die zitternden Hände auf ihre Augen. „Kranker Bastard!“, keuchte sie außer sich vor Wut und Abscheu. „Warum bist du nicht in der Hölle geblieben? Warum musstest du elendes, blutrünstiges Dreckschwein zurückkommen?“

In ihr tobte so viel heißer Hass, dass er sie zu verbrennen drohte.

 

 

13. Kapitel

 

Am darauffolgenden Tag saß Eve Freeman in jenem Whitechapel-Pub, in dem Maya Frazer den Ripper angesprochen hatte. Sie hatte eine Tasse Tee mit Milch vor sich stehen und wartete darauf, dass der Besitzer des Lokals ein wenig Zeit für sie hatte. Er wusste, worüber sie mit ihm reden wollte.

Sie hatte es ihm gesagt. Doch er war im Moment zu beschäftigt, um sich zu ihr setzen und ihre Fragen beantworten zu können. Das war für sie kein Problem. Sie hatte es nicht eilig und fasste sich in Geduld.

Eine Gruppe von Männern trug lärmend einen Darts-Wettbewerb aus und wollte laufend mit Bier versorgt werden. Erst als es einen Sieger gab und die Pfeilwerfer – vorläufig – genug getrunken hatten, kam der Wirt zu Eve.

„Entschuldigen Sie, dass Sie so lange warten mussten.“ Er setzte sich, war fast zwei Meter groß und hatte eine Sattelnase, was Eve vermuten ließ, dass er in jungen Jahren geboxt hatte.

Sie zuckte mit den Schultern und meinte verständnisvoll lächelnd: „Geht schon in Ordnung, Mister …“

„Blackman. Christopher Blackman.“

„Mister Blackman“, sagte Eve.

„Chris.“

Eve nickte. „Chris.“

Der Pubbesitzer grinste. „Die hätten mich mit ihren Pfeilen gespickt, wenn ich sie nicht prompt bedient hätte. Da verstehen sie keinen Spaß.“ Er warf einen Blick zu den Kerlen hinüber. „Jetzt sind sie friedlich. Ich mag diese Jungs. Sie beleben nicht nur das Geschäft. Sie sind auch immer gut drauf. Manchmal machen sie ein bisschen Radau, aber es ging dabei noch nie etwas kaputt. Sind gute, anständige Stammgäste, die sich zu benehmen wissen …“ Er richtete seinen Blick wieder auf Eve. „Aber Sie möchten mit mir über Maya sprechen.“

Die Journalistin und Buchautorin nickte. Chris Blackman wusste, wer sie war. Sie brauchte sich nicht vorzustellen, bestand nur darauf, dass er sie ebenfalls beim Vornamen nannte.

„War Maya oft hier?“, erkundigte sich Eve.

„Fast jeden Tag.“

„Hat es Sie nicht gestört, dass sie in Ihrem Pub bestimmte … Dinge anbahnte?“

„Nein“, sagte der Wirt. „Sie hat nie wen belästigt. Wenn jemand Gefallen an ihr fand, ließ sie sich von ihm zu einem Drink einladen, und manchmal zog sie mit dem interessierten Knaben später auch ab. Doch das ging immer sehr diskret und einvernehmlich vonstatten.“ Er zog die Schultern hoch. „Ein Mann lernt eine Frau kennen. Auf der Straße. In einem Coffee Shop. In einem Pub. Sie nimmt ihn mit nach Hause … Das ist in meinen Augen ganz normal, passiert tagtäglich viele Male überall auf der Welt. Nicht immer ist dabei Geld im Spiel, aber an und für sich läuft das so oder so ähnlich ab – in London, Paris, Madrid, Berlin …“

„Maya hat davon gelebt.“

Der Wirt nickte. „Das hat sie.“

„Sie war eine …“

„Das war sie“, bestätigte Christopher Blackman, ohne zu zögern. „Aber trotzdem irgendwie … anständig.“ Er lächelte schmal. „Das mag sich merkwürdig anhören, doch es entspricht der Wahrheit. Ich kann Maya nur das allerbeste Zeugnis ausstellen. Es gab nie irgendwelchen Ärger mit ihr.“

„Waren Sie auch einmal in ihrer Wohnung, Chris?“

Er nahm ihr diese Frage nicht krumm. Vielleicht hatte er sie sogar erwartet. „Ich habe es nicht nötig, dafür zu bezahlen“, erklärte er nüchtern.

„Sind Sie verheiratet?“

„Geschieden. Aber ich bin zum Glück nicht so triebgesteuert wie andere. Mir reichen hin und wieder ein paar Streicheleinheiten. Und ich weiß, wo ich die gratis kriegen kann. Kürzlich sagte eine bekannte Schauspielerin in einem Fernseh-Interview, dass sie Sex für überbewertet halte, und da kann ich ihr nur zustimmen.“ Blackman hob die Hände. „Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Eve. Ich habe prinzipiell nichts gegen Sex. Er ist etwas Wunderbares, gehört zum Leben. Aber viele machen daraus einen Wettbewerb. Sie benehmen sich, als wollten sie Pokale gewinnen und das finde ich lächerlich.“

Eve trank einen Schluck von ihrem Tee mit Milch, der inzwischen kalt geworden war. „Der Mann, den Maya Frazer angesprochen hat …“

„Ja?“

„Wie sah der aus?“

„Puh.“ Der Wirt kratzte sich leicht überfordert hinter dem Ohr. „Unauffällig. Unscheinbar. Irgendwie … Wie soll ich sagen? Irgendwie – nicht vorhanden. So habe ich ihn auch schon dem Yard-Oberinspektor beschrieben. Äh, wie hieß der doch gleich? Ah, ja. Fisher. Oberinspektor Fisher. Er war mit seinem Kollegen, Inspektor Leone, hier.“ Blackman versuchte sich auf das Aussehen des Rippers zu konzentrieren. „Der Typ hatte ein Gesicht … Man sieht es – und es bleibt nichts davon im Gedächtnis haften. Man schaut den Mann an und hat ihn in der nächsten Minute schon wieder vergessen. Als hätte man durch ihn hindurch gesehen.“

„Wenn er jetzt zur Tür hereinkäme … Würden Sie ihn wiedererkennen?“

„Kann ich nicht sagen“, gab Christopher Blackman unsicher zur Antwort. „Vielleicht ja, vielleicht nein. Das käme auf einen Versuch an.“

Die Darts-Mannen riefen nach dem Wirt.

„Sorry, Eve“, sagte Blackman bedauernd. „Ich muss …“ Er erhob sich. „Die Jungs haben ihren Durst wiederentdeckt.“

Sie nickte. Eigentlich war sie mit ihm fertig. Sie wusste jetzt, wie der Ripper aussah beziehungsweise wie er nicht aussah. Mehr war von Chris über den Serienmörder nicht zu erfahren, deshalb entließ sie ihn in seine Pflicht. Damit er sich wieder um seine durstigen Gäste kümmern konnte.

Ihr Handy klingelte. Sie holte es aus der Handtasche und meldete sich.

„Was willst du in Blackmans Pub?“, fragte der Ripper harsch.

Eine Hand aus Eis griff jäh nach Eves Herz.

„Suchst du mich?“, fragte der Whitehall-Killer bissig. „Bist du wirklich so vermessen, dich mit mir anlegen zu wollen? Oder hast du nicht alle Latten am Zaun? Ist in deinem blöden Schädel ein Rad gebrochen? Hast du den Verstand verloren? Hat dich eine widernatürliche Todessehnsucht erfasst? Kannst du es nicht erwarten, bis du dran bist? Du stehst auf meiner Liste …“

„Dann reihe mich doch ganz nach oben“, fauchte Eve zornbebend.

„Du kommst dran, wenn ich es für richtig halte“, erklärte Jack frostig. „Bis dahin musst du noch eine Weile in Ungewissheit schmoren.“

Eve kniff die Augen zusammen. „Wo bist du?“

„Nahe genug, um zu wissen, was du tust.“

„Ich will dich treffen“, verlangte Eve aggressiv. „Jetzt gleich.“

Er scherte sich nicht darum, was sie wollte, legte einfach auf, und das steigerte ihre Wut ins Unermessliche.

 

 

14. Kapitel

 

Der Film lief seit zehn Minuten, und Zoe Layton hörte nicht auf, sich flüsternd zu beschweren, dass ihr Freund vergessen hatte, im Kinofoyer einen Eimer Popcorn zu kaufen. Ein Kinobesuch ohne Puffmais – ob gesalzen oder karamellisiert, das war egal – war für Zoe ein absolutes No-Go.

„Sei endlich still“, zischte Seymour Maxwell verdrossen.

„Du Sparmeister wirst an deinem Geiz noch ersticken.“

„Meinst du vielleicht, ich habe das Zeug absichtlich nicht gekauft?“

„Etwa nicht?“

„Ich sagte doch, ich habe nicht daran gedacht.“

„Um ein paar Pennies zu sparen. Ich kenne dich doch.“

„Hörst du jetzt endlich auf zu meckern? Ich will den Film sehen. Man kann sich den Streifen zur Not auch mal ohne Popcorn reinziehen.“

„Du vielleicht. Ich nicht.“

„Mann, kannst du nerven“, stöhnte Maxwell.

„Wenn ich dir nicht einmal das bisschen Popcorn wert bin …“

Zwei Reihen vor ihnen drehte sich jemand um und machte: „Scht! Ich hör nichts!“

„Leck mich, du blöder Arsch!“, gab Seymour Maxwell gereizt zurück. Er stand kurz davor, zu explodieren. „Kauf dir ein Hörgerät!“

Da seine Freundin bestimmt noch nicht mit ihrem Gejammer fertig war, erhob er sich zornig und eilte durch die Dunkelheit aus dem Kinosaal.

Diese Gelegenheit ließ sich der Ripper nicht entgehen. Er hatte noch keine Wahl getroffen. Jetzt stand fest, wen er killen würde. Er wechselte im Schutz der Finsternis lautlos und geschmeidig in die Reihe hinter Zoe Layton.

Auf der Leinwand keuchten und schnauften ein Mann und eine Frau, als hätten sie vor wenigen Augenblicken einen Weltrekord im Kurzstreckenlauf aufgestellt.

Und während sich die beiden, komplett nackt, gegenseitig ihre Zungen tief in den Hals steckten, als wollten sie sich gegenseitig die Mandeln massieren, holte Jack sein Messer hervor und verpasste der ahnungslosen, vor ihm sitzenden jungen Frau den Todesschnitt. Er hatte sofort warmes, klebriges Menschenblut an seinen Fingern, ließ aber noch nicht von seinem stillen Opfer ab, sondern schändete die Tote, indem er sie skalpierte und ihr die Ohren abschnitt.

Ehe er Zoe Layton noch mehr antun konnte, kehrte Seymour Maxwell in den Kinosaal zurück. Der junge Mann hatte sich beeilt, um so wenig wie möglich von dem Film zu versäumen, den ihm seine Freunde als heißestes und freizügigstes Movie des Jahres (nahe am Porno) empfohlen hatten.

Der eine Kumpel hatte schlüpfrig grinsend gemeint: „Cool, was heutzutage schon alles gezeigt wird.“ Er hatte den Streifen schon dreimal gesehen.

„Da bleibt nichts mehr der Fantasie überlassen“, hatte der zweite gesagt.

Und der dritte: „Die zeigen so gut wie alles.“

Maxwell schlüpfte in die Sitzreihe zurück, die er vor wenigen Augenblicken verlassen hatte, während die Liebenden – wilden Tieren gleich – ihren Heißhunger aufeinander in Nahaufnahme stillten.

„Hier!“, knurrte Seymour Maxwell. „Dein bescheuertes Popcorn!“ Er drückte seiner Freundin den Eimer in den Schoß, setzte sich und verfolgte das ungebremste Geschehen auf der Leinwand, das sehr rasch ein heißes Prickeln in seinen Lenden hervorrief. Heiliger Himmel, dachte er aufgewühlt. Die legen sich ins Zeug. Vielleicht treiben die es sogar echt.

Da Zoe Layton nicht zu futtern anfing, stieß er sie mit dem Ellenbogen beinahe grob an: „Hey! Popcorn! Was ist? Du wolltest den Mist doch unbedingt haben. Wieso isst du das Zeug jetzt nicht?“

Als sie langsam zu ihm herüberrutschte, sah er trotz der Dunkelheit, was mit ihr los war, und er begann so laut zu brüllen, dass die Filmvorführung abgebrochen werden musste. Als es im Saal hell wurde, sahen alle, was der Ripper seinem Opfer angetan hatte – und Panik griff um sich.

 

 

15. Kapitel

 

Das 15-Zoll-Notebook, das Eve Freeman durchs Wohnzimmer geworfen hatte, hatte den Flug, respektive die Landung, nicht überlebt. Die schöne Autorin hatte den Rechner auf eine Weise abgeschaltet, deren Endgültigkeit nicht einmal die schwarze Magie des Rippers überwinden konnte.

Sie arbeitete nun auf einem etwas kleineren Modell und trug die blutigen Fakten des Serienmörders – soweit sie ihr bekannt waren – in die Rohfassung ihres neuesten, im Entstehen begriffenen Werkes ein, das noch mehrerer Schliffe bedurfte, ehe es ihr Lektor auf den Tisch bekam.

Eve befürchtete, dass sich Jack auch auf diesem anderen Gerät in Kürze bemerkbar machen würde, und es dauerte tatsächlich nicht allzu lange, bis er sich nach einem gespenstisch knisternden RIPPER-RELOADED-Intro (als wäre Halloween) mit ihr in Verbindung setzte.

Es war kurz vor Mittag, als Eve von der neuerlichen Gräueltat des Serienmörders erfuhr. Diesmal übermittelte er ihr unter die Haut gehende Tatortfotos, und sie hätte gerne gewusst, wie er sich die beschafft hatte.

War diesem verfluchten Bastard denn überhaupt nichts unmöglich? Es war entsetzlich, zu sehen, was der grausame Teufel Zoe Layton während einer Filmvorführung im dunklen Kinosaal angetan hatte. Die Bilder des Yard-Fotografen waren dermaßen scharf, dass dem Betrachter jedes schreckliche Detail brutal ins Auge sprang. Jack war natürlich wahnsinnig stolz auf seine jüngste bluttriefende Operation.

Nummer acht, schrieb er. Zoe Layton. Mein achtes Opfer. Die Sache läuft wie geschmiert. Bald wird das Dutzend, das ich mir einst zum Ziel gesetzt habe, voll sein.

Aber ich kann nicht versprechen, dass ich danach aufhöre. Es muss ja nicht zwingend nach dem zwölften Opfer Schluss sein. Solange es mir dermaßen großen Spaß macht, wäre es töricht von mir, nicht weiterzumachen.

Du erinnerst dich bestimmt noch an unser Telefonat. Du wolltest von mir auf meiner Todesliste nach vorn gereiht werden. Ganz oben wolltest du stehen.

Nun, ich habe über dein ebenso seltsames wie absurdes Ansinnen nachgedacht und meine heute – warum nicht? Wenn ich dir damit eine Freude machen kann, will ich deinem unbegreiflichen Wunsch gerne entsprechen …

Eve Freeman, hiermit eröffne ich dir feierlich, dass ich dich zu meinem nächsten Opfer auserkoren habe. Mein Messer freut sich schon auf deine Kehle.

Und ich freue mich natürlich auch – auf dich, auf das, was ich dir antun werde, und kann es kaum erwarten, zu erfahren, wie dein rohes Fleisch schmecken wird.

Ich werde dein Blut trinken und dich in mir aufnehmen. Ja, Eve Freeman. Du wirst in mir sein, wirst meinen Magen füllen, mich nähren und sättigen.

Ich habe nur eine einzige Bitte: Lass uns diesen süßen Traum allein auskosten. Bringe zu unserem außergewöhnlichen Stelldichein niemanden mit.

Uns verbindet eine Hassliebe, wie es sie noch nie gegeben hat. Sie ist einzigartig, ist etwas ganz Besonderes, das niemand stören darf.

Ich will keinen Yard-Mann sehen und auch diesen armseligen Lektor nicht, von dem du dich besteigen lässt. Kann der Schwachmat dich eigentlich befriedigen, oder machst du für ihn nur aus reiner Dankbarkeit die Beine breit?

Weil er sich so aufopfernd und selbstlos um deine Bücher kümmert? Darf er dich rammeln, damit er deiner Arbeit höchstes Wohlwollen entgegenbringt und deinen Werken mit dem größtmöglichen Einsatz auf die Bestsellerlisten hilft?

Eve Freeman sprang auf und schrie außer sich vor Empörung: „Du ekelerregender, niederträchtiger, widerwärtiger, extrem abartiger Bastard!“

Ihre Stimme überschlug sich. Sie lief aufgewühlt hin und her, während auf dem Laptop-Bildschirm immer weitere Zeilen erschienen. Der Ripper nannte eine Adresse und eine Uhrzeit. Und er führte weiter aus: Ich bin gespannt, ob du kommen wirst oder ob dich zu guter Letzt der Mut verlassen wird. Der Weg in den Tod ist kein leichter.

Deshalb gehen ihn auch so wenige freiwillig. Ich warte in diesem alten, verlassenen Haus an der Friedhofsmauer auf dich, Eve. Schlag Mitternacht werde ich da sein. Enttäusche mich nicht und halte dich an meine Bedingungen. Wenn du nicht allein kommst, wirst du mich nicht zu Gesicht bekommen. Und solltest du nicht erscheinen, wird Jack dich aufsuchen, denn schließlich hast du dich ja darum gerissen, auf meiner Liste ganz nach oben gereiht zu werden.

„Ich werde kommen!“, fauchte Eve Freeman unversöhnlich. Tiefempfundene Wut, unergründliche Feindseligkeit und ein unvorstellbarer Vernichtungswille funkelten in ihren Augen. „Und ich werde allein sein. Ich brauche keine Hilfe. Weder von Russell noch von Vince. Ich hasse dich so sehr, wie du noch nie gehasst worden bist. Und dieser kalte, blanke, alles zerstörende Hass wird dich für alle Zeiten ausradieren.“

 

 

16. Kapitel

 

Obwohl die Schrift schon vor zwei Stunden von Eve Freemans Notebook-Bildschirm verschwunden war, war sie noch immer in Rage. Auf Hundert.

Oder sogar noch darüber – wenn das möglich war. Hitze rötete ihre Wangen, und ihre Augen waren so glasig, als hätte sie hohes Fieber – mindestens 40 Grad.

Dass sie in diesem Zustand jeden Anruf als störend empfand, war klar. Sie wirbelte beim ersten Klingeln des Telefons wie von der Natter gebissen herum und „tötete“ den Apparat mit einem zornigen Blick.

War er das? Rief der Ripper sie an? Wollte er ihr eine Planänderung mitteilen? Eine Zeitverschiebung? Einen anderen Treffpunkt?

Eves erster Impuls war, nicht ranzugehen, es einfach läuten zu lassen. Warum sie dann doch nach dem Hörer griff, vermochte sie eigentlich nicht zu begründen. Vielleicht war es einem anerzogenen Reflex geschuldet. Das Telefon läutet – und man hebt ab. Ohne lange nachzudenken, ob man mit dem Anrufer sprechen möchte oder nicht.

Sie meldete sich mit ihrer Anschlussnummer.

„Eve?“, fragte am andern Ende Inspektor Leone.

Sie sah ihn im Geist vor sich, diesen kleinen, zerknitterten Reserve-Columbo. „Oh, hallo, Luke.“

Ihre Stimme klang gepresst. Sie befürchtete, zu erfahren, dass Jack the Ripper ein weiteres Opfer dazwischengeschoben hatte. Sie warf einen Blick auf die große analoge Wanduhr. Es war neunzehn Uhr zweiunddreißig. Ein Gedanke schoss ihr wie ein Blitzstrahl durch den Kopf. Sollte sie Russell Fishers Kollegen ins Vertrauen ziehen? Sie entschied sich dagegen, weil sie ihr Rendezvous mit dem Tod nicht gefährden wollte, und seufzte hörbar.

„Ich hoffe, du hast keine unerfreulichen Neuigkeiten für mich, Luke.“

Der Inspektor räusperte sich. „Wie man’s nimmt“, sagte er kryptisch.

Eve schluckte trocken. „Hat der Ripper …“

„Nein, Eve“, gab der Yard-Mann zur Antwort. „Er hat nicht schon wieder gemordet. Ich rufe dich aus einem anderen Grund an.“

„Kann ich irgendetwas für dich tun, Luke?“

„Es geht um Russell“, sagte der Inspektor.

„Was ist mit ihm?“, fragte Eve beinahe – aber noch nicht ganz – gleichgültig. Wann würde es ihr endlich gelingen, alles, was mit diesem Mann zusammenhing, abzustreifen wie die Schlange ihre alte Haut? „Ist er krank?“

„Nein, das nicht.“

„Sondern?“

„Er ist ausgezogen“, eröffnete Luke Leone ihr.

„Wie bitte?“, fragte sie überrascht.

„Er wohnt nicht mehr bei Ludmilla, hat eine Wohnung bei der Tower Bridge gemietet“, sagte der Yard-Inspektor.

„Wieso glaubst du, dass mich das interessiert?“, fragte Eve kühl.

„Tut es das nicht? Ihr wart immerhin mal …“

„Richtig“, sagte Eve Freeman gallig. „Das waren wir. Bis Oberinspektor Russell Fischer von Scotland Yard sich für Ludmilla Katharina Emma Yolanda Boysen entschieden hat.“

„Nagt das noch immer in dir?“

„Ich bin darüber hinweg“, behauptete Eve. Überzeugend klang es nicht.

„Ich höre da so einen seltsamen Unterton …“

„Sollte das der Fall sein, ist er nicht beabsichtigt“, erklärte Eve nüchtern.

„Das Apartment ist nicht groß, war voll möbliert und sofort beziehbar“, berichtete Luke Leone. „In diesem Gebäude gibt es Dutzende solcher Wohnungen für – für solche … Fälle. Man kann sie für drei Monate mieten und eventuell noch einmal drei Monate dranhängen, aber dann muss man raus. So steht es im Vertrag.“

„Falls du mir die Adresse geben möchtest – lass es bleiben, Luke“, sagte Eve ernst. „Ich habe nicht die Absicht, mir Russells neue Bleibe anzusehen.“

„Russels Ehe ist am Ende, Eve. Ich glaube nicht, dass sie noch zu kitten ist.“

„Das Schicksal lässt sich nicht in die Karten sehen“, gab sie gelassen zurück. „Mann muss es nehmen, wie es kommt.“

„Russell wird sich scheiden lassen.“ Das schien Luke Leone emotional zu bewegen.

Wenn schon, dachte Eve hingegen ungerührt. „Bei ihrem familiär-gesellschaftlichen Background wird Ludmilla Katharina Emma Yolanda bald wieder unter der Haube sein“, meinte sie trocken. „Und Oberinspektor Fisher hat nicht nur einen guten Job, er sieht auch fantastisch aus. Der wird ebenfalls nicht lange solo bleiben. Ich denke, wir brauchen uns um die beiden wirklich keine Sorgen zu machen, Luke.“

Der Inspektor atmete tief ein. „Darf ich ehrlich sein, Eve?“

„Unbedingt.“

„Deine kühle Reaktion befremdet mich“, gestand Luke Leone. Er schien von Eve ernsthaft enttäuscht zu sein.

„Was hast du erwartet?“, erwiderte sie nüchtern. „Dass ich juble und vor Freude tanze? Ich habe Russell nicht in diese Ehe gedrängt. Vielleicht habe ich von Anfang an gespürt, dass sie nicht von Dauer sein wird – oder mir das sogar eine Zeit lang gewünscht -, aber ich empfinde jetzt, wo es vorbei ist, weder Genugtuung noch Schadenfreude. Möglicherweise tut mir Russell sogar ein wenig leid. Aber nur ein ganz kleines bisschen. Er hätte es besser haben können, wollte das aber nicht, hat eine falsche Entscheidung getroffen und muss nun die Konsequenzen tragen. Wie heißt es so treffend? Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Ich denke, mehr habe ich zu diesem Thema nicht zu sagen. Aber ich danke dir für die Information.“ Sie setzte kurz ab und fuhr dann sachlich fort: „Menschen gehen Beziehungen ein und trennen sich wieder, wenn sie erkennen, dass es nicht passt. Vor hundert Jahren war das anders, doch die Zeiten haben sich geändert. Die wenigsten Partnerschaften sind heutzutage von Dauer und halten ein Leben lang. Früher vielleicht ja, als Männer und Frauen noch nicht so alt wurden wie heute. Aber deshalb geht die Welt nicht unter.“

 

 

17. Kapitel

 

Für die Fahrt zu dem Treffpunkt, den der Ripper genannt hatte, musste Eve Freeman eine dreiviertel Stunde einplanen. Das hatte sie gegoogelt.

Sie legte sicherheitshalber für allfällige Eventualitäten eine Viertelstunde dazu und verließ um dreiundzwanzig Uhr ihre Wohnung. Ihr kühler Kopf ließ keinerlei Emotionen zu.

Sie kam sich erstmals in ihrem Leben wie ein Roboter vor. Ein Cyborg. Ein Maschinenmensch. Kalt, nüchtern und berechnend. Auf Kampf und Vernichtung programmiert. Und sich voll der Bedrohung bewusst, die auf sie in jenem alten Haus an der Friedhofsmauer wartete.

Sie hatte den gefährlichen Serienmörder herausgefordert, hatte A gesagt, und nun musste sie B sagen. Daran führte kein Weg mehr vorbei.

Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, hatte das für sie etwas grauenvoll Endgültiges. Hagelkörner schienen ihr über den Rücken zu rieseln.

Noch könnte ich umkehren, dachte sie. Aber damit würde ich nichts gewinnen, denn wenn ich nicht zu ihm komme, kommt er zu mir. Das hat er erklärt, und ich bin sicher, dass dies kein leeres Versprechen war. Ich muss das jetzt durchziehen und ihm die Stirn bieten.

„Du weißt es nicht, Jack“, murmelte sie, während sie auf den Fahrstuhl wartete. „Ich war als Teenager sehr sportlich. Habe Damenfußball gespielt und mich ganz passabel in fernöstlichen Kampfsportarten geschlagen. Karate. Taichi. Tae Bo … Ich war richtig gut in diesen Dingen, und wenn ich auch keine mit Medaillen und Pokalen ausgezeichnete Meisterin in jenen Disziplinen geworden bin, so habe ich damals doch gelernt, mich sehr wirksam meiner Haut zu wehren. Vieles davon kann ich noch immer. Schläge. Finten. Tritte. Hebel …“

Der Lift hielt an. Eve betrat die Kabine und drückte auf den untersten Knopf. Der Aufzug setzte sich in Bewegung und fuhr in einem Rutsch bis zur Tiefgarage durch. Sie erkannte ihr Gesicht im Spiegel kaum wieder.

Es war erschreckend kantig geworden und der Blick härter als Eis. Eine verbissene Amazone. Grimmig und kampfbereit. Eve war entschlossen, keine so leichte Beute zu sein wie die anderen Frauen, die sich der Ripper geholt hatte. Bei ihr würde er mit heftiger Gegenwehr rechnen müssen.

Dieser tödliche Spuk muss heute Nacht enden, dachte sie kämpferisch. Dem grausamen Teufel darf keine weitere Frau mehr zum Opfer fallen.

„Dies ist die Nacht der Entscheidung, Jack!“, zischte sie mit einem Vernichtungswillen, wie sie ihn noch nie verspürt hatte, während sie in der Tiefgarage ankam.

Ihr weißer Prius (mit einem Benzinverbrauch von unschlagbaren drei Litern) wartete in seiner Parkbucht auf sie. Sie drückte auf die Fernbedienung.

Das Auto erwachte sogleich zum Leben und blinzelte ihr mit seinen gelben Blinklichtern zu, als wollte er ihr signalisieren, dass sie willkommen war.

Es konnte auch heißen: Ich bin einsatzbereit. Eve ging wachsam und angespannt durch die Garage. Jack hatte sie zwar zu diesem einsamen alten Haus an der Friedhofsmauer bestellt, aber er konnte ebenso gut hier auf der Lauer liegen. Es wäre ein fataler Fehler gewesen, ihm zu trauen.

Er war immerhin ein hundsgemeiner, hinterfotziger Serienmörder, den das Reich der Verdammnis noch einmal ausgespuckt hatte, damit er vollenden konnte, was er 1888 begonnen hatte. Und er war jetzt ein gefährliches Höllenwesen, in dessen Adern schwarzes Blut kreiste. Grausam und unberechenbar. Deshalb war es höchst ratsam, schon hier vor ihm auf der Hut zu sein.

Eve Freeman trug weiche Sportschuhe, aus diesem Grund waren ihre Schritte nicht zu hören. Sie erreichte ihren Wagen. Bevor sie die Tür öffnete, ließ sie ihren Blick noch einmal suchend durch die Garage schweifen.

Friedliche Stille. Einfach perfekt. Nicht das geringste Geräusch drang an Eves Ohr. Und sie nahm auch nirgendwo eine verdächtige Bewegung wahr.

Eve setzte sich in das Fahrzeug, ließ den Motor an – und erstarrte …

 

 

18. Kapitel

 

Auf dem Beifahrersitz lag etwas … Dinge … Aber keine „Gegenstände“, sondern … Eve Freeman drohte übel zu werden. Grundgütiger, neben ihr lagen Menschenohren und eine blutige Kopfschwarte mit Haaren – auch Skalp genannt. Und Jack lachte plötzlich aus allen Prius-HiFi-Lautsprechern.

„Jack is back, Eve. Hast du meine Trophäen entdeckt?“, fragte die Bestie.

Eve Freeman stieß die Fahrzeugtür auf und wollte aus dem Wagen springen, doch Jack sagte: „Bleib sitzen!“

Er musste in der Garage sein.

Eves Herz raste. „Wo bist du?“

„In der Nähe unseres Treffpunkts“, gab Jack zur Antwort.

Das konnte nicht wahr sein. „Du lügst!“, schrie Eve.

„Tu ich nicht.“

„Wieso kannst du mich sehen?“, wollte Eve wissen.

„Du hast eine Dashcam im Wagen“, verriet ihr der Killer. „Ich habe mir erlaubt, sie umzudrehen und auf dich zu richten.“

„Der Prius war abgeschlossen.“

Er lachte überheblich. „Ach, Eve – Eve. Was ist schon eine Zentralverriegelung? Jeder versierte Autodieb kann sie im Handumdrehen knacken. Denkst du, da ist sie für mich ein Hindernis, das ich nicht überwinden kann?“ Er forderte sie auf, loszufahren. „Wir hassen Unpünktlichkeit“, erklärte er.

„Wir?“

„Mein Messer und ich“, sagte Jack. „Ich habe ihm extra für dich einen neuen, ganz besonderen Schliff verpasst. Jetzt ist es so scharf, dass ich damit sogar ohne Mühe Knochen entzweischneiden kann. Komm, Eve. Komm zu mir. Ich möchte meinen Spaß mit dir haben.“

„Keine Sorge“, fauchte sie aggressiv, „ich kneife nicht.“

„Du hast mit Inspektor Leone telefoniert.“

„Woher …“

Er lachte. „Ich bin allwissend, Eve. Hast du ihm – oder Russell Fisher oder Vince Eaton – von unserem Date erzählt?“

„Warum fragst du, wenn du allwissend bist?“

Jack lachte wieder. „Bravo, Eve. Das war gut gekontert. Du bist nicht nur wunderschön und intelligent, sondern auch wohltuend schlagfertig. Keines meiner bisherigen Opfer hätte dir das Wasser reichen können. Mein Messer und ich werden dich in den Adelsstand der Loser erheben.“

Er fing an, irre zu kichern. Zuerst sehr laut, dann allmählich leiser und schließlich war er nicht mehr zu hören. Eve Freeman verließ – zum Bersten voll mit Aggression – die Parkbucht, fuhr die Auffahrt hoch und bog in eine stille Straße mit vielen schlafenden Autos ein.

 

 

19. Kapitel

 

Jacks „Souvenirs“ lagen nach wie vor auf dem Beifahrersitz, als Eve ihr Ziel erreichte. Sie hatte den Skalp und die Ohren nicht angefasst, sondern eine Warnweste darüber gebreitet, um sie nicht mehr zu sehen.

Jetzt schlich ihr weißer Prius an der schäbigen Friedhofsmauer entlang und näherte sich im Schritttempo dem maroden Gebäude, in dem sie mit dem Ripper verabredet war.

Lange wird das Haus da wohl nicht mehr stehen, dachte Eve Freeman nüchtern. Es sieht so aus, als wäre es seit Jahren unbewohnt. Warum hat man es eigentlich nicht schon längst abgerissen und etwas Neues hergestellt? Wer verhindert das? Ein sturer Erbe, der das Objekt überbewertet und zu viel Geld dafür haben möchte? Oder findet sich keiner mehr, der so nah am Friedhof wohnen und ständig mit dem Tod, dem Ableben, der Vergänglichkeit konfrontiert sein möchte?

Vor dem Gebäude mit der an vielen Stellen schadhaften Fassade und den blinden Fenstern war reichlich Platz zum Parken. Eve schälte sich aus ihrem Wagen. Sie trug Schwarz, als wäre sie in Trauer.

Schwarzer Pulli, schwarze Jacke, schwarze Stretch-Jeans. Da die Straßenbeleuchtung – ausgerechnet an dieser Stelle – ausgefallen war, war Eve in der Dunkelheit nur zu sehen, wenn man ganz genau hinschaute.

Sie wäre nicht ehrlich gewesen, wenn sie behauptet hätte, nicht aufgeregt zu sein, aber sie bemühte sich, es sich nicht anmerken zu lassen.

Jack the Ripper sollte nicht sehen, wie es in ihr aussah, dass arge Zweifel in ihr nagten, weil sie nicht sicher war, ob sie in diesem Moment richtig handelte.

Vielleicht wagte sie viel zu viel und würde ihre Risikobereitschaft in wenigen Minuten mit ihrem Leben bezahlen. Der Ausgang dieser Begegnung – der wohl ungewöhnlichsten, die jemals stattgefunden hatte – war nämlich mehr als ungewiss. Noch hätte Eve Freeman umkehren können, doch das kam für sie nicht infrage. Flucht war keine Lösung. Nicht wenn man auf Jacks Liste stand.

Ich muss das jetzt zu Ende bringen, sagte sie sich entschlossen. Ich muss den Ripper … zu Ende bringen. Diese entsetzliche Plage gehört ausgelöscht.

Eve näherte sich der halb offenen Haustür. Unkraut wuchs in den Rissen des betonierten Weges. Die Natur ließ sich nicht kleinkriegen.

Sie holte sich zurück, was man ihr genommen hatte. Auf lange Sicht siegte immer sie und nicht der Mensch. Eve blieb kurz stehen.

Ihr war klar, dass die nächsten Schritte bereits ein alles entscheidendes und nicht mehr rückgängig zu machendes Ergebnis bringen konnten.

Sie warf einen Blick auf ihre digitale Armbanduhr. Fünf Minuten vor Mitternacht. Gleich würde die Geisterstunde beginnen und Jack the Ripper erscheinen.

Schlag Mitternacht würde er da sein, hatte er sie wissen lassen. Und … er und sein Messer würden Unpünktlichkeit hassen, hatte er auch noch erwähnt.

Nun, ging es Eve durch den Sinn. Ich bin da. In time. Wie abgemacht. Und ich bin allein. Russell, Luke und Vince haben keine Ahnung von meiner Mission. Sie würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie davon wüssten. Vor allem Vince. Er würde vor Sorge um mich den Verstand verlieren.

Sie gab sich einen Ruck und betrat das gruselige Horrorhaus. Staub, Sand, Mörtel und Dreck knirschten unter den weichen Sohlen ihrer Schuhe.

Ihre schlanke Gestalt schien sich in der Dunkelheit regelrecht aufzulösen. Ein Mensch konnte sie jetzt wohl nicht mehr sehen. Aber der neue, wiedergekehrte Ripper hatte bestimmt andere Augen. Er konnte sie mit Sicherheit noch immer wahrnehmen, weil die Finsternis, die ihn einhüllte und vor unerwünschten Blicken schützte, sein Zuhause war.

„Jack!“, rief Eve mit fester Stimme.

„Jack! Jack! Jack!“ Das war das Echo.

Aber sonst blieb es um sie herum still.

„Bist du da, Jack?“

… da, Jack? … da, Jack? … da, Jack?“

Keine Antwort.

„Ich bin sicher, dass du mich beobachtest und belauerst.“

„…lauerst …lauerst …lauerst.“

Er meldete sich plötzlich in ihrem Kopf: „Ich höre dein Angstherz schlagen, Eve.“

„Angstherz?“, gab sie spöttisch zurück. „Was ist das denn für ein bescheuertes Wort.“

„Damit kann man einer Autorin nicht kommen, was? Angstherz. Lächerlich. So eine Wortschöpfung kann nur einem Neandertaler wie Jack einfallen. Lass mich dir sagen, dass ich mit dir sehr zufrieden bin. Du hast all meine Bedingungen erfüllt, warst überpünktlich zur Stelle und bist allein gekommen. Dafür werde ich dich großzügig belohnen.“

Eve Freeman strengte ihre Augen an. „Wo bist du?“

„Vielleicht stehe ich direkt vor dir“, flüsterte er in ihrem Kopf.

„Ich möchte dich sehen“, verlangte Eve innerlich bebend.

„Ich könnte auch hinter dir stehen.“

„Kannst du dich unsichtbar machen?“

„Ich kann so ziemlich alles.“

„Dann kennst du vermutlich auch den Grund, weshalb ich hier bin“, sagte Eve Freeman frostig.

„Weil ich dich eingeladen habe? Weil du neugierig bist? Weil du den Ripper persönlich kennenlernen möchtest? Weil du so durchgeknallt und naiv bist, zu glauben, mich zum Aufhören überreden zu können?“

„Nichts von alledem trifft zu“, eröffnete Eve dem Serienmörder. Sie spürte, dass ihre Nerven diese unermessliche Anspannung bald nicht mehr aushalten würden, konnte nur hoffen, dass sie dem mörderischen Stress noch ganz kurze Zeit standhielten. „Ich habe gehört, dass du sehr unscheinbar bist.“

„Wer behauptet das?“, wollte er gereizt wissen.

Eve glaubte, Jacks wunden Punkt getroffen zu haben. Das freute sie. „Chris“, gab sie spitz zur Antwort.

„Wer ist Chris?“

„Bist du plötzlich nicht mehr allwissend?“, fragte Eve spöttisch. „Christopher, Chris Blackman. Ihm gehört das Lokal, in dem dich Maya Frazer angesprochen hat. Er hat dich gesehen und mir erzählt, wie du aussiehst. Man sieht dich, und hat dich gleich wieder vergessen. Leidest du unter dieser armseligen Mickrigkeit? Musst du deshalb immer wieder Frauen töten?“

„Du kannst mich nicht provozieren.“

„Ach. Und wieso nicht?“

Er antwortete nicht, war auf einmal da. Vor ihr. Und er war so deutlich zu sehen, als wäre ein Bühnen-Spotlight auf ihn gerichtet.

Nur auf ihn!

Auf den Hauptdarsteller, den Protagonisten, den Star dieses absurden, blutigen Dramas, das, wenn man es mit Vernunft und klarem Verstand betrachtete, total aberwitzig und bizarr war. Weil es so etwas eigentlich gar nicht geben konnte, geben durfte. Eve Freeman sah Jack in seiner ganzen lächerlichen Unscheinbarkeit. Jedes Detail seiner abstoßenden Physiognomie drängte sich ihr förmlich auf. Er grinste diabolisch, hob sein extra für sie geschärftes Messer, trat vor und führte blitzschnell den tödlichen Schnitt.

 

 

20. Kapitel

 

Die Klinge sollte in einer Sekunde Eve Freemans Kopf vom Rumpf trennen, doch dazu kam es zu Jacks unbeschreiblicher Verblüffung nicht.

Ein greller Blitz, heller als tausend Sonnen, flammte knisternd, zischend und fauchend auf. Er war das Ergebnis einer gewaltigen weißmagischen Entladung, die dem Serienkiller sein Mordwerkzeug brutal aus der Hand fetzte.

Es flog im hohen Bogen durch den Raum, knallte gegen die rissige Wand und klapperte auf den dreckigen Boden. Eve war über alle Maßen erstaunt.

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass der Schutz des mehrreihigen Blutsteinhalsbandes, das ihr alter Onkel ihr gegeben hatte, so kraftvoll sein würde.

Professor McAdams hatte das hübsche, harmlos aussehende „Schmuckstück“ mit der stärksten, ihm bekannten und zur Verfügung stehenden weißmagischen Sprengkraft geladen, die sich im Ernstfall gegen jeden schwarzblütigen Aggressor, der es auf das Leben seiner Nichte abgesehen hatte, richten sollte, und dieser Schutz hatte bestens funktioniert.

Eve Freeman war unverletzt geblieben. Sie jubelte innerlich, während Jack verstört um Fassung rang. Es irrlichterte in seinen bösen Augen.

„Was war das?“, brüllte er konfus.

„Weiße Schutzmagie“, tönte Eve triumphierend.

„Was? Woher …“

Eves Lächeln war kälter als Gletschereis. „Du hast einen großen Fehler gemacht, Jack.“

„Welchen?“

„Einen tödlichen Fehler.“

„Welchen, verdammt?“, schrie der zurückgekehrte Whitechapel-Mörder unbeherrscht.

„Du hast dir das falsche Opfer ausgesucht, hättest dich niemals mit Owen McAdams’ Nichte anlegen dürfen.“

„Wer ist Owen Mc…“

„Schon wieder nicht allwissend, he?“, höhnte die junge Frau, die das neunte Opfer des Rippers hätte werden sollen. „Ich nenne ihn O.O. – Onkel Owen -, bin sehr stolz auf ihn, denn Professor Owen McAdams ist ein ganz besonderer Mensch. Er ist einer der besten Parapsychologen, die es gibt. Er weiß, wie man sich vor so brandgefährlichen Wesen wie dir wirksam schützt, ihnen den Wind aus den Segeln nehmen und dafür sorgen kann, dass sie ein für alle Mal von der Bildfläche verschwinden und nie wieder zurückkommen können. Der Teufel hätte dich in der Hölle behalten sollen, Jack. Es war falsch von ihm, dir die Rückkehr zu ermöglichen, denn nun wird er dich nicht wiedersehen.“

Mit diesen Worten griff Eve Freeman blitzschnell nach hinten, zog den Revolver, den ihr O.O. zusammen mit dem Blutsteinhalsband gegeben hatte, aus dem Jeans-Gürtel und richtete ihn mit entschlossener Miene auf den Mann, der schon seit langem nicht mehr leben durfte.

Der Ripper erholte sich von seinem Schock. Er brachte sogar ein überhebliches Lächeln zustande, zeigte auf die Waffe und sagte kopfschüttelnd: „Das hat schon bei Maya Frazer nicht funktioniert, Eve.“

„Meinst du, ich kann damit nicht umgehen?“ Die Kanone lag schwer in Eves ruhiger Hand.

„Nein. Ich meine, dein blöder Onkel hätte dir verraten sollen, dass man mir nicht einmal mit Dumdum-Geschossen etwas anhaben kann.“

Eve nickte. „Aus diesem Grund ist dieser Revolver mit geweihten Silberkugeln geladen“, trumpfte sie siegesgewiss auf. Ihre Lippen wurden schmal und hart. „Deine blutige Show ist zu Ende, Ripper. Dein Totentanz mit Eve fällt leider aus.“ Hass, Abscheu und Vernichtungswille verzerrten ihr hübsches Gesicht. „Ich werde dir die ganze Runde verpassen, Jack. Alle sechs Silberkugeln, die sich in der Trommel meines Revolvers befinden, jage ich dir in deine gottverfluchte Figur. Und ich gehe jede Wette ein, dass du das nicht überlebst.“

Sie spannte den Hahn.

„Warte!“, krächzte der Whitechapel-Killer.

„Worauf?“, fragte sie unerbittlich.

„Lass uns einen Pakt schließen.“

„Mit dir? Niemals.“

„Ich kann sehr viel für dich tun.“

Sie musterte ihn verächtlich. „Du kannst nicht einmal mehr für dich selbst etwas tun.“

Er versuchte sie mit dem zu ködern, wovon nahezu alle Menschen träumten. „Möchtest du ewig leben? Glück in der Liebe haben? Erfolg im Beruf. Immerwährende Gesundheit. Geld im Überfluss. Ich kann das alles für dich arrangieren.“

Sie konnte nicht sagen, er solle zur Hölle fahren, denn das war nicht ihr Plan und sollte ihm auch auf keinen Fall mehr möglich sein.

Deshalb sagte sie: „Goodbye, Jack!“

Und dann jagte sie ihm eine Kugel nach der andern in seinen untoten Körper. Fünf an der Zahl. Für die „Kanonischen Fünf“ von 1888.

Und die sechste Kugel wollte sie ihm als Abrechnung und Vergeltung für seine blutige Rückkehr verpassen. Aber erst später. Zunächst sollte er noch ausgiebig für das büßen, was er seinen Opfern damals und heute angetan hatte.

Das geweihte Silber entfaltete in seinem Körper eine unvorstellbar zerstörerische Kraft. Die Kugeln stanzten ihm nicht nur kleine Löcher in den Leib.

Es schossen unmittelbar danach zischend und fauchend weiße Stichflammen heraus, als hätten sie Schießpulver entzündet, das in Jack deponiert war.

Das Feuer setzte die Wundränder in Brand und vergrößerte diese in atemberaubendem Tempo. Bald brannte der ganze Torso des Rippers.

Stinkender, fetter, pechschwarzer Rauch stieg aus den rasant wachsenden Öffnungen. Doch das war noch lange nicht das Ende der Bestie.

Jacks Zerstörung ging weiter, hörte einfach nicht auf. Eine rigoros vernichtende Kettenreaktion setzte sich erbarmungslos in alle Richtungen fort.

Ein alles Böse zerstörendes, gefräßiges Feuer, in dem sich eine weiße, gute, geradezu gottgewollte Energie befand, griff auf Arme und Beine des schwarzblütigen Monsters über. Jack litt genau die fürchterlichen Höllenqualen, die er verdiente. Eve Freeman stand reglos und ohne jegliches Mitleid da. Sie empfand überhaupt nichts, verfolgte nur ungerührt den schrecklichen Todeskampf des Rippers, während sie im Geist die Namen seiner unglücklichen Opfer Revue passieren ließ.

Mary Ann Nichols … Annie Chapman … Elizabeth Stride … Catherine Eddowes … Mary Jane Kellys … Maya Frazer … Rachel Lowery … Zoe Layton …

Nachdem der grausame Unhold bis auf die bleichen Knochen abgebrannt war, gab es nur noch seinen unversehrten Kopf – und den wollte Eve, wie sie es vorgehabt hatte, mit der letzten geweihten Silberkugel, die sich noch in der Trommel des Revolvers befand, zerstören.

Sie setzte dem Scheusal die Waffe entschlossen an die Stirn. Als der Schuss krachte, zerplatzte Jacks Schädel wie eine reife Melone und schwarzes Blut spritzte Eve ins Gesicht. Während sie es angewidert abwischte, hoffte sie, dass das keine Folgen hatte. War es möglich, dass das Böse, von dem der Ripper so restlos ausgefüllt gewesen war, sie infiziert hatte? Hoffentlich nicht, dachte sie, während das, was vom Whitehall-Mörder noch übrig war, mehr und mehr verging, bis schließlich nichts mehr von ihm übrig war.

Sie entspannte sich, drehte sich langsam um und verließ wie in Trance, leicht schwankend, das unheimliche Haus an der Friedhofsmauer.

Draußen atmete sie erleichtert auf. Ein großer Stein fiel ihr vom Herzen. Es ist vorbei, Jack, dachte sie unendlich zufrieden. Ich habe nicht nur dafür gesorgt, dass du dich aufgelöst hast. Ich habe dich ausgelöscht.

Für immer …

 

 

ENDE

Phantome

 

 

von Christopher T. Dabrowski

 

 

(Engl. Originaltitel: Phantom)

Übersetzung: Marten Munsonius, 2019

Bearbeitung: Christian Dörge.

 

 

Ganz plötzlich erlosch das Licht.

Adam rannte in sein Schlafzimmer, um sich so schnell wie möglich unter der Decke zu verstecken. Als die Eltern zu Freunden gegangen waren, war er wirklich glücklich gewesen; endlich hatte er das Gefühl, die ganze Wohnung für sich allein zu haben. Das würde Spaß machen!

Unten im Esszimmer installierte er Militärbasen. In den Regalen – die sich in Berge verwandelten – bei den Büchern patrouillierten ein paar Plastiksoldaten, und hinter dem Tisch befanden sich einige Panzer. Dieses Mal würde sich der Krieg über die gesamte Wohnung erstrecken.

„Der erste Spielzeugkrieg in unserem neuen Zuhause“, kicherte er.

Er war gerade auf dem Weg zum nächsten Spielzeug – schließlich musste er noch etwas im Elternschlafzimmer und auf dem Dachboden aufbauen –, als das Licht plötzlich erlosch.

Überrascht von der plötzlichen Dunkelheit erstarrte er wie festgenagelt, und an seiner Wirbelsäule kroch mit Eiseskälte langsam die Panik empor. Einen Moment später raste er – so schnell wie seine Beine zuließen – zu seinem Bett. Versteckt unter der Decke versuchte er, den Atem anzuhalten, damit nichts ihn hören konnte. Sein Herz hämmerte wie verrückt – als wollte es aus der dünnen Brust entkommen. Sein Kopf tauchte tiefer unter die Decke und verwandelte sich in einen winzigen, ängstlichen Ball. Abgesehen von dem hämmernden Geräusch seines Herzens und dem intermittierenden Atem konnte er nichts hören. Er wollte nur, dass seine Eltern so schnell wie möglich zurückkommen – er fürchtete sich vor dem, was in der endlosen Dunkelheit des alten Hauses lauern könnte.

Nach ein paar Minuten beruhigte er sich ein wenig – die dicke, warme Decke gab ihm ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Er hoffte, dass das Böse – oder was auch immer das Haus durchstreifen mochte – nicht in der Lage sein würde, ihn in seinem Bett zu finden.

Er hatte keine Ahnung, warum das Licht überall erloschen war. Es könnte ein bösartiger Geist am Fenster sein, der mit seinen toten Augen auf sein Versteck starrte. Oder vielleicht kroch etwas Dunkles aus dem Schrank und schnüffelte mit einem wilden Blick in seinen roten Augen, weil es die Angst eines kleinen Jungen riechen konnte. Es könnte auch viele schreckliche Dinge unter dem Bett geben, aber hier, unter der Decke, war er sicher – das hoffte er zumindest.

Mit der Zeit wurde Adam unter der Decke warm – mehr noch, je länger er ohne jede Bewegung dalag, desto mehr fühlte er etwas, das ihn störte; er mochte dieses Gefühl der Irritation nicht. Alles, was er brauchte, war Licht – genau das –, und dann konnte er sein Unbehagen vergessen; er konnte ungestört weiterspielen.

 

Seine Gedanken schweiften ab. Wie konnte er sicher sein, dass die bösen Kreaturen nicht herausfinden würden, dass er sich in seinem Bett versteckte?

Er fühlte sich bedroht – die Angst begann ihn mit ihren lähmenden Tentakeln zu umgeben.

Der Mondschein tat sein Bestes, um sich durch dichte Vorhänge zu schleichen und das Innere des Schlafzimmers zu erhellen. Hinter dem Fenster zischte der Wind, einen Moment später folgte das Geräusch von Regen, der an die Fensterscheibe klopfte.

Der Junge sammelte schließlich all seinen Mut, einen kleinen Schlitz zwischen Decke und Bett zu öffnen – jetzt konnte er etwas frische Luft einatmen.

Er hatte Angst, dass ein grässlicher Tentakel unter dem Bett auftauchen und ihn dorthin ziehen würde, wo er herkam. Er riss die Augen weit auf und versuchte, jede mögliche Gefahr zu erkennen. Nach ein paar Sekunden gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit um ihn herum. Adam streckte vorsichtig seinen Kopf ganz unter der Decke vor und sah mehrere bösartig funkelnde Augen. Sein Herz erstarrte, von Angst ergriffen, aber einen Moment später wurde ihm bewusst, dass er in die Augen der Teddys starrte, aufgereiht auf einem Regal, und es waren ihre glasigen Augen, die ihm böse erschienen.

Oh, ihr undankbaren Bären! Er seufzte erleichtert.

Mutig blickte er tiefer in den Raum – er erkannte eine große schwarze Form, aber glücklicherweise erinnerte er sich, dass es sich nur um einen Kleiderschrank handelte.

Nur ein Kleiderschrank … aber darin könnte sich etwas verborgen haben …

Dichte Wolken verbargen den Mond, und es wurde dunkler. Der Regen trommelte stärker und lauter. Der Junge fragte sich, ob er es wagen sollte, das Bett zu verlassen – schließlich lag eine Kerze auf der Kommode. Er würde sich viel besser fühlen, wenn er ein Licht anzünden konnte und dadurch alle bösen Schatten vertrieb.

Sicher? Du machst wohl Witze, du Narr!, lachte in seinem Kopf eine böse Stimme. Du hast eher die Chance, eine blutrünstige Kreatur zu sehen, die sich aus einer dunklen Ecke heraus auf dich stürzen würde!

„Halt die Klappe!“ Adam presste die Worte zwischen halb geschlossenen Lippen hervor und sprang vom Bett. Sein Mut würde nicht von langer Dauer sein.

Plötzlich wurde der Raum von erstaunlichem Licht durchflutet und blendete den Jungen für ein paar Sekunden. Er erschrak, schrie auf – und fast gleichzeitig hörte er ein polterndes Klopfen. Adam stürzte zurück auf das Bett. Er huschte hastig unter die Decke und stieß mit seinem Bein gegen etwas Hartes.

„Es ist nur ein Donner, nur ein Donner, nur ein Donner, nur ein Donner“, flüsterte er und zitterte dabei vor Angst, und er versuchte, sich selbst davon zu überzeugen, dass nichts falsch lief, dass er immer noch sicher war. Während er sich langsam beruhigt, wurde ihm klar, dass seine Pyjamahose kalt und nass war.

„Oh, nein, ich habe mir in die Hose gemacht!“, stöhnte er.

Er sprang vom Bett, um die Decken nicht zu befeuchten – er hoffte, die Spuren zu verwischen, bevor seine Eltern zurückkehren würden –, und er spürte einen weiteren schmerzhaften Schlag an seinem Bein. Er biss die Zähne zusammen und stürzte in Richtung Schrank – das unangenehme Abenteuer ließ ihn die erstickende Angst für eine Weile vergessen.

Das gelbliche Kerzenlicht ließ die bösartige Dunkelheit weniger böse erscheinen und bot einen Augenblick der Sicherheit. Die Pyjamahose war nass vom Urin, das war sicher, und am Bein sah er einen violetten Fleck, doch zum Glück war das Bett nahezu frei von jeglichen Spuren: Das Laken und die Decke waren nur leicht mit winzigen nassen Tropfen übersät.

Niemand wird es bemerken, dachte Adam erleichtert.

Der einzige Nachteil dieser Situation war, dass er jetzt selbst den Pyjama reinigen musste – also bereitete er sich darauf vor, durch die Dunkelheit zu gehen und auf den Dachboden zu klettern, wo sich das Badezimmer befand. Natürlich gab es noch eines im Erdgeschoss, aber es wurde gerade erst renoviert.

Er war nicht glücklich darüber, diesen Weg nach oben gehen zu müssen, aber er wusste, dass er keine andere Wahl hatte.

Ein weiterer Blitzschlag in der Nachbarschaft erhellte kurz das gesamte Kinderzimmer.

Je schneller, desto besser.

Er würde überprüfen, was er überprüfen musste – ob sich irgendwelche bösen Kreaturen im Zimmer befanden. Er nahm einen sauberen Pyjama aus dem Schrank.

Er kniete sich hin. Da war nichts unter dem Bett. Vorsichtig ging er auf Zehenspitzen hinüber zum alten Kleiderschrank – er hatte die größte Angst vor dem, was sich in seinem großen Holzkörper verstecken könnte. Er drückte sein Ohr gegen die Tür, aber er hörte nichts – im Inneren herrschte vollkommene Stille.

Vielleicht lauert es ja nur und bleibt dabei absolut regungslos?

Adam biss sich auf die Lippe; die Unsicherheit kehrte zurück.

Nur ein schneller Blick hinein! Und dann würde sich herausstellen, dass die Mutter Recht hatte: Nichts war darin – außer Jacken und Hosen.

Richtig, richtig, nur ein kurzer Blick, und klebrige Tentakel würden aus der Dunkelheit schießen. Sie würden um deine Handgelenke gleiten und dich in eine andere Dimension ziehen, flüsterte ihm eine bösartige Stimme ins Ohr. Weißt du, viele Kinder verschwinden unter ungeklärten Umständen … Willst du das nächste sein? In Ordnung, mach einfach weiter.

Halt die Klappe! Halt einfach die Klappe! Adam befahl der Stimme mit ruhigem Tonfall; er wusste, dass er die Angst überwinden musste.

Schließlich musste man sich seinen Ängsten stellen. Er war schließlich fast zehn!

Mit einem entschlossenen Ruck riss er den Kleiderschrank auf. Die Tür schien nur widerwillig nachgeben zu wollen und knarrte protestierend.

Er erstarrte, verängstigt …

Für einen Moment konnte er in dem riesigen Möbel etwas sehen – etwas, das ihn wie Espenlaub erzittern ließ …

Etwas!

Er lachte mit lauter Stimme – es war nur eine alte, kuschelige Decke, nur eine dumme Decke, aber für einen schrecklichen Moment hatte er geglaubt, es würde sich um einen braunen Dämonenkörper handeln.

„Siehst du – nichts, wovor man Angst haben müsste“, tröstete er sich, als ob er seinen Augen immer noch nicht trauen könnte.

Erleichtert schloss er die Tür … und erstarrte!

Aus dem Augenwinkel erhaschte er eine Bewegung …

Nun, das Monster war schlauer, als du erwartet hast, verspottete ihn der innere Kritiker. Er hat dich von hinten genommen, du Verlierer. Was jetzt?

Aber nichts geschah und Adam entschied, dass es nur seine Fantasie gewesen sein muss. Der Raum war leer. Um keine Zeit mehr zu verlieren und nicht zu riskieren, von den Eltern so erwischt zu werden, nahm der Junge den sauberen Pyjama und ging zur Tür.

„Okay, hier bin ich.“ Er drehte den Türknauf und verließ das Zimmer.

In der Ferne strahlten die Augen in der Dunkelheit. Ihr Besitzer bewegte sich ein paar Meter und … miaute kläglich. Natürlich, Donald! Adam gewöhnte sich immer noch nicht an die Tatsache, dass sie eine Katze besaßen. Neues (altes) Haus. Neues Familienmitglied – bräunliche Katze, die ihre eigenen Wege geht und nur manchmal ein wenig mehr Aufmerksamkeit von seinen neuen Besitzer verlangte.

Katzen haben keine Herren, Katzen haben Diener – wie jemand einmal sagte; Aristokratie!

Neue Stadt, neue Schule – viel zu viele neue Dinge … aber niemand hörte auf ihn. Was für ein Schicksal …

Er schloss die Tür (um kein Monster ins Zimmer schleichen zu lassen) und ging auf jene Treppe zu, die zum Dachboden führte.

Von den Porträts an den Wänden – gemalt mit nun altersdunklen Ölfarben – strahlten die Augen der Nachfahren einer anderen Familie. Der Junge fragte sich, warum seine Eltern diese ekelhaften Bilder nicht abgenommen hatten. Sie waren alle alt und fett und hatten hässliche Gesichter! Er bemühte sich, nicht auf die tauben, toten Beobachter zu achten, und eilte die Treppe herauf. Jeder Schritt wurde von einem unangenehmen Quietschen begleitet.

Glücklicherweise befand sich die Badezimmertür direkt neben der Treppe. Er seufzte erleichtert und war davon überzeugt, dass all dieser Stress im Handumdrehen vorbei sein würde. Wäsche ein wenig auswaschen, und ab zurück ins Bett!

Schlafen … ihm stand nicht mehr der Sinn nach Spielen.

Funkelndes Kerzenlicht, das von den Fliesen reflektiert wurde, ließ das Badezimmer mit vibrierenden Reflexen erstrahlen; es sah aus wie das Innere eines Grabes voller geheimnisvoller, verborgener Schätze. Er stellte die Kerze auf den Rand der Badewanne, zog seine nasse Hose aus und nahm die Kerze wieder an sich. Dann ging er zur Spüle. Er schaute in den Spiegel. Ein eisiger Stachel aus Angst stach in sein Herz.

Denn was er sah, ließ seine Augen fast aus den Augenhöhlen springen.

Jetzt war es nicht nur die Hose, die er sich waschen musste. Er musste auch den Boden reinigen, aber in diesem Moment konnte er nicht daran denken. Sein ganzes Universum schrumpfte vor Entsetzen vor dem, was er im Spiegel sah. Er konnte keine Luft mehr holen. Eine tonnenschwere Last lag auf seiner Brust. Er musste sich anstrengen um überhaupt etwas Sauerstoff in die Lunge zu bekommen.

Sein Körper zitterte, seine Stirn glänzte vor Schweiß – einzelne Tropfen liefen über die Wange. Er fühlte sich schwach. Einen Lidschlag später wurde er beinahe ohnmächtig. Er biss sich so fest er konnte auf die Lippe, bis er Blut spürte – doch das half nur wenig. Für einen Moment schob er mit aller inneren Kraft, die ihm noch geblieben war, die überwältigende Schwäche beiseite – gerade lang genug, um weiter stillzustehen und nicht zu fallen. Er wollte davonlaufen, so schnell und so weit er nur konnte – er konnte nicht glauben, dass das, was er im Spiegel sah, wirklich war. Trotz lähmender Angst gelang es ihm mit einer übermenschlichen Anstrengung sein Gesicht mit einer Hand zu berühren.

Ja, sein Gesicht war unverändert – er war immer noch er selbst – ein kleiner, ängstlicher Junge!

Aber warum zeigte der Spiegel einen halbnackten, zahnlosen alten Mann mit schlaffer, faltiger Haut? Das Phantom sah ihn mit seinen blutigen, verschwollenen Augen an. In dem krankhaft-gelblichen Weiß schwamm jeweils eine winzige nachtschwarze Pupille.

Dem Jungen wurde immer schwindliger.

Die steife Hand konnte die Kerze nicht mehr halten. Die Dunkelheit kam wie ein überwältigender Impuls, der ihn blind machte. Dabei wollte er doch so weit vom Spiegel entfernt wie möglich sein, er wollte entkommen

 

*

 

Das Alter hat seine Vorzüge – aber auch seine Nachteile.

Leider sind letztere deutlich zahlreicher.

Natürlich wird das Leben stressfreier, man muss nicht arbeiten – man kann jeden Tag in aller Ruhe angehen … Man sieht viele Details, die vorher übersehen wurden – aus Mangel an Zeit. Sie flogen im Hintergrund des Lebens vorbei, für immer in der Vergangenheit verloren. Aber diese Details sind nur die Würze, die dein Leben mit Individualität bereichert, mit winzigen Glücksmomenten, mit Erfolgen und bitter schmeckenden Verlusten.

Der alte Mann wusste all das zu schätzen; er bedauerte nur, dass es so lange gedauert hatte, bis er diese Wahrheit verinnerlicht hatte.

Leider gibt es mit dem Alter auch immer häufiger traurige Momente. Im Alter wird man steifer, man ermüdet schnell, man hat Probleme mit der Kontrolle seiner physiologischen Prozesse – einfach in die Hose zu pissen war für ihn nicht schockierend neu; er hat sich daran gewöhnt und es akzeptiert – schließlich musste sich auf beiden Seiten der Waage etwas befinden.

Diese Probleme waren nicht die schlimmsten. Selbst Schmerzen oder zitternde Hände (manchmal war das derart intensiv, dass alles, was er berührte, im Bruchteil einer Sekunde auf dem Boden landete), nichts war so beängstigend wie die Tatsache, dass er immer öfter vergaß, was vor sich ging.

Zunächst – nur von Zeit zu Zeit – hatte er vergessen, wo er Dinge hingelegt hatte – doch jetzt geschah dies immer häufiger. Zudem brachte er Ereignisse und Erinnerungen durcheinander. Dann bekam er Probleme damit, Menschen und Orte wiederzuerkennen – was ihn schließlich dazu veranlasste, sich in seine Wohnung wie in ein Schneckenhaus zurückzuziehen.

Er fühlte sich wie ein Invalide.

Nach ein paar weiteren Jahren schritt die Krankheit so sehr voran, dass er manchmal nicht mehr wusste, was er einen Moment zuvor getan hatte, wo er sich befand – aber das Schlimmste war: Er wusste manchmal einfach nicht … wer er war!

Das Alter glich einem sich hinterrücks anschleichenden Vampir, der die Erinnerung und die Klarheit des Denkens aus seinem Kopf saugte.

Jetzt – in diesem Moment – geschah es wieder; dieses Mal erinnerte er sich zwar daran, wer er war, aber er hatte keine Ahnung, wie es dazu gekommen war, dass er mit einer Kerze in der Hand neben einem Spiegel stand.

Er kam näher und … und sah einen kleinen Jungen.

Er sah sich selbst aus einer Zeit, die schon mehr als achtzig Jahre zurücklag.

Ein paar Tränen erschienen in Adams Augen. Er blinzelte, damit er etwas klarer sehen konnte.

„Das ist schon so lange her!“, seufzte er.

Er war nicht wirklich überrascht von dem, was er im Spiegel sah.

Er entschied, dass er entweder schlief oder dass es sich um ein weiteres Phantom handelte, erschaffen von seinem alten, verbrauchten Gehirn. Das einzige Gefühl, das er jetzt verspürte, berührte ihn zutiefst: Mit den Augen seines Verstandes sah er längst vergessene Szenen aus seiner Kindheit – verrückte Zeiten, in denen er alle möglichen aufregenden Dinge hatte tun können, und niemand hatte damit Probleme gehabt.

So viele Jahre waren wie im Fluge vergangen; achtzig, achtzig oder vielleicht neunundachtzig – manchmal konnte er sich nicht einmal mehr an sein tatsächliches Alter erinnern, aber machte dies überhaupt einen Unterschied?

Gewiss nicht.

„Nun, es kommt, wie es kommen muss“, flüsterte er und blies die Flamme aus.

Schlagartig hüllte ihn die Dunkelheit ein, und das war für ihn jetzt völlig in Ordnung.

 

 

ENDE

Die Toten von Kezar Falls

 

 

von Manfred Weinland

 

 

1. Kapitel

 

 

Vergangenheit

 

Der neunte Donner in Folge rollte von den Westhängen des Dorritmassivs auf Kezar Falls hinab und ließ das hübsche zweistöckige Haus im Ortskern bis in seine Grundfesten erbeben. Einen Blitz hatte niemand gesehen – wie auch die Male davor nicht. Das gewaltige Spektakel, das damit einherging, unterstrich die Gespenstigkeit des Ereignisses. An eine Nacht wie diese – an ein solches Unwetter, das alles im Umkreis zu ertränken drohte – konnte sich niemand in der kleinen Stadt, auch nicht der „Klub der Hundertjährigen“, erinnern.

„Neun Leben hat die Katz’“, murmelte Kay Marsten scheinbar zusammenhanglos und schmiegte sich an den Arm ihres Mannes, der auf dem Bettrand saß und sich wie schützend über sie beugte. Ihre Stimme war heiser vom Schreien, der Atem ging stoßweise.

„Was sagst du da?“ Ben Marsten, der die Donnerschläge gezählt hatte, klang irritiert.

Die Hebamme kam herein und entfernte den Bottich mit dem immer noch dampfenden Wasser, in dem Blutreste schwammen. Kay wartete, bis sie draußen war, dann hob sie ihrem Mann das fiebrig glänzende Gesicht entgegen, lächelte abwesend und flüsterte: „Was geschieht nur mit uns, Ben, Liebling? Diese furchtbare Nacht …“ Sie schloss die Augen und keuchte wie unter nachträglichen Phantomwehen. „Ich wollte – diese Frau – nicht …!“

Benedicte Hootch kehrte zurück. Sie war eine kleine, stämmige Frau mit Fischaugen und rosigen Wangen, die gesunde Frische vorgaukelten, aber wie aufgemalt wirkten. Ein Damenbart verunzierte ihre Oberlippe; der Flaum schien direkt aus den Nasenöffnungen herauszuwachsen. Ihr Benehmen insgesamt war untadelig. Sie kam und ging wie ein Schatten. Wer sie eine Weile beobachtete, konnte sie für stumm halten, aber das stimmte nicht. Sie wartete einfach nur, bis sie angesprochen wurde. Von sich aus sagte sie selten etwas. Auch bei Kindern und Neugeborenen machte sie keine Ausnahme.

Ben Marsten glaubte, dass das der Grund war, warum sie in der Gegend einen etwas zwiespältigen Ruf genoss. Sie verstand ihr Handwerk wie kaum eine Zweite, aber ihre Defizite im Zwischenmenschlichen ließen sich für viele nicht in Einklang mit dem Beruf einer Hebamme bringen. Für manche genügte diese Eigenart bereits, sie verdächtig zu finden. Verdächtig wie alles Fremde.

Sie blieb jetzt vor dem Bettende stehen, hob die linke Hand und spreizte drei Finger ab. An dieser Hand besaß sie nur diese drei Finger; zwei waren amputiert. Eindringlich blickte sie die Eltern an.

„Drillinge“, übersetzte Ben das, was sie längst wussten, mit rauer Stimme. Er hatte das Gefühl, die plötzliche Stille, in der nur noch das Plätschern des Regens zu hören war (der Donner hatte aufgehört), überbrücken zu müssen. „Der Doc wird Bauklötze staunen …“

Er nickte Mrs. Hootch zu und atmete insgeheim auf, als sie den Raum verließ.

„Wo sind meine Kinder?“, seufzte Kay. Die Dreifachgeburt hatte sie begreiflicherweise geschwächt.

„Es geht ihnen gut“, sagte Ben und strich ihr über das verschwitzte Gesicht. „Mrs. Hootch kümmert sich um sie …“

„Ich will sie sehen“, presste Kay hervor. „Gleich. Bitte, Ben, ich …“

Es klopfte.

Ehe jemand reagieren konnte, schwang die Tür des Schlafzimmers auf. Eine hochgewachsene Gestalt mit lackschwarzem Haar wirbelte wie ein Bestandteil des draußen tobenden Unwetters herein.

„Doc!“ Ben wusste nicht, warum er erleichtert war.

Joshua Dylan wiegelte gestenreich ab und deponierte seine Tasche auf dem Nachttisch. „Verflixtes Missgeschick“, schimpfte er und richtete einen tadelnden Blick zur Decke, als meine der den Himmel darüber. „Die Straße war blockiert. Massenkarambolage. Ein umgestürzter Baum … Ich konnte nicht früher kommen. Es ging beim besten Willen nicht. Außerdem scheine ich mich ein bisschen verschätzt zu haben …“

„Es ist ja alles in Ordnung“, beruhigte ihn Ben. „Zum Glück konnten Sie Mrs. Hootch verständigen. Sie war rechtzeitig zur Stelle.“

„Mrs. Hootch?“ Doc Dylan sah zuerst Ben, dann Kay Marsten aus verengten Augen an. „Verständigt, ich?“ Er schüttelte nachdenklich den Kopf, als hinter ihm Bewegung entstand. Die Hebamme glitt herein und gesellte sich zu ihnen.

Ben zuckte die Achseln. „Dann habe ich da wohl etwas in den falschen Hals gekriegt.“ Er musterte Mrs. Hootch, als erwartete er von ihr eine Stellungnahme, die jedoch nicht kam. „Sagten Sie mir nicht …? Egal. Ich …“

„Die Kinder“, erinnerte ihn Kay nervös. „Wo sind meine Kinder? Ich will sie hier bei mir haben. Auf der Stelle …!“

Ben gab Mrs. Hootch ein Zeichen. Während der Doc sich um Kay kümmerte, folgte er selbst der Hebamme hinaus in den gut beheizten Nebenraum, wo die Drillinge nebeneinander in einer Doppelwiege lagen, die eigentlich nur für zwei neue Erdenbürger gedacht gewesen war. Mit mehr hatten sie nach den turnusmäßigen Untersuchungen nicht gerechnet.

Ben beugte sich lächelnd darüber. Das Lächeln gefror.

Alle drei lagen starr, wie völlig identische Puppenfiguren, auf ihren rosigen Rücken. Erst als Ben Marsten panisch zugriff und das erste Baby heraushob, kam Bewegung in den nackten, zerbrechlichen Körper. Das Baby begann lauthals zu plärren. Derselbe Vorgang wiederholte sich bei seinem Brüderchen.

Nur Nummer drei blieb stumm.

Kay fuhr zusammen, als sie Bens erstickten Aufschrei hörte. Gerade hatte sie sich unter dem Zureden des Docs etwas beruhigt. Kurz darauf taumelte Ben bleich zu ihnen herein. Im Arm hielt er einen der Drillinge, während Mrs. Hootch mit den beiden krakeelenden Geschwistern und ausdrucksloser Miene folgte.

„Tot, Doc“, stammelte Ben. „Es ist … tot.“

Der Arzt sprang auf und nahm ihm das Baby ab. Aber es war zu spät, um etwas zu ändern. Er konnte nur noch den Tod bestätigen und sich über eine Merkwürdigkeit wundern. Neun der zehn Fingernägel waren rabenschwarz – wie verkohlt – und hatten eine Maserung, die an stilisierte Totenschädel erinnerte. Nur ein einziger war normal geblieben.

Neun Donnerschläge, dachte Ben Marsten zusammenhanglos.

Als Kay es entdeckte, riss sie die Augen auf und wiederholte mit hysterischer Stimme den Bestandteil des Kinderreims von vorhin: „Neun Leben hat die Katz’ …“

Doc Dylan sah beunruhigt auf sie hinunter. Ben schob ihn mit dem toten Kind im Arm hinaus auf den Flur.

Benedicte Hootch legte die beiden gesunden Babys neben die Mutter auf das Kopfkissen und lächelte mit einem Ausdruck, der Kay Marsten Albträume für die nächsten Tage und Wochen beschert hätte, hätte sie ihn wahrgenommen.

Aber die hatte sie ohnehin nach dem Tod des Jungen, dem sie im Stillen schon einen Namen zugewiesen hatten.

Rod.

Rod Marsten.

Ein Name, eines quicklebendigen Prachtburschen würdig.

Doch nun war er nur noch – so schien es – gut für den dunklen Stein auf einem schattigen Grab …

 

 

2. Kapitel

 

Siebzehn verfluchte Jahre später – Gegenwart

 

Der Schrei zerriss die Stille des Hauses und löste die Lähmung, die Jonathan seit dem Aufstehen zu spüren glaubte.

Er sprang so heftig von seinem Experimentiertisch auf, dass der Stuhl nach hinten wegkippte und zu Boden schlug. Fast gleichzeitig mit Erreichen des Flurs polterte jemand die Treppe herauf.

Der schlanke Mann im Anzug, dessen schlohweißes Haar hinten mit einem Band gebändigt werden musste, stolperte an Jonathan vorbei auf die offen stehende Tür neben dessen Zimmer zu, wo der entsetzliche Schrei mittlerweile zu einem Röcheln abgesunken war.

Das Grauen stand Ben Marsten ins Gesicht gemeißelt, und Jonathan verstand immer noch nicht. Vorhin hatte er schon einmal schnelle Schritte auf dem Korridor gehört – aber eher am Rand seines Bewusstseins. Das neue Experiment aus dem Chemiekasten erforderte all seine Konzentration. Die Schwefeldämpfe hingen ihm immer noch in den Klamotten …

Dicht hinter seinem Vater betrat er Bills Zimmer.

„Doc Dylan ist unterwegs …“ Ben Marsten haspelte die Worte herunter, dass Jonathan ihn kaum wiedererkannte. Dennoch wusste er plötzlich mit niederschmetternder Gewissheit, dass etwas Furchtbares in die Normalität ihres Lebens hereingebrochen war.

Seine Mutter kauerte auf Bills Bett und verdeckte den Bruder, der dort ausgestreckt wie ein Brett lag, fast völlig.

Kay Marsten, die Mutter, um die die Marsten-Zwillinge von der gesamten männlichen Belegschaft der High School von Kezar Falls beneidet wurden, hob kurz den Kopf, schien Jonathan aber gar nicht wahrzunehmen. Ihre Augen schwammen in Tränen.

„Nicht schon wieder …“, quälte es sich über ihre Lippen. Sie sah Ben an und wiederholte mehrere Male: „Nicht noch einmal … Bitte, Ben, nicht noch einmal …“

Jonathan fragte mit pulvertrockener Kehle: „Ist etwas – mit Bill?“

Sein Vater wandte sich zeitlupenhaft in seine Richtung. „Geh nach unten.“ Er stand da wie zwischen den Plus- und Minuspolen eines Magneten hin und her gerissen. „Mach dem Doc auf, sobald er eintrifft. Verlier keine Sekunde!“

Jonathan versuchte, einen letzten Blick an seiner Mutter vorbei auf Bill zu erhaschen. Er sah nur die Beine.

Es verbot sich von selbst, länger zu zögern.

Jonathan spurtete nach unten, aber als der alte Doc Minuten später von ihm eingelassen wurde und gleich die Treppe hochkeuchte, wurde er abermals enttäuscht. Als Doc Dylan in Bills Zimmer tauchte, trat Ben Marsten sofort heraus und dirigierte Jonathan ins Nebenzimmer, wo es immer noch stank wie in Schwefelklüften.

Ben Marstens Weg führte fluchend geradewegs zum Fenster, das er mit Wucht nach oben schob und anschließend frische Luft hereinzufächeln versuchte.

Jonathan stand immer noch wie angenagelt neben der Tür.

„Setz dich“, sagte sein Vater ohne die Vorwürfe, mit denen er die Experimente seines Sohnes sonst kommentierte. („Du wirst uns noch einmal die Hütte unter dem Hintern anzünden!“)

„Ist Bill krank?“, fragte Jonathan schleppend. Die Lähmung dieses Tages – dieses Gefühl jenseits seiner Erfahrungen – drohte ihn zu infizieren. Er merkte, dass er zitterte. Mit schweißnassen Händen wischte er sich über das T-Shirt mit der Aufschrift Better days are coming. Fast unbewusst tastete er sich über den Kehlkopf, in dem die Angst pulsierte. Plötzlich hatte er eine starke Empfindung, die ihn auf das Schlimmste vorbereitete. Die Worte seines Vaters waren wie eine Bestätigung.

„Der Doc wird uns sagen können, was passiert ist. Deine Mutter fand Bill vor ein paar Minuten in einem … komaähnlichen Zustand.“

Die letzten beiden Worte rannen zäh wie Klebstoff über seine Lippen. Er starrte Jonathan an, als erhoffte er sich, dass dieser mit dem Erklärungsversuch fortfahren würde.

Jonathan schwieg.

„Er – atmete nicht mehr.“

Jonathan sog scharf die Luft ein. Der Kloß im Hals blähte sich zu einem monströsen Klumpen auf.

Er lief auf seinen Vater zu, hielt kurz inne, krallte sich dann in dessen Hemd, riss und zerrte halbherzig daran und begann schließlich mit den Fäusten auf ihn einzutrommeln.

„Du lügst!“, rief er. Es war Ausdruck von Verzweiflung, deren Ausmaß ihm selbst noch unbekannt war. „Willst du etwa sagen, dass er … tot ist?“

Von hinten legte sich eine Hand auf seine Schulter und zog ihn zurück. „Ganz ruhig“, sagte Doc Dylan sanft. Sein ledernes Gesicht sah aus wie eine ölig glänzende Maske mit ausgestochenen Augen. Schweiß lief ihm über die Wangen. Er dampfte förmlich. In der einen Hand hielt er eine Spritze.

Als Jonathan die Absicht erkannte, wich er zurück. „Nein …!“

„Es ist nur zu deiner Beruhigung“, beharrte der Doc.

Erst als Ben Marsten den Kopf schüttelte, ließ er die Nadel schulterzuckend sinken. Aber er wusste, dass er so leicht nicht davonkam.

„Es ist wie damals“, kam er jeder Frage zuvor.

„Damals?“, echote Jonathans Vater.

Ehe ihn jemand aufhalten konnte, huschte Jonathan am Doc vorbei durch die Tür.

„Lassen Sie ihn“, hörte er die Stimme seines Vaters – schwach und tonlos, wie er es noch nie erlebt hatte.

Die Schwelle zu Bills Zimmer schien ihm einen Moment lang unüberwindbar. Aber dann stand er neben dem Bett und neben seiner Mutter, die so grau und eingefallen wirkte, als hätte die Zeit einen Sprung um Jahrzehnte voraus vollführt.

Dann sah er Bill und achtete sonst auf nichts mehr.

Obwohl sie sich Mühe gaben, nie dieselbe Frisur und nie dieselbe Kleidung zu wählen, war es, als würde er in einem Spiegel versinken.

Nein, korrigierte er sich. Als könnte ich mich selbst auf meinem Totenbett betrachten …

„Mum …“ Jonathan sank neben sie auf die Bettkante. Als er sie berühren wollte, zuckte sie wie elektrisiert zusammen und schluchzte dann hemmungslos. Sie warf sich an Bills Brust und verlor komplett die Kontrolle über sich, wimmerte wie ein getretenes Tier, oder ein anderes aus der Bahn geworfenes Geschöpf, was bei Jonathan ein absurdes Schamgefühl auslöste.

Bill rührte sich immer noch nicht.

Jonathan hatte noch nie zuvor einen echten Toten gesehen, und auch jetzt weigerte sich sein Verstand, den Tod als Realität zu akzeptieren.

Nicht Bill, dachte er. Nicht mein Spiegel …

Dass sein Bruder wirklich tot sein könnte, (tot), lag jenseits seiner Vorstellungskraft, und auch als Jonathan in sich hineinlauschte – hieß es nicht immer, Zwillinge besäßen eine besondere Affinität zueinander? –, fand er nichts, das einem Verlustschmerz gleichgekommen wäre.

Aber Bill lag mit kalkweißem Gesicht und offenen Augen auf dem Bett. Seine Iris ähnelte einer Milchglasscheibe, in deren Mitte jemand ein kleines Loch mit dem Eispickel gebrochen hatte. Er hatte die Hände über dem Bauch gefaltet.

Jonathan fragte sich, ob Doc Dylan oder seine Eltern dies nachträglich so komponiert hatten, oder ob Bill sich tatsächlich so zum Sterben niedergelegt hatte – als hätte er gewusst, was passieren würde.

Jonathans Blick blieb an Bills Fingernägeln haften. Als er genauer hinsah, glaubte er dunkle Verkrustungen im Nagelbett zu bemerken. Als hätte sich Bill mit einem Hammer wehgetan. Blutergüsse. Nur ein einziger der zehn Nägel sah aus wie immer.

„Junge – komm hierher!“

Doc Dylans schwere Schritte drangen erst in sein Bewusstsein, als der Arzt fast bei ihm war.

Die Hände seiner Mutter fielen von ihm ab, als er sich erhob und mit einem vagen Gefühl der Erleichterung gehorchte. Draußen im Flur wartete sein Vater.

„Wir müssen miteinander reden“, sagte er.

Jonathan starrte ihn ausdruckslos an. Hinter ihm entstand Bewegung, als Doc Dylan seine Mutter zur Treppe nach unten führte.

„Was – ist passiert?“, stellte Jonathan noch einmal die einzige Frage, die es im Moment gab.

„Wir … wissen es nicht, und ich weiß nicht, ob dies überhaupt der rechte Zeitpunkt ist, darüber zu sprechen …“

„Worüber zu sprechen?“

Ben Marsten rang mit sich. Jonathan hatte das Gesicht seines Vaters noch nie so verlebt gesehen wie in diesem Moment. Auch das schlohweiße Haar gewann dadurch eine neue Dimension, die es eigentlich durch die lange Gewöhnung nicht mehr hätte besitzen dürfen. Jonathan kannte seinen Vater nur mit diesem Haar. Auf Anspielungen hatte sein Dad immer mit Selbstironie reagiert („Bei euch muss man ja graue Haare kriegen …“). Bislang hatte Jonathan nie einen Grund gesehen, sich näher damit zu befassen. Es gab weiß Gott Wichtigeres. Doch nun – in diesem Moment, der nicht länger währte als ein Lidschlag – hatte er plötzlich das intensive Gefühl, dass alles, was er gerade wahrnahm, miteinander verflochten war. Sogar verflochten mit dem, was Bill widerfahren war.

Tot! Sprich es aus: Er – ist – tot …!

Ben Marsten legte den Arm in einer Geste unbeholfener Zärtlichkeit um die Schulter seines Sohnes und führte ihn wortkarg in sein Arbeitszimmer am Ende des Korridors.

Es war für die Zwillinge immer ein nicht sehr angenehmer Ort gewesen. Die Bücher, die sich hier über alle vier Wände hinweg in altersschwachen Regalen stapelten, staubten beim bloßen Betrachten. Amerikanisches bürgerliches Gesetzbuch, Das Staatswesen von Michigan, Borg gegen den Staat Louisiana … Die Liste ließ sich endlos fortführen. Richtige „Schmöker“ fanden sich nicht unter den dicken Folianten – auch keine Abhandlungen über Dinge, die Jonathan brennend interessierten. Sein Dad hielt sich lieber an Paragraphen und andere Langweiler – wenn sie nur beweisbar waren. Er arbeitete als Juniorpartner in einer gut gehenden Anwaltskanzlei in Kezar Falls, was ihm gutes Geld und Ansehen, aber wenig Zeit für die Familie einbrachte.

Als Jonathan in einem der Ledersessel Platz nahm, die um einen kleinen Glastisch herum arrangiert waren, wunderte er sich beiläufig darüber, dass sein Vater heute schon so früh zu Hause war.

Ausgerechnet heute.

Vielleicht, dachte er, hatte er auch diese Vorahnung …

„Er ist nicht – tot, oder?“

Jonathan lauschte dem Klang der Stimme und begriff spät, dass er selbst gesprochen hatte.

Ben Marsten, der Mann mit dem fotografischen Gedächtnis, der jeden gegnerischen Strafverteidiger durch Zitieren ellenlanger Vergleichsfälle – von denen nie zuvor jemand gehört hatte, die aber gleichwohl existierten – in Verzweiflung stürzen konnte, ging neben ihm in die Hocke und legte die Hand auf Jonathans Knie.

„Doch“, sagte er.

Nur dieses eine Wort.

Jonathan schluckte ein paar Mal. „Wie ist es – passiert?“

„Vielleicht werden wir das nie erfahren“, sagte sein Vater. Hilflosigkeit war nicht alles, was aus diesem Satz sprach. Da war auch noch … Angst.

Es klopfte. Doc Dylan trat ohne abzuwarten ein. Er sah nur Ben an, als er sagte: „Ich habe sie zu Bett gebracht und ihr etwas zur Beruhigung gegeben. Der Wagen ist bereits unterwegs.“

„Der Wagen?“ fragte Ben Marsten.

Doc Dylans Blick streifte Jonathan. Er verharrte jedoch nicht auf ihm. „Um ihn abzuholen.“

Wer damit gemeint war, war klar. „Wir müssen darüber reden.“ „Worüber?“, fragte Ben ablehnend. „Wir können es nicht noch einmal so handhaben wie damals. Du musst …“

Wieder zuckte der Blick zu Jonathan.

„… an ihn denken.“

Ben Marsten federte aus der Hocke in den Stand und rieb sich die Hände an den Hosenbeinen. „Ich tue nichts anderes“, sagte er.

„Dann sprich, mit ihr.“

„Das hat keinen Zweck. Wir haben endlos diskutiert.“

„Vor siebzehn Jahren“, nickte der Arzt. „Aber heute ist heute. Damals konnte niemand damit rechnen.“ Er räusperte sich. „Zumindest musste man dies nicht …“

Jonathan fühlte sich wie der Zeuge eines Gerichts, das in Abwesenheit über ihn abgehalten wurde, obwohl er anwesend und die Hauptperson war.

Ben Marsten unterhielt sich kurz mit Doc Dylan. Erst als der Arzt, der die Familie seit Anbeginn betreute, gegangen war, konzentrierte er sich wieder auf seinen Sohn.

„Worüber habt ihr gesprochen?“, fragte Jonathan. Eine bleierne Schwere hatte sich auf seine Glieder gesenkt. Jeder Atemzug schien seine Lungen wie ein Sieb zu passieren.

Ben Marsten wies ihn an, sich zu setzen, und ließ sich selbst in den freien Sessel ihm gegenüber sinken. Auf dem Tisch standen eine Karaffe mit golden schimmernder Flüssigkeit und mehrere Gläser, von denen er zwei bis zum unteren Rand einer Markierung vollgoss. Normalerweise bewirtete er damit besondere Klienten, die ihn aus Dringlichkeit zu Hause besuchen durften.

„Du bist kein kleiner Junge mehr …“, leitete er die Übergabe des Whiskeys ein, der aus einer kleinen irischen Privatdestille stammte und extra von ihm importiert wurde.

„Siebzehn“, nickte Jonathan karg. „Wir können also wie Männer miteinander reden.“

Jonathan verriet nicht, dass er solche Floskeln hasste. Er war viel zu angespannt, um überhaupt an etwas anderes als Bill und den Tod zu denken.

Der Spiegel ist zerbrochen. Du bist allein.

Ben Marsten prostete seinem Sohn zu. Natürlich war es nicht das erste Mal, dass Jonathan Alkohol trank. Es war nicht einmal das erste Mal, dass er diesen Whiskey probierte – aber das konnte sein Dad nicht wissen. Ahnen ja, aber nicht wissen.

Jonathan registrierte kaum, wie sich die Wärme in ihm auszubreiten versuchte.

„Wir haben nie offen darüber gesprochen“, sagte sein Vater (kaum zu glauben, dass Bill wirklich ein paar Türen weiter liegen sollte – Lichtjahre von allem entfernt, was Leben hieß). „Es schien nie nötig … Niemand rechnete mit einer Wiederholung …“

Jonathan kniff die Lippen zusammen.

Ben Marsten nahm es als Aufforderung, fortzufahren. „Wie du weißt, wart ihr bei der Geburt Drillinge.“

Jonathan nickte kurz.

„Euer Bruder – wir nannten ihn Rod – starb Minuten nach der Entbindung. Du und Bill seid als gesunde Zwillinge aufgewachsen.“

„Woran starb Rod?“ Er versuchte, sich zu erinnern. Irgendwann hatten sie bestimmt darüber gesprochen …

„Wir nahmen damals das an, was man ‚plötzlichen Kindstod‘ nennt. Zunächst jedenfalls.“

„Zunächst?“

Ben Marsten nickte. „Es ist eine lange Geschichte – wenn man sie richtig wiedergeben will. Und auch dann …“

Die Türklingel drang bis herauf ins Arbeitszimmer. Ben Marstens Aufstehen glich einer Flucht. „Warte hier“, sagte er.

Jonathan hörte, wie er die Treppe hinuntereilte und öffnete. Stimmen, Schritte, Geräusche, die seine Phantasie weiter anheizten, folgten.

Als sein Vater nach einer halben Stunde zurückkehrte, schien er überrascht, dass sich Jonathan wirklich nicht von der Stelle gerührt hatte.

Keine Ausflüchte mehr, schien der Seufzer zu versprechen, der über die Lippen des Anwalts rann.

Er hielt ein Stück Papier in der Hand, das amtlichen Charakter hatte. Als er es ablegte, sah Jonathan, dass es ein Totenschein war.

„Die Geschichte“, sagte er tonlos.

Sein Vater nahm Platz und zog das Whiskeyglas zu sich heran. Er stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter, als müsste er sich erst Mut antrinken. Seine Pupillen weiteten sich ein wenig.

„Die Geschichte“, nickte Ben Marsten. „Die Geschichte fing damals mit Rods plötzlichem Tod erst an …“ Er machte eine Pause und erzählte dann detailliert (plötzlich schien er endlos Zeit zu haben) die näheren Umstände, unter denen sich die Geburt der Drillinge zugetragen hatte. Nicht einmal das Gewitter und die neun Donnerschläge ließ er aus, als besäßen sie eine Bedeutung für alles Spätere.

„Rods Tod“, leitete Ben Marsten auf die Geschehnisse nach jener Nacht über, „war erst der Beginn einer Reihe bis heute ungeklärter Ereignisse – und Demütigungen. Menschen, mein Junge, Menschen können grausam sein. Und am grausamsten sind ängstliche Menschen, selbst wenn sie der Kirche angehören …“

 

 

3. Kapitel

 

 

Vergangenheit

 

Der Priester im schwarzen Gewand und weißen Kragen hieß Dorn. Reverend Dorn. Er war eine Institution in Kezar Falls und gehörte dem „Klub der Hundertjährigen“ an, dessen erklärtes Ziel es war, die Welt davon zu überzeugen, dass Enthaltsamkeit, der Glaube an Gott und der Verzicht auf Luxusgüter ausreichten, um das in menschlichen Genen verankerte „Methusalem-Programm“ zum Sieg über das „Todesprogramm“ zu verhelfen, das die moderne Wissenschaft in der DNS entdeckt zu haben glaubte.

Reverend Dorn war eigenen Angaben zufolge einhundertfünf Jahre alt und predigte immer noch allsonntäglich von der Kanzel der presbyterianischen Kirche von Kezar Falls. Dass er höchstens wie siebzig aussah, wagte ihm niemand ins Gesicht zu sagen. Es wäre einer Beleidigung gleichgekommen, zumal seine Geburtsurkunde und jedes sonstige amtliche Dokument, das sein Alter hätte belegen können, irgendwann abhandengekommen waren.

Als Dorn am Morgen nach der Gewitternacht das Haus der Marstens betrat, sahen seine Haare aus, als hätte einer der Blitze, die niemand gesehen hatte, in sein Bett eingeschlagen. Der Auftritt passte zum Inhalt seines Erscheinens.

Ben Marsten führte ihn ins Wohnzimmer.

Die Fensterläden waren noch halb geschlossen, und Dorns Ausstrahlung schien zusätzlich einiges vom Licht des Tages zu neutralisieren.

Marsten hatte schon immer eine besondere Beklemmung in Gegenwart dieses Priesters empfunden – in den seltenen Fällen, wenn sie die Kirche besuchten. An diesem Morgen war das Gefühl extrem.

Nachdem Dorn kondoliert hatte, sagte er mit einer Direktheit, die Ben Marsten völlig unvorbereitet traf: „Ich will es kurz machen: Mit mir können Sie nicht rechnen. Es gibt Standeskollegen, die nicht davor zurückschrecken würden, ungetauftes Leben in die heilige Erde einer Ruhestätte zu versenken – ich gehöre nicht dazu.“

Marsten begriff den Sinn der Aussage nur zäh. „Sie wollen – Rod die Beisetzung verweigern?“, fragte er ungläubig.

„Wer ist Rod?“

„Mein toter Sohn. Er sollte Roderick heißen …“

„Er wurde nicht getauft – Sie begehen einen schweren Frevel, wenn Sie so tun, als sei dies doch geschehen.“

Marsten starrte den Reverend fassungslos an. „Sie können ihn taufen, bevor Sie ihn bestatten.“

„Totes Fleisch?“, Dorn hatte sich kaum gesetzt, als er auch schon wieder empört aufsprang. „Niemals!“

„Ich bitte Sie …“

„Sparen Sie sich die Mühe. Ich bin nicht gekommen, um zu diskutieren, sondern um klare Verhältnisse zu schaffen. Der Friedhof ist tabu für das Kind.“

Ein Gefühl wie Sodbrennen breitete sich in Marstens Brust aus. „Das ist nicht Ihr Ernst! Wo soll Rod sonst …?“

„Keine Sorge.“ Dorn machte eine larmoyante Geste und lächelte Marsten beruhigend zu. „Natürlich lasse ich Sie mit dem Problem nicht allein. Es gibt da in direkter Nachbarschaft des Friedhofs ein Stückchen Land, das …“

„Das Heiden-Eck“, presste Marsten hervor. Er war in Kezar Falls aufgewachsen. Er wusste um die Besonderheiten der kleinen Stadt.

Dorn nickte. „Es gibt keine Alternative.“

„Wenn ich das meiner Frau sage, passiert ein Unglück“, sagte Marsten düster. „Ich kann es nicht. Ich werde Verbindung mit dem Ordinariat aufnehmen. Man …“

Dorn schüttelte den Kopf.

Marsten begriff, dass er keine Chance hatte. Er hatte von Fällen gehört, die sich gegen Reverend Dorns mitunter kaum nachvollziehbare Beschlüsse aufgelehnt hatten – niemandem war je Erfolg beschieden gewesen.

„Sie sind angehender Jurist“, bewies Dorn, dass er längst über die Konsequenzen seiner Verweigerung nachgedacht hatte. „Möglicherweise werden Sie versuchen, Ihre Ziele über den Gerichtsweg durchzusetzen. Ich kann Sie nur warnen. Es wird Ihrem Namen und Ihrem Ruf schweren Schaden zufügen.“

„Wollen Sie mir etwa drohen?“

„Ich will Ihnen helfen.“ Wieder dieses Lächeln, das Mordgedanken keimen ließ. „Sie vor Dummheiten bewahren. Glauben Sie mir, ich weiß, wie man solche Fälle handhabt.“

Solche Fälle?!

„Aber warum …? Roddy hat doch nichts verbrochen! Er ist einfach zu früh gestorben. Dass wir ihn ebenso wie die beiden anderen Jungen hätten taufen lassen, ist doch klar …“

Reverend Dorn ließ sich durch keine Argumentation erweichen. „Wenn Sie wollen“, sagte er zum Abschluss, „rede ich mit Ihrer Frau. Sie wird es verstehen.“

Es wird sie umbringen, dachte Ben Marsten dumpf.

Aber Kay war noch viel zu benebelt vom Schmerz. Außerdem hatte sie alle Hände voll zu tun, um ihre beiden verbliebenen Söhne unter Anleitung von Benedicte Hootch zu stillen.

Zwei Tage später wurde Rod Marsten in einem gesonderten Bereich, abseits des für die normalen Besucher zugänglichen Friedhofes von Kezar Falls, begraben. Schon vorher war über den Fall im ganzen Ort getuschelt worden, und zu dem Begräbnis, das offiziell gar nicht stattfand, kamen mehr Schaulustige als zu mancher Bestattung der Lokalprominez.

Für wachsende Beklemmung sorgte aber erst, was sich sieben Tage später (neun Tage nach Geburt und Tod des Drillings) ereignete und von dem die Öffentlichkeit nie die ganze, schreckliche Wahrheit erfuhr …

 

 

4. Kapitel

 

Das Telefon läutete am frühen Morgen im Hause der Marstens, in dem – eine Woche nach dem Begräbnis – allmählich so etwas wie Normalität in den Alltag einkehrte, ohne dass man davon sprechen konnte, die Welt sei wieder heil.

Kay Marsten kümmerte sich tagsüber, bis ihr Mann von der Arbeit heimkam, allein um die beiden völlig identisch aussehenden Zwillinge, die man in Kürze auf die Namen Bill und Jonathan taufen lassen wollte.

Benedicte Hootch, die Hebamme, hatte sich anderen Pflichten zugewandt, und Kay hatte beharrlich alle Angebote ihres Mannes in den Wind geschlagen, ihr – wenigstens stundenweise – eine Haushaltshilfe zu besorgen.

Der Verdacht, dass Kay Marsten Vergessen in der Arbeit und der Versorgung ihrer Kinder suchen wollte, schien nicht sonderlich abwegig.

An diesem Morgen war Ben Marsten früher als sonst in die Kanzlei gefahren, in der er einen noch nicht sonderlich gut dotierten, aber mit Aufstiegsmöglichkeiten versehenen Job erhalten hatte. Später erfuhr er die Einzelheiten von Kay.

Reverend Dorn rief gegen acht Uhr an – wutentbrannt, durcheinander und hilflos in einem.

„Mrs. Marsten? Kann ich Ihren Mann sprechen?“

„Er ist bereits weg. Worum geht es?“, Kay gab sich wenig Mühe, ihre Antipathie, die sie gegen den Kirchenmann hegte, zu kaschieren. Mit jedem Tag, der verging und ihr Gelegenheit gab, über alles zum hundertsten Mal nachzudenken, kam sie mehr zu dem Ergebnis, dass Dorn ein verdammter Heuchler und Schweinehund war. Die Art, wie er den kleinen Rod abqualifiziert und unter die Erde gebracht hatte, hinterließ weit mehr als einen schalen Beigeschmack. Manchmal, in ihren Träumen stellte Kay sich vor, wie sie ihn in seiner Soutane erdrosselte …

„Das Grab!“, keuchte Dorn.

„Welches Grab?“ Kay stellte sich absichtlich begriffsstutzig.

„Das Grab Ihres Sohnes …!“ Dorn klang, als sei er nicht für einen Konflikt gewappnet.

Kay nutzte es schamlos aus. „Sie meinen das Loch?“

Ein undefinierbarer Laut drang vom anderen Ende der Leitung aus dem Hörer. Gleichzeitig senkte Dorn beinahe verschwörerisch die Stimme: „Ich habe dem Colonel schon Bescheid gesagt. Er muss jeden Moment eintreffen. Aber mir wäre lieber, wenn auch von Ihnen jemand … Wie kann ich Ihren Mann erreichen?“

„Darf ich endlich erfahren, was passiert ist?“

Dorn wand sich wie ein Wurm am Haken. „Das kann man am Telefon schlecht erklären …“

„Ich komme vorbei.“

Das schien ihn vollends aus dem Konzept zu werfen. „Aber …“

Kay Marsten legte auf. Der Ausdruck von Zufriedenheit hielt sich jedoch nur Sekunden auf ihrem Gesicht. Zu mysteriös blieb Dorns Anruf. Sie rief in der Kanzlei an und hinterließ eine kurze Nachricht für ihren Mann, dass sie außer Haus war und er sich keine Sorgen machen solle. Dann packte sie die Zwillinge in die Tragetasche, die genug Platz für beide bot, deponierte sie auf dem Rücksitz ihres alten Buicks, den sie als Zweitwagen hielten, und fuhr zum Harmony Hill hinauf, zum Friedhof von Kezar Falls.

Schon von Weitem sah sie den Rover des „Colonel“, wie der spindeldürre, asketische Sheriff allgemein genannt wird. Vor seiner Anstellung bei der State Police hatte Adrian Morle jahrelang bei der Army gedient. Einige der dortigen Gepflogenheiten hatte er in seinen Dienst herübergerettet, was nicht nur Beifall erzeugte. Morle war eine Autorität, aber auf seine Art genauso unsympathisch wie Dorn. Manche behaupteten sogar – aber dies wirklich nur in abgeschlossenen, schalldichten Räumen und ohne Gegenwart von Zeugen –, die beiden seien „aus demselben Nest gefallen.“

Kay hielt es nicht für ausgeschlossen, obwohl Morle mindestens zwanzig Jahre jünger war (ging man bei Dorn von siebzig und nicht von hundert aus).

Sie traf beide im Reliquienraum der Kirche. Emily Smith, Dorns Haushälterin, führte sie hin und passte anschließend auf die Zwillinge auf. Sie war eine freundliche Frau Anfang Fünfzig, aber Kay wurde den Eindruck nicht los, dass ihre Freundlichkeit an diesem Tag nicht ganz so unschuldig war wie sonst. Es war, als trüge sie eine psychische Last mit sich herum.

„Colonel … Reverend … Darf ich jetzt endlich erfahren, was passiert ist? Diese Geheimnistuerei …“

Sie verstummte, als der Colonel sich zu ihr umdrehte. Er sah aus wie jemand kurz vor einem Schlaganfall.

Ehe Kay weitere Fragen stellen konnte, erfuhr sie, dass Adrian Morle das Grab von Rod bereits in Augenschein genommen hatte.

„Sehen Sie es sich selbst an“, sagte er rau. „Wir haben keine Erklärung.“

„Keine Erklärung wofür?“

Weder Dorn noch der Colonel antworteten. Sie begleiteten Kay über das Friedhofsgelände, dessen Eisentor mit der fadenscheinigen Begründung für Besucher gesperrt worden war, dass sich ein paar Grabsteine gelockert hatten und Verletzungsgefahr bestünde. Kay las das Schild im Vorübergehen und beobachtete angespannt, wie der Reverend auch hinter ihnen wieder abschloss.

Als Erklärung für das merkwürdige Verhalten der beiden ließ sie die Unfallgefahr nicht gelten. Etwas viel Schwerwiegenderes musste dahinterstecken.

In der gegenüberliegenden Friedhofsmauer befand sich ein weiteres, wesentlich unscheinbareres Tor, das Dorn ebenfalls aufsperrte, aber offen ließ. Auf diese Weise gelangten sie ins „Heiden-Eck“, wie der Volksmund das von einem hohen Steinwall umfriedete Feld bösartig nannte. Hier gab es nur wenige schlichte Grabsteine und Kreuze. Eines der Male kennzeichnete Rods Grab.

Kay stockte mitten im Vorwärtsdrang, als sie die Verwüstung erkannte.

Der Colonel sprach beruhigend auf sie ein, aber sie achtete gar nicht darauf. Sie sah nur Rods Grab, das von Vandalen verwüstet worden war.

Der Grabstein war umgeworfen, das mit Blumen dekorierte Beet existierte nicht mehr. Große Mengen Erde waren im weiten Umkreis zerstreut, als hätte im Grab eine ungeheure Entladung stattgefunden, deren Explosionsdruck nichts standgehalten hatte …

„Verstehen Sie jetzt, was ich meinte?“ Dorns Stimme schien zu vibrieren.

„Wie konnte – das geschehen?“

„Es gibt nur die Erklärung, dass jemand einen Sprengsatz in die Erde gegraben und dann gezündet hat“, meldete sich Adrian Morle zu Wort. „Eine höchst geschmacklose und makabre Vorstellung, und doch …“

„Einen – Sprengsatz?“

„Ich hätte es lieber Ihrem Mann gezeigt“, sagte Dorn. „Aber Sie ließen sich ja nicht abhalten.“

„Welche Schritte werden Sie einleiten?“, fragte Kay bleich.

„Das wollte ich in kleiner Runde, der auch Ihr Mann angehören sollte, besprechen.“

„Einverstanden“, sagte sie.

Gegen Mittag traf Ben Marsten ein. Eine Stunde später wurde Jim Huxley, einer der städtischen Arbeiter, die Dorn unterstellt waren, angefordert. Huxley war von allen in Frage kommenden Personen noch am ehesten als verschwiegen bekannt. Er hob bis zum Nachmittag das Grab aus, das erst sieben Tage vorher zugeschüttet worden war.

Kay und Ben Marsten standen abseits. Sie hatten der Maßnahme zugestimmt, weil der Colonel vor einer Fahndung nach den Missetätern das ganze Ausmaß des Schadens protokolliert haben wollte. Er sicherte den Marstens jedoch vollste Diskretion zu.

Als Huxley den Sarg des kleinen Rod barg, war er äußerlich von einer dünnen, schleimigen Schicht überzogen, die wie Schneckensekret im Sonnenlicht schillerte und einen undefinierbaren, strengen Geruch ausströmte; ansonsten war er unversehrt.

Der Totengräber platzierte den Sarg auf der Spitze des Erdauswurfs, wischte sich die Hände an seiner Arbeitskleidung ab und fluchte. Sein Blick zu Dorn blieb ohne Konsequenzen. Der Reverend schien andere Sorgen zu haben, als das despektierliche Verhalten eines Arbeiters zu ahnden.

Ben Marsten spürte die innere Verhärtung seiner Frau und trat vor. „Es besteht kein Anlass, die Sache noch weiterzuführen. Lassen Sie es gut sein. Der Sarg ist unbeschädigt. Sie können ihn wieder beisetzen und das Grab schließen.“

Huxley sah zu Dorn. Dorn sah zum Colonel. Beide schüttelten den Kopf.

Adrian Morle sagte leise, aber bestimmt: „Öffnen Sie kurz. Sehen Sie nach, ob alles in Ordnung ist.“

„Was sollte nicht in Ordnung sein?“, schrie Kay Marsten und taumelte nach vorn. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt.

Ben trat seiner Frau in den Weg und hielt sie fest. „Ruhig, Liebes“, flüsterte er. „Sieh einfach nicht hin. Sie werden sich nicht abhalten lassen. Wir hätten nicht zustimmen dürfen. Es war ein Fehler, ihnen zu vertrauen …“

„Tun Sie, was er sagt“, unterstrich Dorn die Worte des Colonels.

Huxley zuckte die Schultern und beugte sich nach vorn. Als er die Hände ausstreckte, zögerte er noch einmal in Erinnerung an den beißenden Gestank, der von dem Schleim unbekannter Herkunft ausging. Zum ersten Mal bereute er, dass er immer ohne Handschuhe arbeitete. Nun hätte er gerne eine Ausnahme gemacht, aber dazu war es zu spät.

Dorn und der Colonel drängten.

Huxley ließ die beiden Messingverschlüsse aufschnappen. Er empfand wenig, während er dies tat. So viele Tote, wie er schon gesehen – sogar gewaschen und anderweitig vorbereitet – hatte, bildete er sich ein, dass ihn nichts mehr erschüttern konnte. Auch nicht die Leiche eines Kindes von wenigen Stunden.

Der Deckel klemmte. Er musste richtig zupacken und alle Kraft aufwenden, um ihn zu lockern. Die dünne Schleimschicht, die alles bedeckte, prickelte auf seiner Haut. Huxley lachte laut auf. Alle im Umkreis starrten ihn bestürzt an. Huxley hob den Kopf und lachte sie direkt an. Im selben Moment gab der Deckel nach und kippte zur Seite. Huxley landete auf dem Hosenboden – und schüttete sich schier aus vor Lachen.

„Hören Sie auf!“, rief Dorn.

Er und Adrian. Morle gingen auf den offenen Sarg zu.

Ben Marsten nahm seine Frau in den Arm und drehte sie weg. Sie schauten beide in die entgegengesetzte Richtung. Ben streichelte Kays Nacken und sprach beruhigend auf sie ein. Sie verkrampfte sich aber immer mehr, weil Huxley nicht aufhören wollte zu lachen.

Sie registrierten, dass der Reverend und der Colonel mitten in ihrer Unterhaltung stockten.

Dorn rief: „Gütiger Himmel!“

Der Ausruf wurde von einem erstickten Laut begleitet, der von Morle stammen musste. Als der Reverend „Kommen Sie her, Marsten, schnell!“, rief, zögerte Ben Marsten. Seine Beine schienen plötzlich zentnerschwer, und am liebsten hätte er sich in den Armen seiner Frau vergraben.

„Machen Sie schon!“, stöhnte Morle. Ben Marsten gehorchte widerwillig.

Er ahnte mehr, als es zu sehen, dass Kay ihm langsam folgte.

Der Säugling im offenen Sarg lag seit einer Woche unter der kühlen Erde des „Heiden-Ecks“. In diesen sieben Tagen hätte er sich zu etwas verändern müssen, das nur noch wenig mit einem Neugeborenen gemeinsam hatte. Und so war es auch. Nur war es nicht die erwartete Veränderung, mit der die Betrachter konfrontiert wurden.

Roderick Marsten sah aus wie eine aus Ebenholz geschnitzte Puppe. Kohlrabenschwarz hatte sich seine Haut verfärbt und ließ das Baby wie seine eigene Negativaufnahme erscheinen.

Während Dorn und Morle noch unschlüssig dastanden, fühlte sich Ben Marsten vom unwiderstehlichen Bedürfnis erfüllt, seinen nackten, toten Sohn zu berühren. Niemand hielt ihn auf. Es schien, als wären die anderen froh darüber, es nicht selbst tun zu müssen.

Rods Körper war knochenhart. Als Ben ihn antippte, rutschte er wie eine hohle Hülle über die Innenfläche des mit Samt ausgeschlagenen Sarges.

Bens Hand zuckte zurück wie verbrannt.

Verbrannt!, irrlichterte es durch sein Hirn. Als wäre Rod verbrannt.

Hinweise auf die vermutete Sprengsatzexplosion hatte Huxley während der gesamten Ausgrabungsarbeit nicht gefunden. Nur loses Erdreich, als hätte rings um den Sarg als Kern eine ungeheure Verpuffung stattgefunden, die nicht mit Hitze einhergegangen war. Hitze schien nur bei Rods Leichnam selbst im Spiel gewesen zu sein – allerdings absolut auf diesen beschränkt. Nicht einmal der Samtbezug hatte etwas abbekommen. So als wäre das Kind vorher herausgenommen und später wieder hineingelegt worden …

„Ich habe so etwas noch nie gesehen!“, krächzte Huxley rau. Er war neben Marsten in die Hocke gegangen und schüttelte unentwegt den Kopf. „Woran ist der Junge gestorben?“

Niemand ging auf die Frage ein.

„Schließen Sie den Sarg!“, bestimmte Dorn unvermittelt.

Ben Marsten richtete sich auf. Alle Blicke hefteten sich auf den Reverend. Kay Marsten trat von hinten an ihren Mann heran und starrte mit offenem, zum lautlosen Schrei geöffnetem Mund auf das tote Wesen, das kaum noch etwas mit dem Kind zu tun hatte, das sie geboren hatte.

„Die Finger“, hauchte sie.

Bestürzt folgte Ben ihrem Hinweis.

Rods Fingernägel hatten sich dem „Umkehreffekt“ ebenfalls angeschlossen. Neun waren jetzt weiß, nur noch einer schwarz. Und die Strukturen sahen jetzt Totenschädeln noch ähnlicher.

„Tun Sie, was er sagt!“, fauchte Ben Marsten aggressiver als gewollt.

Sein Blick traf Huxley wie ein Stromstoß. Der Angestellte der Friedhofsverwaltung setzte sich stockend in Bewegung, klaubte den Deckel vom Boden und schob ihn vor den unglaublichen Anblick.

Nicht einmal Adrian Morle hinderte ihn.

In der Folge geschah Seltsames: Mit vereinten Kräften gingen die fünf Versammelten daran, das Grab wieder so herzurichten, als sei nie etwas Unerklärliches geschehen. In stummer Übereinkunft trennten sie sich nach getaner Arbeit. Jeder schien zu dem Schluss gekommen zu sein, dass bloßes Totschweigen genügen könnte, den gespenstischen Akt ungeschehen zu machen.

Tief im Herzen glaubte jedoch niemand daran, dass damit alles zu Ende sein könnte.

Irgendetwas sickerte mit der Zeit beider Bevölkerung durch, ohne dass Genaues bekannt wurde. Über das „Heiden-Eck“ und speziell Roderick Marstens Grab häuften sich die Gerüchte, sodass der Platz noch mehr zum „verrufenen Ort“ erhoben wurde. Kaum ein Besucher fand noch den Weg dorthin. Wucherndes Grün eroberte sich die Wege und Beete. Auch Ben und Kay Marsten besuchten das Grab des Wesens, in dem sie ihren Sohn nicht wiedererkannt hatten, niemals wieder.

Für lange Zeiten war es, als hätte es einen Drilling von Blut und Abstammung der Marstens nie gegeben …

 

 

5. Kapitel

 

 

Gegenwart

 

„Damals“, schloss Ben Marsten seine Schilderung, „wurden meine Haare über Nacht weiß, so sehr nahmen mich die Vorkommnisse mit …“

Jonathan sah seinen Vater an. Seine Miene verriet, dass er Schwierigkeiten hatte, das Gehörte zu akzeptieren.

„Lebt dieser … Dorn noch? Ich kenne ihn nicht. Morle ja, aber Dorn …“

Ben Marsten schüttelte den Kopf. „Der Reverend starb kurz nach diesen Ereignissen. Und der Morle, den du kennst, ist der Sohn jenes ‚Colonels‘, der damals mit von der Partie war. Sein Vater kam bei einem Einbruch in sein Haus ums Leben.“

„Jemand brach beim Sheriff ein?“

Ben Marsten nickte. „Jeder fand es damals merkwürdig, aber –“, er zuckte die Schultern, „– es passierte eben.“

Jonathan musterte ihn scheu. Das Licht in seinen Augen verriet die aberwitzige Idee, die dort gerade geboren und auch sofort ausgesprochen wurde. „Glaubst du etwa – glaubst du, Bills Tod und Rods Tod … seien einander ähnlich?“

Er erwartete, dass sein Vater heftig verneinen würde. Er hoffte es. Aber Ben Marsten schien entschlossen, die Karten auf den Tisch zu legen. Ausnahmslos!

„Wir – ich weiß, dass deine Mutter ähnlich denkt, auch wenn sie momentan nicht in der Lage ist, sich um dich zu kümmern – fürchten beide, dass es eine Verbindung geben könnte.“

„Dann“, sagte Jonathan gepresst, „könnte die Krankheit auch in – mir stecken.“

„Wir wissen nicht, ob es eine Krankheit ist.“

Jonathan schloss kurz die Augen und massierte sich mit den Fingerspitzen über die Schläfen. In diesen Sekunden wirkte er wesentlich älter als siebzehn.

„Was meinte Doc Dylan vorhin, als er sagte, du müsstest mit Mum sprechen?“

Ben Marsten nickte, als hätte er nur auf diese Frage gewartet.

„Er war damals der Einzige, der nicht der Sargöffnung beiwohnte und doch von mir eingeweiht wurde. Es kostete uns alle Überzeugungskraft, ihn davon abzuhalten, sich Rods Leichnam mit eigenen Augen anzusehen und ihn zu untersuchen.“ Er sog die Luft ein. „Nach dem, was Bill passiert ist, scheint er sich nicht noch einmal davon abbringen lassen zu wollen.“

„Wovon?“

„Ihn zu untersuchen. Er möchte, dass wir einer Obduktion zustimmen …“ Jonathans Augen weiteten sich kaum merklich. Das Wort versetzte ihm einen Stich.

Der Spiegel zerbricht für immer …

„Werdet ihr …?“ Der beiläufige Klang seiner Stimme täuschte seinen Vater nicht.

„Ich weiß es nicht. Letztlich –“, wieder atmete er tief ein und aus, „geht es um dich. Vielleicht habt ihr wirklich eine … Krankheit. Niemand vermag es zu sagen. Eine Autopsie könnte Gewissheit bringen.“

„Sie würden ihn aufschneiden wie die Metzger ein Stück Vieh?“

An dem Entsetzen im Antlitz seines Vaters erkannte Jonathan, dass er zu weit gegangen war. Er schüttelte den Kopf, und zum ersten Mal rann eine Träne über seine Haut. „Entschuldige …“

Ben Marsten machte ihm keine Vorhaltungen. Vielleicht hatte er es sich viel schwerer vorgestellt, die Sachlage zu erklären.

„Ich muss jetzt nach deiner Mutter sehen“, sagte er. „Kann ich dich allein lassen?“

Allein. Tausend Scherben. Warum tut es nicht weh? Warum …?

Jonathan nickte. „Geh nur.“

Als sein Vater den Raum verlassen hatte, wartete Jonathan noch minutenlang, ehe auch er aufstand und auf den Korridor trat. Aus dem Zimmer seiner Eltern klangen leise Stimmen. Das übrige Haus war erschreckend still. Schrittweise arbeitete er sich zu Bills Zimmer vor. Die Tür stand offen. Der Platz auf dem Bett war leer. Man hatte seinen Bruder bereits weggebracht.

Jonathan blieb auf der Schwelle stehen. Etwas Unsichtbares verhinderte, dass er hineinging. Schließlich zog er sich in sein eigenes Zimmer zurück und setzte sich ans offene Fenster, das in den rückwärtigen Garten wies. Wo das Baumhaus stand, das er mit Bill vor zwei Jahren gebaut hatte. Wo die Markierungen für ihre Baseball-Übungen steckten. Wo Bill von Sam Fowlers streunendem Hund gebissen worden war – wie lange war das her?

Eine dunkle Wolke schien sich vor die Sonne zu schieben und eine Kälte mitzubringen, die Jonathan bis ins Mark streifte. Aber als er aufsah, war der Himmel wolkenlos und azurblau. Es war einer jener Tage, die er immer geliebt hatte, weil man sich fühlen durfte, als wäre die ganze Chose nur für einen selbst geschaffen worden.

Diesmal war alles anders.

Bill war gestorben, und Jonathan, der „letzte Überlebende“, hatte eine ganz erbärmliche Angst, dass er der nächste sein würde, den es traf.

Heute, morgen oder in siebzehn Jahren …

 

 

6. Kapitel

 

Alle Rituale, die sich über Jahre hinweg eingebürgert hatten, wurden von Bills unerklärlichem Tod über den Haufen geworfen. Niemand im Haushalt der Marstens dachte an ein Abendessen. Niemand kümmerte sich um das Geschirr vom Mittag. Jonathans Eltern irrten wie Gespenster durch die Räume, und er selbst verhielt sich vermutlich keinen Deut anders.

Einmal hatte Doc Dylan angerufen, wie Jonathan mitbekommen hatte. Den abgehackten Antworten seines Vaters hatte er entnehmen können, dass Bill sich bereits im städtischen Krankenhaus befand, vor morgen aber nicht untersucht werden würde. Erst über diesen Umweg erfuhr Jonathan, dass seine Eltern der Obduktion offensichtlich zugestimmt hatten. Das beunruhigte und erleichterte ihn zugleich. Stundenlang hatte er zuvor am Fenster gesessen und vor sich hin gestarrt, während seine Gedanken sich vorzustellen versuchten, was mit Bill passiert war. Was jetzt mit ihm passierte.

Bill war so alt wie er, sah so aus wie er und manchmal – nicht immer – hatte er sogar ähnlich wie er gedacht. Die Frage, was gerade mit Bills Seele geschah, beschäftigte Jonathan am meisten. Er glaubte an eine unsterbliche Seele – na ja, er hoffte, dass es sich so verhielt. Seine Bücherregale bogen sich, anders als bei seinem Dad, unter der Last zahlloser Bücher, die er auf Trödelmärkten und in Antiquariaten zusammengesucht hatte. Bücher über Okkultes, Paranormales, Esoterik und Religionen der unterschiedlichsten Völker. Womit sich über Jahrtausende hinweg die Schamanen, die Alten und Weisen abgegeben hatten, übte eine unglaubliche Faszination auf Jonathan aus. Aber nichts wurde von der Faszination übertroffen, die der Tod ausübte. Er war das letzte wirkliche Rätsel. Die Einbahnstraße, die noch niemand entgegengesetzt zurückgelegt hatte. Die Tür, hinter der alles endete – oder alles begann …

Ein paar Mal hatte Jonathan einen Anlauf genommen, Bills Zimmer aufzusuchen. Als er es gegen Abend endlich schaffte, kam er sich vor wie ein Dieb, der sich irgendwo eingeschlichen hatte. Jeden Moment erwartete er, dass die Tür, die er leise hinter sich ins Schloss gedrückt hatte, aufgehen und sein Vater ihm eine geharnischte Predigt halten würde.

Aber auch diese Angst verging, weil sich andere Ängste als stärker erwiesen. Auf dem Bett konnte er noch den Abdruck von Bills Körper in der Zudecke erkennen. Er versuchte nicht hinzusehen. Wenn er hinsah, glaubte er seine Mutter dort sitzen sehen zu können, und eine unbeschreibliche Traurigkeit übermannte ihn.

Bills Schreibtisch war etwas aufgeräumter als sein eigener. Bills größtes Hobby war Baseball gewesen. Er hatte es bis in die High-School-Mannschaft geschafft und etliche Trophäen eingeheimst, die seine Regale schmückten. Manchmal war Jonathan sich neben ihm wie ein Versager vorgekommen. Bill hatte es ihn nie spüren lassen, was man von seinem Vater nicht immer behaupten konnte …

Jonathan wischte die nutzlosen Gedanken mit einer harschen Bewegung beiseite, ließ sich in den Stuhl vor dem Tisch fallen und drehte sich ein paar Mal heftig im Kreis, bis ihm ganz elend wurde. Als sich die Einrichtung optisch übereinander schob, hörte er auf und lauschte dem Blut, das in seinen Ohren pochte.

Die Erkenntnis kam so plötzlich, als hätte sie ihm jemand eingeflüstert.

„Das Buch“, murmelte Jonathan. „Natürlich …“

Warum war er nicht gleich darauf gekommen? Bill hatte ein Tagebuch geführt – obwohl das eigentlich gar nicht zu ihm gepasst hatte. Einen solchen Wesenszug hätte Jonathan eher bei sich selbst gesucht. Er war der Romantiker, der außer scheuen Küssen noch keine weitergehenden Zärtlichkeiten mit Sue ausgetauscht hatte, obwohl sie schon zwei Monate eng miteinander befreundet waren. Anfangs hatte er sogar befürchtet, Sue hätte eigentlich ein Auge auf Bill, den großen Sportsmann, geworfen und wollte über Umwege an ihn herankommen. Mittlerweile hatte sie bei ihm diese Sorge mit viel Geduld entkräftet, und jetzt, da Bill tot war, kam sich Jonathan deswegen richtig läppisch vor.

Obwohl er das Tagebuch nur halbherzig suchte, fand er es beim ersten Griff in die Schublade. Es handelte sich um ein simples, am Bund geleimtes, kariertes Heft mit verstärktem Deckblatt und einer Rückseite aus Pappe. Auf den Umschlag war allerlei gekritzelt. Namen berühmter Baseballspieler, verschiedene Mädchennamen, und die Zahl Neun, für die Bill eine Vorliebe gehabt zu haben schien, wiederholte sich ständig.

Neun Leben hat die Katz’ …

Was war das? Hatte sein Vater davon gesprochen?

Jonathan erinnerte sich nicht mehr genau. Er blätterte das Heft von hinten nach vorn, wie er auch Illustrierte zu überfliegen pflegte. Nach etlichen leeren Blättern blieb er an der letzten Eintragung hängen. Sie war von vorgestern datiert und denkbar knapp gehalten.

Werde heute Mrs. H. aufsuchen. Ich habe es lange genug aufgeschoben. Nur sie kann mir die Antwort geben.

Das war alles.

Die Eintragung wieder ein paar Tage davor (Bill hatte nicht jeden Tag, sondern manchmal wochenlang gar nichts in das Buch geschrieben) drehte sich um ein zurückliegendes Spiel, das Bill mit seiner Mannschaft unglücklich verloren hatte.

Jonathan las die letzte Eintragung noch mehrere Male, konnte aber nichts damit anfangen. Er blätterte noch ein wenig, verlor aber bald das Interesse und legte das Buch auf den Tisch zurück.

Er fragte sich, ob Bill sich in der umgekehrten Situation ähnlich verhalten hätte, fand aber keine befriedigende Antwort.

Plötzlich wurde das Gefühl, in diesem Raum nicht erwünscht zu sein, wieder so zwingend, dass er aufstehen und hinausgehen musste.

Als es nicht besser wurde, verließ er das Haus und schlenderte um den Block, wo ihm merkwürdigerweise keiner der Freunde, die eigentlich immer hier herumlungerten, begegnete.

Der Gedanke, dass sie ihm vielleicht auswichen, verletzte ihn, obwohl er keinen Beweis dafür hatte.

Mit Einbruch der Dunkelheit kehrte er in das trostlos gewordene Haus zurück. Um Gesprächen aus dem Weg zu gehen, sagte er seinen Eltern, er wolle früh schlafen gehen. Tatsächlich legte er sich ins Bett, aber an Schlaf war die ersten Stunden nicht zu denken. Er war nicht müde, nur völlig leer im Kopf. Bis Mitternacht hörte er seinen Vater ab und zu über den Korridor gehen und vor Bills Tür stehen bleiben. Soweit Jonathan es mitbekam, betrat er es nie.

Von seiner Mutter hörte er nur einmal die Stimme, als sie leise nach ihrem Mann rief.

Als Jonathan endlich einschlief, ahnte er nicht, dass diese Nacht den bislang schlimmsten Albtraum seines Lebens für ihn bereithielt.

 

 

7. Kapitel

 

Der alte Mann hob den Kopf.

Siebzehn Jahre hatte er ohne erkennbare Regung, ein idiotisches Lächeln auf den Lippen, dagesessen oder gelegen. Nun war mit einem Schlag alles anders.

„Ey, Mokassin …“

Sie nannten ihn Mokassin, weil er manchmal an seinen Schuhen kaute, als handele es sich um eine Delikatesse ganz eigener Art.

„Was is’ los mit dir? Schlecht geträumt? Wusste gar nich’, dass du überhaupt träumen kannst …“

Sandalen klapperten über den Boden. „Siehst gar nicht gut aus. Wir werden die Dosis erhöhen müssen … Ich seh’ mal nach, ob ich Akroyd finde. Du bleibst hier, klaro?“

Die Gestalt entfernte sich wieder. Die Tür blieb offen. Vom Flur aus fiel ein Lichtrechteck ins Zimmer und entlarvte das Grinsen im Gesicht des Alten als teuflische Grimasse.

Er wartete die Rückkehr nicht ab, sondern schwang sich über die Bettkante. Einen Moment hielt er schwankend wie ein Schilfrohr inne, dann marschierte er schnurgerade aus dem Zimmer.

Gegenüber lag das erleuchtete Stationszimmer.

Als der Pfleger Minuten später zurückkehrte, lag der Alte wieder in seinem Bett, als könnte er kein Wässerchen trüben.

„Bravo, Mokassin. Siehste, wir beide kommen ganz prima miteinander aus. Konnte den Doc nich’ finden. Machen wir beide so, als wär’ nichts gewesen, obwohl – siehst wirklich nich’ gut aus. Was haste denn heute für große Augen?“

„Damit ich dich besser sehen kann“, sagte der Alte rasselnd.

Der Pfleger erstarrte. „Jetzt haut’s mich um. Mokassin, altes Haus, seit wann kannste denn wieder reden …?“

Der Alte schwieg, aber seine Augen glühten wie rote Monde.

„Was’n mit deinen Händen? Halt sie still, sonst muss ich das Jäckchen holen … Ey, still halten, sag’ ich!“

Er beugte sich vor, um die Arme des alten Mannes festzuhalten. Sofort erschlaffte die Muskulatur.

„Okay, krieg dich wieder ein. Ich wird’ doch besser nach Akroyd suchen …“

Der Pfleger ließ los und wandte sich ab. Im selben Moment zog der alte Mann etwas Blitzendes unter der Decke vor und stieß von hinten zu. Das Lächeln um seinen Mund, vor siebzehn Jahren begonnen, änderte sich dabei nicht.

 

 

8. Kapitel

 

Du schreitest über braune Erde. Über dir spannt sich ein Himmel ohne Sonne, ohne Gestirne. Du weißt nicht, ob es Tag ist oder Nacht. Das Haus ist dein Ziel. Das Haus auf dem Hügel.

Steine säumen deinen Weg. Du stolperst über einen, und als er sich dreht, vollführen alle anderen Steine mit ihm eine Wendung um hundertachtzig Grad, und du siehst die Gesichter. Gleichzeitig bricht rings um dich der Boden auf. Hände zucken empor, versuchen nach dir zu greifen, dich festzuhalten – dich AUFZUHALTEN.

Du durchschreitest sie wie ein Geist. Arme recken sich hinter dir auf, geballte Kinderfäuste, die dich verfluchen.

Unaufhaltsam näherst du dich dem Haus. Die Gesichter in den Steinen sehen oftmals gleich aus. Qualvoll verloren ist der Ausdruck darin. Münder klaffen auseinander und schließen sich, ohne dass ein Laut an deine Ohren dringt.

Steine sind stumm.

Der Anblick rührt dich. Aber du bleibst nicht stehen. Das HAUS ist das Ziel. Es spielt mit dir. Manchmal rückt es näher, manchmal entfernt es sich mit einem gewaltigen Satz, als würde der Sand unter deinen Füßen wegrutschen und dich mit sich tragen.

Staubige Gezeiten auf dem Grund eines ausgetrockneten Ozeans. Dies ist nicht die Erde. Oder ist es die Erde, wie sie in Jahrmillionen sein wird? Öde, trostlos, bevölkert von Kindern, die nie über sie wandelten … Nein, bleib nicht stehen! Du bist nicht verrückt! Du musst weitergehen, das HAUS erreichen!

Das Licht? Lass dich nicht blenden von diesem Licht, das plötzlich alles durchdringt, das aus Fenster- und Türöffnungen kriecht, in Himmel und Erde sticht, alles erdolcht, alles verschlingt … Geh weiter! Geh! Es wartet auf dich. Es …

 

 

9. Kapitel

 

„… ist schon fast zehn. Wir wollten dich ausschlafen lassen. Aber eine Sue hat gerade angerufen …“

Jonathan wand sich aus den Ketten des Schlafes wie aus den Tentakeln eines Ungeheuers, das ihn in die Untiefen eines Meeres entführen wollte.

Eines ausgetrockneten Ozeans?

Er blickte ins unrasierte Gesicht seines Vaters.

„Ich habe mir freigenommen“, sagte Ben Marsten. „Gut, dass ihr Ferien habt.“

Jonathan versuchte die erste Bemerkung seines Vaters zu rekapitulieren. Sue hatte angerufen …

Die nicht eingehaltene Verabredung fiel ihm ein. Über den Ereignissen war sie völlig in den Hintergrund gerückt, und auch jetzt formte sich ein Knoten bei dem. Gedanken daran, dass Sue Erklärungen von ihm verlangen könnte. Nicht wegen des verpatzten Treffens, sondern wegen dem, was Bill zugestoßen war.

„Was hast du – gesagt?“, formulierte er vorsichtig, aber die Frage dahinter lautete: Weiß sie Bescheid?

„Zu dieser Sue? Nichts.“

Jonathan sank in die Kissen zurück. „Wie geht es … Mum?“

Ben Marsten zuckte die Achseln. „Sie sitzt unten im Wohnzimmer. Neben dem Telefon.“

„Neben dem Telefon?“

„Der Doc wollte anrufen, sobald er das Ergebnis hat.“

Jonathan schlug bleich die Decke zurück, blieb kurz auf dem Rand des Bettes sitzen und stand dann auf. An seinem Vater vorbei lief er aus dem Zimmer ins Bad.

Ben Marsten folgte ihm.

„Hast du Zeit?“, fragte er durch die geschlossene Tür.

„Wofür?“ Jonathan stand vor dem Spiegel und drehte den Wasserhahn auf.

„Es gibt einiges zu erledigen …“

Jonathan wusste, was er meinte. Er ahnte das Unausgesprochene, ohne auf seine Intuition stolz zu sein. Es war nicht schwer zu erraten, dass sein Vater vorhin die Obduktion gemeint hatte und nun von den Bestattungsvorbereitungen sprach.

Plötzlich hätte er am liebsten losgeheult. Rotz und Wasser.

Aber noch immer blieb das Ventil verschlossen, das ihm wahrscheinlich Erleichterung verschafft hätte.

„Okay“, gab er zurück, in der Hoffnung, dass sein Vater ihn endlich in Ruhe lassen würde, und wenn auch nur für Minuten.

Tatsächlich entfernten sich die Schritte draußen auf dem Gang. Jonathan beugte sich vor und schöpfte Wasser mit beiden Händen, um es in sein Gesicht zu schütten. Anschließend hielt er Kopf und Nacken unter den Hahn.

Die Nervosität, die ihn seit dem Erwachen erfüllte, blieb. Schuld daran trug eindeutig der Traum. Dieses groteske, visionäre Erlebnis, dessen Bilder einfach nicht verschwinden wollten.

Die Gesichter in den Steinen …

Jedes hatte wie Bill ausgesehen – wie ein um viele Jahre jüngerer Bill. Bill als Kind …

Jonathan trocknete sich ab. Die gewohnten morgendlichen Handgriffe fielen ihm schwer wie noch nie. Seine Gedanken waren dort, wohin sie ihn in der Nacht entführt hatten. Unter einen Himmel ohne Sonne. Auf den Grund eines verdampften Ozeans. Zwischen lebende Steine und in ein unheimliches Haus …

Hier stockten seine Gedanken. Der Grund war simpel. Er kannte das Haus.

Kopfschüttelnd verließ er das Bad. Sein Dad rief von unten. Er tappte in sein Zimmer, schlüpfte in dieselbe Kleidung, die er gestern einfach irgendwo hatte fallen lassen.

In dem Moment, als er unten ankam und die frostige Atmosphäre in der Wohnstube in sich aufnahm, läutete das Telefon und löste eine kraftlose Pantomime seiner Eltern aus. Beide sahen sich an und schienen die Verantwortung auf den anderen abwälzen zu wollen.

Jonathan ergriff kurz entschlossen die Initiative. Noch vor ihnen hob er den Hörer ab. „Jonathan Marsten …“

„Dylan.“ Unschwer, die Aufregung aus der Stimme des Docs herauszuhören. Und die Ungeduld. „Ist dein Dad nicht da? Deine Mum …?“

Ebenso schnell wie er gekommen war, verließ ihn der Mut auch wieder. Jonathan winkte mit dem Hörer in Richtung seines Vaters. „Doc Dylan …“

Ben Marsten gab sich einen Ruck. Ehe er sprach, räusperte er sich übertrieben. „Ja?“

Die frühere Vitalität seiner Mimik war zu einem Trauerspiel geronnen. Aus seinen kurzen Kommentaren ließen sich keine Rückschlüsse auf das Ergebnis schließen. Erst als die Mundwinkel zu zittern und seine Ausrufe immer fassungsloser wurden, begriffen Jonathan und selbst seine abseits sitzende Mutter, dass etwas Unvorhersehbares eingetreten war.

Als Ben Marsten endlich auflegte, hingen aller Augen an seinen Lippen, aus denen das Blut gewichen war und nun in Zeitraffergeschwindigkeit zurückfloss.

„Die – Obduktion wurde im letzten Moment abgebrochen.“ Ben Marsten starrte hilflos auf seine Frau. Jonathan und seine Mutter warteten, dass er fort fuhr. Niemand stellte eine Frage.

Ben Marstens nächste Bemerkung löste dann einen unbeschreiblichen Tumult aus.

„Der Doc hat einen Fehler gemacht. Wir sollen sofort vorbeikommen. Bill ist nicht … Er ist nicht – tot …“

 

 

10. Kapitel

 

Du öffnest die Augen. Dies ist nicht dein Zimmer. Dies ist nicht der Ort, an dem du dich niedergelegt hast.

Du siehst dich um.

Licht streut durch die Jalousien. Du möchtest schreien.

Die Gestalt am Bett lächelt freundlich, misstrauisch. Die Spritze in ihrer Hand spuckt den dünnen Probestrahl zur Decke.

Du möchtest töten.

Du … tust es.

 

 

11. Kapitel

 

Das Hospital von Kezar Falls glich seit seiner Gründung vor mehr als dreißig Jahren einem Provisorium. Überall standen Gerüste, die an Bau- und Erweiterungsarbeiten erinnerten, aber nirgends sah man einen Arbeiter. Beim Näherkommen erkannte man, dass die Utensilien schon teilweise verrostet, von Schlingpflanzen umwunden und von Spinnennetzen statisch unterstützt wurden.

Der kleine Park, der für mobile Patienten und Besucher gedacht war, bot einen kaum gepflegteren Eindruck. Das wuchernde Grün hatte in der Bevölkerung längst seinen Spitznamen gefunden: „Dschungel“ nannten es die Einheimischen in einem Anflug von Galgenhumor. Für einen fest angestellten Gärtner schienen der Stadt, die das Hospital unterhielt, die Mittel zu fehlen, und mittlerweile war der „Dschungel“ schon fast ein Wahrzeichen geworden, das sogar bei anstehenden Bürgermeister- und Stadtratswahlen ins jeweilige Oppositions-Programm aufgenommen wurde – als eines von vielen Wahlversprechen, die einzuhalten von vornherein niemand beabsichtigte.

Gemessen an der Einwohnerzahl der kleinen Stadt (knappe 15.000) verlor der „Schandfleck“ jedoch an Bedeutung. Das Personal tat sein Bestes, und wie in jedem größeren Krankenhaus kam es auch hier hin und wieder zu zwar bedauerlichen, in der Summe jedoch ebenfalls kaum ins Gewicht fallenden „Kunstfehlern“.

Kezar Falls hatte mit seinem Hospital zu leben gelernt – wenn es sein musste, auch zu sterben.

Als die Familie in Ben Marstens knallrotem Mercury Cougar auf den Besucherparkplatz rollte, begann es aus heiterem Himmel zu regnen. Die Tropfen hinterließen einen schmierigen Film, der sich erst zu einem Problem ausweitete, als Ben Marsten den Scheibenwischer einschaltete, der nicht Herr darüber wurde. Auch die Waschanlage half nicht.

„Zum Glück sind wir schon da“, murmelte Jonathan. Es hatte lange nicht geregnet. Vermutlich schwemmten die Tropfen den gesammelten Schmutz der letzten Wochen aus den unteren Atmosphäre-Schichten.

Als sie ausstiegen, war der Spuk vorüber.

Ben Marsten wollte seinen Wagen unter die Lupe nehmen, aber Kay brachte in ihrer Situation keinerlei Verständnis dafür auf. Sie packte ihn am Arm und lenkte ihn auf den Eingang zu. Jonathan folgte mit kurzer Verzögerung. Sein Finger wischte über das Glas der Windschutzscheibe. Der Schleim roch beißend. Er führte ihn an die Nase, und plötzlich überkam ihn grundlos das Verlangen, laut zu lachen.

Die Euphorie währte gerade solange, bis er den Schleim an den Hosen abgewischt hatte und seinen Eltern nachhastete.

Sie hatten von dem Zwischenfall nichts bemerkt und stellten keine Fragen.

„Zu Doc Dylan?“, fragte eine verkniffene ältere Frau an der Pforte. „Moment, ich telefoniere …“

Kurz darauf fuhren sie im Aufzug in den dritten Stock des Hauses, Abteilung: Innere Medizin.

Jonathan, der sich bewusst im Hintergrund hielt, erkannte, dass es seine Eltern nicht so eilig hatten, wie man hätte annehmen können. Die Scheu vor dem Ungewissen war größer als die Freude über Dylans sensationelle Nachricht, die immer noch nicht ganz in ihr Begreifen gerückt war.

Ein junger Assistenzarzt in weißem Kittel nahm sie oben in Empfang, als die Liftflügel auseinanderglitten. „Sie müssen die Marstens sein“, sagte er in gekünstelter Lockerheit. „Mein Name ist Jim Earp.“

Ben Marsten übernahm das Nicken. „Wir wollen zu …“

„Ich weiß, ich weiß.“ Ein rosiger Stummel züngelte reptilienartig über Earps strichdünne Lippen und verriet die unterschwellige Nervosität. „Folgen Sie mir bitte. Der Doc kommt gleich. Er hatte – einen kleinen Unfall.“

„Einen Unfall?“ Ben Marsten hob die Brauen. „Wir haben gerade erst miteinander telefoniert …“

„Es passierte auch gerade erst …“

Earp führte sie in ein Büro, an dessen Tür mehrere Namen standen, unter anderem der von Doc Dylan. Offenbar teilten sich mehrere Ärzte den Raum zu unterschiedlichen Zeiten. Dylan war im Hospital nicht angestellt. Es schien jedoch ein Abkommen für Fälle aus seiner Praxis damit zu geben, die einen gründlichen Check oder einen operativen Eingriff voraussetzten.

Earp ließ sie allein in dem schattigen Raum. Kay und Jonathan setzten sich auf Stühle, Ben Marsten ging unruhig auf und ab.

„Er sagte kein Wort über Bill“, presste er hervor. „Kein Wort …“

„Wir haben ihn nicht danach gefragt“, sagte Kay leise. Ihr Blick hing an einem surrealistischen Bild an der Wand. Dali, dachte sie, aber sie war nicht sicher.

Als Dylan Minuten später erschien, war Verlegenheit das vorherrschende Gefühl, das sich auf seinem Gesicht spiegelte.

„Es tut mir leid, dass …“

„Wo ist Bill?“, fragte Ben Marsten. „Stimmt es wirklich, dass er lebt?“

Dylan begriff sofort, dass sie die veränderte Realität noch nicht ganz nachvollziehen konnten. Er nickte. Seine sonst so ruhigen Augen irrten unruhig von einer Person zur anderen und ließen kaum einen Gegenstand im Raum aus.

„Er befindet sich nur ein paar Türen von hier entfernt …“

„Dann lassen Sie uns zu ihm!“ Kay schraubte sich aus ihrem Sitz, als hingen Zentnergewichte an ihren Schultern. „Wie ist sein Zustand? Wie stehen seine Chancen?“

„Seine Chancen …“ Der Doc ließ sich von der entstehenden Hektik, die bereits hysterische Merkmale hatte, nicht anstecken, obwohl auch er angeschlagen wirkte. Er setzte sich in den Sessel hinter dem Schreibtisch und lehnte sich mit einem tiefen Seufzer zurück.

Ben und Kay Marsten rückten auf ihn zu; Jonathan blieb sitzen und beobachtete die Szene wie ein für ihn inszeniertes Drama. Er spürte längst, dass nichts so einfach war, wie es am Telefon geklungen hatte. Bill war nicht tot – so viel schien sicher. Aber was mit ihm war, schien nicht so einfach darzulegen zu sein.

„Medizinisch betrachtet“, setzte Dylan an, etwas zu erklären, wofür er offenkundig keine Erklärung hatte, „ist der Junge kerngesund. Wir haben noch nicht alle aktuellen Blutwerte, aber was das Herz-Kreislauf-System, Lungenfunktion und andere Dinge angeht, kann er es mit seinem Bruder aufnehmen, schätze ich mal …“ Er blickte zu Jonathan und harrte dort erstmals für längere Zeit an einem Punkt aus, bis es dem Jungen fast unangenehm wurde.

„Aber das ist doch …“

„… unglaublich?“ Dylans Blick wechselte zu Ben Marsten. Dann nickte er. „Das ist es.“ Er zögerte. „Aber es ist nicht alles.“

„Nicht alles.“ Kay Marsten setzte sich auf die Schreibtischkante und rutschte unruhig hin und her. Sie schien lange auf dieses Eingeständnis gewartet zu haben, und nun genügte es ihr nicht. „Was ist vorhin passiert, Doc?“

Sie beugte sich plötzlich vor und quetschte mit der Hand seinen rechten Oberarm. Dylan schrie schmerzerfüllt auf. „Woher wissen Sie …?“

„Ich sah gleich, dass sie sich anders bewegen als sonst.“ Kay Marsten wich dem vorwurfsvollen Blick ihres Mannes aus. „Dieser Earp erwähnte einen … Unfall.“

Dylan rieb sich vorsichtig die Stelle am Arm, wo sich jetzt ein Verband abzeichnete.

„Ich war bei Bill“, sagte er. „Wir haben ihn sofort hier oben stationiert, nachdem … Nun, wir fürchteten einen Schock, als er unten in der Pathologie erwachte. Aber es handelte sich um eine unbegründete Sorge, wie es schien. Er benahm sich so normal, dass es sofort unseren Verdacht hätte schüren müssen. Es war unser Fehler. Vorhin dann …“

„Vorhin?“ In Ben Marstens Gesicht zuckte plötzlich unkontrolliert ein Muskel.

„Ich wollte ihm gerade eine Spritze zur weiteren Stabilisierung geben, als …“

„Als?“ Das war Kay.

„Er riss mir die Spritze aus der Hand, holte blitzschnell aus und wollte …“

„… Sie töten …?“ Kays Stimme versagte.

Doc Dylan schüttelte den Kopf, aber es sah nicht aus, als wollte er ihre schlimmste Befürchtung damit wirklich zerstreuen.

„Nein.“

„Was dann?“, fragte Ben Marsten rau.

„Er wollte sich töten“, sagte der alte Arzt müde. „Ich konnte ihn gerade noch daran hindern …“

 

 

12. Kapitel

 

„Jon…!“

Sue Voight öffnete die Tür ganz, nachdem sie es zunächst bei einem winzigen Spalt belassen hatte. Begleitet wurde der Akt vom typischen Rasseln einer Kette.

„Komm rein. Meine Eltern sind nicht da …“

Jonathan glitt an ihr vorbei. Er hatte das Haus der Voights noch nicht betreten, solange seine Freundschaft mit Sue bestand. Normalerweise trafen sie sich an öffentlichen Plätzen. Jonathan besaß, gemeinsam mit Bill, ein kleines Auto, einen klapprigen Volkswagen, der jedoch meist in der Garage stand, weil irgendein Teil mal wieder streikte.

Jonathan hatte sich vom Bus in der Nähe absetzen lassen, nachdem er regelrecht aus dem Hospital geflohen war. Im Gegensatz zu seinen Eltern, die sich nach der unfassbaren Eröffnung von Dylan zu Bill hatten führen lassen, hatte sich Jonathan außerstande gesehen, seinem Bruder gegenüberzutreten.

Er hatte sich entschuldigt und war gegangen. Die Blicke seiner Eltern würde er so schnell nicht vergessen.

Aber war es wirklich so unnatürlich, dass er Zeit brauchte, um alles zu verkraften?

Er begleitete Sue in ihr Zimmer. Sie schien zu erwarten, dass er sich irgendwie dazu äußerte, wie sie lebte, aber dafür hatte er keine Nerven. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss rastete, nahm er das hübsche rothaarige Mädchen in den Arm. Als sie seine Verfassung begriff, wurde sie ganz weich. Sie führte ihn zum Bett und legte sich eng neben ihn. Dann streichelte sie sein Gesicht und fragte: „Ist es wegen Bill?“

Es hatte sich herumgesprochen, natürlich. Aber sie wusste noch nicht das Neueste, und Jonathan gab sich Mühe, das Geschehene so sachlich wie möglich darzulegen, obwohl ihm mehrmals die Stimme stockte.

Die Nachricht, dass Bill lebte, löste eine unbeschreibliche Erleichterung bei Sue aus, und Jonathan wünschte, er hätte ebenso gelöst reagieren können.

Er hatte Vertrauen zu ihr, deshalb erzählte er auch von seinem nächtlichen Albtraum und dem Haus, das er erkannt zu haben glaubte, aber nicht wusste, wer darin wohnte.

Sue konnte ihm auch nicht weiterhelfen. Sie hörte ihm jedoch aufmerksam zu, und als die Sprache auf Rod kam, meinte sie: „Du hast mir nie viel darüber erzählt.“

„Weil ich nicht viel wusste.“ Das holte er jetzt nach, indem er sie über das einweihte, was er von seinem Vater erfahren hatte.

„Das klingt wie eine schlecht gestrickte Gruselstory, entschuldige“, stöhnte Sue mittendrin auf. Wie sie ihn dabei betrachtete, missfiel Jonathan.

„Genauso fühle ich mich“, gestand er dennoch. „Wie in einer Horrorgeschichte. – Hast du Zeit?“

„Wofür?“

„Ich will mir etwas ansehen.“

„Was? Dieses Haus?“ In Sues Stimme schwang Betroffenheit mit. Sie schien es für eine fixe Idee von ihm zu halten.

Jonathan verriet seine Enttäuschung nicht. „Nein“, sagte er. „Kommst du mit?“

Zögernd willigte sie ein. „Ich hinterlasse nur einen Zettel, dass ich in die Stadt etwas bummeln bin …“

Zehn Minuten später brachen sie auf. Sue vergrub ihre Hand in Jonathans und machte aufmunternde Bemerkungen, obwohl sie selbst Ermutigung vertragen hätte. Wieder nahmen sie einen Bus und fuhren in den Westteil der Stadt. Als das Hinweisschild Harmon Hill auftauchte, wusste Sue Bescheid.

„Der Friedhof“, sagte sie. „Was hast du vor, Jon?“

„Nur etwas nachsehen.“ „Du machst mir Angst.“

„Hast du kein Vertrauen zu mir? Verstehst du nicht, dass ich es wissen muss?“

„Wissen? Was musst du wissen?“

Er blieb stehen. Mit einer fahrigen Geste strich er sich über die Augen. Er war plötzlich zu müde, um eine stichhaltige Antwort zu finden. Sue wich einen Schritt zurück und ließ seine Hand los.

„Jon, hör auf damit! Hör sofort auf damit!“

„Womit …?“

„Dich so seltsam zu benehmen! Ich …“

„Begleite mich! Bitte, Sue, komm’ mit mir. Ich schaffe es allein nicht. Aber ich muss dorthin. Etwas … zieht mich …“

Sue wandte sich kopfschüttelnd ab und rannte davon.

Jonathan wollte ihr folgen, aber seine Glieder waren wie abgestorben. Erst als er das Schild zum Friedhof betrachtete, löste sich der Bann. Sue war um die nächste Ecke verschwunden. Jonathan erkannte, dass er schon unterhalb der Friedhofsmauer angelangt war. Eine Gestalt in dunkler Robe und mit einem dunklen, breitkrempigen Hut, wie die Amish-People ihn trugen, trat aus einem knarrenden Tor. Jonathan sah den Priester, dessen Gesicht vollständig beschattet wurde, zum ersten Mal; er war kein großer Kirchgänger.

„Kummer, junger Freund?“ Es klang freundlich.

Jonathan schüttelte heftig den Kopf. Die Worte berührten ihn unangenehm. Er versuchte, einen Blick auf das Gesicht seines Gegenübers zu erhaschen, aber der Schatten wucherte regelrecht unter der Hutkrempe. „Ich …“

„Suchst du jemanden?“

Jonathan dachte: In seiner Gegenwart wird es keine Probleme geben. Er gehört hierher. Gleichzeitig wisperte eine andere Stimme: Auch Dorn gehörte hierher. Dorn war ein böser Mensch …

Er nickte zögerlich. Dann schilderte er dem Priester kurz, wonach er suchte.

„Das ‚Heiden-Eck‘?“ Die Stimme des Mannes konnte einen ironischen Unterton nicht unterdrücken. Aber gerade dieser Ton lockerte die Situation endgültig auf. „Ja, ich hörte davon. Ein Schandfleck meines Vorgängers, wenn du mich fragst. Aber lassen wir das. Die Kirche muss liberal sein, sonst ist sie nicht mehr zeitgemäß. Ich werde mir Gedanken machen, was ich in dieser Sache unternehme. Ich habe die Geschäfte hier“, er kicherte, „erst vor Kurzem übernommen. Wenn du willst, suchen wir gemeinsam nach diesem absonderlichen Ort …“

Etwas an der einschmeichelnden Art des Priesters steigerte Jonathans Unbehagen. Dennoch willigte er ein.

„Wie heißt du?“ „Jonathan Marsten.“

„Du kannst mich Barney nennen …“

Jonathan spürte ein merkwürdiges Brennen in der Brust. Er hatte noch nie erlebt, dass ein Priester so mit einem Gemeindemitglied sprach. Der neue Reverend schien mehr als unkonventionell an sein Amt heranzugehen. Vielleicht gehörte er zu jenen Vertretern seiner Generation, die alles anders anpacken wollten als ihre Vorgänger. Und unter den Talaren der Muff von tausend Jahren … Wer hatte das gesagt?

„Kennen Sie einen gewissen – Huxley?“, fragte Jonathan etwas mutiger, als sie den Friedhofspfad entlang auf die gegenüberliegende Grenze zumarschierten. Überall standen Schatten spendende, ausladende Bäume, die vor siebzehn Jahren sicherlich noch wesentlich unscheinbarer gewesen waren. Jedes Mal, wenn sie eine Schattenzone passierten und Jonathan verstohlene Blicke auf seinen Begleiter richtete, glaubte er zu sehen, dass sich der Bereich unter dem vorgezogenen Hut aufhellte – ausgerechnet im Schatten. Aber wenn er die Augen zusammenkniff, registrierte er nur kurz eine flüchtige Bewegung, als bestünde „Barneys“ Physiognomie aus pulsierenden Muskelsträngen.

Vielleicht hatte er eine Entstellung und trug deshalb den Hut.

Vielleicht war er gerade wegen dieser Entstellung Priester geworden. Vielleicht …!

„Nein. Huxley … Nein.“

„Er arbeitete hier als Totengräber.“ „Wann war das?“

„Vor siebzehn Jahren.“

Der junge Reverend lachte.

Schweigend setzten sie ihren Weg fort.

Jonathan grübelte über dieses und jenes, bis er sich bewusst machte, weshalb er wirklich hergekommen war.

Das Tor in der mannshohen Mauer, das den Friedhof von seinem Schandfleck trennte, war von Rost überzogen und mit einem massiven Vorhängeschloss versehen.

„Ich müsste ins Haus gehen und nach dem Schlüssel suchen“, sagte der Reverend. „Aber für Sportsfreunde wie uns dürfte das hier eigentlich kein Problem sein … Was meinst du?“

Barney stemmte sich kurz entschlossen mit dem Rücken gegen die Mauer und faltete die Hände wie einen Steigbügel ineinander. Wieder hielt er den Kopf gesenkt, aber Jonathan glaubte das wabernde Dunkel des Gesichts für einen Lidschlag lang aufreißen zu sehen. Ein sympathischer junger Mann Anfang Dreißig blinzelte ihm entgegen. Das Gesicht war großporig von nie verheilten Aknenarben. Die Augen hatten etwas Gewinnendes.

Jonathan trat auf den Reverend zu und hob das rechte Bein. Als er sich auf die Hände stellte, veränderten sie sich plötzlich und wurden zu züngelnden, daumendicken Schlangen, die sich wie Tentakel um seinen Knöchel schlangen. Jonathan hatte das Gefühl, in einen Brennnesselbusch getreten zu sein. Er wollte zurückweichen, aber er klebte förmlich fest, und ehe er richtig wusste, wie ihm geschah, begann „Barney“ auseinanderzufallen. Der dunkle Hut fiel ab wie eine Illusion, ebenso die Robe.

Nacktes Fleisch, entfernt mit den Konturen eines Menschen ausgestattet, entblößte sich vor den Augen des Jungen. Fleisch, das selbst eine Illusion war – eine Täuschung. Das wabernde Gewebe löste seinen Verbund auf und verwandelte sich in unzählige, wie fette, bleiche Maden aussehende Bestandteile, die, ehe sie wie ein Kartenhaus zusammenstürzten, einen letzten, grotesken Kraftakt vollführten und Jonathan wie ein lebendes Katapult über die Friedhofsmauer beförderten!

Mit einem fürchterlichen Aufschrei brach Jonathan durch das Gestrüpp auf der anderen Seite, das seinen unfreiwilligen Flug auffing und dabei Schlimmeres verhinderte. Dennoch glaubte er im ersten Moment, als er sich benommen aufrappelte, dass er sich alle Gräten gebrochen haben müsste.

Möglich, dass er sogar kurz das Bewusstsein verloren hatte.

Der brennende Schmerz an seinem Knöchel erinnerte ihn an das Albtraumwesen, in dessen Gewalt er geraten war. Eine Weile wusste er nicht, ob er nun endgültig den Verstand verloren oder alles wirklich erlebt hatte. Erst der Blick auf den bleichen Wurm, der wie ein Blutegel immer noch an seinem Knöchel klebte, zerstreute die Zweifel.

Jonathans Herz stockte, als er nach einem herumliegenden Ast griff und den „Wurm“ abzustreifen versuchte. Sofort strömte der grässliche, ziehende Schmerz das gesamte rechte Bein hoch bis in die Leisten.

Jonathan stöhnte auf und ließ den Ast fallen. Der nächste Versuch war von mehr Erfolg gekrönt. Mit der Schuhspitze „wischte“ er über den Wurm hinweg – kraftvoll trat er zu.

Ein noch größerer Schmerz als zuvor durchfuhr ihn bis unter die Schädeldecke. Dann fiel der bleiche Strang ins Gras und versuchte sich konvulsivisch zuckend ins Erdreich zu bohren. Jonathan verspürte das Verlangen, das Gebilde unter dem Absatz zu zermalmen. Aber er konnte sich nicht entschließen. Der Ekel war stärker.

An seinem Knöchel hatte sich ein Fleck gebildet, als wäre er mit einem glühenden Eisen in Berührung gekommen. Dann färbte er sich tiefschwarz, und Jonathan dachte schaudernd: Ich verfaule. Es frisst in mir …

Er schrie laut auf.

Von jenseits der Mauer kam böses Kichern. Und dann auch von diesseits.

„Du wolltest mich doch besuchen“, lockte die Stimme seines siebzehn Jahre toten Bruders aus dem Dickicht. „Wenn du es nicht bald getan hättest, hätte ich dich besucht – nachts, wenn wir Freigang haben. Hast du Barney getroffen? Barney ist ein Teil von mir. Er und seine Freunde haben meinen Leib zerfressen, haben sich satt und fett daran gelabt …“

Jonathan taumelte mit rudernden Armen rückwärts durch das Dickicht, bis ihm die Mauer den Weg verstellte. Rings um ihn knackte das Gehölz, als würde sich eine ganze Armee nähern.

Er spürte, wie sich seine Kehle verengte und er kaum noch ein Röcheln hervorbrachte. Er war sicher, sterben zu müssen und im Strudel dieses wahr gewordenen Albtraums unterzugehen.

„Bleibt!“, schrie er. „Bleibt, wo ihr seid!“

Sein Herz hämmerte bis zum Hals.

Wenig später teilte sich das Gestrüpp. Sue und ein Fremder bahnten sich den Weg zu ihm.

„Jon …!“

Jonathan starrte ihnen wild entgegen. Gleich werden sie die Maske fallen lassen, dachte er verkrampft. Gleich werden sie zu einem Heer von Maden werden und …

„Ist er das?“, fragte der Fremde, dessen Gesicht Jonathan seit vorhin kannte, als er einen Blick unter den Hut zu erhaschen glaubte. In seiner Brust bildete sich ein Klumpen.

Sue nickte. Sie war kreidebleich und rannte auf Jonathan zu, der abwehrend die Hände ausstreckte. Sue scherte sich nicht darum. Als sie ihm in die Arme fiel, gab es keinen Zweifel, dass sie nicht aus Maden und Würmern bestand. Sie fühlte sich an und roch wie Sue.

„Ich dachte nicht, dass es wahr wäre“, räumte der Mann mit dem unergründlichen Lächeln ein. „Niemanden drängt es sonst hierher … Deine kleine Freundin …“

„Wer sind Sie?“, fiel ihm Jonathan barsch ins Wort und löste sich von Sue.

„Sam Barnabas. Der neue Reverend … nun ja, seit etwa drei Wochen. Wenn du öfter die Kirchenbank drücken würdest, junger Freund, wüsstest du das …“

„Was ist passiert?“, fragte Sue. Sie sah an seiner verschrammten Kleidung herab. „Bist du über die alte Mauer geklettert?“

„Und du?“, wollte Jonathan, immer noch misstrauisch, wissen. „Wo kommst du her?“

Sie senkte die Augen. „Es war feige von mir … Ich wollte dich nicht im Stich lassen. Als ich umkehrte, traf ich den netten Reverend. Er kam gerade mit seinem Auto aus der Stadt. Er war dann so freundlich und …“

„Schon gut.“ Jonathan schnitt ihr das Wort ab. Den Rest konnte er sich denken. Er starrte an sich herab und suchte den Fleck am Knöchel – den Beweis, dass er keiner Halluzination zum Opfer gefallen war.

Das Mal war verschwunden. Selbst das Echo des Schmerzes hallte nicht mehr in ihm nach.

Großer Gott, dachte er. Was ist, wenn ich wirklich verrückt werde? Wenn ich mir alles nur eingebildet habe …

„Ich hörte, dein Bruder liegt hier“, sagte Sam Barnabas. Im Gegensatz zum „falschen“ Barney trug er keine Priesterrobe, sondern „Zivil“. Er war etwas größer als Jonathan, hatte dichtes blondes Haar und das offene Gesicht eines College-Abgängers. Jonathan schätzte ihn auf höchstens Dreißig.

Er nickte verschlossen. „Ich war noch nie hier. Ich wollte mir sein Grab ansehen …“

„Niemand kümmert sich um diesen Flecken …“ Der junge Reverend klang sogar wie sein Double. Er sah sich um. „Wenn ihr wollt, suchen wir gemeinsam danach.“

„Gern“, kam Sue jeder Ausflucht von Jonathans Seite zuvor. Sie legte seinen Arm stützend um ihren Nacken. „Komm, ich helfe dir. Du hast dir wehgetan …“

Jonathans Hand streifte ihren prallen Busen, den sie meist mit weiten T-Shirts kaschierte, als sei er ihr peinlich. Er errötete, und seltsamerweise fiel ihm gerade jetzt, hier auf diesem düsteren Friedhofsableger, ein, dass er mit Sue bislang nicht mehr als harmlose Zärtlichkeiten ausgetauscht hatte. Kein „Heavy Petting“, wie er es aus den Prahlereien Gleichaltriger kannte.

Sam Barnabas’ Stimme riss ihn aus den Gedanken. Er war ein Stück voraus gegangen.

„Hierher – schnell! Ich fürchte …“ Seine Stimme verstummte so abrupt, dass Jonathan dachte: Jetzt hat es ihn erwischt.

Aber es war anders.

Der junge Reverend stand vor einem Erdloch, das jemand vor Tagen oder erst Stunden fein säuberlich bis in große Tiefe ausgehoben hatte. Das steinerne Grabmal war so weit vom wuchernden Grün befreit worden, dass die verwitterte Schrift darunter zum Vorschein gekommen war.

Roderick Marsten …

Sam Barnabas drehte sich ihnen zu. „Ihr wollt mich nicht etwa mit diesem makabren Akt auf den Arm nehmen …?“

Ein Blick auf Jonathan und Sue schien ihm zu genügen, seinen Verdacht ins Reich der Fabel abgleiten zu lassen.

Mit verändertem Ton sagte er: „Wir müssen die Polizei benachrichtigen.“

Zwei Stunden später stand fest, dass Rods Grab nach siebzehn Jahren zum zweiten Mal geschändet worden war. Diesmal hatte der Vandale alles geraubt, was sich darin befunden hatte, einschließlich der Gebeine des toten Babys – oder was davon nach Jahren noch übrig war …

 

 

13. Kapitel

 

Als Jonathan heimkehrte, wussten seine Eltern bereits Bescheid. Man hatte sie telefonisch benachrichtigt, aber anderes schien ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.

Sie fragten Jonathan nicht, was er am Grab seines Bruders gesucht hatte. Sie empfingen ihn mit den Worten: „Bill ist oben.“

Jonathan, der Sue zu Hause abgesetzt hatte und dann mit dem Bus weitergefahren war, hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

„Es war seine eigene Entscheidung“, erklärte Ben Marsten.

Kay Marsten fügte hinzu: „Es ist für uns alle eine schwere Zeit …“

Sie führten Jonathan ins Wohnzimmer und setzten sich um den Esstisch.

„Du hast Vorbehalte gegen Bill aufgebaut“, sagte sein Vater im dozierenden Ton eines Anwalts vor den Schranken des Gerichts. „Das versteht niemand besser als wir, Jon. Aber wir dürfen es ihn nicht spüren lassen. Bill hat etwas ungleich Härteres durchgemacht. Niemand weiß, warum.

Doc Dylan fand die Ursache seines kurzen scheintoten Daseins ebenso wenig wie die Ärzte im Hospital. Man spekuliert nun über verborgene Epilepsie … Kein schöner Gedanke. Wir hoffen alle, dass es sich nicht bewahrheitet. Bill wird auch weiterhin untersucht. Der Doc kümmert sich um einen Termin in einer Spezialklinik, aber das kann dauern. Bis dahin … Wir dachten, die gewohnte Umgebung hilft seinem Genesungsprozess am meisten …“

Jonathan nickte, obwohl eine Gänsehaut über seinen Rücken kroch. „Warum …“, setzte er an.

„Warum was?“, fragte seine Mutter. „Warum wollte er sich – töten?“, fragte Jonathan.

Seine Eltern tauschten Blicke.

„Er war verwirrt“, sagte Ben Marsten schließlich. „Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Er erwachte und war allein. Als der Doc mit der Spritze auftauchte, drehte er durch …“

„Hat er das gesagt?“

Ben Marsten blickte fragend.

„Ihr habt doch mit ihm gesprochen.“

Sein Vater schüttelte langsam den Kopf. „Er spricht noch nicht. Er steht noch unter Schock …“

Warum ist er dann nicht im Krankenhaus geblieben?! hätte Jonathan am liebsten gebrüllt. Er konnte nicht sagen, warum, aber er schauderte bei dem Gedanken, seinem Bruder gegenüberzutreten, der tot gewesen war. Kalt, wenn auch nur für Stunden.

„Willst du ihm guten Tag sagen?“, stellte seine Mutter auch schon die unvermeidliche Frage.

Er schüttelte den Kopf.

„Später“, mischte sich Ben Marsten ein. „Es überstürzt sich alles. Erzähle uns erst einmal, was auf dem Friedhof los war. Du kannst es sicher besser als dieser … Polizist …“

Kay Marsten kniff die Lippen wie ein zahnloses altes Weib zusammen, während Jonathan von der Grabschändung und dem Diebstahl der Gebeine berichtete. So hatte er seine Mutter noch nie erlebt. Sie schien unter dem Druck der Ereignisse immer mehr in sich zusammenzufallen.

„Es fängt wieder an …“, murmelte sie zwischendurch. „Der Fluch hat uns eingeholt …“

Jonathan blickte zu seinem Vater, und der winkte ab, als wollte er sagen: Hör nicht hin. Nimm es nicht ernst. Das ist alles zu viel für sie.

Als er später stocksteif über den Korridor zu seinem Zimmer lief, musste er an Bills Zimmer vorbei.

Was er hörte, drohte ihm das Blut in den Adern erstarren zu lassen, und er ging rasch weiter.

 

 

14. Kapitel

 

Auch ohne Albträume fand Jonathan in der folgenden Nacht keinen Schlaf. Diesmal genügte das bloße Wissen, dass Bill nebenan lag. Sein Bruder Bill …

Im Mondlicht, das durch die offenen Jalousien des Fensters in Jonathans Zimmer schien, glitt sein Blick über die Utensilien seiner „Forschungen“. Die Bücher über Alchemie, über Todeserfahrungen von Menschen, die das Jenseits gestreift hatten und doch wieder ins Leben zurückgekehrt waren – wie Bill.

Bis zu diesem Ereignis war Jonathan vollkommen in solchen Geheimnissen aufgegangen. Nun nahmen fast allergische Reaktionen Besitz von ihm, wenn er nur daran dachte. Er kannte sich selbst kaum wieder.

Er versuchte zu rekapitulieren, was eigentlich passiert war. Aber schon die Wurzel des Mysteriösen zu lokalisieren, fiel ihm schwer. Schließlich entschied er sich dafür, den Beginn auf ihre Geburt festzulegen. Vor siebzehn Jahren. Rod, Bill und er … In einer Gewitternacht mit neun Donnerschlägen, aber ohne jeden Blitz, hatte eine Hebamme sie zur Welt gebracht. Rod war am Tag seiner Geburt gestorben. Seine Beisetzung im „Heiden-Eck“ hatte von Anfang an unter einem Unstern gestanden.

Der schwarz verfärbte Leichnam des Babys … Die unterirdische Explosion, die das Grab verwüstet hatte … Das alles klang nach einem bösen Ammenmärchen, und wenn Jonathan heute nicht selbst das Unglaubliche erlebt hätte, von dem er weniger denn je wusste, ob es im Reich seiner überschäumenden Phantasie anzusiedeln war, er hätte nichts davon geglaubt. So aber …

Siebzehn Jahre nach Rod war Bill gestorben – so hatte es zumindest ausgesehen. Bis Doc Dylan sein Urteil hatte revidieren müssen. Bill war nur scheintot gewesen und auf dem Obduktionstisch erwacht. Und parallel dazu war Rods Grab erneut geschändet worden …

Warum?

Was ging in Kezar Falls vor?

Was hatte er, Jonathan, zu befürchten?

Das Double des neuen Reverends – dieses Wesen aus Maden und Würmern, das ihn zum Heiden-Eck gelockt hatte … Wie konnte es seiner puren Einbildung entspringen, wenn er dem richtigen Sam ‚Barney‘ Barnabas noch nie zuvor in seinem Leben begegnet war …?

Er hätte gern geglaubt, alles nur geträumt zu haben. Aber sein Knöchel schmerzte wieder, und er wagte es nicht, Licht zu machen und zu prüfen, ob sich das Feuermal neu gebildet hatte …

Dumpfes Gemurmel lenkte seine Aufmerksamkeit ab.

Die Wände im Haus waren dünn. In diesem Augenblick hätte sich Jonathan meterdicke Festungsmauern gewünscht. Er glaubte, Bills ätherische Stimme aus dem Nachbarzimmer zu hören. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Der Schmerz am Knöchel wurde stärker, als würde die salzige Flüssigkeit in eine offene Wunde dringen …

Jonathan schaute auf seinen Wecker. Es war zwei Uhr morgens.

Er war früh zu Bett gegangen. Von seinen Eltern hatte er nicht mehr viel gehört. Er hielt es sogar für möglich, dass sie immer noch unten am Esstisch saßen, unbewegt und Löcher in die Luft starrten.

Jonathan versuchte sich abzulenken, indem er an Sues Brüste dachte. Aber das dumpfe Gemurmel ließ sich nicht ignorieren.

Schließlich stand er tatsächlich auf und schlich zur Tür. Der Gang war dunkel. Auch von der Treppe drang kein Licht herauf. Flüchtig fragte sich Jonathan, ob er überhaupt noch Herr seiner Entscheidungen war. Ob nicht längst etwas anderes ihn lenkte.

Barfuß trat er auf den Flur.

Das Haus selbst schien Laute abzusondern, die er noch nie wahrgenommen hatte. Sie vermischten sich zu einem Brei, der sich aus allen Richtungen heranwälzte.

Jonathan verharrte vor Bills Tür und presste das Ohr gegen das Türblatt.

„Mechtarz knnartzz monculs“, sagte Bill – so klar, als stünde er auf der entgegengesetzten Seite der Tür und wüsste genau, dass Jonathan davor lauschte.

Jonathan wandte sich ab und floh zurück in sein Zimmer.

Von da an ahnte er, ohne es aussprechen zu können, dass nicht Bill zurückgekehrt war …

 

 

15. Kapitel

 

„Bill hat nach dir gefragt.“

Der Satz seiner Mutter am Frühstückstisch traf Jonathan wie ein Schlag in die Magengrube. Sie sah Jonathan dabei an, als erwartete sie eine bestimmte Reaktion, und in diesem Moment war es ihm egal, ob er sie enttäuschte. Er nippte an seinem Fruchtsaft.

Als auch sein Vater das Messer beiseitelegte und ihn anstarrte, wusste er, dass er die scheinbar beiläufig eingestreute Bemerkung nicht länger ignorieren konnte.

„Wann?“, fragte er.

„Willst du gar nicht wissen, wie es ihm geht?“ Ben Marsten wirkte wie jemand, dessen Geduldsfaden überstrapaziert war.

„Wie geht es ihm?“

„Blendend.“ Kay Marsten versuchte zu vermitteln. „Wirklich blendend. Seine Depressionen scheinen abgeklungen. Er brennt darauf, etwas an die frische Luft zu kommen, und fragte, ob du ihn begleiten willst.“

„Mechtarz knnartzz monculs …“

„Bitte?“

Erst als sein Vater ihn irritiert anblickte, erkannte Jonathan, dass er laut gesprochen hatte.

„Nichts, ich …“

„Vielleicht gehst du gleich zu ihm hoch. Er ist wach“, sagte seine Mutter. „Ich habe wirklich das Gefühl, dass er darauf wartet …“

Jonathan schüttelte den Kopf. „Bitte!“

In ihrer Stimme lag so viel Wehmut, dass er nicht anders konnte, als nachzugeben. „Okay, aber nicht allein …“

Ben Marsten fuhr aus der Haut. „Himmel, stell dich nicht so an! Hab’ ich einen Feigling zum Sohn?“

Kay Marstens Zähne bohrten sich bestürzt in die Unterlippe.

Jonathan stand auf und verließ den Raum.

„Musste das sein?“, hörte er seine Mutter.

„So geht es doch nicht weiter“, rechtfertigte sich sein Vater. „Er behandelt Bill wie einen Aussätzigen.“

Jonathan war versucht, sich von Bills Harmlosigkeit überzeugen zu lassen. Doch als er die Treppe hinaufging, fiel ihm jede einzelne Stufe schwer, als gälte es, den Mount Everest zu erklimmen.

Die Tür zu Bills Zimmer stand offen.

„Komm rein“, rief sein Bruder.

Jonathan wusste nicht, was er erwartet hatte. Bill lag nicht im Bett, sondern saß vollständig angezogen am Schreibtisch und hob sein Tagebuch in die Luft, als wollte er es meistbietend versteigern.

„Du warst an meinen Sachen“, sagte er, und Jonathan suchte vergeblich den Vorwurf in seiner Stimme. Bill war immer ein Heißsporn gewesen. Seine Gelassenheit wirkte unnatürlicher als alles andere.

Ebenso unnatürlich wie sein blasser Teint.

Jonathan ging näher auf ihn zu. Er erinnerte sich, das Tagebuch am Abend, als er Bill noch für tot gehalten hatte, durchgeblättert zu haben. Leugnen war zwecklos. Gleichzeitig fiel ihm nicht ein, wie er seinem Bruder hätte klarmachen sollen, welche Gefühle ihn bewegt hatten. Er wäre sich lächerlich vorgekommen, wenn er sich jetzt in Metaphern wie Trauer und Verzweiflung geflüchtet hätte. Zumindest Letzteres entsprach auch nicht der Wahrheit. Er wusste nicht mehr genau, was ihn bewegt hatte, aber Verzweiflung war nicht darunter gewesen. Im Grunde hatte er sich im Stich gelassen gefühlt.

„Hast du gefunden, was du gesucht hast?“

„Ich habe nichts gesucht.“

„Mach die Tür zu.“

„Warum?“

„Es zieht. Willst du, dass ich mir den Tod hole?“, Bill lachte hohl.

„Die Tür stand die ganze Zeit offen.“

„Widersprich mir nicht“, sagte Bill aggressiv. Er näherte sich seiner alten Form.

Jonathan schwieg.

Als die Stille länger als eine Minute anhielt, Jonathan aufstand und das Zimmer verlassen wollte, lenkte Bill ein.

„Nimm dir einen Stuhl. Setz dich zu mir. Du willst doch sicher wissen, wie es war. Du warst schon immer so ein Freak. – Hier –“, er warf Jonathan das Heft zu, „– schenk ich dir …“

Jonathan fing das Tagebuch auf und setzte sich in respektvoller Distanz an den Tisch. „Du brauchst mir nichts zu erzählen.“

„Gar nicht neugierig?“

„Ich dachte, du könntest dich an nichts erinnern. Mum und Dad sagen …“

„Mum und Dad“, äffte Bill nach. „Immer noch dasselbe Muttersöhnchen wie vor meinem Ausflug … Oh, wenn du wüsstest. – Heh, was machst du da?“

Jonathan hatte begonnen, mit einem herumliegenden Bleistift auf den Heftumschlag zu kritzeln. Als Bill ihm das Heft abnehmen wollte, riss er es kopfschüttelnd an sich. Fast zu spät war ihm selbst bewusst geworden, was er hingeschrieben hatte. Mechtarz knnartzz … Und jetzt überkam ihn Angst vor der eigenen Courage.

„Du hast es mir gerade geschenkt.“ „Man kann sein Tagebuch nicht verschenken.“

In diesem Moment – in dieser Situation – wirkte Bill fast wie früher. Streit- und herrschsüchtig.

Vertraut!

Abwinkend sagte er: „Ich wollte mir etwas die Beine vertreten. Kommst du mit?“

„Ich habe schon eine Verabredung. Tut mir leid.“

„Mit … Sue?“ Bill schürzte die Lippen, die so spröde wirkten wie neuerdings alles an ihm.

Jonathan nickte.

„Reisende und Liebende soll man nicht aufhalten.“ Es klang verächtlich.

Jonathan stand auf und verließ das Zimmer. „Vielleicht morgen“, sagte er, ohne den Kopf zu wenden.

Bill kicherte ihm böse hinterher.

Jonathan war in Gedanken schon weit weg. Er dachte an Bills Fingernägel. An die höhnisch grinsenden „Totenköpfe“ darauf. Sie waren immer noch da. Er hatte es gesehen.

Neun.

Neun Leben hat die Katz’ …

 

 

16. Kapitel

 

Jonathan wurde von einem Blitzlichtgewitter empfangen, kaum dass er die Haustür öffnete. Der lässige Typ hinter der Kamera näherte sich Kaugummi kauend und setzte sein breitestes Grinsen auf. Er war allein, veranstaltete aber einen Zirkus für zehn.

„Bist du der ‚Auferstandene‘?“Er streckte Jonathan etwas entgegen, das wie eine Visitenkarte aussah, aber der Junge ignorierte es. „Clark Peters von der Kezar Falls Register. Du hast vermutlich schon von mir gehört. Ich bin der ‚rasende Reporter‘dieser süßen Stadt …“

„Nein“, sagte Jonathan ärgerlich. „Nein?“

„Ich bin nicht der, den Sie suchen – und ich habe noch nichts von Ihnen gehört.“ Er wandte sich ab zur Garage.

Der penetrante Reporter folgte ihm wie ein Schatten. „Sind deine Eltern da?“

„Warum?“ Jonathan öffnete das Tor und schob sein Mountainbike ins Freie.

Der Reporter warf sondierende Blicke ins Innere der Garage und legte den Finger auf den Druckpunkt der Kamera. Jonathan war schneller und ließ das Tor nach unten sausen.

Clark Peters hob beschwichtigend die Hände. „Ich verschwinde gleich wieder, keine Sorge. Habe nur was durchläuten hören von der Sache auf dem Friedhof und …“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“ Jonathan hielt kurz inne.

Selbstgerecht erklärte der Reporter: „Ich habe überall meine Quellen. Das muss man in meinem Job. Nur fixe Kerlchen haben Karrierechancen, das wirst du auch noch merken. Vielleicht kann ich dir ein Volontariat besorgen. Interesse?“

Jonathan schwang sich auf sein Rad. „Nein.“

Dann fuhr er los. Der Reporter fluchte ihm hinterher, und als Jonathan den Kopf drehte, sah er ihn zur Vordertür zurückeilen.

Auch das noch, dachte er. Aber sein Dad war Anwalt. Er würde sich zu helfen wissen …

Über Nebenstraßen, die er lange nicht mehr durchstreift hatte, näherte er sich der Banting Street, einem verfallenen Industriegelände, das sich vor allem durch Verfall und Niedergang auszeichnete. Seit die Stadt ein neues Gebiet an der westlichen Peripherie erschlossen hatte, waren die meisten Firmen dorthin umgezogen, wo der Verkehrsanschluss und der erhoffte Publikumszustrom günstiger schienen.

Jonathan kannte die Gegend noch, als Busse morgens Heerscharen von Arbeitern und Angestellten ausgespuckt hatten. Abends waren sie wieder in den rollenden Blechkonserven wie in den Bäuchen von Walen verschwunden. Heimwärts.

Er glaubte sogar, noch die Gerüche von damals zu bemerken. Im Sommer, wenn er mit Bill und den anderen hier herumgestöbert hatte, war der Teerbelag der Straße mitunter von der Sonne so aufgeweicht worden, dass sich die nackten Füße darauf abzeichneten und sie sich mit der Zeit ihren eigenen „Hollywood Boulevard“ schufen. Auch heute noch war ein Tohuwabohu von erstarrten Eindrücken zu erkennen.

Der Wind zerrte an losen Schildern und Fassadenverkleidungen, die sich gelockert hatten. Garry’s Rent a car rottete ebenso dahin wie The Fastest Cleaning Shop on Earth, wohin sie manchmal ihre Wäsche getragen hatten, wenn ihre Mutter krank oder einfach überlastet von ihren zwei Rabauken gewesen war.

Soul lag in seinem Fass wie einst Diogenes in seiner Tonne – oder wie Huck Finn aus Mark Twains Mississippi-Abenteuern. Als Jonathan in geringer Entfernung an ihm vorbeifuhr, hob der verlotterte Alte mit dem verfilzten roten Bart, den roten Haaren und den roten Augen seinen Kopf und starrte dem Jungen triefäugig hinterher.

Jonathan war überrascht, dass Soul noch lebte, und er fragte sich, ob der stadtbekannte Penner sich noch des Jungen erinnerte, der ihm einst mit der Schleuder seine Flaschen kaputt geschossen hatte – zur Gaudi seiner Freunde. Nicht einmal Bill hatte diese Treffsicherheit besessen …

Hinter Jonathan knallte etwas auf die staubige Straße. Als er sich umdrehte, sah er, dass Soul eine fast volle Pulle nach ihm geschmissen hatte. Daraufhin trat er wie der Teufel in die Pedale und beschloss, heimwärts doch lieber auf diese Abkürzung zu verzichten.

Kurz darauf erreichte er das alte Village, den eigentlichen Kern von Kezar Falls, an den sich die Stadt, wie sie sich heute im regen Geschäftsleben sonnte, wie eine Pestbeule anschmiegte und allmählich auch das letzte bisschen Leben aus ihrer einstigen Keimzelle heraussaugte. Niemand von den Stadtvätern schien auf die Idee zu kommen, die heruntergekommenen Häuserzeilen, in denen nur noch eine Handvoll sturer, alter Leute lebte, zu sanieren.

An einer knorrigen Eiche mit einer ungepflegten Sitzbank stellte er sein Fahrrad ab und spähte zu dem Haus ganz am Ende der Straße, von Efeu überwuchert und von ein paar Vorgartenbäumen zusätzlich allzu neugierigen Blicken entzogen.

Wie Säure rann die Erkenntnis durch Jonathans Gehirn, dass er sich nicht geirrt hatte. Es war das Haus aus seinem Traum. Es gab keine Zweifel.

Nur die Umgebung stimmte nicht. Hier lagen keine Steine mit immer gleichen Kindergesichtern. Hier reckten sich keine zarten Ärmchen einem Himmel ohne Sonne entgegen.

Jonathan setzte sich auf die wackelige Bank und brachte eine lange Weile damit zu, nur das Haus zu beobachten, das als Einziges in der ganzen Straße einen bewohnten Eindruck hinterließ. Man sah es an Kleinigkeiten. An den Vorhängen, die nicht ganz so verschlissen und vergilbt waren wie die der anderen Gebäude. An den Fensterscheiben, die nicht eingeworfen oder mit Brettern vernagelt worden waren. Und an der Lampe, die im zweiten Stock brannte, obwohl draußen ungetrübter Sonnenschein herrschte.

Jonathan starrte das Gebäude so intensiv an, dass es sich fast aus der Umgebung herauszulösen schien. Er war nahe genug, um das Eisentürchen in der Vorgartenmauer zu sehen, das sachte im Wind hin- und herschwang. Lautlos, als wäre es gestern erst geölt worden.

Dann sah er etwas, das ihm die Nackenhärchen sträubte.

Nicht nur das Tor – auch die Klinke bewegte sich, wie von unsichtbarer Hand niedergedrückt. Nicht einmal. Das hätte eine Täuschung bewirken können. Immer wieder!

Gleichzeitig begann oben hinter dem kleinen Fenster das Licht an- und auszugehen. Als sende jemand stumme Morsezeichen.

Jonathan sprang so heftig von der Bank auf, dass sie unter ihm knirschend wegbrach. Als er erneut zum Haus hinüberblickte, stand das Tor wie einzementiert fest, und das Licht unter dem Dach war vollständig erloschen. Ein eisiger Wind strich durch sein Haar, obwohl der Asphalt ringsum vor Hitze fast Blasen schlug.

Vielleicht, dachte Jonathan fröstelnd, verliere ich wirklich den Verstand. Vielleicht ist Bill völlig in Ordnung – nur ich nicht.

Seine Knöchel traten weiß hervor, als er die Hände um den Lenker des Rades krallte. Die Luft schien zu flimmern und das Haus immer mehr zu verzerren, als wollte es eine andere Form annehmen. Letztlich konnte es aber die eigene Trägheit nicht überwinden.

Jonathan beschloss, herauszufinden, wer in dem Haus lebte. Als Kind hatte es ihn nicht interessiert, und jetzt wagte er sich nicht nahe genug heran, um das Schild am Tor zu lesen.

Aufgewühlt fuhr er zur nächsten Telefonzelle und versuchte, Sue zu erreichen. Niemand hob ab. Jonathan wartete zehn Minuten und probierte es erneut. Wieder vergebens. Weder seine Freundin noch ihre Eltern schienen in Hörweite des Telefons zu sein.

Als er nach Hause zurückfuhr, war es Mittag, aber die Zeit spielte momentan keine große Rolle. Nichts folgte mehr dem üblichen Reglement. Kein Essen stand nach seiner Rückkehr auf Herd oder Tisch. Das Haus war wie ausgestorben. Jonathan fand keine Spur von Bill oder seinen Eltern, und er wusste nicht, was er davon halten sollte.

Die Türklingel unterbrach seine düsterschweren Gedanken. Während er hinging, um zu öffnen, ballte sich seine rechte Faust in Erwartung eines Besuchers von ähnlichem Kaliber wie Clark Peters, der Mann vom Kezar Falls Register.

Er wurde angenehm überrascht.

„Hi“, lächelte Sue, „ich dachte mir, ich schau mal vorbei …“

 

 

17. Kapitel

 

Sie wirkte verändert, aber keineswegs in negativer Weise. Jonathan kam es nur vor, als sähe er sie zum ersten Mal als das, was sie tatsächlich war; ein Mädchen, das längst, was das Körperliche anbetraf, zu einer erwachsenen Frau geworden war.

Vielleicht lag es auch an dem Kleid. Es war ein kurzes Sommerkleid, das ganz leicht und luftig um ihre Figur fiel und dabei noch die weiche Weiblichkeit betonte, die darunter lockte.

„Darf ich hereinkommen?“

Der provozierende Ton passte zu ihrem ganzen Auftritt.

„Hast du dich für mich so zurechtgemacht?“

„Dreimal darfst du raten.“ Sie glitt an ihm vorbei in die Wohnung, und Jonathan wurde von einer etwas übertriebenen Parfümwolke gestreift. Da sie in aller Regel in Blue Jeans, Blusen und Turnschuhen herumlief, bot sie ihm gerade einen Kontrast wie Tag und Nacht. Die Pumps umstrichen ihre hübschen Beine in einem Maß, dass Jonathan feuchte Hände bekam. Außerdem war Sue so perfekt geschminkt, dass er kaum wegschauen konnte.

Okay, er hatte vor ihr schon zwei, drei lockere Beziehungen gehabt. Aber mehr als ein bisschen Knutschen und Fummeln auf Parkbänken oder dem Rücksitz seines „halben“ Wagens hatte nie stattgefunden. Jonathan war, wie Bill es einmal „liebevoll“ ausgedrückt hatte, die „letzte amerikanische Jungfrau“ unter der Gruppe der Siebzahnjährigen und was darüber lag.

Dann hatte er Sue kennengelernt, und nichts an dem Geschwätz seines Bruders war mehr von Bedeutung gewesen. Bei ihr hatte er das Gefühl gehabt, ganz besonders behutsam vorgehen zu müssen, um nichts zu zerstören.

Nun zerstörte sie.

Sein Weltbild.

Und er genoss es, obwohl er zugleich tausend Qualen litt, weil er zwar ahnte, aber nicht wusste, wohin die Reise ging.

Sie wirkte verändert, aber keineswegs in negativer Weise. „Sind deine Eltern da?“

„Nein.“

„Bill?“

„Nein …“

„Guuuut.“ Mit den Hacken ihrer Pumps kickte sie die Wohnungstür zurück ins Schloss. Erwartungsvoll sah sie Jonathan an.

„Wollen wir – nach oben?“, fragte er. „In dein Zimmer?“

Er nickte.

„Gern.“ Sie hakte sich bei ihm unter, und gemeinsam gingen sie durch den Vorraum, die Treppe hinauf, an Bills Zimmer vorbei, dessen Tür geschlossen war, bis zu Jonathans privatem Reich, in dem, wie üblich, nicht aufgeräumt war.

Sue blockte jedoch jede Entschuldigung im Voraus ab. „Ist doch nicht wichtig. Ich glaube, bei Jungs sieht es überall gleich aus.“

„Darin hast du wohl Erfahrung?“

Sue küsste ihn und schüttelte dann sehr ernst den Kopf. „Nicht so wie du bei Mädchen …“

Jonathan winkte fahrig ab. „Okay, da kann ich dich beruhigen, ich hatte vor dir schon zwei.“

„Wirklich?“

„Wirklich.“ Er hatte das Gefühl, die Initiative ergreifen zu müssen, und lenkte sie zu seinem Bett. Sie setzten sich darauf, und Sues Blick verriet, dass sie nicht halb so abgebrüht war, wie sie vorhin hatte den Anschein vermitteln wollen.

Jonathan küsste sie erneut und fragte dann etwas atemlos: „Was – hast du vor?“

Sie lächelte scheu. „Wie lange kennen wir uns jetzt?“

„Drei Monate. Fast auf den Tag.“ „Und hast du nicht das Gefühl, dass dir etwas fehlt?“

Er dachte nach. „Nein.“

„Ganz sicher nicht?“

Allmählich dämmerte ihm, was sie meinte. Plötzlich musste er lachen. Als sich ihre Miene verschloss, hörte er auf und beschwichtigte: „Ich lache dich nicht aus.“

„Hörte sich aber ganz danach an.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin gern mit dir zusammen.“

„Ehrlich?“

„Aber das, was du vorhast, ist nicht nötig“, fuhr er fort. „Nicht, solange du dazu nicht bereit bist.“

Sie starrte ihn an. „Ist das – dein Ernst?“ Sie wusste, dass er sie durchschaut hatte.

„Mein tödlicher Ernst“, lächelte er und merkte, wie er an Sicherheit gewann. Seltsamerweise fühlte er sich richtig gut.

Sie strich ihm über das Gesicht. „Ich dachte immer, Jungs wollen nur das Eine.“

„Nur nicht …“

Ihr Lachen klang befreit. Sie legte den Kopf an seine Schulter, und es war ihr egal, dass etwas von ihrem kunstvollen Makeup verwischte.

„Ich muss dir ein Geständnis machen.“

„Welches?“

„Ich wusste genau, dass du allein zu Hause bist. Ich sah deine Eltern mit Bill weggehen. Ich wartete hinter einem Gebüsch auf der anderen Straßenseite. Und dann sah ich dich nach Hause kommen …“

Jonathan wurde von einem warmen Gefühl durchströmt, das ihn für kurze Zeit alle Sorgen vergessen ließ.

„Wolltest du wirklich bis zum Äußersten gehen?“

Sie schwieg so lange, dass er gar nicht mehr mit einer Antwort rechnete.

„Ich will es noch“, verblüffte sie ihn schließlich. „Jetzt erst recht …!“

 

 

18. Kapitel

 

Ben Marsten warf gerade die Zeitung auf den Frühstückstisch, als Jonathan hereinkam. Seine Mutter und Bill hatten bereits Platz genommen.

„Dieser Schmierfink!“, rief sein Vater erbost.

„Was ist passiert?“, fragte Kay Marsten.

„Es geht um Rodericks Grab. Unter dem Kürzel C.P. kann nur dieser Clark Peters stecken, der gestern da war. Er schreibt hier, er habe recherchiert und sei dabei auf bemerkenswerte Vorkommnisse von vor siebzehn Jahren gestoßen. Damals soll es an Rods Grab schon einmal zu … Unregelmäßigkeiten gekommen sein. Schon diese Überschrift: ‚Lastet ein Fluch über dem ‚Heiden-Eck‘? …‘“

Jonathan setzte sich zwischen seinen Vater und seine Mutter. Bill blinzelte ihm verschwörerisch zu; er versuchte, es zu ignorieren. Kay Marsten hielt in ihren Bewegungen inne. „Von wem kann er das erfahren haben?“

Ihr Mann hob zornig die Schultern. „Dorn ist tot. Adrian Morle ist tot. Soweit ich weiß, lebt nur noch dieser Huxley …“

„Könnte er …?“

„Möglich. Aber die treibende Kraft ist dieser verantwortungslose Zeitungsfritze. Ich werde mich …“

„Beruhige dich“, warf Kay ein. Seit Bills unverhoffter Rückkehr schien sie es sich zur Aufgabe machen zu wollen, den alten Familienzusammenhalt wiederherzustellen. Es entsprang kühler Berechnung, als sie sich an Jonathan wandte und fragte: „War das gestern Abend nicht die kleine Voight? Wollte sie nicht zum Abendbrot bleiben? Ich hätte etwas herrichten können …“

Jonathan nickte. „Sue. Sie hatte keine Zeit.“

Bill grinste unverschämt.

„Hübsches Ding“, murmelte Ben Marsten, immer noch in seine Wut verstrickt.

„Wisst ihr, wer heutzutage noch im alten Village wohnt?“, wechselte Jonathan seinerseits das Thema. Er tat es intuitiv, ohne vorher darüber nachzudenken.

Täuschte er sich, oder gefror Bills Grinsen?

„Im Village?“, fragte seine Mutter.

„Das letzte Haus zwischen …“ Jonathan beschrieb die Stelle, so gut er konnte.

„Mrs. Hootch“, sagte Ben Marsten und bewies, dass er durchaus zweigleisig denken konnte. „Eure Hebamme.“

Jonathan starrte ihn an.

Bill fixierte Jonathan.

„Mrs. Hootch …“ Kay Marsten schien ihrerseits in Erinnerungen zu kramen, die nichts Positives bargen.

„Zumindest entspricht es deiner Beschreibung, und sie wohnte damals dort. Ich weiß nicht, ob sie mit den anderen fortgezogen ist. Eigentlich dachte ich es. Über kurz oder lang wird dort vermutlich alles niedergerissen …“

„Warum eigentlich?“, fragte Jonathan.

Sein Vater zuckte die Achseln. „Das versteht keiner. ‚Höhere Politik‘ vermutlich …“

Jonathan schlang sein Frühstück hinunter und machte Anstalten, sich abzusetzen.

„Du willst schon wieder fort?“, Kay Marsten machte aus ihrer Enttäuschung kein Hehl. „Bill …“

„Ich bin verabredet.“ Es war nicht gelogen.

„Mit dieser Sue?“

Jonathans Blick ruckte zu seinem Zwillingsbruder. Den lauernden Ausdruck in Bills Augen versuchte er zu übersehen.

„Vielleicht …“

Ben Marsten zwinkerte ihm versonnen zu. Einen Moment schien auch er in Jugenderinnerungen zu schwelgen. „Siebzehn müsste man noch mal sein …“

„Warum?“, hakte Kay Marsten sofort nach.

Er lächelte. „Damit ich mich noch einmal in dich verlieben könnte.“

Mit dieser Antwort gab sie sich zufrieden.

„Habt ihr etwas Besonderes vor?“, fragte Bill, an Jonathan gewandt. „Kann ich mitkommen?“ Er gab nicht auf. „Ich würde Sue gern näher kennenlernen.“

Was für seine Eltern wie eine harmlose, ja höfliche Anmerkung klingen musste, empfand Jonathan als Schlag ins Gesicht.

„Ein andermal“, wehrte er ab und vermied den Blickkontakt mit seinen Eltern, die seine Reserviertheit mit wachsendem Unverständnis quittierten. Bill hielt alle Trümpfe in der Hand.

Ehe sich seine Eltern einmischten, stand Jonathan auf und ging nach oben in sein Zimmer.

Die Wahrheit war, dass er für heute noch keine Verabredung mit Sue getroffen hatte. Er wollte dem neuen Reverend einen Besuch abstatten und ihn um einen Gefallen bitten …

 

 

19. Kapitel

 

„Jim Huxley?“ Sam Barnabas bat Jonathan sofort zu sich ins Pfarrhaus, als er klingelte. „Weshalb interessiert dich das? Moment, ich sehe in den Unterlagen nach …“

Er führte Jonathan in sein Arbeitszimmer. Auf einem massiven Schreibtisch lagen etliche aufgeschlagene Bücher verstreut. Dazu ein Block mit Bleistift. Auf das karierte Papier waren Stichworte gekritzelt. Offenbar war Barnabas gerade dabei gewesen, eine Predigt für den Sonntag vorzubereiten.

„Ich komme ungelegen“, sagte Jonathan. „Ich wollte Sie nicht stören.“

„Unsinn“, wiegelte der Reverend ab. „Es freut mich, dass du noch einmal den Weg hierher gefunden hast. Ich wollte euch auch schon besuchen.“

„Euch?“

„Deine Familie“, nickte er. „Ein schrecklicher Vorfall, das mit deinem Bruder.“

„Bill?“, fragte Jonathan.

„Roderick“, sagte der Reverend. „Ich bekam heute schon etliche Anrufe von Leuten hier aus dem Ort, wegen dieses Schmierenartikels in der Zeitung …“

Jonathan senkte den Blick.

„Ich dachte nicht, dass die Menschen hier so verbohrt sein könnten. Ich mache mir ernsthaft Sorgen.“

„Was – wollten die Anrufer?“

„Die meisten meldeten sich unter dem Deckmäntelchen der Besorgnis.

Aber leider war der wirkliche Grund nicht schwer zu erraten. Sie haben Angst. Besonders diese hanebüchene Geschichte, was angeblich vor siebzehn Jahren am Grab deines Bruders geschah …“ Sam Barnabas schüttelte den Kopf. „Unglaublich. Als befänden wir uns immer noch im Zeitalter der Inquisition … Aber ich will dich nicht beunruhigen. Hier …“ Er fischte eine Akte aus dem Schubfach, in dem er während seiner Erklärung unablässig gestöbert hatte. „Auf dem Deckel steht ‚James Huxley‘. Ich schätze, das müsste er sein.“

Er nahm den dünnen Schnellhefter mit an seinen Tisch und klappte ihn auf.

Jonathan wartete, bis der Reverend sich einen Überblick verschafft hatte.

„Huxley musste seinen Job wegen gesundheitlicher Gründe aufgeben“, sagte Barnabas und fügte gedankenverloren hinzu: „Neunzehnhundertsechsundsiebzig.“

Jonathan überwand seine Scheu und trat hinter ihn. „Vor siebzehn Jahren“, sagte er verkniffen. „Wann genau?“

Der Reverend fuhr mit dem Zeigefinger die Eintragungen entlang. „Im August, am dreizehnten.“

„Eine Woche nach Rods Beisetzung“, sagte Jonathan. „Seltsam.“

„Zufall“, erwiderte Sam Barnabas. Er musterte Jonathan aufmerksam. „Oder was willst du hineingeheimnissen?“

„Nichts.“ Jonathan schüttelte den Kopf. „Können Sie mir seine Adresse geben?“

„Was willst du von ihm?“

„Nur mit ihm sprechen.“

„Es verstößt gegen die Vorschrift …“ Der junge Reverend hielt inne und lachte Jonathan an. „Öden dich Vorschriften auch manchmal an?“

Jonathan nickte bereitwillig.

„Gut. Ich kann dir allerdings nur sagen, wo er vor siebzehn Jahren gewohnt hat. Ob er das immer noch tut …“

„Das reicht mir“, versicherte Jonathan eifrig.

Kurz darauf war er mit dem Fahrrad unterwegs zu der Anschrift, die ihm der Reverend überlassen hatte. Die Stadt hatte im Westen ein großes Wasserreservoir in einen Park eingebettet. Hier suchten Menschen bei schönem Wetter Erholung. Am Rand des Parks lag eine hügelaufwärts führende Straße mit schlichten Arbeiterhäusern, eine ganze Siedlung, die noch aus der Zeit um die Jahrhundertwende stammte. Vor einem der rötlichen Backsteinbauten hielt Jonathan an und läutete, obwohl außer der Hausnummer nichts auf die Bewohner schließen ließ. Das Schild unter dem Klingelknopf war mit Farbe geschwärzt worden.

Eine dicke Frau mit Stützstrümpfen, die wegen der Hitze bis zum Knöchel heruntergestreift waren, öffnete nach einigem Warten. Misstrauisch blickte sie zu Jonathan hoch, der sie um einen guten Kopf überragte.

„Ja? Ich kaufe nichts.“

„Sind Sie Mrs. Huxley?“, fragte er.

Ihre kleinen Augen schienen ihn verschlingen zu wollen. „Was ist das für eine Tour?“ Sie drehte leicht den Kopf. „Harold!“

Jonathan schwante Schlimmes. Der Gerufene tauchte hinter der Frau auf, als hätte er nur auf sein Stichwort gewartet. „Ärger, Liebes?“

„Ich suche nur jemanden“, beteuerte Jonathan.

„Einen Freund?“

„Einen Freund meines Vaters“, log er.

„Name?“

„Huxley. James Huxley. Die Leute sagen auch Jim …“

„Kennst du den etwa?“, fragte die dicke Frau und blickte zu ihrem „Beschützer“ hoch. Er war ähnlich leger gekleidet wie sie. Flanellhosen, Unterhemd, Hosenträger.

Er nickte. „Könnte sein. – Ein Freund, sagst du?“

„Meines Vaters“, nickte Jonathan.

„Sauber“, grunzte der Mann und rieb sich den Bauch. „Wenn du den Huxley meinst, der hier vor uns und einem anderen Ehepaar wohnte, kann ich nur sagen: sauber! Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr!“

„Bitte?“ Jonathan trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

„Wovon redest du, Sid?“

„Halt’s Maul, Agnes! Ich rede mit dem jungen Herrn hier. – Also?“

„Also?“

„Du scheinst es nicht zu wissen. Kapier’s ein anderer, aber du scheinst wirklich nicht zu wissen, was hier abgegangen ist – genau wie diese Kuh.“ Er schielte zu Agnes. „Was springt heraus, wenn ich’s dir verklickere …?“

Jonathan forschte in seinen Taschen und fand zwei zusammengeknüllte Dollarscheine.

Sid schnaubte. „Willst du mich verarschen?“ Aber er strich die beiden Scheine blitzschnell ein. „Okay. Dafür gibt’s aber nur die Kurzfassung.“ Er taxierte seine Frau mit einem nachdenklichen Blick. „Muss wohl voll durchgedreht haben, der Knabe. Kam eines Tages aus der Kneipe nach Hause und schlitzte seiner Alten den Bauch auf, dass die Gedärme hervorquollen.“ Er machte eine eindeutige Geste. „Harakiri Spezial, wenn du verstehst. Boy, o Boy – als sie ihn abholten, soll die Wohnung wie ein Schlachthaus ausgesehen haben. Das Blut klebte an allen Wänden und Möbeln. Bei krassen Wetterwechseln schlägt es übrigens heute noch durch unsere neuen Tapeten … Aber das absolut Schärfste war: Der Typ grinste damals die Bullen an wie ein Honigkuchenpferd. Er grinste, als sie ihn abführten, und ich verwette meinen Arsch, er grinste auch, während er sie tranchierte …“

„Harold!“

„Schon gut, Baby. Bei dir käme das nie in Betracht. Ich liebe jedes einzelne deiner Kilos – aber nur zusammenhängend.“ Er lachte herzlos und wandte sich an Jonathan. „Sonst noch Fragen?“

 

 

20. Kapitel

 

„Du willst Sue sprechen? – Wer ist am Apparat?“

„Ein Schulkamerad.“

„Ein Schulkamerad?“ Mrs. Voight zog die Nase hoch. „Es sind Ferien.“

„Sie hat sich ein Unterrichtsbuch von mir ausgeliehen. Ich müsste es dringend zurückhaben. Meine Eltern bestehen darauf, dass ich noch vor Schulbeginn die Nase hineinstecke …“

Diese Erklärung schien Mrs. Voights Wohlwollen zu wecken. „Wenn dem so ist … Einen Moment, ich rufe sie gleich ans Telefon …“

Zwei Minuten später meldete sich Sue, begleitet von einer soufflierenden Stimme aus dem Hintergrund.

„Ja?“ Es klang etwas außer Atem.

„Frag ihn, ob er mit zu Abend essen will“, wisperte Mrs. Voight. „Er klang nett. Nur keine Scheu …“

„Hi, Sue! Jonathan hier, ich wusste nicht, ob ich frei sprechen kann.“

„Walter! Wie war das mit dem Buch?“

„Ich hielt es vor Sehnsucht nicht mehr ohne dich aus. Ich musste wenigstens deine Stimme hören. Können wir uns sehen?“

„Das verstehe ich. Eltern – können manchmal sehr bestimmend sein.“ Sue seufzte. „Wann brauchst du das Buch?“

„Heute Abend? Gegen acht am Kanal, wo der Einarmige steht?“

„Hm. Ich werde meine Mutter fragen, ob es möglich ist. Wie ist denn das passiert, gütiger Himmel?“

„Bis dann! Und … sei pünktlich!“

„Verstehe. Bis dann!“

Klick.

 

 

21. Kapitel

 

Sam Barnabas war erstaunt, als er aus Jonathans Mund von Jim Huxleys Schicksal hörte.

„Ein Mörder … Und was wolltest du überhaupt von ihm?“

Jonathans Vertrauen in den jungen Reverend war zwar beträchtlich gestiegen, aber immer noch wirkte das Trauma seiner „Barney“-Begegnung nach. Er hätte ihm sonst sagen können, dass er sich die Bestätigung der Geschichte geben lassen wollte, die sein Vater ihm erzählt hatte. Er war an einem Punkt angelangt, an dem er sich selbst nicht mehr vorbehaltlos traute. Er brauchte eine Bestätigung von außen, die bewies, dass er keinem Hirngespinst nachrannte.

Die fremde Zunge, in der er Bill sprechen gehört zu haben glaubte („Mechtarz knnartzz monculs …), war eines von vielen Rätseln nach der Rückkehr seines Bruders unter die Lebenden.

Ein anderes der verschwundene Leichnam seines im Babyalter verstorbenen Bruders Rod.

Manchmal, wenn Jonathan zu angestrengt über alles nachdachte, verschwamm die Umgebung buchstäblich vor seinen Augen, und er fürchtete, in ein schwarzes Loch zu stürzen. Einen tiefen Brunnenschacht, aus dem er nie wieder ans Licht emporsteigen würde. Hätte ein anderer ihm diese haarsträubenden Dinge geschildert, er hätte sich wahrscheinlich an die Stirn getippt.

Was sollte er also von Sam Barnabas erwarten?

„Es ist sehr privat“, flüchtete er sich in einen Allgemeinplatz.

Der Reverend wiegte skeptisch den Kopf.

„Ich habe die Zeit genutzt, um Erkundigungen einzuziehen.“

„Über wen?“

„Über meinen Vorgänger Dorn.“

„Warum?“

„Ich wollte wissen, was für ein Mensch er war. Viele seiner Entscheidungen muten mittelalterlich an. Unter anderem geht auch die Existenz des so genannten Heiden-Ecks auf seine Initiative zurück.“

Damit sagte er Jonathan nichts spektakulär Neues.

„Irritiert war ich, als ich das Datum seines Todes erfuhr.“

„Das Datum seines Todes?“

„Es war der erste September neunzehnhundertsechsundsiebzig.“

„Ein paar Tage nach Rodericks erster Grabschändung.“

Der Reverend nickte. „Er starb unter ungeklärten Umständen. Man fand ihn tot im Kirchenschiff. Der Arzt diagnostizierte Tod durch Herzversagen. Fremdeinwirkung wurde ausgeschlossen.“

„Sie sagen das, als hätten sie dazu Ihre Zweifel.“

Sam Barnabas schüttelte den Kopf. „Mir gefällt nur einiges von dem, was hier in dieser oberflächlich so beschaulichen Stadt passiert, absolut nicht. Es wäre einfacher, wenn wenigstens du, mein Junge, die Karten offen auf den Tisch legen würdest. Du verheimlichst mir etwas, ich bin sicher.“

Jonathan nagte an seiner Unterlippe. „Haben Sie ein Foto von diesem Huxley?“

Sam Barnabas zog die Personalakte aus einem Stapel und fand ein altes Bild. „Wenn du willst, ziehe ich Erkundigungen ein, wo Huxley damals gelandet ist. Irgendein Vorwand wird sich schon finden.“

Jonathan betrachtete das Foto. Jim Huxley hatte ein Dutzendgesicht. Nur die fingerlange Narbe unter dem linken Auge verlieh ihm einen Hauch von Individualität.

Jonathan gab das Bild zurück. Eine Weile ruhte er sich in den besonnenen Augen des jungen Reverend regelrecht aus. Dann nickte er: „Okay, ich verrate es Ihnen. Aber Sie werden mir niemals glauben. Niemals! Außerdem müssen Sie mir versprechen, dass Sie niemanden sonst einweihen. Ich möchte nicht das Zimmer neben Huxley – wo immer er sich gerade aufhält …“

 

 

22. Kapitel

 

Jim Huxley bewegte sich wie unter einer tonnenschweren Last. Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Ob er seit Minuten, Stunden oder Jahren durch die Labyrinth-Gänge dieses Hauses wanderte, schien keinen Unterschied zu machen. Längst war das Lächeln auf seinen Lippen im Zeitstrom erfroren.

Das Ding unter seinem Arm war federleicht, und dennoch drückte es ihn fast zu Boden. Erinnerungsfetzen zuckten wie im Stroboskoplicht durch sein Hirn.

Die Berührung … Der eklige Schleim … Die Euphoriewelle, die jede Faser seines Körpers wie ein Stromfluss erreicht – und alles verändert hatte …

Seitdem war er nicht mehr derselbe Mann gewesen. Seitdem lag das fremde Lächeln wie eine Maske über seinem Gesicht, und die Nächte waren gespickt mit Albträumen. Martha hatte es nicht verstanden. Martha hatte nie etwas verstanden. Und dann …

Ungelenk öffnete seine Hand die Tür, die wie ein Fels knirschte.

Endlich!, seufzte die Dunkelheit. Huxley stellte die Kiste ab.

 

 

23. Kapitel

 

„Ist das wirklich notwendig? Kann er nicht selbst kommen und sein Buch hier abholen? Es macht mir wirklich nichts aus, ein Gedeck mehr auf den Tisch zu legen …“

„Darum geht es doch nicht“, entgegnete Sue. „Er hatte einen Sportunfall. Sein rechtes Bein liegt bis zum Oberschenkel in Gips. Sein Vater ist stinksauer auf ihn …“

„Das wäre ich auch.“

„Zur Strafe soll er pauken. Ausgerechnet das Fach, über das er mir das Buch geliehen hat …“

„Schon gut. Wenn es wirklich sein muss …“

Im Flur klapperte eine Tür.

„Dein Vater kommt. Ich muss mich ums Essen kümmern. Wir reden später weiter.“ Mrs. Voight segelte zur Tür hinaus.

Sue schloss erleichtert die Augen. Ihr Herz vollführte einen Freudenhüpfer. Zwar waren sie und Jonathan übereingekommen, sich nicht gleich am nächsten Tag wiederzusehen, aber nachdem er sich nicht gleich am Morgen gemeldet hatte, war in Sue die Befürchtung gekeimt, sie könnte doch nur ein Abenteuer für ihn gewesen sein. Ein Stück für seine Trophäensammlung. Es hatte wenig genützt, dass sie sich dauernd gesagt hatte, Jonathan gehöre nicht zu diesem miesen Schlag. Erst sein Anruf hatte die Welt wieder in rosige Farben getaucht.

Fieberhaft suchte sie aus ihren Schulsachen ein x-beliebiges Buch heraus. Dann machte sie sich für Jonathan zurecht. Ein Schauder des Wohlbehagens überlief sie, als sie mit nacktem Oberkörper vor dem Spiegel stand und versonnen die Stellen nachstrich, über die Jonathans zärtliche Finger gewandert waren. Das „erste Mal“ war so behutsam und doch so leidenschaftlich vonstattengegangen, wie Sue es sich nicht schöner hätte wünschen können. Ohne Murren hatte er das Kondom akzeptiert, das sie aus einem Automaten auf der Damentoilette gezogen hatte, als sie tags zuvor mit ihrer Mutter im Supermarkt einkaufen war …

Sie verzichtete auf einen BH und schlüpfte in bequeme, weite Sachen, damit ihre Eltern nichts merken sollten. Dann nahm sie das Buch und spielte ihre Rolle konsequent zu Ende.

„Wann bist du wieder zurück?“, fragte ihre Mutter.

„Ich beeile mich. Bis nachher …“

Draußen dämmerte es bereits, und für Sue grenzte es an ein Wunder, dass sie nicht einmal nach Namen und Adresse ihrer Verabredung ausgehorcht worden war. Wahrscheinlich hatte sie Glück, dass ihre Mutter zu sehr mit dem Abendbrot beschäftigt war und ihr Dad abgeschottet vor dem Fernseher thronte.

Der Kanal und der „Einarmige“ waren der Geheimtipp aller Teens und Twens, die keine eigenen vier Wände oder dort nicht die nötige Muße zum Austausch ihrer Zärtlichkeiten besaßen.

Sue erreichte das Kriegerdenkmal, das in den wilden Sechzigern von Make Peace Not War-Anhängern um den ausgestreckten Degenarm erleichtert worden war, kurz nach acht Uhr. Das Buch hatte sie unterwegs unter einem Gebüsch deponiert. Von Jonathan war noch keine Spur zu sehen, als sie sich im Gras unter dem Steinmal niederließ, zum Zeitvertreib herumliegende Steinchen sammelte und in hohem Bogen in den schnurgerade vorbeifließenden städtischen Regenkanal warf, der momentan kaum knöchelhoch Wasser führte und darüber hinaus wenig verführerisch duftete.

Als es Minuten später im Gebüsch, das den Platz neugierigen Blicken von den offiziellen Pfaden entzog, raschelte, hob Sue den Kopf.

Jonathan trat winkend auf die schattige Lichtung. Die Sonne versank hinter den Rändern der Baumwipfel.

„Schön, dass du kommen konntest“, sagte er und setzte sich dicht neben sie.

„Schön, dass du angerufen hast …“

Sue hielt kurz den Atem an. Verklärt hatte sie ihn angestarrt, doch plötzlich störte sie etwas, ohne dass sie wusste, was es war.

„Ist etwas?“ Jonathan lächelte.

Seine Augen, dachte Sue. Warum sieht er mich so an?

Er ist scharf auf dich, du dumme Gans, was denkst du? Einen Mönch würdest du kaum wollen, oder?

Sie nahm seine Hand. „Du bist eiskalt“, sagte sie.

Er nickte. „Ich muss mir eine Erkältung eingefangen haben. Sommergrippe. Wie wär’ es, wenn du mich wärmst?“

Sie reagierte anders, als sie selbst verstand. „Nein“, streifte sie seine Berührung ab. „Bitte …“

„Was ist los? Magst du mich nicht mehr? Komm schon, stell dich nicht so an …“

Sein heißer Atem streifte ihr Gesicht. Er roch faulig – oder war es nur der Kanal?

„Ich habe heute weiter in Bills Tagebuch gelesen“, sagte Jonathan unvermittelt. „Ältere Eintragungen. Dort ist eine Sue erwähnt, mit der Bill wüste Sachen gemacht haben will. Du kennst diese Sue nicht zufällig?“

„Bill?“, echote Sue verständnislos. Dann begriff sie, was er meinte. „Du bist verrückt!“, stieß sie ihn zurück. „Das würde ich nie …“

„Ich weiß!“ Er zog sie an sich und streichelte über ihren Rücken. „Ich weiß … Es war dumm, entschuldige. Die Eifersucht …“

„Was redest du nur, Jon? Du …“

„Pssst.“ Er legte seinen Finger auf ihre Lippen. Einschmeichelnd flüsterte er: „Du bist wunderschön …“

Sues innere Abwehr schmolz. Sie versank in seinen Augen. „Rede nie wieder so mit mir …“

„Nie wieder.“

Sie öffnete die Lippen.

Sein Mund kam näher, und es war, als würden sich zwei Magnetfelder wie unsichtbare Polster treffen, noch ehe er sie berührte. Entladungsblitze zuckten in ihrer Einbildung. Dann küsste er sie.

Zum ersten – und zum letzten Mal.

 

 

24. Kapitel

 

Es ist, als würdest du aus ihr trinken. Immer gieriger, immer schmerzhafter, immer unlösbarer verbunden.

Sie wehrt sich, zappelt, trommelt mit ihren Fäusten gegen deine Brust. Aber du bist stärker.

Der Dämon beißt in ihre Seele – und verschlingt sie an ihrer verwundbarsten Stelle …

 

 

25. Kapitel

 

Als Jonathan aus der Kirche heimkehrte, hatte er nicht das Gefühl, einen wirklichen Verbündeten gewonnen zu haben. Seine Schilderungen hatten den Reverend, wie nicht anders erwartet, eher betroffen gemacht als überzeugt.

Wieder war das Haus gegenüber früher ungewohnt still, als er eintrat. Nur seine Mutter war da.

„Dad hat sich entschuldigt. Er bleibt heute länger im Büro. Er muss eine Menge aufarbeiten.“

„Und Bill?“

„Er wollte ein bisschen spazieren. Wie war deine Verabredung?“

Jonathan brauchte eine Weile, bis er begriff, was seine Mutter meinte.

„Nett, danke.“

„Ist es etwas Ernstes mit euch beiden?“

„Willst du wissen, ob sie die Pille nimmt – oder ob wir heiraten werden?“, Jonathan legte übertriebenen Sarkasmus in seine Stimme. Er entschuldigte sich sofort, aber die Scherben waren heute kaum noch zu kitten.

Unter einem Vorwand ging er auf sein Zimmer, wo er irritiert feststellte, dass sich jemand an seinem Kleiderschrank zu schaffen gemacht hatte.

„Hast du bei mir aufgeräumt?“, rief er die Treppe hinunter.

„Sollte ich?“, kam es verschnupft zurück.

„Nein, nein …“

Er schloss die Tür und setzte sich aufs Bett. Dabei rutschte ihm Bills Tagebuch entgegen, das er neben dem Kopfkissen deponiert hatte. Mechanisch schlug er die letzte Eintragung auf.

Werde heute Mrs. H. aufsuchen. Ich habe es lange genug aufgeschoben. Nur sie kann mir die Antwort geben.

Wie Schuppen fiel es ihm plötzlich von den Augen. Er wusste nicht, woher der jähe Erkenntnisblitz kam. Er stand auf und ging zu der Schiefertafel, die an der Wand befestigt war. Er hatte sie zusammen mit ein paar Stücken „magischer Kreide“ auf einem der regelmäßigen Trödelmärkte erstanden und nutzte sie vornehmlich zur Abschrift von Formeln, die er in alten Folianten fand. Früher hatte er einen ganzen Nachmittag nur mit solchen Beschäftigungen verbringen können. Schriften hatten ihn seit jeher interessiert.

Mrs. H., schrieb er auf die Tafel. Und dahinter: Mrs. Hootch?

Benedicte Hootch, ihre Hebamme, die im Village lebte, in jenem Haus, dessen Eingangstor sich von allein ohne einen Lufthauch bewegt hatte?

Wenn ja, welche „Antwort“ hatte sich Bill bei ihr erhofft? Er hatte nie mit Jonathan über etwas gesprochen, das mit der Hebamme in Zusammenhang stand. Genau genommen hatte er sich nie für viel mehr als seinen Sport interessiert. Erst in letzter Zeit, wenn Jonathan darüber nachdachte, hatte sich Bill leicht verändert. Er war in den letzten Tagen stiller, in sich gekehrter gewesen als gewohnt. Zumindest glaubte Jonathan dies im Rückblick.

Gedankenverloren steckte er die Kreide ein.

Als die Gelegenheit günstig schien, schlich er sich hinunter in die Diele und versuchte, Sue telefonisch zu erreichen. Damit brach er selbst das Abkommen, sich lieber ein paar Tage nicht zu treffen. Nach dem einschneidenden Erlebnis, das Sue ihm beschert hatte, war Jonathan völlig durcheinander gewesen und hatte es für klüger gefunden, ihre Eltern – insbesondere seine – nicht noch mit einem zusätzlichen Problem zu belasten. Wenn sie geahnt hätten, was sich zwischen Sue und ihm tat, wäre es unweigerlich zu kaum wünschenswerten Erwachsenenreaktionen gekommen.

Als Sues Mutter sich meldete, legte er schnell wieder auf.

Unvermittelt überfielen ihn Kopfschmerzen, wenn er an Sue dachte. Eine irrationale Angst, ihr könnte etwas zugestoßen sein, überfiel ihn. Es ging so weit, dass er sich mit Schweißausbrüchen und Herzrasen gegen das Treppengeländer lehnen musste.

„Ist Bill schon zurück?“

Seine Mutter tauchte lautlos neben ihm auf, und zum ersten Mal seit langem fragte sich Jonathan, woran sie ihre Kinder auseinanderhielt. An der Kleidung, dachte er. Es kann nur die Kleidung sein – vielleicht …

„Nein.“

„Ist dir nicht gut?“

„Doch.“ Er stieß sich mit dem Rücken ab und ging die Treppe hoch. Ihre Blicke verfolgten ihn, bis er die Tür hinter sich schloss und sich auf sein Bett legte.

Dort blieb er liegen, bis es dunkel wurde.

Bis schwere Schritte auf dem Gang erklangen.

Jonathan erkannte Bill, als er die Tür einen Spalt weit öffnete und hinausspähte. Die schummrige Deckenleuchte brannte. Marionettenhaft stiefelte sein Bruder den Korridor entlang, verharrte kurz vor jeder Tür, legte den Kopf seitlich und schien in sich hinein zu lauschen. Nach kurzem Innehalten ging er weiter, bis er vor seinem eigenen Zimmer anlangte. Dort ging er hinein.

Plötzlich hatte Jonathan ein solches Gefühl von Fremdartigkeit, dass es alles übertraf, was er in jüngster Zeit beim, Anblick seines erst toten und dann wieder lebendigen Bruders empfunden hatte.

Atemlos lauschte er auf weitere verdächtige Geräusche. Doch es blieb still, als wäre Bill direkt hinter der Tür in seine Totenstarre zurückverfallen. Keine Schritte, nichts. Minutenlang.

Jonathans Haut zog sich prickelnd am Hinterkopf zusammen. Er glaubte, den eigenen Puls in den Schläfen zu spüren. Gleich, dachte er, gleich spricht er wieder in dieser unheimlichen, unheiligen Sprache …

Als nichts dergleichen geschah, zog er sich wieder auf sein Bett zurück. Dort hielt er es aber nicht lange aus. Er stand wieder auf und schloss die Tür von innen ab, als wollte er verhindern, dass jemand (Bill?) eintreten könnte. Dann schob er einen Stuhl ans Fenster und starrte in die Dunkelheit.

Mittlerweile war es fast zehn Uhr. Von den Eltern ließ sich niemand blicken. Das war ungewöhnlich. Inzwischen versuchte besonders Kay Marsten wieder den üblichen Trott einzuhalten …

Ein Geräusch im dunklen Garten lenkte Jonathan ab.

Als er nach unten sah, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Bill stand dort und starrte direkt zu ihm herauf, als könnte er ihn hinter der Scheibe im dunklen Zimmer sehen.

Jonathan hatte nicht gehört, wie er das Zimmer verlassen hatte. Er kniff die Augen zusammen. Das Bild seines Bruders, der starr wie eine Statue im Garten stand, blieb.

Was hatte er vor? Wo wollte er um diese Zeit noch hin?

Jonathan bannte den Gedanken, der ihn instinktiv beschlich (Er wartet auf dich!) in den hintersten Winkel und erhob sich. Noch merkwürdiger war ihm zumute, als er Bills Zimmer passierte und er den Eindruck nicht loswurde, dass sich sein Bruder immer noch dort drin aufhielt – obwohl er ihn gerade im Garten gesehen hatte …

Es fängt wieder an, dachte er. Es macht mich ganz kirre.

Es bereitete keine Mühe, am Wohnzimmer, wo der Fernseher leise lief, vorbeizukommen, ohne dass es jemand bemerkte. Fast lautlos bewegte sich Jonathan wenig später über den Rasen nach hinten. Insgeheim rechnete er schon nicht mehr damit, seinen Bruder anzutreffen. Vielleicht hoffte er es sogar. Aber er stand unverändert da wie ein dreidimensionaler Schatten. Das Sternenlicht löste die Schwärze nicht auf; das Ganze erinnerte an „Barney“ und seinen „Hut“ …

Als Jonathan gerade die Unwirklichkeit seines Handelns bewusst werden wollte, bewegte sich Bill. Obwohl er kein Zeichen des Erkennens gab, war es, als hätte er nur auf Jonathans Ankunft gewartet.

Er bewegte sich hölzern über das Grundstück auf den niedrigen Trennzaun zu, der zur Parallelstraße führte. Dort gab es eine Lücke, durch die man sich mühelos zwängen konnte.

Jonathan folgte Bill. Es war mehr als ein Gefühl, dass er diese Gelegenheit, hinter das Geheimnis seines Bruders zu kommen, nicht versäumen durfte – er wusste es. Und er war sich fast sicher – welch eigenartiger Gedanke, dass Bill sich darüber im Klaren war, verfolgt zu werden …

Die Bürgersteige der Straßen, die Bill wählte, waren menschenleer. Niemand führte gerade mal schnell seinen Hund spazieren; niemand trat zufällig vor sein Haus oder war zu Fuß auf dem Heimweg von irgendwoher. Ab und zu fuhr ein Wagen vorbei, ohne die Geschwindigkeit zu drosseln. Das war alles.

Die Strecke ins Village zog sich quälend dahin. Dennoch kam Jonathan nicht auf den Gedanken umzukehren. Es war Nacht, und Bill war auf den Beinen. Das genügte, seinen Argwohn und seine Neugierde wachzuhalten.

Als das Haus der Hebamme in Sichtweite kam, spürte Jonathan, dass eine Entscheidung anstand. All seine Beobachtungen, alle Vorfälle der letzten Tage trieben einem Höhepunkt entgegen.

Bei der hohen Eiche, wo er tagsüber mit dem Fahrrad gestoppt hatte, hielt er auch diesmal inne. Von hier aus verfolgte er, wie Bill den Vorgarten durchquerte und an die Türe des dunklen Hauses klopfte.

Die Tür öffnete sich ohne Verzug. Bill ging hinein.

Die Tür schloss sich wie der Eingang einer Falle.

Vor der Tür blieb Jonathan stehen. „Nur Mut“, rief die Frauenstimme. „Wir fressen dich nicht auf.“

Gelächter, das die Behauptung in Zweifel stellte.

Jonathan spürte leise Vibrationen unter seinen Füßen, als würde sich das Haus selbst an den Heiterkeitsausbrüchen beteiligen.

Vor ihm in der Finsternis wurde ein Streichholz angerissen.

Jonathan erkannte Bill, der steifbeinig dastand und ihn anstarrte. „Komm rein“, sagte er tonlos. „Lass uns über alles reden.“

Das Zündholz erlosch.

Bill wurde unsichtbar.

An anderer Stelle wurde ein neues Streichholz angerissen.

„Früher oder später musstest du dahinterkommen“, sagte die kleine, stämmige Frau schmeichelnd. Ihre Fischaugen loteten Jonathan aus wie ein Röntgengerät. „Bill kam her, um zu erfahren, was damals wirklich geschah. Bei eurer Geburt …“

Das Zündholz erlosch. Die Frau, die Benedicte Hootch sein musste, verschwand.

„Dicte wird dir alles erklären“, sagte Bill. „Rod, ich und du … Auf uns wartet eine Bestimmung …“

Ich träume, dachte Jonathan, Und im Traum wollte er es riskieren: Er übertrat die Schwelle eines Hauses, in dem die Frau lebte, die ihre Geburt vor siebzehn Jahren betreut hatte.

Mit lautem Knall fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Jonathan wollte herumfahren, aber in diesem Moment zündete Benedicte Hootch direkt vor ihm das dritte Streichholz an. Sie stand so nah, dass Jonathan nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um sie zu berühren.

Jonathan bewegte sich aus dem Schatten der Eiche auf das Haus zu. Er hatte plötzlich Angst um Bill – das Bedürfnis, ihm zur Seite zu stehen …

Das Gartentor stand offen und rührte sich nicht. Aus den Bäumen und Büschen drang kein Laut. Nur aus dem Haus selbst sickerte leise, verführerische Musik in die finstere Nacht.

Jonathan schlich über von Moos bewachsene Steinplatten. Er überlegte, ob er durch eines der tiefer liegenden Fenster spähen sollte, hinter denen, obwohl die Läden offenstanden, immer noch kein Licht brannte. Die Fenster schienen wie blinde Augenhöhlen auf Jonathan nieder zu starren.

Als er nur noch ein paar Schritte entfernt, in der Dunkelheit stand, öffnete sich die Haustür.

„Komm herein“, sagte eine Frauenstimme.

Durch Jonathans Adern rann Eiswasser statt Blut. Er wollte sich umwenden und fliehen, aber die Stimme wiederholte sirenenhaft: „Du wolltest es doch. Du wolltest doch deine alte Amme besuchen …!“

Deine alte Amme.

Jonathan setzte sich in Bewegung, als hätte jemand eine geheime Formel ausgesprochen, die seine Beine mit eigenem Leben und eigenem Willen erfüllte.

Die Stimme aus dem Dunkel lockte: „Du hast den Ruf verstanden, nur das zählt. Sag ihm, dass er nichts zu befürchten hat, Bill …“

„Du hast nichts zu befürchten“, sagte Bill.

Jonathan trieb auf die offene Tür zu wie auf etwas Unvermeidliches. Die pastorale Musik behielt ihre gleichbleibende Lautstärke. Niemand machte Licht. Gähnende Schwärze und Klänge, die eine unbekannte Seite in Jonathan ansprachen …

So nah, dass Gespenstisches enthüllt wurde.

Die Tatsache, dass es kein Streichholz gab, sondern ein Finger ihrer zweigliedrigen Hand selbst zu brennen schien, war noch das Geringste. Jeder drittklassige Gaukler mochte es schaffen, dies mit etwas Übung vorzutäuschen.

Als sie dann aber vor seinen Augen zu zerfließen begann wie eine Wachsfigur in heißer Saharasonne, zweifelte Jonathan an einer Illusion. Porzellankälte durchströmte seine Knochen. Vor seinen Augen ordnete sich die zerfließende Masse neu. Aus der Hebamme wurde Bill, begleitet von wechselndem Gelächter, das aus der Dunkelheit zu ihm heranwehte.

Jonathan warf sich herum und riss am Türknauf.

Er bewegte sich keinen Millimeter, und als er sich mit der Schulter dagegen warf, erschien ihm das Türblatt wie ein Fels, den nichts bewegen konnte. Der Finger der Wechselgestalt brannte immer noch und legte diffuse Helligkeit über die Umgebung. Jonathan erkannte ein Fenster und wandte sich dorthin. Aber die Scheibe, so dünn sie auch schien, hielt jedem Versuch stand, sie einzuschlagen. Panzerglas konnte nicht härter sein.

Obwohl er von den Aktionen erhitzt war, wurde die Kälte um ihn herum immer schlimmer.

„Beruhige dich“, sagte „Bill“. Die Gestalt schwebte auf ihn zu, ohne richtig den Boden zu berühren. Gleichzeitig wechselten die Züge, und die alte Hebamme kam erneut zum Vorschein. Mit veränderter Stimme fügte sie hinzu: „Wehre dich nicht länger dagegen. Du weißt, dass du zu uns gehörst …“

„Wer – sind Sie?“, presste Jonathan von Grauen erfüllt hervor. Er konnte kaum noch klar denken. War er gar nicht Bill von zu Hause bis hierher gefolgt? War er die ganze Zeit diesem … Wesen auf den Leim gegangen? Aber wo war dann Bill? Gab es ihn gar nicht mehr, war er längst tot?

„Viele Fragen“, seufzte Benedicte Hootch – wenn sie es war. „Die Antworten findest du alle hier. Du musst es nur wollen, musst dich uns öffnen …“

Die Flamme an der Hand erlosch. Zugleich setzte eine Veränderung der Umgebung ein, als würde jemand unsichtbar installierte Lichtquellen, hochdimmen.

Jonathan sah, dass er in einem kahlen, unmöblierten Raum stand, der direkt hinter der Haustür begann und sich ohne Zwischenwände über die gesamte Grundrissfläche des Gebäudes auszudehnen schien. Nur im Zentrum klaffte ein Loch wie eine offene Wunde.

Die Decke sah aus wie das nächtliche, sternerfüllte Firmament. Von einem weiteren Stockwerk oder dem Dach gab es keine Spur. Milchige Helligkeit waberte wie englischer Nebel im Raum, ausgeschwitzt von den Wänden, in denen Jonathan plötzlich vergeblich nach einer Fluchttür oder Fenstern suchte. Glatt, wie aus Marmor gegossen, präsentierten sich die Flächen makellos.

Die Wechselgestalt sagte: „Du kannst nicht vor dir selbst fliehen. Du bist ein Schattenkind.“

Jonathan wurde von Bewegung an den Wänden abgelenkt. Eine Geisterhand malte Runen wie mit Flammenschrift darauf. Mene mene tekel upharsin. Gezählt, gezählt, gewogen und geteilt … Die Geisterschrift aus der Bibel fiel ihm ein, obwohl die Schriftzeichen, die hier benutzt wurden, keiner menschlichen Sprache entstammten. Etwas Fremdartigeres hatte Jonathan nie gesehen, und doch weckte es ein dumpfes Echo auf dem Grund seiner Seele. Er erschrak selbst vor diesem Reflex.

Dann, übergangslos, verschwanden die Runen und wurden von Bildern abgelöst. Lebenden Bildern.

Jede der vier Wände zeigte etwas anderes, verklärt von den milchigen Nebelschleiern.

Jonathan stöhnte auf.

„Sue …“, rann es über seine Lippen.

Vermischte Stimmen drangen an sein Ohr. Es war, als wäre er Bestandteil jeder einzelnen Szene. Der unsichtbare Zeuge.

„… bist wunderschön.“ – „Rede nie wieder so mit mir.“ – „Nie wieder …“

Es war seine eigene Stimme und die von Sue, die er hörte. Sie waren beim Kriegerdenkmal, und jetzt küssten sie sich voller Leidenschaft und – Gier?

Was waren das für Bilder? Er konnte sich nicht daran erinnern. Wann war das geschehen?

Die Spritze in der Hand von Benedicte Hootch. Das plärrende Kind in der Wiege neben den beiden anderen Säuglingen. Die Hebamme war allein im Raum mit den Drillingen. Eine haarfeine Nadel senkte sich in den Nacken des Babys, und es hörte schlagartig auf zu schreien. – „Tot, Doc. Es ist … tot“, keuchte Ben Marsten. – „Neun Leben hat die Katz’“, presste Kay Marsten unbestimmt hervor, den Blick starr auf das kalte Kind gerichtet.

Ein Schrei lenkte Jonathans Aufmerksamkeit auf die dritte Wand.

Totenbleich stand der uralte Mann in schwarzer Robe vor dem Altar mit der Christusfigur. „Wer – bist – du?“, schrie er erstickt. „Weiche von mir, Satan!“, Sein Gesicht war eine Fratze des Grauens. Kurz darauf brach er zusammen und blieb zuckend liegen.

Jonathan ahnte, wer vor seinen Augen gerade starb. Dorn. Reverend Dorn, der Rod in ungeweihter Erde bestattet hatte.

Die pastorale Musik steigerte sich zu einem wilden Stakkato und verstummte dann abrupt.

„Nicht! Du bist verrückt. Wenn meine Frau kommt …“ – „Deine Frau?“, Das Mädchen kicherte boshaft. „Wann habt ihr es das letzte Mal miteinander getrieben? Komm schon, ich zeige dir den Himmel auf Erden …“

Alles, was Jonathan bislang erlebt hatte, wurde durch das Geschehen an der vierten Wand in den Schatten gestellt. Er glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren und in einen dunklen Schacht zu stürzen.

Die beiden Personen, die sich gerade dem alten Spiel widmeten, schnürten ihm das Herz ab. Als sein Vater dem Umwerben Sues dann nachgab, sie in die Arme nahm und küsste, war es endgültig um Jonathans Fassung geschehen.

„Aufhören!“ brüllte er und ballte die Fäuste. „Was habt ihr vor mit mir? Was ist das hier?“

„Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft“, lächelte Benedicte Hootch. „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Du bist verwirrt, aber auch das wird vergehen. Willst du mehr sehen?“

Ich will hier raus!, dachte Jonathan.

Er rannte auf die Wechselgestalt zu, die ihm den Weg verstellte, und stieß sie hart zu Seite. Das schwammige Gefühl, das er dabei hatte, erinnerte ihn erneut an „Barney“, die Madengestalt.

Gelächter folgte ihm, als er auf das Loch im Boden zustrebte. Eine Wendeltreppe führte in düstere Tiefen. Vielleicht gab es dort unten einen Ausweg.

Jonathan hastete die Treppe hinunter in eine Welt, die aussah, wie ein Grab. Nekrophile Gerüche empfingen ihn. Dunkelheit, in der er zu sehen vermochte.

Eine Tür versperrte ihm den Weg.

Eine anthrazitfarbene Tür aus Stein, auf der sich reliefartig das rötlich pulsierende Skelett eines kindsgroßen Wesens abzeichnete. Jonathan streckte wie unter Zwang die Hand aus und berührte den vorgewölbten Stirnknochen.

Die Tür schwang fauchend nach innen, als öffne sich der Vakuumverschluss einer Cola-Dose. Jonathan wurde vom Sog nach innen getragen in eine alchemistische Hexenküche, in der Destillationsapparate zischten und brodelten und ein unglaublicher Gestank über allem lastete.

An den Wänden hingen Gobelins, wie aus trockenen, brüchigen Spinnenfäden gewebt. Die kunstvollen Stickereien hatten alle nur ein Thema. Sie zeigten Männer und Frauen, die sich nackt miteinander vergnügten und aus deren Rachen beim Kussaustausch dämonische Gestalten von einem zum anderen wechselten.

Die Bilder weckten dumpfes Wiedererkennen in Jonathan. Er wandte sich brüsk ab.

Zwischen zwei Tischen lag eine wimmernde Gestalt neben einem am Boden zerschellten, leeren, modrigen Sarg. Das Gesicht des Mannes versetzte Jonathan einen Schock. Er kannte ihn von Bildern. Es war Jim Huxley.

Der Mann lebte noch, aber es sah nicht aus, als könnte er das, was mit ihm geschah, überleben. Unter dem Fleisch, das seine Wangenknochen umspannte, zuckte und wand sich etwas, als wollte es jeden Moment hervorbrechen.

Als er Jonathan bemerkte, klärte sich Huxleys Blick. „Du!“, stieß er hervor. „Wer – bist du? Ich wollte es nicht tun. Wollte nicht graben. War so schwer … Nach all den Jahren … Du! Wer – bist du …?“

„Jonathan Marsten“, sagte Jonathan. Die Qual in Huxleys Stimme zwang ihn zu einer Antwort.

„Sein Bruder …“, hauchte der Mann, der seine Frau wie ein Metzger getötet hatte. Etwas Gehetztes schwang plötzlich in seinem Ton mit. „Hast du – die Frau gesehen?“

„Benedicte Hootch?“, fragte Jonathan, ohne den Raum aus den Augen zu lassen.

„Sie nahm es mir ab und verschwand damit …“

„Was nahm sie Ihnen ab?“

„Das Kind … deinen Bruder. Er war noch so, wie wir ihn damals fanden. Deine Eltern, Dorn, der Colonel und – ich …“

„Was heißt, er war noch so?“

„Unverändert!“, stieß Huxley mit einem Schwall Blut hervor, das zäh über sein Kinn rann. „Kohlrabenschwarz, wie für die Ewigkeit – konserviert …“

Seine Stimme endete in einem Hustenanfall, der neues Blut nach oben beförderte.

„Was geschah dann?“, fragte Jonathan erregt. „Was – tat sie mit ihm?“

„Sie?“, Huxley gurgelte. „Nichts! Das Haus … das Haus – verschlang ihn …!“

Einen Moment dachte Jonathan, er rede irre. Aber Huxley fuhr fort: „Das Haus – ist kein Haus. Ich kann es – spüren. Es zerrt an mir. An meiner Seele. Es besteht nicht aus dem, was du siehst. Kein Stein. Es – wandert. Raubt – Seelen. Sucht … ich weiß nicht, was … Energie, ist nichts als Energie, böse Ener…“

Huxleys Kopf kippte nach vorn. Ein letztes Aufbäumen schüttelte seinen Körper, dann war er still.

Als Jonathan sah, dass Huxleys Haut wie eine überreife Frucht aufplatzte, sprang er zurück. Er stieß gegen gläsernes Gerät, das zu Boden stürzte und seinen glibberigen Inhalt verströmte.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, floh er auf die Tür zu, aus der ihm der Totenschädel eines Kindes mit vertrauten Zügen entgegengrinste.

Er hatte genug gesehen, um zu wissen, dass es von hier auch keinen Weg zurück ins Freie gab.

Er schaltete alle Gedanken aus und rannte die Treppe hinauf, die sich plötzlich in einer endlosen Spirale zu drehen begann. Völlig erschöpft kam er auf Händen und Füßen oben an.

Benedicte Hootch beugte sich über ihn.

„Wir lieben dich alle“, flüsterte sie. „Du bist unsere ganze Hoffnung. So lange haben wir nach der besten Konstellation gesucht, die Erde und die Jahrhunderte durchstreift. Drillinge mussten es sein – einer auf den anderen aufbauend. Der Tod als Chance. Das Jenseits als Schule. Schattenkinder kehren zurück. Schattenkinder beherrschen die Welt …“

Jonathan hörte kaum, was sie faselte. Er sah ihre Hand auf sich zukommen. Etwas in ihm schrie voller Verzweiflung auf. Wehre dich! Lass es nicht zu!

Unheilschwangere Begriffe wie Antichrist, Satan, Das Böse an sich durchzuckten ihn.

Seine eigene Hand verschwand in der Hosentasche und holte etwas hervor. Einen Stummel „magische Kreide“ …

Jonathan wich zur Seite und entging der Berührung der Hebamme. Wieder versuchte er, alles auszumerzen, was ihn hätte zögern lassen. Seine Beschäftigung mit Dingen, die von anderen stets belächelt worden waren, erschien ihm jetzt als letzte Möglichkeit der Rettung aus diesem Strudel des Wahnsinns.

Fahrig malte er ein Tetragramm zwischen sich und Benedicte Hootch, die gerade nachsetzen wollte.

J H W H

Beim letzten Buchstaben der Symbolik, die für den hebräischen Gottesnamen Jahve stand, stieß das Wechselwesen, das Jonathan als „Bill“ getäuscht hatte, einen grausigen Schrei aus und torkelte, beide Hände um die eigene Kehle gekrallt, orientierungslos zurück.

Zugleich begann das Haus selbst in seinen Grundfesten zu brüllen und zu beben.

Von einem solch durchschlagenden Erfolg wurde Jonathan selbst völlig überrumpelt.

Die Bilder an den Wänden erloschen. Flammen schlugen heraus. Feurige Zungen, reptilienhaft gespalten, leckten nach ihm, zuckten aber vor dem Tetragramm auf dem Boden zurück. Die Luft begann zu flimmern, und die Erschütterungen verstärkten sich, sodass bereits erste Brocken von der Decke stürzten.

Plötzlich gab es wieder eine Tür und Fenster, die in einer explosionsartigen Verpuffung aufflogen.

Jonathan rannte, ohne zu überlegen, hinaus in die Nacht.

Hinter ihm barst Gemäuer, ächzten Tragbalken, knirschte die Schieferbedachung. Flammen zuckten wie zur Faust geballte Hände zum Himmel. Flüsternde Stimmen, in den Mauern gespeichert und nun im Untergang befreit, schwollen zu einem Orkan an. Eine brennende Gestalt tauchte in der Türöffnung auf. Das Feuer ließ sie schrumpfen. Flüche rannen aus dem verdorrenden Mund.

„Ich bin nur eine Dienerin … Eine Dienerin!“, schrie Benedicte Hootch. „Ich …“

Flammenarme griffen von hinten zu und zerrten sie ins Innere des wankenden Gebäudes zurück.

Jonathan erreichte schweißüberströmt die Straße. Kein Beben war hier, abseits der Apokalypse, spürbar. Nur infernalischer Lärm, in den sich von fern Sirenengeheul mischte.

Dann tat sich plötzlich ein riesiger Erdspalt auf, der das gesamte Gebäude wie eine monströse Fahrstuhlkabine nach unten kippen ließ. Staub und Dämpfe stoben als Fontäne in die Luft, und als sie sich senkten, war nichts anderes mehr zu sehen als verwüstetes Terrain.

Jonathan wartete das Eintreffen von Polizei und Feuerwehr nicht ab. Er rannte wie von Furien gehetzt nach Hause. Sue, dachte er quälend. Dad …

Die Menetekel der Wände hatten sich unvergesslich in sein Inneres gebrannt.

Mene mene tekel upharsin …

 

 

26. Kapitel

 

Der hochgewachsene Mann mit dem immer noch lackschwarzen Haar legte den Brief beiseite, den er an einen befreundeten Mediziner in Houston geschrieben hatte. Darin ersuchte er den Kollegen, sich einem besonderen Fall in seiner neurologischen Klinik anzunehmen.

Er faltete das Schreiben und steckte es in ein vorbereitetes Kuvert, um es gleich morgen bei der Post aufzugeben. Mit der Zunge feuchtete er die Gummierung an und strich mehrmals mit dem Ballen seiner Hand darüber.

Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und nahm eine Zigarette aus dem bereitliegenden Etui. Mitten in das genussvolle Rauchen, von dem er Patienten stets abriet, fiel das Klopfen an die Wohnungstür.

Doc Dylan streifte die Uhr auf dem Schreibtisch mit einem kurzen Blick. Mitternacht war bereits überschritten, aber es kam häufig vor, dass ihn Leute nachts aus dem Schlaf rissen. Meist jedoch telefonisch.

Er beeilte sich, zur Tür zu kommen, und war dann doch über seinen nächtlichen Besucher verblüfft.

„Jonathan? – Nein, Bill … Jonathan?“

Der Junge vor der Tür lächelte. Hinter ihm bewegte sich eine zweite Gestalt.

„Sue? Sue Voight …?“

„Dürfen wir stören?“

„Worum geht es?“ Doc Dylan spürte ein seltenes Gefühl der Beklemmung. Gleichzeitig gab er jedoch den Durchgang frei.

Das Mädchen lächelte scheinbar verschämt, als sie ganz dicht an ihm vorbeihuschte:

„Sue hat sich in Sie verliebt, Doc“, sagte Jonathan (oder Bill?) Marsten und rückte nach. „Sie möchte Sie unbedingt küssen …“

 

 

27. Kapitel

 

Hinter den Fenstern seines Elternhauses brannte Licht, als Jonathan eintraf. Er nahm zunächst an, dass sich die Nachricht vom Einsturz im Village bereits bis hierher verbreitet hatte. Möglicherweise hatte man sogar den Lärm hören können.

Mit dem, was ihn im Wohnzimmer erwartete, rechnete er nicht im Entferntesten.

Seine Eltern saßen mit Besuchern zusammen. Zumindest dachte Jonathan das im ersten Moment, bis er Mr. und Mrs. Voight erkannte.

Sein Erscheinen löste die eigenartigsten Reaktionen aus. Jonathan, dem das eigene Horrorerlebnis auf der Seele brannte und ein Ventil suchte, begriff, dass auch hier etwas in seiner Abwesenheit geschehen war.

„Junge …“, setzte seine Mutter an.

Jonathan stakste wie auf Stelzen näher zu der Sitzgarnitur. Er mied den Blick seines Vaters, der – ob als Trugbild oder in Wirklichkeit – Sues Drängen nachgegeben hatte.

„Was ist passiert?“, fragte Jonathan. „Ihr sitzt da wie … wie …“

Ben Marsten räusperte sich, während die Mienen der Voights nur nackte Angst widerspiegelten.

„Du musst – mit ihm reden, Jon … Wir konnten doch nicht – die Polizei rufen …“

Jonathan blieb zwischen dem Sessel seiner Mutter und Mrs. Voight stehen. Niemand schien auf seine Schrammen und die zerfetzte Kleidung zu achten. Woher er kam, wollte niemand wissen. Er war da, das zählte.

„Was – ist – passiert?“

Er machte zwischen jedem Wort eine kleine Pause.

Mr. Voight sagte: „Er hat Sue in seiner Gewalt. Wir dachten zuerst, du seist es, aber …“

„Er brachte sie mit nach Hause. Vorhin. Wir wussten nicht, dass du nicht oben bist“, sprudelte es über Ben Marstens Lippen. „Er ging an meinen Waffenschrank, lud ein Gewehr und ging damit nach oben. Wir entdeckten es erst, als es zu spät war. Deine Mutter und ich lagen bereits im Bett. Er weckte, uns – mit der Waffe. Danach verschanzte er sich in seinem Zimmer, und wir riefen die Voights an …“

„Ein Gewehr?“, wiederholte Jonathan, dem die Schwäche endgültig in die Glieder fuhr. „Was will er damit?“

„Er droht …“ Mrs. Voight schluchzte auf. Sie hatte ein zerknülltes Taschentuch gegen den Mund gepresst, das ihre Stimme dumpf verzerrte. „Er droht – sie zu erschießen …“

„Sue?“

„Wenn du nicht zu ihm kommst“, nickte sein Vater. „Er kam und suchte dich. Aber du warst nicht da. Nicht da“, wiederholte er stupide.

„Ich war im Haus von Mrs. Hootch“, stieß Jonathan hervor.

„Wartet oben“, murmelte Mr. Voight. „Mit Sue.“

„Ihr wollt wirklich, dass ich hinaufgehe und mich erschießen lasse?“, schrie Jonathan fassungslos.

Seine Mutter schüttelte den Kopf. „Er ist nur durcheinander. Will niemand sehen außer dir. Du – musst ihm helfen …“

Jonathan begriff, was seine Eltern glaubten: Sie hatten Angst, dass Bill sich selbst etwas mit dem Gewehr antun könnte. So wie er es im Krankenhaus mit der Spritze versucht hatte.

„Holt die Polizei“, riet er.

Niemand reagierte. Nur Sues Eltern rutschten nervös auf der Couch hin und her.

„Reverend Barnabas hat vorhin angerufen“, sagte Kay Marsten, als gäbe es im Moment nichts Wichtigeres. „Wir sollen dir ausrichten, dass Jim Huxley aus der geschlossenen Anstalt entflohen ist und dabei einen Wärter getötet hat. Schon vor zwei Tagen. Niemand weiß, wo er sich seither aufhält …“

Ich weiß es, dachte Jonathan müde.

In dieser Sekunde fiel oben ein Schuss.

Alles erstarrte.

Dann erklangen Schritte auf der Treppe, und die Augen richteten sich auf die Tür.

Bill kam hereingewankt. Jonathan fiel sofort auf, dass er seine Sachen trug. Das karierte Hemd war voller Blut. Bill hielt beide Hände gegen den Bauch gepresst, als könnte er die Blutung damit beeinträchtigen. Sein Blick war auf Jonathan gerichtet. Er lächelte und ging einfach weiter.

„Ich hörte dich kommen … war kurz abgelenkt … Sue, dieses Biest …“ Er kippte seinem Bruder entgegen.

Jonathan konnte nicht anders, als ihn aufzufangen. Bill rutschte ihm fast durch die Hände. Sie gingen beide zu Boden. Bill lächelte matt.

„Du warst – bei ihr …?“, röchelte er so leise, dass nur Jonathan ihn verstehen konnte.

Sue kam in den Raum. Unbewaffnet. Sie musste das Gewehr fortgeworfen haben und rannte jetzt zu ihren Eltern, wo sie ihrer Mutter an die Brust fiel.

Jonathan hatte plötzlich das scheußliche Gefühl, wieder im Haus von Mrs. Hootch zu stehen und eine Farce vorgespielt zu bekommen. Aus den Augenwinkeln sah er Sue, wie sie ihre Mutter küsste. Auf den Mund.

„Bill …“, murmelte Jonathan.

„Ich bin nicht mehr – Bill. Ich war … Rod – ehe …“ Sein Bruder spuckte Blut. „Ich war nur ein Gefäß – eine Übergangslösung, um IHN aufzunehmen, solange du – noch nicht bereit warst … Dieses Gefäß – ist nun zersprungen. Spürst du, wie sich sein Inhalt … ergießt …?“

Bills Hände schossen hoch und schlossen sich wie Stahlklammern um Jonathans Hals. Sofort drückte er zu.

Alle schauten zu. Niemand griff ein.

Jonathan versuchte sich aus dem Würgegriff zu befreien. Er rang mit seinem Bruder, der ihm seine Schwäche nur vorgegaukelt hatte (War er überhaupt angeschossen?).

Ihm wurde schwarz vor Augen, und er dachte: Nein! So kann es doch nicht enden! Die Antworten – wo bleiben die Antworten? Warum geschieht das alles – welcher Plan steckt dahinter? Rod war siebzehn Jahre tot und ist nun in Bill zurückgekehrt? Warum? Was geschah in all der Zeit mit ihm, drüben, jenseits der … Schwelle?

Seine Vision blitzte noch einmal auf. Die Ebene mit den Kindern im Stein …

Die Gesichter, die alle einander ähnelten …

Gab es einen Ort jenseits der Vorstellung, wo die Seelen – auserwählter – Verstorbener darauf vorbereitet wurden, zu den Lebenden zurückzukehren, und dort …

Und dort …?

Jonathan verlor die Besinnung und fiel in bleiernen Schlaf.

Als er nach unbestimmter Zeit wieder erwachte, starrte er zuerst auf seine Fingernägel, deren Schwärze sich ausbreitete wie ein unzerstörbarer Panzer.

Wir Schattenkinder, echote es in ihm. Dicte hatte recht.

Er atmete tief und hungrig durch. Sein Brustkorb wölbte sich machtvoll, als er den Gedanken weiterspann: Heute noch gehört uns nur diese winzige, schläfrige Stadt – aber morgen schon …

Sue trat auf ihn zu, gefolgt von anderen, deren Namen er vergessen hatte, lächelte sanft und fordernd zugleich und reichte ihm die Schattenhand.

 

 

ENDE

Details

Seiten
767
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935363
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v511370
Schlagworte
reich finsternis horror-sonderedition

Autoren

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Titel: Aus dem Reich der Finsternis - Horror-Sonderedition