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CALLAHAN #22: Treue zählt mehr als Gold

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Treue zählt mehr als Gold

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 22

 

Treue zählt mehr als Gold

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Edward Martin

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Klappentext:

Als es mich erwischte, hatte ich mit allem, nur nicht damit gerechnet. Und ausgerechnet auf dem Rückweg passierte es! Die tausend Meilen unseres Treibens von Südtexas bis nach Dodge City waren glatt verlaufen; sagenhaft glatt sogar. Es hatte keinerlei Probleme und Schwierigkeiten gegeben auf diesem weiten Weg bis nach Kansas. Zwei Stunden hinter dem Militärposten im Indianerterritorium war meine Glückssträhne beendet. In der Form, dass ich mir ein Bein brach und nicht mehr weiterreiten konnte. Aber falls ich gehofft hatte, dass dies das einzige Problem war, das mich in nächster Zeit beschäftigen würde, so täuschte ich mich – und zwar ganz gewaltig. Denn der eigentliche Ärger sollte erst noch beginnen ...

 

 

 

Roman:

Wir suchten einen Übergang über den Cimarron River. Es schüttete nur so vom Himmel herunter, und der Fluss führte Hochwasser. Wir ritten am Uferhang entlang, hatten aber bis jetzt noch keinen Übergang gefunden.

Alle achtzehn Männer ritten wir hintereinander; ich hielt den Schluss.

Zusammengesunken hockte ich im Sattel. Der Regen klatschte nur so auf mich herab. Und plötzlich geschah es!

Meinem Pferd schien etwas die Beine unter dem Leib wegzuziehen.

Plötzlich sackte das Tier unter mir regelrecht weg. Es war, als stürzten wir beide, Pferd und ich, ins Nichts. Ich sah vor mir noch meinen Vordermann und sein Pferd. Dann auf einmal war das alles hoch über mir, ich wurde zur Seite geschleudert, klammerte mich aber instinktiv am Sattelhorn fest, und das war mein Fehler. Viel zu spät begriff ich, was da geschah.

Und als ich es begriff, wurde ich schon aus dem Sattel gestoßen, sah plötzlich mein Pferd neben mir, bekam einen Schlag an den Kopf und verlor fast das Bewusstsein.

Ein weiterer Schlag traf meinen linken Oberschenkel, und ich spürte, dass ich in die Tiefe kollerte.

Vergeblich versuchte ich Halt zu finden, da klatschte es schon, als mein Brauner in die Flut des Cimarron stürzte. Unmittelbar danach lag ich selbst im Wasser.

Ich tauchte unter, versuchte wieder nach oben zu kommen und erhielt plötzlich einen zweiten Schlag an den Kopf. Mir war, als würde ich von einer Riesenfaust in die schwärzeste Finsternis gezogen, und meine letzte Empfindung war: Es ist aus! Du bist verloren!

 

*

 

Ich weiß nicht, wie lange ich ohne Bewusstsein gewesen bin, aber plötzlich kam ich zu mir, hatte furchtbare Atemnot und fühlte mich von eisiger Kälte umklammert. Instinktiv versuchte ich mich irgendwo festzuhalten, und meine Hände gerieten in dorniges Astwerk. Der Schmerz, als meine Finger in die Dornen gerieten, machte mich vollends wach.

Der Druck im Schädel, ein Reißen im linken Oberschenkel erinnerten mich sehr rasch daran, was mir widerfahren war.

Ich versuchte etwas zu erkennen, aber es herrschte dämmrige Beleuchtung um mich herum. Erst nach einer Weile konnte ich genauer erkennen, wo ich mich befand. Ich steckte im Wasser, aber über mir wölbte sich überhängendes Ufer mit Strauchwerk, in dem ich mich ebenfalls gefangen hatte.

So hast du dir dein Ende nicht vorgestellt Jed Callahan, sagte ich zu mir selbst. Das hättest du nie gedacht. Ertränkt, von Schmutz erschlagen, einfach krepiert, nachdem alles so gut gelaufen war. Und die anderen suchen dich nicht. Verdammt noch mal, die müssen mich doch suchen!

Plötzlich hörte ich sie. Ich hörte ihre Rufe. Ich hörte sogar, wie Archie den anderen zurief: „Nicht zu nahe ans Ufer heran! Es könnte abbrechen. Vorsicht! Das ist alles unterspült!“

Natürlich, dachte ich, es ist unterspült. Ich muss ihnen zurufen, dass ich hier stecke! Ich muss es ihnen zurufen!

Ich rief es ihnen zu. Ich schrie, musste wieder husten, und dieser bohrende, stechende Kopfschmerz kehrte zurück, dass mir abermals fast schlecht wurde.

Sie hörten mich nicht. Sie konnten mich nicht hören. Denn der Fluss rauschte, brauste mit seinem Hochwasser talwärts; das war viel lauter als meine vom Husten heiseren Schreie, f

Ich hatte ihre Stimmen doch auch gehört. Wieso hörten sie mich nicht? Diese Narren, sind die taub?

Ich hörte nichts mehr von ihnen. Das Rauschen des Wassers, das der Blätter im Wind, das Knacken des Holzes.

Ein Stück weiter brach das Ufer weg. Zwei Bäume klatschten in die Flut.

Entsetzt starrte ich auf das Überhängende oberhalb von mir. Wann würde es abbrechen?

Schlamm fiel herunter, klatschte mir ins Gesicht. Ganze Brocken kollerten ins Wasser, platschten in die Flut, lösten sich auf. Aber das Ufer selbst hielt noch zusammen, kam nicht herunter.

Es war eine so drohende Gefahr, dass ich es einfach nicht lassen konnte, unverwandt nach oben zu blicken.

Ich hatte Angst! Todesangst! Ich kam hier nicht weg, obgleich ich mich mühte. Aber ich hing hoffnungslos in den Dornen. Und schon die geringste Bewegung mit meinem Bein verursachte solchen panischen Schmerz, dass mir übel wurde. Dennoch war die Angst, hier vom überhängenden Ufer erschlagen und ertränkt zu werden, so groß, dass mein Körper in seiner Verzweiflung alle Energie zusammenballte, den Schmerz überwand und ich es langsam, aber sicher schaffte, mich aus dem Dornengestrüpp zu lösen.

Kaum war ich los, packte mich die Strömung und riss mich mit. Und da wurde mir abermals schlecht. Ich spürte, dass ich die Besinnung verlor, und die Schmerzen in meinem Bein waren noch größer als die im Kopf. Auf einmal war mir alles egal. Sollte ich ruhig untergehen, sollte ich hier sterben. Nur nicht mehr diese wahnsinnigen Schmerzen ertragen müssen.

Ich wurde herumgewirbelt und vermutlich auch untergetaucht. Für eine mir unbekannte Zeit verlor ich das Bewusstsein. Als ich es wiedererlangte, meinte ich ersticken zu müssen. Ich hatte Wasser geschluckt und spürte beim Husten, wie es aus meinen Bronchien wieder herausgedrückt wurde.

Gestrüpp trieb in gleicher Höhe mit mir. Instinktiv versuchte ich es zu erreichen, um mich daran festzuhalten. Aber es bot keinen Halt, als ich es erreichte. Dann war wieder dieser peinigende Schmerz in meinem Bein.

Plötzlich sah ich Slim!

Zusammengekrümmt saß er drüben am Ufer auf seinem Pferd. Aber er blickte in meine Richtung. Gurgelnd schrie ich! Um mich herum brauste und rauschte es. Und trotzdem schien er mich gehört zu haben. Er winkte. Ich hörte ihn brüllen, verstand aber nicht, was er rief.

Dann auf einmal trieb er sein Pferd an, trieb es genau aufs Wasser zu.

Er konnte schwimmen. Er hatte kein gebrochenes Bein wie ich, und er war in der Lage, sich an seinem Pferd festzuhalten. Dieses Pferd erwies sich als hervorragender Schwimmer.

Etwa dreißig Meter trennten mich noch von Slim. Da sah ich ihn erneut das Lasso packen. Und während er sich mit einer Hand am Sattel festhielt, schwang er mit der anderen die Schlinge. Indessen war ich auf etwa zehn Meter heran. Dann flog die Schlinge und legte sich glatt über meine Schultern.

Ich griff hastig zu, hielt mich daran fest, und er zog die Schlinge zusammen. Aber er fasste nicht nur mich, sondern eine ganze Menge Gestrüpp, an das ich mich geklammert hatte.

Jetzt gelang es ihm, das Pferd zurück zum Ufer zu lenken. Natürlich wurden wir immer noch abgetrieben. Aber dieses Pferd war jetzt so etwas wie eine rettende Insel für uns oder eine Art Boot. Dieses Pferd schaffte es, uferwärts zu schwimmen. Slim, der den rechten Arm in einen Lederriemen gehakt hatte, zog jetzt Hand über Hand das Lasso heran und damit mich.

Es gelang ihm, mich an sich heranzuziehen. Und als wir dann beide am Pferd hingen und ich ihn ein wenig gequält angrinste, quetschte er zwischen seinen vom Tabakkauen gelben Zähnen hervor:

„Glaubst du, ich lass dich absaufen, wo du mir noch zwanzig Cents vom letzten Pokerspiel schuldest?“

 

*

 

Später kamen auch die anderen und halfen Slim, mich aus dem Wasser zu ziehen. Ich will nicht im einzelnen beschreiben, welche Hölle das für mich gewesen ist, bis sie mich auf einer Schleppbahre hatten und dann hinter einem Pferd herzogen. Auch das war eine Marter, bei der ich eine ganze Menge Sünden abbüßen musste.

Old Richie, einer der ältesten Treibherden-Cowboys, die ich überhaupt je gekannt habe, untersuchte später mein Bein, und es stand wohl fest, dass der Oberschenkel gebrochen war. Also stimmte meine Vermutung.

Sie beschlossen, mich nach Cloud Chief zu schaffen. Dort war ein Militärposten, und dort gab es zumindest jemand, der mir helfen konnte.

Aber nach Cloud Chief zu reiten, bedeutete für die anderen den Weg zurück. Und so beschlossen sie, dass nur zwei Mann mich dahin bringen sollten.

Ich konnte dazu nichts sagen. Ich hörte nur, wie sie beratschlagten, und schließlich einigten sie sich darauf, dass Slim und Toby mich nach Cloud Chief bringen sollten.

Aber schließlich machte Slim den Vorschlag, es allein zu tun.

„Ich kann es so machen. Es gehört doch nichts dazu. Ich schaffe ihn nach Cloud Chief.“

„Dann musst du allein hinter uns herreiten. Wir können nicht warten, bis du uns eingeholt hast“, meinte Old Richie.

„Ich werde bei ihm bleiben“, erklärte Slim entschlossen.

„Du bist verrückt!“, redete ich dazwischen. „Du kannst nicht bei mir bleiben. Wenn der Oberschenkel richtig gebrochen ist, dann dauert es ein Vierteljahr, bis ich mich wieder auf den Weg machen könnte. Du kannst nicht ein Vierteljahr bei mir herumsitzen.“

Slim sah mich grinsend an. „Wenn du dir einbildest, du kommst um die zwanzig Cents herum, dann hast du dich verdammt getäuscht, Jed.“

Die anderen lachten, und Old Richie sagte: „Es ist vielleicht gut, wenn er bei dir bleibt. Callahan, es gibt schon Nachtfröste. Unsere Herde ist die letzte gewesen, und du hast sie gut nach Dodge gebracht. Pech, dass es dich erwischt hat. Der Abhang war verdammt steil und hoch. Aber jetzt, Callahan, ist es gut, wenn einer bei dir ist. Der muss für dich sorgen. Ich weiß nicht, ob sie es auf der Militärstation tun können. Es sind nur ein paar Mann dort. Alle anderen sind Indianer, Light Horses.“

Light Horses war die indianische Polizei im Indianerterritorium. Sie hatten nur beschränkte Vollmachten. Man hatte sie zum Teil in den Militärstationen angesiedelt. Aber eine so sehr zuverlässige Geschichte war diese indianische Polizei nicht. Die Indianer hatten untereinander auch Stammesfehden, und je nachdem schlugen sich die Light Horses auf die eine oder die andere Seite. Die Probleme der Weißen waren nicht die ihren.

Slim war es jedenfalls nicht auszureden, mich nach Cloud Chief zu bringen, und ich hoffte ihn dort zu überzeugen, dass er den anderen folgen sollte, während ich in der Station mein Bein auskurierte.

Also verabschiedete ich mich von den anderen, deren Treibherdenboss ich gewesen war. Sie ritten zurück ins südliche warme Texas, und ich, ich befand mich hier oben im Norden, dem ein eisiger Winter drohte. In diesem Winter würde mein Bein sicher verheilen; ich hoffte es jedenfalls.

Es gab keine Wahl. Slim hängte den Travois, wie man die Schleppbahre nannte, an eines der Handpferde, nahm es an dem Zügel, sprang in den Sattel seines Falben und ritt los. Und dann kam dieser Höllenweg für mich bis Cloud Chief.

Ich hatte mir mein Halstuch zusammengerollt und zwischen die Zähne geklemmt, um sie mir nicht abzubrechen, wenn ich im verzweifelten Schmerz darauf biss.

Aber wir kamen in Cloud Chief an, und ich war mehr tot als lebendig. Inzwischen hatte sich einiges am Bein entzündet. Ich wurde von Fieberschauern einmal in glühenden Schweiß, dann wieder in eisige Kälte versetzt.

Aber trotz allem Pech hatte ich ein Quentchen Glück. In der Station befand sich zufällig ein Truppenarzt. Der wollte eigentlich am nächsten Tag weggeritten sein und erst im Frühjahr wiederkommen. Jetzt aber befasste er sich mit meinem Bein. Er richtete es ein, schiente es noch einmal neu, und ich wurde in eines der verlausten Betten gesteckt, die sie hier auf der Station hatten. Die Läuse hatten die Indianer eingeschleppt, und sie schienen nicht mehr wegzubringen zu sein. Läuse, die schließlich sogar unter den Gips gerieten und mir das Leben zur Hölle machten.

 

*

 

Von den Indianern waren nur noch drei und die alte Frau da. Die Polizeitruppe der Light Horses löste sich, wenn die weißen Soldaten eine Weile weg waren, so allmählich von selbst auf. Erst im Frühjahr formierte sie sich neu. Den Winter verbrachten viele der Polizisten lieber bei ihren Familien.

Auch jene drei und die alte Frau machten sich noch vor Weihnachten daran, zu ihren Familien zurückzukehren. Leedle, Coleman und Slim schnitten ihnen noch Fleisch vom Elch zurecht und packten ihnen auch gute Stücke vom Bären ein.

Leedle und Coleman besaßen beide Hundeschlitten und auch hervorragende Schlittenhunde. Die alte Frau und der Proviant wurden auf Colemans Schlitten geladen, und dann fuhr Coleman, begleitet von den drei Light Horses und ihren Pferden, auf das Stammeslager der Arapahoes zu. Er würde bis zum Weihnachtsabend zurückgekehrt sein. Wir hofften das jedenfalls. Aber alles sollte ganz anders kommen, als wir es uns ausgerechnet hatten.

Während die fünf noch unterwegs waren, buk Hus Leedle einen Weihnachtspudding. Er hatte ein altes englisches Rezept, und wir waren gespannt darauf, wie er schmecken würde. Mir schien, er selbst war am meisten gespannt. Denn wie er mir später verriet, besaß er nur dieses Rezept, hatte es aber noch nie ausprobiert. Immerhin verfügten wir über so gut wie alle Zutaten.

Damit ich auch etwas zu tun bekam, musste ich Teig rühren. Mir ging es schon so weit besser, dass ich sitzen konnte. Aber noch immer plagten mich die Läuse. Überhaupt war der ganze Bau verlaust. Ich hatte schon Überlegungen getroffen, diese Hütten abzubrennen und neue zu bauen. Dazu hätte ich erst mal auf meinen beiden Beinen stehen müssen. Und daran war noch nicht zu denken.

Immerhin war die Stimmung gut. Slim, der sehr geschickte Hände hatte, schnitt aus Papier Blumen, die er an den Weihnachtsbaum hängen wollte. Einen Weihnachtsbaum hatte Hus Leedle schon besorgt. Er stand bereits in unserer Hütte, der Schnee war herunter. Ein schöner Baum war es. Und ihn zu schmücken, bot Slim alle seine Scherenkunststückchen auf und zauberte mit seinen geschickten Fingern und der Schere die raffiniertesten Girlanden. Ich versuchte ihm dabei zu helfen, aber ich erreichte nie seine Fertigkeit.

Die alte Indianerin hatte uns einen Wandteppich geschenkt. Sozusagen als Dank für den Proviant, den wir ihnen mitgegeben hatten. Dieser Wandteppich war herrlich. Hus Leedle hielt ihn gerade in den Händen und fragte: „Wo sollen wir ihn hinhängen?“

In diesem Augenblick hörten wir sie.

Das Gebell ihrer Hunde war das erste, was wir von ihnen vernahmen. An diesem eisigen Winternachmittag hörte man die Geräusche weit.

Hus Leedle verzog sein faltiges Gesicht, ließ den Teppich sinken und blickte mich an. „Das ist nie im Leben Jack Coleman. Er kann noch nicht zurück sein. Oder es ist etwas passiert.“

Fast automatisch griff er nach seiner Winchester und trat an die Tür. Diese Baracken waren alle so gebaut, dass man sie auch verteidigen konnte, ln der Tür gab es eine kleine Schießscharte. Man musste nur eine Klappe lösen, und der Spalt war frei. Hus Leedle löste diese Klappe und spähte hinaus.

„Hab’ ich es doch gesagt. Ein Schlitten, aber nur vier Hunde davor“, berichtete er. „Es ist ein Schlitten von den Arapahoes.“

Vom Fenster aus konnte man sie nicht sehen. Da lag einfach der Schnee zu hoch. Aber vor der Tür war alles freigeschaufelt.

„Indianer?“, fragte ich.

„Sieht nicht danach aus. Schlecht zu sehen auf diese Entfernung. Aber sie kommen näher, sie halten direkt auf uns zu“, berichtete Leedle. „Es sieht aus, als hätten sie dahinter Pferde. Ja, sie haben Pferde, zwei Stück!“

Es ist eine verdammte Sache, wenn man in einem Bett liegt, nichts tun kann und ganz einfach warten und die Entscheidung anderen überlassen muss. Ich war immer gewohnt gewesen, selbst meine Entscheidung zu fällen, mich nie auf andere zu verlassen. Aber jetzt musste ich das.

„Zwei Weiße, aber sie haben noch jemanden auf dem Schlitten. Einen Verletzten, wie mir scheint. Er ist darauf festgebunden.“

„Festgebunden?“ fragte ich.

„Ich kann es nicht genau sehen, verdammt noch mal. Frag nicht so dumm. Jedenfalls haben sie vier Hunde von den Arapahoes und auch einen Schlitten von ihnen, wie mir scheint. Die Pferde haben sie hinten angebunden. Die kommen kaum nach.“

Wenn der Schnee hoch liegt, ist es eine verdammte Sache, mit einem Pferd unterwegs zu sein. Für die Pferde ist das die mühseligste Schinderei, die es gibt.

Wenn sie Pferde bei sich haben und einen Schlitten der Arapahoes, dann sind es Männer, die mit Pferden gekommen waren und auf irgendeine Weise in den Besitz dieses Schlittens gelangt sein mussten. Auf irgendeine Weise? Was bedeutete das hier? Die Weißen hatten wenig Respekt vor einem Indianer. Das war eine Tatsache. Auf der anderen Seite versuchten die Indianer immer wieder die Weißen, die ihr Gebiet durchzogen, auszuplündern. Sie hatten es ja von den Weißen gelernt.

„Sie sehen aus wie Texaner“, sagte Hus Leedle von der Tür her. „Genauso wie du und Slim ausgesehen haben, als ihr hier angekommen seid. Und wie sie alle aussehen, diese Treibherdenboys.“

„Es war keine Herde mehr unterwegs“, erwiderte ich. „Wir waren die letzte.“

„Dann weiß der Teufel, wo sie herumgehangen haben. Jetzt auf einmal sind sie da. Und auf dem Schlitten liegt eine Indianerin. Verdammt, es liegt eine Indianerin auf dem Schlitten!“

„Eine Indianerin?“, fragte Slim ungläubig.

Ja, eine Indianerin, und ich kenne sie sogar. Sie ist die Tochter eines Häuptlings. Was zum Teufel macht er bei den Arapahoes? Wie kommt sie in dieses Gebiet? Ich weiß nicht, was mit ihr ist. Sie ist festgebunden. Hat man sie gefangen oder ist sie verletzt?“

Der Schlitten war jetzt so nahe, dass man Hundegebell direkt vor der Hütte hörte. Ein Pferd schnaubte, wieherte, ich hörte eine Männerstimme fluchen und eine andere rufen: „He! Sind Weiße im Haus?“

Hus Leedle hatte schon den Lauf seines Gewehres in der Schießscharte.

„Was wollt ihr?“, brüllte er nach draußen. Und dann sagte er leiser, ohne sich umzudrehen: „Diese Burschen sehn wirklich aus wie Texaner, wie Cowboys. Aber der Teufel soll wissen, was sie vorhaben und wie sie an dieses Mädchen kommen. Ein Maskokimädchen. Wenn die Arapahoes sie sehen, fallen sie über sie her.“

„Über eine Frau?“, fragte ich.

"Ja, über eine eine Frau. Ihr Hass auf die Maskoki ist größer als auf die Weißen. Das Unglück der Indianer, dass sie unter inander zerstritten sind und sich gegenseitig aufs Messer bekämpfen.“

„Mann!", brüllte der eine der Weißen. „Wir haben dieses Mädchen mitgebracht. Sie ist verletzt, ein paar andere Indianer sind tot.“

„Wen, zum Teufel, meinst du damit?“, rief Leedle.

„Andere Rothäute. Die Männer, die bei dem Mädchen waren, sind tot. Das Mädchen lebt noch. Und jetzt sind sie allesamt hinter uns her. Nun mach endlich auf, zum Teufel!“

„Wie weit sind sie hinter euch?“, erkundigte sich Leedle gelassen, als wäre noch sehr viel Zeit.

„Vielleicht eine Meile, vielleicht auch nicht“, sagte der Mann draußen. In der Kälte meinte ich sogar seinen Atem zu hören.

„Also los, rein mit dem Mädchen!“, rief Leedle, und dann schob er den Riegel zurück, hielt aber das Gewehr in der Armbeuge. Und Slim bekam von ihm einen Wink, es ebenso zu machen.

Die Tür ging auf, und Leedle und Slim erwarteten die Fremden rechts und links von der Tür, die Gewehre schussbereit in den Händen haltend.

Ich konnte von meinem Bett aus zur Tür sehen. Sicherheitshalber hatte ich meinen Colt unter der Bettdecke. Auch er war schussbereit und die Mündung auf die Tür gerichtet.

Zuerst kam ein Mann herein, dessen Kleidung voller Schnee war. Und dennoch erkannte ich den Hut; ein texanischer Cowboyhut. Der Kälte wegen hatte sich der Mann einen Schal herumgeschlungen und unter dem Kinn zusammengebunden. Eine Kuhhaut trug er wie einen Umhang. Auch um den Unterteil seiner Stiefel hatte er Felle gewickelt. In engen Stiefeln erfror man die Füße, ob man außen etwas herumwickelte oder nicht.

Der Mann war tagelang nicht rasiert. In seinem Bart hingen Eiskristalle. Er stützte sich auf sein Gewehr wie auf einen Stock. Es war eine Henry Rifle, die er ums Schloss herum ebenfalls mit Fell umwickelt hatte.

Dann kam der andere. Er trug etwas auf den Armen. Es war so vermummt, dass ich es kaum erkennen konnte. Aber dann bewegte es sich, und ich sah ein Gesicht. Das Gesicht einer bildschönen Indianerin.

Die meisten Indianerinnen sind nicht schön. Aber die hier war es. Sie konnte noch nicht alt sein, vielleicht sechzehn oder siebzehn. In diesem Alter sind sie schon sehr reif. Viel reifer, als eine Weiße in diesem Alter ist. Viele der Indianerinnen haben da schon Kinder.

„Wo kann er sie hinlegen? Sie ist in den Unterschenkel getroffen worden“, sagte der Mann, der zuerst eingetreten war und sah sich suchend um. Er blickte in meine Richtung, so, als könne sich die Indianerin neben mir ins Bett legen.

„Dort hinten“, erwiderte Hus Leedle. Dabei deutete er auf die Stelle, wo noch vor zwei Tagen die alte Indianerin geschlafen hatte. Es gab hier nicht allzu viele Möglichkeiten.

„Also, schaff sie dorthin“, sagte der Mann zu seinem Gefährten, der viel größer war als er. Dieser Bursche, der das Mädchen trug, kam mir noch größer und breiter vor als Jack Coleman, und der war schon ein Riese.

Wie eine kleine Spielpuppe trug dieser Hüne die Indianerin und legte sie behutsam auf das Lager.

„Pfui Teufel, was stinkt hier so? Ist das Spiritus?“

„Ganz richtig“, erwiderte Hus Leedle. „Wir mussten etwas gegen die Läuse tun. Aber ich wette, sie sind noch immer da. Habt ihr ihre Wunde schon versorgt?“

„Nicht gut genug.“

Hus Leedle gab Slim einen Wink. „Kümmere du dich darum.“

Slim nickte. Da blickten ihn die beiden Männer an. Und der Kleinere der beiden, der zuerst hereingekommen war, fragte: „Ist das eine Rothaut?“

„Nur eine halbe“, erklärte Slim. „Und du sagst es besser nie wieder zu mir.“

„Er hat recht“, sagte ich von meinem Bett her. „Ihr sagt es besser nie wieder. Er ist der prächtigste Partner, den ich je in meinem Leben hatte, und ich will, dass er keinen Ärger hat.“

Die beiden blickten sich kurz an, sagten aber nichts mehr. Indessen kümmerte sich Slim um die Indianerin. Ich sah, dass er sie aus den Fellen herausschälte, aber ich konnte von nicht viel erkennen, dazu nahm er mir selbst die Sicht. Dafür hatte ich mehr Gelegenheit, die beiden Fremden anzusehen. Ihrem Dialekt nach waren sie gebürtige Texaner. Und ganz offensichtlich schienen sie wirklich Cowboys zu sein. Ich kannte sie allerdings nicht. Vielleicht waren sie auch gar nicht zu einer Treibherde unterwegs gewesen

„Mein Name ist übrigens Bill Whistler“, sagte der kleinere, ältere der beiden und machte ein Kopfbewegung zu seinem hünenhaften Partner hin. „Das ist Clement Murphy. Wir sind mit einer der letzten Herden nach Dodge gezogen.“

„Mit wessen Herde?“, fragte ich. Und ich sah, dass auch Slim den Kopf wandte und sich nach den beiden umsah.

„Mit McClellans Herde.“

Er log. McClellan hatte in Jahr eine der ersten Herden '

Es war eine sehr große Herde gewesen.

Und darüber hatte man in Dodge gesprochen, als wir mit unserer Herde angekommen waren.

„McClellans Herde?“

„Ja, genau die. Es gab aber einen Marshal, der nicht einsehen wollte, dass ein Mann, der tausend Meilen mit einer Herde unterwegs gewesen ist, sich auch einmal austoben muss. Also, kurzum, Marshal Bassett hatte uns eingesperrt. Da war eine kleine Schlägerei passiert. Mein Gott, das war halb so schlimm. Aber ihr wisst ja, wie das in Dodge ist.“

Ich wusste, dass Bassett seit dem Frühjahr nicht mehr im Amt war. Er konnte sie nicht eingesperrt haben. Aber ich sagte kein Wort. Sollten sie ruhig glauben, wir hätten ihnen diese Lüge abgenommen.

Inzwischen ging Leedle zu dem Mädchen, das jetzt von Slim verbunden wurde. Es sah Leedle aus großen Augen an. Und plötzlich begann Leedle zu sprechen. Er beherrschte die Sprache der Maskoki. Ich verstand kein Wort davon, obgleich ich einige indianische Dialekte verstehen kann, aber Maskoki war mir völlig fremd.

Als die Unterhaltung zwischen Leedle und der Indianerin beendet war, wandte sich Leedle um und sagte in meine Richtung: ,,Es ist so, wie sie sagen. Das Mädchen und ihre Brüder waren einem Rudel Wapiti-Hirschen auf der Fährte. Es ist ihnen nicht aufgefallen, dass sie ins Gebiet der Arapahoes geraten sind.“

„Das haben wir euch doch gesagt, als wir angekommen sind. Die Maskokis mussten es knüppeldick einstecken.“

„Ich begreife nur nicht, wie ihr an diese Stelle gekommen seid? Das ist weit ab vom Süden“, fragte ich.

Whistler musterte mich misstrauisch. „Sag mal, wir haben unsere Namen genannt. Wie heißt du eigentlich und ihr anderen? Bis jetzt kennen wir noch von keinem von euch den Namen.“

„Du sollst sie gleich hören“, sagte ich. „Erzähl erst einmal, wieso ihr dort hingekommen seid.“

„Weil wir selbst scharf auf einen Hirsch waren. Proviant, versteht ihr nicht? Aber statt des Hirsches haben wir das Mädchen erwischt.“

Leedle stand wieder vorne an der Tür und spähte nach draußen. „Es wäre am besten, wenn ihr euch erst einmal um eure Hunde kümmert.“

„Es sind nicht unsere Hunde“, erklärte Whistler.

„Trotzdem solltet ihr sie versorgen. Wir haben selbst Hunde, aber zu denen könnt ihr sie nicht tun. Die würden sich gegenseitig zerfleischen. Im Schuppen ist noch Platz für sie. Sie können aber auch draußen bleiben. Da müsst ihr sie festmachen, sonst sind sie in einer halben Stunde nicht mehr hier.“

„Also gut. Mach du das“, sagte Whistler und gab seinem Partner einen Wink.

Clement Murphy nickte und stampfte schwerfällig auf die Tür zu.

Als er draußen war, sagte Leedle: „Du wolltest unsere Namen wissen, Whistler.“ Er nannte seinen, stellte mich vor und dann auch Slim. Von Slim kannte er nur den Spitznamen, nicht den wirklichen Namen Simon Bligh. Und bei mir war das ebenso.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935219
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Dezember)
Schlagworte
callahan treue gold

Autor

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Titel: CALLAHAN #22: Treue zählt mehr als Gold