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Ein Trucker mit Vergangenheit

2019 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Trucker mit Vergangenheit

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Ein Trucker mit Vergangenheit

Roman von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Als Bob Deegan ohne Begründung auf einem Trucker-Stopp verhaftet wird, steht seine Partnerin Sheila North vor einem Rätsel. Sie bittet daraufhin zwei befreundete Trucker um Hilfe. Doch können die beiden ihr helfen, das Rätsel der Verhaftung zu lösen?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

Barry Deegan - Der Trucker wird von der Straße weg verhaftet. Obwohl er nichts verbrochen hat. Seine Freunde stehen vor einem Rätsel.

Jim Sherman und Bob Washburn - Sie machen sich auf, das Rätsel zu lösen. Und stoßen auf eine Mauer des Schweigens ...

Sheila North - Barrys Freundin ist der Verzweiflung nahe. Und dann wird sie auch noch zum Freiwild für wilde Kerle ...

Captain Leonard Lovell - Der Polizeioffizier der State Police scheint als einziger etwas über Barrys Schicksal zu wissen. Doch er schweigt - aus gutem Grund.

Benito, Caligula und Honda - Drei Typen, mit denen man sich nicht anlegen sollte. Es sei denn, man ist lebensmüde. Oder verrückt. Oder Barry Deegan ...

 

 

1

Die 22 Riesenreifen des Sattelzuges sangen auf dem Fahrbahnbeton. Barry Deegan schaltete herunter und sog den Truck in die Abbiegespur. Der Reifengesang sackte in tiefere Tonlagen ab. Gleichzeitig stimmte der bärenstarke Sechszylinder ein Donnern an.

Barry warf seiner hübschen blonden Beifahrerin einen Blick zu. Sheila trug die Kopfhörer ihres Walkmans über dem Seidenhaar. Wenn sie ihren Mozart hörte, hatte sie kein Ohr für die Welt der Gegenwart. Der Schilderwald des Truck-Stopps musste ihr allerdings klarmachen, dass jetzt erst mal die Geschmacksnerven an der Reihe waren. Ohne das Dieseldröhnen und ohne Mozart in den Ohren hätte Sheila das Rudel hungriger Wölfe knurren gehört — genau da, wo sich Barrys Magen befand.

An den Reklametafeln für Hamburger, Bier und Zigaretten vorbei lenkte Barry den dunkelgrünen Mack Conventional auf den Parkplatz und rangierte ihn auf die freie Stellfläche neben einem weißen Freightliner Cabover.

Sheila nahm alles mit zufriedener Miene zur Kenntnis, kostete aber ihr Kammerkonzert bis zur letzten Minute aus.

Als Barry den Zündschlüssel abzog, schlenderten die beiden Gents vor die Motorhaube. Von links. Smarte Typen in dunkelblauen Anzügen.

Weiße Hemden, Schlipse, Sonnenbrillen. Die reinsten Schreibtischtäter. So sahen sie jedenfalls aus. Wo sie gelauert hatten, woher sie kamen - der Teufel mochte es wissen. Nur über eines war Barry Deegan sich im Klaren: Sie wollten was von ihm. In der Adresse hatten sie sich nicht geirrt. Garantiert nicht.

Niemand wusste das besser als er selbst.

Barry verharrte in der Seitwärtsbewegung, noch hinter dem Lenkrad. Den Zündschlüssel hatte er in der Hand. Aus einem Impuls heraus wandte er sich Sheila zu. Erstaunt nahm sie den Schlüssel, hielt ihn in der Linken und starrte ihn an wie einen Fremdkörper.

Mit der rechten Hand zog sie die Kopfhörer herunter. Ihr Blick wanderte zu Barry und dann zu den beiden Männern vorn links, vor der Motorhaube.

Sheila konnte nur ihre Oberkörper sehen.

Sie hatten Metallschilder auf die Brusttaschen ihrer Jacketts geklemmt.

„Das haben wir gleich“, sagte Barry grimmig. Ohne eine Antwort abzuwarten, stieß er die Tür auf, schwang sich vom Sitz und stieg abwärts.

„Barry!“, rief Sheila verstört. „Was hat das zu bedeuten? Was in aller Welt...“

Er lachte nur.

Es war ein raues Lachen.

Und Sheila ahnte nicht, dass es das letzte war, was sie für lange Zeit von ihm hören würde. Voller Besorgnis beobachtete sie ihn, wie er auf die Polizeibeamten zuging. Sollte sie aussteigen und sich einmischen? Alles in ihr drängte danach. Doch ebenso stark war ihr Respekt vor Barry. Was er da zu erledigen hatte, war seine Sache. Männersache. Wenn er das Wort Männersache benutzte, dann wertete er damit niemanden ab. Am allerwenigsten eine Frau und erst recht nicht sie, Sheila North.

Barry Deegan gehörte sozusagen zur alten Schule. Er war ein Mann, der seinen Vater und seinen Großvater verehrte.

Und Barry selbst war mit seinen 38 Jahren fit wie ein junger Grizzly.

Dabei hatte er die Hölle hinter sich. Die Hölle namens Vietnam. 17 Jahre war das her, und doch waren diese 17 Jahre für Barry weniger als ein Tag. Niemand wusste das besser als Sheila. Sie konnte die Nächte nicht mehr zählen, in denen sie von seinen Schreien geweckt worden war. Das waren die Nächte, in denen sie ihn in ihre Arme schließen, ihn festhalten musste.

In jenen Nächten des Grauens trieben ihm die Alpträume den Schweiß aus allen Poren. Dann zitterte und weinte er wie ein Kind.

Und nun, verdammt, bescherte ihm die Wirklichkeit einen neuen Alptraum.

Sheila ballte die Hände zu Fäusten. Sie presste die Zähne aufeinander und empfand nichts als Ohnmacht und Verzweiflung.

 

 

2

Barry schob beide Hände in die Taschen seiner Jeans. Langsam und steifbeinig ging er auf die Gentlemen zu. Er fühlte sich alles andere als schlecht oder minderwertig, weil er nur halb so gut angezogen war wie diese Burschen. Er trug seine gewohnten hochhackigen Westernstiefel mit den Jeans über den Schäften, ein hellblaues Baumwollhemd und die dunkelblaue Strickmütze, von der er sich niemals trennen konnte.

Möglich, dass diese Typen schon mal ein Foto von ihm gesehen hatten. Es war sogar anzunehmen. Der, der sie schickte, hatte ihnen bestimmt die Akte gezeigt. Sie enthielt ein zehn Jahre altes Polaroidfoto, auf dem er, Barry, ziemlich genauso aussah wie jetzt. Den Drei-Tage-Bart konnte er sich nach wie vor nicht abgewöhnen. Es lag daran, dass er sich nicht entschließen konnte, sich endlich einen Vollbart wachsen zu lassen.

Die beiden Beamten sahen aus wie Zwillinge. Sie trugen das maßgeschneiderte Dunkelblau wie eine Uniform. Schlips und Kragen und die Sonnenbrille waren feste Bestandteile dieser Uniform.

Barry hatte sie oft genug erlebt, diese Gentlemen-Cops. Sie hielten sich für was Besseres.

„Barry Deegan?“, fragte der eine. Er mochte ein paar Jahre älter sein als der andere, denn sein schwarzes Haar war an den Schläfen silbergrau.

„Sind Sie sicher?“, Barry grinste hart. Er dachte nicht daran, es ihnen leicht zu machen.

Der Schwarzhaarige zog die Mundwinkel nach unten.

Der jüngere Beamte blaffte los. „Kommen Sie uns nicht mit dämlichen Witzen, Deegan! Sie wissen genau, dass das keinen Sinn hat. Sie werden uns begleiten.“

Das war es also.

Barry nickte, mehr zu sich selbst. Er hatte es kaum anders erwartet. Seine Lippen bildeten einen Strich. Nach all den Jahren hatte er geglaubt, in Ruhe gelassen zu werden.

Und nun dies!

„Euch begleiten?“, konterte er grob.

„Sehe ich so aus? Ich weiß ja nicht mal, in welchem Spielzeugladen ihr eure goldenen Plastikplaketten gekauft habt!“ Er lachte bissig.

„Deegan!“, zischte der ältere Beamte. „Ich warne Sie! Kommen Sie uns nicht so!“

Der Jüngere stieß seinen aufgeklappten Dienstausweis in Barrys Richtung. „Oklahoma State Police, Bureau of Investigation. Detective Sergeant John Nichols. Dies ist mein Kollege...“ Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den Schwarzhaarigen. „... Detective Lieutenant Alistair MacMurtagh.“

„Yeah, in Oklahoma haben sie sich ganz schön breit gemacht, die Schotten.“ Barry feixte. „Aber wie auch immer, Jungs, ihr könnt mir viel erzählen. Ich glaub euch einfach nicht, dass ihr Bullen seid. Wenn ihr ’nen Haftbefehl hättet, wäre das ’ne andere Sache. Aber so...“

„Deegan!“, fauchte der Lieutenant. „Es reicht jetzt! Sie haben uns zu begleiten und Sie haben keine Fragen zu stellen. Das wissen Sie verdammt genau.“

„Nichts weiß ich.“ Barry schüttelte den Kopf. „Ich gehe mal davon aus, dass ihr Fälschungen seid. Also haut ab, Freunde, bevor ihr ernsthaften Ärger kriegt.“

MacMurtagh und Nichols waren sprachlos. Sekundenlang kriegten sie den Mund nicht wieder zu.

Der Trucker stieß sich von der Stoßstange ab, wollte einfach an ihnen Vorbeigehen. Er wusste, dass Sheila warten würde, bis die Lage geklärt war. So hatte er es ihr für alle ungereimten Situationen eingeschärft. Immer erst aussteigen, wenn Sicherheit herrschte. Gegebenenfalls über CB-Funk Hilfe rufen. Sonst nichts. Gar nichts.

Die beiden Beamten von der Staatspolizei überwanden ihre Verblüffung.

Nichols holte ein Walkie-Talkie aus der Gesäßtasche.

MacMurtagh stellte sich Barry Deegan in den Weg.

 

 

3

Sheila schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht.

„Barry!“, rief sie, obwohl er sie nicht hören konnte - und mit Sicherheit nicht hören wollte. „Um Himmels willen! Warum bringst du dich in Schwierigkeiten?“

Barry tat genau das, was die Kriminalbeamten vermutlich erwarteten.

Er griff den Älteren an.

Barry war hervorragend drauf, und er handelte so blitzschnell, dass der Beamte nicht die geringste Chance hatte. Ohne erkennbaren Bewegungsansatz schnellte der Trucker los. Der Schwarzhaarige wollte ausweichen. Doch es blieb beim Wollen.

Denn im selben Moment traf ihn die Faust des Truckers.

Ein Pferd hätte nicht härter treten können.

Die ungeheure Wucht des Hiebes trieb den Beamten aus dem Weg. Mit schnellen kleinen Rückwärtsschritten und rudernden Armen konnte er es gerade noch verhindern, der Länge nach zu Boden zu segeln.

Sheila hielt den Atem an, zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Herz stehenbleiben müsse.

Mein Gott, dachte sie verzweifelt, warum tust du das, Barry?

Er handelte sich Probleme ein, die völlig überflüssig waren.

Den schwarzhaarigen Kriminalbeamten trieb Barrys Hieb fast bis an die Reihe der gegenüber parkenden Trucks heran. Der Zufall wollte es, dass ausgerechnet in dieser Minute sonst keine Menschenseele zu sehen war. Trotz aller Unregelmäßigkeiten ihres Lebens hielten sich Trucker gern an ein paar Festpunkte im Tagesablauf. Und Mittagszeit war nun mal Mittagszeit.

Die Männer von der State Police hatten das wahrscheinlich einkalkuliert.

Barry wirbelte herum, wollte den vermeintlichen Angriff des jüngeren Beamten abwehren. Aber der grinste ihn nur an, das Walkie-Talkie noch in Sprechhöhe.

„Barry!“, schrie Sheila, und jetzt konnte sie nicht anders. Sie musste die Tür aufstoßen, um ihn zu warnen.

Zu spät.

Die beiden Männer waren so plötzlich zur Stelle, dass dem Trucker nicht mal mehr Zeit zum Luftholen blieb. Sie mussten hinter dem Freightliner, nebenan, gelauert haben. Sie trugen Dunkelblau, wie ihre Kollegen, und sie schlugen zu, bevor Barry herumkreiseln und den Angriff abwehren konnte.

Eine kurze, unbarmherzige Schlagserie brachte ihn ins Wanken.

Bevor er mit dem Kopf auf den Beton schlagen konnte, fingen sie ihn auf - zu dritt jetzt. Der Schwarzhaarige unterstützte seinen Kollegen; obwohl sein Gesicht vor Wut verzerrt war, hielt er sich Barry gegenüber zurück.

Sheila war schon im Begriff, aus dem Fahrerhaus zu springen.

Da tauchte der Mann mit dem Walkie-Talkie vor ihr auf.

Sie verharrte, fiel zurück auf den Sitz. Der Mann von der State Police schüttelte den Kopf und zog die Schultern hoch. Er verstaute sein Funkgerät und reichte Sheila eine Visitenkarte.

„Rufen Sie diese Nummer an, wenn Sie Fragen haben, Madam. Ihr Freund ist ein störrischer Kerl. Was da eben passiert ist, hätte nicht sein müssen.“

Sheila nahm die Karte an. „Warum nehmen Sie ihn mit?“, hauchte sie. „Was haben Sie mit ihm vor?“

„Stellen Sie keine Fragen“, entgegnete der Beamte schroff. „Und versuchen Sie nicht, uns zu folgen. Auskunft erhalten Sie nur unter der Telefonnummer.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Karte, die Sheila in der Hand hielt. Dann wandte er sich ab, bevor sie noch etwas sagen konnte.

Ein schwarzer Chrysler New Yorker rollte von links heran. Die Scheiben der schweren Limousine waren dunkel getönt. Gleich darauf folgte ein zweiter Wagen, ein Pontiac Bonneville. Barry wurde in den Fond des Chrysler verfrachtet. Die Beamten verteilten sich auf die beiden Fahrzeuge.

Mit hoher Geschwindigkeit jagten der Chrysler und der Pontiac davon.

Sheila merkte sich die Kennzeichen, fischte einen Kugelschreiber aus dem Staufach und schrieb die Ziffern und Buchstabenfolgen auf die Rückseite der Visitenkarte. Die beiden Limousinen, das bekam Sheila gerade noch mit, hielten auf die Parkplatzausfahrt zu, die auf die Staatsstraße führte - nicht auf den Highway. Also würden sie westlich um Tulsa herumfahren. Oder sie hatten ein Ziel, das im Westbereich der Stadt lag.

Sheila drehte die Visitenkarte um.

Es war eine Karte ohne Namen. Nur das Wappen der State Police von Oklahoma war auf der Vorderseite abgebildet. Darunter eine Telefonnummer mit dem Vorwahlcode für Tulsa.

 

 

4

Im Restaurant des Truck-Stopps Oakhurst schwebten alle Wohlgerüche nordamerikanischer Kochkunst. Sämtliche Tische waren besetzt. Besteck klapperte und vermischte sich mit dem Gemurmel von Männerstimmen zu einer nicht abreißenden Geräuschkulisse.

Jim Sherman stieß seinen Partner an.

Bob Washburn, der schwarze Hüne, hob unwillig den Kopf. Das Porterhouse Steak, auf das er sich gerade mit Hingabe konzentrierte, war allererste Klasse. „Was ist?“, brummte er kauend.

Jim deutete mit einer Kopfbewegung in den Gang zwischen den Tischreihen, Richtung Eingang. „Sieh mal da!“

Die Blondine war eben hereingekommen. Sie sah verzweifelt aus, blieb einen Moment vor der Pendeltür stehen und suchte nach bekannten Gesichtern. Da sie auf Anhieb niemanden entdeckte, lief sie auf einen der Tische ganz vorn zu. Die Männer dort blickten nur widerwillig auf. Und im nächsten Moment brachen sie in schallendes Gelächter aus.

„Deinen Typ haben sie entführt?“, grölte einer. „Mann, Baby, sei doch froh! Abwechslung kann nie schaden!“

„Dich stößt bestimmt keiner von der Bettkante!“, röhrte ein anderer.

„Am besten freundest du dich gleich mal ’n bisschen mit uns an!“, tönte ein dritter.

Jim und Bob wechselten einen Blick. Dem schwarzen Riesen war auf einmal sogar das Porterhouse Steak egal. Ohne dass sie sich gegenseitig auffordern mussten, standen die beiden Männer aus San Antonio auf. Während der Rest der Anwesenden noch verdutzt aussah, marschierten der hochgewachsene blonde Texaner und sein Partner, der ehemalige Box-Champion, bereits den Gang hinunter.

Das blonde Girl wich erschrocken von dem Tisch zurück.

Einer der Kerle war aufgesprungen, bot ihr mit falscher Freundlichkeit seine Hilfe an. Und die bestand darin, dass er versuchte sie auf die Sitzbank zu zerren, zwischen sich und seinen Gröl-Kumpel.

„Trucker können das nicht sein“, murmelte Bob, während sie Tempo zulegten.

„Ausgeschlossen“, bestätigte Jim. „Die müssen sich hierher verirrt haben.“

„Hallo, Sheila!“, rief der schwarze Riese fröhlich. Er wedelte mit der rechten Pranke, hoch über dem Kopf.

„Bestimmt willst du dich lieber an unseren Tisch setzen!“, fügte Jim dröhnend hinzu.

Sheila sträubte sich gegen den harten Griff ihres Widersachers, eines teigig aussehenden Burschen mit struppiger blonder Mähne. Sheila vermochte sich nicht umzudrehen, denn sie musste alle Kraft aufbieten, um nicht der Länge nach auf die Sitzbank geschleudert zu werden, zum Rest der grinsenden Meute.

Aber sie hatte die Stimme erkannt.

Und die Hoffnung verlieh ihr neue Kräfte.

Inzwischen waren alle Blicke auf die beiden Trucker im Mittelgang gerichtet. Etliche unter den Anwesenden kannten Jim Sherman, den Mann aus San Antonio in Texas. Und natürlich kannten sie Bob Washburn, der mal ganz schön berühmt gewesen war. Damals, als er es bis zum Schwergewichtsmeister des Bundesstaates Virginia gebracht hatte. Dann aber, als er für die Mafia hatte kämpfen und verlieren sollen, war er aus dem Boxgeschäft ausgestiegen. Weil Bob vor seiner Karriere im Ring bereits Trucker gewesen war, hatte er Jims Angebot, sein Partner zu werden, als ein Geschenk des Himmels empfunden.

Die meisten im Restaurant des Truck-Stopps Oakhurst, bei Tulsa im Staat Oklahoma, kannten die Geschichte dieser beiden Männer. Deshalb wunderte es auch niemanden, dass es für sie die selbstverständlichste Sache der Welt war, hier einzugreifen.

Wenn jemand in Not war, hatte er sich noch immer auf Jim und Bob verlassen können. Auf den Highways hatten sie den Ruf, dass sie erst zupackten und dann Fragen stellten.

Sheila schrie jetzt.

Der Teigige war ihr kräftemäßig überlegen. Er hatte sie mittlerweile von hinten gepackt, an beiden Oberarmen. Seine Kumpane kriegten bereits glitzernde Augen.

Jim und Bob waren jetzt auf zwei Meter heran. Weder der Teigige noch die drei anderen Strolche hatten die Trucker bemerkt. Die Kerle waren einfach zu sehr mit ihrem unverschämten Spaß beschäftigt. Und sie würden noch unverschämter werden, wenn sie Sheila erst zwischen sich gezwängt hatten.

Bob scherte nach rechts aus. Grinsend und breitbeinig versperrte er den Halunken am Tisch die Sicht - und dem Teigigen den Weg.

Bevor der Mann seine Überraschung verdauen konnte, war Jim hinter ihm.

Die beiden Trucker sahen jetzt, zu welchem Verein die Strolche gehörten. Alle vier trugen dunkelgrüne Latzhosen, hatten speckige Jacken darüber geworfen. Auf dem Hosenlatz prangte in gelben Buchstaben der Schriftzug ihrer Firma:

 

BENITO & SONS

Industrial Sanitation

Oklahoma City and Tulsa

Oklahoma

 

Eine Müllabfuhr für Industriebetriebe also.

Jim fackelte nicht lange. Er packte den Teigigen am Kragen. Der Typ hatte noch nicht mal begriffen, was ihm blühte. Zu sehr war er mit der vermeintlichen Eroberung der hübschen Blondine beschäftigt.

Er spürte die Eisenfaust des Texaners im Nacken und zuckte zusammen.

Den Kerlen am Tisch fiel das Grinsen aus den Gesichtern. Sie waren gezwungen, zu Bob aufzublicken. Und das passte ihnen ganz und gar nicht. Der schwarze Riese sah ihnen die Wut an der Nasenspitze an. Sie waren schon so verdammt sicher gewesen, ihren Spaß mit dem hübschen Girl zu kriegen. Ihnen diesen Spaß zu verderben, war etwa so, als würde man einem hungrigen Löwen den Fleischbrocken klauen.

Der Teigige versteifte sich unter Jims Griff. Er spannte die Muskeln, schien noch zu überlegen, ob er Sheila loslassen sollte oder nicht.

Jim machte ihm die Entscheidung leicht.

Mit der freien Hand ergriff er das linke Ohr des Kerls und zog daran.

Der Mann brüllte wie ein Stier. Ungewollt ließ er Sheila los. Starr vor Schmerzen stand er in Jims Kopf- und Kragen-Griff. Denn jede Bewegung würde den Schmerz nur noch schlimmer machen.

Sheila taumelte nach rechts davon, lehnte sich in sicherer Entfernung an die Kante des Tresens mit dem Salatbüfett.

„Ich kann’s verstehen, wenn ihr an die frische Luft wollt“, sagte Bob zu den Wütenden am Tisch. „Hier drinnen ist’s ja doch verdammt stickig.“

„Und es stinkt nach Nigger“, knurrte der Typ auf der Sitzbank rechts, ein vollbärtiger Schrank.

„Was du nicht sagst“, entgegnete der Ex-Champ gelassen.

Er registrierte, was Sache war, ohne den Blick von dem Bärtigen zu wenden. Links am Tisch saßen die beiden anderen Typen auf dem Sprung. Sie warteten nur auf ihr Startsignal, denn sie fühlten sich überlegen, weil in der Überzahl. Und das Signal musste von dem Bärtigen kommen. Er schien so was wie eine Vaterfigur für sie zu sein. Wenn er loslegte, würden sie kein Halten mehr kennen.

Der Bärtige schob sich langsam zwischen Sitzbank und Tischbank hoch. Dass er wenig Bewegungsfreiheit hatte, schien ihn nicht zu stören. Obwohl er sich voll aufrichtete, war er einen halben Kopf kleiner als Bob; das musste er einsehen.

„Geh draußen spielen“, sagte Jim und führte den Teigigen ein Stück in die Richtung, die er zur Tür einschlagen sollte. Dann ließ er ihn los und verpasste ihm einen Tritt in den Hintern.

Mit Gebrüll segelte der Typ los. Armrudernd und mit unzähligen kleinen Schritten hielt er sich auf den Beinen. Krachend pendelten die Türflügel unter seinem Anprall weg.

Der Bärtige ließ sich nicht beeindrucken. „Geh mir vom Riechkolben“, knurrte er. „Oder es passiert was.“

„Dann bin ich für oder“, entgegnete Bob und fletschte die Zähne.

„Hä?“

„Oder“, wiederholte Bob und legte die Handflächen aneinander. „Nun mach schon, lass was passieren, Drecksack.“

Der andere verlor fast die bartverzierte Kinnlade.

Und dann brannte seine Sicherung durch.

Er duckte sich und ruckte herum, dass der Tisch fast aus der Verankerung gerissen wurde. Noch aus der Bewegung heraus feuerte er seine Fäuste ab.

Fast riss ihn der eigene Schwung zwischen Tisch und Sitzbank heraus. Wäre er da nicht eingeklemmt gewesen, hätte er sich selbst ums Gleichgewicht gebracht.

Tänzelnd kehrte Bob dorthin zurück, wo er vor einer Zehntelsekunde noch gestanden hatte. Der Bärtige wankte vor und zurück wie ein schlapper Baum im Wind. Er riss die Augen weit auf. Verzweifelt versuchte er, eine Deckung aufzubauen. Es gelang ihm nur im Ansatz.

Die Ex-Profi-Fäuste tupften ihn in die Versenkung.

Kurz, hart und trocken.

Der Rest der grünen Müllmänner kriegte Stielaugen. Ihre sonst so schlagkräftige Führungsfigur verschwand sang und klanglos unter der Tischkante. Dabei sah es auch noch aus, als hätte der schwarze Riesenkerl ihn nicht mal richtig angefasst, sondern nur leicht und locker hingelangt.

Bob grinste ohne jedes Mitgefühl. Neben ihm wartete Jim darauf, dass die beiden Übriggebliebenen ihrem Leithammel nacheiferten. Doch ihr Ehrgeiz war erloschen. Wohl mehr der Instinkt als der Verstand sagte ihnen, dass sie in eine verschworene Gemeinschaft geraten waren, in der man sich bestimmte Dinge nicht leisten konnte. Zum Beispiel, sich an einer Frau zu vergreifen. Doch davon, den Ehrenkodex der Trucker zu verstehen oder zu respektieren, waren diese Kerle trotzdem weit entfernt.

Sie fügten sich den Stärkeren; das war das Gesetz, das sie kannten. Und sie waren an zwei Männer geraten, die das Gesetz anzuwenden verstanden - auch wenn sie nicht viel davon hielten.

„Haut ab“, sagte Jim. „Es ist das Beste, was ihr tun könnt. Wenn wir euch in zwei Minuten nicht mehr sehen, vergessen wir, was wir vorhergesehen haben.“ Er wandte sich zur Seite und sah Sheila fragend an.

Barry Deegans blondes Girl nickte zustimmend. Und dankbar.

Die beiden Kerle sahen unschlüssig aus, warteten auf ein Zeichen. Aber es kam nicht. Weder von dem Bärtigen, noch von dem mit dem langgezogenen Ohr, den Jim vor die Tür befördert hatte. Also schraubten sie sich vom Sitzplatz hoch, ächzend wie unter allergrößter Mühe.

„Nehmt euren Kumpel mit“, empfahl Bob mit dem freundlichen Lächeln eines noch nicht ganz satten Wolfs.

Sie gehorchten.

Die ersten Männer im Restaurant begannen zu klatschen. In Sekundenschnelle wurde brausender Beifall daraus. Es war eine höllische Begleitmusik für die Kerle, als sie den Bewusstlosen hinausschleiften. Aber jeder der Anwesenden gönnte es ihnen. Und der Beifall war zugleich Anerkennung für Jim Sherman und Bob Washburn, die letztlich stellvertretend für alle gehandelt hatten.

 

 

5

„Mein Gott“, hauchte Sheila. „Ich glaube, wenn ihr nicht gewesen wärt..., ich glaube, dann ... dann ... ich wäre verrückt geworden.“

Jim schüttelte den Kopf. Mit einer Handbewegung deutete er in die Runde. „Es sind noch genug andere da. Jeder von denen hätte dir geholfen. Genau wie wir.“

„Wir waren eben nur ein bisschen übereifrig“, fügte Bob schmunzelnd hinzu. „Aber das lag bloß daran, dass wir dich kennen.“

Es stimmte. Durch Barry Deegan, den sie schon seit Jahren kannten, hatten sie schließlich auch Sheila North kennengelernt. Wann immer sie sich auf einem Truck-Stopp oder vor Frachtschuppen getroffen hatten, waren sie rasch in angeregte Gespräche vertieft gewesen. Es wurde nie langweilig, mit Barry und Sheila zu reden.

Das lag nicht zuletzt auch an Sheilas früherem Beruf. Heute 28 Jahre alt, hatte sie eine gescheiterte Ehe hinter sich. Zum Glück ohne Kinder. Deshalb war die Scheidung nicht zur Katastrophe geworden. Ihr Job als Redakteurin einer Tageszeitung hatte ihr sehr geholfen, ihre Selbständigkeit zu bewahren. Eines Tages hatte ihr Chefredakteur sie beauftragt, eine Reportage über das Trucking-Business zu schreiben. Dabei hatte sie Barry Deegan kennengelernt.

Und Barry war der Grund für Sheilas Ausstieg gewesen. Sie hatte dem bürgerlichen Leben und dem Beruf den Rücken gekehrt, war Barrys Partnerin geworden.

„Ich weiß nicht, wie ich euch danken soll“, sagte Sheila. „Ohne euch...“ Sie unterbrach sich, rieb sich das Kinn. „Also, ihr könnt mir glauben, dass ich das nicht nur so daherrede.“

„Wir wissen es, Sheila“, entgegnete Jim. „Vergiss das mit dem Dank. Was ist mit Barry passiert? Darum geht es doch, oder?“

Sheila nickte, presste die Lippen zusammen. Ihre Miene spiegelte Bestürzung. Sie schob die Visitenkarte über den Tisch. In knappen Worten schilderte sie, was geschehen war.

Jim und Bob wechselten einen Blick. Sie wussten nur wenig über Barry Deegans Vergangenheit. Doch sie ahnten beide, dass das, was da draußen auf dem Parkplatz gelaufen war, irgendetwas mit eben dieser Vergangenheit zu tun haben musste.

„Alright“, sagte Jim. „Es gibt zwei Sachen, die zu aller erst erledigt werden müssen. Erstens…“ Er tippte auf die Karte mit dem Wappen der State Police. „…diese Nummer anrufen. Zweitens...Barrys Fracht an den Bestimmungsort schaffen.“

„Am besten, du rufst jetzt gleich an, Sheila“, riet Bob besorgt.

Sheila schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, ich kann nicht“, antwortete sie matt. „Ich glaube, ich würde denjenigen, der sich da meldet, nur anschreien...oder zumindest kein klares Wort rauskriegen.“

Die beiden Männer nickten verständnisvoll.

„Bist du einverstanden, wenn ich anrufe?“, fragte Jim.

„Einverstanden?“, entgegnete Sheila. „Mein Gott, ich wäre dir dankbar!“ Jim stand auf. „Okay, ich bin gleich zurück.“ Er steckte die namenlose Visitenkarte ein.

Bob beugte sich vor und musterte Barry Deegans blonde Freundin mitfühlend. „Kann ich irgendwas für dich tun, Sheila? Soll ich dir einen Kaffee holen? Einen doppelten Whisky? Oder beides? Oder...brauchst du erst mal eine ordentliche Grundlage?“

„Danke, Bob“, sagte Sheila gerührt. „Aber ich fürchte, im Augenblick würde ich nichts runterkriegen. Ich denke, ich werde einfach versuchen, mich zu beruhigen. Und dann sehen wir weiter.“

„Nichts dagegen einzuwenden“, brummte Bob und nahm sein Besteck wieder zur Hand. Das Steak war noch nicht mal kalt geworden.

Barrys Vergangenheit. Bob musste wieder daran denken.

Es war ein Stück amerikanischer Vergangenheit.

Barry Deegan war als junger Soldat, mit 18, freiwillig nach Vietnam gegangen. Ein Jahr lang hatte er einer Nachschub-Einheit angehört. Dann, für die letzten beiden Jahre, war er zum aktiven Dienst an die Front versetzt worden. 1975, nach Kriegsende, war Barry nach Hause gekommen. Seither grübelte er darüber nach, wie er überlebt hatte. Dabei ging es nicht nur um Vietnam. Auch die anschließenden Jahre in seiner amerikanischen Heimat waren ein Kampf ums Überleben gewesen.

Und noch heute, 38 Jahre alt, litt Barry unter den vielen unbeantworteten Fragen seines Lebens - seines Überlebens.

Jim kehrte von den Telefonboxen zurück. Er setzte sich achselzuckend.

„Das war eine schlechte Idee“, gab er zu. „Da hat sich zwar einer gemeldet. Aber erstens hat er seinen Namen nicht genannt, und zweitens behauptete er, von einer Festnahme Barrys nichts zu wissen.“

„Könnte das bedeuten, dass es doch keine richtigen Polizisten waren?“, rief Sheila erschrocken. „Ich habe die Auto Kennzeichen. Könnte man dadurch vielleicht herauskriegen ...?“ Sie hielt inne, mochte nicht weitersprechen.

„Wir finden Barry“, knurrte Bob „Darauf kannst du dich verlassen.“

Jim nickte bekräftigend. „Was ist mit seiner Fracht?“, fragte er Sheila.

„Kupplungsscheiben für Little Rock, Arkansas“, antwortete sie. „Die Ladung stammt von einem Hersteller aus Oklahoma City.“

„Termingebunden?“

Sheila nickte.

„Also hat Barry seinen guten Ruf als selbständiger Trucker zu verlieren“, folgerte Jim.

„Ich übernehme seinen Truck“, entschied Bob, ohne nachzudenken.

„Aber was ist dann mit eurer Fracht?“ rief Sheila.

„Die geht nur bis Tulsa“, antwortete Jim. „Das schaffe ich allein. Und wenn ich dann schon mal da bin, werde ich ein bisschen bei der State Police herumschnüffeln.“

 

 

6

Es war weniger das Alleinsein.

Verdammt, damit wäre er fertiggeworden.

Nein, das Schlimme war die Wut im Bauch. Die würde ihn an den Rand des Wahnsinns bringen, wenn es so weiterging. Nicht über sich selbst bestimmen zu können. Keine eigenen Entscheidungen treffen zu dürfen. Der Befehlsgewalt anderer ausgeliefert zu sein. Wie bei der Army, damals. Das war es, was ihn bis ins Mark traf. Und der Hurensohn, der ihn hierher gebracht hatte, wusste es.

Barry Deegan hockte auf der Bettkante und starrte die gegenüberliegende Zellenwand an. Eine weißgetünchte Wand. Kein vorläufig Festgenommener hatte es gewagt, das Weiß zu bekritzeln. In diesem Bau herrschte Ordnung.

Barry grinste bitter. Recht und Ordnung war ihr wichtigster Grundsatz. Und Sauberkeit, yeah, Sauberkeit. Jeder einzelne von diesen Burschen lief herum wie aus dem Ei gepellt. In ihren feinen dunkelblauen Anzügen sahen sie aus wie Haie der Hochfinanz, wie die Supertypen von der Wall Street. Besser noch.

Ob jemals auch nur einer von denen im Dreck gelegen hatte?

Mit der Nase im Dreck?

Zum Beispiel in Vietnam?

Okay, vielleicht hatte der eine oder andere den Golfkrieg mitgemacht. Diesen Spaziergang zum Töten. Manche von den Typen, die aus der arabischen Wüste zurückgekehrt waren, hielten die Nase nur noch höher. Was die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten da unten geleistet hatten, war vor allem eine Leistung überragender Technologie gewesen. Der Kampf Mann gegen Mann hatte kaum stattgefunden. Kein Dschungelkampf, kein Grauen.

Vietnam-Veteranen konnten über diese gelackten Golfkrieger nur lächeln.

Vielleicht lächelten Korea-Veteranen über Vietnam-Veteranen.

Weltkrieg II-Veteranen über Korea Veteranen.

Und die Handvoll Weltkrieg I-Veteranen, die noch am Leben war, lachte womöglich über den ganzen verdammten Rest der Veteranen.

Warum, zum Teufel, brüsteten sich Menschen mit ihren Gräueltaten? Weil sie die Erinnerung sonst nicht verkraften konnten? Oder einfach nur, weil in jedem Menschen ein verkappter Angeber steckte? Der Teufel mochte es wissen. Barry schüttelte sich. Er musste diese verfluchten Gedanken loswerden. Er war in der Stimmung, über Gott und die Welt nachzudenken. Und das lag ganz einfach an der Situation, in der er steckte.

Eine Scheiß-Situation.

Einzelzelle.

Dieser Bastard hatte ihn in eine Einzelzelle stecken lassen.

Das war natürlich volle Absicht. Festgenommene, hier, im State Police Gebäude von Tulsa, Oklahoma, wurden normalerweise gesammelt aufbewahrt. Da gab’s keine Sonderbehandlung für einzelne Figuren. Barry wusste das. Er hatte oft genug mit Leuten geredet, die von den Staats-Cops in die Mangel genommen worden waren. Wenn jemand dann doch isoliert wurde, hatte das handfeste Gründe. Zwangsläufig.

Aber was für Gründe?

Wie lauteten die Gründe in seinem, Barry Deegans, Fall?

Er hatte nicht die leiseste Ahnung.

Nur eines wusste er: Seine Vergangenheit war schuld. Seine eigene gottverdammte Vergangenheit war schuld, dass ihm die Kontrolle über sich selbst entzogen wurde. Und er war nicht in der Lage, mit irgendjemandem darüber zu reden. Nicht einmal Sheila konnte er sich anvertrauen.

Er fühlte sich elend und allein. Gottverdammt allein.

 

 

7

BULLFROG - Ochsenfrosch. So nannte Barry Deegan seinen Truck. Und damit jeder Aushilfsfahrer es auch mitkriegte, stand es in handtellergroßen Messingbuchstaben über den Armaturen. Barry hatte den Schriftzug von einem Kumpel anfertigen lassen, der vor dem Vietnam-Krieg Goldschmied gewesen war - und danach zu nichts mehr zu gebrauchen.

Bob Washburn lenkte den dunkelgrünen Mack Conventional auf dem Muskogee Turnpike nach Südosten. Das war die direkte Verbindung zum Interstate Highway 40. Und auf dem erreichte man Fort Smith, die Grenzstadt in Arkansas. Von dort ging’s dann weiter, ostwärts, in Richtung Little Rock. Noch 200 Meilen, die herunterzureißen waren. Bob hatte vor, spätestens am frühen Nachmittag des nächsten Tages wieder in Tulsa einzutreffen. Nicht kalkulierbar war lediglich die Zeit, die für das Entladen draufgehen würde. Denn Barry hatte keine Anschlussfracht ab Little Rock, und der Auflieger war sein eigener. Hätte er selbst auf dem Bock gesessen, hätte er sich natürlich um eine neue Ladung bemüht. Bob hingegen konnte das nicht für ihn übernehmen. Die Zeit reichte gerade, um diesen Freundschafts-Job zu erledigen.

Auch die Firma SHERMAN & WASHBURN musste schließlich ans Geschäft denken.

Deshalb würde Bob den ‚Bullfrog‘ mitsamt Shotgun und leergeräumtem Auflieger zurückbringen und in Tulsa abstellen. Natürlich würden Jim und er sich um Sheila kümmern, wenn sie weitere Hilfe brauchen sollte. Aber vielleicht hatte sich Barrys Missgeschick ja inzwischen auch schon als peinlicher Irrtum erwiesen.

Sheila zog die Kopfhörer ihres Walkmans aus dem Seidenhaar. Sie blickte den Ex-Champion von der Seite an, als erwartete sie von ihm eine Antwort auf alle ungelösten Fragen. „Was ich nicht verstehe, ist, warum er mir etwas verschweigt.“

Der schwarze Riese nickte nachdenklich. Seine mächtigen Fäuste ruhten wie unerschütterlicher Stahl auf dem Lenkrad, und die grollend dumpfen Arbeitsgeräusche des Diesels waren wie eine Bestätigung der Zuverlässigkeit dieses Mannes. Sheila jedenfalls empfand grenzenlose Sicherheit in seiner Nähe. Bei Barry Deegan war es im Grunde das gleiche. Unsicher machte sie nur eben jene Tatsache, dass er ganz offensichtlich etwas vor ihr verbarg.

„Woher weißt du das überhaupt?“, entgegnete Bob nach einer Weile.

„Was? Was meinst du?“

Sheila hasste sich für die Gegenfrage, kaum dass sie sie gestellt hatte. Es lag an ihren Gedanken, die sich schon wieder in unkontrollierten Bahnen bewegten. Sie musste sich zusammennehmen. Hölle und Teufel, sie tat Barry keinen Gefallen damit, wenn sie wie ein kopfloses Huhn durch die Gegend stolperte!

„Woher willst du wissen, dass Barry dir was verschweigt?“, erklärte Bob geduldig. Er wandte den Blick nicht von der Fahrbahn. Der Verkehr auf dem vierspurigen Turnpike war mäßig. Limousinen waren in der Minderheit. Trucks bestimmten das Bild, das von einer milden Junisonne erhellt wurde. Keine Wolke trübte den blauen Himmel. Die Klimaanlagen der Fahrzeuge arbeiteten mit voller Leistung.

„Ich weiß das einfach“, sagte Sheila. „Sorry, aber das würde mir nicht reichen.“

„Wieso? Barry und ich haben keine Geheimnisse.“

„Anscheinend aber doch.“

„Ich weiß“, seufzte Sheila. „Ich weiß, es hört sich an wie ein Widerspruch. Aber das ist es nicht. Bei den Dingen, auf die es ankommt, haben Barry und ich wirklich keine Geheimnisse. Ich weiß alles über ihn, und er weiß alles über mich.“

„Ah, du meinst, wenn er von der State Police festgenommen wird, dann ist das nebensächlich. Nichts, worauf es wirklich ankommt.“

Sheila zog die Schultern hoch. „Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es auch irgendetwas, womit er mich nicht belasten will.“

„Das könnte den Kern eher treffen.“

„Schon möglich.“ Sheila zog die Schultern hoch. „Barry ist kein Macho, weißt du. Aber er hat seine Prinzipien. Zum Beispiel, dass er bei bestimmten Dingen sagt: ,Das ist Männersache.‘ Das ist dann überhaupt nicht abwertend gemeint.“

„Aber für jede Emanze wär’s ein Angriff auf ihr Selbstwertgefühl. So nennt man das doch, oder?“

Sheila lachte. „Richtig. Und entweder hat man’s, oder man hat es nicht. Ich für mein Teil brauche der Welt nicht dauernd vorzujammern, dass es mir verloren gehen könnte.“ Sheila sprach nicht weiter, denn sie bemerkte, dass Bob’s Blick am linken Außenspiegel festhakte.

Im nächsten Moment knurrte der Ex-Champion einen Fluch. Und er nahm Gas weg.

„Was ist los?“, Sheila runzelte die Stirn.

„Sieht so aus, als ob mich da einer mit Barry Deegan verwechselt.“

Bob hatte kaum zu Ende gesprochen, als eine dunkelblaue Limousine vorbeizog, nach rechts scherte und sich direkt vor die Schnauze des Mack setzte. Ein Chrysler New Yorker. Nichts an dem schweren Wagen hätte auffällig gewirkt, wäre da nicht das magnetisch haftende Rotlicht auf dem Dach gewesen ... und die Anhalte-Kelle, die der Mann auf dem Beifahrersitz aus dem Fenster schob. Mit ausgestrecktem Arm bewegte er die Kelle auf und ab.

Zusätzlich klappte zwischen hinterer Sitzbank und Heckscheibe ein Transparent hoch. Die Schrift darauf war leuchtend rot und mühelos zu entziffern.

OKLAHOMA STATE POLICE

Sheila brauchte keine Fragen zu stellen. Sie wurde blass. Es war also noch nicht genug, dass man Barry offenbar grundlos verschleppt hatte. Jetzt bekam auch noch Bob Schwierigkeiten. Dabei wollte er doch nur helfen. Zornig ballte Sheila die Hände zu Fäusten.

Bob betätigte den Blinker rechts. Gleichzeitig nahm er Gas weg und schaltete herunter. Er zog den Mack auf den Seitenstreifen. Noch bevor er den Sattelzug zum Stehen brachte, knipste er die Warnblinkanlage an.

„Es ist noch nicht so lange her, dass ich Journalistin war“, sagte Sheila leise und grimmig. „Wenn ich mich recht entsinne, habe ich ein paar Telefonnummern von einflussreichen Personen. Und ich denke, dass man sich dies nicht gefallen lassen muss!“ Mit einer energischen Handbewegung wies sie nach vorn.

Bob nickte, ohne den Chrysler aus den Augen zu lassen. Er kuppelte aus, zog die Handbremse an und drehte den Zündschlüssel herum. Der Zugwagen schüttelte sich, als der Sechszylinder Diesel die Arbeit einstellte. Unter der bulligen Motorhaube wurde es still.

Die Beifahrertür und die rechte Fondtür der Limousine wurden geöffnet. Zwei Männer stiegen aus. Ihre Anzüge waren nicht ganz so dunkelblau wie der Karosserielack ihres Dienstwagens. Der Fahrer blieb hinter dem Lenkrad. Die Männer zwischen dem Chrysler und der Leitplanke drehten sich um. Ihre Dienstabzeichen, außen auf den Brusttaschen der Jacketts, glänzten im Sonnenschein.

„Sind das dieselben Kerle wie vorhin, auf dem Truck-Stopp?“, fragte Bob, ohne den Kopf zur Seite zu wenden.

„Nein“, antwortete Sheila sofort. „Obwohl sie auch einen Chrysler dabeihatten. Aber es ist ein anderes Kennzeichen.“

Details

Seiten
110
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935103
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v510135
Schlagworte
trucker vergangenheit

Autor

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Titel: Ein Trucker mit Vergangenheit