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Hammerfaust-Sam

2019 114 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Hammerfaust-Sam

Copyright

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Hammerfaust-Sam

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

 

Feige wird der Sheriff von Willow Hill von Banditen ermordet. John Kennon war Sam Blacksmith‘ Freund. Sam sieht es als seine Pflicht, die Mörder zu stellen und sie dem Richter zu übergeben. Allein reitet er los, mit dem Wissen, dass er dabei selbst draufgehen kann …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Der Verwundete bäumte sich auf. Seine Finger krallten sich in Sheriff Kennons Ärmel.

»In einer halben Stunde sind sie hier. Flieh, John, sie töten dich sonst!«

»Wie viele sind’s?«

»Die beiden Fletchers und vier Begleiter. Ich wollte sie auf der Station festhalten.« Der Mann hustete. Der Schmerz zeichnete sein schweißüberströmtes Gesicht. »Du weißt, dass sie deinetwegen kommen, John. Verlier keine Zeit ...«

Bewusstlos sank der Besitzer der Pferdewechselstation vor Willow Hill zurück. Hitzegesättigte Stille lastete auf der Plaza. John Kennon erhob sich. Die Falten in den Mundwinkeln wirkten wie Narben.

»Bringt ihn zum Doc!«

In den Halbkreis der Männer kam Bewegung. Zwei hoben den Verwundeten auf und entfernten sich rasch. Einer führte das abgehetzte Pferd zum Wassertrog vor Thompkins Saloon. Betroffenheit malte sich auf den Gesichtern. Nachdenklich blickte der Sheriff über den Platz. Sam Bradford, der Schmied, spuckte in die schwieligen Hände.

»… ’ne halbe Stunde sollte genügen, alles für den Empfang vorzubereiten. Such dir die Männer aus, die du brauchst, John! Ich bin mit von der Partie.«

»Schön, wer noch?«

Die Männer senkten die Blicke. Einer räusperte sich.

»Tut mir leid, Sheriff. Ich hab Frau und Kinder. Außerdem glaub ich nicht, dass wir gegen die Fletcher-Bande was ausrichten werden.«

»Schon gut, Mac. Ich zwing’ keinen, sich als Deputy einschwören zu lassen.«

Der Storekeeper stiefelte eilig davon. Zwei weitere Stadtbewohner schlossen sich an.

»Ich bin dafür, John, dass du deinen Gaul sattelst und für ’ne Weile aus Willow Hill verschwindest«, schlug der Mietstallbesitzer vor.

Zustimmendes Gemurmel erklang. Wenige Sekunden später stand nur mehr der bullige Blacksmith neben Kennon. Die Lederschürze war rußbefleckt. Dazu trug er ein rotes Unterhemd, ausgebleichte Drillichhosen und klobige Stiefel. Sein bärtiges Gesicht verzog sich zu einem angestrengten Grinsen.

»Well, John, dann nehmen wir beide uns eben deine Besucher vor.«

Der Sheriff legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Ich wette, seit dem Bürgerkrieg hast du kein Schießeisen mehr gehalten. Wahrscheinlich triffst du auf zwanzig Schritte nicht mal ein Scheunentor. Nichts für ungut, Sam, du bist mit dem Schmiedehammer ein Ass, aber ich möchte nicht drauf angewiesen sein, dass die Flechter-Brüder sich über deine Schießkünste womöglich totlachen.«

»Du vergisst meine Parker Gun, John. Eine Ladung gehacktes Blei wirkt allemal. Da braucht’s kein Zielen. Die Flechters und ihr Anhang kochen doch auch nur mit Wasser.«

»Aber wie, Sam!« Kennons Stimme klirrte. »Von den Burschen hat jeder den Teufel im Leib. Du bist der einzige, der noch nicht in Willow Hill lebte, als ich Johnny Fletcher zu Logis auf dem Boothill verhalf und seine Brüder über die mexikanische Grenze jagte. Damals schworen sie, sie würden eines Tages zurückkehren und mir alles heimzahlen. Es ist mein Kampf, Sam!«

»Verdammt will ich sein, wenn ich dich im Stich lasse!«

»Ich weiß deinen guten Willen zu schätzen, Amigo, aber denk an Mary und die Zwillinge.«

Der Druck von Kennons Hand veranlasste Sam zu einer halben Drehung. Seine Frau blickte besorgt von der Schmiede herüber. Sie sah wie eine Mexikanerin aus, schwarzhaarig, vollbusig, mit breiten Hüften. Die weiße Bluse und der bunte Rock betonten die üppige Figur. Sie hielt einen der Zwillinge auf dem Arm. Der andere klammerte sich an ihre prallen Schenkel. Die beiden, Sam Bradfords Stolz, waren kürzlich ein Jahr alt geworden.

Der Blacksmith schluckte. Die Hitze, die auf dem verschlafenen Städtchen lag, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn.

»John ...«

»Kümmere dich um deine Familie, Sam! Wenn die Fletchers kommen, kann ich nicht auch noch auf dich aufpassen.«

 

 

2

Die Sonnenuhr über dem Eingang zum Sheriffs Office zeigte drei Uhr nachmittags an, als die Reiter unter den Weiden am Rand der Plaza die Pferde zügelten. Die Stadt schien ausgestorben. Lehmziegelmauern und Bretterwände reflektierten gleißende Helligkeit. Ein sanfter Wind bewegte die Zweige. Tauben gurrten.

Schweigend saßen die sechs staubbedeckten Männer ab. Sie trugen Reitertracht. Der Schatten breitkrempiger Hüte verdeckte ihre Gesichter. Sie verteilten sich wie nach einem genau abgesprochenen Plan. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, trotz der anstrengenden Meilen, die hinter ihnen lagen. Die tiefgeschnallten Revolverholster waren mit Lederschnüren an den Oberschenkeln festgebunden.

Willow Hill hielt den Atem an.

Da trat John Kennon mit einer Winchester aus der Tür. Der Schatten des Vorbaudachs umgab seine hagere Gestalt. Das Schnappen des Repetierbügels drang in alle Häuser.

»Worauf wartet ihr?«, rief der Sheriff furchtlos.

Jim Flechter schob sich unter den Bäumen hervor. Grinsend hakte der dunkelhaarige Anführer der Bande die Daumen hinter den Patronengurt. Sein kantiges Gesicht war glattrasiert. Ein Kettchen mit einem Goldkreuz glitzerte auf seiner Brust.

»Nur keine Hektik, Sheriff, du landest früh genug in der Hölle. Überbring meine Grüße an Johnny! Ich hoffe, er ist nicht sauer, dass wir ihn so lange auf dich warten ließen.«

Die Banditen lachten. Ben Fletcher, der an einem Pfosten vor dem Saloon lehnte, zündete sich eine Zigarette an. Er war drei Jahre jünger als sein Bruder, ebenso groß, aber etliche Zoll breiter. Ein Stoppelbart bedeckte Kinn und Wangen. An seinen Stiefeln glänzten handtellergroße Chihuahua-Sporen. Als einziger der Bande trug er zwei Colts. Die Gesichter der vier anderen Burschen kannte der Sheriff von den Steckbriefen, die in seinem Office hingen.

Kennons Winchester zielte auf Jim.

»Früher hast du nicht soviel geredet, Fletcher. Wirst du alt?«

»Das wirst du rausfinden, Blechstern, wenn du die Knarre wegstellst und mit dem Revolver gegen mich antrittst. Nur wir beide. So hab ich’s Johnny damals versprochen. Was hältst du davon?«

»Nichts, wenn ich überlege, was deine Versprechen wert sind.«

»Du hast Angst, Blechstern. Na ja, ist schon hart, wenn einer erfährt, dass es ans Sterben geht. Doch ich hätt’ meinen Amigos gern gezeigt, wie schnell ich bin.«

»Was immer geschieht, Fletcher ich werde dich mitnehmen«, entgegnete John Kennon, lehnte das Gewehr an die Hauswand und stieg die ausgetretenen Stufen herab. Seine Rechte lag am Coltgriff.

Jim Fletchers Augen blitzten triumphierend, als Kennon den Schatten des Vordachs verließ. Die Schritte des Sheriffs waren das einzige Geräusch. Sein Blick war an den breitbeinig wartenden Banden-Boss festgebrannt. Der Abstand betrug zehn Schritte.

Langsam löste Fletcher seine Hände vom Waffengurt. Es war das mit den Kumpanen vereinbarte Signal.

Ihre Revolver sausten hoch. Ben Fletcher und ein drahtiger, weißblonder Bursche feuerten auf den Sheriff. Die anderen richteten ihre Schießeisen auf die Fenster und Türen der benachbarten Gebäude. Die Kugel des Weißblonden ritzte nur Kennons Arm, aber Bens Blei erwischte ihn dafür voll.

Der Sheriff krümmte sich, presste die Linke über die Gürtelschnalle und fiel auf die Knie. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor. Der Schock verzerrte sein Gesicht. Trotzdem umschloss die Rechte den Coltknauf. Da hob auch Jim die Waffe. Ein mitleidloses Lächeln umspielte seine Lippen.

»Du hättest nicht an meinem Wort zweifeln dürfen, Blechstern.«

Drüben flog die Tür des Wohnhauses neben der Schmiede auf. Sam Bradford stürzte mit seiner Parker Gun heraus. Es war eine Spezialanfertigung, ein Monstrum von Schrotflinte mit verkürzten Läufen und dollargroßen Mündungen. Das bärtige Gesicht des Schmieds brannte vor Zorn.

»Verfluchte ...«

»Schluck’s runter, Hombre!«

Der kalte Stahl eines Revolvers berührte seine Wange. Dunkle Augen funkelten über der Waffe. Der Mann, ein Halbblut, lehnte an der Wand neben der Tür. Rabenschwarze Zotteln hingen auf seine Schultern herab. Ein schwarzer Sichelbart verdeckte die Mundwinkel. Zur Leinenhose und dem bunt gemusterten Hemd trug er kniehohe Apachenmokassins. Außer dem Coltholster hing ein Bowiemesser an seinem Gürtel.

»Ich bin Chato Morales, Amigo. Wenn du verrückt spielst, leg ich dich gleich um!«

Ein Keuchen entrang sich Sam Bradfords breiter Brust. Der Mestize entwand ihm die Waffe.

Kennon kniete noch. Seine Gestalt verschwamm vor den Augen des Schmieds. Er wollte wegsehen, aber der Revolver des Halbbluts lähmte nicht nur seinen Körper, auch den Willen.

Dann stieß Jim Fletchers Kugel den Sheriff in den Staub.

Sam hatte das Bedürfnis, sich festzuhalten.

Er merkte nicht, dass Morales die Waffe sinken ließ, die Parker entlud und ins Haus warf. Erst als Ben Fletchers stoppelbärtiges Gesicht ihn angrinste, ließ der bleierne Druck hinter seiner Stirn allmählich nach. Der Bandit zog sein Pferd am Zügel mit. Seine Stimme erreichte Sam wie von weit her.

»Meinem Gaul fehlt ein Eisen. An die Arbeit, Mann!«

 

 

3

Der Geruch von verbranntem Horn füllte die Schmiede. Rauch quoll auf. Die Glut in der Esse warf einen rötlichen Schimmer auf die Gesichter der Banditen, die Sam Bradford umstanden. Er beachtete die auf ihn gerichteten Revolver nicht. Mit geübten Hammerschlägen trieb er die Hufnägel durch die Löcher im Eisen. Das abgewinkelte Pferdebein lag fest auf seinem Oberschenkel.

Ben hielt den Braunen am Kopfgeschirr. Sam arbeitete verbissen. Der Weißblonde mit den verschlagenen Augen zuckte zurück, als der Hammer knapp an ihm vorbei in die Werkzeugkiste wirbelte. Ohne aufzuschauen, zog Sam die Feile aus dem Bund der rußigen Lederschürze und hantierte weiter. Die Muskeln an seinen Armen spielten.

Jim Fletcher tauchte auf dem grauen Wallach vor dem Eingang der Schmiede auf.

»He, geht aber fix! Bist ja fast schon fertig, Bulle!« Er genehmigte sich einen Schluck aus der im Saloon requirierten Flasche und gab sie grinsend an den ihm an nächsten stehenden Mann weiter.

Sam verkrampfte sich, als er die Stimme des Mörders vernahm. Die Feile kratzte heftiger. Ben lachte.

»Er ist wirklich Klasse, aber er platzt noch vor Wut, wenn wir uns nicht bald verziehen. Stimmt’s, Bulle?«

Sam steckte die Feile zurück, nahm Ben wortlos die Zügel aus der Hand und führte das Pferd auf und ab. Bald trat der Braune fest auf. Sam gab dem Stoppelbärtigen die Zügel.

»Mein Name ist Sam Bradford. Als Sergeant in der Texasbrigade nannten sie mich Hammerfaust-Sam.«

»Großartig, den Namen merk’ ich mir!«

Ben entriss dem Mann neben sich die Flasche und trank.

»Auf dein Wohl, Hammerfaust-Sam!«

Seine Spießgesellen johlten, als er die Flasche über Sams Kopf ausleerte und der Whisky über Sams Wangen floss und von seinem Bart tropfte.

»Wenn du jetzt könntest, wie du möchtest, Sammy, was?«

Kein Muskel bewegte sich im Gesicht des Schmieds.

»Ich werd’s nachholen, Fletcher.«

Die Halunken johlten noch lauter. Nur der Mestize schien nachdenklich. Er war der Erste, der die Schmiede verließ und sich aufs Pferd schwang. Die anderen folgten dem Beispiel. Zuletzt saß auch Ben Fletcher auf. Die leere Flasche zerschellte am Amboss.

Draußen lag noch der Sheriff auf der sonnenbeschienenen Plaza, die Arme weit ausgebreitet. Der Wind spielte in seinem schütteren Haar. In den Häusern war es totenstill. Die Pferde stampften und schnaubten.

»Vergiss nicht zu zahlen, Ben«, erinnerte Jim Fletcher augenzwinkernd.

»Ach ja! Sollst nicht behaupten, dass wir undankbar sind, Sam!«

Ein Silberdollar klirrte vor die Stiefel des Schmieds. Der bärtige Mann rührte sich nicht. Da zog Ben den Colt.

»Heb ihn auf!«

Sam starrte ihm in die Augen. Das Grinsen des Banditen erlosch.

»Wird’s bald!« Die Waffe ruckte. Der Schmied bückte sich bedächtig. Die Münze verschwand in seiner Pranke.

»Ich spar ihn für deine Henkersmahlzeit auf, Fletcher.«

Einen Moment schien es, als wollte Ben abdrücken.

»Ein Spaßvogel«, lachte Jim, und die Meute grölte. Da lachte auch Ben.

»Ich würd’ mich freuen, wenn wir uns mal wiedersehen, Hammerfaust-Sam!«

Der Braune wieherte schrill, als er ihm die Sporen über die Flanken zog. Lärmend jagte die Bande über die Plaza. Schüsse zerschmetterten Fenster und Vordachlaternen.

Reglos blickte Sam Bradford den Mördern nach.

 

 

4

Sams schwarzer Sonntagsanzug war zehn Jahre alt. Die Schultern spannten, der oberste Knopf schloss nicht mehr, die Ellbogen waren abgewetzt. Sam trug ein weißes Hemd mit Kragenschleife dazu. Vor dem Spiegel setzte er den runden, schwarzen Hut auf. Er sah sich wie einen Fremden.

Die Parker Special lag griffbereit auf der Kommode. Vor dem Fenster stand das mit einer Deckenrolle und Proviant gefüllten Satteltasche bepackte Pferd.

Nebenan polterten Schritte. Sam erkannte die Stimme seines Schwagers.

»Ich muss mit ihm reden«, verstand er noch, dann knallte schon die Tür auf.

Marys Bruder, der Saloonbesitzer, starrte den wie zur eigenen Beerdigung gekleideten Blacksmith entgeistert an. Er war ein massiger Mittvierziger mit Halbglatze und unübersehbarem Bauchansatz.

»Das gibt’s nicht! Ich wollte es nicht glauben! Du willst wirklich allein hinter diesen Hundesöhnen her?«

»Hab nichts dagegen, wenn du mich begleitest, Bill.«

»Red keinen Blödsinn! Keine zwölf Pferde brächten mich vor die Revolver dieser kaltschnäuzigen Killer!« Der Schwager des Schmieds fuhrwerkte mit einem rotkarierten Tuch im breitflächigen Gesicht herum. »Himmel, Sam, du musst größenwahnsinnig sein, wenn du vorhast, es allein mit diesen Killern aufzunehmen!«

»Ich bin’s John schuldig, dass ich ihre Fährte nicht kalt werden lasse.« Sams Stimme klang so bedächtig wie stets. Der Salooner seufzte.

»Wir alle waren mit John befreundet. Mann, Sam, ich wär’ der Letzte, der nicht in den Sattel stiege, wenn wir nur den Schimmer einer Chance gegen seine Mörder besäßen. Du kannst nichts mehr ändern, Sam!«

»Aber verhindern, dass die Lumpen noch mehr Unheil anrichten.«

»Wir werden ’nen US-Marshal anfordern.«

»Das kann Wochen dauern, bis der nach New Mexico kommt. Ich reite, solange die Spur noch frisch ist.«

Die Zwillinge trippelten freudestrahlend aus der angrenzenden Küche. Sams Miene hellte sich auf, als er sie auf seine starken Arme hob.

»Na, ihr beiden! Ein Glück, dass ihr von all dem noch nichts versteht. Bleibt brav und macht eurer Mutter keinen Ärger, sonst setzt’s was, wenn ich zurückkomme!«

Er drückte jedem einen Schmatz auf die rosa Wange. Der eine zupfte begeistert an Sams Bart, der andere probierte juchzend Sams runden Hut. Bill drehte sich kopfschüttelnd zu seiner Schwester um, die auf die Schwelle trat.

»Red du’s ihm aus! Er darf dich mit den Kleinen nicht allein lassen!«

Mary Bradford lächelte ernst.

»Ich bin nicht allein, ich hab ja dich. Es ist einzig Sams Entscheidung. Ich würde an seiner Stelle vielleicht genauso handeln.«

»Ihr seid ja beide verrückt!«

Sam setzte die Zwillinge ab und klemmte die Parker Special Gun unter den Arm.

»All right, Bill, hast dein Möglichstes versucht, mich umzustimmen. Versprich mir, dass du dich um Mary und die Kinder kümmerst, falls ich nicht zurückkomme!«

»Mann, du machst es dir verdammt einfach ...«

Die Zwillinge krabbelten zu ihm und zerrten an seinen Hosenbeinen. Die Wangen des Salooners röteten sich verlegen, als Mary zu ihrem Mann trat und sich schweigend an ihn presste.

»Was bleibt mir schon übrig? Meinetwegen, du Dickschädel - ich versprech's.«

 

 

5

Die Pferde standen bis über die Fesseln im Gallinas Creek. Die Sträucher raschelten. Der warme Wind drehte die silbrig schimmernden Unterseiten der Blätter nach oben. Ben Fletcher zündete eine Zigarette an. Sein Bruder und die übrigen Bandenmitglieder füllten die Sattelflaschen, ohne sich die Stiefel nass zu machen.

Wildnis umgab sie. Die Gipfel der Zuni Mountains ragten vor ihnen in den glutübergossenen Himmel. Willow Hill lag zwei Tagesritte zurück.

Hufschlag trommelte. Ein wölfisches Lauern spannte sofort die Gesichter der Banditen. Ihre Hände tasteten zu den Revolvern.

»Es ist Whitey«, meldete Chato Morales, der in den Bügeln stand und über die Sträucher spähte.

Der Weißblonde mit den Rattenaugen war ein Stück auf ihrer Fährte zurückgeblieben. Schnaubend durchbrach das Pferd die Buschmauer. Wasser spritzte auf.

»Ratet mal, Amigos, wer uns folgt«, krächzte der drahtige Mann, während sein Wallach durstig soff.

»Der Schmied«, antwortete Morales sofort. Ben drehte sich ihm zu und tippte sich an die Stirn.

Doch Whitey japste: »Stimmt, Amigos!« Die Komplizen starrten ihn ungläubig an. Nur das sichelbärtige Gesicht des Mestizen blieb ausdruckslos. Dann zerrte Ben fluchend seinen Braunen herum. Jim hielt ihn fest.

»Warte!« Sein stechender Blick heftete sich auf den Weißblonden, der abstieg und sich mit beiden Händen Wasser ins Gesicht klatschte. »Wer ist sonst noch dabei?«

»Niemand.« Whitey kicherte. »Der Bulle ist allein.«

»Ich schnapp’ ihn mir!«, knirschte Ben.

»Genauso gut können wir ihn stellen«, schlug der hagere Moss Kinsman vor. Jake Briggs nickte, fischte die Winchester aus dem Scabbard und überprüfte das Röhrenmagazin.

»Unsinn!«, zischte Jim Fletcher. »Wir erledigen ihn in den Bergen. Eine Kugel ist zu schade für diesen Narren.«

 

 

6

Turmhohe Felsmauern reflektierten die sengende Hitze. Kein Lufthauch drang in das Labyrinth der Täler und Canyons. Der Sand glühte. Die blattlosen Dornbüsche glichen Knäueln von rostigem Stacheldraht. Sam hatte die Jacke hinter dem Sattel festgeschnallt. Die schwarze Samtkragenschleife hing lose herab. Schweißrinnsale furchten die Staubmaske auf Sams bärtigem Gesicht. Sie Sonnenscheibe schien sich nicht vom Fleck zu bewegen. Zeit und Entfernung verschmolzen hier draußen, weit weg von Sams vertrauter Umgebung, zu einer fremdartigen Dimension.

Sam streckte die Hand nach der Canteen-Flasche aus, zögerte jedoch. Er hatte keine Ahnung, wie weit es zur nächsten Wasserstelle war. Sein einziger Anhaltspunkt war die Fährte der nach Norden reitenden Banditen. Deutlich verlief sie vor ihm.

Zu deutlich, ging es dem Schmied von Willow Hill durch den Kopf. Kennons Mörder waren immer gerade da geritten, wo die Hufe die tiefsten Abdrücke hinterließen.

Sam war ein einfacher Mann, dessen Ehrgeiz darin bestand, seine Familie zu ernähren und mit den Mitmenschen auszukommen. Viele Jahre hatte er nun Pferde beschlagen, Wagen bereift, Pflugscharen geschmiedet und alle möglichen Reparaturen ausgeführt. Auch im Bürgerkrieg hatte er es nicht auf Ruhm abgesehen. Doch immer wenn’s darauf ankam, war Hammerfaust-Sam vorn dabei, furchtlos und mit hellwachem Instinkt. Seine Beförderung zum Master Sergeant der Konföderierten blieb so nicht aus.

Doch das war lange her. Aber das Alarmsignal hinter Sams staub- und schweißverschmierter Stirn funktionierte noch. Allerdings zu spät. Als er die Zügel straffte und sich zwischen den Steilwänden nach einer Deckung umschaute, krachte es schon.

Sams Pferd stürzte.

Der Blacksmith brachte eben noch die Stiefel aus den Bügeln. Dann rollte er durch den Staub, weg von den zuckenden Hufen.

Ein Triumphschrei gellte. Reiter jagten heran. Ein zweiter Schuss durchlöcherte die Sattelflasche. Das Blut des Schecken tränkte die Erde. Sam sprang auf und lief zu ihm.

Er erwischte noch den Kolben der Parker Gun, die unter dem Pferdeleib hervorragte.

Da waren die Angreifer heran.

Der Anprall eines Reiters stieß Sam zu Boden. Gelächter dröhnte. Ein Kreis funkelnder Revolver und Gewehrläufe umgab Sam, als er sich mit zusammengebissenen Zähnen abermals erhob. Ben Fletchers Brauner zerstampfte Sams Hut. Ein Grinsen dehnte das stoppelbärtige Gesicht des Reiters.

»Hallo, Sam! Mann, hast du dich aber fein gemacht! Dachte zuerst, der Totengräber folgt uns, weil wir vergaßen, für Kennons Beerdigung zu bezahlen.«

Whitey, Briggs und Kinsman hieben sich johlend auf die Schenkel. Sam kniff die Augen zusammen.

»Kennon hat Freunde, du nicht. Eines Tages werden sie dich wie ’nen Köter verscharren.«

Ben spornte das Pferd auf ihn zu. Sein rechter Fuß schnellte nach vorn. Aber Sam wich mit einer Geschmeidigkeit aus, die keiner dem schwergewichtigen Mann zutraute. Die einstmals gefürchteten Hammerfäuste erwischten Bens ausgestrecktes Bein und hebelten den Banditen aus dem Sattel.

Der Halbindianer fing die Zügel von Bens Pferd auf und brachte es zum Stehen. Keuchend rappelte Ben sich auf. Er hatte den Stetson verloren. Verfilzte Strähnen umgaben sein Gesicht. Hass brannte in seinen Augen.

»Das hättest du nicht tun sollen, Sam.« Er bückte sich nach dem Revolver. Die Banditen hinter Sam lenkten rasch die Pferde zur Seite.

Der Mestize murmelte: »Er hat Mut. Die Apachen würden ihn um sein Leben kämpfen lassen.«

»Halt dich da raus!«, zischte Ben. »Du bist hier nicht unter roten Brüdern!«

Der Sechsschüsser zielte auf Sams Brust.

»Keine Kugel!«, befahl Jim. Die Winchester lag quer über seinem hochbordigen Sattel. »Zum Teufel, lern’ endlich, dich zu beherrschen, sonst wirst du nicht alt in unserem Job. Der Bursche legt’s doch nur drauf an, dass du ihn schmerzlos abservierst. Mut würd’ ich das nicht nennen. Er weiß, dass es tausendmal schlimmer ist, ohne Wasser und Pferd in dieser Gluthölle zu krepieren. Hab ich recht, Sam?«

Sein grausames Lächeln erinnerte Sam an die Sekunden vor John Kennons Tod. Sams Fäuste kribbelten, aber er rührte sich nicht.

»Antworte!«, fauchte Ben.

»Du musst nicht glauben, Fletcher, dass ich vor dir auf den Knien rutsche«, kam es rau über Sams Lippen.

»Meinst du?«, lachte Jim und schlug blitzschnell mit der Winchester zu.

Sam prallte gegen Whiteys Pferd, klammerte sich fest. Erst ein zweiter Hieb streckte den Blacksmith in den Staub.

 

 

7

Sam keuchte. Der Texassattel lastete wie ein Kohlensack auf seiner Schulter. Bleischwer lag die Parker Special in der Faust, und an den Sohlen schienen Stahlplatten zu haften.

Bei jedem Schritt knickten Sams Beine leicht durch. Doch der ehemalige Master Sergeant der Texasbrigade wäre auch mit zusätzlichem Sturmgepäck samt Infanteriegewehr unbeirrt auf der Spur der Fletcher-Bande weitermarschiert - wenn er sich nur ab und zu einen Schluck Wasser hätte leisten können. Inzwischen war Sams Kehle so trocken wie die Gila im Hochsommer, die Zunge zu einem Klumpen angeschwollen, die Lippen aufgesprungen.

Unerbittlich saugte die Sonne alle Feuchtigkeit aus seinem Körper. Die Luft waberte. Die Dünen und Geröllfelder schienen in weißes Feuer getaucht. Die Fährte der Banditen lief durch ein mehrere Meilen breites, von zerklüfteten Bergflanken umschlossenes Tal. Da und dort gab es einen Rotdornbusch oder einige halbvertrocknete Kakteen, das war die ganze Vegetation. Trotzdem gab es Leben. Sams schwere Tritte scheuchten eine Eidechse auf. Ein Skorpion verkroch sich unter einem Stein. Die seltsame Spur einer Sidewinder Klapperschlange riffelte eine Düne. Und hoch über Sam kreisten dunkle Punkte: Geier, die Todesboten und »Gesundheitspolizisten« der Wüste.

Sam bemerkte sie erst, als sie tiefer flogen, ihre Schatten gespenstisch über die ausgedörrte Fläche vor ihm glitten. Da blieb er stehen. Die Beine zitterten. Auf seinen Lippen bildeten sich Blasen.

»Verschwindet, ihr Biester, ihr seid noch zu früh dran!«

Ein schwarzgefiederter Nackthals ließ sich nur ein Dutzend Schritte entfernt auf einem Felsen nieder und antwortete mit misstönendem Krächzen. Er flatterte auf, als Sam sich wieder in Bewegung setzte, immer noch den Sattel auf der Schulter, die Parker in der Faust, die Fährte der Sheriffmörder als Wegweiser.

Die gegenüberliegenden Felshänge schienen immer gleich weit entfernt. Das Krächzen der Geier begleitete Sam. Allmählich verlor er sein Ziel, vergaß, was in Willow Hill geschehen war. Die Gedanken kreisten wie in breiigem Nebel nur noch um eins: Wasser!

Jede Faser in Sam lechzte nach Flüssigkeit. Nur die Sonne existierte und der quälende Durst, der Sam weitertrieb - nicht mehr auf Mörderjagd, nur noch auf der verzweifelten Suche nach einem Wasserloch.

Er schwankte, stolperte, ließ den Sattel irgendwo zurück und behielt nur die Parker, ohne richtig zu wissen, warum. Mit jedem Atemzug schien Feuer in seine Lungen zu strömen. Das Herz hämmerte. Er war erledigt.

»Unsinn, Sergeant!«, meldete sich in ihm jene energische Stimme, die ihn schon früher zum Durchhalten angespornt hatte, damals nach der Schlacht bei Gettysburg. »Ein Kerl wie Sie, Sergeant, kippt nicht so leicht aus den Stiefeln!«

Damals hatte Sam eine Yankeekugel eingefangen. Seine Abteilung war auf der Flucht. Colonel Mackenzie hatte Sams Wallach ins Schlepptau genommen und nicht aufgehört, den von Schmerzen und Blutverlust geschwächten Mann anzufeuern.

»Zu Befehl, Sir!«, hörte Sam sich krächzen. Er schleppte sich weiter, Yard für Yard. Felsen, Dornbüsche, Kakteen - alles um ihn schien sich in rötlichem Neben aufzulösen.

»Sie schaffen es, Sergeant! Sie kommen durch!«

Doch die Stimme aus der Vergangenheit würde schwächer. Sams Stiefel malmten. Nur noch unbewusst setzte er Fuß vor Fuß. Irgendwann überraschte er sich dabei, dass er keuchend niederkniete und wie irr mit den Händen im Sand wühlte, um vielleicht ein paar Zoll oder auch einen Yard darunter auf eine Wasserader zu stoßen.

Die Finger schmerzten, die Lungen rasselten. Benommen schaute er sich um. Gestrüpp umgab ihn. Zerklüftete Hänge schwangen dahinter empor. Die Geier hockten erwartungsvoll auf einer abgestorbenen Steineiche.

Die verschwommene Erinnerung daran, dass er eine Nacht lang wie tot unter einem Dornbusch gelegen war, durchflackerte Sams Gehirn. Doch vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Seine Muskeln gehorchten nicht mehr, als er aufstehen wollte. Statt Mackenzies an feuernder Stimme brauste das Hohngelächter der Fletcher-Banditen in seinen Ohren.

Da erkannte er die frischen Wildspuren auf dem Pfad, der sich in der Nähe durchs Gebüsch schlängelte. Blasses Grün schimmerte durch die Zweige.

Sam kroch auf Händen und Knien darauf zu. Die Parker Special schleifte er mit.

 

 

8

Der Storekeeper hielt Brenda Grey dienernd die Tür auf. Ein Schatten überzog das Gesicht der jungen Frau, als sie die Männer beim Ranchwagen sah. Es waren Bahnbauarbeiter, derbe Burschen mit harten Fäusten und unrasierten, wettergegerbten Gesichtern.

Einer lehnte am Zügelholm, die anderen standen so, dass Brenda dicht an ihnen vorbei musste. Sie grinsten erwartungsvoll. Der Mann am Zügelholm, ein stämmiger Typ mit Schrumpelohren und Bürstenhaarschnitt, zog eine Mundharmonika aus der Tasche und spielte einen Gassenhauer.

Der Pfiff einer Lok gellte vom Bahnhof. Die bei Brendas Ankunft noch wie ausgestorbene Stadt glich jetzt einem Ameisenhaufen.

Die Sonne stand nur mehr wenige Handbreit über den Bergen im Westen. Von allen Seiten strömten die Bahnarbeiter in ihren erd- und ölverschmierten Overalls auf die Main Street, wo sich die Saloons, Restaurants und Spielhöllen wie Perlen auf der Schnur aneinanderreihten. Aus offenen Fenstern klang Pianospiel. Gläser klirrten. Das Lachen grell geschminkter Girls, die den Ankömmlingen zuwinkten, vermischte sich damit. Auf der Balustrade von Jolly Jane’s Redlighthouse drängte sich ein volles Dutzend mit Reiherfedern »gekrönter« Mädchen.

Die Männer beim Wagen hatten jedoch nur Augen für die honigblonde Frau, die jetzt die geblümte Stofftasche an sich presste und entschlossen auf sie zuging.

Brenda Grey achtete nicht auf das unterwürfige »Beehren Sie mich bald wieder, Ma’am« des Storekeepers. Sie bewegte sich mit der selbstbewussten Anmut einer Frau, die es gewohnt ist, von Männern angestarrt zu werden. Das kleine Kinn war energisch erhoben. In den dunkelblauen Augen funkelte leiser Spott. Das knöchellange, zu diesen Augen passende Kleid betonte eine hinreißende Figur. Sie war groß und schlank, die Brüste voll, aber nicht zu üppig, Hüften und Beine wohlgeformt. Einer der Bahnarbeiter pfiff langgezogen. Sein Nebenmann schwenkte mit einer übertriebenen Verbeugung die Mütze.

»Wie wär’s mit einem Drink, Lady?«

Der Blick der Frau schien durch die Männer hindurchzugehen. Sie schob sich an ihnen vorbei und löste die Zügel. Der Falbe blies ihr warmen Atem ins Gesicht. Das Spiel der Mundharmonika endete in einem Misston. Der Stämmige grinste.

»Sie waren verdammt lange nicht mehr in Railroad City, Lady. Haben uns richtig gefehlt. Versteh nicht, weshalb Sie schon wieder fort wollen. Weil der Colonel Sie vermisst?«

»Meine Sache.«

»Natürlich wünscht er uns allen hier die Pest an den Hals, was soll’s. Ist doch kein Leben für Sie da draußen auf der Ranch. Railroad City bietet Ihnen alles - jede Menge Spaß und Abwechslung. Hören Sie, Lady, vergessen Sie den Colonel doch ganz einfach und bleiben Sie!«

»Wenn Sie endlich soweit sind, sagen Sie Ihren Freunden, sie sollen zur Seite treten, damit ich aufsteigen kann.«

Der Stämmige nahm Brendas Arm.

»Ich lad’ Sie ein, Lady. Sie stehen unter meinem Schutz, falls der Colonel Sie zurückholen möchte. Was nützt Ihnen sein Geld? Ein alter Mann ...«

Brendas Rechte hinterließ ein flammendes Mal auf seiner Wange. Fluchend prallte der Mann zurück.

»Na warte, du Biest!«, schnaufte er, als sie sich dem Buggy zudrehte. Er erwischte Brenda an der Schulter. Die Tasche entfiel ihr, aber kein Laut drang über die zusammengepressten Lippen. In der Drehung holte sie sofort erneut aus. Doch der Mundharmonikaspieler fing das Handgelenk ab.

»Wirst mir noch aus der Hand fressen, Täubchen!«

Er fluchte wieder, als Brenda ihm einen Tritt gegen das Schienbein versetzte.

»Zeig’s ihr, Hank! Zähm sie!«, grölten die Kumpane. Vergeblich versuchte Brenda sich loszureißen. Der massige Schwellenleger zog sie an sich.

»Küss sie, Hank! Küss sie!«, schrien die Kameraden. Zornig bog Brenda den Oberkörper zurück.

»Nimm deine dreckigen Pfoten von ihr, Compadre!«, befahl da eine raue Stimme. Schlagartig setzte das Lachen und Lärmen aus. Der Halbkreis um den Wagen klaffte auf.

Hank starrte auf den Fremden, der auf der Kante des wenige Schritte entfernten Wassertrogs saß. Die monströse Schrotflinte mit den verkürzten Läufen lag über seinen Knien.

Der Mann hatte sich eben den Staub und Schweiß vom Gesicht gewaschen. Wassertropfen glitzerten in seinem Bart. Die Hose war an den Knien zerrissen, der rechte Jackenärmel zerfetzt, die Stiefelsohlen fast durchgelaufen. Dunkle Linien furchten das Gesicht. Reglos und ein wenig zusammengesunken erwiderte er Hanks Blick. Der Schwellenleger bezweifelte schon, dass er der Sprecher war, als Sam Bradford ein grollendes »Wird’s bald, Compadre!« hinzufügte.

Da gab der Stämmige Brenda frei und näherte sich ihm. Sofort sammelten sich Zuschauer. Zwei Schritte vor Sam blieb der Bahnmann stehen. Er überragte ihn wie ein Riese.

»Dich juckt wohl das Fell, Freundchen?«

Sam schüttelte bedächtig den Kopf.

»Ich möchte nur, dass du die Lady in Ruhe lässt.«

Sie starrten sich an. Ohne den Blick von Sam zu wenden, bewegte der Stämmige den Kopf und spuckte aus.

»Das ist keine Lady, Freund. Sie geht mit ’nem großkotzigen Viehzüchter ins Bett, der sich einbildet ...«

Sam schnellte hoch. Ein Schlag mit dem Kolben der Parker Special setzte den Schwellenleger außer Gefecht. Hank kippte um wie ein gefällter Baum.

Hanks Kumpane schoben sich drohend auf den Blacksmith zu.

»Moment, Amigos«, brummte Sam und deponierte die Parker auf einer Kiste. Dann zog er in aller Ruhe die Jacke aus und krempelte die Hemdsärmel hoch. »All right, es kann losgehen, Jungs.«

Sie stürzten sich zu dritt auf ihn, jeder davon mit mindestens einhundertachtzig Pfund Lebendgewicht. Sam setzte dem ersten die geballte Rechte ans Kinn. Mit glasigem Blick fiel der Mann auf das verlängerte Rückgrat, schnappte nach Luft und fiel bewusstlos auf den Rücken. Die Gefährten drängten Sam gegen die Storeveranda. Ihre Fäuste wirbelten. Doch der Ex-Sergeant hatte nichts verlernt. Er duckte sich, schützte Kopf und Oberkörper mit Fäusten, Ellbogen und Unterarmen. Als die Gaffer schon damit rechneten, dass er im Hagel der wütenden Hiebe auf die Knie sinken würde, explodierte er plötzlich. Es sah aus, als würden seine Gegner von einem Wirbelsturm auf die Straße geschleudert.

Sam trat zwischen sie.

»Mir missfallen Keilereien.« Trotzdem wartete er, bis sie sich aufrappelten und zornig erneut auf ihn losgingen.

Sie kamen von zwei Seiten. Statt nochmals die berüchtigte Rechte einzusetzen, trat Sam einen Schritt zurück. Die Burschen prallten wie falsch rangierte Güterzugloks gegeneinander. Sam half nach, indem er sie am Kragen packte und die Köpfe zusammenstieß.

Die Zuschauer stöhnten. Hammerfaust-Sam ließ die schlaffen Gestalten wie Mehlsäcke zu Boden plumpsen.

»Noch jemand?«

Ein Murren antwortete. Da und dort erklang ein Fluch, aber niemand rührte sich.

Ein Reiter mit einer Winchester beherrschte jetzt die Szene. Er hielt neben dem Ranchwagen. Das Gewehr wirkte wie ein Spielzeug in seinen schaufelgroßen Händen. Der Mann war über sechs Fuß groß, breit wie ein Schrank, mit einem Gesicht, das nur aus Ecken und Kanten zu bestehen schien. Eiskalte Augen taxierten Sam.

Der Hüne war wie ein Cowboy gekleidet. Er trug den Colt mit dem Kolben nach vorn an der linken Hüfte. Das Pferd war ein starkknochiger Grauer, ein Riesengaul, der bestens zu dem Winchester-Mann passte. Die vor dem Store versammelten Bahnarbeiter wirkten nicht gerade schreckhaft, aber das Auftauchen des Hünen lähmte sie. Er sah aus, als würde es ihm nichts ausmachen, wahllos in die Menge zu ballern, wenn sich auch nur eine Hand hob.

»Der Colonel macht sich bereits Sorgen, Miss Brenda«, sagte er nun scharf. Die Frau zuckte zusammen.

Sam half ihr auf den Buggy. Er spürte, wie verkrampft sie war.

»Schon gut, Ma’am«, winkte er ab, als sie sich für sein Eingreifen bedankte. Er reichte ihr die Zügel. Die ruckende Winchester des Hünen scheuchte die Gaffer auseinander.

Brenda zögerte.

»Sie sollten die Town verlassen, bevor Hank und seine Freunde zu sich kommen. Es ist genug Platz auf dem Wagen.«

»Besten Dank, Ma’am. Ich habe hier noch zu tun.«

 

 

9

Die Rothaarige, mit der Ben Fletcher im Bett lag, stieß einen Schrei aus. Eine schattenhafte Gestalt stand plötzlich in dem von süßlichem Parfümduft erfüllten Zimmer. Fletcher packte den Revolver, der auf dem Kästchen lag.

»Ich bin’s bloß«, grinste Chato Morales. Seine Zähne blitzten unter dem schwarzen Sichelbart.

Ben fluchte. »Klopf künftig gefälligst an!«

»Hab ich doch. Aber ihr wart ja zu beschäftigt.« Chatos funkelnder Blick streifte die Frau, die sich aufsetzte und die Bettdecke über die üppigen Brüste zog.

»Wirf ihn raus, Ben!«, fauchte sie. Fletcher vertauschte den Revolver mit einer fertiggedrehten Zigarette. »Gleich, Baby. Erst muss ich erfahren, weshalb, zum Teufel, er hier reinplatzt.«

»Sam ist in der Stadt.«

Ben starrte den grinsenden Mestizen fassungslos an.

»Wirf ihn raus!«, keifte die Rothaarige wieder.

Ben schwang die Füße aus dem Bett.

»Halt die Klappe, Baby!« Er fuhr in Hose und Stiefel und schnallte den Coltgurt um. Plötzlich hielt er inne. »Chato, wenn das nur ein Witz ...«

Das Halbblut goss sich einen Drink ein.

»Hättest sehen sollen, wie er mit den Burschen umsprang, die vorhin vor dem Store ’ne Lady belästigten. Dann wüsstest du, wie er zu seinem Spitznamen Hammerfaust-Sam kam. Hast ehrlich was versäumt, Amigo.«

»Hör auf, verdammt!«

Ben eilte zum Fenster. Der Sonnenuntergang überschüttete die lärmende Stadt mit roter Glut. Ein Menschenstrom wälzte sich die Main Street entlang. Der Hüne mit der Winchester bahnte Brenda Greys Buggy einen Weg.

Ben spannte sich, als er den Mann mit der Parker Gun sah, der schräg gegenüber die Schwingtüren des Railroad Palace aufstieß. Lautlos trat Morales neben Ben. Er hielt das halb volle Whiskyglas.

»Glaubst du immer noch, dass ich dich verkohlen wollte?«

Ben ruckte herum.

»Wo ist Jim?«

Chato trank, ehe er mit einer lässigen Kopfbewegung auf die knallbunte Saloonfassade wies.

»Im Railroad Palace.«

Ben machte eine Bewegung, als wollte er zur Tür stürzen. Plötzlich grinste er.

»Dann brauchen wir bloß mehr ’nen Sarg für Sam zu bestellen. Wer sich mit Jim anlegt, ist so gut wie tot.«

 

 

10

Der Zug brachte einen neuen Schwall vergnügungssüchtiger Bahnbauarbeiter in die fast aus den Nähten platzende Stadt. Obwohl die Spitze der neuen Bahnstrecke bereits zwanzig Meilen nach Westen in Richtung Gallup vorgerückt war, übten die Saloons, Spielhöllen und Bordelle von Railroad City eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die tagsüber hart schuftenden Männer aus.

Die Hälfte der Amüsierbetriebe gehörte ohnedies der Atchison, Topeka and Santa Fe Railroad Company. Ein Großteil der ausbezahlten Löhne floss somit in die eigene Kasse zurück. Das war mit ein Grund, dass die Bahnbosse lieber die Züge zwischen Baustelle und Town rollen ließen, als in der Wildnis mehr als ein provisorisches Material Camp anzulegen.

Railroad City - das war für Sam Bradford eine fremde, von Lärm und Hektik erfüllte Welt. Die Erinnerung an Willow Hill verblasste hier zum unwirklichen Traum. Sam zögerte nicht, seine Ellbogen zu gebrauchen, trotzdem dauerte es eine Weile, bis er die Theke erreichte. Der Saloon war brechend voll. Tabakqualm und Whiskydunst hingen wie Nebel über den Tischen. Petroleumlampen spendeten schummriges Licht. Der Glatzkopf am Piano kämpfte gegen das Stimmengebraus an. Auf einer von einem Geländer geschützten Tanzfläche schwenkten Männer mit alkoholgeröteten Gesichtern papageienhaft aufgeputzte Girls herum.

Sam legte eine Münze aufs Messingblech. Ohne nach seinem Wunsch zu fragen, stellte der Keeper ein volles Whiskyglas vor ihn hin und wandte sich sofort dem nächsten Gast zu. Sam zuckte die Achseln und trank. Er verschluckte sich fast, als er dabei im Spiegel über dem Flaschenregal Jim Fletchers Blick begegnete.

Der sehnige, dunkelhaarige Bandenführer saß mit einem Mann, der Sam den Rücken zukehrte, an einem wenige Yard entfernten Tisch. Ein Bündel Dollarnoten lag zwischen ihnen. Fletchers Hand ruhte darauf - die Linke. Seine Rechte befand sich unter der Tischkante. Er hatte sich zurückgelehnt und lächelte verkniffen, als der Blacksmith ihn im Spiegel anstarrte. Obwohl im Railroad Palace sonst kein Platz mehr frei war, blieben die beiden übrigen Stühle an Fletchers Tisch unbenutzt.

Sam stellte das Glas ab, schwang den Kolben der Parker über die Schulter und stapfte auf Fletcher zu. Keinen Augenblick dachte er darüber nach, wie die Sache weitergehen sollte. Plötzlich, als ahnten die rauen Burschen, was los war, entstand freier Platz ringsum. Das Grölen, Lachen und Fluchen flaute ab.

»Hallo«, knurrte Sam.

»Hallo«, erwiderte Fletcher und schob lässig die neue Wildlederjacke hinter den Revolverknauf.

Der Mann, der ihm gegenübersaß, drehte sich halb um und musterte Sam mit ärgerlich hochgezogenen Brauen. Ein abgewetzter Stadtanzug umschlotterte die dürre Gestalt. Eine dünnrandige Brille klebte gefährlich weit vom auf der Nasenspitze.

»Ein Freund von Ihnen, Fletcher?«, schnarrte er.

Jim Fletcher grinste. »Im Gegenteil.«

Der Dürre schob die Brille zurecht.

»Sie stören, Mister«, erklärte er in einem Ton, der verriet, dass er in Railroad City das Sagen hatte. Sam verzog keine Miene.

»Sie mich auch.«

Der Dürre sprang auf.

»Hören Sie, Mister, ein Wort von mir genügt - Sie landen auf dem nächsten Misthaufen. Ich bin Dave Randall und baue im Auftrag der Atchison, Topeka and Santa Fe Railroad Company die neue Bahnlinie zwischen Albuquerque und Gallup. Ich verhandle mit Mister Fletcher gerade über eine Anstellung als Bahnmarshal ...«

Sam schob den kräftig gestikulierenden Mann einfach beiseite.

»Steh auf, Fletcher!«

Randalls Kinnlade klappte herab. Sam zog ein Paar Handschellen unter der arg strapazierten Jacke hervor und warf sie auf den Tisch. Sie stammten aus Kennons Office. Fletcher rührte sich nicht. Sein Grinsen wirkte wie eingemeißelt.

»Du übernimmst dich, Sam.«

Blitzschnell zog er. Sam versuchte gar nicht erst, ihm mit der Parker zuvorzukommen. Sein wuchtiger Tritt schleuderte den Tisch gegen den Sheriffmörder.

Fletcher krachte samt Stuhl auf die Saloonbretter. Sein Revolver wirbelte fort, als Sam zutrat. Fluchend wälzte der Bandit sich unter dem Tisch hervor, stieß sich mit den Händen ab und hielt plötzlich ein schmales, dolchartiges Messer.

»Das reicht«, grollte Sam und schlug mit der Parker Gun zu. Er beförderte das zu Boden klirrende Messer mit dem Fuß unter einen Tisch, bückte sich und warf dem verdatterten Bahnbau-Boss das Bündel Geldscheine zu.

»Sie stören immer noch, Amigo. Raus!«

Drohendes Geraune brandete auf. Ein Kreis feindseliger Gesichter umgab Sam. Die Musik war verstummt.

»Das ist der Bulle, der sich mit Hank und seinen Freunden angelegt hat«, schallte es von ganz hinten. »Gebt ihm Zunder, Leute!«

Ärmel wurden hochgekrempelt, Tische und Stühle zur Seite gerückt. Ein vierschrötiger Arbeiter brach ein Stuhlbein ab. Sofort waren andere da, die sich mit den restlichen Trümmern bewaffneten.

Sam hob die Parker Special und jagte eine Ladung Schrot in die Balkendecke.

»Kommt mir nicht in die Quere, Jungs! Euer Boss war im Begriff, ’nem verdammten Sheriffmörder den Stern anzutragen.«

Details

Seiten
114
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738935097
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v510134
Schlagworte
hammerfaust-sam

Autor

Zurück

Titel: Hammerfaust-Sam